| 1921-03-10 - Der Zerfallsprozess einer Partei |
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Der Zerfallsprozess einer Partei[...]
[...] Wir befinden uns also nicht mehr in der Periode der weltweiten Revolution, die auf den entscheidenden Machtkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie zusteuert? Es ist also nicht mehr wahr, dass die Bourgeoisie, die ihren Machtanspruch immer mit ihrem Gewaltsystem verteidigen wird, nur durch den bewaffneten Kampf aus ihrer Machtposition gejagt werden kann? Und das alles soll gerade jetzt nicht mehr stimmen, wo der Faschismus uns doch den schlagendsten Gegenbeweis liefert? Wir stehen also nicht mehr vor dem unweigerlichen Alternative: „Entweder Diktatur des Proletariats oder Diktatur der Bourgeoisie", gerade jetzt, wo die Bourgeoisie ihrem Willen zu herrschen zynisch und in kühnster Weise Ausdruck verleiht, wo sie alle Zugeständnisse, alle politischen und wirtschaftlichen Vereinbarungen, die zwischen den bestehenden Mächten und der Arbeiterklasse geschlossen wurden, zunichte macht?
Die Ex-Maximalisten werfen - wohlgemerkt - nicht die Frage der taktischen Zweckmäßigkeit auf. Sie sagen nicht etwa, das Proletariat solle sich in diesem Augenblick auf eine sorgfältige Vorbereitung beschränken und nicht dazu verleiten lassen, seine Kräfte in sofortigen Aktionen zu verschleißen. Auch solche Argumente wären in der heutigen Lage bereits ein Zeichen von Defätismus, da gerade die Ereignisse der letzten Monate gezeigt haben: Je mehr das Proletariat die Zusammenstöße zu vermeiden sucht, um so mehr fühlt sich die bürgerliche Reaktion ermutigt. Doch die maximalistischen Renegaten sagen und tun noch viel üblere Dinge. Erstaunlich dreist verurteilen sie den eigentlichen Kern der Methoden, die sie gestern noch zu vertreten vorgaben, denn sie geben den Massen jetzt definitiv die Direktive, bei ihren zukünftigen Aktionen auf Gewalt zu verzichten, und sie versuchen, die Massen wieder auf den Boden der pazifistischen Aktion zu ziehen. Auf diesem Boden sollen die Massen mit Waffen und Kräften kämpfen, die, da sie faktisch rein geistiger und moralischer Natur sind, nur noch den Anhängern des alten Idealismus angst machen - doch gerade unter solchen Leuten pflegt der bürgerliche Staat sein Regierungspersonal und seine Bluthunde nicht zu rekrutieren.
Man könnte entgegnen, der Augenblick revolutionärer Gewaltanwendung „werde noch kommen", doch würde ein Verfechter der Einheit von Kommunisten und Sozialisten, indem er jenes Argument vom „entscheidenden Augenblick" theoretisiert, nur eines bestätigen: Unsere liederlichen Pseudorevolutionäre sind noch viel schlimmer als die wahren Reformisten, die wenigstens ehrlich genug sind, die gewaltsamen Kampfmittel offen zu verurteilen und den Massen andere Aktionsmittel vorzuschlagen. Doch dem entscheidenden Ausbruch der revolutionären Gewalt geht notwendigerweise eine Periode voraus, in der die Zusammenstöße nur episodischen Charakter tragen. In dieser Periode ist es Aufgabe der Kommunistischen Partei, die Arbeiterkräfte zu schulen und zu organisieren. Predigt man den Verzicht auf Gewalt, die man nicht nur als grundlegendes und unerlässliches Aktionsmittel anerkennen, sondern auf die man sich auch technisch vorbereiten muss, kann man jener Aufgabe unmöglich gerecht werden. Genau zu diesem Verzicht aber raten uns die Führer der Sozialistischen Partei, die in dem Maße zurückweichen, wie die revolutionäre Entwicklung, die in ihren ehemaligen Programmen dargelegt worden war, Wirklichkeit wird. Es soll also nicht mehr richtig sein, dass der imperialistische Krieg in den revolutionären Klassenkrieg umgewandelt werden muss! Man hatte das wohl nur so zum Scherz gesagt, denn der Klassenkrieg soll nun mit friedlichen Waffen ausgetragen werden, und nicht mit jenen, die man den Arbeitern in die Hände gelegt hatte, damit sie sich vier Jahre lang gegenseitig abschlachten!
Die Bourgeoisie gebraucht für den Kampf nach innen genau dieselben Waffen, die ihr im Kriege gegen das Ausland gedient haben, und die vorgeblichen Maximalisten, anstatt hierin die Bestätigung der Theorie zu sehen, die sie früher verteidigt haben, rufen zur Entwaffnung auf! Angesichts dieser Lage besteht unsere vordringlichste Aufgabe darin, jene Saboteure der Revolution aufs schärfste zu attackieren. Die dringende revolutionäre Schulung, die unsere Partei zu leisten hat, geht mit der Liquidierung der letzten Spuren des Einflusses der Maximalisten Hand in Hand. Der schnelle Zerfallsprozess der Sozialdemokratischen Partei wird das beste Zeichen für den Aufschwung der revolutionären Entschlossenheit beim italienischen Proletariat sein.
Quelle:„Un partito in decomposizione": Il Comunista, Nr. 12, März 1921. |

