Alter Maulwurf

1921-03-16 - Irreführende Gelassenheit Drucken E-Mail

Irreführende Gelassenheit

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Serrati beschuldigt die anderen des Voluntarismus und sieht vor lauter Polemik nicht, dass er selbst der größte Voluntarist ist. Wenn es hier eine weder deterministische noch marxistische Äußerung gibt, dann besteht sie in Serratis humoristischem Verständnis von revolutionärer Vorbereitung, deren Fehlen er amüsanterweise mit besonderen Mängeln des italienischen Volkes begründet! Laut Serrati soll die Klassenpartei die Anwendung der proletarischen Gewalt auf jenen Tag verschieben, an dem sie sich in der Lage fühlt, das Signal für eine allgemeine und gut koordinierte Aktion zu geben. Bis dahin aber soll sie sich, unter dem Vorwand, dass es sich um „individuelle" Gewaltakte handele, jedem Zusammenstoß zwischen proletarischen und bürgerlichen Kräften widersetzen und ihn verurteilen. Am besten sei es, wenn solche Konflikte erst gar nicht ausbrechen würden!

 

Unsere Auffassung ist davon grundverschieden. Die revolutionäre Klassenpartei geht bei ihrer Arbeit davon aus, dass die gegenwärtige historische Phase die Bedingungen für den endgültigen Zusammenstoß zwischen den Klassen geschaffen und dieser auch schon begonnen hat. Die Partei arbeitet dahin, diesen durch die Lage selbst determinierten Ausbrüchen den organischen Charakter zu verleihen, der den proletarischen Rebellionen größeren Nutzen und wirkliche Schlagkraft gibt. Solange es ihr nicht möglich scheint, einen breit koordinierten Angriff erfolgreich durchzuführen, macht sie keinen Gebrauch von ihrer Möglichkeit zu Initiativen und Aktionen, die als Angriffe isoliert bleiben würden. Bei den lokalen und episodisch aufflammenden Konflikten achtet sie darauf, sich in ungünstiger Lage nicht zum Einsatz ihrer ganzen Kräfte verleiten zu lassen, gleichzeitig aber auch in der bisherigen Vorbereitungsarbeit nicht an Boden zu verlieren, wobei es die Koeffizienten der kollektiven Stimmung zu berücksichtigen gilt. Sie sucht den Massen einsichtig zu machen, dass ihr zeitweiliger Verzicht auf revolutionäre Kampfformen ein Element der Stärke und nicht der Schwäche ist; sie wird die revolutionären Mittel keinesfalls in Misskredit bringen und in den Massen die Überzeugung festigen, dass auf diese Mittel nie verzichtet werden wird. Hierin liegt der Unterschied zwischen unserer Auffassung und derjenigen der Sozialisten, auch wenn Serrati sich müht, letztere theoretisch zu verbrämen.

 

In der jetzigen Situation haben die Sozialisten den Massen gegenüber nicht die Haltung eingenommen, die Serrati so formuliert: „Wir müssen uns besser vorbereiten, derzeit sind Zusammenstöße aber zu meiden", sondern sie haben alle ihre vorherigen Erklärungen verleugnet und ganz klar gesagt: „Seht ihr, wie furchtbar Gewalt und bürgerkriegsähnliche Zustände sind?" Der Vormarsch des Proletariats müsse auf anderen Wegen erfolgen. Sicherlich, nicht die Sozialisten haben die faschistische Offensive entfesselt, doch ihr Verbrechen besteht darin, die Massen zu entwaffnen. Sie bilden sich ein, so den faschistischen Angriff stoppen zu können, weil sie blödsinnigerweise glauben, ihn verursacht zu haben. Aber auch die hinterlistige Formel Serratis ist nicht weniger defätistisch. Sie läuft darauf hinaus, einen unbegrenzten Rückzug anzuordnen, der die revolutionären Kräfte unweigerlich jedes moralischen und materiellen Zusammenhalts berauben würde: sie läuft darauf hinaus, gerade jene revolutionäre Vorbereitung, die man vorgab gewährleisten zu wollen, dauerhaft zu gefährden und zu verunmöglichen, denn Vorbereitung heißt, sich - im Einklang mit einer richtigen und immer genaueren Einschätzung der Ereignisse - im Kampf zu üben und zu schulen. Und heißt nicht, die Ereignisse fatalistisch auf sich zukommen zu lassen und auf eine Art Nirwana zu warten - natürlich vergeblich oder genauer, zum alleinigen Nutzen des Feindes. Genau das ist negativer Voluntarismus, kein Antivoluntarismus. Es bedeutet, den positiven Einfluss, über den man verfügt, in den Dienst des Gegners zu stellen.

 

Gerade auf dem Boden der Tatsachen unterscheidet sich unsere Haltung klar von derjenigen, die Serrati verteidigt und seine Anhänger in die Praxis umsetzen. Selbst wenn wir uns von ihnen nur dadurch unterscheiden würden, nicht ihre gemeine Sprache zu sprechen, würde das schon zur Genüge beweisen, dass unsere Methode der ihren überlegen ist. Aber auch in den praktischen Tatsachen hat sich der Unterschied gezeigt. Wir haben klar gesagt, dass auf die weiße Gewalt mit Gewalt zu antworten ist, auch wenn wir nicht die Initiative zu einer allgemeinen revolutionären Aktion ergreifen können, wegen der in mentaler und materieller Hinsicht mangelhaften Schulung des Proletariats und weil wir Gefahr laufen würden, uns in ein ungewisses Abenteuer zu stürzen oder uns dem sicheren Verrat der Sozialisten auszusetzen. Auch wenn wir uns mit den spontanen proletarischen Widerstandsaktionen nur solidarisch erklärt hätten, hätte dies schon den praktischen Unterschied zwischen uns und den Sozialisten gezeigt, die die Reaktionen der Arbeiter feige verurteilt haben. Doch wir haben weiter den Kommunisten die Anweisung gegeben, sich bereit zu halten, um den absehbaren faschistischen Angriffen auf lokaler Ebene entgegenzutreten. Wir halten an dieser Aktionslinie fest. Ihre Richtigkeit wird sich an den Tatsachen erweisen, an ihrer Tauglichkeit, die Kampfstimmung der Massen zu heben und sie durch die Partei zu organisieren. Dies hat zur Voraussetzung, dass die Massen der Partei vertrauen, und dieses Vertrauen ist der erste Faktor der Vorbereitung auf allgemeine Aktionen.

 

Die Sozialisten und wir sollen also in der praktischen Teilnahme an den Kämpfen und ihrer Orientierung die gleiche Haltung eingenommen haben? Es ist nicht sehr angenehm, gewisse Dinge mit so ungeniert vorgehenden Gegnern zu diskutieren. Will der „Avanti" die Namen der Sozialisten, die ihren Posten verlassen haben? Seht Euch vor, wir werden nicht das idiotische Terrain betreten, auf dem gezählt wird... wie oft Hinz desertiert ist und wie eilig Kunz die Beine in die Hände genommen hat. Das ist bloß ein äußerlicher und persönlicher Aspekt der Sache. Wir sprechen vom Einfluss, den die Taktiken der Parteien auf die Massen haben, von den ausgerufenen und durchgeführten Maßnahmen. Wir könnten von zahllosen Fällen sprechen, in denen Sozialisten Arbeiterkämpfe verleugnet haben, oder die Namen derer nennen, die, nachdem sie am Kampf teilgenommen hatten (also nicht feige im physischen Sinne waren), den bürgerlichen Autoritäten sagten: „Wir haben uns jetzt von denen, die solche Sachen machen, getrennt!" Wir könnten noch weitere Dinge ansprechen, wenn es wichtig wäre.

 

Es hat sich also mehr denn je gezeigt, dass die Sozialisten der alten Partei als echte Sozialdemokraten das Spiel der Bourgeoisie gespielt haben, indem sie den Massen immer wieder sagten, sie sollten die gewaltsamen Mittel von sich weisen. Es hat sich gezeigt, wie grotesk es ist, eine solche Haltung unter dem Vorwand rechtfertigen zu wollen, es gehe nur darum, die revolutionäre Aktion im richtigen Augenblick zu unternehmen. Derartige Erklärungen werden grundsätzlich von allen Konterrevolutionären abgegeben. Sie sind ein charakteristisches Kennzeichen des Zentrismus, der dem Reformismus die Stange hält, während dieser seinerseits der Bourgeoisie die Stange hält, denn die zentristische Politik ist eben jene, die die Massen auf besonders schlaue Art und Weise entwaffnet, um sie eines Tages ohnmächtig und desorientiert den Orgien der Konterrevolution auszuliefern.

 

 

 

Quelle:

„Serenità mistificatrice": Il Comunista, Nr. 14, März 1921.