Grundzüge der marxistischen Wirtschaftslehre (I)

Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit ist keine Zusammenfassung und erst recht keine populäre Darstellung des ersten Bandes des „Kapital“, sondern dessen Darstellung in einer in gewisser Hinsicht vom Original unterschiedenen Form. Das Studium des grundlegenden Marx’schen Werkes verlangt eine ökonomische, historische und philosophische Vorbereitung, deren Ergebnisse zugleich in die Darstellung miteinfließen – hier ist der ökonomische Teil der Schrift gewissermaßen gesondert herausgearbeitet und geordnet.

Eine für den historischen und philosophischen Teil analoge Arbeit sollte eine hinreichende Grundlage für eine korrekte Kenntnis und ein klares Verständnis der kommunistischen Lehre in der Gesamtheit ihrer ursprünglichen und klassischen Ausarbeitung sein.

Das erste Kapitel der Arbeit entspricht dem ersten Abschnitt („Ware und Geld“) des I. Bandes des „Kapital“. Aus praktischen Gründen unterteilen wir diesen Abschnitt in sieben Punkte:

1. Begriffsbestimmung der Ware und ihre zwei Eigenschaften: Gebrauchswert und Tauschwert.

2. Der Tauschwert als Begriff für eine quantitative Eigenschaft und die Schwierigkeit, sein Maß zu finden.

3. Die einfache Wertform. Wenn von nun an von Wert ohne weitere Spezifizierung die Rede ist, meinen wir immer den Tauschwert. Seine einfache Form besteht im Äquivalenzverhältnis zu Tauschzwecken zwischen zwei zum Gebrauch (Konsum) geeigneten Waren: Eine bestimmte Quantität der Ware A entspricht einer bestimmten Quantität der Ware B.

4. Allgemeine Wertform und Äquivalentform. Diese tritt auf, wenn wir eine gegebene Anzahl von verschiedenen Waren vor uns haben und wir alle Äquivalenzverhältnisse zwischen jeweils zwei von ihnen kennen. Bei zwei Waren haben wir eine Äquivalenz, also die einfache Wertform. Bei drei Waren haben wir drei Äquivalenzverhältnisse. Bei vier sind es zwölf. Bei zehn Waren wären es neunzig. Ein solches System wäre in der Praxis und für das Gedächtnis viel zu kompliziert. Um sich der neunzig Äquivalenzverhältnisse zu entsinnen, reicht es aus, das Verhältnis von neun Waren zu einer einzigen Ware zu kennen, also lediglich neun Verhältnisse, aus denen sich die anderen leicht ableiten lassen. Eine Ware wurde als Äquivalent zu allen anderen ausgewählt. Wir gelangen zur allgemeinen Wertform.

5. Historisch-gesellschaftlicher Charakter der ganzen Frage: Ein Kapitel, nämlich das über den „Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“, das in einem meisterhaften Tableau alle Elemente der marxistischen Lehre nach ihrer zugleich ökonomischen, historischen und philosophischen Seite hin zusammenfasst, geben wir hier komprimiert wieder. Das liefert uns ausreichend Material, um deutlich zu machen, dass sich die marxistische Ökonomie nicht in die Feinheiten der Warenanalyse vertieft, um immanente und unveränderliche Gesetze des ökonomischen Prozesses aufzufinden (d.h. vermeintliche Naturgesetze der Wirtschaft schlechthin), sondern um die streng wissenschaftliche Untersuchung über das Werden der menschlichen Gesellschaft in all ihrer Komplexität und all ihren sukzessiven Wechselfällen darzustellen – bezogen auf die historischen Epochen mit ihrer je eigenen ökonomischen Funktionsweise. Untersucht werden also nicht die Verhältnisse zwischen einem Meter Tuch und zwei Pfund Eisen, sondern die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse zwischen wirklichen Menschen in bestimmten geschichtlichen Umbrüchen.

6. Die Zirkulation. Wert und Preis. An diesem Punkt – wenn eine zum allgemeinen Äquivalent gewordene Ware, z.B. das Salz, nunmehr durch Geld (zunächst Münz-, dann Papiergeld) ersetzt wurde – wird der Markt in seiner Gesamtbewegung untersucht. Vorausgeschickt ist die Hypothese, dass die zur Produktion jeder Ware erforderliche durchschnittliche menschliche Arbeitszeit als Wertmaß akzeptiert wird. Die im Entwicklungsgang der Untersuchung auf die ganze heutige Wirtschaftswelt erweiterte Anwendung dieser Hypothese (die sich bekanntlich nicht zuerst bei Marx, sondern bei den ersten Ökonomen des gerade entstandenen Kapitalismus findet, allen voran David Ricardo, 1772-1823, dessen grundlegendes Werk „Grundsätze der politischen Ökonomie“ 1817 in London erschien) wird über die Gültigkeit eben dieser Hypothese entscheiden.

7. Die Bewegung des Geldes: Als Einleitung zum zweiten Abschnitt – in dem endlich das Kapital die Bühne betritt, und in dem es ja gerade um die Verwandlung von Geld in Kapital geht, die untersucht wird, indem die Dynamik nicht mehr desjenigen studiert wird, der auf den Markt geht, um Waren abzusetzen oder zum eigenen Gebrauch zu erwerben, sondern desjenigen, der ihn als Geldinhaber betritt – weist Marx auf all das hin, was im Hinblick auf das wesentliche Geldsystem festzulegen ist, bevor in der Darstellung zum gesamten „Produktionsprozess des Kapitals“ fortgegangen werden kann, der Thema des 1. Bandes des „Kapital“ ist.
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Dies zum ersten Abschnitt vorausgeschickt, scheint es uns nützlich, einige Hinweise zum Aufbau des Gesamtwerkes zu geben, das nach den Marx’schen Plänen vier Bände umfassen sollte.

Der II. Band behandelt den Zirkulationsprozess des Kapitals, der III. die Gestaltungen des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktionsweise, während der IV. die Geschichte der Theorie (zu der es allerdings bereits in den ersten Bänden ausführliches Material und Notizen gibt) darlegen sollte.

Wir müssen hier eine so landläufige wie zu revisionistischen Zwecken taugliche Auffassung aus dem Wege räumen, wonach die beiden folgenden Bände einen Bereich des realen ökonomischen Prozesses untersuchen, der im I. Band weggelassen worden wäre; diese „spätere“ Untersuchung hätte den Autor zu wichtigen Berichtigungen, wenn nicht gar zu einer Widerrufung wesentlicher Theorien des I. Bandes veranlasst, so der Mehrwert-, der Akkumulations-, der „Verelendungs“-theorie usw. Diese Auffassung, die durch den Inhalt auch späterer Werke, die bis zu Marx’ Tod (1883) und danach erschienen sind, sowie durch Engels nachträgliche Ausarbeitungen und Erklärungen widerlegt wird, entspricht einer falschen Auslegung des Werkaufbaus. Band I erfasst in der Tat den ganzen Bereich der Marx‘schen Lehre über den Kapitalismus. Dabei handelt es sich keineswegs um eine abstrakte Abhandlung der Verhältnisse in der Produktionssphäre, als stünden diese in keinerlei Verbindung zu den Verhältnissen der Waren- und Geldzirkulation. Eine solche Auffassung würde das Wesen der Marx‘schen Methode zerstören.

Der Zusammenhang zwischen Band I und den weiteren Bänden ist durch völlig andere Kriterien bestimmt. Mit einer großen Fülle an historischem, bibliographischem und polemischem Material ausgestattet, wird im I. Band die ökonomische Untersuchung des Gesamtprozesses in einem Guss durchgeführt, vom ersten Tausch in Form des Tauschhandels über die Entstehung und Akkumulation des Kapitals bis hin zur Schlussfolgerung – im vorletzten Kapitel lapidar dargelegt –, dass der Kapitalismus dazu bestimmt ist, durch eine Ökonomie abgelöst zu werden, die gesellschaftlich und nicht-warenproduzierend ist. Erscheinungen und Gesetze der Zirkulation sowie deren Untersuchung sind in einer solchen Entwicklung bereits voll berücksichtigt. Das ganze Material wird aber in den weiteren Bänden (und genau besehen, wohl auch in all den späteren und zukünftigen Arbeiten der Marxisten) wiederaufgegriffen und erneut beleuchtet, um die einzelnen Erscheinungen der kapitalistischen Entwicklung zu untersuchen, an denen entsprechend dem Charakter der Methode die allgemeine Theorie immer wieder zu überprüfen und zu verifizieren ist, bzw. deren Gültigkeit nachgewiesen werden muss.

Band I zeigt also die wesentliche Entwicklung des kapitalistischen Prozesses und seiner realen gesellschaftlichen Merkmale in dem Verhältnis zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern, was undurchführbar und unvorstellbar wäre, wenn die Phänomene der Zirkulations- und Konsumtionssphäre nicht berücksichtigt worden wären. Die Gesetze dieses Prozesses werden aufgedeckt, kristallisieren sich aber nicht in der Statik einer abstrakten Welt, sondern werden in allen Gegebenheiten verifiziert: Im entstehenden und den verschiedenen ökonomischen Formationen gegenübertretenden Kapitalismus sowie im Verlaufe seiner weiteren Entwicklung, seines weltweiten Siegeszuges. Dem realen, historischen Umfeld wird also Rechnung getragen, da man das „Modell“ einer kapitalistischen Wirtschaft in Reinkultur niemals vor sich haben wird.

In der Tat ist der erste Abschnitt von Band I, in dem die Zirkulation behandelt wird, der Angelpunkt der ganzen Untersuchung der Produktion. Sein Verständnis ist Voraussetzung für das Verständnis des Ganzen, weist allerdings vor allem für ungeschulte Leser die größten Schwierigkeiten auf (worauf Marx und seine besten Kommentatoren hinwiesen).

Es wurde jedoch schon mehrmals gesagt, dass sich das Marx‘sche Werk, dem Apriorismus und metaphysische Prinzipien vollkommen fremd sind, in all seinen Bestandteilen angeeignet werden muss, und dass die Lektüre der ersten Kapitel eine gewisse Aneignung der Thesen der nachfolgenden Teile voraussetzt. So schlug Marx selbst einigen Lesern vor, bei den historischen Schilderungen in der Mitte des Buches anzufangen, um erst dann an die für die wissenschaftliche Untersuchung entscheidenden Kapitel heranzugehen.

Band I steht also zum übrigen Ganzen als Grundriss, als in sich vollständige und abgeschlossene Richtlinie des Gesamtsystems, der vom Autor anhand des gesamten Materials, das ihm die bisherige ökonomische Geschichte zur Verfügung stellte, geschrieben wurde, wobei er die detaillierte Darstellung und Untersuchung dieses Materials den weiteren Bänden vorbehielt.

Der erste Band des „Kapitals“ hat die gleiche Bedeutung, die Isaac Newtons Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ (1687) auf dem Gebiet der modernen Physik und Astronomie zukommt. Hier führt die mathematische Ableitung vermittels der von Newton entdeckten Methode zur Berechnung verschwindend kleiner Quantitäten direkt und in einem Guss von Galileis Entdeckung, wonach die Kraft, die auf einen sich bewegenden Körper einwirkt, nicht dessen Geschwindigkeit, sondern dessen Beschleunigung (also eine Erhöhung oder Verringerung der Geschwindigkeit) verursacht, zur Festlegung der Gesetze der Planetenbewegung um die Sonne: was heißt, die Gesetze, die Kepler aus Tycho Brahes Beobachtungen der Planetenbewegungen entnommen hatte, werden hier deduktiv entdeckt. Das theoretische Prinzip erfuhr somit eine glänzende Bestätigung. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch der erste Teil von Newtons Werk, in dem die Grundsätze der Infinitesimalrechnung – die Leibniz zur gleichen Zeit in einer anderen und eher handhabbaren Ausdrucksweise herausfand – in einer geometrischen Form festgelegt sind, ein schwieriger, ja langweiliger Brocken ist, während die Ableitung in den folgenden Kapiteln, in denen das berühmte allgemeine Gravitationsgesetz dargelegt wird, selbst in formaler Sicht grandios und brillant ist.

Die drei oder vier, sehr einfachen Formulierungen von Galilei, Newton und Kepler erklären alle Bewegungen der Planeten des Sonnensystems und sind in der Geschichte der Wissenschaft definitiv gültig. Dennoch sind sie Ableitungen von einem reinen und abstrakten Fall, nämlich einer zentralen Bewegung, in der von lediglich zwei Gestirnen ausgegangen wird, während die Anzahl letzterer im Sonnensystem unvergleichlich größer ist. In Wirklichkeit ist die Wechselwirkung viel komplexer, und bereits drei Körper stellen ein weit schwierigeres Problem dar. Newtons berühmte „actio in distans“ zufolge zieht jeder Körper jeden anderen an und verformt mehr oder weniger dessen Laufbahn. Ähnlich verfährt Marx, wenn er vom einfachen Tauschhandel W → W’ zum Gesamtbild der modernen ökonomischen Bewegung übergeht. In dieser Beziehung würden wir die nachfolgenden Bände des „Kapital“ mit der von den Astronomen in der Folge vollbrachten riesigen Arbeit zur Ableitung der einzelnen Bewegungen der verschiedenen Gestirne vergleichen, namentlich mit Laplaces grundlegendem Klassiker „Mécanique Céleste“ und mit den berühmten Anwendungen, wie der Entdeckung des Planeten Neptun durch Le Verrier , der durch die Berechnung der Störungen in der Laufbahn des Saturn die im Teleskop verifizierte genaue Position des vorher unbekannten Planeten ermittelte.

Dieselbe Theorie lehrt also die Erforschung der vielen vorhandenen einzelnen Abweichungen vom typischen Gesetz oder von den vollkommenen Ellipsen Keplers, doch bleibt das Newton‘sche Gesetz fest verankert und wird immer wieder bestätigt. Obwohl in der Wirklichkeit niemals anzutreffen, ist der idealtypische Prozess vollständig gültig. Nicht nur ist der Himmel wie bei Aristoteles und Thomas von Aquin nicht mehr unveränderlich und unwandelbar, er wird auch durch dieselbe Mechanik gelenkt, die für die von Galilei untersuchte Bewegung der Erdkörper gilt; doch die Kepler’schen geometrisch vollkommenen Umlaufbahnen der Planeten werden nicht so durchschritten, als würden ihre Bahnen auf Gleisen verlaufen: Kein Planet durchläuft zweimal genau dieselbe Bahn, das reale Phänomen unterscheidet sich immer vom theoretischen. Und doch ist dies nur eine Bestätigung für die Gültigkeit und die Effizienz des wissenschaftlichen Gesetzes.

Die spätere Berücksichtigung der thermischen Prozesse ermöglichte den Versuch einer Geschichte des Sonnensystems: So konnte Laplace eine Hypothese aufstellen, der zufolge sich die Planeten ursprünglich von der Sonne losgelöst haben und in der Zukunft wieder in sie zurückkehren werden. Dennoch ist die in der ersten klassischen Formulierung des allgemeinen Bewegungsgesetzes enthaltene wissenschaftliche Errungenschaft natürlich vollständig in Kraft.

Lediglich um – nicht immer unbeabsichtigten – Missverständnissen vorzubeugen, weisen wir noch auf einen letzten Punkt hin. Die methodologischen Fragen, an die wir hier erinnert haben, werden mit der weiteren Entwicklung der Auseinandersetzung des kosmologischen Problems keineswegs dadurch entkräftet, dass jüngste Entdeckungen und wissenschaftliche Theorien außer thermischen Erwägungen auch Überlegungen über die Atomenergie einbezogen haben. Dasselbe gilt auch für viel weitergehende Ausarbeitungen, die, wie die Relativitätstheorie, das klassische Gravitationsgesetz nicht widerlegten (in dem Sinne, um den es hier geht), sondern als „Grenzfall“ in eine breitere Auffassung eingebunden haben. Aber dies alles, wie die Frage des Determinismus in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften, bleibt weiteren Abhandlungen vorbehalten, wie z.B. unsere Arbeiten „Zur dialektischen Methode“ und „Kommunismus und menschliche Erkenntnis“, in denen es um die marxistische Erkenntnistheorie geht.

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Die Aufzeichnungen, die wir hier veröffentlichen, sollen den Weg zur Lektüre des „Kapital“, besser gesagt: die Handhabe dieses grundlegenden revolutionären Werkzeugs für die politische Arbeit ebnen. Für uns ist ein Buch wie eine Maschine, mehr noch – wie eine Waffe.

Da für uns Kommunisten heute jede wissenschaftliche Arbeit kollektiv und nicht persönlich ist, soll es den bereits geschulten Militanten eine Stütze für das Referieren des Textes an die Hand geben.

Z.B. enthält der 4. Paragraph über den „Fetischcharakter der Ware“ höchst aktuelles Propagandamaterial zu Fragen, welche die zeitgenössischen Opportunisten, die sich als Marx-Schüler ausgeben, mindestens dreimal täglich entstellen.

Abgesehen von der glänzenden Handhabe der dialektischen Methode, worauf wir im Laufe unserer Schulung ausführlich zurückkommen werden, wird dort auf wenigen Seiten ein historischer Abriss der verschiedenen ökonomischen Formationen gegeben, aus dem klar hervorgeht, dass nicht alle früheren Wirtschaftsordnungen auf der Warenproduktion beruhten und dass den Sozialismus kennzeichnet, als erste Bedingung die Abschaffung der Waren- und Geldwirtschaft vorauszusetzen. Darin ist auch die These enthalten, wonach jede Apologie des Kapitalismus in der Wirtschaft bzw. der Freiheit und Gleichheit in der Politik darauf hinausläuft, Vollkommenheit und Würde der bürgerlichen Institutionen dem „künstlichen“ Charakter der feudalen Institutionen gegenüberzustellen, also wissenschaftlich ebenso wertlos ist, wie die Position aller Theologen, für die die Religion der anderen künstlich und nur die eigene natürlich ist: „Jede Religion, die nicht die ihre ist, ist eine Erfindung der Menschen, während ihre eigene Religion eine Offenbarung Gottes ist“ [MEW 23, S. 96]. Marx zitiert hier seine Antwort auf Proudhon im „Elend der Philosophie“. Für uns Marxisten sind alle Religionen „Erfindungen“ der Menschen.

Unter dem Etikett „Marxismus“ schmuggeln sich heute von Attlee bis Stalin, von Saragat bis Togliatti die unmöglichsten Schattierungen ein: Keine aber zielt auf die Warenproduktion, und auch nicht auf den Deismus. Sie alle meinen, sich in antikapitalistischer Richtung bewegen zu können, ohne dem Warenfetisch, dem „Tier“ namens Geld (diese Bezeichnung entnimmt Marx der Offenbarung des Johannes’) oder dem Gott der Altäre lästig zu fallen.

Keiner entsinnt sich, gelesen zu haben: „Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehen als gleich menschliche Arbeit“ (und diese Charakterisierung bleibt bestehen, woran weder die Verstaatlichungen des Labourismus noch des russischen Totalitarismus etwas ändern), „ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, namentlich in seiner bürgerlichen Entwicklung, dem Protestantismus, Deismus usw., die entsprechende Religionsform“ [MEW 23, S. 93].

„Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werktaglebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d.h. des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewusster planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind“ [MEW 23, S. 94].

Heute jedoch, um ihre Verbündeten im fideistischen Lager nicht zu verstören, bringen die „Marxisten“ derartige Probleme nicht mehr zur Sprache. Ihren Anhängern gegenüber wird dieses Schweigen als geschicktes, temporäres Manöver weisgemacht.

Bestenfalls bringen sie den Ausspruch über die Lippen, Lenin habe mit Marx gesagt, die Religion sei das Opium fürs Volk – ein beiläufiger Satz, der nicht auf der Höhe strenger theoretischer Formulierung steht. Kann eine Stelle bei Lenin dazu dienen, um zu zeigen, dass nicht wir es sind, die sich Marx und Lenin zurechtschustern? Wir zitieren:
„Wir Materialisten bezeichnen mit Engels die Kantianer und Humeisten als Agnostiker, weil sie die objektive Realität als Quelle unserer Empfindung leugnen. Agnostiker ist ein griechisches Wort: a bedeutet griechisch nicht, gnosis – Wissen. Der Agnostiker sagt: Ich weiß nicht, ob es eine objektive Realität gibt, die durch unsere Empfindungen widergespiegelt, abgebildet wird, ich erkläre, dass es unmöglich ist, dies zu wissen“ (...). „Hieraus folgt die Verneinung der objektiven Wahrheit durch den Agnostiker und die Toleranz, die spießerhafte, philiströse, feige Toleranz gegenüber der Lehre von Waldteufeln, Hausgeistern, katholischen Heiligen und ähnlichen Dingen“ [LW 14, S. 122].

Die Anspielung auf die Waldteufel und Hausgeister ist ein polemischer Seitenhieb gegen den russischen vorgeblichen Marxisten Bogdanow , der die 1910 in Mode stehende Philosophie von Mach bzw. Avenarius übernommen hatte, sich aber zugleich auf eine anti-fideistische Position berufen wollte. Lenin spricht ihm das ab und schreibt unter anderem: „Wenn die Wahrheit (die wissenschaftliche eingeschlossen) nur die organisierende Form der menschlichen Erfahrung ist, so wird eben damit die Grundthese des Pfaffentums anerkannt, wird diesem Tür und Tor geöffnet, wird Raum geschaffen für die ‚organisierenden Formen’ der religiösen Erfahrung“ [LW 14, S. 120].

Daraus lässt sich ersehen, dass für Marxisten Fideismus, Pfaffentum, Religion, Christentum und Deismus lauter Ausdrücke einer feindlichen These sind, und bis vor kurzem selbst Vertreter der Heterodoxie, wie Bogdanow, sich schämten, gegenüber all dem Toleranz zu zeigen.

Heute erwartet man eine ordnungsgemäß gesäuberte Ausgabe der Werke Marx‘ und Lenins. Wenn Ihr schon mal dabei seid: Könnt Ihr nicht die Bildung einer entsprechenden Kommission in die Lateranverträge aufnehmen?


I. Ware und Geld


1. Die Ware


Die Ware ist ein Ding, das zwei Eigenschaften besitzt: a) es ist nützlich, d.h. geeignet, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen; b) es ist gegen andere Waren austauschbar.

Gebrauchswert. – Damit bezeichnen wir die erstgenannte Eigenschaft. Entspricht sie einer quantitativ messbaren Größe? Nein, denn der Gebrauchswert ein und derselben Ware ist veränderlich je nach zeitlichen, örtlichen und persönlichen Umständen. Der Gebrauchswert ist demnach eine qualitative Eigenschaft und kann nicht als quantitative Größe behandelt werden.
Exkurs I
{In der wissenschaftlichen Forschung ist es besonders wichtig, mit messbaren quantitativen Größen zu arbeiten. Jede Wissenschaft verfolgt den Zweck, eine bestimmte Gruppe von Tatsachen oder Erscheinungen, die zu unserem Erfahrungsschatz gehören, zusammenhängend darzulegen, so dass konstant auftretende Relationen zwischen diesen Tatsachen oder Erscheinungen aufgezeigt werden. Die wissenschaftliche Erfahrung solcher Relationen heißt Gesetz. Die vollkommenste und zufriedenstellendste Form eines wissenschaftlichen Gesetzes besteht in einem Verhältnis zwischen messbaren Quantitäten (mathematische Formel). Damit die Größen messbar sind, muss man sie auf andere, bereits bekannte Größen zurückführen können und im Grunde genommen besteht das Gesetz selbst in einer solchen Zurückführung. Beispiel: Wir können den Raum (Entfernung) in Metern und die Zeit in Sekunden messen; um die Geschwindigkeit zu messen, nehmen wir Meter pro Sekunde als Einheit – wir wenden das Gesetz: Geschwindigkeit gleich Raum geteilt durch Zeit an.

Einige Gesetze bringen Beziehungen, entsprechend den Erfahrungen, zwischen bekannten Größen zum Ausdruck: Es handelt sich dann um eine echte Neuentdeckung. Andere Gesetze, wie in unserem obigen Beispiel, beschränken sich darauf, deduktiv eine neue Größe einzuführen. Sie haben den Wert theoretischer Konventionen, wobei die Anwendung ihrer logischen Konsequenzen auf die materiellen Erscheinungen entscheiden wird, ob sie gültig sind oder nicht. Man kann also nicht willkürliche Konventionen, die bestimmte Größen definieren (d.h. auf andere Größen zurückzuführen sind, um sie somit zu messen), aufstellen, denn solche Ausgangshypothesen müssen immer den Prüfstein ihrer Anwendung auf die empirischen Tatsachen bestehen und werden schließlich bestätigt oder widerlegt. So wurde z.B. mit der Atomhypothese die Größe „Atomgewicht“ als Begriff eingeführt. Für lange Zeit sah man darin einen praktischen Kunstgriff, um die chemischen Formeln „auf einen Nenner zu bringen“. Die weitere Forschung der empirischen Tatsachen und Versuchswerte erlaubte jedoch den Nachweis der realen Existenz der Atome, sowie die Bestimmung der Atomgewichte sowohl absolut, als auch relativ zu einer Gewichtseinheit, dem Wasserstoffatom.

Wir möchten hier eine Schlussfolgerung vorwegnehmen, die eigentlich in die Betrachtung der marxistischen „Erkenntnistheorie“ gehört. Die zahlenmäßige Behandlung der Untersuchungsobjekte, die Festlegung der mathematischen Relationen, die zwischen ihren quantitativen Massen bestehen, verleiht den Begriffen und Zusammenhängen sowie ihrer Beherrschung und Anwendung einen weniger individuellen, einen unpersönlicheren und allgemeingültigen Charakter. Die rein qualitative Bewertung, welche in den Urteilen und Meinungen der Alltagssprache enthalten ist, bewahrt einen persönlichen Charakter, denn die Wörter und die wechselseitige Beziehung der Wörter zueinander haben von Mensch zu Mensch eine unterschiedliche Bedeutung, sind mit den materiellen, emotionellen und intellektuellen Neigungen und Veranlagungen vorbelastet. Alle moralischen, ästhetischen, religiösen, philosophischen und politischen Urteile und Prinzipien, die mündlich oder schriftlich geäußert und verbreitet werden, haben einen persönlichen und subjektiven Charakter. Die Zahlensysteme und die Relationen von mathematischen Symbolen (Algorithmen) – mit denen übrigens nur sehr wenige auch derer, die sich für gebildet halten, vertraut sind – führen tendenziell zu Ergebnissen, die für alle Forscher gültig sind oder sich zumindest auf breite Anwendungsgebiete übertragen lassen, ohne dabei leichter Hand durch besondere Interpretationen entstellt werden zu können.

In der Geschichte der Gesellschaft und ihrer Erkenntnisse ist dieser Sprung sicherlich alles andere als leicht; er ist hart und schwierig, wird von Rückschlägen und Fehlern begleitet. Doch auf diesem Weg bildet sich die moderne wissenschaftliche Methode heraus.

Hier wird der Untersuchung moderner „Algorithmen“ eine hohe Bedeutung beigemessen; sie wird dazu beitragen, den menschlichen Erkenntnissen einen wirklichen und materiell objektiven Wert zu verleihen. Die modernen „Algorithmen“ haben mitunter eine Entwicklungsstufe erreicht, auf der sie „autonom“, gewissermaßen außerhalb des Bewusstseins und des Intellekts, als wahrhaftige „Erkenntnismaschinen“ arbeiten und sich fortentwickeln. Ihre Wissenschaft ist nicht mehr Attribut des „Ich“, sondern der Gesellschaft. Nicht minder als auf dem Gebiet der Ökonomie und des Rechts muss das „Ich“ auch auf dem Gebiet der Wissenschaft zerbrochen werden!

Hatte die bürgerliche Wissenschaft und Philosophie die Erscheinungen der Natur schon mit wissenschaftlicher Methode behandelt, so ging es Marx darum, diese Methode auf die Behandlung der ökonomischen und gesellschaftlichen Erscheinungen anzuwenden.

Marx hat freilich nicht ausdrücklich einen Algorithmus benutzt, denn bei ihm fielen Denken und Arbeit, Erklärung und Kampf zusammen. Neben den Waffen der neuen Zeit musste und wusste er diejenigen zu benutzen, mit denen der Feind ihm widerstand: die Polemik, die Beredsamkeit, die Schmähung, den Sarkasmus, mit denen er seine Widersacher so oft niederwarf.

Inmitten dieses Kampfgetöses entstand die neue Wissenschaft der Gesellschaft und der Geschichte.

Wir müssen uns eines klar vor Augen halten: Der Wert kann – ob dies den Ökonomen, Ideologen und Philosophen nun gefällt oder nicht – nur durch die Einführung eines Wertmaßes wissenschaftlich behandelt werden, so wie Galilei und Newton nur durch Messung von Massen, Beschleunigungen und Kräften die Schwerkraft wissenschaftlich erfassen konnten. Die Fruchtbarkeit der neuen Methode – die nicht etwa zu „absoluten Wahrheiten“ (ohnehin der Wissenschaft fremd) führte, sondern Lösungen erlaubte, die zukünftige, noch großartigere Entwicklungen versprachen – räumte gleichzeitig die falschen Auffassungen der Vergangenheit über diese Fragenkomplexe ein für alle Mal aus dem Weg und brachte sie unter die Erde.}
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Tauschwert. – Damit bezeichnen wir die zweite Eigenschaft der Ware, d.h. ihre Austauschbarkeit.

Ist der Tauschwert quantitativ messbar? Und wenn ja, auf welchen gemeinsamen Nenner ist er zu bringen? Auf die erste Frage antworten wir mit ja, denn – selbst wenn man auf den ersten Blick viele isolierte Tauschakte zwischen den verschiedensten Waren feststellt – so muss es doch in allen diesen Verhältnissen etwas Gemeinsames geben.

Was die zweite Frage betrifft, können wir uns bei der Messung des Tauschwertes nicht auf die spezifischen Eigenschaften, die den Gebrauchswert bestimmen, wie Farbe, Geschmack, Form, chemische Zusammensetzung usw. beziehen, da man ja, ohne den Tauschwert zu verändern, eine Ware gegen eine andere mit x-beliebigen Gebrauchseigenschaften austauschen kann. Die gemeinsame Natur der verschiedenen Waren, die unterschiedslos gegeneinander ausgetauscht werden können, ist nur darauf zurückzuführen, dass sie alle Produkt der menschlichen Arbeit sind.


2. Der Tauschwert


Wenn wir also den Tauschwert messen wollen, müssen wir die Arbeit als gemeinsamen Maßstab nehmen. Die menschliche Arbeit wiederum kann nur in Arbeitszeit bemessen werden.

Es muss gleich von Anfang an geklärt werden, dass es sich nicht um die Arbeitszeit handelt, die zufällig zur Fertigung einer bestimmten Ware gebraucht wurde, denn sie kann ja aus hunderterlei Umständen verschieden lang sein. Es handelt sich im Gegenteil um die durchschnittliche Arbeitszeit, die zu ihrer Reproduktion notwendig ist, d.h. um die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

Der Tauschwert ist die Fähigkeit der Ware, gegen andere Waren in einem bestimmten Verhältnis ausgetauscht zu werden; er ist eine messbare Größe.

Die Zahl, die den Tauschwert hinsichtlich einer vereinbarten Maßeinheit misst, ist immer proportional zur durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit, die zur Produktion einer bestimmten Ware gebraucht wird, d.h. jene Zahl ergibt sich aus der Teilung dieser Zeit durch die Arbeitszeit, die zur Produktion der Tauschwerteinheit gebraucht wird.

Die Produktivkraft der Durchschnittsarbeit hängt von den technischen Herstellungsverfahren ab. Wenn sich diese verändern, dann verändert sich auch der Tauschwert der betreffenden Warenart. Wohlgemerkt, diese Veränderung betrifft auch die schon vorhandenen Waren, die nach dem noch nicht perfektionierten Verfahren und in längerer Arbeitszeit hergestellt wurden.

Deshalb, ist es auch falsch zu sagen, der Wert sei kristallisierte Arbeit. Man muss sich streng an die obigen Begriffe halten, um das Gesetz genau zu formulieren.

In der Ware ist die Arbeit in doppelter Form dargestellt: Der Gebrauchswert steht im Verhältnis zur besonderen Qualität der benötigten Arbeit; der Tauschwert steht im Verhältnis zur Quantität der menschlichen Arbeitszeit überhaupt, die zu seiner wiederholten Produktion gebraucht wird.

Wenn man von Arbeitszeit und Arbeitskraft spricht, meint man damit die einfache Arbeit, die von der komplizierten oder qualifizierten Arbeit zu unterscheiden ist. In der gesamten Abhandlung wird die komplizierte Arbeit immer auf einfache Arbeit reduziert, wie wir später genauer sehen werden.

Wertformen. – Die Ware hat zwei Formen (d.h. sie erscheint unter zweierlei Aspekten und wird daher nach dieser zwieschlächtigen Natur betrachtet): ihre Naturalform, d.h. im Großen und Ganzen ihre physische und materielle Form einerseits und die Wertform anderseits.

Und in welcher Form erscheint der Wert? Im Alltag, empirisch, als erfahrbare Tatsache, erscheint der Wert in der Geldform, die ja im Grunde genommen der Preis ist. Es geht darum, diese jedem von uns geläufigen, praktischen Tatsache zu verstehen, und zwar mittels einer deduktiven Untersuchung, die von der einfachen Eigenschaft der Ware, nämlich austauschbar zu sein, ausgeht, denn wir haben ja bereits festgestellt, dass die Waren austauschbar sind, weil sie einen (Tausch-)Wert haben.


3. Einfache sowie totale oder entfaltete Wertform


Gehen wir von dem einfachsten Tatbestand aus, nämlich dem Tausch zwischen zwei Warenpartien {Obwohl es sich in Wirklichkeit um eine Äquivalenz handelt, behalten wir das Gleichheitszeichen (=) bei, da auch Marx es benutzt; anderweitig benutzen wir das Zeichen: ≡, identisch.}:

"x Ware A = y Ware B"

Der Wert erscheint hier in einer ersten Form, die wir als einfache oder einzelne Wertform bezeichnen. Wir haben hier eine Gleichung mit zwei Elementen. Obwohl wir, wie bei jeder quantitativen Gleichung, die Reihenfolge dieser Elemente umkehren können, spielen dennoch die Ausdrücke „x Ware A“ und „y Ware B“ zwei verschiedene Rollen. Sie drücken die gleiche Menge Wert aus; die Menge y der Ware B dient jedoch dazu, auszudrücken, wieviel die Ware A wert ist. Das erste Element bezeichnen wir daher als relative Wertform, das zweite als Äquivalentform.
Einfache Wertform:
Wert von x Ware A = Wert von y Ware B = Wert Z
Relative Wertform Äquivalentform des Wertes

Wenn wir nun die absolute Größe des Wertes in einer Zahl, d.h. in einer allgemeinen Maßeinheit, die auf alle Waren A-B-C-D usw. anwendbar ist, ausdrücken wollen, dann können wir nicht mehr von den Daten der einfachen Formel ausgehen. Von ihr können wir nämlich folgendes Verhältnis ableiten:

Der Wert von x Einheiten der Ware A gleich dem Wert von y Einheiten der Ware B gleich dem Wert Z. Das erlaubt uns jedoch nicht zu sagen, welches der Wert einer Einheit (kg, usw.) von A ist, denn er hängt ja vom Wert der Ware B ab. Durch eine Änderung der notwendigen Arbeitszeit für A als auch für B kann sich sowohl der Wert von A wie der von B wandeln; dadurch wechselt das Verhältnis y : x und so würden wir verschiedene Ausdrücke für den gesuchten Wert erhalten, d.h. wir hätten damit noch keinen absoluten Maßstab gefunden.

Bei der einfachen Wertform findet die uns interessierende Ware nur ein einziges Äquivalent, und wir kommen zu keinem allgemeinen Wertmaß. Gehen wir einen Schritt weiter und nehmen wir an, alle Äquivalente der Ware A zu kennen, die durch die anderen, auf dem Markt befindlichen Waren ausgedrückt werden.
Entfaltete Wertform:
Wert von x Ware A = Wert von y Ware B = Wert von z Ware C, usw. usw.

Um sich eine Vorstellung vom ganzen Markt zu machen (denken wir z.B. an die Zeit des Tauschhandels), müssen wir in der Lage sein, für jede Ware obige entfaltete Wertform zu schreiben. Wenn es n Waren gibt, so besteht diese aus n - 1 Gleichungen, und insgesamt sind die Gleichungen n (n - 1). Beispiel: für 10 Waren müssen wir 90 Gleichungen kennen.


4. Allgemeine Wertform und Äquivalentform


Die n (n - 1) bzw. die 90 Wertgleichungen sind jedoch nicht voneinander unabhängig, sie sind in den n - 1 oder den 9 der entfalteten Wertform enthalten. Also brauchen wir diese nur umzukehren und den Wert aller anderen n - 1 Waren auf den der Ware A zu beziehen, die einziges Äquivalent oder allgemeines Äquivalent geworden ist. Wir erhalten also:

├ █( y Ware B=@z Ware C=@m Ware D=@usw.usf.= )} x Ware A

Das bedeutet praktisch, nachdem sich der unmittelbare Tauschhandel verallgemeinert hatte, dass man, um sich nicht 90 Gleichungen merken zu müssen, sondern nur 9, eine Ware zum gemeinsamen Äquivalent aller anderen auswählt.

Wir haben damit noch keinen absoluten Ausdruck des Wertmaßes oder Wertquantums, dafür haben wir aber ein sozusagen offizielles Maß, ausgedrückt im Quantum der Äquivalentenware, das jeder spezifischen Ware entspricht. So handeln die Naturvölker z.B. mit Tieren und anderem, indem sie deren Wert in Pfunden von Salz ausdrücken.

Mit der Entwicklung des Handels fungiert die Äquivalentenware nicht nur als Gedächtnisstütze, sondern wird effektiv mit allen anderen Waren ausgetauscht, da der direkte Kontakt zwischen den einzelnen auszutauschenden Waren verschwunden ist. Die einfache Form (z.B.: eine Kuh = drei Ziegen) kommt nicht mehr vor, denn nun erfolgt der Austausch zwischen einer Kuh und 30 Pfund Salz und dann zwischen 10 Pfund Salz und einer Ziege. Der Händler tritt also zwischen den Verkäufer der Kuh und den Käufer der Ziege, die an verschiedenen Orten leben mögen; und er trägt die Ware oder das Äquivalent Salz bei sich, wenn er zu jedem der beiden kommt. Das Salz zirkuliert nicht mehr nur zu Verbrauchszwecken, sondern viel öfter um die Zirkulation aller anderen Waren zu erleichtern.

Die Äquivalentware muss jedenfalls leicht zu transportieren und absolut unverderblich sein, und sie darf nicht viel Platz einnehmen. Diese Eigenschaften fand man im Gold vereint, das zum allgemeinen Äquivalent wurde. Damit sind wir zur Geldform des Werts übergegangen.


5. Geschichtlich-gesellschaftlicher Charakter der Frage


An diesem Punkt der Untersuchung fügt Marx ein Kapitel über den „Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ ein. Dieses Kapitel ist geschichtlicher und polemischer Natur und setzt eine Darlegung der Lehre des ökonomischen Determinismus voraus; diese ist zwar nicht Gegenstand des „Kapitals“, lässt sich jedoch nicht von der marxistischen Lehre über den Charakter der kapitalistischen Wirtschaft loslösen.

Der Einschub eines solchen Kapitels ist mitnichten eine Abschweifung und man sollte es nicht zusammenzufassen, es müsste vielmehr weiter ausgeführt werden.

Bei der Untersuchung der Wertform sind wir an die Frage mit der positiven wissenschaftlichen Methode herangegangen. Gegenstand unserer Untersuchung waren nicht Tatsachen absoluten und immanenten Charakters, wie z.B. die Natur der chemischen Elemente (im 18. Jahrhundert entdeckt), die jedoch nützlich ist, sowohl die Beschaffenheit des Urnebels als auch die weit entfernt liegende Zukunft des Weltalls zu erörtern. Wir mussten uns auf die historische Ebene begeben, um die einzelnen Schritte unserer Analyse zu erläutern, indem wir die einfache Wertform in den Zusammenhang mit der Zeit des Tauschhandels stellten, die allgemeine Wertform mit dem Aufkommen des Handels, usw. Die Ergebnisse, zu denen wir gelangen, haben demzufolge keinen immanenten, sondern relativen Charakter, der im Zusammenhang mit den verschiedenen Epochen und Entwicklungsstufen der Gesellschaft steht.

Es reicht nicht aus, in der Arbeit und in der Arbeitszeit das Maß der Wertquanten zu erkennen, ohne eine Analyse zu machen, die diesen Schlüssel auf die verschiedenen und unterschiedlichen Produktionsweisen anwendet.

Was zum ersten Mal durch die marxistische Untersuchung als bleibendes Ergebnis feststeht, ist, dass der Tauschwert keine absolute Natureigenschaft der Dinge ist, sondern die Erscheinungsform der gesellschaftlichen Organisationsverhältnisse. Die Dinge sind Waren, weil ein bestimmtes System von Verhältnissen zwischen den Menschen existiert, die diese Waren produzieren und konsumieren. Die uns vorausgehenden Ökonomen gingen indes ganz natürlich von der Ware aus, weil sie die Einrichtungen (die der Gesellschaft, in der sie lebten, und den Interessen der Klassen, für die sie standen, entsprachen) für endgültige und naturwüchsige Verhältnisse hielten. Hier gehört die Theorie hin, der zufolge die herrschenden Meinungen von der ökonomischen Entwicklungsstufe der Gesellschaft abhängen; und die Theorie des Klassenkampfes.

Die Polemik mit den bürgerlichen Ökonomen stand von vorherein auf keinem gemeinsamen Boden; sie waren keinesfalls Mitarbeiter, auch keine gegnerischen, bei der Ausarbeitung der Theorie – sie wurden vielmehr zum passiven Gegenstand der Untersuchung. Das was sie im Weiteren, und möglicherweise für lange Zeit, vorbringen werden, wird bei uns kein Gehör finden, ebenso wenig wie die Begründer der modernen Mechanik und Astronomie die biblischen oder peripatetischen Theorien als Arbeitsmaterialien betrachteten. Wenn man das nicht begreift, wird man vergeblich hoffen zu verstehen, wie die Analyse – ausgehend von der einfachsten Tatsache des Tausches zweier Gegenstände – zur Theorie des Mehrwerts gelangt, die den Schlüssel für die wirklichkeits- und geschichtsbezogene Erklärung der heutigen Produktionsweise liefert.

Wir streifen der Ware also den Fetischcharakter ab, indem wir die Gesetze, die der Ware einen Wert zuschreiben und dessen Messung ermöglichen, in den Beziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen, für die es sich um Ware und Wert handelt, aufdecken.

Zugleich streifen wir auch den Fetischcharakter des Geldes ab:
„Ohne ihr Zutun finden die Waren ihre eigne Wertgestalt fertig vor als einen außer und neben ihnen existierenden Warenkörper. Diese Dinge, Gold und Silber, wie sie aus den Eingeweiden der Erde herauskommen, sind zugleich die unmittelbare Inkarnation aller menschlichen Arbeit. Daher die Magie des Geldes. Das bloße atomistische Verhalten der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Produktionsprozess und daher die von ihrer Kontrolle und ihrem bewussten individuellen Tun unabhängige, sachliche Gestalt ihrer eigenen Produktionsverhältnisse erscheinen zunächst darin, dass ihre Arbeitsprodukte allgemein die Warenform annehmen. Das Rätsel des Geldfetischs ist daher nur das sichtbar gewordene, die Augen blendende Rätsel des Warenfetischs“ [MEW 23, S. 107-108].


6. Die Warenzirkulation – Wert und Preis


Wir haben den Wert als messbare Größe zu definieren versucht, um diese wissenschaftlich zu behandeln und die diesbezüglichen Gesetze zu finden. Als Hypothese haben wir die Schlussfolgerung vorweggenommen, dass das Wertquantum proportional zur durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit ist. Dann haben wir uns an die Untersuchung der empirischen Tatsachen gemacht, sind dabei von dieser Hypothese ausgegangen und haben sie bestätigt: So kamen wir zum allgemeinen Äquivalent und schließlich zum Geld.

Betrachtungen über die Verwendung der Metalle: Gold und Silber, als Wertmasse, lassen wir hier aus.

Der Wert der Waren wird also mit einer Quantität bzw. einem Gewicht in Gold bezeichnet, die sich auf eine bestimmte Maßeinheit beziehen und in einer Währung ausgedrückt werden.

Alles in allem haben wir das gesuchte Maß auf den Wert des Goldes zurückgeführt, beziehungsweise – gemäß unserer Hypothese – auf die zur Produktion des Goldes notwendige Arbeitszeit. Da der Vergleichsmaßstab veränderlich ist, können allgemeine Schwankungen entstehen; deren Erklärung aber auf der Hand liegt.

Der Preis drückt das Verhältnis zwischen dem Wert der betreffenden Ware und dem Wert der Goldeinheit aus.

Oder, was dasselbe ist, der Preis drückt für uns das Verhältnis zwischen der für eine bestimmte Ware benötigten Arbeitszeit und der für ein bestimmtes Quantum Gold benötigten Arbeitszeit aus.

Wenn wir von benötigter oder notwendiger Arbeitszeit sprechen, müssen wir sie auf jeden Fall von der in spezifischen Fällen tatsächlich benötigten Arbeitszeit unterscheiden. Diese kann aufgrund von Fehlern oder geheimen Techniken des Produzenten größer bzw. kleiner sein. Der Preis kann auch aus anderen Gründen ein mehr oder minder des abstrakten Werts der Ware ausdrücken, was von besonderen Umständen der Veräußerung abhängt.

Nehmen wir an, alle Produzenten benötigen die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung einer bestimmten Ware. Wenn sie aber infolge eines Mankos in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung eine Warenmenge auf den Markt bringen, die beispielsweise um 20% über der Nachfrage liegt, dann werden diese 20 % verloren gehen. Dies kann auch passieren, wenn der Preis vorübergehend unter seinen Wert sinkt, dann würde jeder Produzent 20% seiner Arbeitszeit verloren haben, genauso wie in dem Fall, in dem er aus Ungeschicklichkeit 6 statt 5 Stunden gebraucht hätte. Im umgekehrten Fall würde durch das Steigen des Preises über den Wert ein Vorteil erzielt.

Das darf man jedoch nicht mit jenen Fällen verwechseln, in denen die Preise infolge von technischen Neuerungen, die die erforderliche Arbeitszeit herabsetzen, sinken. Dann ist es der Wert selbst, der sinkt und auch nicht mehr ansteigen wird, während in den vorherigen Fällen bestimmte Erscheinungen, die unter anderem die Schließung von alten oder die Öffnung von neuen Betrieben bewirken, tendenziell eine Angleichung von Preis und Wert herbeiführen.

(Das Siegerpferd eines Derbys hat einen äußerst hohen Preis, denn unter zwanzig konkurrierenden Rennpferden, die alle die gleiche Pflege erhielten (Arbeitszeit), kann nur ein einziges diesen Preis erzielen. Der Gewinn des einen Pferdezüchters macht die Verluste der anderen 19 wett; nichtsdestotrotz besteht das Verhältnis zwischen dem Wert eines Pferdes und der in der Aufzucht verausgabten Arbeitszeit. Nur handelt es sich hier eben um eine Produktion, die aus technischen Gründen nicht aus einer Serie von gleichen Objekten besteht, sondern – infolge von Umständen, die bei Beginn der Zucht nicht vorherzusehen sind – aus äußerst unterschiedlichen Produkten.)

Demzufolge kann man von einem Wertquantum reden, das nicht unbedingt mit der Preisform übereinstimmt, ihr jedoch zu Grunde liegt, denn der Preis kann nach oben oder unten in einer mehr oder weniger großen Bandbreite um den Wert herum schwanken. Um diesen zu bestimmen, bedarf es einer entsprechenden Untersuchung.

So ist es z.B. in der Physik schwierig, auf den ersten Blick die Masse eines bestimmten Körpers, nehmen wir an: einer Holzkugel, zu bestimmen. Man spürt, dass sie zum Fallen drängt und misst ihr Gewicht: Das Gewicht variiert jedoch, je nachdem ob sie sich an einem Pol oder am Äquator befindet, auf Meereshöhe oder hoch oben in den Bergen, im luftleeren Raum oder in der Luft, und schließlich wird es sogar negativ, wenn man die Holzkugel ins Wasser taucht. Das ändert aber nichts daran, dass die konstante Quantität der Masse schätzbar und messbar ist oder dass sie zur Formulierung von Gesetzen verwendet werden kann, welche uns die Erklärung für die Ursache all jener Gewichtsschwankungen, die sich uns vorher nur als ein Bündel widersprüchlicher Daten präsentierten, liefert. Durch eine weitere Ausarbeitung der wissenschaftlichen Resultate gelangt man zu der Feststellung, dass die Masse eines in Bewegung befindlichen Körpers sich mit seiner Geschwindigkeit verändert. Es bleibt dennoch vollkommen richtig, jene Größe, also die Masse, in der Erforschung physikalischer Phänomene mit einzubeziehen und zu behandeln.

Die Wissenschaft der Mechanik kam auf als die Masse gemessen werden konnte, obwohl sie in bestimmter Hinsicht kaum etwas Konkretes und sinnlich Wahrnehmbares ist. Und so entstand die ökonomische Wissenschaft erst mit der Messung der Größe, die man Wert nennt, wohingegen man keine wissenschaftliche Arbeit leistet, wenn man meint, sich darauf zu beschränken zu müssen, die augenblicklichen Preise zu kennen und zu erfassen, unter dem Vorwand, in Wirklichkeit würden ja nur diese in Zahlen gemessen und festgelegt.

Fahren wir nun mit der Untersuchung des Marktes fort und prüfen wir, welchen Weg die Ware durchläuft. Der Warenbesitzer bringt sie zum Markt, veräußert sie gegen ein gewisses Quantum Geld, das ihm nicht zum eigenen Gebrauch dient, sondern dazu, eine andere Ware zu kaufen. Der Kreislauf ist also: {Wir verwenden Richtungspfeile anstelle der einfachen Verbindungsstriche, um hervorzuheben, dass es sich um eine Bewegung handelt.}
Ware → Geld →Ware
W → G → W

Die zweite Phase dieses Kreislaufs
(G → W)

ist für den Besitzer der anderen Ware die erste Phase
(W → G)

eines weiteren Kreislaufs, und so geht es endlos weiter. Jeder dieser Kreisläufe hat eine Hälfte gemeinsam mit einem anderen Kreislauf. Alle zusammen bilden sie die Warenzirkulation, nach folgendem Schema:
W1 → G → W2 → G → W 3→ G → W4 → usw.


7. Der Geldumlauf


In der Zirkulationsbewegung der Ware wandert das Geld wiederum von Hand zu Hand. Während jede Ware von außen auf den Markt kommt und ihn auch sofort wieder verlässt, haust das Geld beständig im Markt.

Augenscheinlich muss nicht genauso viel Geld in Umlauf sein wie die Summe der Preise der einzelnen Tauschakte ausmacht, denn in einer bestimmten Zeiteinheit zirkuliert jedes einzelne Goldstück ja mehrmals, weshalb eine geringere Summe genügt. Als Geschwindigkeit des Geldumlaufs in einem bestimmten Zeitabschnitt bezeichnet man den Quotienten aus der Preissumme aller Waren, die in einem gegebenen Zeitabschnitt veräußert werden (Umsätze), und der Masse des zur Verfügung stehenden Geldes.

Was nun das Geld betrifft, so sehen wir den Übergang von der reinen Form, wo einfach Goldquantitäten verwendet werden, zur Goldmünze, die gewichtsmäßig unter ihren theoretischen Wert sinken kann, dann zur Silbermünze und zu Münzen aus anderen, niedrigeren Metallen als Kleingeld mit einem teils konventionellen Wert, und schließlich zum Papiergeld mit seinem rein symbolischen Wert: alles Formen, die unter normalen Umständen die Zirkulationsverhältnisse zwischen Geld und Ware nicht verändern.

Außer den Funktionen als Maß des Warenwertes und als Mittel für den Warenaustausch (als Zirkulationsmittel), kann das Geld auch noch andere Funktionen übernehmen. Die Formen sind: Schatzbildung oder Akkumulation; Bildung von Reservefonds für Vorauszahlungen oder für Zahlungen, die erst erfolgen, nachdem die Ware bereits den Besitzer gewechselt hat (Kredit- und Schuldwesen); Weltgeld oder Mittel zum Zahlungsausgleich für den Warenaustausch zwischen einzelnen Nationen (Ausgleich der internationalen Handelsbilanzen durch Goldüberweisungen von einem Land ins andere), da das Gold diesbezüglich das einzige Geld ist, das weltweit Geltung besitzt. Allerdings ist heute im Gegensatz zu Marx’ Zeiten nicht allein das Gold dazu in Lage, denn ein Papiergeld, der Dollar, ist im Begriff, Weltgeltung zu erlangen und zirkuliert bereits, ohne gegen andere nationale Währungen ausgetauscht zu werden.

Es ist nicht erforderlich, diese Wirtschaftsphänomene im Einzelnen zu untersuchen, bevor man zum nächsten Thema übergeht, nämlich der Verwandlung von Geld in Kapital, die den Ausgangspunkt der Gesetze der Waren- und Geldzirkulation bildet.


II. Die Verwandlung von Geld in Kapital


8. Von der Geldzirkulation zur Entstehung des Mehrwerts


Die Formel des Geldumlaufs der Ware lautet also W → G → W. Man geht hierbei vom Warenbesitzer aus, der seine Waren auf den Markt bringt, um sie gegen andere Waren auszutauschen, die einen anderen Gebrauchswert, jedoch – abgesehen von nebensächlichen Umständen – denselben Wert (Tauschwert) haben. Für diesen Warenbesitzer ist das Geld bloß Wertzeichen und Tauschmittel. Doch im Gesamtsystem der Warenproduktion führt das Geld rasch neue Verhältnisse und neue Personen ein, deren Interventionen anderen Personen den Austausch von Gebrauchswerten ermöglichen. Sie benutzen das Geld, um damit Ware zu kaufen, die sie dann für anderes Geld weiterverkaufen. Von diesem Gesichtspunkt aus stellt sich die Zirkulation in der Formel G → W → G dar. Warum sich diese zweite Gruppe von Personen einschaltet, kann ohne ein treibendes Motiv nicht deutlich werden.

Der Beweggrund liegt nicht in der Suche nach Gebrauchswerten, denn ihr Geld fließt am Ende ja wieder als Geld zurück, ohne qualitative Veränderung. Der Zweck und das treibende Motiv können daher nur in einer quantitativen Veränderung liegen. Während man bei einem konstanten Wert von W → G → W den Zweck der Bewegung erkennt, würde diese, wenn die Geldsumme nach Kauf und Weiterkauf gleich bliebe, im Falle von G → W → G nicht deutlich werden. Es sind ja nicht Menschenliebe oder andere ideelle Kategorien, die die Geldinhaber antreiben: ihre Triebkraft besteht darin, dass im Allgemeinen am Ende des Kreislaufs die Quantität des Geldes größer ist als am Anfang. Die Formel wird zu G → W → G‘, wobei G‘ = G + ∆G ist, d.h. das ursprünglich vorgeschossene Geld G hat einen Zuwachs oder ein Inkrement ∆G (Delta G) bekommen. Diesen Überschuss über den ursprünglichen Wert nennt man Mehrwert bzw. Mehrarbeit.

Zweck und Grund der Geldbewegung im Austauschprozess ist für den Geldbesitzer die Produktion dieses Mehrwerts. Und kaum ist der Mehrwert zum vorher existierenden Wert addiert, tritt er auch sofort wieder in den Kreislauf ein, um sich seinerseits zu vergrößern.

So wird das Geld vom einfachen Wertzeichen und Tauschmittel notwendigerweise zum Kapital.

Das Kapital ist Wert, dessen Charakteristik darin besteht, sich rastlos zu vermehren.

Hat ein System der Warenproduktion erst einmal die Entwicklungsstufe des Tauschhandels hinter sich, kann es nur im Kapitalismus münden.

Es könnte so aussehen, als beziehe sich die in der Formel G → W → G‘ zusammengefasste Definition nur auf das Handelskapital, d.h. auf das Kapital in den Händen derjenigen Geldträger, die von Berufs wegen den Markt bevölkern, um die aufgekauften Waren feilzubieten.

Aber auch das industrielle Kapital ist hier Geld, das sich in Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld zurückverwandelt wird. Das ist Gegenstand der weiteren Abhandlung.

Marx beginnt diesen Abschnitt mit einem seiner grundlegenden geschichtlichen Hinweise, die mit seinen Erläuterungen über die kapitalistische Entwicklung einhergehen:
„Die Warenzirkulation ist der Ausgangspunkt des Kapitals. Warenproduktion und entwickelte Warenzirkulation, Handel, bilden die historischen Voraussetzungen, unter denen es entsteht. Welthandel und Weltmarkt eröffnen im 16. Jahrhundert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals“ [MEW 23, S. 161].

Wir haben dann noch die reine Form G → G‘, den Wucher, wo die Vermittlung durch die Ware wegfällt. Das Wort Wucher benutzen wir hier im Sinne von jeder Geldanlage zum Zinserwerb.

Mit G → G bezeichnen wir schließlich die Schatzbildung, die das Geld der Zirkulation entzieht und gerade dadurch die Mehrwertbildung verhindert, folglich nicht als Kapital auftritt.


9. Auf der Suche nach dem Ursprung des Mehrwerts


Der Mehrwert, d.h. der Zuwachs ∆G, den die Summe G erhielt, als sie zu G‘ wurde, konnte und kann niemals innerhalb der reinen Zirkulationssphäre erklärt werden.

Alle Versuche in diese Richtung scheitern an der elementaren Tatsache, dass die Zirkulation aus einer Reihe von Tauschakten zwischen Äquivalenten besteht.

Man kann sehr viele Ausnahmen zu diesem Gesetz finden, sie erklären jedoch keinesfalls, warum es nicht nur in Ausnahmefällen, sondern in der Regel zur Erhöhung von G zu G‘ kommt.

Ob man nun dem Kauf die wunderbare Eigenschaft zuschreibt, das Gleichgewicht zugunsten des Geldbesitzers zu verschieben oder umgekehrt diese Eigenschaft dem Verkauf zuschreibt (da sowohl im einfachen Kreislauf G → W → G als auch in der Gesamtzirkulation jeder Beteiligte genauso oft als Verkäufer wie als Käufer auftritt): Jedenfalls heben sich die vermeintlichen Unterschiede in einer allgemeinen Parität auf. Das gleiche wäre der Fall, wenn die Preise allesamt steigen oder fallen würden.

Die Erklärung, dass derjenige, der kauft um zu konsumieren, die Ware teurer bezahlt als derjenige, der das Produkt verkauft, ist ebenfalls nicht stichhaltig, denn der Konsument kam ja zu seinem Geld, weil er seinerseits Produzent war. Man müsste also unterstellen, dass es sich um Konsumenten handelt, die sich ihren Wert anderswo herholen als aus produktiver Arbeit, d.h. außerhalb der Sphäre des Warenaustausches.

Einer solchen Klasse würde das Geld also nicht durch Tauschakte zufließen, sondern indem sie andere ihrer Ware und ihres Geldes im wahrsten Sinne des Wortes berauben oder erpressen: eine für die Epoche der Warenproduktion völlig untaugliche Erklärung. Es bringt auch nichts, Beispiele von An- und Verkäufen ins Feld zu führen, die einen unverhältnismäßigen Gewinn erzielen oder einen Betrug darstellen, denn damit kann man wohl erklären, wie große Wertsummen von einer Hand in die andere übergehen; wie es aber zur Bildung auch nur des geringsten Teils des darin enthaltenen Mehrwerts kommt, das hat man damit noch lange nicht erklärt.

Nebenbei wollen wir noch darauf hinweisen, dass selbst der Zusammenschluss der Produzenten zu Kartellen oder gar zu Monopolen nicht die normale Entstehung des Mehrwerts in der Warenzirkulation erklären kann. Nehmen wir an, in der normalen Warenproduktion im Rahmen der freien Konkurrenz würde einem Produzenten der Ware A freistehen, den Preis seiner Ware zu erhöhen, dann hätte er dadurch einen Mehrwert gewonnen. Das kommt aber deshalb nicht vor, da es offensichtlich ist, dass die Käufer ihm den Rücken kehren und sich an andere Verkäufer der gleichen Waren halten würden, denn dieser Mechanismus hält – abgesehen von zweitrangigen Phänomen – alle Preise auf einem dem Tauschwert entsprechenden Minimalniveau. Man könnte nun einwenden: Würden sich jedoch alle oder ein Teil der Produzenten der Ware A darauf verständigen, den Preis willkürlich heraufzusetzen, wäre das Spiel der Konkurrenz beseitigt und ein rein der Zirkulation entspringender Mehrwert geschaffen.

Solche Einwände sind aber rasch widerlegt. Ersetzen wir in unserer Untersuchung ruhig das allgemeine und typische System der freien Konkurrenz durch ein allgemeines System von Monopolen (eine Übergangsstufe, die auf jeden Fall zu untersuchen wäre, lassen wir hier weg, da sie nur als Anwendung und nicht zur Ermittlung der allgemeinen Gesetze dienen würde). Ein solches System würde nur darauf hinauslaufen, dass alle Produzentengruppen schließlich Monopole bilden und sich so wechselseitig die Waren zu überhöhten Preisen verkaufen würden, womit sich wieder alles ausgleicht. Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt. In einer Zwischenphase würden die schlauen Monopolherren sich zwar zu Lasten der Nachzügler, die noch kein Monopol gebildet haben, Werte angeeignet haben, Mehrwert hätten sie dadurch aber nicht produziert.

Kurz und gut, die Frage reduziert sich auf die beiden anscheinend widersprüchlichen Aussagen: In der Zirkulation gibt es nur einen Austausch zwischen Äquivalenten; das die Zirkulation als Kapital durchlaufende Geld kommt vermehrt aus ihr heraus.

Bei der Suche nach der Lösung darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass in der normalen kapitalistischen Wirtschaftsordnung beide Aussagen Normcharakter besitzen, d.h. meistens auch eintreten, so dass die Nennung von Sonderfällen oder Perioden der Instabilität nicht die Notwendigkeit umgehen kann, das „System von Gleichungen“ ebenso allgemein lösen zu können; wir schreiben es so:

Wert von G = Wert von W
Wert von W = Wert von G’
Wert von G’ ist größer (›) als der Wert von G.

Wir werden sehen, warum diese Gleichungen nicht unvereinbar sind, wie es der Fall wäre, wenn wir ihnen einen rein arithmetischen Sinn geben würden – oder, mit anderen Worten, warum sich dieser offenkundige Widerspruch gegenüber den formal-logischen Regeln eines Syllogismus in der Realität des Wirtschaftslebens, in dem sich das Kapital ja bildet, durchsetzt (wie Marx erwähnt, hatte Aristoteles diesen Widerspruch entdeckt, konnte ihn jedoch mit dem empirischen Material seiner Zeit unmöglich erklären) .


10. Die Ware „Arbeitskraft“


Auf welcher Stufe des Prozesses entsteht also der Wertzuwachs? Er kann nicht dem Geld selbst entspringen, denn ein Quantum Geld bleibt materiell unveränderlich. Folglich geht der Zuwachs aus dem Austausch von Geld gegen Ware hervor. Er kann nicht dem zweiten Zirkulationsakt W → G‘ entspringen und genauso wenig dem ersten G → W, insofern es sich um einen Austausch von Äquivalenten handelt.

Die grundlegende Entdeckung von Marx: Der Zuwachs des Wertes kann nicht aus den beiden Tauschakten entstehen; er kann folglich nur aus dem Gebrauch einer Ware entstehen, denn auf dem Markt gibt es eine Ware, deren Gebrauch mit einer systematischen Erhöhung ihres Tauschwertes einhergeht.

Wenn der Gebrauch einer Ware Wert produziert, und wenn dieser Wert der Verwendung von Arbeitszeit entspricht, dann muss die betreffende geheimnisvolle Ware in der Lage sein, menschliche Arbeit zur Verfügung zu stellen: diese Ware ist eben die Arbeit oder, genauer gesagt, die Arbeitskraft.

Unter bestimmten historischen Bedingungen ist es nun so: Eine Ware wird im Allgemeinen gekauft und weiterverkauft, ohne einen Wertzuwachs zu erfahren. Wer aber Arbeitskraft kauft, bezahlt für sie eine bestimmte Summe, verkauft sie aber prinzipiell zu einer höheren Summe weiter. Was der Käufer von Arbeitskraft weiterverkauft, sind in Wirklichkeit materielle Waren, die er verarbeiten ließ, indem er die gekaufte Arbeitskraft auf sie anwendete. Das geschieht dann, wenn der Arbeiter, Besitzer von Arbeitskraft, infolge der juristischen und sozialen Bedingungen nicht an die zu verarbeitende Ware (Rohstoff) herankommen kann, sei es weil er als Nicht-Besitzer von Geld den Wert der Rohstoffe selbst nicht vorschießen kann, sei es weil er zur Verarbeitung technische Mittel benötigt (Arbeitswerkzeuge, Zusammenballung einer großen Anzahl von Arbeitern), die Monopol anderer sind (d.h. der Besitzer von Geld oder Kapital).

Es gibt noch eine weitere Bedingung: dass nämlich der Arbeiter frei ist, denn er muss Besitzer seiner eigenen Arbeitskraft bleiben, um sie in Portionen (zeitweise) verkaufen zu können. Wo er sie ein für alle Mal verkaufen oder abtreten könnte oder müsste, würde er selbst zur Ware werden (Sklaverei).

Erst unter bestimmten historischen Bedingungen, die weder immer existiert haben und noch den Anspruch erheben können, in Zukunft immer existieren zu müssen, also unter diesen Bedingungen, die für die kapitalistische Epoche typisch sind, kommt es – durch den Kauf der Arbeitskraft, d.h. durch die Organisation der Lohnarbeit von denjenigen, die das Geld und die technischen Arbeitsmittel besitzen – zur Produktion von Mehrwert und zu dessen Akkumulation als Kapital.

Die ökonomische Erscheinungen: Mehrwert und Kapital, treten also viel später auf als der Austausch und der Tauschwert, und auch viel später als das Geld.

Wir wollen hier nur ganz kurz die wichtigsten historisch-ökonomischen Phasen durchlaufen: Zuerst produziert jeder nur für den Eigenbedarf; die Produkte sind noch keine Waren und haben keinen anderen Wert als den Gebrauchswert. Dann erscheint, wenn auch nur für einen geringen Teil der Produkte, der Tauschhandel, also ein erster Keim produktiver Arbeitsteilung. Mit dem größeren Umfang des Austausches erscheint die allgemeine Äquivalentenware, und dann das Geld. Somit haben wir die volle Herrschaft von Tauschwert und Handel, was aber nicht heißt, dass wir es schon mit der Produktion von Mehrwert und dem Kapitalismus zu tun haben.

Es könnte so scheinen, als ob der Gewinn, den die Händler mit den Produkten anderer erzielen (und der mit dem Austausch und vielleicht schon vor dem Geld auftritt), bereits ein von Nicht-Produzenten realisierter Mehrwert wäre. Doch das ist unrichtig, denn der Transport der Waren vom Produktionsort zum Ort des Verbrauchs ist ein produktiver Akt, erheischt er doch menschliche Arbeitszeit. Der kleine Händler, der den Transport mit eigenen Mitteln durchführt, ist als gesellschaftliche Figur dem Handwerker verwandt, der sein Produkt teurer als den Rohstoff verkauft, da er ihm Arbeit und damit Wert (Tauschwert) hinzugefügt hat, ohne dass man dabei von Mehrwert sprechen kann. Auch wenn der Händler die Sache mit Sklavenarbeit im großen Stil betreibt, gibt es keinen Mehrwert, sondern einfach Aneignung menschlicher Arbeitskraft (wie auch bei der Arbeitskraft von domestizierten Tieren). Erst wenn der Händler Lohnarbeiter für die mit dem Handel verbundene Arbeit einstellt, realisiert er Mehrwert; aber nicht in der Zirkulationssphäre, sondern im Rahmen eines kapitalistisch organisierten Unternehmens. Zwei Dinge darf man nicht verwechseln: einerseits den Mehrwert, eine normale, allgemeine Sache, eine Erscheinung, die immer ein positives Vorzeichen hat, und anderseits die Gewinne aus Hortung und Spekulation, Erscheinungen mit doppeltem Vorzeichen, da die Gewinne durch ein gleiches Quantum an Verlusten in der Zirkulationssphäre kompensiert werden.

Wiederholen wir: Von Mehrwert können wir sprechen, sobald sich auf dem Markt freie Arbeiter und Besitzer der Produktionsmittel, Kapitalisten, gegenüberstehen.

„Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert“, sagt Marx in einer Fußnote, „ist, dass die Arbeitskraft für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware, seine Arbeit daher die Form der Lohnarbeit erhält“ [MEW 23, S. 184].


11. Der Kauf der Arbeitskraft


Wie wird der Betrag für die Zahlung der Arbeitskraft (Lohn) festgesetzt? Wie bei jeder anderen Ware: Man versucht so wenig wie möglich zu zahlen, bzw. wendet sich anderswo hin, wenn sie dort zu günstigeren Bedingungen angeboten wird. Dadurch zielt dieser Preis auf ein Minimum, das durch die notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, die zur Produktion jener Ware erforderlich ist.

Auch in diesem Sinne ist die Arbeitskraft Ware, denn um sie zu produzieren, muss der Arbeiter sich um den Zustand seines Organismus kümmern, d.h. er muss für folgendes sorgen:
1.) persönliche Lebensmittel, wie Nahrungsmittel und ein Minimum für die Befriedigung anderer Bedürfnisse;
2.) Mittel für den Lebensunterhalt seiner Familie (ohne die die Klasse der Arbeiter aussterben würde);
3.) eine berufliche Ausbildung, die ebenfalls Zeit und Ausgaben verlangt.

Dieses Minimum besteht in einer Anzahl von Waren, welche die Arbeiter sich beim Produzenten bzw. Besitzer beschaffen, wofür sie einen bestimmten Preis bezahlen müssen. Dieser Preis wird – entsprechend unserer Ausgangshypothese – durch die zur Produktion dieser Waren notwendigen Arbeitszeit bestimmt. Unter durchschnittlichen Bedingungen, d.h. abgesehen vom Einfluss außergewöhnlicher Phänomene, wird der Arbeiter gerade diesen Preis verlangen, um seine Arbeitskraft zu veräußern.

Nach dem Kauf/Verkauf der Arbeitskraft ist der Kapitalist Herr darüber und wendet sie an. (Lassen wir hier den zusätzlichen Vorteil beiseite, der dem Kapitalisten zugutekommt: nämlich die Arbeitskraft einzusetzen, bevor sie tatsächlich bezahlt wurde, dank des Brauchs, den Lohn erst im Nachhinein, am Ende einer Arbeitsperiode auszuzahlen.)

Der Gebrauch der Arbeitskraft, die zum wirklichen Wert gekauft wurde, erfolgt durch ihre Anwendung auf die Rohstoffe, die ebenfalls zum wirklichen Wert gekauft wurden.

Um zu verstehen, wieso der wirkliche Verkaufswert der fertigen Waren, über die der Kapitalist dann verfügt, höher ist als die Summe der tatsächlich gezahlten wirklichen Werte (Entstehung des Mehrwerts), müssen wir die Zirkulationssphäre verlassen, wo alles im Namen der reinen Äquivalenz und der völligen Freiheit vor sich geht, und uns in die Sphäre der Produktion begeben, wo wir indes die Grundlagen der Nicht-Äquivalenz bzw. des Mehrwerts und der Teilung in Klassen ausfindig machen.


III. + IV. Die Produktion des absoluten und des relativen Mehrwerts


{Die hier verwendete Ausdrucksweise ist ein Versuch, die Begriffe zu verdeutlichen. Natürlich kann der didaktische Anspruch nicht zulasten der Genauigkeit gehen und daher benutzen wir kleine mathematische Formeln etwas häufiger als dies im Original der Fall ist. Damit wird nicht nur bezweckt, das Verständnis der Marx’schen Thesen zu erleichtern, sondern vor allem die exakte Bedeutung dieser Thesen in einer von Verfälschern oder Gegnern unanfechtbaren Art wiederherzustellen. Nur mit großer Sorgfalt gelingt es, im Original zwischen der wissenschaftlichen Erörterung der zwangsläufig theoretischen Modelle der Phänomene einerseits und den breiten historischen Schilderungen andererseits zu unterscheiden.}


12. Charakteristik der Arbeit in den kapitalistischen Epoche


Unabhängig von der gesellschaftlichen Organisationsform besteht jeder Arbeitsprozess aus drei Elementen: Tätigkeit des Menschen bzw. der Arbeitskraft; Arbeitsgegenstand oder Rohmaterial (das aus Natur stammt, jedoch immer unter Hinzufügung vorhergehender Arbeit); Arbeitsmittel oder Produktionsinstrument. Solange es sich um selbständige Arbeiter (Handwerker) handelt, besitzen sie die eigene Arbeitskraft, das Rohmaterial, sowie die Arbeitswerkzeuge, und folglich gehört ihnen das Ergebnis des Arbeitsprozesses bzw. das Produkt.

Im kapitalistischen System gehört dem Arbeiter nur seine Arbeitskraft; er verkauft sie aber, so dass der Kapitalist deren Eigentümer wird. Diesem gehören auch die Rohstoffe und die Arbeitsinstrumente: von Rechts wegen gehören ihm also die Produkte.

Gleichzeitig mit der Umwandlung des Geldes in Kapital und der Bildung des Mehrwerts tritt die Trennung des Arbeiters vom Arbeitsinstrument und vom Produkt seiner Arbeit auf.


13. Die Entstehung des Mehrwerts


{Die in den Kapiteln 13 bis 20 verwendeten Zeichen sind keineswegs konventionell und gelten nur für diese Abschnitte.}

Betrachten wir nun den Produktionsprozess aus der Sicht des Kapitalisten. Er begibt sich auf den Markt und kauft dort – zu ihrem wirklichen Preis und Wert – das Rohmaterial, die Arbeitsinstrumente sowie die Arbeitskraft.

Vermittels der Arbeitsinstrumente wendet er die Arbeitskraft seiner Arbeiter auf das Rohmaterial an und erhält dadurch eine gewisse Anzahl von Produkten. Damit kehrt er auf den Markt zurück und verkauft sie.

Untersuchen wir nun rein quantitativ diese Bewegung von Werten.

Mit A bezeichnen wir den Wert der Arbeitskraft (gezahlte Löhne); mit I den Wert jenes Teils der Produktionsinstrumente bzw. -werkzeuge, der sich während der von uns betrachteten Arbeitsvorgänge abnützt; mit R den Wert der verwendeten Rohstoffe; schließlich mit P den Wert der gewonnenen Produkte.

Es ist klar, dass P zur Gänze die Werte von I und R, d.h. die Produktionsinstrumente (oder, genauer gesagt, ihren abgenutzten Teil) und den auf dem Markt gekauften Rohstoff enthält. Gemäß unserer Ausgangshypothese hängen diese Werte von der Arbeitszeit ab, die zur Produktion dieser Werkzeuge und Stoffe notwendig ist.

Was den Wert der Arbeitskraft A betrifft, so steht er, wie bereits gesagt, im Verhältnis zur Arbeitszeit, die zur Produktion der Mittel für den Lebensunterhalt der Arbeiter benötigt wird.

Nun hat aber jede Ware, ob Rohstoff oder Werkzeug, einen Tauschwert, da sie ihrerseits einen Gebrauchswert hat. Diese beiden Werte sind aber weder kommensurabel noch können sie untereinander getauscht werden (z.B. kann man den Wert eines Kilo Zucker auf drei Arbeitsstunden reduzieren, sein Gebrauchswert als Nahrungsmittel lässt sich aber nicht auf seine Arbeitszeit, sondern nur auf die chemischen, organischen usw. Eigenschaften des Zuckers beziehen). Bei der besonderen Ware Arbeitskraft hingegen verhält es sich so, dass ihr Tauschwert bzw. Marktpreis sich zwar immer aus Arbeitszeit ableitet (wie schon gesagt: notwendig für den Lebensunterhalt), dass aber auch ihr Gebrauchswert in Arbeitszeit gemessen werden kann, denn der Gebrauch dieser Ware ist ja gerade die Arbeit selbst: Gebrauch seitens des Käufers, des Kapitalisten; Arbeit seitens des Verkäufers, des Lohnarbeiters.

Der Wert des Produkts P muss folglich aus der Arbeitszeit bestehen, die nötig ist, das betreffende Gesamtprodukt herzustellen. Demnach ist die Arbeitszeit für P = Arbeitszeit für R + Arbeitszeit für I + die effektiv von den Lohnarbeitern verausgabte Arbeitszeit.

Eine Gleichung von Arbeitszeiten kommt in einer Gleichung der jeweiligen Tauschwerte zum Ausdruck; bei der Ware Arbeitskraft dürfen wir jedoch nicht ihren Tauschwert (Lohn), sondern müssen ihren Gebrauchswert nehmen, der auch auf Arbeitszeit zurückzuführen ist. Nehmen wir beispielsweise an, jede Arbeitsstunde entspreche einem Wert von 3 Euro und der Arbeiter würde 10 Stunden arbeiten. Zu diesen 10 Stunden kommt die Arbeitszeit für die Rohstoffe (die ja R € wert sind), diese Arbeitszeit beträgt also R geteilt durch 3; die der Produktionsinstrumente I geteilt durch 3; die des Produktes P geteilt durch 3. Die oben angeführte Gleichung der Arbeitszeiten wird also zu folgender Gleichung:

P/3=R/3+I/3+"10 (alles ausgedrückt in Stunden)"

Kehren wir nun zu den Werten zurück: P = R + I + 10 x 3 (ausgedrückt in Euro).

Das ist die Summe, die der Kapitalist beim Verkauf des Produktes kassiert. Den Betrag R und den Betrag I hatte er schon vollständig ausgegeben, sie stellen den Tauschwert bzw. Marktpreis von R und I dar.

Die Summe 10 x 3 stellt jedoch nicht den Tauschwert, sondern den Gebrauchswert der Arbeitskraft dar (10 Stunden tatsächlich geleistete Arbeit, zu 3 Euro, die wir hier als allgemeines Verhältnis zur Messung der Werte in Arbeitszeit nehmen).

Was kosten nun dem Kapitalisten diese 10 Stunden Arbeitskraft? Ihre Kosten haben wir mit A bezeichnet, d.h. mit ihrem Tauschwert bzw. Preis (Lohn). Da dieser Wert nun von den Mitteln zum Lebensunterhalt, d.h. der dazu benötigten Arbeitszeit abhängt, ist er unabhängig von den 10 Stunden Arbeitszeit, die sich aus der Konsumtion und nicht der Produktion der Arbeitskraft ableiten. Wird z.B. eine andere Gruppe von Arbeitern dafür eingesetzt, Nahrungsmittel, Kleidung usw. für die 10 Stunden arbeitenden Arbeiter des Kapitalisten zu herzustellen, so ist es klar, dass jeder jeden Tag eine geringere Arbeitszeit aufwenden müsste: sagen wir 6 Stunden. Abgesehen vom neuen Mehrwert, der den „neuen“ Arbeitern abgepresst würde (seien sie nun Lohnarbeiter oder selbständig Arbeitende), wird der Preis für die Arbeitskraft A von diesen 6 Stunden, multipliziert mit 3 Euro, bestimmt.

Dass sich die Zeit von 6 Stunden (Lohn) als niedriger als die 10 Stunden effektiv geleistete Arbeit erweist, ist keine Unterstellung unsererseits, sondern eine Sache, die sich aus spezifischen, aufwendigen Berechnungen ergeben – vor allem aber aus der Existenz des Kapitalismus und seiner Profite selbst ableitet, deren Herkunft wir, ausgehend von unserer Hypothese über die Arbeit, nur wieder auffinden wollen. Die Kosten A für die Arbeitskraft belaufen sich also auf 6 x 3. Die Gesamtausgaben sind demnach:

R+I+6*3

Der Erlös aus dem Verkauf der Produkte war:

P= R+I+10*3

Gewinn:(R+I+10*3)-(R+I+6*3)=4*3=12

Der Kapitalist hat also einen Gewinn von 12 € gemacht, der den Mehrwert aus dem hier betrachteten Produktionsvorgang darstellt.


14. Zusammenfassung der Beweisführung


Die Aufgabe, die wir uns am Anfang stellten, bestand darin, die Erscheinungen der heutigen Wirtschaft mit quantitativen Gesetzen darzustellen.

Die Erfahrung liefert uns folgende empirische Tatsachen:
a) wir befinden uns in einer warenproduzierenden Wirtschaft, d.h. die Arbeitsprodukte werden zu austauschbaren Waren, und der Tausch erfolgt mittels des allgemeinen Äquivalents, sprich: Geld;
b) wer Geldbesitzer ist, kann sich mit dem Geld Produktionsmittel aneignen, um aus der Produktion mittels Lohnarbeitern einen Gewinn oder Mehrwert zu erzielen (kapitalistische Warenproduktion).

Wir sind von der Tatsache ausgegangen, dass das Maß des Tauschwertes durch das Geldquantum ausgedrückt wird, das man für eine Ware ausgibt, d.h. durch ihren Marktpreis (unter durchschnittlichen, normalen und allgemeinen Bedingungen). Auf dieser Grundlage stellten wir die Hypothese auf, dass dieser Wert proportional zur Arbeitszeit ist, die dazu benötigt wird, die betreffende Ware – wiederum unter durchschnittlichen, normalen und allgemeinen Bedingungen – zu produzieren.

Wir analysierten in der Folge die verschiedenen Erscheinungsformen des Austausches, vom Tauschhandel bis zur Einführung des allgemeinen Äquivalents und zur Funktion des Geldes. Wir widerlegten alle Einwände, die sich auf Ausnahmebedingungen, Sonderfälle des Austausches und Abweichungen von der Norm nach unten oder oben berufen, und wiesen nach, dass in der Zirkulationssphäre nichts anderes als ein Austausch von Äquivalenten vonstattengeht.

Um jedoch den Umstand zu erklären, dass der Geldbesitzer zum Kapitalbesitzer wird und einen Gewinn erzielt, dessen Ausgangs- und Endpunkt in Tauschakten auf dem Markt besteht, zeigten wir auf, dass dies dem Kauf einer besonderen Ware zuzuschreiben ist, nämlich der Arbeitskraft, deren Reproduktion eine bestimmte Arbeitszeit erfordert, ihr Gebrauch hingegen eine größere Arbeitszeit liefert.

Im Einklang mit unserer Hypothese wird diese Ware in der Tat zu einem Preis (Lohn) bezahlt, der der Arbeitszeit ihrer Reproduktion (Lebensmittel) entspricht. Sie überträgt jedoch auf das Produkt eine größere Arbeitszeit und folglich einen größeren Tauschwert, was der Grund für den Mehrwert ist.

Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet all das folgendes: Solange sich der Arbeiter (Handwerker) nicht von seinem Arbeitswerkzeug und seinem Arbeitsprodukt trennen muss, solange wird er dieses Produkt zu seinen alleinigen Gunsten verkaufen und somit im Tauschwert seine gesamte Arbeitszeit zurückerstattet bekommen.

Doch wenn der Kapitalismus den Schauplatz betritt – einerseits infolge der Geldakkumulation (deren Ursprünge: Sklaverei, Feudalismus usw., wir hier nicht erörtern wollen) und andererseits infolge der Entdeckung technischer Mittel, die eine maschinelle Produktion und die Zusammenfassung vieler Arbeiter erlauben und damit die notwendige Arbeitszeit zur Herstellung eines gegebenen Produktes herabsetzen – sinkt der Preis des Handwerkerproduktes, dessen Tauschwert sich der technisch notwendigen, jetzt niedrigeren Arbeitszeit anpasst, denn den Markt interessiert nicht, dass der Handwerker mit seinen technisch überholten Mitteln eine längere Arbeitszeit benötigt.

Nehmen wir an, die Preise sinken so stark, dass sie die Grundbedürfnisse des Handwerkers nicht mehr decken: Z.B. wenn er sein Produkt von 12 Stunden Arbeit zu einem Preis von 3 Arbeitsstunden abgeben muss, während seine Lebensmittel einen Wert von 6 Stunden haben. Um überleben zu können, bleibt dem Handwerker nichts anderes übrig als seine Arbeitskraft zu einem Tauschwert von 6 Stunden zu verkaufen: So arbeitet er 12 Stunden für den Kapitalisten, der die Produktivität seiner Arbeit vervierfacht und somit in der Lage ist, 6 Stunden für die Arbeitskraft zu zahlen, die sich vorher auf dem Markt in nur 3 Stunden ausdrückte.

Damit hätten wir das grundlegende Phänomen der kapitalistischen Wirtschaft, das sie von allen vorhergehenden Wirtschaftsformen unterscheidet, zufriedenstellend erklärt, denn wir haben eine wichtige Konsequenz der Werttheorie (erstmals von Ricardo dargelegt), nämlich die Mehrwerttheorie (die zentrale Entdeckung von Marx) beschrieben, die bereits in den Thesen enthalten war: Auf dem Markt findet ein Austausch von Äquivalenten statt; der gesamte Profit des Kapitals entsteht aus dem Kauf und dem Gebrauch der Arbeitskraft. Nun müssen wir noch die quantitativen Gesetze dieser Lehre formulieren.


Exkurs II


{Umrahmt und belebt wird diese erste Darlegung der Entstehung des Mehrwerts in Marxens Werk von einer eindrucksvollen Beschreibung des Verhältnisses zwischen Kapitalist und Arbeiter. Die Gelegenheit dazu bietet die Polemik mit der offiziellen bürgerlichen Ökonomie und ihren leeren ethischen und juristischen Auffassungen, die auch den heutigen Institutionen, besser gesagt: der Apologie dieser Institutionen, zugrunde liegen. Schritt um Schritt hebt Marx hervor, welche seiner Feststellungen und Postulate von den gewöhnlichen Ökonomen als unbestritten anerkannt werden, und wo die Fallen und die Tricks stecken, die sie dahin führen, aus Vorurteil und Klasseninteresse seinen streng wissenschaftlichen Schlussfolgerungen auszuweichen.

Bei seinen historische Bezugnahmen unterstreicht Marx mit unvergleichlicher Wirkungskraft die These – die für den Marxismus grundlegend ist und der wir später wiederbegegnen werden –, dass es nicht in allen Gesellschaftsepochen eine Auspressung von Mehrarbeit gegeben hat: Es gab sie nicht in den Urgemeinschaften und ebenso wenig in der selbständigen Einzel- und Familienwirtschaft des kleinen Handwerkers und freien grundbesitzenden Kleinbauern, d.h. der keinen Zehnt und keinen Frondienst leisten musste. Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft gibt es dagegen in verschiedenen Formen in der Sklaverei, der feudalen Leibeigenschaft, der Lohnarbeit. Diese unumstößlichen Feststellungen führen zu folgender Beweisführung: Im Gegensatz zu den Unterstellungen der bürgerlichen Theoretiker sind Mehrarbeit und Mehrwert, ergo Ausbeutung, keineswegs mit jeder Wirtschaftsform untrennbar verbunden, werden also in der zukünftigen Produktionsweise verschwinden können.

In der brillanten Kritik ethisch-juristischen Charakters, bei der der Autor dialektisch vorgeht und subtil so tut, als ob er die moralischen Normen der bürgerlichen Philosophie und des heutigen Rechts ernst nehmen würde, um sie dann ad absurdum zu führen und lächerlich zu machen, präsentiert sich eine vollkommen juristische, ethische und christliche Gerechtigkeit von allem, was auf dem Markt vor sich geht, mit Tauschakten, in denen jeder zum wirklichen Preis verkauft, was ihm von Rechts wegen zusteht – wobei sich schließlich der „Betrug“ enthüllt, der sich im Geheimnis des Produktionsprozesses verbirgt. Um das nötige Material zur Beurteilung des philosophischen, religiösen, moralischen und politischen Überbaus der kapitalistischen Welt an die Hand zu geben, wird in kraftvollen Abrissen hervorgehoben, dass zwei Voraussetzungen bestehen müssen, damit sich Mehrwert angeeignet werden kann (wenn der Kapitalist die Arbeitskraft anwendet) und sich dieser Prozess im Laufe der Geschichte auf immer breiterer Ebene vollziehen kann. Diese bestehen in der Freiheit des Arbeiters, und zwar im doppelten Sinne. Erstens muss er frei sein, seine eigene Arbeitskraft zu veräußern, weshalb die feudale Leibeigenschaft, die die Menschen an den Boden band, sowie die Zunftordnung, die sie an das Handwerk und an die Werkstatt band, durch das neue Recht – nach dem alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind – gesprengt werden mussten. Zweitens musste er von jeglichen Hindernissen wie eigenem Besitz der Arbeitswerkzeuge und kleinen Vorräten an Rohstoffen, die er noch als selbständiger Handwerker oder Bauer besaß, befreit werden, was durch die Expropriation der kleinen Produzenten, womit der Kapitalismus seine grausame Geburt einleitete, geschah.

Gleichzeitig wird bewiesen, dass dieser Prozess, so schändlich er auch gewesen sein mag, doch notwendig war, um zu intensiveren und rentableren Produktionsformen zu führen, zu denen die modernen technischen Mittel nötigten. Aber dies alles, also die Beschreibung und Kritik der heutigen Produktionsweise und ihres Werdegangs, fundiert die These, dass ihre positiven Seiten wie die Anwendung wissenschaftlicher Entdeckungen und der Maschinerie, ebenso wie das Prinzip der assoziierten und koordinierten Arbeit einer immer größeren Anzahl von Produzenten, nicht untrennbar von Auspressung des Mehrwerts und Monopolisierung der Produktions- und Tauschmittel seitens der kapitalistischen Klasse sind.

Erst nachdem man die Hauptlinie der Untersuchung und der Deduktion – deren trockenes, aber klares Schema wir hier darzulegen versuchten – erfasst hat und der Marx‘schen „Schilderung“ folgte, wobei bei all den Stellen innezuhalten war, die Abschweifungen zu sein scheinen, jedoch Zusammenfassungen und Vorwegnahmen der programmatischen und politischen Positionen der Kommunisten sind, kann das Studium des Marx’schen Werkes und seine Nutzung als Argument und Mittel sowohl der Propaganda als auch des Klassen- und Parteikampfes in Angriff genommen werden.

Das sei nur erwähnt, um die idiotische Auffassung zu widerlegen, der wahre „Geist“ des Marxismus bestehe in einer nüchternen Beschreibung der ökonomischen Erscheinungen der heutigen Gesellschaft, vermeide freilich jede Vorhersage als auch jegliche Absicht sie umzuwälzen.}


15. Konstantes Kapital und variables Kapital


Wie wir gesehen haben, erscheint das vom Kapitalisten vorgeschossene Geld zum Ankauf der Produktionsmittel zur Gänze im Preis des Produktes wieder. (Produktionsmittel bestehen aus Rohstoffen und Arbeitsinstrumenten. Rohstoffe in zweierlei Gestalt: einige erscheinen im Produkt wieder, andere wiederum, Hilfsstoffe genannt, verschwinden bei ihrem Gebrauch, wie z.B. Brennstoffe; bei den Arbeitsinstrumenten wie Maschinen, Anlagen, und Gebäuden ist nur ein Bruchteil des Verschleißes, berechnet auf deren Gesamtwert bzw. Lebensdauer, zu berücksichtigen.) Deshalb nennen wir diesen Teil des Kapitals konstantes Kapital.

Das für den Arbeitslohn, d.h. für den Ankauf der Arbeitskraft vorgeschossene Kapital tritt hingegen um den Mehrwert vergrößert beim Verkauf der Produkte wieder auf. Wir nennen es variables Kapital.

Die Bilanz der kapitalistischen Operation hatten wir in diesen beiden Formeln zusammengefasst:

Ausgaben: R + I + A (Rohstoffe + Abnutzung der Instrumente + Löhne)
Einnahmen: R + I + A + Mehrwert = P (Wert des Produktes)

So haben wir R + I = konstantes Kapital, das wir mit c bezeichnen, und A = variables Kapital, das wir mit v bezeichnen.

Wenn wir das gesamte vorgeschossene Kapital C, den Mehrwert m, das am Ende erhaltene Kapital C´ nennen, so haben wir:
C = c + v
C’ = c + v + m = C + m


16. Die Rate des Mehrwerts


Nicht so wichtig ist, jedes Mal die absolute Menge des vom Kapitalisten realisierten Mehrwerts zu kennen, als vielmehr das Verhältnis in dem der Mehrwert zum Kapital steht, das ihn produziert hat.

Hervorzuheben ist: Das Kapital, das allein fähig ist, Mehrwert zu produzieren, ist nur das für die Arbeitskraft vorgeschossene variable Kapital v. Was das konstante Kapital c angeht, so erscheint es ja zur Gänze im Produkt wieder und führt aus sich selbst heraus zu keinem Wertzuwachs.

Weil Marx eine Quantität definieren will, deren Maß uns eine Vorstellung von der Größenordnung der Mehrwertproduktion gibt, nimmt er als Rate des Mehrwerts nicht dessen Verhältnis zum gesamten Kapital, sondern nur zum variablen Kapital.

Demnach erhalten wir als Mehrwertrate m*:
m^*= m/v

V war in unserem vorherigen Zahlenbeispiel: A bzw. 6 x 3 = 18 €; der Mehrwert: (10 x 3) – (6 x 3) = 12 €. Die Rate des Mehrwerts ist also:
m^*= m/v= 12/18=66 %

Untersuchen wir nun die Arbeitszeit. Der Klarheit halber nehmen wir für unser Beispiel einen einzigen Arbeitstag eines einzelnen Arbeiters, und die Anzahl der Stunden, aus denen dieser Arbeitstag besteht, nennen wir t (in unserem Beispiel 10 Stunden), die für eine neue quantitative Größe steht: die notwendige Arbeit und die dementsprechende notwendige Arbeitszeit. Darunter versteht man die Zeit bzw. die Stunden, die der Arbeiter arbeiten muss, um dem Produkt einen Wert zu übertragen, der genauso groß ist wie der, der ihm für seine Arbeitskraft gezahlt wurde. In unserem Fall wurde der Arbeiter mit 18 €, d.h. 6 Arbeitsstunden, bezahlt. Würde er nur 6 Stunden arbeiten, so würde er exakt den ihm als Lohn bezahlten Wert reproduzieren, d.h. das Äquivalent seiner Lebensmittel: Dann würde jedoch der Mehrwert verschwinden und damit auch der Daseinsgrund des kapitalistischen Unternehmens.

Anstatt 6 arbeitet der Arbeiter indes 10 Stunden. Bei diesen 10 Stunden unterscheiden wir zwischen 6 Stunden notwendiger Arbeit und 4 Stunden zusätzlicher Arbeit, d.h. 4 Stunden Mehrarbeit, die wir hier Extra-Arbeitszeit nennen werden.

Wiederholen wir: notwendige Arbeitszeit ist diejenige, die genügen würde, den Wert des Lohns zu reproduzieren; Zeit der Mehrarbeit oder der Extra-Arbeit ist diejenige Zeit, die der Arbeiter zusätzlich arbeitet und in welcher die Wertdifferenz oder der Mehrwert zum Vorteil des Kapitalisten entsteht.

Wir gehen davon aus, dass die Werte proportional zu den Arbeitszeiten, in denen sie produziert werden, sind; und wenn wir den Lohn mit dem variablen Kapital gleichsetzen, so erhalten wir:

(Zeit der Mehrarbeit)/(notwendige Arbeitszeit)=Mehrarbeit/(variables Kapital oder Lohn)

Diese beiden Verhältnisse sind nichts anderes als das, was wir bereits als Mehrwertrate kennen. Daher das Theorem: Mehrarbeit geteilt durch notwendige Arbeit ergibt die Rate des Mehrwerts.

In unserem Beispiel sieht demnach die Proportion so aus:

4/6= 12/18=Mehrwertrate 66 %


17. Allgemeines Gesetz des Mehrwerts


Es wird gleichwohl nicht schaden, die Sache etwas allgemeiner darzulegen. Wiederholen wir die Notationen und erinnern daran, dass sie sich auf einen Arbeiter und einen Arbeitstag beziehen:
v: variables Kapital oder Tageslohn
m: Mehrwert
m´: Mehrwertrate, d.h. m geteilt durch v
t: Anzahl der Arbeitsstunden
n: notwendige Arbeitsstunden
e: Extra-Arbeitsstunden

Der Arbeiter überträgt auf das Produkt den gesamten Wert (abgesehen vom konstanten Kapital) v + m, indem er t Stunden arbeitet. In einer Stunde produziert der Arbeiter also folgenden Wert:

(v+m)/t=stündliche Wertproduktion

Wir gehen davon aus, dass der Arbeiter in n Stunden den Wert v produziert, also: v = n mal Wertproduktion pro Stunde.
v=n ((v+m)/t)

Die notwendige Arbeitszeit n ist demzufolge:
n= vt/(v+m)

Berechnen wir nun die Mehrarbeitszeit e:
e=t-n=t- vt/(v+m)= (t (v+m)-vt)/(v+m)= (vt+mt-vt)/(v+m)= mt/(v+m)

Was wir eigentlich wissen wollten, ist, in welchem Verhältnis e (Mehrarbeit) zu n (notwendige Arbeit) steht. Das finden wir mit einer einfachen Division heraus:
e/n=(mt/(v+m))/(vt/(v+m))=mt/vt=m/v=m'

Damit haben wir also die fundamentale Proportion bewiesen, die wir der Klarheit halber nochmals wiederholen: Die Mehrarbeit verhält sich zur notwendigen Arbeit wie der Mehrwert zum variablen Kapital. Dieses Verhältnis ist die Mehrwertrate.


18. Nachweis des allgemeinen Gesetzes


Dass wir uns beim Mehrwert nur auf den Lohn und nicht auf das gesamte Kapital beziehen, ist keine willkürliche Konvention, und um das zu beweisen, nehmen wir als Beispiel ein Unternehmen, in dem sich die Proportion zwischen konstantem Kapital und variablem Kapital verändert, während der Tauschwert bzw. der Preis der Produkte unverändert bleibt. Ebenso unverändert bleiben der Preis der Rohstoffe und der einzelnen Arbeitsinstrumente sowie der Lohn und der Arbeitstag. Da der Preis des Fertigproduktes, der ja Arbeitszeit darstellt, gleich bleiben soll, dürfen wir keine Veränderung der technischen Produktionsverfahren unterstellen. Wie können jedoch ein Beispiel wählen (übrigens auch für diejenigen stichhaltig, die nicht von unserer Werttheorie ausgehen), in dem sich das Unternehmen eine vorherige Verarbeitungsstufe, d.h. einen seiner Zuliefererbetriebe, einverleibt und nunmehr das produziert, was es vorher auf dem Markt erworben hat.

Z.B. ein Stahlwerk, das vorher Roheisen kaufte, um es zu Stahl zu verarbeiten, und nun die Bearbeitung des Eisenerzes, aus dem das Roheisen gewonnen wird, selber durchführt.

Logischerweise wird der Kapitalist nun weniger für den Rohstoff ausgeben, kostet doch das Eisenerz wesentlich weniger als das Roheisen. Obwohl damit eine entsprechende Erweiterung der Produktionsinstrumente verbunden ist, verringert sich der Anteil an konstantem Kapital im Verhältnis zum gesamten Kapital.

Auch gemeinhin wird anerkannt, dass der Kapitalist dadurch einen größeren Profit erzielt, da er ja den Profit von zwei bestehenden Betrieben addiert. Und einen größeren Profit hat er auch dann, wenn das gesamte vorgeschossene Kapital gleich groß ist, denn obwohl er jetzt für jedes Kilogramm Stahl auch die Kosten für die Produktionsanlagen des Roheisens zu tragen hat, so zahlte er diese Kosten auch schon vorher im Marktpreis des Roheisens, der noch dazu den Profit des Roheisenproduzenten enthielt.

Mit anderen Worten, das für einen bestimmten Produktionsprozess vorgeschossene Kapital ist immer im Verkaufspreis des dementsprechenden Warenpostens inbegriffen, folglich kann der Kapitalist bei gleicher Finanzkraft die gleiche Menge, wenn nicht gar eine größere Menge Stahl produzieren. Um diese Menge ist sein Gewinn gestiegen, denn das angelegte Kapital, um ein Kilogramm Stahl zu erhalten, enthält nun geringere Kosten für den Rohstoff und größere für den Kauf von Arbeitskraft. Bei gleicher Entlohnung der Arbeiter und gleichen Marktbedingungen ist es folglich die Quantität an variablem Kapital, die proportional zum Gewinn des Kapitalisten variiert, weshalb der Mehrwert auch allein zur Masse des variablen Kapitals und nicht zu der des gesamten Kapitals in Verhältnis gesetzt werden muss.

Das gilt auch auf gesellschaftlicher Ebene, denn die verschiedenen Anteile an konstantem Kapital enthalten ihrerseits Mehrwertanteile aus den vorhergehenden Verarbeitungsstufen, vorausgesetzt sie wurden auf kapitalistischer Grundlage durchgeführt. Das Roheisenkapital, abgesehen von dem Teil, in dem sich nicht das Eisenerz oder der Verschleiß der Anlagen des Roheisenherstellers darstellt, enthielt bereits einen Mehrwert, den der Hersteller des Roheisens einkassierte; das Eisenerzkapital enthielt für den Bergwerkskapitalisten Mehrwert aus der Mehrarbeit der Bergarbeiter; das gleiche gilt für die Anlagen der Stahl- und Roheisenindustrie und des Bergwerks. Womit wir schließlich – fern der Albernheiten über Perlenfischer und dergleichen – ausreichend erklärt haben, warum wir sowohl qualitativ als auch quantitativ in jedem Tauschwert eine Arbeitszeit, in jedem Profit eine Mehrarbeit ausfindig machen.

Marx warnt vor dem groben Fehler, die Mehrwertrate mit der Profitrate zu verwechseln. Die Vulgärökonomie versteht unter Profitrate das Verhältnis zwischen dem Reingewinn des Kapitalisten – Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben eines bestimmten Zeitraumes, z.B. eines Jahres, unter der Bedingung, dass der Vermögenswert aller Produktionsanlagen unverändert bleibt und alle Passiva ausgeglichen sind – und dem Gesamtwert des in Produktionsanlagen angelegten Kapitals zuzüglich der liquiden Geldmittel, um den Kauf von Rohstoffen, die Lohnzahlungen, usw. bestreiten zu können.

Beim Profit unterscheidet die Vulgärökonomie außerdem zwischen einem für die angelegten Kapitalien zu zahlenden reinen Geldzins einerseits und dem eigentlichen Profit des Unternehmers andererseits.

Es ist nicht nötig, den Vergleich zwischen dieser Sichtweise und den von uns aufgestellten Berechnungen jetzt weiter zu verfolgen. Es reicht zu sehen, dass wir nicht von willkürlichen Zeitabschnitten ausgehen, sondern von der Gesamtdauer eines Arbeitszyklus, z.B. zur Fertigstellung eines Kilogramms Stahl. Erhöht sich die Produktionszeit oder erweitert sich die Produktion, dann erhöht sich der Unternehmergewinn bzw. im Allgemeinen auch die Profitrate.

Die Mehrwertrate hingegen hängt vom Ausbeutungsgrad der Arbeitskraft ab und ist immer wesentlich höher. Die leicht verständlichen Zahlenbeispiele von Marx zeigen, dass einer Profitrate von beispielsweise 10-15 % eine Mehrwertrate von sogar 100 % entsprechen kann.

Im nächsten Paragrafen werden wir als Anwendungsbeispiel unserer bisherigen Ausführungen die Profitkalkulation eines Betriebes, der sich wie das oben erwähnte Stahlwerk umstellt, darstellen, und dabei konkrete Zahlen für Preise und Mengen des Eisenerzes, Roheisens und Stahls, sowie für Löhne, Arbeitsstunden, Arbeitstage pro Jahr, usw. einsetzen.


19. Kalkulation des im Paragraf 18 beschriebenen Betriebes


Allgemeine Behandlung eines Betriebes, der eine untere Verarbeitungsstufe in sich aufnimmt, als Nachweis für die Berechtigung, den Mehrwert lediglich auf das variable Kapital zu beziehen.

Unser oben genanntes Stahlwerk, übernimmt also den Betrieb, der ihm vorher die Rohstoffe lieferte (das Eisenbergwerk), woraus ein dritter, vereinigter Betrieb hervorgeht. Wir benützen für die drei Betriebe die gleiche Notation; den übernommenen Betrieb kennzeichnen wir mit einem Apostroph und den vereinigten Betrieb mit zwei Apostrophen.

Erster Betrieb Einverleibter Zulieferbetrieb Vereinigter
Betrieb
Wert der Betriebsanlagen a a’ a“
Jährliche Amortisationsquote q q’ q“
Jahreskosten der Rohstoffe r r’ r“
Jahreskosten Hilfsstoffe h h’ h“
Konstantes Kapital c = q + r + h c’ = q’ + r’ + h’ c“ = q“ + r“ + h“
Tageslohn eines Arbeiters l l’ l“
Arbeitstageanzahl pro Woche t t’ t“
Anzahl der Arbeiter n n’ n“
Variables Kapital pro Jahr v = ltn v’ = l’t’n’ v“ = l“t“n“
Jährlicher Nettoprofit p p’ p“
Jahresumsatz oder Produkt u u’ u“

Bilanz des ersten Betriebes:
Der Jahresumsatz: u
Die Ausgaben: c + v = q + r+ h + ltn
Der Jahresgewinn: p = u – (c + v)
Bilanz des zweiten Betriebes:
Umsatz: u´
Ausgaben: c´ + v´ = q´ + r´ + h´ + l´t´n´
Gewinn: p´ = u´ – (c´ + v´)

In unserem Beispiel stellt das Fertigprodukt des zweiten Betriebes den Rohstoff des ersten Betriebes her, folglich: u´ = r
und demzufolge: p´ = r – (c´ + v´) (Gleichung I)
Bilanz des vereinigten Betriebes:
Umsatz: u´´
Ausgaben: c´´ + v´´ = q´´ + r´´ + h´´ + l´´t´´n´´
Gewinn: p´´ = u´´ – (c´´ + v´´)

In unserem Beispiel ist der Umsatz des vereinigten Betriebes gleich groß wie der des ersten Betriebes, also: u´´ = u
und folglich: p´´ = u – (c´´ + v´´) (Gleichung II)
Vergleich zwischen dem vereinigten Betrieb und dem ersten Betrieb:
Das konstante Kapital ist die Summe der konstanten Kapitale der beiden zusammengeschlossenen Betriebe, mit Ausnahme des Wertes der Rohstoffe des ersten Betriebes, die jetzt nicht mehr extern gekauft werden müssen, da sie jetzt direkt im vereinigten Betrieb hergestellt werden. Folglich haben wir:
c´´ = c – r + c´

Aus der Gleichung I erhalten wir:
c´= r – (p´ + v´)

und folglich: c´´ = c – r + r – (p´ + v´)
c´´ = c – (p´ + v´)
c´´ = c – p´ – v´ (Gleichung III)

Das variable Kapital ist die Summe der variablen Kapitale der beiden zusammengeschlossenen Betriebe:
v´´ = v + v´ (Gleichung IV)

Der Gewinn wurde bereits durch die Gleichung II ausgedrückt:
p´´ = u – (c´´ + v´´)

Ersetzen wir nun in dieser Gleichung c´´ und v´´ mit den entsprechenden Werten, die wir mit den Gleichungen III und IV errechnet haben:
p´´ = u – (c´´ + v´´) = u – c´´ – v´´
= u – (c – p´ – v´) – (v + v´)
= u – c + p´ + v´ – v – v´
= u – c – v + p´
= u – (c + v) + p´
= p + p´

Das gesamte, im Betrieb eingesetzte Kapital beträgt:
c´´ + v´´

Ersetzen wir nun c´´ und v´´ mit den entsprechenden Werten, die wir mit Gleichungen III und IV errechnet haben:
c´´ + v´´ = (c – p´ – v´) + ( v + v´)
= c + v – p´

Zusammenfassend können wir sagen:
- das konstante Kapital hat sich um (p´ + v´) verringert
- das gesamte eingesetzte Kapital hat sich um p´ verringert
- das variable Kapital ist um v´ angestiegen
- der Gewinn ist um p´ angestiegen.

Das Anwachsen des Gewinns oder Mehrwerts, der von p auf p´´ = p + p´ gestiegen ist, kann also einzig durch das Kapital bewirkt worden sein, welches gestiegen ist, d.h. durch das variable Kapital. Darum ist es richtig, bei der Mehrwertrate das Verhältnis des Mehrwerts allein zum variablen Kapital zu nehmen. Würden wir den Mehrwert zum konstanten Kapital oder zum gesamten Kapital ins Verhältnis setzen, hätten wir den Widersinn, dass zwischen den beiden Seiten des Verhältnisses keine direkte, sondern eine inverse Proportion besteht.


Exkurs III


{Man sollte diese Reihe kleiner Formeln nicht zu trocken finden. Anhand der Darstellung eines kapitalistischen Betriebes gilt es einen Beweis für die Gültigkeit des von Marx erarbeiteten allgemeinen Gesetzes des Mehrwerts aufzuzeigen. Wir befinden uns hier am Ende des III. Abschnittes des „Kapitals“, der den Mehrwert definiert. Bevor er die Akkumulation des Kapitals abhandelt, schließt Marx den V. Abschnitt mit einem kurzen zusammenfassenden Kapitel über die verschiedenen Formeln des Mehrwerts ab. Darin stellt er die beiden Formeln, die die klassische bürgerliche Ökonomie und die marxistische Ökonomie charakterisieren, einander gegenüber (Kapitel XVI: MEW 23, S. 553 ff.).

Beide beruhen auf der Auffassung, dass der Wert durch die Arbeit entsteht. Aber sie stellen die Sache sehr unterschiedlich dar, sobald es darum geht, die Frage zu beantworten: Welchen Teil des Arbeitstages arbeitet der Arbeiter für sich, und welchen für den Fabrikherren?

Gemäß den bürgerlichen Ökonomen lautet die Formel:

Mehrarbeit/( Arbeitstag)= Mehrwert/Produktenwert= Mehrprodukt/Gesamtprodukt

Den gleichen Bruch erhalten wir, wenn wir im Zähler die Gewinnmarge auf eine gegebene Produktion, d.h. den im Preis enthaltenen Überschuss über die Gesamtkosten, und im Nenner diese Kosten einsetzen.

Nehmen wir an, ein Auto kostet, was Rohstoffe, Löhne, Maschinenverschleiß usw. anbelangt, 10.000 €, und wird zu 11.000 € verkauft, so erzielt der Betrieb einen Gewinn von 10 %. Aufgrund dessen heißt es, der Arbeiter sei nur während 10 % seiner Arbeitszeit ausgebeutet worden. Wenn er 11 Stunden gearbeitet hat, soll er für 10 Stunden mit dem vollen Erlös bezahlt worden sein und nur eine einzige Stunde für den Kapitalisten gearbeitet haben.

Die offizielle moderne Ökonomie mit ihrem Anspruch auf mathematische Genauigkeit kaut diese These ununterbrochen wieder und ergo leugnet sie die Mehrwerttheorie von Marx, die sie als brillante polemische Übung und nicht als Wissenschaft behandelt.

Gemäß der Mehrwerttheorie nehmen die Formeln hingegen eine ganz andere Gestalt an und lauten (bei gleichen Parametern):

Mehrarbeit/(notwendige Arbeit)= Mehrwert/(variables Kapital) (m/v) = Mehrwert/(Wert der Arbeitskraft (Lohn))

Der Grad der Ausbeutung, d.h. die Quantität nicht bezahlter Arbeit, wird nicht zu den gesamten Ausgaben, d.h. zum gesamten vorgeschossenen Kapital, sondern nur zu den Ausgaben für die Löhne, die wir den variablen Teil vom Gesamtkapital nennen, ins Verhältnis gesetzt.

Der Unterschied zwischen beiden Auffassungen ist enorm. Wie Marx hier und anderweitig beweist, bringt unsere Auffassung unter einem quantitativen Gesichtspunkt mit sich, dass die Mehrwertrate nicht nur bedeutend höher ist, sondern ohne weiteres 100 % – die theoretische Höchstgrenze bei der Formel der bürgerlichen Ökonomie – übersteigen kann. Wenn wie in unserem Beispiel auf 10.000 € Gesamtkosten nur 2.000 € für Löhne ausgegeben wurden, beträgt die Mehrwertrate nicht 10 % sondern 50 % (1.000 € Mehrwert zu 2.000 € variablem Kapital). Ein Drittel des Arbeitstages wird nicht bezahlt. Es gibt Fälle, wie bei dem Beispiel, das Marx aus der englischen Landwirtschaft anführt, wo die Mehrwertrate 300 % beträgt.

Unter einem qualitativen Gesichtspunkt dient die Formel der herkömmlichen Ökonomie dann dazu, die Beziehung zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten als eine Form freier Vereinigung hinzustellen, während das marxistische Gesetz deren grundlegend antagonistischen Charakter nachweist.

Mit unserem kleinen Rechenbeispiel über die Fusion zweier Betriebe wollten wir den Nachweis erbringen, dass die Festlegung des quantitativen Verhältnisses zwischen Mehrwert und Lohnkapital keineswegs willkürlich ist, sondern die einzig mögliche Erklärung für das untersuchte Phänomen darstellt, denn was in jedem Produktionszyklus als konstantes Kapital in den Händen des Fabrikbesitzers erscheint, ist nichts anderes als das akkumulierte Produkt vorheriger Lohnkapitale, die vorherigen Mehrwert aus nicht bezahlter Arbeit erzeugt hatten.

Der Schwindel und der tendenziöse Charakter gehören also schon den normalen Bilanzen der (auch nicht privaten) Produktionsbetriebe an und werden als selbstverständlich und getreu der akademischen Ökonomie und bürgerlichen Legalität akzeptiert.}


20. Proportionale Aufteilung des Produktenwertes in Produktenmenge und Arbeitszeit


Weiter oben brachten wir das Beispiel eines Produktes mit einem Wert P, der sich aus dem Wert der Rohstoffe und dem Werkzeugverschleiß (R + I = c = konstantes Kapital) und dem im 10 Stundenarbeitstag erzeugten Wert (oder dem durch die 10 Arbeitsstunden geschaffenen Wertzuwachs auf das konstante Kapital) zusammensetzt. In unserem Beispiel entsprach eine Stunde Arbeit dem Tauschwert von 3 €. Nehmen wir nun an, der Wert von c betrage 60 €. Dann haben wir:

P = c + 10 x 3 = 60 + 30 = 90 €

Von den 30 € Wert, die der Arbeiter zugesetzt hatte, stellten 18 = 6 x 3 den Lohn oder das variables Kapital v dar, und 12 = 4 x 3 den Mehrwert m:

■(P@90)=■(c@60)+■(v@18)+■(m@12)

Nehmen wir nun an, das Produkt, das einen Preis von 90 € hat, wiege 1,800 kg. Statt (90 = 60 + 18 + 12) €, können wir genauso gut (1,800 = 1,200 + 0,360 + 0,240) kg schreiben. Wir haben so die den Wert des Produktes bildenden Bestandteile in proportionalen Produktmengen dargestellt.

1,200 kg = 60 € stellen das konstante Kapital dar, 0,360 kg = 18 € den Lohn (oder variables Kapital), 0,240 kg = 12 € den Mehrwert. Addieren wir die letzten beiden Teile, so würden die 0,600 kg = 30 € = 10 Stunden Arbeit den Gesamtwert darstellen, der durch die Arbeit geschaffen wurde (sowohl durch die notwendige Arbeit wie durch die Mehrarbeit); d.h. sie wären gleich dem Wert, der durch 10 Stunden Arbeit dem Wert von Rohstoffen und Werkzeugverschleiß zugesetzt wurde.

Diese Unterteilung ist legitim, doch ganz und gar konventionell. Sie drückt nicht den Produktionsprozess aus, denn es ist zwar so, dass die 60 € bereits vorher, vor der Anwendung der Arbeit, für die Rohstoffe und Maschinen standen; insofern sie Anteil des Produktes sind, steht die Sache jedoch anders: kein Euro, kein Gramm davon kann man ohne (weitere) Arbeit erhalten.

Es dreht sich hier also um ein völlig hergebrachtes Rechenbeispiel. Wir müssen klar sehen, dass unsere Schlussfolgerung über die Aufteilung der 30 € Arbeitswert in Lohn und Mehrwert ganz anderer Natur ist; diese Aufteilung ist durch ein Gesetz gegeben, das genau auf die technischen, ökonomischen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Merkmale des untersuchten Phänomens zugeschnitten ist.

Mit einem ähnlichen Rechenbeispiel werden wir nun nicht mehr die 1,800 kg, sondern die 10 Stunden, die zu ihrer Produktion nötig waren, in die den Wertelementen entsprechenden Bestandteile aufteilen. Bei sonst gleichbleibenden Bedingungen bleibt die Proportion zwischen Produktmengen und deren Werten bestehen. Dasselbe gilt auch für die Proportion zwischen dem Wert der Produktmenge und der Arbeitszeit. In einer Stunde würden also aus den Händen des Arbeiters 180 Gramm Gewicht und 9 € Wert, d.h. der zehne Teil von 1,800 und 90, hervorgehen.

Der Unterteilung: (90 = 60 + 18 + 12) € entspricht:
(10 = 6,66 + 2 + 1,33) Stunden oder 10 h = 6 h 40´ + 2 h + 1 h 20´.

Demnach würden also darstellen: 6 Stunden und 40 Minuten das konstante Kapital, 2 Stunden das variable Kapital, und 1 Stunde und 20 Minuten den Mehrwert.

Diese Darstellung kann in verfänglicher Weise interpretiert werden (siehe bei Marx: Seniors „letzte Stunde“) , insofern der Arbeiter hier von den 10 Stunden nur 1 Stunde und 20 Minuten für den Kapitalisten arbeitet.

Mit dieser Argumentation wollte man beweisen, dass ein achtstündiger Arbeitstag den Kapitalisten ruinieren würde. Dieses Argument hätte für uns zu Gunsten der 8 Stunden sprechen können, die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die 8 Stunden mit der Mehrwertproduktion vollkommen vereinbar sind.

Dieses Argument wäre gleichbedeutend mit der Unterstellung, der Arbeiter produziere auch die Rohstoffe und die Werkzeuge, deren Wert freilich vorher geleistete Arbeitszeit darstellt.

Unserer Theorie zufolge lautet die richtige Aufteilung so:
(90 = 60 + 18 + 12) € = Wert des Produktes
(30 = 20 + 6 + 4) Arbeitsstunden = Wert in Arbeitszeit.

20 Stunden gleich der Arbeit, die als Wert in dem vom Kapitalisten gekauften konstanten Kapital enthalten ist. 6 Stunden für die notwendige Arbeit (bezahlte Arbeit). 4 Stunden für die Mehrarbeit (unbezahlte Arbeit).

Die Kürzung des Arbeitstages auf 8 Stunden würde nur 2 von den 4 Stunden Mehrarbeit wegnehmen, vorausgesetzt dass nicht analoge Erscheinungen (Steigerung der Arbeitsproduktivität) nicht die durch die für die Mittel zum Lebensunterhalt absorbierte Arbeitszeit, d.h. die notwendige Arbeit, herabsetzen.


21. Dauer des Arbeitstages


Die Länge des Werktages ist variabel. Er hat eine untere Grenze, die unter dem Kapitalismus immer über der notwendigen Arbeitszeit liegen wird, und eine Höchstgrenze, die von der physischen Widerstandskraft des Arbeiters abhängt. Stellen wir uns ganz auf den Standpunkt der kapitalistischen Wirtschaft, die die Arbeitskraft als eine Ware und den Lohn als deren korrekten Preis betrachtet, so hat der Arbeiter wie jeder andere Verkäufer das Anrecht auf gesetzlichen Schutz, wenn es darum geht, die Quantität der zu verkaufenden Ware festzusetzen, d.h. der Zeit, die er sich verpflichtet, pro Tag zu arbeiten. Sonst wäre nicht nur die Norm der Rechtsgleichheit zwischen Käufer und Verkäufer verletzt, sondern der Organismus des Arbeiters wäre derart geschwächt, dass sich die Anzahl der Jahre verringern würde, in denen er seine Kraft zu arbeiten, verkaufen könnte, wodurch ihm ein großer Teil seines einzigen Privatbesitzes genommen würde – eben die Arbeitskraft. Außerdem würde ein körperlicher Ruin der Arbeiterklasse auf die Dauer den Kapitalisten selbst schaden, obgleich jeder einzelne Unternehmer nur die Jagd nach einer maximal ausgedehnten Arbeitszeit im Auge hat.

Daher der Kampf für eine gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages, den Marx ausführlich in Kapiteln beschreibt, die eher als zusammenfasst zu werden, bis in unsere Zeit fortgeschrieben werden sollten.

Interessant ist vielmehr zu sehen, zu welchen theoretischen Schlussfolgerungen diese Schilderung führt. Weit entfernt davon, bei der Apologie der Sozialgesetzgebung zu landen, treibt Marx seine Ironie mit dem „prunkvollen Katalog“ der „unveräußerlichen Menschenrechte“, die beim Arbeiter auf das armselige Resultat hinauslaufen, endlich zu wissen, für wieviel Zeit er sich „frei“ verkauft hat und wieviel Zeit für ihn selbst übrig bleibt.

Dieses Resultat verhindert zwar die physische Vernichtung der Arbeiterklasse, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch in der rechtmäßig verkauften Zeit ein großer Teil, nämlich die Mehrarbeit, aus unbezahlter Arbeitszeit besteht.

Was die Arbeiter brauchen, ist nicht das Wissen, wo die Schranke des Arbeitstages liegt (siehe das 8. Kapitel, Paragraf 7), sondern „als Klasse (...) ein übermächtiges gesellschaftliches Hindernis [zu erzwingen], das sie selbst verhindert, durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in Tod und Sklaverei zu verkaufen“ [MEW 23, S. 320]. Diese Worte sind nicht im dem banalen Sinne zu interpretieren, als ginge es nur um die Einführung des gesetzlichen Arbeitstages oder eines Tarifvertrages, oder gar um einen gesetzlich festgelegten Lohn, sondern im Sinne der historischen Abschaffung des Prinzips, das die Arbeit zu einer Ware macht, und der Möglichkeit, auch nur eine einzige Stunde Arbeit frei zu verkaufen, d.h. es geht um der Abschaffung des Kapitalismus.


22. Mehrarbeit und Kapitalismus


Wie schon gesagt, tritt die Produktion von Mehrwert mit dem Kapitalismus auf, und zwar exakt in dem Sinne, dass Mehrwert die Differenz eines Warenwertes darstellt, die nach einer Reihe von Tauschakten erscheint.

Aber auch bevor die Arbeitskraft auf den (freien) Märkten als Ware behandelt wurde, war der Arbeiter gezwungen, in den verschiedenen Produktionsformen große Quoten seiner Zeit umsonst zu arbeiten (Mehrarbeit). So z.B. im Falle der Sklavenwirtschaft, der Fronarbeit, usw. Marx bemerkt dazu jedoch folgendes: Solange eine ökonomische Gesellschaftsformation nicht oder nur am Rande von der Warenproduktion bestimmt wird, d.h. solange nicht das Interesse am Tauschwert, sondern am Gebrauchswert der Waren vorherrscht, erzeugt ein solches Gesellschaftsgefüge keinen schrankenlosen Heißhunger nach Mehrarbeit. Dem Sklavenhalter liegt nichts daran, seine Sklaven über eine gewisse Schranke hinaus arbeiten zu lassen, denn im Allgemeinen dienen die Produkte der Sklavenarbeit nicht dem Verkauf, sondern hauptsächlich dem unmittelbaren Eigenbedarf. Wenn hingegen der Sklave an Überarbeitung stirbt oder arbeitsunfähig wird, müsste der Sklavenhalter in die Tasche greifen, um einen neuen Sklaven zu kaufen. Der feudale Grundeigentümer zwingt die Bauern, an bestimmten Tagen Frondienst, d.h. unbezahlte Arbeit auf seinen eigenen Feldern zu verrichten. So unmenschlich dieses System auch erscheinen mag, bringt es dennoch eine niedrigere Rate der Mehrarbeit hervor als der moderne Kapitalismus. (Kapitel VIII/2: MEW 23, S. 249 ff.)


23. Das Kapital und der Mehrwert


Bis zu diesem Punkt unserer Untersuchung haben wir angenommen, der Kapitalist bezahle die Arbeitskraft immer zum gleichen Preis (konstanter Lohn) und dieser Preis drücke genau deren Wert aus.

Wenn diese Bedingungen gleich bleiben, d.h. die Zeit der notwendigen Arbeit bleibt unverändert, dann ist der Mehrwert: variables Kapital mal Rate des Mehrwerts.

Will nun das Kapital sein Bedürfnis befriedigen, den größtmöglichen Mehrwert zu erzielen, bleiben nur zwei Wege:
1. die Rate des Mehrwertes zu erhöhen, d.h. Erhöhung der Mehrarbeit, d.h. Verlängerung des Werktages – wir haben aber schon gesehen, dass historisch die Tendenz besteht, den Arbeitstag zu verkürzen.
2. das variable Kapital zu vergrößern, d.h. die Anzahl der Arbeiter zu erhöhen. In diesem Sinne schreitet das Kapital stetig voran, indem es Handwerker, Kleinbesitzer usw. in Arbeiter verwandelt, und die Bevölkerungszunahme, Verstädterung und Kolonisierung nutzt. Trotz dieser Tendenz zur Vergrößerung der Masse des variablen Kapitals (ergo: der Vergrößerung der Mehrwertmasse) ist festzustellen, dass das Kapital immer mehr gezwungen ist, in der modernen Produktion zu einem großen Teil die Gestalt von konstantem Kapital anzunehmen. In der weiteren Untersuchung werden wir beweisen, dass dies nur scheinbar im Widerspruch zum Gesetz der Abhängigkeit zwischen variablem Kapital und Mehrwert steht.


Exkurs IV


{Da der akkumulierte Mehrwert zu neuem Kapital wird und der Mehrwert aus in Arbeit angelegtem Kapital entsteht, bildet das Gesamtpotential an arbeitender Bevölkerung eine Grenze für die Akkumulation. Dieses Potential steigt tendenziell mit dem Anwachsen der Erdbevölkerung, mit der Ausbreitung der kapitalistischen „Zivilisation“ über die Erde und mit dem Anteil der Proletarier an der Gesamtbevölkerung, der infolge der fortschreitenden Enteignung der Mittelklasse steigt.

Aber scheint es nicht nur so, dass in der modernen Welt die riesige Masse konstanten Kapitals, d.h. des Kapitals, das aus Produktionsanlagen und Reserven an Waren (Produkten) besteht, noch gigantischer anwächst als die Masse der zur Verfügung stehenden Arbeitstage? Und damit stellt sich die Frage, ob dies nicht der marxistischen Theorie widerspricht.

Wir wollen hier diesen Punkt noch nicht behandeln, da man zunächst die ganze Akkumulationstheorie (Siebter Abschnitt) und darüber hinaus noch die marxistische Imperialismustheorie darlegen und verstehen muss.

Es ist jedoch interessant zu sehen, dass eine im wahrsten Sinne „konservative“ Lösung (die also die kapitalistische Epoche verlängert) darin besteht, das produzierte konstante Kapital (Betriebsanlagen und Ressourcen) zu „zerstören“, und zuvor reiche und industriell fortgeschrittene Länder durch Verwüstung ihres Produktionsnetzes (Fabriken, Eisenbahnen, Schiffe, Maschinerie, Bauten aller Art, usw.) auf das Niveau eines Entwicklungslandes zurück zu versetzen.

Die Wiederherstellung jener riesigen Masse toten Kapitals gestattet ein erneutes irrsinniges Rennen in die Investition variablen Kapitals, d.h. ausbeutbarer lebendiger Arbeit.

Die Kriege vollziehen diese Vernichtung von Anlagen und Lagerbeständen, während die damit einhergehende Vernichtung von Arbeitskräften hinter der Produktion von Arbeitskräften – dank der Vermehrung unserer zeugungsfreudigen Gattung – zurückbleibt.

Mit dem den Krieg folgenden hochzivilisierten Wiederaufbau – für uns, Schüler von Marx: ein Aspekt der kapitalistischen Barbarei, der noch krimineller ist als die durch den Krieg verursachten Zerstörungen; für die Bourgeoisie: das größte Geschäft des Jahrhunderts – hält sich der Kapitalismus durch die unersättliche Erzeugung neuen Mehrwerts weiterhin am Leben.}
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Die Erzeugung von Mehrwert als das Merkmal des Kapitalismus vorausgesetzt, sollen noch einige andere Bemerkungen über die Voraussetzungen für das Erscheinen des Kapitalismus genannt werden: Der Neo-Fabrikherr muss über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um eine Mindestanzahl an Arbeitern zu beschäftigen, die ihm einen hinreichenden Mehrwert sichern, nicht nur, um seinen persönlichen Lebensstandard zu heben, sondern auch, um einen Teil des Geldes beiseitelegen und seinerseits wiederum in Kapital verwandeln zu können.

Dieses Minimum ist je nach den gesellschaftlichen Bedingungen sehr unterschiedlich. In diesem Zusammenhang haben wir hier ein Beispiel einer rein quantitativen Unterscheidung, die zu einem qualitativen Unterschied führt: zwischen Handwerker oder Werkstattmeister einerseits und Kapitalisten andererseits.

Für das Auftreten kapitalistischer Verhältnisse ist die technische Umwälzung der Produktionsverfahren hingegen keine unerlässliche Bedingung. Bei seinem Entstehen benutzt der Kapitalismus zunächst die hergebrachten Herstellungsmethoden. Erst später kommen die technischen Revolutionen, die Ausbreitung der Maschinerie und die Anwendung mechanischer Kräfte hinzu. Diese immer rascher aufeinanderfolgenden Neuerungen ergeben sich unserer Auffassung nach durch die Bedürfnisse des Kapitalismus, konstituieren aber zugleich die technischen und ökonomischen Bedingungen für dessen mögliche Abschaffung.

Quellen:


„Elementi dell’economia marxista“: Prometeo, Nr. 5-8, 1947-48.
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MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

LW 14: Lenin – Materialismus und Empiriokritizismus, 1909.