Grundzüge der marxistischen Wirtschaftslehre (II)


V. Der Kapitalismus und potenzierte Arbeit


24. Der relative Mehrwert


In allen Wissenschaften stößt man bei der Untersuchung eines Phänomens im Allgemeinen auf mehrere variable Größen; darum wird im ersten Schritt das Problem vereinfacht, indem nur einige Größen variiert werden und die anderen als konstant gelten. So nimmt z.B. das Fallgesetz eine einfachere Form an, wenn davon ausgegangen wird, die Beschleunigung der Schwerkraft, d.h. die Intensität der Erdanziehung, sei konstant. Fällt der Körper aber nicht aus einer geringen Höhe, sondern beispielsweise von der Umlaufbahn des Mondes, dann ist für eine genaue Messung unerlässlich, Folgendes zu beachten: Verringert sich während des Falls die Distanz zwischen dem Körper und dem Erdmittelpunkt, so wächst gleichzeitig die Anziehungskraft sowie die Beschleunigung. Da man weiß, nach welchem Gesetz diese Beschleunigung wächst, nämlich umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung, kann man, ebenso wie bei konstanter Beschleunigung, auch den Fall bei variabler Beschleunigung errechnen, nur werden die Ergebnisse dann komplizierter sein. Auf die gleiche Art und Weise untersuchten wir die Mehrwertproduktion in dieser vereinfachten Form: Wir gingen davon aus, dass alle Werte, d.h. die der Waren, des Geldes, der Arbeitskraft konstant seien (genauer: das Quantum durchschnittlicher Arbeit, das zur Produktion der einzelnen Waren, des Goldes und der Lebensmittel nötig sei, unverändert bliebe). Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und nehmen an, der Tauschwert der vom Arbeiter benötigten Lebensmittel, also der Wert der Arbeitskraft und der Lohn, verändere sich.

Während in der vorhergehenden Untersuchung die Größe des Kapitals, die Anzahl der Arbeiter, die Dauer des Arbeitstages sowie die Zeit der Mehrarbeit variabel waren, blieb die notwendige Arbeitszeit unverändert. Wir sahen, dass die Mehrwertrate nur durch eine Verlängerung des Arbeitstages ansteigen konnte, während die Masse des Mehrwerts nur dann anwuchs, wenn seine Rate selbst oder die Masse des variablen Kapitals stiegen, was nur durch eine erhöhte Anzahl von Arbeitern möglich war. Den unter solchen Bedingungen produzierten Mehrwert nannte Marx absoluten Mehrwert.

Nun nehmen wir an, dass mit dem Tauschwert der Lebensmittel der Lohn und folglich die notwendige Arbeitszeit variieren kann. Als relativen Mehrwert werden wir dann den Mehrwert bezeichnen, der nicht mehr in der einfachen Verlängerung des Arbeitstages, sondern in der Verringerung des Lohns und der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit seinen Ursprung hat.

Es soll hier noch nicht von aufgezwungenen Lohnkürzungen bei gleichbleibendem Wert der Arbeitskraft die Rede sein, was zwar nicht selten vorkommt, im Vergleich zum für uns relevanten allgemeinen Fall jedoch eine Ausnahme darstellt. Wir sprechen hier von einer Herabsetzung des Lohns bei gleichbleibenden Konsumtionsfonds des Arbeiters durch Verringerung der Kosten (des Werts) dessen, was er konsumiert. Das kommt nur dann vor, wenn die Produktivkraft der Arbeit in den Betrieben steigt, die die Mittel zum Lebensunterhalt produzieren. Damit ein relativer Mehrwert entsteht, ist es also notwendig, dass die Arbeitsproduktivität nicht bei x-beliebigen Waren, sondern bei den Waren, die zum Lebensunterhalt gehören, gesteigert wird.

Obgleich wir den Wert der Waren, die im kapitalistischen Betrieb zum Verkauf produziert werden, bisher als eine Konstante behandelt haben, möchten wir folgenden Einwand aufgreifen: Wie erklärt es sich, dass ein Kapitalist, der eine produktivitätssteigernde Innovation einführt, einen höheren Profit erzielt, obwohl Lohn und Arbeitszeit unverändert bleiben?

In diesem Fall ist der Kapitalist in der Lage seine Ware eine Zeit lang zum alten, höheren Preis oder gar etwas billiger zu verkaufen, denn insofern er mehr produzieren kann und sich einen größeren Marktanteil sichert, wird er durch eine entsprechende Preissenkung seine Mitbewerber aus dem Feld schlagen. Dies ist jedoch nur ein kurzfristiger Vorteil, denn schon bald wird die Konkurrenz seine Rivalen zwingen, ebenfalls die neue Produktionsmethode einzuführen, und ihn zwingen, seine Preise zu senken. Um die notwendige Arbeitszeit verkürzen zu können, muss die Produktivitätssteigerung die Waren betreffen, die die Lebensmittel des Arbeiters liefern, da es dann zu einer definitiven Steigerung des Mehrwerts kommt. Aber auch nur, wenn die Arbeiterklasse es nicht schafft, ihren Lebensstandard, d.h. die Masse der von ihr konsumierten Güter, zu erhöhen. Dies ist eine weitere Größe, die wir vorläufig noch nicht in unsere Untersuchung einbeziehen.

In unserem Beispiel, bei dem der Kapitalist seine Produktionsmethode geändert hat, hat er in der kurzfristigen Zwischenphase jedenfalls nichts anderes getan, als den „Gebrauchswert“ der Arbeitskraft seiner Arbeiter im Verhältnis zum gesellschaftlichen Durchschnitt zu erhöhen, wobei sie nicht einfache, sondern komplizierte Arbeit verrichten, also einen höherem Wert für jede Stunde ihrer Anwendung. Auf diese Weise wurde ohne Änderung des Lohns die notwendige Arbeitszeit verringert, d.h. die Zeit, in der der Arbeiter seinen Lohn reproduzieren würde, wenn er die Produkte selbst verkaufen und den Gewinn aus der technischen Verbesserung, abzüglich der Anteile an konstantem Kapital, selbst einstreichen könnte. Folglich stammt auch in dieser Zwischenphase der größere Mehrwert aus einer größeren Mehrarbeit.


25. Kooperation


Die Stufen, durch die der Kapitalismus einen immer größeren relativen Mehrwert realisiert, indem er die Produktivkraft der Arbeit über die Grenze hinaus steigert, die der unabhängige Arbeiter oder der Handwerker erreichen konnte, kann man wie folgt zusammenfassen: Kooperation, Manufaktur, Maschinerie.

Zuerst übernehmen die Kapitalisten die zünftige Handwerksindustrie, so wie sie sich zur Zeit der handwerklichen Produktion darstellte, mit der gleichen Arbeitsfertigkeit und -aufteilung, den gleichen Werkzeugen oder Instrumenten der Arbeiter des jeweiligen Handwerks. Durch die gleichzeitige Beschäftigung einer größeren Anzahl von Arbeitern kann dennoch eine Steigerung der Produktivität erreicht werden. Auf diese Weise werden nicht nur die mehr oder minder großen individuellen Abweichungen von der durchschnittlichen Leistungsfähigkeit kompensiert, sondern die gleichen Arbeitsgänge können in einer insgesamt kürzeren Zeit ausgeführt werden.

Das ist die einfache Kooperation, die die gleiche, zur Zeit der Werkstatt des Zunftmeisters erreichte technische Arbeitsteilung übernimmt, noch ohne sie zu verändern. Durch die Kooperation wird aber die durchschnittliche Arbeitsproduktivität erhöht: Dies ist ein gesellschaftlicher Vorteil, der erste, der dem Kapitalismus als historischer Verdienst zukommt. Die Kooperation wird jedoch nicht infolge dieser gesellschaftlichen Bedürfnisse durchgesetzt, sondern allein zu dem Zweck, die Mehrwertproduktion zu intensivieren.

Andererseits darf man nicht glauben, der Kapitalismus sei für eine Gesellschaft unentbehrlich, wenn sie die Vorteile der Kooperation nutzen will: Beispiele einer Kooperation im großen Stil finden wir bereits in der Antike, wo Monarchen, Militärführer oder die Priesterschaft über große Massen von Arbeitskräften verfügen konnten (Assyrer, Ägypter usw.). Auch wenn ohne Kooperation kein Mehrwert produziert werden kann, so kann man ebenfalls davon ausgehen, dass die Überwindung des Stadiums der Mehrwertproduktion nicht zum Verlust der gesellschaftlichen Errungenschaft der Kooperation führen wird.


26. Manufaktur


Beim Übergang zur Manufaktur lässt sich eine radikale Änderung feststellen: Die Produktionstechnik der Handwerker hat sich zwar nicht wesentlich geändert, die alte Arbeitsteilung erfährt aber eine Umwälzung in Richtung einer größeren Produktivität.

Die Manufaktur erreicht dies auf zweierlei Wegen.
1.) Zur Produktion von Gegenständen, woran Arbeiter verschiedener Handwerke beteiligt sind (beim Bau einer Kutsche sind dies z.B. Schmied, Tischler, Schneider, Maler usw.), werden diese Arbeiter alle in ein und derselben Werkstatt vereinigt; dort üben sie jedoch nicht alle Operationen ihres Handwerks aus, sondern jeweils nur die besondere Tätigkeit, die für den betreffenden Gegenstand gebraucht wird. In diesem ersten Fall vereinigt die Manufaktur verschiedene Handwerke, engt jedoch das Anwendungsgebiet eines jeden stark ein. Jeder Arbeiter erwirbt somit eine größere Geschicklichkeit und Produktivität in der speziellen Funktion, auf die er sich konzentriert.
2.) Um einen Gegenstand zu produzieren, der vorher die Arbeit eines einzigen Handwerks erforderte (Beispiel: eine Nadel), fraktioniert die Manufaktur die einzelnen sukzessiven Arbeitsgänge dieses Handwerks und dabei spezialisieren sich die Arbeiter in einer einzigen Teiloperation. So wird ein Beruf in viele andere zerstückelt.

Im dem einen wie in dem anderen Fall kommt es mit der Spezialisierung des Arbeiters gleichzeitig zu einer Spezialisierung des Werkzeugs, da das Werkzeug jetzt nur einem einzigen Arbeitsschritt zu dienen hat, wobei es eine Form annimmt, die eine schnellere Handhabung gestattet.

Diese beiden Grundformen nennt man heterogene und organische Manufaktur.

In der Manufaktur verringert sich die notwendige Arbeitszeit aber nicht nur aus den bereits erwähnten Gründen, sondern weiter dadurch, dass in der Manufaktur eine Unterscheidung einführt wird, die das mittelalterliche Handwerkersystem zu vermeiden suchte, nämlich die zwischen Facharbeitern und Hilfsarbeitern, die mechanisch immer die gleichen Verrichtungen ausführen. Da für Letztere die Kosten für die Lehrzeit wegfallen oder sich zumindest stark verringern, folgt daraus eine Senkung des Werts der Arbeitskraft und eine Erhöhung des Mehrwerts.

Hinsichtlich der Arbeitsteilung ist die Manufaktur ein Schritt nach vorne. Aber dieser Prozess hat schon viel früher begonnen; er ist auch im Hinblick auf die Gesamtheit der Gesellschaft zu untersuchen.

Der gesellschaftlichen (notwendigerweise mit dem Warenaustausch einhergehenden) Arbeitsteilung liegt wesentlich die Scheidung von Stadt und Land zugrunde. In der Wirtschaft des Feudalismus ist diese Trennung bereits weit fortgeschritten: während die Bauern über das Land, über das der Feudalherr unumschränkt gebietet, verstreut bleiben, konzentrieren sich die Handwerker in den Städten, wo sie ein ganz anderes materielles, geistiges und politisches Leben führen.

Während die handwerksmäßige Arbeitsteilung eine starke Zersplitterung der Produktionsmittel unter einer Vielzahl von unabhängigen Gewerbetreibenden bedingt, erfordert die manufakturmäßige Arbeitsteilung die Zusammenballung zahlreicher Produktionsmittel in den Händen einzelner Kapitalisten.

Warum sollte es nicht möglich sein, den großen Vorteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung mit einer allgemeinen Organisation der Gesellschaft ohne Kapitalismus zu vereinen? Dies ist nicht nur als Programm für die Zukunft möglich, sondern schon die Vergangenheit liefert uns auch Beispiele von Gemeinwesen, die auf einer unter den Handwerkern organisierten Arbeitsteilung und dem gemeinsamen Besitz des Bodens beruhten (das alte Indien, usw.).

Deshalb bemerkt Marx, dass während die gesellschaftliche Arbeitsteilung den verschiedenartigsten Gesellschaftsformationen angehört, „die manufakturmäßige Teilung der Arbeit eine ganz spezifische Schöpfung der kapitalistischen Produktionsweise“ ist [MEW 23, S. 380]; ihre realen Vorteile werden jedenfalls den Kapitalismus überdauern.

Die Schriftsteller des klassischen Altertums hatten die gesellschaftliche Arbeitsteilung gelobt, weil sie die Produktivität der menschlichen Tätigkeit steigert: sie hatten jedoch mehr die Qualität und den Gebrauchswert als die Quantität und den Tauschwert im Auge.

Erst mit der Epoche der Manufaktur kommt die politische Ökonomie als eigene Wissenschaft auf. Ihre Wortführer sehen die Fragen nur vom Standpunkt des Kapitalismus, d.h. sie betrachten die gesellschaftliche Arbeitsteilung als ein Mittel, um mehr zu produzieren, den Mehrwert zu steigern und die Kapitalakkumulation zu beschleunigen, was sie Hebung des nationalen Reichtums nennen.


27. Die Maschinerie


Da sich die Manufaktur, hervorgegangen aus der engen Grundlage der alten Handwerke, sehr bald als ungenügend erweist, kommt es zum Übergang zur Phase der Maschinerie, die mit der Entstehung mechanischer Werkstätten beginnt, in denen die Werkzeuge und ersten komplizierten Geräte, die bereits in einzelnen Manufakturen verwendet wurden, eingesetzt werden.

Wie die anderen beiden vorhergehenden Phasen (Kooperation und Manufaktur) bedeutet die Einführung der Maschinerie ihrerseits einen entscheidenden Schritt hinsichtlich der Produktivität der menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Arbeit. Dies geschieht allerdings unter dem Druck der kapitalistischen Bestrebungen, den Preis der Waren zu verringern und den relativen Mehrwert zu erhöhen.

Unter Maschine im ökonomischen Sinn versteht man nicht das, was in der Mechanik und Physik als Maschine bezeichnet wird: nämlich jede Vorrichtung, die die Intensität, die Richtung oder den Ansatzpunkt einer darin wirkenden Kraft verändert. So gelten z.B. der Keil, der Hebel usw.in der Physik als Maschinen, vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, handelt es sich jedoch um einfache Werkzeuge. Genauso wenig kann man ein Gerät als Maschine bezeichnen, das statt von Menschen durch andere Naturkräfte wie Tiere, Wasser, Dampf usw. bewegt wird. Sprechen wir von Maschinen, so unterscheiden wir zwischen Werkzeugmaschinen und Bewegungsmaschinen. Letztere erzeugt durch mechanische Mechanismen und thermische, chemische oder elektrische Energie usw. eine bestimmte, zweckmäßig übertragende Bewegung, die die Werkzeug- bzw. Arbeitsmaschine in Bewegung setzt, wodurch Bewegungen und Operationen ausgeführt werden, die zuvor der mit einem relativ einfachen Werkzeug bestückten Menschenhand anvertraut waren.

Aber auch Werkzeugmaschinen, die von Menschenhand angetrieben werden, verdienen die Bezeichnung Maschinen im ökonomischen Sinn, da der Mensch dabei eine einfache und kontinuierliche Bewegung ausführt.

Das Eingreifen des Menschen ist hier rein zufällig und könnte ebenso durch einen mechanischen Motor ersetzt werden, z.B. in dem man an einer Nähmaschine einen Elektromotor anbringt.

Der Arbeiter greift, wohlverstanden, immer dann ein, wenn es die Bewegungen der Werkzeugmaschine zu lenken und zu berichtigen oder die der Antriebsmaschine zu bedienen gilt, so wenn er den Stoff unter die Nadel der Nähmaschine führt oder den Schalter des Motors betätigt.

Die Handwerkerinstrumente waren die ersten Maschinen, der Arbeiter musste mit seiner Körperkraft die Triebkraft liefern, um sie in Bewegung zu setzen. Dann ersetze man den Menschen durch Tiere oder fuhr mit der uralten Methode fort, Energie aus den Wasserläufen und dem Wind zu gewinnen. Die wahre mechanische Revolution kam jedoch erst mit der Erfindung der Dampfmaschine, die in der Lage war, gleichzeitig eine große Anzahl von Werkzeugmaschinen anzutreiben. Was folgte war die industrielle Anwendung der Elektrizität, die es ermöglichte, die Wasserkraft über große Entfernungen auszunutzen.

Es stellt sich nun die Frage, ob unsere Theorie über den Wert (Produkt der Arbeit) und Mehrwert (Produkt der Mehrarbeit) dazu taugt, die ökonomische Erscheinung der Maschinerie gründlich darzulegen, und zu erklären, warum dies eine Quelle von relativem Mehrwert ist.

Die Maschine gehört zu den Elementen des konstanten Kapitals. Sie überträgt also auf das Produkt einen Bruchteil ihres eigenen Wertes, der umso kleiner ist, je größer ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Verschleiß, d.h. je größer ihre Haltbarkeit ist. Umgekehrt ist dieser Anteil umso größer, je mehr Treibstoffe, Schmiermittel usw. die Maschine verbraucht, wobei wir diese dem Wert der (indirekten) Rohstoffe zurechnen, die ebenfalls als konstantes Kapital dem Produkt einverleibt werden. Die Maschine sollte daher dem Wert und Preis des Produktes etwas hinzufügen.

Nach unserer Auffassung hängt der Wert der Maschine von der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit ab, die zu ihrer Produktion nötig war. Je weniger die Maschine kostet, je weniger Energie sie verbraucht, desto produktiver wird sie sein, in dem Sinne, dass der entsprechende Anteil, der zum Wert des Produktes hinzukommt, kleiner ist.

Zweifellos ist es so, dass die Maschine mehr Arbeit enthält und wesentlich teurer ist als die einfachen Werkzeuge des Handwerkers oder selbst der Manufaktur.

Bei der Maschinerie scheint also das Arbeitsmittel bei der Bildung des Produktwertes einen größeren Wertanteil hinzuzufügen. Das ist richtig, wird aber durch folgendes wieder wettgemacht: die Maschine ersetzt ja – bei gleicher Produktenzahl – eine erhebliche Anzahl von Arbeitern, wodurch sich die Ausgaben für die Löhne verringern und es insgesamt zu einer Verringerung des Produktenwertes kommen kann. Obschon also die Produktionsanlagen der Maschinerie, im Verhältnis zum gleichen Produktenwert, höhere Kosten als die der Manufaktur mit sich bringen, können – wenn die Leistungsfähigkeit der Maschinerie so groß ist, dass sich dadurch der Wert der Produkte (Summe der benötigten Arbeit) verringert – die Kosten der mechanischen Anlagen, in absolutem Wert gerechnet, vermindert werden.


28. Ersetzung der Arbeiter durch Maschinen


Es stellt sich nun die Frage, ob die Maschine mehr Lohnkosten einspart als der Erhalt der Anlagen kostet. Ein solcher Vorteil kann selbst dann auftreten, wenn – was immer der Fall ist – die Maschine einiges mehr kostet als das Werkzeug.

Nehmen wir wieder die bereits bekannten Notationen und wiederholen wir, wie sich der Profit des Unternehmens zusammensetzt:
p=u-(c+v)=u-(q+r+h+ltn)

Die Einnahmen (u = Umsatz) abzüglich der Ausgaben (jährliche Amortisationsquote q der festen Betriebsanlagen plus Rohstoffe r plus Hilfsstoffe h plus Anzahl der Arbeiter n mal jährliche Arbeitstage t mal Tageslohn 1) ergeben den Gesamtprofit.

Zur Erinnerung: das variable Kapital besteht aus v = ltn und die Mehrwertrate aus

m^*= m/v

In diesem Betrieb wird nun eine Maschine eingeführt, die den Wert a‘ und eine jährliche Amortisationsquote q‘ hat. Diese Maschine verbraucht Hilfsstoffe (z.B. Kohle) mit einem Wert von h‘. Sie ermöglicht es, n‘ Arbeiter „einzusparen“, die insgesamt einen Jahreslohn von ltn‘ erhielten. Der Kapitalist hat Mehrkosten von: q‘ + h‘, und eine Kostenersparnis von: ltn‘.

Er wird es also für zweckmäßig halten, die Maschine einzusetzen, sobald ltn‘ größer als q‘ + h‘ ist.

Auch wenn sich die beiden Posten decken und der Kapitalist sich noch nicht veranlasst sieht, eine Maschine einzusetzen, würde ihre Anwendung doch einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Der Posten ltn‘ stellt nämlich bezahlte Löhne, d.h. den Wert der Arbeitskraft dar; der Posten g‘ + h‘ hingegen stellt den auf dem Markt bezahlten Preis dar, d.h. einen Wert, der einer zur Gänze bezahlten Arbeit entspricht (den Arbeitern gezahlte notwendige Arbeit, sowie die Mehrarbeit, die sich der andere Kapitalist, der Maschinenproduzent usw., einsteckt). Gesellschaftlich gesehen wäre die Ersetzung also zweckmäßig, da in die Maschinen und Hilfsstoffe wesentlich weniger Arbeitstage investiert wurden als die eingesparten tn‘ ausmachen (immer bei gleichem Produkt).

Schauen wir nun, was mit dem Mehrwert geschieht. Angenommen, der Kapitalist führt selbst bei gleich hohen Kosten die Maschine ein, so sinkt das variable Kapital von ltn auf lt (n – n’).

Die Mehrwertrate wächst folglich von
m^*= m/v= m/ltn

auf
m^*= m/(lt (n-n^'))

Da der Nenner nun kleiner geworden ist, ist die Mehrwertrate größer (wenn z.B. die Zahl der Arbeiter von 100 auf 50 gesunken ist, hat sich die Mehrwertrate verdoppelt).

So ergibt sich ein relativer Mehrwert, d.h. eine Steigerung des Mehrwerts (hier nur der Rate), ohne den Arbeitstag zu verlängern.

Es kann so aussehen, als ob das den Kapitalisten überhaupt nicht interessieren würde, hat er doch schließlich nichts anderes getan, als einen Teil seiner Investitionen vom variablen Kapital auf das konstante Kapital zu verlagern, ohne dass (vorläufig) der Profit zugenommen hätte. Das ist jedoch nur der Schein. Wir werden später versuchen, den vollständigen Vergleich zwischen der marxistischen Analyse und dem kapitalistischen Buchführungssystem, den Marx im III. Band des „Kapitals“ vornimmt, auf wenige Formeln zu reduzieren, im Augenblick wollen wir nicht näher darauf eingehen. Wir wollen nur folgendes festhalten: Die Summe des konstanten Kapitals q’ + h’, mit der unser Kapitalist (bei gleichbleibender Masse des Mehrwerts m‘) eine gleichgroße Summe Lohnkosten ersetzt hat, ist ihrerseits ein Produkt von Arbeit, die vorher nicht geleistet wurde (d.h. bevor Maschinen und Kohle notwendig wurden). Ein anderes Kapital (ein anderes, was den Besitzer betrifft, in Wirklichkeit jedoch dasselbe, das vorher in den Lohn der n’ Arbeiter investiert wurde) realisierte mit diesen Produkten seinerseits einen Mehrwert, folglich ist der gesamte Mehrwert gestiegen.

Nehmen wir nun an, dass die Ersetzung eines Teils der Lohnkosten durch die Maschinenkosten breiten Nutzen mit sich bringt, so wie es real der Verbreitung der Maschinerie entspricht. Bliebe der Preis der verkauften Produkte der gleiche, würde der Profit enorm steigen, und die Mehrwertrate (Mehrwert geteilt durch Lohnkosten) würde aus zwei Gründen steigen: weil der Zähler größer und der Nenner kleiner wird.

Die Wirkung der Maschinerie, sobald sie sich genügend verallgemeinert hat, ist, die Waren zu geringeren Kosten, d.h. mit einer geringeren Summe Arbeit, produzieren zu können. Kaum ist nämlich das Gleichgewicht erreicht, bzw. sind die allgemeinen Bedingungen unserer Hypothese wiederhergestellt – wonach alles zum richtigen, durch Arbeitszeit bestimmten Preis bezahlt wird –, werden die Preise der Produkte des betreffenden Betriebs im selben Verhältnis wie die darin enthaltene Arbeit sinken. Sie müssen zwangsläufig sinken, und zwar nicht deshalb, weil sich der Kapitalist das zum Ziel gesetzt hat, sondern weil die Konkurrenz ihn dazu zwingt. Die Neuerung wird er allerdings nicht bereuen müssen, und zwar aus folgendem Grunde: Im Produkt war eine Arbeit enthalten, die sich nun um tn’ Arbeitstage verringert hat. Es stimmt zwar, dass nun die in q’ + h’ enthaltenen Arbeitstage im Produkt erscheinen, diese Anzahl ist jedoch kleiner, a) aufgrund der darin enthaltenen Mehrarbeit und b) weil wir angenommen haben, dass q’ + h’ kleiner als ltn’ ist. Folglich wird das Produkt zu einem geringeren Preis bezahlt; die verringerten Produktionskosten führen zu einer Preissenkung in folgendem Verhältnis:

(q+h+r+q^'+h^'+lt (n-n^'))/(q+h+r+ltn) ((neue Produktionskosten))/((alte Produktionskosten))

Es scheint also, dass auch im zweiten Fall (den neuen Bedingungen) der Profit p‘ wieder auf den Wert p sinkt.

Wenn wir jedoch ein allgemeines Gleichgewicht zugrunde legen, das nach der Verbreitung der Maschinerie eingetreten ist, folgt daraus, dass die gleichen Erscheinungen, die wir beim einzelnen Betrieb beobachten konnten, auch in allen anderen Betrieben aufgetreten sind. Demzufolge sinken die Preise nicht nur bei den neuen Produkten a’ (Maschinen) und h’ (Kohle), sondern auch bei den alten Ankäufen von a und h und ebenso bei den Lebensmitteln und folglich beim Lohn v. Dank dieses allgemeinen Ausgleichs erfolgt eine Preissenkung, ohne dass sich dabei der Profit und dessen Anstieg (der durch die Einführung der Maschinen stattgefunden hatte) verringern. Trotz des Sinkens der Produktenpreise wird die Mehrwertmasse auf ihrem höheren Niveau bleiben, die Mehrwertrate sogar ansteigen und die Produktion von relativem Mehrwert Spitzenwerte erreichen.

Dabei haben wir noch nicht die historisch-gesellschaftlichen Auswirkungen der Maschinerie in Betracht gezogen: allgemeines Anwachsen der Masse des Konsums und der Anzahl der von der Industrie absorbierten Arbeiter.

Nebenwirkungen der Maschine, die alle dazu beitragen, den Mehrwert zu steigern, sind:
a) die Möglichkeit, Frauen- und Kinderarbeit zu gebrauchen;
b) die Möglichkeit, den Arbeitstag zu verlängern, weil die Arbeit jetzt weniger Anstrengung und Aufmerksamkeit verlangt;
c) die Intensivierung der Arbeit, d.h. die Steigerung der Arbeitsleistung durch vermehrte Kraftanstrengungen des Arbeiters je Zeiteinheit, was eine aufgezwungene Kürzung der täglichen Arbeitszeit kompensieren kann.


29. Weitere Merkmale der Maschinerie


Eine unmittelbare Folge der Einführung von Maschinen war die Entlassung einer großen Anzahl von Arbeitern, was wahre Revolten und dann auch die Zerstörung von Maschinen durch das wütende Volk bewirkte. Ein klassisches Beispiel ist die Bewegung der Ludditen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England, die von der Regierung mit außerordentlicher Gewalt niedergeschlagen wurde.

Das Auftreten der kapitalistischen Manufaktur hatte keine derartigen Konflikte hervorgerufen. Wenn es auch einen Widerstand seitens der Handwerkerzünfte gegen die neuen Fabriken gab, so gab es jedoch keinen Konflikt zwischen Lohnarbeitern und Kapitalisten.

Die Einführung der Maschinen hingegen hatte ganz andere Folgen und führte aufgrund des Elends zu wahren Tragödien.

Die Arbeiter konnten nicht verstehen, dass diese Missstände nicht von der Technik der Maschinerie herrührten, sondern von deren gesellschaftlicher Anwendung.

Bei der Einführung der Maschinen bemühten sich viele bürgerliche Ökonomen, das System der Maschinerie trotz all seiner Missstände zu rechtfertigen und zu verteidigen, natürlich ohne einzugestehen, dass diese Missstände auf den kapitalistischen Einsatz der Maschinerie zurückzuführen sind. Unter anderem führten die Apologeten die sogenannte Kompensationstheorie an, der zufolge die durch die Maschine bewirkte Verringerung der Arbeitskosten (Löhne) eine Freisetzung von Kapital bedeute, welches dann anderswo eingesetzt werden könne und anderen Arbeitern „Arbeit verschaffe“. Dies erinnert an jene vulgäre Schlussfolgerung, wonach die Kapitalisten, indem sie einen großen Teil des gesellschaftlichen Produkts der menschlichen Arbeit verkonsumieren, den Arbeitern dadurch mehr Arbeitsmöglichkeiten bieten, sodass sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das ist, als ob man vorschlagen würde, nicht das Mehrprodukt nach einem gerechteren Verteilungssystem zu konsumieren, sondern überhaupt auf seine Produktion zu verzichten.

Zur Kompensationstheorie reicht es, Folgendes zu bemerken: Auch wenn die Lohnkosteneinsparung nicht größer ist als der Wert der gekauften Maschine, stellt sie eine viel größere Anzahl von Arbeitstagen dar, während im Maschinenwert und in der vom Kapitalisten eingesparten – bzw. reinvestierten – Differenz die Lohnkosten nur einen Bruchteil ausmachen, der Rest wird durch Investitionen in anderes konstantes Kapital und durch Mehrwert abgedeckt. Die Vulgärökonomen betrachteten die Frage jedoch hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Arbeits- und Lebensmittelmarkt, d.h. aus dem Blickwinkel ihres Gesetzes von Angebot und Nachfrage.

Auch auf dieser Ebene könnte man sie einer Kritik unterziehen. Durch die Senkung der Lohnkosten und den verminderten Kauf von Lebensmitteln seitens der arbeitslosen Arbeiter wird das Angebot von Lebensmitteln die Nachfrage übersteigen, wodurch die Lebensmittelpreise sinken. Aber auch das Angebot an Arbeitskräften wird steigen, wodurch deren Preis ebenfalls sinkt, und in den lebensmittelproduzierenden Betrieben wird die verringerte Nachfrage zu weiteren Entlassungen führen.

Das Rätsel der Widersprüchlichkeit der Maschinerie kann nur durch die vollständige Verurteilung ihrer kapitalistischen Anwendung gelöst werden. Im schlechtesten Fall könnte die Gesellschaft mit den Maschinen eine große Arbeitsmenge bei gleichbleibendem Lebensmittelfond sparen, doch wahrscheinlicher ist, dass er sich vermehrt. Ein durchschnittliches Ergebnis wäre: weniger Arbeitslast und mehr Lebensmittel. Aber die relativen Mehrwert generierende Maschinerie trennt die tatsächlichen Produzenten von ihren Lebensmitteln und erhöht den Teil dieser Lebensmittel, der ihnen zu Gunsten der Nicht-Arbeitenden entzogen wird.

Nach den anfänglich brutalen Auswirkungen, welche die Einführung der Maschinerie hervorrief, kam es in der Folge auch unter dem Kapitalismus – neben einer intensivierten Mehrwertauspressung – zu einer tatsächlichen Ausweitung der Nachfrage nach Arbeitskräften. Im Zusammenspiel mit der Produktion von Maschinen oder mit anderen Bedürfnissen des Maschinensystems entstanden nämlich neue, vorher unbekannte Industriezweige (Eisenbahnen, Motor betriebene Schifffahrt, Automobilindustrie, Beleuchtung und Heizung mit Gas und Elektrizität, Fotographie und Film, Telegraphie, Funk- und Fernsprechwesen, Luftschifffahrt usw.).

Wir brauchen hier die Analyse der technischen Revolution, die die Maschinerie in der Produktion hervorrief, nicht weiter vertiefen. Die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Märkten werden allesamt umgestoßen: Länder, in denen sich die Industrie zuerst entwickelte, können die Auslandsmärkte mit ihren billigen Produkten überfluten, und die anderen Länder müssen sich damit begnügen, Rohstoffe und Lebensmittel für die industrialisierten Länder zu produzieren. Massen von Arbeitskräften werden freigesetzt, wodurch Auswanderung und Kolonialisierung einen starken Auftrieb erfahren. Zu Marx’ Zeiten standen die Vereinigten Staaten von Amerika in einem solchen Verhältnis zu England, d.h. sie nahmen Bevölkerung und Industrieprodukte auf und lieferten dafür Landwirtschaftsprodukte und Rohstoffe. Dieses Verhältnis hat sich heute total verändert, und wenn es sich auch nicht umgekehrt hat, so stellt die amerikanische Industrie doch einen Konkurrenten dar, der fähig ist, die europäische Industrie zu überrennen.

Ebenso wenig ist es nötig, die Theorie der Überproduktionskrisen und die damit eng verbundenen Phänomene des industriellen sowie militärisch-kolonialen Imperialismus zu behandeln.

Kurzum, die große Industrie geht von Anbeginn mit einer vollständigen Umwälzung der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit einher.

Auch werden wir hier nicht die bekannten Probleme anschneiden, die durch das Fabriksystem hervorgerufen werden und Gegenstand der Forderungen der Berufsgewerkschaften und der sogenannten Sozialgesetzgebung sind (Arbeitsdisziplin, Arbeitshygiene, Unfallschutz, das Problem der Invalidität, Arbeitslosigkeit, Nachtarbeit, Frauen- und Kinderarbeit usw.).


30. Große Industrie und Agrikultur


Schließlich streift Marx die Wirkungen der großen Industrie auf die Landwirtschaft, ein Thema, das er an anderer Stelle ausführlich behandelt. Marx hebt hervor, dass die durch die neuen Methoden den Produzenten zugefügte „Zerstörung“ aufgrund der kapitalistisch angewandten neuen technischen Errungenschaften hier noch in verschärfter Form auftritt, und er fügt hinzu, dass die intensive Ausbeutung auch die im Boden konzentrierte Fruchtbarkeit erschöpft. Die spätere Entdeckung der chemischen Düngemittel erlaubt es, diesen Fruchtbarkeitsverlust auf künstliche Weise zu kompensieren. Nichtsdestoweniger behält das Marx’sche gesellschaftliche Argument seine Richtigkeit, insofern es besagt, dass, auch wenn der Kapitalismus die Widersprüche hinsichtlich der großen Industrie relativ leicht überwinden konnte, der Gebrauch der Maschinerie im Ackerbau nur schwerlich durchführbar ist. Für eine Verwirklichung der technischen Revolution in der Landwirtschaft ist die Anwendung der maschinellen Technik auf gesellschaftlicher Ebene und unter zentraler (statt privater) Leitung unerlässlich. Bestätigt wird dieser Standpunkt vom Kontrast zwischen dem Vormarsch der Industrie und der immer noch rückständigen Entwicklung eines großen Teils der Landwirtschaft in der ganzen Welt. Dem entspricht auch die programmatische Richtlinie, wonach die Vergesellschaftung des industriellen Kapitals eine der Industrialisierung der Agrikultur deutlich vorausgehende Etappe darstellt. „Die kapitalistische Produktion“ – so schließlich Marx – „entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ [MEW 23, S. 529/30].


31. Historische Wechselfälle der Mehrwertproduktion – Entwicklung der politischen Ökonomie


Fassen wir den von uns beschrittenen Weg zusammen: Wir untersuchten den Austausch von Waren, wobei wir die Ware als ein Produkt der menschlichen Arbeit betrachten, welches, anstatt von seinem Produzenten konsumiert zu werden, gegen ein anderes, von ihm benötigtes Produkt ausgetauscht wird. Wie auch immer der Tauschmechanismus oder seine Vermittlung aussehen mag, die Regel ist immer folgende: Der Austausch findet zwischen Gegenständen statt, die im Durchschnitt die gleiche Arbeitszeit „gekostet“ haben.

Zwischen den arbeitenden und austauschenden Menschen entstehen jedenfalls immer komplexere Beziehungen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt – nach der Verallgemeinerung des Austausches, der Ausbreitung der Arbeitsteilung und dem Auftreten des Geldes – scheint unser Gesetz Schiffbruch zu erleiden, da durch die Tauschakte Wert-, d.h. Mehrwertdifferenzen auftreten, denn es gibt einige (unter den Geldbesitzern), die auf den Markt kommen und wieder gehen, nachdem sie „Gewinn gemacht“ haben, d.h. eine größere Summe an Produkten mitnehmen, als sie gebracht haben.

Auch vor der warenproduzierenden Gesellschaft und auch in anderen Bereichen als dem Markt gab es (und gibt es) Fälle, wo Individuen einen ähnlichen Gewinn durch die Aneignung fremder Produkte realisieren. In diesen Fällen aber wurden ihnen die Produkte direkt und ohne materielle Gegenleistung ausgehändigt, aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse, deren Gewaltcharakter offensichtlich war: Es handelte sich dabei um plündernde Volksstämme, um militärische, priesterliche oder feudale Führer, Sklavenhalter und dergleichen.

Aber seit der Mehrwert auf der Grundlage der Warenproduktion auftritt und durch friedliche und rechtmäßige Beziehungen realisiert zu werden scheint, können wir dies als Geburtsstunde des Kapitalismus festhalten. Dem Anschein nach ist ein solcher Mehrwert keine Aneignung fremder Produkte und folglich auch nicht fremder Arbeit.

In jeder Geschichtsepoche erlaubte die Mehrarbeit sowohl Individuen als auch ganzen Gemeinschaften zu verhindern, das gesamte Produkt zu konsumieren, was jene Akkumulation von Sachgütern ermöglichte, die für das Leben einer sich immer stärker fortentwickelnden Gesellschaft notwendig ist und gemeinhin als Reichtum bezeichnet wird.

In der Antike schien es bei den ersten Versuchen, die ökonomischen Erscheinungen zu theoretisieren, völlig klar, dass jeder Mehrwert aus kostenloser Arbeit (für uns: Mehrarbeit) entspringt und dass die Quelle des Reichtums die Arbeit ist.

Natürlich gibt es auch nicht vom Menschen produzierten, sondern von der Natur geschaffenen Reichtum, den sich – ohne zu arbeiten – nur populationsarme Völker mit einfachen Bedürfnissen zunutze machen können. Als die Wirtschaft aber nicht mehr auf der Arbeit der Sklaven oder der im Krieg Besiegten, sondern auf der der Bauern beruhte, die für den christlichen Feudalherren in moralischer Hinsicht seinesgleichen waren, entstand die Theorie, dass die Produktion von Reichtum eine Gabe der Natur sei. Der Zweck dieser Theorie bestand darin, das Gewaltverhältnis zu verdecken, durch welches der Grundbesitzer den Bauern dazu zwang, nicht nur für seinen eigenen Bedarf zu arbeiten, sondern darüber hinaus Mehrarbeit, sprich Mehrprodukt an den Feudalherren zu liefern.

Diese Auffassung, der zufolge allein die agrarische Produktion einen Mehrwert hervorbringt, behauptete sich in der Schule der Physiokraten.

Als nach den großen geographischen Entdeckungen der Handel eine weltweite Verbreitung erfuhr und sich damit über die Agrarwirtschaft stülpte, entstand die Schule der Merkantilisten, die die absurde Theorie aufstellte, dass weder Natur noch Arbeit, sondern schlicht der Austausch den Reichtum produziere; der Mehrwert würde bei jedem Tauschakt entstehen. Ihr grundlegendes Gesetz – jeder Austausch erfolgt zwischen Nicht-Äquivalenten – ist die Negation unserer Auffassung.

Doch der Kapitalismus erschien auf der Bildfläche und damit tauchten auch neue Wirtschaftslehren und neue Erklärungen für den Mehrwert und den Ursprung des Reichtums auf. Infolge der großen Erwerbstätigkeit in der Manufakturindustrie drängt sich das wirkliche Verhältnis auf, wonach jeder Reichtum durch Arbeit entsteht. Ricardo verhilft dieser Theorie zum Sieg und seine Schule verkündet, dass der Mehrwert aus der Produktivkraft der Arbeit entspringt (klassische politische Ökonomie).

Von da an sind die Theoretiker der kapitalistischen Klasse nicht mehr Theoretiker einer revolutionären, sondern einer konservativen Schicht. In der wissenschaftlichen Untersuchung der Wirklichkeit können sie über den erreichten Punkt nicht hinausgehen.

Wenn auch die neue warenproduzierende Industriegesellschaft jedes feudale und theokratische Hindernis für die moderne Entwicklung der Naturwissenschaften endgültig aus dem Weg räumte, so war sie doch weit davon entfernt, der Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften ebenfalls freien Lauf zu lassen.

Ricardo und seine Anhänger wissen, dass der Wert der Arbeit entstammt, sie wagen es jedoch nicht, daraus zu folgern, dass der Mehrwert der Mehrarbeit entstammt, denn dann hätte der kapitalistische Profit seinen Grund nicht in einer unmittelbar vorgefundenen Eigenschaft der modernen organisierten Arbeit, sondern müsste auf ein Zwangsverhältnis zurückgeführt werden.

Die offiziellen Ökonomen zu Zeiten von Marx verfochten also mit allen möglichen Argumenten die Ansicht, dass der Mehrwert eine „natürliche“ und „notwendige“, der produktiven Arbeit inhärente Gegebenheit sei und die Gesellschaft sich folglich entwickeln würde, ohne ihn jemals abzuschaffen. Die zahlreichen späteren ökonomischen Richtungen hingegen sollten sich – unter dem Vorwand der Objektivität und wahrer wissenschaftlich-positiver Bedeutung – dadurch entwickeln, dass sie einen Wust von Material zusammentrugen, sich jedoch weigerten, einfachste Synthesen herauszuarbeiten. Der Profit wird zu einem einfachen Kassenabschluss, zu einer arithmetischen Differenz zwischen den beiden Posten: Einnahmen und Ausgaben, während sein Ursprung sich mit cleverer Flexibilität überall aufspüren lässt: in der Ausbeutung der Naturschätze, in der Arbeit, den Vorgängen des Austausches usw. Man behauptete, es sei unmöglich, in der Ökonomie wissenschaftliche Gesetze oder gar Hypothesen über kausale Zusammenhänge aufzustellen, mit dem berühmten Argument, das menschliche Handeln sei ein unwägbarer Faktor, und die Ökonomie habe sich auf einfache Statistik zu beschränken. Mit der gleichen Argumentation könnte man auch die Gesetze der Mechanik und der Chemie anfechten, denn trotz zahlloser Beobachtungen und Erfahrungen hat man z.B. das Trägheitsgesetz noch nie in reiner Form verwirklicht gesehen (was praktisch die Absurdität eines Perpetuum mobile bedeuten würde), genauso wenig wie ein reales Teil Materie, das so zusammengesetzt wäre, dass das Verhältnis zwischen seinen einzelnen Komponenten das von der Molekulartheorie aufgestellte Modell mathematisch fehlerfrei zum Ausdruck brächte.

Im Gegensatz hierzu ist die marxistische Lösung glasklar: Wert und Reichtum finden ihren Ursprung in der Arbeit, der Tausch findet nur zwischen Äquivalenten statt. Wo produktive Arbeit und Austausch von Produkten zu finden sind, tritt nicht zwangsläufig Mehrwert auf, und er ist auch kein notwendiges Charakteristikum einer hochentwickelten gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Er stellt Mehrarbeit, d.h. unbezahlte Arbeit dar, und deshalb ist die unerlässliche Bedingung für seine Produktion ein gesellschaftliches Kräfteverhältnis, welches den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln und Produkten trennt und ihn zwingt, seine Arbeitskraft zu veräußern – für ihn das einzige Mittel, sich seine Lebensmittel zu verschaffen.

Dem Ursprung und der Größe des kapitalistischen Profits liegt die Aneignung von Mehrarbeit zugrunde. Falsch ist die These, es könne keine produktive Arbeit ohne Mehrwertproduktion geben. Marx geht mit einer wissenschaftlichen Methode vor, die die vulgären Kritiker als kaltblütige Analyse des Kapitalismus bezeichnen, die sich gegen jede Zustimmung wie auch Verurteilung sperre und die weitere graduelle Entwicklung des Kapitalismus klar und deutlich voraussehen lasse. Die Tatsache, dass das „Kapital“ kein programmatisches Manifest und kein Forderungskatalog ist, lässt diese Leute glauben, dahinter stecke als Programm die Duldung anhaltender weiterer Wechselfälle des kapitalistischen Regimes, und die gesetzlichen Regelungen Englands und anderer Länder stünden als wünschenswerte und zufriedenstellende Forderungen seitens der Arbeiterklasse zur Debatte. Marx hatte diese gesetzlichen Bestimmungen bei der Beschreibung der zeitlichen Aufeinanderfolge der verschiedenen Phasen der bürgerlichen Entwicklung allerdings dargelegt und untersucht, um zu beweisen, dass sich die ökonomische Theorie – Gegenstand der Darstellung und Beweisführung des Autors – sehr wohl darauf anwenden lässt. Jenes grobe oder gar gewollte Missverständnis beruht auf der Tatsache, dass das Buch wissenschaftlich vorgeht, und dass die von ihm und der marxistischen Schule auf Wirtschaft, Gesellschaft und Geschichte angewandte wissenschaftlich Methode darin besteht, alle ideologischen Vorurteile moralischer Natur als bar jeder Bedeutung aus der Untersuchung auszuschließen. In der Forschungsarbeit geht es darum, die Tatsachen als gegeben anzunehmen, ihre Gesetze zu bestimmen und auf deren Grundlage ihren weiteren Entwicklungsgang zu verfolgen und vorauszusehen. Es ist nicht nötig darauf einzugehen, wie und warum diese Aufgabe nicht im mindesten der Aufgabe eines aktiven Eingreifens widerspricht, sondern im Gegenteil dadurch ergänzt wird, wobei es nicht um die Intervention von geistigen Kräften oder erleuchteten und schöpferischen Individuen geht, gemeint ist vielmehr eine kollektive Kraft, deren Wirkungsspähre sich je nach Situation mehr oder weniger ausdehnt. {Wir haben hier auf die Fragen des Determinismus und der selbständigen Initiative angespielt, die in einer Abhandlung über den theoretisch-philosophischen Aspekt des Marxismus zu behandeln sind, ebenso wie auf die Fragen über Funktion und Taktik der Partei, die bereits in Thesen und politischen Texten ausgeführt wurden.}

Wir sagen das, weil der V. Abschnitt des „Kapital“ ein Beispiel dafür ist, wie man das Werk Marx’ zu lesen und zu verstehen hat.

Zuerst wird der Mehrwert mit Hilfe der empirischen Methode untersucht, d.h. auf der Grundlage einer Hypothese, die für die empirisch gewonnenen Daten eine Erklärung und ein Maß liefert. Es wird also die oben erwähnte These untersucht, wonach der Mehrwert von der produktiven Arbeit nicht zu trennen ist. Zunächst wird sie im Lichte der historischen Gegebenheiten betrachtet: So ist es falsch, dass mit dem Erscheinen der produktiven Arbeit auch der Mehrwert aufgetreten ist, denn solange der Produzent im Besitz seines Arbeitsinstruments bleibt, ist er in der Lage, sich die Rohstoffe zu verschaffen und es bleibt ihm überlassen, ob er seine Produkte veräußern will oder nicht, wenn er sie aber veräußert, dann ausschließlich zu seinem eigenen Nutzen. Er arbeitet nur solange als nötig, um seinen Lebensbedarf zu decken, d.h. er beschränkt sich auf die notwendige Arbeitszeit. In den ursprünglichen Gesellschaften sind nicht nur die erreichte Produktivkraft, sondern auch die Bedürfnisse äußerst gering, und insbesondere dort, wo Klima und Fruchtbarkeit des Bodens vorteilhaft sind, ist die notwendige Arbeitszeit niedrig. Es bedarf eines gewaltsamen Eingriffs, der einen Teil der Gesellschaftsmitglieder einem anderen Teil unterwirft, um diese dazu zu zwingen, zum Nutzen der Anderen weitere Zeit zu arbeiten. Wenn es daher stimmt, dass ein bestimmter Grad an Produktivität erreicht sein muss, damit der Mehrwert auftritt, ist es doch falsch zu sagen, dieser habe seinen unmittelbaren Ursprung in der Arbeit, und so fehlt es auch nicht an historischen Beispielen von Arbeit ohne Produktion von Mehrwert.

Die Gegenüberstellung mit den historischen Daten genügt, um die unbegründete und metaphysische Behauptung: Mehrwert und Profit seien unerlässlich, zu widerlegen, weshalb der dritte Punkt der Ableitung auch eine auf der Hand liegende Ergänzung ist: Es wird möglich sein, den Mehrwert und mit ihm den Kapitalismus abzuschaffen, und gleichzeitig die Produktivkraft der Arbeit, so wie sie sich im Lauf der verschiedenen untersuchten Phasen mit ihren gewaltigen Steigerungen fortentwickelt hat, aufrechtzuerhalten.

„Die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsform erlaubt den Arbeitstag auf die notwendige Arbeit zu beschränken. (...)
Intensivität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schicht zuwälzen kann“ [MEW 23, S. 552].

Es geht also nicht darum, Abmilderungen vorzuschlagen oder kleine, nebensächliche Änderungen der wirtschaftlichen Ordnung zu predigen, sondern um die denkbar radikalste Position: Die Abschaffung des Kapitalismus selbst, wozu alle angeblichen Beweise für die gesellschaftliche Notwendigkeit und Immanenz seiner Grundlagen, auf denen er sich erhebt, aus dem Weg geräumt werden. An anderer Stelle wird der darauffolgende Schritt behandelt: dass dieser Übergang nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Und in einem weiteren Schritt, als nicht mehr allein Fragen der Wissenschaft sondern der Aktion zur Sprache kommen, wird bewiesen, wie und mit welchen Kräften eine positive Aktion, deren Postulat keineswegs der festgestellten historischen Determination widerspricht, in dieser Richtung durchgeführt wird.


32. Aufteilung des von der Arbeit produzierten Werts zwischen Kapitalist und Arbeiter


Nachdem wir in groben Zügen die historische Veränderung der Länge des Arbeitstages und der technisch bedingten Produktivkraft der Arbeit nachgezeichnet haben, wollen wir nun die Gesetze dieser Veränderungen quantitativ untersuchen. Im Nachfolgenden werden wir den Wert des Geldes, welches als Maß für den Wert jeder anderen Ware dient, als konstant betrachten. Wir unterstellen, dass die Herstellung eines kg Gold immer die gleiche durchschnittliche Arbeitszeit kostet und immer dieselbe Geldsumme darstellt, was heißt, wir setzen die Äquivalenz z.B. zwischen einer Arbeitsstunde und 3 Euro immer als konstant voraus.

Den bereits behandelten Größen fügen wir eine neue hinzu: die Produktivkraft der Arbeit, d.h. die Fähigkeit innerhalb einer Zeiteinheit mehr oder weniger Produkte herzustellen. Während sich diese Quantität auf die gesellschaftlich durchschnittliche Produktivkraft der Arbeit bezieht, bezieht sich die Intensität der Arbeit auf die Produktivität eines einzelnen Betriebes, die von der durchschnittlichen Produktivität mehr oder weniger abweicht. So kann zum Beispiel die Durchschnittsproduktivität einer Arbeitsstunde gleich x Gramm Eisen, y Gramm Baumwolle, 2 Gramm Gold oder 3 € sein. Ist hingegen ein Arbeiter in einem gegebenen Betrieb aufgrund seiner Geschicklichkeit oder höherer produktiver Mittel in der Lage, 2 mal x Gramm Eisen, 2 mal y Gramm Baumwolle usw. (d.h. 2 mal durchschnittliche Arbeitsstunden) zu produzieren, so ist die Intensität der Arbeit doppelt so groß wie die durchschnittliche.

Lassen wir das konstante Kapital, dessen Wert unverändert auf das Produkt übertragen wird, vollständig beiseite und betrachten wir nur den Teil des Produktenwerts, der aus der Arbeit entsteht. Er setzt sich aus dem variablen Kapital, d.h. den Lohnkosten oder dem Arbeitsentgelt (v) und aus dem Mehrwert (m), d.h. seiner Aneignung seitens des Kapitalisten zusammen. Als Mehrwertrate haben wir folgendes Verhältnis:

m^*= m/v

Die Anzahl der Arbeitsstunden werden wir weiterhin als t bezeichnen. Mit u bezeichnen wir jetzt nicht mehr das Jahres-, sondern das Tagesprodukt, und das konstante Kapital setzen wir gleich Null (c = 0). Somit haben wir:

u=v+m=t*3

I) Produktivkraft und Intensität der Arbeit konstant, Arbeitstag variabel. 3. Fall im Kapital 15, MEW 23, S. 548.
Anstatt t Arbeitsstunden, t’ Stunden. Der Produktenwert wird u’ = t’ x 3. Es hat sich also die Summe der Löhne und des Mehrwerts verändert. Wie hat sich jeder Anteil verändert? Im Allgemeinen bleibt der Lohn konstant und die gesamte Erhöhung geht zugunsten des Mehrwerts (angenommen, die Variation bestehe in einer Erhöhung). Innerhalb gewisser Schranken werden die Arbeiter aber, wenn sie mehr Arbeitsstunden leisten, auch mehr Lebensmittel verzehren, die Löhne werden also zwangsläufig erhöht werden müssen, will man vermeiden, dass sich die Arbeitsintensität und -produktivität verringern, die wir bisher als konstant gesetzt hatten.

Einer Verlängerung des Arbeitstages entspricht daher eine Vergrößerung des produzierten Wertes, eine gewisse Erhöhung des Lohnes und eine entsprechende Steigerung des Mehrwerts.

II) Konstanter Arbeitstag, konstante Produktivkraft der Arbeit, Intensität der Arbeit variabel. 2. Fall im Kapital 15, MEW 23, 547.

Ohne die Arbeitszeit zu verlängern, gelangt man in einem gegebenen Betrieb dazu, in derselben Zeit mehr Produkte herzustellen, also Steigerung der Arbeitsintensität. Auch in diesem Fall erhöht sich die Anzahl der Produkte. Der Wert des einzelnen Produkts bleibt unverändert, weil das Produkt nach wie vor gleich viel Arbeit kostet. Die Summe steigt, man wird mehr Gewinn machen können, d.h. u‘ = v‘ + m‘.

Diese Erhöhung der Summe v‘ + m‘ muss sich zwischen dem Lohn und dem Mehrwert aufteilen. Es wird eine gewisse Erhöhung des Lohns geben, denn der Arbeiter, der die gleiche Zeit jetzt intensiver arbeitet, verbraucht mehr und kann sich jederzeit einem anderen Kapitalisten andienen, um einen anderen Arbeiter zu ersetzen, der weniger produziert. Wenn jedoch die höhere Intensität von einem „Geheimnis“ des Kapitalisten abhinge, könnte er den Lohn auch unverändert lassen (v’ = v) und die gesamte Differenz dem Mehrwert zuschlagen.

III) Größe des Arbeitstages und Intensität der Arbeit konstant (gegeben), Produktivkraft der Arbeit variabel. 1. Fall im Kapital 15, MEW 23, S. 543.

Wie gehabt, wird die Produktenmenge P (Tagesprodukt) zu P‘ = zP, obwohl sie nach wie vor das Ergebnis von t durchschnittlichen Arbeitsstunden ist. Da diese Veränderung alle Waren betrifft, also Rohstoffe, Produktionsmittel und Lebensmittel inbegriffen, werden alle Preise, auch derjenige der Arbeitskraft, sinken. Alle Preise werden im folgenden Verhältnis sinken:

1/z

Die Lohnkosten werden zu:
v^'= v/z

Die Einnahmen aus dem Verkauf des Tagesproduktes werden also u‘ = u betragen. Der Arbeitstag liefert folglich eine höhere Produktenmenge, aber denselben Wert:

m^'+v^'=u^'=u =m+v

Die Summe von Mehrwert und Lohn bleibt unverändert. Wir haben jedoch schon gesehen, dass der Lohn gesunken ist, von v auf
v^'= v/z

Demzufolge hat sich der Mehrwert erhöht:

m^'=u^'-v^'=u-v^'=m+v-v^'=m+v- v/z=m+v (1- 1/z)

Wie hat sich die Mehrwertrate verändert? Sie wird umso mehr gestiegen sein je größer m’ als m und je kleiner v’ als v. Folglich sinkt der Wert der Arbeitskraft, wachsen Mehrwert und Mehrwertrate. Die Mehrwertrate wird zu:

m^(*')= m'/v'= (m+v (1- 1/z))/(v/z)= (zm+zv (1- 1/z))/v= zm/v+z (1- 1/z)= zm/v+z-1

Oder auch:
m^(*')=z m^*+z-1

Weil z - 1 größer als 1, ist die Mehrwertrate mehr als nur proportional zur Produktivität gestiegen, da sie nicht nur der alten Mehrwertrate m* multipliziert mit z entspricht, sondern dieser noch die positive Größe (z - 1) hinzugefügt werden muss. Obwohl Ricardo die Steigerung der Mehrwertrate erkannte, bestand sein Irrtum darin zu glauben, diese Steigerung sei proportional zur Steigerung der Produktivität und zur Verringerung des Lohns.

Ein Zahlenbeispiel, um die Sache klarer zu machen: Nehmen wir an, der Lohn v betrage 18 Euro, der Mehrwert 12 €, das Gesamtprodukt 30 € (6 Stunden plus 4 Stunden gleich 10 Stunden), und die Produktivität steige um 100 %. Wir erhalten weiterhin 30 €: während einerseits das Produkt sich verdoppelt hat, z.B. 20 kg statt 10 kg, wird andererseits der Preis 1,50 statt 3 € pro kg betragen. Parallel hierzu wird der Lohn von 18 auf 9 € sinken, der Mehrwert von 12 auf 21 € steigen, d.h. um etwas weniger als 100 % anwachsen. Die Mehrwertrate betrug ursprünglich:

m^*=12/18=66 %

und wird nun zu:
m^(*')= 21/9=233 %

Die Mehrwertrate ist in einer Proportion von 233 zu 66, d.h. um 350 % gestiegen, bei einer Produktivitätssteigerung von 100 %.

Die drei untersuchten Fälle können beliebig mit gleichzeitigen Veränderungen aller Größen kombiniert werden, siehe den 4. Fall in MEW 23, S. 550: Gleichzeitige Variationen in Dauer, Produktivkraft und Intensität der Arbeit.

Wenn sich, wie im ersten Fall, die allgemeinen Preise nicht verändern, so ändert sich der Lohn und der Preis der Arbeitskraft nur infolge einer größeren Mehrarbeit oder Verausgabung der Arbeitskraft; d.h. das Wachsen des Mehrwerts verursacht ein relatives Wachsen des Lohnes. Wenn sich hingegen die Preise aufgrund einer Veränderung der allgemeinen Produktivität verändern, so ist es die Variation der Löhne, die unmittelbar die umgekehrte Variation des Mehrwertes hervorruft. Der Kapitalismus bewirkt, dass die erhöhte Produktivkraft nicht zu einer Verringerung der durchschnittlichen Arbeitszeit führt, sondern zu einer gesteigerten Aneignung der privilegierten Klasse im Verhältnis zur Entlohnung der Arbeit; und dies ganz abgesehen von den anderen enormen gesellschaftlichen „Passiva“ zu denen die Aufrechterhaltung eines solchen Stands der Dinge führt.


VI. Der Arbeitslohn


33. Allgemeines Gesetz des Mehrwerts


Halten wir diesbezüglich hier fest, dass der Lohn, d.h. die Geldsumme, die der Kapitalist dem Arbeiter für einen Arbeitstag aushändigt, in unserer Theorie mit folgendem Ausdruck genau bezeichnet wird: Preis der Arbeitskraft bzw. Wert der Arbeitskraft. Die klassische Ökonomie mühte sich, den Wert der Arbeit auf die gleiche Weise wie den Wert jeder anderen Ware herauszufinden. Damit unterlag sie dem Missverständnis, als Wert des Arbeitstages den Wert zu bezeichnen, der den Produkten täglich durch die Arbeit des Arbeiters zugesetzt wird. Wir wissen jedoch, dass dieser Wert, der dem Gebrauch der Ware „Arbeitskraft“ entspricht, den Wert derselben (d.h. den Marktwert, folglich den Preis der Arbeitskraft) weit übersteigt.

Vergeblich versuchte die klassische Ökonomie, diesen Widerspruch zu lösen, indem sie auf mögliche Preisschwankungen des Lohnes verwies (so wie jeder andere Preis infolge von Angebot und Nachfrage Schwankungen unterliegt) und so umhinkam, den nichtbezahlten Teil des Lohns aufzudecken. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage ruft Schwankungen und Abweichungen hervor, die eine Durchschnittsgröße, nämlich den Tauschwert, übersteigen bzw. unterschreiten können. Angenommen, der Überfluss einer Ware im Verhältnis zum Bedarf zwingt die unvorsichtigen oder unglückseligen Produzenten, diese zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen, so wird diese Erscheinung von einem Produktionsrückgang begleitet und führt somit wieder ein Gleichgewicht herbei; dasselbe geschieht im umgekehrten Fall. Eben diese Gleichgewichtsgröße des Preises nennen wir den Wert, und gerade sie gilt es zu erklären.

Das gleiche gilt für die Ware Arbeitskraft und für den Lohn. Unabhängig vom Spiel von Angebot und Nachfrage – und auch unabhängig von weiteren Erscheinungen, die an anderer Stelle zu untersuchen sind, wie z.B. der Widerstand seitens der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter oder auch der Unternehmerverbände – liegt der Lohn im Zustand des Gleichgewichts immer weit unter der von der Arbeit gelieferten Wertmenge. Vergeblich versucht also die klassische politische Ökonomie glauben zu machen, dass bei jedem Kaufakt auf dem Markt ein Gewinn (Aufpreis) herausspringen kann und ebenso beim Kauf der Arbeitskraft: der Mehrwert bleibt so wie ein Wunder erscheinendes Produkt des Kapitals.

Anhand dieser allgemeinen Vorgaben lassen sich die verschiedenen Formen des Lohns (Zeit- oder Stücklohn), die jeweiligen Schwankungen der Löhne von Land zu Land und von Epoche zu Epoche untersuchen (Kapitel 17-20).


Allgemeines Gesetz


Zum Abschluss der vorhergehenden Kapitel über den Mechanismus der kapitalistischen Produktion wiederholen wir nochmals die Formel des von Marx entdeckten grundlegenden Gesetzes:

〖Mehrwertrate= m〗^*= m/v= Mehrwert/(variables Kapital)= Mehrwert/(Wert der Arbeitskraft)=

= Mehrarbeit/(notwendige Arbeit)= Mehrarbeitszeit/(notwendige Arbeitszeit)

„Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt. Es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besondern Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere, ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit“ [MEW 23, S. 556].

Quellen:


„Elementi dell’economia marxista“: Prometeo, Nr. 8-10, 1947-48.
* * *
MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.