Grundzüge der marxistischen Wirtschaftslehre (III)

VII. Der Akkumulationsprozess des Kapitals

34. Die Reproduktion des Kapitals

Der kapitalistische Prozess realisiert sich in drei Phasen. Die erste findet auf dem Markt statt: Verwandlung des Geldes in Produktionsmittel und Arbeitskraft; die zweite besteht in der Produktion als solcher, die dritte, die wiederum auf dem Markt vor sich geht, ist die Rückverwandlung der erzeugten Waren in Geld. Die Gesamtheit dieser Phasen, die sich unaufhörlich wiederholen, nennen wir die Zirkulation des Kapitals (wir haben schon von der Zirkulation der Waren und der des Geldes gesprochen).

Durch diesen Prozess gelangt das ursprüngliche Kapital vergrößert durch einen Mehrwert wieder in die Hände der Kapitalisten. Dieser Mehrwert kann verschieden verwendet werden. Zunächst muss der Unternehmer ihn unter bestimmten Umständen mit anderen Kapitalisten, dem Grundbesitzer usw., teilen. Im Weiteren kann der Kapitalist diesen Mehrwert entweder verzehren oder erneut als Kapital anwenden.

Vorläufig werden wir uns nur mit der Akkumulation des Kapitals befassen, d.h. mit seiner ursprünglichen Bildung, seiner Erhaltung und seinem Wachstum vermittels eines Teils des Mehrwerts. Als ursprüngliche Akkumulation bezeichnen wir die erste Bildung des Kapitals; als einfache Reproduktion seine Erhaltung auf derselben Stufenleiter; als erweiterte Reproduktion sein beständiges Anwachsen durch Hinzufügung eines Teils des Mehrwerts.

35. Einfache Reproduktion

Nehmen wir an, der Kapitalist verwendet den gesamten Mehrwert, der ihm bei jedem Zirkulationsakt zufließt, als Konsumtionsfond für sich und seine Familie, wobei er Produktionsmittel und Arbeitskraft in immer der gleichen Quantität erwirbt. In diesem Falle heißt es, er lebt von der Revenue des eigenen Kapitals (obwohl mit dem Begriff Revenue manchmal der ganze Mehrwert bezeichnet wird, auch wenn der Kapitalist ihn nicht vollständig konsumiert).

Der Kapitalist schießt, so wird gesagt, die Produktionskosten vor, darunter auch den Lohn, von dem die Arbeiter leben und ihre Arbeitskraft erhalten. Die Lohnkosten, d.h. das variable Kapital, sind jedoch nur eine besondere historische Form des sogenannten „Arbeitsfonds“, der in jedem Wirtschaftssystem die Kontinuität der Produktion sicherstellt. Obgleich eine gesellschaftliche Notwendigkeit, gab es diesen „Fonds“ auch in nicht-kapitalistischen Formen, wie dies z.B. für den kleinen Bauern oder Handwerker galt, der so viel arbeitete, dass er über die zu seinem Lebensunterhalt nötigen Produkte verfügte. Da das Kapital die Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln durchsetzt, eignet es sich in Wirklichkeit das gesamte Produkt der Arbeiter an und schießt ihnen nicht nur nichts vor, sondern gibt ihnen nach vollzogenem Zyklus auch nur einen Teil des Produkts zurück, während es den anderen Teil in Mehrwert verwandelt. Wenn wir die Zirkulation des Kapitals im Falle der einfachen Reproduktion betrachten, der Produktionsprozess also kontinuierlich ist, verschwindet jeder Vorschuss, welcher von moralischen oder juristischen Theorien als Rechtfertigung des Mehrwerts vorgebracht werden mag.

Gewiss, wenn wir statt eines konsolidierten Systems die Anfangsperiode in Augenschein nehmen, muss es jedenfalls einen vorgeschossenen Wert gegeben haben. Dieser Wertvorschuss musste aus nicht mehrwert-produzierender Arbeit bestehen; weshalb behauptet wird, er stamme aus persönlich geleisteter Arbeit der Kapitalisten. Wir können diese Erklärung so stehen lassen, behalten uns aber vor, sie uns noch einmal vorzunehmen, wenn wir über die ursprüngliche Akkumulation sprechen.

Ein Kapital von 100 Euro werfe bei jedem Zyklus einen Mehrwert von 20 € ab. Wenn die 100 € Arbeit des Kapitalisten darstellen und er folglich das Recht hat, das Äquivalent dieses Werts zu verzehren, ohne dass von Mehrwert aus unbezahlter fremder Arbeit die Rede ist, so erklärt sich daraus, wie der Kapitalist nach fünf Produktionszyklen fünfmal den Mehrwert von 20 in Revenue verwandeln kann. Damit hätte er also seine ursprünglichen 100 € Arbeitswert konsumiert. Danach bleiben ihm aber nicht nur die 100 € Kapital, die er nach Lust und Laune verzehren könnte, sondern diese sind überdies in der Lage, stets aufs Neue weiteren Mehrwert zu produzieren. Angenommen, die 100 € wurden tatsächlich irgendwann einmal als eigene Arbeit oder Ersparung des Kapitalisten vorgeschossen, dann erklärt sich daraus nicht, warum dieser Vorschuss nicht nur einmal, sondern zwei-, drei-, vier-, tausend Mal und theoretisch unendlich viele Male zurückfließt. Wenn der Vorschuss also eine Rückerstattung impliziert, kann der Mehrwert damit nicht erklärt werden.

Mit anderen Worten: schon die einfache Reproduktion – so wenig der Kapitalist auch konsumieren mag – verwandelt früher oder später jedes vorgeschossene Kapital in akkumuliertes Kapital. Das gesamte Kapital ist daher in Kapital verwandelter Mehrwert, so wie der gesamte Mehrwert unbezahlte Arbeit ist. Die „ursprüngliche“ Arbeit der Kapitalisten – wenn man diese denn unterstellen will – ist nach ein paar Zyklen periodisch wiederkehrender Revenue (für den Konsum verwendeter Mehrwert) aufgezehrt und verschwunden. Der kapitalistische Mechanismus, die Schöpfung von Mehrwert, ist also nicht einfach dadurch entstanden, dass jemand imstande war zu arbeiten, ohne zu essen. Es brauchte Anderes, um die Mehrwertproduktion aufzunehmen. Notwendig war die gewaltsame Trennung des Arbeiters von seinen Produktionsmitteln und Produkten, was ihn zwang, sich in einen Lohnarbeiter zu verwandeln. Die Verwandlung des handwerklichen Arbeiters, der noch durch hunderterlei mittelalterliche Zunftverhältnisse gebunden war, in einen Arbeiter, der frei über den Verkauf seiner Arbeitskraft verhandeln kann, bringt in Wirklichkeit die Voraussetzung für die Herrschaft der Kapitalisten- über die Arbeiterklasse mit sich; dieser Ausdruck hat deshalb eine materielle Bedeutung, insofern er wie jede andere historische Form der Aneignung von Mehrarbeit die physische Abpressung von Arbeit und Produkten erzeugt. In der einfachen Reproduktion reproduziert das Kapital sich selbst, vor allem aber reproduziert, d.h. konserviert und schützt es – schon allein durch die einfache Reproduktion und die Einhaltung der Gesetze, die den Austausch zwischen Privatbesitzern sichern und theoretisch allen die gleichen Rechte zugestehen – die der kapitalistischen Ordnung eigenen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse dadurch, dass es dem Arbeiter nur das zum Leben unbedingt Notwendige lässt und ihm, abgesehen von sehr seltenen Ausnahmen, verwehrt, seinerseits Arbeit und Wert vorzuschießen.

36. Erweiterte Reproduktion

Wird der Mehrwert, statt ausgegeben zu werden, dem Kapital zugefügt, ergibt das ein Zusatzkapital, das einen größeren Mehrwert erzeugt. Wenn z.B. für einen Produktionszyklus 250.000 € vorgeschossen werden, wovon 200.000 € konstantes Kapital und 50.000 € Löhne darstellen, und die Mehrwertrate 100 % beträgt, werden 50.000 € Mehrwert rausspringen und das Kapital wird auf 300.000 € anwachsen. Setzt man dieses ganze Kapital in einem neuen Zyklus ein, wird das variable Kapital 60.000 € betragen und der neue Mehrwert ebenso viel. Im nächsten Zyklus beläuft sich das Kapital auf 360.000 €, usw.

Betrachtet man die Produktion im Zusammenhang, ist deshalb zu fragen, wie sich der in Geld realisierte Mehrwert in Kapital verwandelt, denn dafür müssen sich auf dem Markt zusätzliche Arbeitskräfte, Rohstoffe und in anderen Produktionsakten hergestellte Produktionsmittel vorfinden. Was Arbeitskräfte angeht, haben wir bereits gesehen, wie der kapitalistische Mechanismus die Produktion von Arbeitern und ihren quantitativen Zuwachs sicherstellt. Was die zur Verwandlung in Kapital geeigneten Produkte angeht (d.h. weder für den Konsum der Kapitalisten noch für den Unterhalt der Arbeiter bestimmt Produkte), müssen diese als Überschuss über das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderliche Quantum produziert sein. Nehmen wir der Klarheit halber die Periode eines Jahres: Die Gesamtproduktion muss sich wie folgt zusammensetzen: ein Teil, der das konstante Kapital c vollständig wieder ersetzt, ein Teil, der die Lebensmittel darstellt, die gegen die Summe der Löhne, d.h. das variable Kapital v, ausgetauscht wurde, schließlich der Mehrwert m oder das Nettoprodukt. Von diesem fließt ein Teil dem persönlichen Verbrauch der Kapitalisten zu. Der andere, sich in Kapital verwandelnde Teil muss sich bereits stofflich verwirklicht haben in zusätzlichen Lebensmitteln, zu bearbeitenden Rohstoffen, Arbeitswerkzeugen und Maschinen.

Wenn also das gesamte ursprüngliche Kapital 250.000 € betrug, dann würden Produkte im Wert von 200.000 € das konstante Kapital wieder neu bilden; 50.000 wären Lebensmittel (Löhne). Wenn von den 50.000 € Mehrwert 10.000 von den Kapitalisten verbraucht würden, würden 40.000 zu neuem Kapital werden, vorausgesetzt, dass innerhalb des gesamten Jahresproduktes im Wert von 300.000 € materiell ein Überschuss von Produktionsmitteln im Wert von 32.000 € und von Lebensmitteln im Wert von 8.000 vorhanden ist.

Fragt man, wie der Kapitalist zu den ursprünglichen 250.000 € gekommen ist, wird geantwortet, durch eigene Arbeit oder die seiner Vorfahren. Auch wenn wir das für den Moment so stehen lassen, ändert dies, was das Zusatzkapital betrifft, nichts an der Sache. Es besteht schlicht und einfach aus Mehrwert; d.h. unbezahlter Arbeit. Und die Lebens- und Produktionsmittel, worin die 40.000 investiert werden, sind dem Nettoprodukt entnommen, d.h. dem, was nach (vorangegangener) Rückerstattung aller Vorschüsse übrig bleibt: sie wurden also dem Mehrwert, der Arbeit, die der Arbeiterklasse ohne Gegenleistung abgepresst wurde, entzogen.

Wir kommen zur Schlussfolgerung, dass, je mehr unbezahlte Arbeit sich das Kapital angeeignet hat, desto mehr wird es sich auch weiterhin aneignen. Dies scheint dem grundlegenden Gesetz des Äquivalententausches zu widersprechen, welches die gegenteilige Formel verlangen würde: wenn man mehr nimmt, muss man mehr geben. Überflüssig anzumerken, dass die Lösung des Widerspruchs in der Entdeckung des Mehrwerts liegt, durch den die besondere, zu ihrem Wert getauschte Ware Arbeitskraft ihrem Anwender einen höheren Wert verschafft.

Das erklärt, warum das Eigentumsrecht, das die einfache Warenproduktion – bei der jeder Produzent über sein eigenes Produkt verfügte und es auf den Markt brachte – bestimmte, die Produktion auch nach der Entstehung des Kapitalismus und der mit ihm einhergehenden Trennung des Produzenten von seinen Produkten bestimmt. Es wäre ein Irrtum zu glauben, die Warenproduktion müsse sich nicht zum Kapitalismus hin entwickeln und die Aneignung von Mehrwert könne trotz Beibehaltung von Warenaustausch und Warendistribution (freier Handel) aufhören.

Denn erst von dem Augenblick an, wo die Arbeitskraft zur Ware wird, wird die Wirtschaft von der Warenproduktion beherrscht und zirkuliert jeder Reichtum auf dem Markt. Das Recht des Privateigentums wird identisch mit dem Recht der kapitalistischen Aneignung, und zwar nicht nur, weil es das Recht des Privateigentums über die Produktionsmittel ist, sondern auch das Recht über die Konsumgüter. Die Fußnote aus dem „Kapital“ über die „Pfiffigkeit Proudhons, der das kapitalistische Eigentum abschaffen will, indem er ihm gegenüber – die ewigen Eigentumsgesetze der Warenproduktion geltend macht!“ [MEW 23, S. 613], bedürfte eines langen Kommentars, wenn wir, statt die Theorie und Kritik der kapitalistischen Ökonomie zu behandeln, sozialistische Programme darlegen und diskutieren würden. Der Sozialismus ist nicht nur die Wirtschaftsordnung, in der die privaten Produktionsmittel vergesellschaftet werden, sondern vor allem eine, in der alle Produkte gesellschaftlich sind und gesellschaftlich verteilt werden. Jede Warenzirkulation und somit jeder Austausch gegen Lohn ist abgeschafft und durch einen zentralen Verteilungsmechanismus ersetzt, der, parallel zur zentral zugewiesenen Arbeit unter den Produzenten, alle Produkte dem unmittelbaren Verbrauch zuführt, wenn nicht gar unbegrenzt den Verbrauchern zur Verfügung stellt (kostenlose Transportmittel, Telefon, Post, Elektrizität und nach und nach alle anderen Konsumtionsmittel).

Das obige Zitat impliziert die Verurteilung aller korporativen, syndikalistischen und anarchistischen Strömungen, die autonome Vereinigungen der Produzenten nach Berufsgruppen oder regionalen Gesichtspunkten predigen (Körperschaften, Gewerkschaften, Kommunen, Genossenschaften), sowie die Verurteilung all derer, die unter Sozialismus eine Zentralisierung der Produktion unter Beibehaltung der kapitalistischen Distribution verstehen. {Dieser Hinweis im Original der mittlerweile über 20 Jahre alten Arbeit genügt, um die substanzielle Kontinuität unserer Kritik an den alten, neuen und allerneuesten „konstruktiven“ wirtschaftlichen Lösungsansätzen aufzuzeigen: angefangen von den Christlich-Sozialen und Mazzini-Anhängern, über Faschisten, „Nationalbolschewiken“ und Stalinisten bis hin zu den Befürwortern des Marshall-Plans.}

Der Teil der Revenue, den der Kapitalist verbraucht, dient zum Kauf von Waren, die eben persönliche Konsumtions- und nicht Produktionsmittel sind. Die bürgerliche Ökonomie bezeichnet die Arbeiter, die solche Waren produzieren, als unproduktive Arbeiter, und diejenigen, die als Kapital erworbene Waren produzieren, als produktive.

Sie empfahl den Kapitalisten nachdrücklich, wenig zu konsumieren und viel zu akkumulieren. Wohlgemerkt: In der kapitalistischen Produktion bedeutet „akkumulieren“ nicht, Geld und Ware als Schatz anzuhäufen, sondern den Wert in Kapital, d.h. Produktionsmittel, zu investieren. Die klassische politische Ökonomie behauptete stets, die Akkumulation kennzeichne sich dadurch, das Nettoprodukt (Mehrwert) von produktiven statt unproduktiven Arbeitern konsumieren zu lassen.

Falsch ist deshalb die These A. Smiths und D. Ricardos, dass das für die Akkumulation bestimmte Nettoprodukt vollständig von den produktiven Arbeitern konsumiert wird. Dies würde bedeuten, dass der gesamte Mehrwert in Form von Lohnkosten vorgeschossen wird: wir haben hingegen gesehen, dass es nötig ist, einen Teil als konstantes Kapital, den anderen als variables Kapital vorzuschießen. Es stimmt, dass auch der Teil des in Rohstoffen investierten Nettoprodukts sich auf Produkte bezieht, die in anderen Produktionsprozessen hergestellt wurden und einen Teil variables Kapital enthalten; diese Produkte enthalten dann aber auch einen Teil Mehrwert, der von anderen Kapitalisten konsumiert wurde.

Die These, „dass der ganze in Kapital verwandelte Teil des Nettoprodukts von der Arbeiterklasse verzehrt wird“ [MEW 23, S. 617], kann man also den Kapitalisten nicht durchgehen lassen.

Wir brauchen hier noch nicht versuchen, die allgemeine Zirkulation des Reichtums, ein überaus komplexes und schwieriges Problem, darzustellen.

Als Umfang der Akkumulation bezeichnen wir hier das Verhältnis zwischen dem Teil des Mehrwerts, der als Kapital akkumuliert wird, und demjenigen, der für den Konsum des Kapitalisten bestimmt ist. Die Akkumulation eines Teils des Mehrwerts ist übrigens eine Notwendigkeit, der der Kapitalist sich nicht entziehen kann, da sie sich zwangsläufig aus dem von ihm personifizierten Kapital selbst und aus der Konkurrenz zwischen den rivalisierenden Betrieben ergibt. Daher haben die ersten Kapitalisten vehement die Entsagung gepredigt, da ein ausschweifender persönlicher Konsum der Akkumulation Kapital entziehen würde.

Durch die Hebelwirkung der Akkumulation und des wachsenden Umfanges des Mehrwerts gestanden sich die Kapitalisten gleichwohl einen immer größeren Konsum zu.

Der Begriff der Entsagung wurde zur Theorie erhoben, um jedes Kapital als einen Wert weiszumachen, auf dessen Verzehr der Kapitalist verzichtet habe, und um jede Akkumulation als das Ergebnis kapitalistischer Ersparung hinzustellen. Um den Einwand zu widerlegen, der beweisen soll, dass die Existenz des Kapitalisten für das Wachstum des gesellschaftlichen Reichtums unabdingbar ist, reicht es, historisch vorzugehen: Vorkapitalistische Gesellschaften kannten die einfache, auch die erweiterte Reproduktion, ohne dass in ihnen kapitalistischer Mehrwert oder Akkumulation von Kapital vorgekommen wäre, wie z.B. in Indien, wo die Bauern unabhängige Kleineigentümer waren, die den lokalen Grundherren einen jährlichen Tribut zahlten.

Auch in einer solchen Wirtschaftsordnung ist ein Teil des Produkts für neue und größere Produktionsstufen bestimmt, ohne dass ein Kapitalist hier interveniert und sich den Teil vom Munde abspart.

Diese Überlegungen führen – auch wenn dies im „Kapital“ nicht explizit ausgeführt wurde – zu der Schlussfolgerung: Man kann sehr wohl einen Teil des Gesamtprodukts (nehmen wir als Beispiel: 20 %) in zusätzlichen Produktionsmitteln anlegen, ohne dem Kapitalisten einen weitaus größeren Teil davon (sagen wir 40 %) zugestehen zu müssen, damit er sich als Verdienst anrechnen kann, der Konsumtion der 20 % entsagt zu haben, obwohl er die Differenz (80 %) nach Gusto verkonsumiert.

37. Veränderungen im Umfang der Akkumulation

Angenommen, ein stets gleich großer Teil des Mehrwerts wird konsumiert und der Rest akkumuliert (beispielweise ein Verhältnis von 20 % zu 80 %), dann hängt der Umfang des akkumulierten Kapitals von der Größe oder Masse des Mehrwerts ab. Der Umfang der Akkumulation wird folglich von denselben Ursachen beeinflusst wie die Größe des Mehrwerts. Diese Faktoren wurden bereits untersucht: bei gleichbleibendem Geldwert sind das also folgende:

a) Exploitationsgrad der Arbeitskraft, d.h. die Rate des Mehrwerts bzw. das Verhältnis zwischen Mehrarbeit und notwendiger Arbeit. Wir können hierzu festhalten: wenn es dem Kapitalisten gelingt, die Mehrarbeit auszuweiten (durch Herabdrückung des Lohnes oder Verlängerung des Arbeitstages), kann er die angewandte Arbeitskraft steigern, ohne dass das konstante Kapital im selben Verhältnis erhöht werden muss – was der Fall wäre, wenn er, ohne die Mehrarbeit auszudehnen, neue Arbeiter zu den gleichen Bedingungen wie die alten Arbeiter einstellen würde. Der ganze Kapitalzuwachs wird folglich das Nettoprodukt, d.h. den Mehrwert und somit die Akkumulation erhöhen.

Würde die größere Ausbeutung der Arbeitskraft in der extraktiven Industrie, z.B. den Bergwerken (die keine Rohstoffe brauchen), beginnen, so würde dies der Akkumulation einen noch stärkeren Schwung verleihen. In der Agrikultur sind die Wirkungen fast die gleichen, abgesehen von der Notwendigkeit, Kapital in Düngemittel zu investieren, die heute im Übrigen von der extraktiven oder chemischen Industrie geliefert werden. In den Manufakturen und Fabriken schließlich setzt die Erhöhung der Arbeitskosten, wenn sie einer erhöhten Mehrarbeit entspringen, keine Erhöhung des konstanten Kapitals für Produktionsanlagen, sondern nur für den Erwerb von Rohstoffen voraus; gehen diese aus dem erhöhten Nettoprodukt bzw. Mehrwert der extraktiven Industrie und Agrikultur hervor, wird der Akkumulation im Ergebnis ein mächtiger Antrieb gegeben.

b) Produktivkraft der Arbeit – Wie wir gezeigt haben, bringt eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität, auch wenn der Arbeitstag gleich bleibt, eine Erhöhung des Mehrwerts mit sich. Außerdem verändert sich, auch wenn der Wert des Gesamtprodukts gleich bleibt, sein materieller Umfang, d.h. einer gleichen Summe Geldes entsprechen nun mehr Gebrauchswerte und mehr Genussmittel. Folglich führt einerseits das Wachstum des Mehrwerts zu einem Anwachsen der Akkumulation, andererseits können die Bedürfnisse des Kapitalisten mit einer geringeren Rendite befriedigen werden, so dass er den prozentualen Anteil der Kapitalisierung erhöhen kann. Das neue akkumulierte Kapital behält nominal denselben Wert, stellt sich aber in einer größeren Produktenmasse dar, seien dies nun Rohstoffe, Produktionsmittel oder für den Arbeiter bestimmte Unterhaltsmittel. Daher also die größere Akkumulationskraft dieses Kapitals.

Das aus dem Mehrwert neugebildete Kapital, nennen wir Zusatzkapital. Infolge wissenschaftlicher und technischer Fortschritte verwandelt sich dieser Teil des Kapitals, der in Arbeitsmittel (Produktionsanlagen und Maschinen) investiert wird, in neue Arbeitsmittel, die effizienter als die dem alten Kapital entsprechenden sind, das auf diese Weise entwertet wird. Da es aber periodisch doch erneuert werden muss, und der hierzu notwendige Geldvorschuss in allen unseren Abzügen und Berechnungen bereits berücksichtigt wurde, so wird es dann auch sehr bald erneuert.

Beim Rohmaterial und den Hilfsstoffen macht sich dies weniger bemerkbar: entstammen sie der Agrikultur, werden sie innerhalb eines Jahres verbraucht und erneuert, entstammen sie der Industrie, geschieht dies im Durchschnitt in einem sehr viel schnelleren Rhythmus. Die Chemie entdeckt ständig neue nützliche Stoffe, von denen einige bisher als Abfälle galten oder wertlos waren, und verwandelt sie in zusätzliche Elemente für die Akkumulation. In dem Maße also, in dem die Arbeitsleistung eine beschleunigte Akkumulation ermöglicht, erhält sie einen Teil des Originalkapitals und erweckt es zu neuem Leben. Diese der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wie auch den Errungenschaften der Wissenschaft innewohnende Eigenschaft wird fälschlicherweise als ein Merkmal des Kapitals dargestellt, um so seine beständige Aneignung von Mehrarbeit zu rechtfertigen {Die gewaltigen gesellschaftlichen Möglichkeiten, die, nach der Anwendung der verschiedenen thermischen und mechanischen Energieformen, durch die Kernenergie hinzukommen, werden unweigerlich in den Kreis der schwindelerregenden kapitalistischen Akkumulation hineingezogen – unter der erbarmungslosen Herrschaft und dem Monopol des Kapitals, was die Versklavung und Entmenschlichung all derjenigen mit sich bringt, die auf diesem neuen Gebiet arbeiten, einschließlich der in Wissenschaft und Forschung tätigen Physiker.}

c) Differenz zwischen dem angewandten und dem konsumierten Kapital – Es ist klar, dass das in Ausrüstungen angelegte Kapital (Fabriken, Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Maschinen, Schiffe, Verbesserungen des Bodens, Kanäle, Kraftwerke usw.) ständig wächst, während der Teil desselben, der z.B. in einem Jahr verschleißt, tendenziell abnimmt. Dieser gewaltige, mit relativ geringem Kraftaufwand erhaltene Wert, entspricht einem durch die Arbeit vorhergehender Generationen gelieferten kostenlosen Dienst. Während die Tendenz dieses Prozesses die Befriedigung aller Bedürfnisse mit einem Minimum gesellschaftlicher Arbeit erkennen lassen sollte, schreibt die offizielle politische Ökonomie diesen Beitrag nicht der vergangenen Arbeit, sondern dem gegenwärtigen Kapital zu, weshalb es so aussieht, als sei der Mehrwert (Profit oder Zins) die Entschädigung nicht mehr für die Entsagung, sondern für die Arbeit vergangener Zeiten. Stattdessen ist es eindeutig so, dass all diese Prozesse zur Erhöhung des gesellschaftlichen Reichtums nicht durch das kapitalistische System bedingt sind, sondern umgekehrt von diesem stark gehemmt werden – und zwar mit Beginn der historischen Epoche, die wir gerade durchleben.

d) Größe des vorgeschossenen Kapitals – Eine weitere Ursache, die bei gleichbleibender Mehrwertrate Einfluss auf die Akkumulation hat, ist die Größe des vorgeschossenen Kapitals, die einen entsprechenden Mehrwert und eine entsprechende Akkumulation hervorbringt.

All diese Faktoren der Akkumulation wirken jedoch nicht gleichmäßig, sondern gehorchen einem wachsenden und beschleunigten Rhythmus (analog dem Wachstum des Zinseszins). Ein Diagramm der Intensität des Kapitalismus würde nicht die Form einer geraden Linie, sondern einer Kurve annehmen, die sich immer steiler nach oben biegt und schließlich zur Vertikalen neigt. Dies gibt eine bildliche Vorstellung darüber, dass der Kapitalismus nicht von unbegrenzter Dauer sein kann, sondern vielmehr in einem immer schnelleren Tempo seinem Ende entgegeneilt.[1]

38. Theorie des sogenannten Arbeitsfonds

Einige bürgerliche Ökonomen behaupten, dass, obgleich die Masse des Gesamtkapitals ständig ansteigt, der Teil desselben, der die Lebensmittel der Arbeiter repräsentiert, eine fixe Größe sei, da es hier eine sozusagen gesellschaftliche Naturschranke (!) gäbe, die die Arbeiter zwingt, sich untereinander, ungeachtet all ihrer Plackerei, um diesen Teil zu streiten. Diese Theorie verdient keinerlei Kritik, da sie von den Tatsachen des kapitalistischen Systems kurzerhand widerlegt wird.

39. Wachsende Nachfrage nach Arbeitskraft mit der Akkumulation, bei gleichbleibender Zusammensetzung des Kapitals

Wir wissen, dass sich das Kapital aus einem konstanten Teil (dem Wert der Produktionsmittel) und einem variablen Teil (der Summe der Löhne) zusammensetzt: dies ist die „Wertzusammensetzung“ oder organische Zusammensetzung. Als „technische Zusammensetzung“ werden wir die stoffliche Aufteilung in Produktionsmittel und Arbeitskraft bezeichnen. Obgleich die Zusammensetzung des Kapitals je nach Industriezweig sehr unterschiedlich ist und sogar innerhalb eines Industriezweigs von Betrieb zu Betrieb variiert, kann man von einer Durchschnittszusammensetzung des gesellschaftlichen Kapitals sprechen: sie besteht im Verhältnis zwischen dem gesamten variablen Kapital und dem gesamten konstanten Kapital (innerhalb eines Landes oder der gesamten kapitalistischen Welt).

Die Akkumulation lässt das Kapital ständig anwachsen, sowohl den konstanten als auch den variablen Teil. Die Gesamtausgaben für Löhne steigen also, und dies führt, da man eine größere Anzahl von Arbeitern benötigt, zur sogenannten Nachfrage nach Arbeit. Wenn jedes Jahr mehr Lohnsklaven arbeiten, aber die Zahl disponibler Lohnarbeiter oder das Arbeitskräfteangebot nicht unbegrenzt ist, ruft dies im Allgemeinen eine Erhöhung der Löhne hervor. Daher das allgemeine Gesetz: Die Akkumulation führt tendenziell zu einer Steigerung der Lohnrate.

Dieser überaus wichtige Punkt bedarf einiger Anmerkungen. Da wir uns bisher noch nicht mit dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage irgendeiner beliebigen Ware beschäftigt haben, könnte man zunächst einmal fragen, warum wir dies in Hinblick auf die Arbeitskraft tun. Nun, wenn es stimmt, dass der Preis einer Ware jedes Mal, wenn sie knapp wird, steigt (weil die Käufer, die sie benötigen, darum konkurrieren) und umgekehrt fällt, wenn sie reichlich vorhanden ist, tritt das eine Phänomen ebenso wahrscheinlich auf wie das andere, und aufgrund der Flexibilität in der Produktion und der Effizienz der modernen Transportmittel wird sich dies ziemlich leicht im Gleichgewicht halten. Das Preisdiagramm einer Ware weist Schwankungen über- und unterhalb einer „Kompensationslinie“ auf, die für uns den Wert der Ware darstellt. Bei der Arbeitskraft verhält sich das ganz anders. Zunächst einmal kann ihr Preis (Lohn), auch wenn er um den durch die Summe der Subsistenzmittel bestimmten Wert schwankt, theoretisch so weit ansteigen, dass er den gesamten Mehrwert ausmacht. Für den Kapitalisten, der die Arbeitskraft nachfragt und konsumiert, bleibt eine Gewinnmarge, die sich durch einen größeren oder kleineren Mehrwert darstellt. Das Ansteigen des Lohns führt also nicht, wie bei einer stark nachgefragten knappen Ware, zur Zahlung eines „nicht gerechtfertigten überbezahlten verlustreichen“ Aufpreises, sondern lediglich dazu, dass der Kapitalist eine relative Minderung seines Profits hinnehmen muss, um ihn nicht ganz zu verlieren. Darüber hinaus ist die Ausgleichung eines Überhangs oder Mangels an Arbeitskräften nicht so leicht zu bewerkstelligen wie bei einer stofflichen Ware, da man es bei der Arbeitskraft mit arbeitsfähigen Menschen zu tun hat, deren Anzahl von zum Teil unkontrollierbaren Umständen abhängt. Daher ist die Möglichkeit von Lohnschwankungen von ganz anderer ökonomischer Bedeutung als die Schwankungen irgendeines Listenpreises.

Zweitens darf man sich nicht darüber wundern, dass es im Laufe der allgemeinen Entwicklung des Kapitalismus bei zunehmender Kapitalakkumulation zu einer Erhöhung der Löhne kommt. Historisch hat sich dies vom Anfang des 15. Jahrhunderts bis zur Epoche der Entstehung des „Kapital“ gezeigt und danach noch weiter fortgesetzt. Unwissende Kritiker vermeinten hierin einen Beweis zu erblicken, der die Gesetze der von uns dargelegten Theorie widerlegt. Tatsächlich verwechselten sie eine allgemeine Tendenz zur Senkung der Löhne, die von Marx niemals theoretisiert wurde, mit der Theorie der wachsenden Verelendung, die sich auf die spätere Expropriation der Handwerker, kleinen Rentiers, kleinen Grundbesitzer und Kleinkapitalisten, sowie auch auf den Absturz ungelernter Arbeitern (unskilled workers) ins Subproletariat bezieht.

Der Anstieg der Löhne wurde also formal vorausgesehen, doch gewisse Polemiker und Verfälscher behaupteten, der Kapitalismus entwickle sich damit so, dass er annehmbarer und ziviler werde. Auch diese tendenziöse These steht im Widerspruch zum „Kapital“, denn „die mehr oder minder günstigen Umstände, worin sich die Lohnarbeiter erhalten und vermehren, ändern jedoch nichts am Grundcharakter der kapitalistischen Produktion“ [MEW 23, S. 641]. Das wird so erklärt: „Wie die einfache Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, Kapitalisten auf der einen Seite, Lohnarbeiter auf der anderen, so reproduziert die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter oder die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter Stufenleiter, mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem.“ „Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats“ [MEW 23, S. 641/42]. Nachdem wir nun die richtige Interpretation wiederhergestellt haben, braucht die Analyse der Frage, ob die Bedingungen des sozialen Kampfes von einer schlechteren Entlohnung des Proletariats positiv oder negativ beeinflusst werden, nicht weiter verfolgt zu werden. Wenn ein sehr drückendes Regime unerträglich wird und sich eine Explosion anbahnt, kann die Forderung nach einer Ausweitung der Bedürfnisse – in einer Situation, in der sich der Kapitalismus barsch als unfähig erweist, sie weiterhin zu befriedigen – zu einer sehr heftigen und schlagkräftigen Gegenreaktion der Arbeiterklasse führen.

40. Veränderungen in der Zusammensetzung des Kapitals (Konzentration – Zentralisation)

Es entsteht also ein Mechanismus zwischen der Nachfrage nach Arbeit seitens des neu akkumulierten Kapitals und dem Angebot an Arbeit, das vom Umfang der Bevölkerung, also auch der Arbeiter, begrenzt wird.

Seit seinem politischen Sieg in der bürgerlichen Revolution drängt das Kapital dazu, verstärkt Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt zu werfen, um so die Löhne zu drücken. Deshalb „befreit“ es die Leibeigenen und predigt das Wachstum der Bevölkerung. Die feudalen und aristokratischen Schichten, die sich diesem Interesse entgegenstellen, finden ihre Repräsentanten in der englischen Grundbesitzeroligarchie (dem Zentrum des Kampfes gegen die Französische Revolution), dessen Vertreter wiederum Malthus ist, der – wenn er sein Mitleid für das Elend der unzähligen, sich das disponible variable Kapital in immer kleineren Portionen aufteilen müssenden Arbeiter kundtut, den Kapitalismus jedoch von einer reaktionären und der Marx‘schen Position diametral entgegengesetzten Seite angreift – proklamiert, dass während die Lebensmittel in arithmetischer Progression wüchsen, die Bevölkerung eher in geometrischer Progression wachse, daher das immer größere Elend. Das von ihm lautstark geforderte Heilmittel war die sexuelle Enthaltsamkeit, um die Geburten zu begrenzen. Es muss nicht betont werden, dass laut unserer Schule das Bevölkerungswachstum durch die wachsende gesellschaftliche Produktivkraft ins Gleichgewicht gesetzt wird; sie muss aber von der Herrschaft des Kapitals befreit werden, damit die Bedürfnisse aller rational befriedigt werden können.

Es gibt also eine Bewegung hin zu einer Verbesserung der Löhne; dies schafft aber die „Ketten der Lohnarbeit“ nicht ab.[2] Außerdem geht diese allgemeine Bewegung nicht gleichmäßig und ohne Erschütterungen vor sich. Selbst wenn infolge der Akkumulation immer größerer Kapitalien die Löhne steigen und sich deshalb auch die Profitrate verringert, heißt das nicht, das sich die Akkumulation abschwächt und sich die kapitalistische Macht nicht weiter ausdehnt. Es kann aber vorkommen, dass die Lohnsteigerungen so hoch sind, dass sie auf neue Kapitalinvestitionen bremsend wirken und die Akkumulation verlangsamen, woraufhin die Löhne wieder relativ fallen, sich auf diese Weise ein neues Gleichgewicht herausbildet und die Akkumulation wieder ihren gewohnten Verlauf nimmt. Diese Schwankungen sind analog zu den „Krisen“, die die kapitalistische Produktion durchläuft. Man darf nicht glauben, dass diese Perioden des Ungleichgewichts von der Bevölkerungsentwicklung abhängen; es sind nicht die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die die Lohnhöhe variieren lassen und die Akkumulation beeinflussen, sondern es ist der Verlauf der Akkumulation, der über die Nachfrage nach Arbeitskräften die Lohnrate und folglich das Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit der disponiblen Arbeitsbevölkerung bestimmt. „Die Erhöhung des Arbeitspreises bleibt also eingebannt in Grenzen, die die Grundlagen des kapitalistischen Systems nicht nur unangetastet lassen, sondern auch seine Reproduktion auf wachsender Stufenleiter sichern“ [MEW 23, S. 649]. Wer Folgendes nicht versteht, versteht auch das eigentliche Prinzip und den spezifischen Charakter der kapitalistischen Produktion nicht (dies wird mehrfach im „Kapital“ betont): Es ist nur in dem Ausmaß Arbeit für den Arbeiter vorhanden, wie es Mehrwert für den Kapitalisten gibt. Dies genügt, um zu zeigen, wie „treu“ sich diejenigen an das „Kapital“ halten, die eine allmähliche Steigung der Löhne, mit der entsprechenden Verringerung der Profite, wie auch eine Aufhebung des Kapitalismus im Lauf seiner Entwicklung voraussahen.

Als wir feststellten, dass die Akkumulation die Lohnrate ansteigen lässt, gingen wir von einer konstanten Zusammensetzung des Kapitals aus.

Real ist das aber nicht so, da parallel zum (durch die Akkumulation bedingten) Wachstum der Kapitale der technische Fortschritt in der Arbeitsproduktivität stattfindet, der komplexere und kostspieligere Instrumente und Maschinen erfordert. Die Produktion von konstantem Kapital drängt also dahin, im Verhältnis zum variablen stärker zu wachsen. Das konstante Kapital wächst aus zwei Gründen: bei gleicher Arbeit werden erstens Maschinen und Produktionsanlagen von größerem Wert angewandt und zweitens mehr Produkte hergestellt, also mehr Rohstoffe verarbeitet. Unter dem Gesichtspunkt der Wertzusammensetzung nimmt das konstante Kapital gegenüber dem variablen jedoch weniger schnell zu wie unter dem Gesichtspunkt der technischen Zusammensetzung.[3]

In der Tat gehören bei gleicher angewandter Arbeitskraft die Akkumulation und die Vermehrung der Produktionsmittel zusammen; während aber der Preis der Arbeitskraft mit der Akkumulation tendenziell steigt, verringert sich, ebenfalls tendenziell, der Wert der Maschinen und Rohstoffe (da die Produktivität der Arbeit gewachsen ist). Die Zunahme des konstanten gegenüber dem variablen Kapital fällt dadurch nicht flach, sondern wird nur verlangsamt.[4] Weiter wird im Text festgehalten, dass sogar bei einem Sinken des variablen Kapitals im Verhältnis zum konstanten Kapital die absolute Größe des Lohnkapitals steigen kann, wenn die Gesamtmasse des Kapitals in starkem Maße erhöht wurde.

Um schließlich zur spezifischen kapitalistischen Produktion zu kommen, ist zu Beginn in den Händen einiger Individuen eine gewisse Anhäufung von Geld, welches in Kapital verwandelt werden kann, nötig (ursprüngliche Akkumulation, deren Genese wir später betrachten werden). Wenn aber die Akkumulation den Kapitalismus hervorbringt, so muss der Kapitalismus zwangsläufig die weitere Akkumulation hervorrufen, dabei den Umfang der Unternehmen stets weiter ausdehnend.

Für die ursprüngliche Herausbildung des Kapitals ist es also nicht nur notwendig, dass sich in den Händen eines Individuums eine Summe Geldes anhäuft, sondern auch (mittels des Geldes) eine Masse von Produktionsmitteln und Lebensmitteln für die Arbeiter, die vorher zersplittert vielen kleinen unabhängigen Produzenten zur Verfügung standen. Die ursprüngliche Akkumulation ist somit eine Konzentration von Kapital. Die weitere Akkumulation bringt die Konzentration der Kapitale in den Händen Weniger weiter voran, wobei jedes Einzelkapital versucht, größer zu werden. Neben dieser Tendenz gibt es jedoch eine entgegengesetzte Tendenz zur Bildung neuer kleiner Kapitale, sei es, dass sich die Phänomene der ursprünglichen Akkumulation wiederholen, sei es, was nicht selten vorkommt, dass, z.B. aufgrund der Erbfolge, große Kapitale aufgespalten werden.

An einem gewissen Punkt der Entwicklung des Kapitalismus gewinnt die Tendenz zur Konzentration gegenüber der Zersplitterung entschieden die Oberhand. Wir haben es hier mit dem grundlegenden Gesetz der Kapitalkonzentration nicht mehr nur in dem Sinne zu tun, dass diese ausschließlich durch die Akkumulation bestimmt wird, sondern in einem sehr viel augenfälligeren Sinn, da die verschiedenen Akkumulations- bzw. Konzentrationszentren sich gegenseitig anziehen und zusammenballen.

Und so spielt sich das ab: Zwischen den Kapitalisten entwickelt sich ein Konkurrenzkampf, der mit den Geschützen der niedrigen Preise ausgefochten wird. Der niedrige Preis beruht normalerweise auf einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität, und diese kann bei gegebenem Ausbeutungsgrad der Arbeiterklasse nur durch Verbesserung und Erneuerung der Produktionsmittel erreicht werden, was wiederum nur möglich ist, wenn neue, große Kapitalinvestitionen getätigt werden können. Hierin liegt der Erfolg der großen Kapitalisten und der Ruin der kleinen begründet, wobei letztere zunächst versuchen, ihre Kapitale in noch nicht modernisierte Produktionssphären zu verlagern, die schließlich doch untergehen oder den Siegern in den Schoß fallen werden. Zudem kann sich mit dem prosperierenden Kapitalismus der Kredit entwickeln, dessen Mechanismus es den großen Kapitalbesitzern erlaubt, Vorschüsse zu leisten, die ihren eigenen Kapitalfond übersteigen, wohingegen den Kleinunternehmern diese Möglichkeit nicht offen steht, was sie einem unerbittlichen Druck aussetzt. Konkurrenz und Kredit führen zur Zentralisation des Kapitals. Mit diesem Begriff bezeichnen wir dieses zweite Phänomen, um sie von der Konzentration, die eine unmittelbare Auswirkung der Akkumulation ist, zu unterscheiden. Die Konzentration kann gleichermaßen für alle Unternehmen stattfinden, die Zentralisation geschieht zu Gunsten der einen und zum Nachteil der anderen.

Die Zentralisation erlaubte ein sehr viel früheres Auftreten gigantischer kapitalistischer Unternehmen als dies aufgrund der einfachen Konzentration individueller Kapitale möglich gewesen wäre. Die Bildung von Aktiengesellschaften ist eine Form der Zentralisation, denn ein Indiz für die Reife des Kapitalismus ist die technische Zusammenballung großer Mengen von Produktionsmitteln, nicht aber die juristische Zusammenballung großer Werte in Händen eines einzelnen Mannes, eine Erscheinung, die es oftmals auch in anderen Wirtschaftsordnungen (Kyros, Crassus, Indien usw.) gab. Der Hinweis auf die Aktiengesellschaften ist im „Kapital“ enthalten, und dies zeigt, was die flache Kritik wert ist, der zufolge die Verbreitung der Aktiengesellschaften eine Widerlegung der Zentralisationstheorie bedeute.

Die Zentralisation des Kapitals, wie auch immer sie sich durchsetzt, beschleunigt die Reproduktion des Kapitals durch neue Investitionen und produktionstechnische Fortschritte. Parallel hierzu setzt sich das bereits erwähnte Phänomen des Wachstums des konstanten Kapitals im Verhältnis zum variablen Kapital fort, was heißt, selbst wenn die Nachfrage nach Arbeit aufgrund der erhöhten Gesamtmasse an Kapital steigt, verringert sich das variable Kapital tendenziell im Verhältnis zum Gesamtkapital. Die gilt nicht nur für die in modernen Produktionsanlagen investierten Kapitale, sondern genauso für die alten Kapitale, die nicht zögern, sich dieser Richtung der Innovationen anzuschließen.

41. „Relative Überbevölkerung“ oder „Industrielle Reservearmee“

Nachdem wir die Frage nach der Erhöhung des Kapitals gestellt haben, die mit einer Verringerung des variablen im Verhältnis zum konstanten Teil einhergeht, fragt sich, ob das variable Kapital in seinem absoluten Umfang und mit ihm die Nachfrage nach Arbeit tendenziell steigen oder fallen. Im Allgemeinen kann die veränderte Zusammensetzung des Kapitals zu einer Erhöhung, einem Gleichbleiben oder einer Verringerung des Lohnfonds führen.

In den jeweiligen Industriezweigen kann das unterschiedlich aussehen und zwischen den Branchen kann sich die Nachfrage nach Arbeit ausgleichen. Im Zusammenhang mit der Einführung der Maschinerie haben wir bereits eine ähnliche Fragestellung untersucht. In einem Unternehmen wird eine Maschine aufgestellt, die zur Entlassung einer bestimmten Anzahl Arbeiter führt, was eine verringerte Arbeitsnachfrage bedeutet. Die Untersuchung ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Zur Herstellung der Maschinen werden Arbeitskräfte benötigt und darüber hinaus werden mit diesen Maschinen mehr Rohstoffe verarbeitet, was so zu einer Arbeitsnachfrage in anderen Industriezweigen führt. Zwar ist richtig, dass die Maschinerie nach und nach auch diese Industriezweige erfasst, aber die allgemeine Erhöhung der Produktivität ermöglicht es, Produkte und Unterhaltsmittel billiger herzustellen, über einen größeren Mehrwert zu verfügen und daher neue Kapitalinvestitionen zu tätigen. Die allgemeine Tendenz ist schließlich das Wachstum der Lohnarbeiteranzahl als Folge des Fortgangs der Akkumulation, und somit immer größere Bevölkerungsschichten, die proletarisiert werden und die industrielle Arbeiterklasse anwachsen lassen.

Diese Entwicklung vollzieht sich jedoch nicht gleichmäßig: Wenn das exzessive Verlangen, Mehrwert in neuen Unternehmen anzulegen, die Anzahl der Arbeiter maximal hat anwachsen lassen, entsteht ein Überfluss an Produkten. Sobald die Distribution dieser Produkte auf Schwierigkeiten stößt, weil die Nachfrage nachlässt, kommt es zu sogenannten Überproduktionskrisen. Riesige Mengen von Waren bleiben unverkäuflich, die Kapitalisten schränken oder stellen die Produktion ein, und viele Arbeiter werden entlassen. Um aus der Krise herauszukommen, müht sich das Kapital, zu möglichst geringen Kosten zu produzieren, wozu es weitestgehend die neuen technischen Verbesserungen nutzt. Nach Überwindung der Krise ist das Verhältnis zwischen variablem Kapital und Gesamtkapital niedriger als zu Beginn der Krise. Produktion und Akkumulation kommen wieder auf Touren und mit der Erhöhung des Gesamtkapitals wachsen für eine bestimmte Zeit auch wieder das variable Kapital und die Nachfrage nach Arbeit. Während dieser Zwischenkrisenphase beginnt die Lohnarbeiterzahl wieder zu steigen, Angebot und Nachfrage nach Arbeit gleichen sich in etwa aus. Aber die nächste Krise lässt nicht lange auf sich warten, die die immer zahlreicher in den Produktionsprozess hineingezogenen Arbeiter abrupt in die Arbeitslosigkeit stößt. Die Aufeinanderfolge dieser wechselnden Situationen und die Schaffung überzähliger Lohnarbeiter im Verhältnis zum Bedarf des akkumulierten Kapitals sind charakteristisch für die kapitalistische Produktion. Die Wirtschaftswissenschaftler haben diesen Vorgang zwar unterschiedlich interpretiert, erblickten seine Ursachen aber im Bevölkerungswachstum und formulierten so die berühmt-berüchtigten Bevölkerungsgesetze.

Das wirkliche Bevölkerungsgesetz der kapitalistischen Epoche ist jedoch nur dies: Indem die Akkumulation des Kapitals eine relative Überbevölkerung bzw. industrielle Reservearmee produziert, schafft es die Bedingungen für die weitere Existenz und Entwicklung des Kapitalismus selbst. In den Wachstumsperioden der Produktion wird diese Reserve eingesetzt, um bei Ausbruch der Krise wieder rausgeschmissen zu werden. Im 19. Jahrhundert folgten die sukzessiven Krisen einem Zyklus von ungefähr 10 bis 11 Jahren, wobei diese tendenziell immer kürzer werden. Wir wollen nur kurz andeuten, dass der I. Weltkrieg – der eine Folge des Kurses auf die industrielle Überproduktion war, die man, um die Krise zu vermeiden, auf die Außen- und Kolonialmärkte abzuwälzen suchte („Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“) – sowohl die Explosion dieser Krise als auch das Mittel war, eine aufgeblähte Industrieproduktion zu absorbieren. Die Folgen bestanden in einer Reihe sich überstürzender Teilkrisen bzw. den Wechselfällen einer tiefergehenden allgemeinen Krise. {Hinsichtlich des II. Weltkrieges genügt es zu erwähnen, dass seine ökonomischen Folgen noch viel gravierender waren: Nicht nur durch die militärischen Zerstörungen auch tief ins Hinterland hinein, sondern auch durch die systematische Demontage von Industrieanlagen in den besiegten und besetzten Ländern. Dies eröffnete ein neues, weltweites Wettrennen der Re-Akkumulation, es entstand eine gigantische Reservearmee von hungernden Menschen: Diese höchste Form der Barbarei verschanzte sich hinter der Apologie des „Wiederaufbaus“, die einem Attila oder Dschingis Khan die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.}

Die Bildung und Erhaltung einer industriellen Reservearmee, die durch das Hineinschleudern der Handwerker, Bauern, Frauen, Kinder, Schwarzen, Chinesen usw. in den kapitalistischen Produktionsprozess und durch die Kampagne für eine starke Vermehrung der einheimischen Arbeiter befördert wird, ist eine ständige Besorgnis des Kapitalismus und seiner Theoretiker. Sogar der reaktionäre Malthus sorgte sich über den übermäßigen Geburtenrückgang im Proletariat eines industriellen Landes.

Es ist also nicht möglich, die Bewegung des Kapitals und die Lohnrate an die Erhöhung der absoluten Bevölkerungszahl zu koppeln, wie dies die bürgerlichen Ökonomen tun.

Diese glaubten, die Lohnrate sei durch das der Vermehrung der aufeinander folgenden Generationen entsprechende größere Angebot an Arbeitskräften bedingt und das Drücken der Löhne werde (wenn das Kapital nicht mehr alle Arbeiter beschäftigen kann) das Proletariat infolge von Entbehrungen und sinkender Fruchtbarkeit dezimieren.

Die demographischen Veränderungen sind allerdings Erscheinungen, die sich im Vergleich zu den häufigen Wechseln der Lohnrate relativ spät auswirken, einer Lohnrate, die, wie bereits erwähnt, von der Expansion und Kontraktion des Kapitals abhängt.

Schlussendlich ist es absurd zu hoffen, die Lösung der Krisen bzw. Gegensätze des Kapitalismus könne sich aus dem Mechanismus des auf den Lohn angewandten gottgewollten Gesetzes von Angebot und Nachfrage, ergeben: Dieser wird sich immer zugunsten der kapitalistischen Klasse auswirken.

Die bürgerlichen Ökonomen haben sich natürlich immer wieder über die Verletzung des heiligen Gesetzes von Angebot und Nachfrage empört, wenn die Arbeiter mittels ökonomischer Vereinigungen versuchten, die Auswirkungen der gegenseitigen Konkurrenz einzudämmen und ein gemeinsames Vorgehen von Beschäftigten und Arbeitslosen in die Tat umzusetzen.

Hier ist nicht der Ort zu zeigen, dass auch die Gewerkschaftsorganisationen weder die allgemeine Entwicklung des Kapitalismus verhindern noch seine grundlegenden Gesetze überwinden können. Ihre Bedeutung liegt in der „immer weiter um sich greifenden Vereinigung der Arbeiter“ [MEW 4, S. 471], wie es in einer wohlbekannten Schrift heißt.

42. Formen der relativen Übervölkerung

Als fließende Form der relativen Überbevölkerung bezeichnet unser Text diejenige, in der die wegen der technischen Neuerungen in den Betrieben abgedrängten, überzähligen Arbeiter aufgrund der gewachsen Möglichkeiten und erhöhten Produktion wieder absorbiert werden. Als latente Form wird diejenige bezeichnet, bei der die technischen Verbesserungen in den ländlichen Bezirken eine große Zahl von Arbeitern disponibel macht, sie zwingt, in die Städte abzuwandern und sich den Industrieunternehmern anzubieten (Phänomen der Verstädterung). Die dritte Kategorie der relativen Überbevölkerung wird stockende genannt. Bei ihr bildet sich sowohl in Industrie als auch Agrikultur ein Überhang an Arbeitern, die durch die Entwicklung der Produktivkräfte ausgestoßen werden und für die nur Arbeiten mit hohem Ausbeutungsgrad, wie die sogenannte Hausarbeit (sweating system), übrig bleiben. Schließlich bildet den Rest der Arbeiterüberbevölkerung der Pauperismus (in jener Zeit nicht zu verwechseln mit dem „eigentlichen Lumpenproletariat“, den Vagabunden, Verbrechern, Bettlern und Prostituierten), der aus nicht-arbeitenden Schichten besteht, die vor allem in den modernen Metropolen zahlenmäßig große Bedeutung erlangen. Der Teil der relativen Überbevölkerung, der durch den Pauperismus gebildet wird, umfasst drei Kategorien. Erstens: Arbeitsfähige, die aber arbeitslos sind. Zweitens: Waisen- und Pauperkinder (diese zwei Kategorien stehen dem Kapitalismus zur Verfügung, um in den Zeiten großen Aufschwungs wieder aktiv eingesetzt zu werden) und schließlich diejenigen Arbeiter, die auf Grund von Alter, Invalidität oder der durch Aussterben ihres Berufs „verursachten Unbeweglichkeit“ nicht mehr einsetzbar sind.

Wenn es also stimmt, dass sich die Löhne der beschäftigten Arbeiter mit dem Fortgang der Akkumulation tendenziell erhöhen und das gesamte variable Kapital wie auch die Anzahl der Arbeiter tendenziell zunehmen, wird gleichzeitig auch eine immer größere Reservearmee geschaffen, die sich aus ehemaligen Handwerkern und Kleinbesitzern zusammensetzt, die zwecks Verwandlung in Lohnarbeiter ruiniert und expropriiert wurden, doch mit ihren Angehörigen der Gefahr der Arbeitslosigkeit und somit der völligen Verarmung ausgesetzt sind – trotz Maßnahmen wie der Armenfürsorge und Sozialgesetzgebung oder der Solidarität der Arbeiter.

Je größer das Gesamtkapital und daher der nationale und gesellschaftliche Reichtum – in Wirklichkeit der Reichtum der kapitalistischen Klasse –, desto größer die industrielle Reservearmee und ergo die Ausbreitung des Pauperismus (man denke hier an die riesigen Arbeitslosenheere in den kapitalistischen Ländern während der Nachkriegszeit). All dies bildet das Gesetz der wachsenden Verelendung des Proletariats, die dem wachsenden kapitalistischen Reichtum gegenübersteht. Die – auf historischer Stufenleiter – steigenden Löhne der beschäftigten Arbeiter sowie der bessere Lebensstandard einiger privilegierter Schichten der Arbeiterklasse widersprechen keineswegs diesem Gesetz und auch die Maßnahmen der Sozialgesetzgebung im Rahmen der kapitalistischen Ordnung können es nicht zu Fall bringen.

Zunächst ermahnten die bürgerlichen Schreiberlinge die Arbeiter dazu, ihre Zahl zu verringern, wenn sie den zahlenmäßigen Bedarf des Kapitals nicht übersteigen wollten. Dabei wussten sie nur allzu gut selbst, dass dieser Rückgang niemals ein für sie alarmierendes Ausmaß erreichen würde. Und danach räumten sie auf zynische Weise ein, dass die Armut der unteren Klassen die beste Voraussetzung für den Wohlstand der Nation darstelle. Heute, und nach Marx, kann man solche Worte nicht mehr vernehmen, da scheinheilige soziale Philanthropie und Demagogie vorherrschen, ebenso wie das Lobpreisen illusorischer Heilmittel, die den Sozialverbänden und dem Staat anvertraut werden.

Doch das grundlegende Gesetz der kapitalistischen Akkumulation bleibt dasselbe: Alle Mittel zur Vermehrung der gemeinschaftlichen Produktivkräfte, die zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Lebensstandards führen müssten, werden zum Schaden des einzelnen Arbeiters angewandt und zu Mitteln, ihn der Herrschaft des privaten Kapitals zu unterwerfen. Wie auch immer die Lohnrate aussehen mag, die Akkumulation des Kapitals bringt eine Erhöhung der relativen Überbevölkerung mit sich; in dem Maße, in dem das Kapital akkumuliert, verschlechtert sich die Lage der Arbeiterklasse.

„Es folgt daher, dass im Maße wie Kapital akkumuliert, die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, sich verschlechtern muss. Das Gesetz endlich, welches die relative Überbevölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf der Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert“ [MEW 23, S. 675].

Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation

43. Historische Formen des Eigentums und Ursprünge des Kapitals

Das Geld verwandelt sich in Kapital, das Kapital produziert Mehrwert, und dieser verwandelt sich in Zusatzkapital. Das Kapital erwächst also aus dem Mechanismus des Kapitalismus selbst. Damit es jedoch in der Geschichte auftrat, musste sich ein ursprüngliches Kapital in einer nicht-kapitalistischen Umgebung herausbilden.

Die klassische Ökonomie, die das Kapital als akkumulierten Wert, d.h. als das Produkt akkumulierter Arbeit begreift, behauptete, die ersten Kapitale hätten sich durch die Arbeit und die Ersparnisse ihrer Besitzer gebildet.

Wenn es auch stimmt, dass jeder Wert ein Produkt menschlicher Arbeit ist, so stimmt es doch nicht, dass der von der Arbeit produzierte Wert in den Händen desjenigen verbleibt, der gearbeitet hat. In den bis heute aufeinanderfolgenden historischen Epochen wurden die Früchte der Arbeit im Allgemeinen den Arbeitern immer aus den Händen genommen und ihre Akkumulation durch die selbständigen Handwerker-Produzenten war stets nur eine Ausnahme.

Im Gegensatz zur Idylle, die laut den Lehrbüchern der politischen Ökonomie herrschen müsste, spielen „in der wirklichen Geschichte [...] bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle“ [MEW 23, S. 742].

Die Staatsmacht und das Recht, selbst wenn man von offenen oder versteckten Rechtsbrüchen absieht, waren nie eine Garantie dafür, dass das Produkt dem Produzenten auch unverbrüchlich zuerkannt wird. Namentlich die Epochen sozialer und politischer Umwälzungen führen zu jähen Übergängen von einer Rechtsordnung zu einer anderen, und Bürgerkriege, bzw. nationale Kriege bringen jedes Mal große Enteignungen mit sich. Doch selbst wenn man von diesen geschichtlich bedingten Aufhebungen des Rechts absieht, wie wir auch von den persönlichen Rechtsverletzungen (Delinquenz) abgesehen haben, billigen wir den bisher herrschenden Rechtsordnungen keineswegs zu, den Produzenten zuzusichern, den ganzen Ertrag ihrer Arbeit genießen zu können.

Die Anwendung des Rechts wird durch die physische Macht des Staates sichergestellt. Wir sehen im Staat nicht den unparteiischen Vertreter gemeinschaftlicher Interessen, sondern im Gegenteil das Herrschaftsorgan eines Teils der Gesellschaft, d.h. einer Klasse.

Das Recht ist folglich in jeder Epoche die Kodifizierung von Normen, deren Sinn darin besteht, die Interessen dieser Klasse durchzusetzen. Staat und Gesetz treten also gerade dann auf, wenn für eine Klasse die Notwendigkeit besteht, auf die anderen Klassen fortwährend Druck auszuüben und, da diesen Verhältnissen die ökonomischen Interessen zugrunde liegen, sich mehr oder minder systematisch die Produktivkräfte der niedergehaltenen Klassen anzueignen. Staat und Recht sind jedenfalls Ausdruck eines Systems, das dazu dient, den Arbeitsertrag der Arbeiter den Nicht-Arbeitern zu übergeben.

Um das gesellschaftliche Gefüge und die politischen Ereignisse einer bestimmten Epoche zu verstehen, fragen wir uns, welches die gegensätzlichen Klassen sind und welche von ihnen die Macht, d.h. den Staat in Händen hält, doch zuallererst stellen wir uns die Frage, welche Eigentumsverhältnisse oder -formen das jeweils herrschende System festsetzt und aufrechterhält. Die Eigentumsverhältnisse wiederum erklären sich, wenn man die technischen Mittel, über die die Arbeit verfügt, also die Produktivkräfte untersucht sowie ihre Organisation und Aufteilung unter den Menschen. Die Produktivkräfte sind in jeder Epoche die angewandten materiellen und physischen Mittel einerseits und die der Arbeit zugewiesenen Menschengruppen andererseits. Diese Produktivkräfte sind einem bestimmten System von Eigentumsverhältnissen implizit, auf das Gesetz und Staatsmacht ihr Augenmerk richten. Aber aufgrund vielfältiger Ursachen, wie dem Bevölkerungswachstum, der Umwandlung der Produktionstechniken durch neue Erfindungen, durch die Öffnung neuer Kommunikationswege usw. entsteht eine Lage, in der die Produktivkräfte, und an erster Stelle die arbeitende Klasse, in Widerspruch zu den herrschenden Eigentumsformen geraten. Daher dann eine Epoche sozialer Revolutionen, in der sich die vom alten System profitierende Klasse und eine bislang beherrschte Klasse bekämpfen und es zum Bruch der Eigentumsformen, d.h. der Zerschlagung des Staates und dem Auftreten eines neuen Staates mit einem neuen Recht kommt.

Um wieder auf die Frage der ursprünglichen kapitalistischen Akkumulation zurückzukommen: Es ist gerade diese Analyse, in der die Erklärung zu suchen ist; sie liegt nicht etwa in der naiven und tendenziösen Behauptung, wonach Arbeit und „Entsagung“ das ursprüngliche Kapital geschaffen hätten. Zunächst wird es jedoch nicht schaden, die elementare Anwendung des bisher Gesagten auf die Geschichte der Gesellschaft zu rekapitulieren.

In den Anfängen der menschlichen Arbeit und des ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens sind die Menschen wenig zahlreich, das zum Anbau geeignete Land hingegen riesig. Die Völker teilen sich in kleine nomadisierende Stämme, die primitiven Ackerbau und einfache Weidewirtschaft betreiben. Unter Leitung eines Oberhauptes, zunächst des Familienvaters, bebauen sie gemeinsam in Besitz genommenen Boden. In dieser Periode des Urkommunismus gibt es noch kein individuelles Eigentum und keine Teilung der Gesellschaft in Klassen.

Schon aufgrund ihrer Mobilität kommt es zur Begegnung der Stämme, zur Ausweitung der produktiven Mittel und der Bedürfnisse, zu Konflikten und der Gefangennahme der Besiegten. Militär- und Priesterkasten treten in Erscheinung. Durch einen langen Entwicklungsprozess, den wir hier mitnichten nachzeichnen wollen, kommen wir zur Epoche der Sklavenhaltergesellschaft. Hier wird eine Klasse von Menschen dazu gezwungen, für andere zu arbeiten, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu verweigern oder fortzugehen, eine Klasse, die als private Habe besessen und verkauft werden kann: Denn die Aufteilung des Bodens, Viehs sowie jedes anderen Gutes unter den Mitgliedern der herrschenden Klasse, den Freien, hat bereits stattgefunden.

Jedoch sind sogar in diesen antiken Gesellschaften nicht alle Freien Besitzer von Land oder Sklaven; nur eine Minderheit hat schließlich so viel Besitz, dass sie leben können, ohne selbst zu arbeiten; die anderen sind entweder Besitzer kleiner Landstücke, die sie selbst und ohne Sklaven bebauen, oder kleine Handwerker, die Handwerksprodukte herstellen und verkaufen. In dieser Epoche rechtfertigen das Gesetz und damit Philosophie und Moral (Ideologie) die Ausbeutung von Sklaven, ihren Verkauf und selbst ihre Tötung. Die Klasse der Großgrundbesitzer (Patrizier) hat meistens die Macht im Staate und befindet sich im Kampf mit der Klasse der kleinen Bauern und Handwerker (griechische Demokratie – römische Plebejer). Trotz der Verbreitung von Schifffahrt und Handel, dem Auftreten von Geldbesitzern und sogar eines Keims von Kapitalismus ist der Ackerbau Grundlage der Produktion. In der neuen Lage, die auf den Niedergang des Römischen Reiches, den Aufstieg des Christentums und die Abschaffung der Sklavenhaltergesellschaft folgte, bleibt der Ackerbau die Basis der Produktion und der Boden unter den feudalen Großgrundbesitzern aufgeteilt.

Die ehemaligen Sklaven werden infolge des christlichen Rechts und der neuen, christlichen Moral befreit und können nicht mehr verkauft werden. Sie werden aber in Leibeigene verwandelt, d.h. in Landarbeiter, die ihrem Arbeitsort nicht den Rücken kehren können, während der feudale Grundherr Nutznießer eines Gutteils ihrer Arbeitsprodukte ist. Auch die kleinbäuerlichen Grundbesitzer verschwinden zu einem großen Teil und sinken ebenfalls zu Leibeigenen herab. Nur einigen kleinen Gruppen städtischer Handwerker gelingt es, sich eine vom Feudaladel relativ unabhängige Ordnung zu geben, indem sie sich in den sogenannten Kommunen in Zünfte organisierten.

In diesem Rahmen der Feudalgesellschaft ist die herrschende Klasse die des bodenbesitzenden Adels; ihre Verbündeten und Werkzeuge sind der Klerus, das Heer und der absolutistisch-monarchistische Staat (trotz der Konflikte, die von der ursprünglich feudalen Dezentralisation zur Bildung großer staatlicher Einheiten geführt haben).

In diesen verschiedenen Gesellschaftsformen besteht nicht nur keineswegs dasselbe Recht und dieselbe Moral und Ideologie, sondern ebenso wenig könnten wir ein paar, allen gemeinsame und das sogenannte Naturrecht begründen sollende juristisch-sittliche Prinzipien feststellen. Selbst die Beziehungen zwischen Menschen werden mal geschützt, mal missachtet, sei es durch das geschriebene Gesetz, sei es durch die Gesinnung. Wir finden also nirgendwo das berühmte Prinzip, nach dem einem jeden der Ertrag seiner Arbeit gehört und das die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals ehrlich und unbestreitbar erklären soll, in Kraft.

Fast immer finden wir den Arbeiter in einer Lage vor, in der er weder die von ihm angewandten Produktionsmittel noch sein Produkt sein Eigen nennen kann. Sowohl der antike Sklave als auch der mittelalterlich Leibeigene und der moderne Arbeiter sind davon getrennt. Nur im Urkommunismus, im Handwerk der verschiedenen Epochen wie auch beim selbstarbeitenden und grundbesitzenden Kleinbauern ist der Arbeiter von seinen Produktionsinstrumenten und Produkten nicht getrennt. Das schließt nicht aus, dass auch diese sozialen Schichten einen Teil ihres eigenen Produktes in Form von Tributen, Steuern, Wucher und verschiedenen Ansprüchen abzugeben hatten und somit der Abpressung von Mehrarbeit unterworfen waren.

44. Bedingungen für die Entstehung des Kapitalismus

Die kapitalistische Ordnung folgt direkt auf die feudale Grundbesitzergesellschaft. Ihre Voraussetzung besteht einerseits in einer Akkumulation von Geld (das sich seit alters her in den Händen von Grundbesitzern, Händlern, Wucherern, Finanziers und Sklavenhändlern ansammelte) und andererseits in einer Masse von Arbeitern, die von ihren Produktionsmitteln getrennt und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Der Schlüssel der ursprünglichen Akkumulation liegt also in der historischen Entwicklung, die diese Scheidung des Arbeiters von seinen Produktionsinstrumenten hervorbrachte. Die Feudalordnung selbst verhinderte diese Trennung in zweifacher Weise: einerseits durch die Leibeigenschaft, die es dem Bauern und seinen Nachkommen unmöglich machte, vom Lehnsgut wegzulaufen; andererseits durch das System der Zünfte, das den Handwerker und seine Nachkommen mit Hilfe überaus komplizierter Zunftregeln und einer eigens dafür geschaffenen Gerichtsbarkeit zwang, nur in einem bestimmten Handwerk und in einer Werkstube mit einer begrenzten Anzahl von Gesellen und Lehrlingen zu arbeiten. Die Gesetze des Feudalstaates sanktionierten diesen Zustand und standen einer Ausweitung der kapitalistischen Wirtschaft entgegen. Dies unter anderem dadurch, dass sie die entstehende bürgerliche Klasse malträtierten, die sich aus den städtischen Kauf- und Bankleuten oder ehemaligen, nunmehr zu Handwerkern gewordenen Bauern zusammensetzte, welche sich aus der Leibeigenschaft befreit hatten und in den, die herrschaftlichen Burgen umgebenden „Weilern“ kleine Werkstätten zur Produktion von Handwerksgegenständen geschaffen hatten. Diese Klasse schuf sich eine revolutionäre Ideologie, die – im Namen einer die Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz postulierenden philosophischen Theorie – die feudalen Fesseln und Einschränkungen brandmarkte. Dieser Feldzug für die Befreiung des Volkes stellt aber bloß das ideologische Äquivalent der wirtschaftlichen Notwendigkeit dar, für die Produktion über eine Masse von ihre Arbeitskraft „frei“ verkaufenden Menschen zu verfügen. Andererseits übten die Erfordernisse der Produktion aufgrund der immer engeren, weltweiten Kommunikation, dem wachsenden Handel und dem wachsenden Bedürfnis nach immer komplexeren Arbeitsprodukten einen unwiderstehlichen Druck in eben dieser Richtung aus.

„Die industriellen Kapitalisten, diese neuen Potentaten, mussten ihrerseits nicht nur die zünftigen Handwerksmeister verdrängen, sondern auch die im Besitz der Reichtumsquellen befindlichen Feudalherren. Von dieser Seite stellt sich ihr Emporkommen dar als Frucht eines siegreichen Kampfes gegen die Feudalmacht und ihre empörenden Vorrechte sowie gegen die Zünfte und die Fesseln, die diese der freien Entwicklung der Produktion und der freien Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anlegt. Die Ritter der Industrie brachten es jedoch nur fertig die Ritter vom Degen zu verdrängen, dadurch, dass sie Ereignisse ausbeuteten, an denen sie ganz unschuldig waren. Sie haben sich emporgeschwungen durch Mittel, ebenso gemein“ (mit „gemein“ will der Text uns sagen: die aufkommenden proletarischen Massen wurden in den revolutionären Kampf geworfen, ohne sich bewusst zu sein, dass die Zeit der Demokratie und der politischen Vertretungssysteme den Sieg des Regimes zur freien Ausbeutung der Lohnarbeiter bedeutete) „wie die, wodurch der römische Freigelassene sich einst zum Herrn seines patronus gemacht hat.

Der Ausgangspunkt der Entwicklung, die sowohl den Lohnarbeiter wie den Kapitalisten erzeugt, war die Knechtschaft des Arbeiters. Der Fortgang bestand in einem Formwechsel dieser Knechtung, in der Verwandlung der feudalen in kapitalistische Exploitation“ [MEW 23, S. 743].

Natürlich brachte diese Entwicklung auch den wesentlichen Fortschritt mit sich, der Einführung der kollektiven Arbeit entgegenstehende Hindernisse weggeräumt und eine hohe technische Arbeitsteilung eingeführt zu haben.

Unsere Kritik zerschmettert die gesamte demokratische Apologie der bürgerlichen Revolution, und darin besteht ihr wesentlicher Aspekt; sie verwirft zwar den philosophischen und juristischen Ausdruck dieser Ideologie, negiert jedoch nicht die historische Bedeutung und den revolutionären Charakter des auftretenden Kapitalismus, dem Schöpfer der Bedingungen für die kommenden Entwicklungen.

„Obgleich die ersten Anfänge kapitalistischer Produktion uns schon im 14. und 15. Jahrhundert in einigen Städten am Mittelmeer sporadisch entgegentreten, datiert die kapitalistische Ära erst vom 16. Jahrhundert. Dort, wo sie auftritt, ist die Aufhebung der Leibeigenschaft längst vollbracht und der Glanzpunkt des Mittelalters, der Bestand souveräner Städte, seit geraumer Zeit im Erbleichen“ [MEW 23, S. 743].

In dieser Periode kommt der Kapitalismus mit jeder politischen Revolution einen Schritt weiter. Immer wenn eine Masse von Kleinproduzenten, ob Handwerker oder Bauern, expropriiert wird, ist das ein weiterer Sieg für das Kapital.

Der Prozess der ursprünglichen Akkumulation nimmt „in den verschiedenen Ländern verschiedene Färbung an“ [MEW 23, S. 744]. Im Allgemeinen zieht die Abschaffung der Leibeigenschaft die Herausbildung eines zersplitterten bäuerlichen Kleineigentums nach sich. Für den Kapitalismus besteht jedoch die Notwendigkeit, die ehemaligen Leibeigenen nicht in selbständige Produzenten, sondern vielmehr in Lohnarbeiter zu verwandeln, weshalb er jede Maßnahme unterstützt, die die Kleinbauern ihres Bodens beraubt.

In Italien nimmt dieser Prozess besondere Formen an. Am Ausgang des Mittelalters sind Nord- und Mittelitalien auf dem Gebiet der Produktionstechniken (wie auch der Wissenschaft und Kultur) am weitesten fortgeschritten. Der Kapitalismus – nicht nur der Bank- und Handels-, sondern auch der Manufakturkapitalismus – entwickelt sich hier früher als anderswo, insbesondere in Florenz, Genua, Venedig, Pisa usw. Der Feudalismus verschwindet hier also sehr schnell, und die Leibeigenen drängt es in die blühenden Städte. Die Handwerksmeister sind zu wahren Bourgeois geworden („popolo grasso“, wohlhabendes Bürgertum genannt, wörtlich das „fette Volk“), und die zahlreichen Gesellen verwandeln sich massenhaft in eine wahre Arbeiterschaft, so dass ein Kampf zwischen den beiden genannten Klassen ausbricht (Revolte der Wollschläger usw.).[5] Infolge der geographischen Entdeckungen Ende des 15. Jahrhunderts kommt es dann zu einer vollständigen Verlagerung der weltweiten Handelswege. Die kapitalistische Manufakturen verfallen, die entstehende bürgerliche Klasse ist im Keim erstickt, der feudalen Klasse fehlt es an Kraft, ein einheitliches politisches Gebilde zu schaffen; die Arbeiter strömen aufs Land zurück, wo sich eine „nach Art des Gartenbaus getriebene, kleine“ Kultur ausbreitet; das Land verfällt in einen lang andauernden Zustand des sozialen und politischen Marasmus[6].

45. Die Expropriation des Landvolkes von Grund und Boden

Das Beispiel Englands unterscheidet sich sehr von dem Italiens. Hier ist die Leibeigenschaft im letzten Quartal des 14. Jahrhunderts faktisch verschwunden, die Mehrheit der Bevölkerung verwandelt sich in selbständige Kleinbauern, obschon ihr Landeigentum noch unter den feudalen Fesseln begründet wurde. Ein großer Teil des Bodens bleibt zwar in Händen der Feudalherren, die ihn jedoch durch freie Pächter – eine Frühform der Kapitalisten – bewirtschaften lassen, für die die früheren Leibeigenen, d.h. zum Teil reservelose Tagelöhner oder Kleineigentümer, denen die Bearbeitung des eigenen Bodens noch freie Zeit lässt, jetzt gegen Lohn arbeiten. Aber selbst die Tagelöhner erhielten „außer ihrem Lohn Ackerland zum Belauf von 4 und mehr Acres nebst Cottages angewiesen“ [MEW 23, S. 745]. Darüber hinaus konnten sie die Gemeinde- und manchmal auch Staatsländereien nutznießen. Indessen blühten die Städte auf und bildete sich der Manufaktur- und Industriekapitalismus heraus; dieser brauchte dringend Arbeitskräfte und bekam sie auch bald. Die politische Revolution machte die königliche Macht zu einem bürgerlichen Instrument, und die neue Bourgeoisie war Verbündete einer neuen Grundbesitzeraristokratie (die landlords), die, hierin vom Kapitalismus unterstützt, für die Expropriation der Kleinbauern sorgte und die freigesetzten Arbeitskräfte in die Städte drängte. Mithilfe des Gesetzes erhoben die Großgrundbesitzer Anspruch auf die ehemaligen Feudalgüter, die sie, während die Bauern verjagt wurden, in Schafstriften verwandelten, wofür nur wenige Lohnarbeiter gebraucht wurden. Danach rissen die landlords auch riesige Jagdreviere an sich, die vormals Ackerland gewesen waren. All dies ließ das kleinbäuerliche Eigentum verschwinden und sich die Bauern in Proletarier verwandeln. In den schottischen „Hochlanden“ erhielt sich lange Zeit (bis Ende des 18. Jahrhunderts) das Gemeindeeigentum an Land. Auch hier expropriierten die Grundbesitzer, die zunächst nur feudale Rechtstitel auf das Land besaßen, im Einvernehmen mit dem bürgerlichen Staat die unglückseligen Hochlandbewohner und verjagten sie von ihrem Land.

„Der Raub der Kirchengüter, die fraudulente Veräußerung der Staatsdomänen, der Diebstahl des Gemeindeeigentums, die usurpatorische und mit rücksichtslosem Terrorismus vollzogene Verwandlung von feudalem und Claneigentum in modernes Privateigentum“ (der Krieg gegen die Hütten), „es waren ebenso viele idyllische Methoden der ursprünglichen Akkumulation. Sie eroberten das Feld für die kapitalistische Agrikultur, einverleibten den Grund und Boden dem Kapital und schufen der städtischen Industrie die nötige Zufuhr von vogelfreiem Proletariat“ [MEW 23, S. 760/61].

Abgesehen von den Maßnahmen zur Expropriation der Bauern gab es noch andere charakteristische Eingriffe des Staates zugunsten der entstehenden Bourgeoisie, wie z.B. die Blutgesetzgebung – die Folter, Auspeitschung, Brandmarken mit glühenden Eisen und Ähnliches für die Bettler und Vagabunden vorsah, die sich der Arbeitsdisziplin nicht unterwerfen wollten – und der gesetzlich festgelegte Lohntarif, der einen Maximallohn vorschrieb und jegliche Arbeiterorganisation verbot. Dieser Prozess vollzog sich in England schon vor der politischen bürgerlichen Revolution: Die ersten Gesetze stammen aus dem Jahre 1349, die letzten Gesetze über die Lohnregulierung werden erst Ende 1813 abgeschafft, die brutalen Antikoalitionsgesetze fallen erst 1825, aber manches davon findet man noch bis 1859. Die gesetzliche Anerkennung der Trades’ Unions datiert vom 29. Juni 1871.

„Man sieht, nur widerwillig und unter dem Druck der Massen verzichtete das englische Parlament auf die Gesetze gegen Strikes und Trades’ Unions, nachdem es selbst, fünf Jahrhunderte hindurch, mit schamlosem Egoismus die Stellung einer permanenten Trades’ Union der Kapitalisten gegen die Arbeiter behauptet hatte“ [MEW 23, S. 769].

46. Der Kampf für die „Befreiung“ der Arbeiter

In Frankreich finden wir ebenfalls brutale Gesetze gegen die Vagabunden. Hier verschwinden die feudalen Rechte sehr viel langsamer, und erst sehr spät verbreitet sich ein bäuerliches Kleineigentum, das, auch aufgrund einer anderen technischen Konstellation in der Agrikultur, sehr viel widerstandsfähiger als in England ist. Bedeutsam ist jedoch die Tatsache, dass unmittelbar nach dem Revolutionssturm, der mit der Bourgeoisie zugleich ihren Verbündeten, den vierten, proletarischen Stand, zu befreien schien, die Arbeiterassoziationen verboten werden. Ein Dekret vom 14. Juni 1791 bestraft gemeinsame Abmachungen unter Arbeitern (die darauf abzielen, ihre Einstellungsbedingungen zu verbessern) als „Attentat auf die Freiheit und die Erklärung der Menschenrechte“. Für uns ist der Grund dieser bürgerlichen Opposition gegenüber den Arbeiterkoalitionen klar: Es ging darum, der freien Konkurrenz ihren Lauf zu lassen, um die Arbeitskraft möglichst billig zu bekommen. Der Berichterstatter der Nationalversammlung ist nur konsequent, wenn er sagt, die Vereinigung von Personen desselben Berufs sei erneut „eine Herstellung der durch die französische Konstitution abgeschafften Korporationen“, denn trotz der tiefgreifenden historischen Verschiedenheit der Erscheinung handelt es sich im einen wie im anderen Fall um Hemmnisse für den freien Kauf der Arbeitskräfte seitens des Kapitals. Für die liberale Theorie ist das Verbot der Arbeiterorganisationen nicht minder angezeigt: Der Staat der repräsentativen Demokratie ist der einzige Organismus, der alle Bürger im Namen der Gleichheit umfasst und schützt. Jedes Individuum ist frei, und existiert gegenüber dem einheitlichen Staat nur als Einzelner. Juristisch sind die Klassenvorrechte verschwunden. Jede Vereinigung von Mitgliedern derselben sozialen Schicht hat die Tendenz einen Staat im Staate, eine Kaste innerhalb der allgemeinen juristischen Gleichheit zu bilden und muss verboten werden. Im Bereich der Ökonomie postuliert der Liberalismus das freie Spiel der einzelnen Privatinteressen; der Staat schützt im Allgemeinen die Verträge zwischen Privatpersonen, kann aber keine kollektive Aktionen bzw. Verträge dulden. In der Tat wurde das Dekret von 1791 von der Schreckensregierung und den Girondisten, von Napoleon und der Restauration eingehalten. Wenn die parlamentarische Demokratie viel später der Anerkennung der Gewerkschaften zustimmte, so widersprach sie damit ihrer reinen Theorie, wie auch die gesamte Gesetzgebung staatlicher Interventionen in die sozial-ökonomischen Verhältnisse im Widerspruch zu dieser Theorie steht. Der Widerspruch zu den Prinzipien bestätigt im Übrigen die Nichtigkeit derselben, welche nur zur „ideologischen Mobilisierung“ der Massen – die man in der Illusion wiegt, sie seien frei und souverän – geschaffen wurden. Zu den Interessen und der Politik der Kapitalistenklasse steht diese Gesetzgebung jedenfalls nicht im Widerspruch: In der ersten Phase hat das Kapital nur die Reaktion zu fürchten und legt sich keine Zügel an, um die besten ökonomischen Bedingungen für die Akkumulation zu schaffen; in der darauffolgenden Phase jedoch steht das Kapital aufgrund der Bildung einer starken Arbeiterklasse vor der Schwierigkeit wirtschaftlicher, aber auch politischer Beziehungen zum Proletariat. Auch wenn durch das Verbot der Arbeiterkoalitionen der Lohn herabgedrückt und der Mehrwert und die Akkumulation gesteigert werden können, geht die Bourgeoisie davon aus, dass dies sehr schnell zu einem sozialen Kampf führen kann, in dem das Prinzip des Mehrwerts und der Akkumulation selbst zu Fall käme. Im Allgemeinen ist es daher besser für sie, die Gewerkschaften zuzulassen und den einzelnen Kapitalisten per Gesetz einige Opfer aufzuerlegen, die die Lohnarbeit weniger unerträglich machen.

Aber die große französische Revolution war, als sie die Arbeiter ihres Assoziationsrechts beraubte, nicht weniger konsequent als bei der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht; dies ungeachtet des heute verbreiteten banalen Fehlers, die fortgeschrittene Demokratie für eine Antithese zur arbeiterfeindlichen Reaktion und dem Militarismus zu halten.

47. Genesis des Agrarkapitalisten

Wir haben die Bedingungen, die die ursprüngliche Akkumulation und die Bildung einer Lohnarbeiterklasse ermöglichten, untersucht. Wir werden nun sehen, wie die ersten Kapitalisten auftreten. In England betritt vor dem industriellen Kapitalisten zunächst der Agrarkapitalist den Schauplatz, d.h. der Großpächter, von dem jetzt die Rede sein wird.

Ein landwirtschaftliches Eigentum kann von seinem juristischen Eigentümer auf verschiedene Art und Weise bewirtschaftet werden. In der Sklavenhaltergesellschaft lässt der Landeigentümer Sklaven, die ebenfalls sein Eigentum sind, sein Land bebauen. An ihrer Spitze steht entweder ein anderer Sklave oder ein von seinem Herrn besoldeter Freier, ein ehemaliger Sklave. In der Feudalgesellschaft wird der Boden von den Leibeigenen bearbeitet, aber nur selten kümmert sich der Grundherr um die Organisation dieser Arbeit. In den meisten Fällen verfügt jede Bauernfamilie über ein kleines Stück Land, von dessen Erträgen sie dem Feudalherren einen bestimmten Teil abliefern muss (den Zehnten); außerdem behält der Feudalherr die besseren Bodenstücke für sich und lässt sie ebenfalls von den Bauern, die hier eine bestimmte Arbeitszeit ableisten müssen, bestellen (Fronarbeit).

Nach der Emanzipation der Leibeigenen werden verschiedene Formen möglich. Die direkte Bewirtschaftung des Bodens ist machbar, sofern der Eigentümer nicht nur den Boden besitzt, sondern auch das bäuerliche Inventarium (Vieh, Samen, Dünger, Ackerbauwerkzeug; später Maschinen usw.), außerdem Geldkapital, um die Löhne der Landarbeiter (die unter Leitung eines vom Herrn bezahlten Gutsverwalters stehen) vorzustrecken. Dies war die erste, von den englischen landlords eingeführte Form, wenngleich die ehemaligen Leibeigenen nicht nur Tagelöhner, sondern zuvor auch Kleineigentümer und Nutznießer eines kleinen Stücks Land waren.

Sehr bald jedoch wird der Verwalter zum Halbpächter. Die Halbpacht, oder besser: Teilpacht, ist diejenige Form der landwirtschaftlichen Betriebsführung, in der der Eigentümer das Land und einen Teil des beweglichen Kapitals stellt, während der Teilpächter das restliche Inventarium mitbringt und die Arbeit liefert, indem er Lohnarbeiter einstellt; das Gesamtprodukt wird in vertraglich bestimmter Proportion zwischen dem Eigentümer und dem Halbpächter geteilt. Wir sprechen hier von der auf ausgedehnte zusammenhängende Landgüter angewandten Großpacht, bei der der Teilpächter (Kolone) selbst nicht arbeitet, sondern Tagelöhner anheuert; sie ist also wesentlich verschieden von der Kleinpacht, bei der, selbst wenn es sich um einen einzigen Großgrundbesitz handelt, der Boden in zahlreiche Kleinbetriebe zersplittert ist, die vom Teilpächter selbst und seiner Familie bearbeitet werden.

Die großen englischen Teilpächter versäumten nicht, sich in dem Maße zu bereichern, wie die selbständigen Kleinbauern und die jetzigen Tagelöhner, die zuvor selbst ein wenig Boden besaßen, aus den bereits genannten Gründen verarmten. An die Stelle der Teilpacht tritt also die wirkliche und eigentliche Pacht. Die Pacht ist diejenige Form der Bewirtschaftung, in der der Eigentümer nur den Boden und die Gebäude stellt. Der Pächter, dem das gesamte bewegliche Kapital gehört und der die Arbeiter einstellt, eignet sich das gesamte Produkt an. Er muss dem Landeigentümer eine Geldpacht zahlen, so dass sich sein Einkommen in die an den Grundbesitzer gezahlte Grundrente und den Profit des kapitalistisch wirtschaftenden Pächters teilt. Im Auge zu behalten ist, dass sowohl die Rente als auch der Unternehmerprofit der Mehrarbeit entstammen, die kraft einer unter dem Schutz des Staates stehenden Klassenallianz zwischen dem Grundbesitzer und dem Kapitalisten aufgeteilt wird. Unsererseits bestreiten wir, dass der nackte Boden, und nicht die Arbeit, die Quelle des Reichtums sein kann.

Auch hier unterscheiden wir zwischen Groß- und Kleinpacht. Letztere hat keinen kapitalistischen Charakter, da es sich hier um kleine Landstrecken handelt, die vom selbstwirtschaftenden Kleinpächter bebaut werden, der, wie der Handwerker, im Besitz einiger weniger und elender Produktionsinstrumente ist, aber kein Land besitzt. Behalten wir auch im Auge, dass einer fortgeschrittenen landwirtschaftlichen Bodenbebauung die einheitliche Leitung großer Landgüter entspricht, die der Eigentümer entweder selbst verwaltet oder aber durch einen Großpächter verwalteten lässt, je nachdem, ob die juristische Person des Grundeigentümers mit der des Kapitalisten identisch ist. Auf dieser Grundlage sind die Arbeit großer Arbeitermassen, die Arbeitsteilung und die Mechanisierung der Landwirtschaft möglich. Das Kleineigentum im Allgemeinen (abgesehen von den Fällen, wo der Boden ausgesprochen fruchtbar ist und sich zur Kleinkultur sehr gut eignet) wie auch die parzellierte Leitung eines Großgrundbesitzers durch kleine Pächter und Halbpächter bilden demgegenüber rückständige Formen. Letzteres charakterisierte, nebenbei gesagt, die Lage des russischen Großgrundbesitzes nach der Emanzipation der Leibeigenen und der Aufhebung des Gemeindeeigentums (Mir bzw. Obschtschina). In solchen Fällen gibt es neben dem Kleinbetrieb auch das Großgrundeigentum. Der Übergang zum Großbetrieb setzt einen langen Entwicklungsprozess in ökonomisch-technischer Hinsicht voraus, während der Kleinbetrieb von der Ausbeutung durch den Großgrundbesitz juristisch sofort befreit werden kann. In Wirklichkeit wird das Land dabei nicht aufgeteilt, sondern bleibt, was die Produktionsmethode bzw. Betriebsführung angeht, wie zuvor geteilt, wobei aber immerhin eine Form der Mehrwertauspressung (nämlich die ehemalige Grundrente) sofort aufgehoben wird.

Um wieder auf England zurückzukommen, wurden die ersten Großpächter sehr schnell reich, was auch der Tatsache geschuldet war, dass im 16. Jahrhundert die edlen Metalle, daher das Geld entwertet wurden und die Waren sich verteuerten, während die Löhne erst sehr viel später stiegen. So wuchsen die Verkaufseinnahmen des Pächters, d.h. tatsächlich sanken seine Lohnkosten und, bei den herkömmlichen langen Pachtverträgen, auch das Pachtgeld, so dass sich die Pächter auf Kosten der Lohnarbeiter und der Landeigentümer bereichern konnten.

48. Genesis der industriellen Produktion

Die Expropriation der Kleinbauern und ihre Ersetzung durch große Agrarbetriebe lieferte der entstehenden kapitalistischen Industrie nicht nur große Massen von nicht aus dem Zunfthandwerk stammenden Lohnarbeitern, sondern stellte dem ursprünglichen Akkumulationsprozess darüber hinaus seine stofflichen und ökonomischen Elemente zur Verfügung. Trotz der geringen Zahl seiner Bebauer trug der Boden nämlich nach wie vor gleich viel oder mehr Produkt, weil diese Verringerung durch eine gesteigerte Ausbeutung der Tagelöhner, durch verbesserte Anbaumethoden, durch höhere Produktivität der Arbeit auf Großflächen wettgemacht wurde. Dadurch wurden große Mengen von Lebensmitteln verfügbar sowie eine Menge landwirtschaftlicher Produkte in Form von Rohmaterial für die Industrie (Spinnereien und Webereien, die Leinen, Baumwolle, Wolle usw. verarbeiteten). Nach dieser Expropriation wird das Rohmaterial vom Manufakturkapitalisten gekauft, ebenso wie die Arbeiter, in Gestalt der Löhne, die verfügbaren Lebensmittel kaufen. Die Umwandlung der Landwirtschaft hat also nicht nur die neue Klasse des Proletariats und den kapitalistischen Pächter hervorgebracht, sondern lieferte dem städtischen Neukapitalisten auch konstantes Kapital (zu verarbeitende Rohstoffe) und variables Kapital (Lebensmittel). Dies geschah nicht nur in England, sondern in vielen Teilen Mitteleuropas, wie z.B. in Westfalen zur Zeit Friedrichs II, wo die flachsspinnenden Bauern gewaltsam expropriiert und von Grund und Boden verjagt wurden; wollten sie nun Flachs verarbeiten und Lebensmittel verzehren, mussten sie sich den großen Manufakturen als Lohnarbeiter verdingen. Mit anderen Worten, die Enteignung des Landvolks führt zu einem Angebot von Arbeitsmaterial und Lebensmitteln und schafft dem Kapital dadurch seinen inneren Markt. Das häuslich-ländliche Nebengewerbe wird jedoch in der Manufakturperiode nicht vollständig vernichtet, denn meistens wird die Bearbeitung des Rohmaterials bis zu einem bestimmten Grad weiterhin kleinen Handwerkern oder über das Land verstreut lebenden kleinen Landleuten überlassen, die nur nebenbei den Boden bestellen. Erst die Einführung der Maschinerie führt zur endgültigen Auslöschung dieses verstreuten häuslich-ländlichen Gewerbes, indem sie alle Verarbeitungsschritte in der Fabrik vereint, und dem Kapital den ganzen inneren Markt der Manufakturprodukte erobert.

49. Genesis des industriellen Kapitalisten

Kommen wir nun zum Kernpunkt, dem Auftreten der ersten Industrie- oder besser Fabrikkapitalisten (denn eigentlich ist ja auch der Pächter ein Industriekapitalist).

Wir bestreiten nicht, dass das kleine ursprüngliche Kapital in manchen Fällen aus dem akkumulierten Arbeitsertrag selbständiger Handwerker oder auch einiger Lohnarbeiter entstanden sein mag. Viel öfter war es jedoch das Oberhaupt einer Gilde, der Zunftmeister, der zum Kapitalisten wurde, denn er hatte natürlich mehr legale und illegale Möglichkeiten, Geld zur Seite zu legen.

Arbeiter und Arbeitsmaterial waren jetzt freigesetzt und konnten nun eingestellt bzw. gekauft werden. Zur Genesis des Kapitalisten fehlte jetzt nur noch der Besitz einer Geldsumme für die ersten Vorschüsse. Nun gab es aber bereits in den vorhergehenden Gesellschaftsformationen Privatleute, die über Geld verfügten, das sie in viel größeren Mengen akkumuliert hatten, als dies durch eigene Arbeit möglich gewesen wäre; d.h. es existierten zwei Arten von Kapital, die noch nicht die Merkmale des Industriekapitals hatten, nämlich das Wucherkapital und das Kaufmannskapital.

Wir sagten bereits, dass auch der Gewinn, den derjenige macht, der Geld in den Wucher (damit meinen wir hier jedes zinsbringende Darlehen) und in den Handel investiert, immer mehr oder minder unmittelbar das Äquivalent von Mehrarbeit und folglich von Mehrwert ist. Es fehlt aber noch der kennzeichnende Aspekt der kapitalistischen Produktion, nämlich der direkte Kauf und Verkauf der Arbeitskraft, da die Produktion noch von Arbeitern besorgt wird, die nicht von ihren Produktionsmitteln und Produkten getrennt sind. Die aber mussten – weil sie weder genug Geld besaßen, um das Rohmaterial und anderes für ihr Kleingewerbe vorzuschießen, noch um den geeigneten Ort für den Absatz ihrer Erzeugnisse zu erreichen und die Zeit bis zum Verkauf zu überbrücken – einen Teil ihres Gewinns an den sogenannten Verleger abtreten, an denjenigen also, der ihnen durch seine Geldakkumulation diese Dinge abnehmen konnte. Durch die Abtretung ihres Gewinns traten sie aber auch einen Teil ihrer Arbeit ab.

Wucherer und Kaufleute verfügten also über Geld; die Feudalverfassung auf dem Land und die Zunftverfassung in den Städten behinderten jedoch dessen Verwandlung in industrielles Kapital. Die alten Gesellschaften bekämpften die Kapitalbildung mit strengen Gesetzen gegen den Wucher und mit einem moralischen Feldzug gegen die, die vom Wucher oder Handel lebten. Der Kriegsherr und selbst der Abenteuer, der sich vom Banditen nicht allzu sehr unterscheidet, werden für ehrenwerter als der Kaufmann gehalten. Wie schwer der Wucher im Sittenbild des mittelalterlichen Bewusstseins verurteilt wird, ersieht man unter anderem an der Stellung, die er in Dantes Vergeltungssystem einnimmt. Der Wucher gehört zu den Gewalttaten (obgleich das Verhältnis zwischen dem Geldverleiher und dem, der Zins zahlt, im Grunde anerkannt ist). Wird die Gotteslästerung als widernatürliches Laster angesehen, weil sie das Gesetz der Natur bricht, so gilt auch der Wucher als Gewalttat gegen die Kunst (d.h. das Handwerk, die menschliche Arbeit), weil er die Sittlichkeit verletzt, der zufolge niemand eines Teils seines Arbeitsertrages beraubt werden darf. Es wundert uns nicht, dass die Dante‘sche Moral in der Rente des Feudalherrn nicht die gleiche Verfehlung erblickt und sich auch nicht gegen die Sklaverei des klassischen Altertums empört, auch wenn sie im Namen der christlichen Prinzipien abgelehnt wird. In jener Geschichtsepoche erscheint als moralisch verwerflich, dass Geld demjenigen, der nicht arbeitet, Geld einträgt; ein Umstand, der heute mit Religion, Natur und wahrer Soziologie völlig vereinbar ist. In den Schlussversen des 11. Gesanges der „Hölle“ erklärt Vergil Dante, wie schändlich der Wucherer ist: Er bezieht sich dabei auf die „Physik“ des Aristoteles, der zufolge das Menschenwerk die Quelle des Lebens sein muss (die Arbeit als Quelle des Werts), ebenso wie die „Genesis“ oder die durch Gottes Wort geschaffene Natur („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“), während „der Wucher andre Wege einschlägt“ und folglich die Natur mit der ihrem Vorbild folgenden Kunst (die Arbeit) „beleidigt“. Merkwürdig ist, dass der Reiche, der seine Güter geerbt hat, nicht all das beleidigt: Im Gegenteil, er wird in dem vorhergehenden Höllenkreis als Gewalttätiger gegen sich selbst und „die eigene Habe“ bestraft, wenn er sie verschwendet, statt sie auf seine Erben zu übertragen. Der Widerspruch könnte theoretisch mit ein paar Spitzfindigkeiten der Scholastik erklärt werden; durch unsere kritische Methode erklärt er sich jedoch sogleich aus den historischen und gesellschaftlichen Verhältnissen: einer der Eckpfeiler des Feudalismus ist ja gerade die Unveräußerlichkeit des Immobilienvermögens.

Nachdem die Schranken gefallen waren, die das Wucher- und Kaufmannskapital daran hinderten, Arbeitskräfte anzuheuern und modernes Kapital zu werden, ging der Widerstand jedoch noch weiter. 1794 forderten die Handwerker ein Verbot für den Kaufmann, Fabrikant zu werden. Die neuen Manufakturen wurden an neuen Orten errichtet, fern von den alten Städten mit ihrer Zunftverfassung; sie entstanden in den Seehäfen und manchmal innerhalb bestimmter, vom Monarchen festgesetzter Grenzen.

50. Die Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation

Die ursprüngliche Akkumulation erklärt sich also wesentlich nicht aus der Arbeit, sondern aus der lange vorher erfolgten Akkumulation von Kaufmanns- und Wucherkapital. Was ihr dann jedoch einen gewaltigen Anschub gab, waren die neuen Verkehrswege und die Ausbeutung der neu entdeckten Kontinente, die Entdeckung von Edelmetallvorkommen, die Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, der Sklavenhandel und ähnlich... idyllische Epen. Kaum hatte die kapitalistische Ära begonnen, brachen auch schon die großen Kriege um die Handelsvorherrschaft und das Kolonialsystem aus. Die Hegemonie geht sukzessive von Portugal auf Spanien, Holland, Frankreich und dann auf England über (die Drohung einer deutschen oder russischen Vormachtstellung wurde durch den Weltkrieg beseitigt; andere, außergewöhnlich starke Konkurrenten erhoben sich jedoch und machten England das Feld streitig: Japan und vor allem die USA, die durch den II. Weltkrieg auf den ersten Platz vorrückten).

Betrachten wir nun die Methoden der ursprünglichen Akkumulation, die in England zur Zeit des Kreuzzuges gegen die Französische Revolution bereits völlig ausgereift waren: das sind vor allem das Kolonialsystem, das Staatsschuldensystem, das moderne Steuersystem, der Protektionismus. „Diese Methoden beruhn zum Teil auf der brutalsten Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzen die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft“ (zum Vorteil der herrschenden Klasse), „um den Verwandlungsprozess der feudalen in die kapitalistische Produktion treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen“, und um der entstehenden, konträren Kraft der proletarischen Klasse, die darauf hinarbeitet, die kapitalistische Wirtschafts- und Staatsordnung zu stürzen, entgegenzutreten. In der Tat ist „die Gewalt der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz“ [MEW 23, S. 779].

Endlos wäre die Geschichte der Gräueltaten der Weißen in den Kolonien und der Mittel, durch die sich z.B. die berühmt-berüchtigte Englisch-Ostindische Kompanie und ihre hohen Beamten bereicherten. Wohlbekannt ist, dass sowohl Katholiken als auch Protestanten den amerikanischen Ureinwohnern eine Seele absprachen, weil sie in der Bibel nicht erwähnt werden. Die puritanischen und protestantischen Siedler Amerikas setzten Prämien auf die Skalps der Indianer; und alle kennen die Methoden, mit den die schwarzen Sklaven gefangen, transportiert und zur Arbeit getrieben wurden, alle erinnern sich an die Opiumkriege und die vorsätzliche Vergiftung alter Zivilisationen im Interesse des englischen Kapitals.

Das Kolonialsystem führte zu einer gigantischen Entwicklung von Handel und Schifffahrt; es schuf die von den Regierungen geschützten Handelskompanien, welche Kapitalakkumulation und -konzentration förderten. Die Eroberung der Kolonien sicherte Absatzmärkte für die Produkte der entstehenden Manufakturen, während die den Einheimischen mit Zwangsarbeit und allen möglichen Gewaltmitteln abgepressten Schätze nach Europa flossen und zu Kapital wurden. Während heutzutage die industrielle Suprematie die Handelssuprematie impliziert, da die Konkurrenz auf den Weltmeeren frei von politischen Fesseln ist, war es in jener Zeit genau umgekehrt: Es war gerade die mächtigste Kolonialnation, nämlich Holland (17. Jahrhundert), die die bedeutendsten Kapitalien hatte und in ihrer Akkumulation am weitesten war.

Die Ursprünge des öffentlichen Kredits, d.h. der Staatsschulden, bei dem der Staat sich von Privaten Geld leiht und dafür Zinsen zahlt, finden wir bereits im Mittelalter in den italienischen Handelsstädten. Es ist ganz natürlich, dass ein solches System die Akkumulation fördert: kleine und große Privatkapitale aus Wucher und Handel – und in Ausnahmefällen: Ersparnisse von Handwerkern –, die sonst keine Möglichkeit hätten, Mehrwert zu produzieren, werden in den Händen des Staates zu industriellem Kapital. Der Staat hat nämlich ganz andere Mittel, um Lohnarbeiter einzustellen (Bau von See- und Hafenanlagen, Schiffswerften, Reedereien, öffentliche Arbeiten im Allgemeinen usw.). Die öffentliche Schuld drückt außerdem dem Staat den kapitalistischen Stempel auf: Der König von Frankreich ist weiterhin der von Gott Gesandte, der über Leben und Tod jedes Untertanen gebietet, doch vor ein paar Pariser Finanziers und Wucherern, denen von Rechts wegen nach keinerlei Privilegien zustehen, muss er zittern. Natürlich hoben die ersten bürgerlichen Ökonomen die öffentliche Schuld in den Himmel, hat sie doch allen kapitalistischen Formen einen so enormen Schub gegeben: Sie ermöglichte, in einem frühen Stadium große Unternehmen zu schaffen, die sonst eine langsame Konzentration hätten abwarten müssen; sie hat den Aktiengesellschaften wie dem Handel mit Wertpapieren (die, obwohl sie wie die staatlichen Schuldscheine einen Empfangsschein für geliehenes Geld darstellen, ihrerseits als Geld zirkulieren) den Weg freigemacht. Dem öffentlichen Kredit folgte sodann bald der Privatkredit.

Der öffentliche Kredit brachte das Bankensystem hervor. Die Bank ist eine Einrichtung, über die sich Privatpersonen ihr Kapital leihen. Die vielen kleinen Geldsummen können schlechterdings nicht in Unternehmen angelegt werden, folglich werden sie in einer Bank hinterlegt. Die über Riesensummen verfügende Bank leiht sie ihrerseits wenigen großen Unternehmern, die zu wenig Kapital haben, dafür aber Lohnarbeit anwenden sowie Absatzmärkte auftun können. Diese übertragen dem Bankier dafür einen Teil des Mehrwerts, und der Bankier gibt seinerseits einen Teil davon an die verschiedenen Geldanleger weiter. Die Aufteilung dieses der Arbeiterklasse geraubten Mehrwerts in unterschiedlichen Größenverhältnissen wird mit dem mehr oder weniger großen Risiko erklärt, dem diejenigen, die Geld vorschießen, ausgesetzt sind. Nach dieser Risikotheorie bietet der Staat große Sicherheiten für die Rückerstattung und zahlt folglich minimale Zinsen; die großen, halbstaatlichen Banken bieten etwas höhere Zinsen, die kleinen Banken noch höhere; der Unternehmer – vor allem, wenn er über keine erstklassigen Betriebsanlagen verfügt oder sich in neue Unternehmungen stürzt – muss mit sehr hohen Zinssätze vorlieb nehmen. Der Wucherer schließlich, dem achtbare und praktische Mittel fehlen, um seinen Opfern das Geld wieder abzuknöpfen, verlangt irrsinnig hohe Zinssätze. In Wirklichkeit sind all diese Verbindlichkeiten Teile des aus dem wucherischen Austausch von Arbeit gegen Lohn resultierenden Mehrwerts. Die Mechanismen sowohl des Bankensystems als auch der zinstragenden Papiere mit ihren oszillierenden Marktpreisen geben den Kapitalisten die Möglichkeit zur Geschäftemacherei, um ein möglichst großes Stück vom Kuchen der gesellschaftlichen Produktion, also der produzierten Gesamtrendite, abzukriegen.

Da die Hauptwaffe weniger in der Skrupellosigkeit, zu der jeder Dummkopf fähig ist, liegt als in der Verfügbarkeit über große Wertmassen, bringt diese Geschäftemacherei nicht nur die ursprüngliche Akkumulation und die Investitionen auf Touren, sondern auch die Konzentration des Kapitals enorm voran.

Mit den Staatsschulden und den Banken entsteht das internationale Kreditsystem, das die ursprüngliche Akkumulation in anderen Ländern anheizt, die wohl Arbeiter, aber wenig Lebensmittel, Rohstoffe oder Geld haben, um anderswo einzukaufen. Als Venedig verfiel, verlegte es sich auf das Ausleihen riesiger Geldsummen an Holland; ebenso Holland in Bezug auf England, und im 19. Jahrhundert gilt ähnliches für England und die Vereinigten Staaten. Das geborgte, sich progressiv reproduzierende Kapital ist bald in der Lage, diesen ersten Vorschuss zurückzuzahlen und sich selbständig zu machen. Seit dem Ende des I. Weltkriegs sind die Vereinigten Staaten die Gläubiger der ganzen Welt.

Da die Staatsschuld auf den Staatseinkünften basiert, die die Zinszahlungen decken müssen, kam in ihrem Gefolge das moderne Steuersystem auf. Dieses wurde ein weiteres wesentliches Moment der ursprünglichen Akkumulation, sowohl weil es die Kleinbauern und Handwerker expropriierte und ruinierte, als auch weil es den Konsum der armen Klassen um große Wertmengen beschnitt, die dann den (dem Staat) geldverleihenden Kapitalisten zuflossen.

Schließlich haben wir das Protektionssystem, mithilfe dessen der Staat einer mit Startschwierigkeiten konfrontierten Industrie unter die Arme greift: Einerseits durch hohe Schutzzölle auf gleiche Produkte, die im Ausland hergestellt und importiert werden, so dass sich deren Preise im Inland erhöhen und den inländischen Fabrikanten zu einen höheren Profit verhelfen; zum anderen durch Exportprämien für die Produkte solcher Industrien, die ins Ausland gehen; manchmal wird der Import von Produkten aus anderen Ländern sogar verboten, usw.

„Das Protektionssystem war ein Kunstmittel, Fabrikanten zu produzieren, unabhängige Arbeiter zu expropriieren, die nationalen Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisieren, den Übergang aus der altertümlichen in die moderne Produktionsweise gewaltsam abzukürzen“ [MEW 23, S. 784/85].

Durch Staatsschulden, Steuersystem, Kolonialsystem, Bankokratie und Protektionismus blühen die ursprüngliche Akkumulation und die Genesis des industriellen Kapitalisten mächtig auf. Zuweilen konnten sich die Manufakturherren das nötige Kapital direkt von der Regierung leihen. Es sind all diese Erscheinungen, die in der Kindheitsperiode der großen Industrie gigantisch herausragen. Die große Industrie macht sogar weidlich vom Kinderraub Gebrauch, einem wirklichen Handel weißer Kinder, parallel zum Handel mit den schwarzen Sklaven. Mit dem Frieden von Utrecht zwang England den Spaniern das Vorrecht über den Sklavenhandel zwischen Afrika und dem spanischen Amerika ab: Aus diesem Handel erwuchs die Grandeur Liverpools; für diese gottesfürchtige Stadt bildete der Handel mit Menschenfleisch die spezifische Methode der ursprünglichen Akkumulation. Das ist also der Preis, mit dem die modernen Errungenschaften bezahlt wurden, das ist, was nötig ist, um die ewigen Naturgesetze der kapitalistischen Produktion zu entwickeln, um die Scheidung des Arbeiters von seinen Arbeitsbedingungen definitiv durchzusetzen, um Arbeiter in Kapital und die Masse des Volks in Lohnarbeiter zu verwandeln!

„Tantae molis erat[7], die ‚ewigen Naturgesetze‘ der kapitalistischen Produktionsweise zu entbinden, den Scheidungsprozess zwischen Arbeitern und Arbeitsbedingungen zu vollziehen, auf dem einen Pol die gesellschaftlichen Produktions- und Lebensmittel in Kapital zu verwandeln, auf dem Gegenpol die Volksmasse in Lohnarbeiter, in freie ‚arbeitende Arme‘, dies Kunstprodukt der modernen Geschichte. Wenn das Geld, nach Augier, ‚mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt’, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ [MEW 23, S. 787/88].[8]

51. Die moderne Kolonisationstheorie

Dies ist das 25. Kapital im „Kapital“; das 24. Kapitel fassen wir in Anbetracht seiner Schlussfolgerungen und Programmatik erst danach zusammen.

Die wirtschaftliche Situation, der sich der Kapitalismus in den gerade kolonisierten Ländern gegenüber sah, ist – abgesehen von einer vollständigen Untersuchung des Phänomens des Imperialismus – insofern äußerst interessant, da sie einen offenkundigen Widerspruch der bürgerlichen Ökonomie deutlich aufzeigt. Da sie das Privateigentum als aus eigner Arbeit, Ersparung und Entsagung hervorgehend definiert, verwechselt sie geflissentlich das Privateigentum an persönlichen Arbeitsmitteln mit dem auf fremder Arbeit beruhenden kapitalistischen Privateigentum. Dem Theoretiker der bürgerlichen Ökonomie passt es gut ins Konzept, die von einer vorkapitalistischen Gesellschaft geerbten Rechts- und Eigentumsvorstellungen auf die kapitalistische Gesellschaft anzuwenden. Wir sahen bereits die ganze Absurdität einer solchen Sichtweise. Hinsichtlich der Kolonien ist die bürgerliche Ökonomie gezwungen, die gewaltsame Zerstörung des kleinen Privateigentums zuzugeben und sogar herbeizuwünschen, um der kapitalistischen Produktion Platz zu schaffen.

Zuerst benutzte der Kapitalismus die Kolonien einfach als Ressource akkumulierter Bodenschätze, die er nur ausplündern brauchte, als Orte, wo Güter erworben wurden, für die in Europa eine Nachfrage bestand, und vor allem als Absatzmarkt für die Manufakturprodukte des Mutterlandes. Später wollte der Kapitalismus natürlich auch seine Mehrwertmaschinen selber, seine Industrieanlagen, dorthin versetzen.

Es mangelte nun nicht mehr an Geldkapital, um Arbeitsinstrumente sowie Rohstoffe und Lebensmittel zu kaufen und die Rohstoffe an Ort und Stelle zu verarbeiten. Es fehlte nur noch die Lohnarbeit. Die Einheimischen der Kolonien jedoch lebten entweder recht gut auf der Grundlage der Kleinproduktion oder waren schon vorher ins Landesinnere vertrieben oder gar ausgerottet worden. Es war leichter gewesen, sie zu Sklaven zu machen als sie jetzt in freie Lohnarbeiter zu verwandeln. Was die aus dem Mutterland gekommenen Siedler betrifft, so fanden diese Leute endlos sich erstreckendes, unbesiedeltes Land vor, brauchbar für die Landwirtschaft und oft auch für die extraktive Industrie. Wenn freier Boden vorhanden ist, bzw. sich unbegrenzt anbietet, kann jeder fast kostenlos und einfach durch Aneignung Grund und Boden usurpieren. Aufgrund desselben „heiligen Naturgesetzes“ von Angebot und Nachfrage, das in Europa den Habenichts zwang, seine Arbeitskraft zu verkaufen, hat er in den Kolonien die Gelegenheit, sich ohne große Mühe Arbeitsmittel für ein eigenes, freies Unternehmen zu verschaffen. Zudem wurde auf den gerade eben entstandenen Farmen nicht nur agrikole und Weidewirtschaft, sondern auch ländlich-häusliche Industrie betrieben: Der amerikanische „Farmer“ verfertigte selber seine Werkzeuge, seine Möbel, sein eigenes Haus. Der unternehmungslustige Kapitalist, der keine Arbeiter und Käufer fand, hätte auch gänzlich jedem Konsum entsagen können, und doch hätte er keinen Cent Mehrwert akkumuliert. Sehr amüsant ist der Fall des Herrn Peel, der Lebensmittel und Produktionsmittel in Höhe von 50.000 Pfd. St. aus England nach Amerika mitnahm und außerdem so gescheit war, noch 3.000 Personen der arbeitenden Klasse, Männer, Frauen und Kinder mitzubringen. Doch der Herr Peel konnte nicht nur keine Fabrik aufmachen, sondern wurde auch noch grausam von allen im Stich gelassen, so dass er „ohne einen Diener, sein Bett zu machen oder ihm Wasser aus dem Fluss zu schöpfen“, blieb. „Unglücklicher Herr Peel, der alles vorsah, nur nicht den Export der englischen Produktionsverhältnisse“ [MEW 23, S. 794].

Was taten die Theoretiker der „Naturwüchsigkeit“ des Kapitalismus? Zunächst machten sie sich zu Apologeten der Sklaverei und der Zwangsarbeit der Ureinwohner (ein Thema, das selbst noch nach dem I. Weltkrieg im Völkerbund debattiert wurde). Dass sie dabei das Gesetz von freiem Angebot und freier Nachfrage mit Füssen traten, scherte sie herzlich wenig. Was die weißen Siedler angeht, so gaben sie diesem Gesetz noch einen Fußtritt (schließlich konnten sie sich schlecht zum Fürsprecher der Versklavung machen): Ihr Vorschlag war, dass der Staat für die Konzessionen von freiem Land einen besonders hohen und künstlichen Preis festsetzt, damit die Einwanderer keinen Grund und Boden erwerben können und gezwungen wären, als Lohnarbeiter zu arbeiten. Die englische Regierung setzte diesen Plan in die Tat um, um die kapitalistische Akkumulation in den Kolonien zu fördern – mit dem Ergebnis, dass sich der Emigrantenstrom in die Vereinigten Staaten, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch dünn besiedelt und reich an „freiem“ Land waren, sich nach Westen hin ausbreitete. Nachdem die bürgerlichen Ökonomen gezwungen wurden, ihre eigenen Postulate zu desavouieren, machte die kapitalistische Entwicklung auch deren „Allheilmittel“ unwirksam.

In Amerika hat die kapitalistische Akkumulation seit dem Bürgerkrieg von 1866 (der eine kolossale Staatsschuld, hohe Steuern und damit das Auftreten der niederträchtigsten Finanzaristokratie mit sich brachte) bis zum I. Weltkrieg sowie der Nachkriegszeit schwindelerregende Höhen erreicht. Da das Land genug Arbeiter hatte und von Arbeitslosigkeit in furchtbaren Ausmaßen bedroht war, begannen die USA, die asiatischen und europäischen Einwanderer abzuweisen. Da sie die Überseeländer unweigerlich mit riesigen Produktmassen überschütten müssen und morgen aus innerpolitischen Gründen vielleicht auch mit einem Teil der anschwellenden industriellen Reservearmee, werden sie – da sie bei der Aufteilung der Kolonialherrschaft zu spät gekommen sind – sicherlich versuchen, Europa zu kolonisieren, indem sie dessen Produktionsapparat ruinieren und einen neuen, noch größeren Konflikt heraufbeschwören.

{Wir lassen den letzten Absatz unverändert, so wie er im ursprünglichen Text dieser Zusammenfassung des „Kapitals“, von einigen Genossen 1929 in Ponza ausgearbeitet, enthalten ist.}

Schlussfolgerung

52. Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation

Wir haben gesehen, was die ursprüngliche Akkumulation, d.h. die geschichtliche Genesis des Kapitalismus, kennzeichnet: die Expropriation des unmittelbaren Produzenten, also jenes Produzenten, der so viele Produktionsmittel besitzt, dass er von seiner Arbeit leben kann und Besitzer der Produkte bleibt, die er austauschen wird, um sich das, was er braucht, zu verschaffen.

Auch bei dieser Form handelt es sich um Privateigentum, aber deswegen besitzt der Kleinproduzent noch lange kein Kapital. Von kapitalistischem Privateigentum kann erst dort die Rede sein, wo die Produktionsmittel und die Produkte Nichtarbeitern gehören und die Arbeiter davon expropriiert wurden. Es gibt also zwei unterschiedliche Arten von Privateigentum: das des Arbeiters (Epoche der Handwerker und kleinen Bauern) und das des Nichtarbeiters (Epoche des Kapitalismus).

Das Privateigentum des Arbeiters an seinen Arbeitsmitteln entspricht der kleingewerblichen Produktion, d.h. dem Kleinbetrieb des Bauern oder Handwerkers, in welchem das Arbeitspersonal neben dem freien Arbeiter noch aus seiner Familie und vielleicht ein paar Gesellen und Lehrlingen besteht. Dieses Stadium der Produktion ist unentwickelt, findet jedoch seine Berechtigung im Gesamtverlauf der technischen Entwicklung, genauso wie es seine Berechtigung hatte, dass das Privateigentum in vorgeschichtlicher Zeit das Gemeineigentum ablöste, in der die Produkte der Natur fast im Rohzustand und ohne große Bearbeitung verzehrt oder genutzt wurden.

Das System des Kleinbetriebs „bildet das Treibhaus der gesellschaftlichen Produktion, die Schule, wo die Handfertigkeit, die Geschicklichkeit und die freie Individualität des Arbeiters selbst herausgebildet werden“.[9] Diese Produktionsmethode und dieser Betriebstypus können mit verschiedenen rechtlichen Eigentumsformen und verschiedenen Gesellschaftsformen einhergehen. Man begegnet diesem System zur Zeit der Sklaverei (als das Privateigentum des Nichtarbeiters am Boden, an der Person des Arbeiters und dem Produkt bestand) und im Feudalismus (neben dem privaten Landeigentum und der Leibeigenschaft). Ihrer eigentlichen Form aber begegnet man in der Produktionsweise, „wo der Arbeiter freier Privateigentümer seiner von ihm selbst gehandhabten Arbeitsbedingungen ist, der Bauer des Ackers, den er bestellt, der Handwerker des Instruments, worauf er als Virtuose spielt“ [MEW 23, S. 789]. Diese Produktionsweise kleiner unabhängiger Produzenten setzt die Zersplitterung des Bodens und der übrigen Produktionsmittel voraus. Nachdem sie ihre Dienste getan hat, würde ihr Fortleben nur eine der weiteren Entwicklung entgegenwirkende Kraft sein können. Die Weiterentwicklung vollzieht sich als Konzentration der Produktionsmittel mit den modernsten Mitteln wie der „kooperativen Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter“ [MEW 23, S. 790], der Arbeitsteilung, der Maschinerie, all dem, was erlaubt, die „gesellschaftliche Beherrschung und Regelung der Natur, die freie Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte“, „die bewusste technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit“ größtmöglich voranzutreiben [MEW 23, S. 789 und 790].

Die Ordnung der Kleinproduktion wird an einem gewissen Punkt also unverträglich mit den neuen Kräften, die durch die neuen technischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten innerhalb der Gesellschaft emporwachsen. Sie muss vernichtet werden, um die Verwandlung der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte Produktionsmittel zu ermöglichen. Diese nächste Phase ist jedoch noch eine Phase des Privateigentums. Eine Gesellschaftsklasse profitiert von der unvermeidlichen Konzentration des Privateigentums, um es zu monopolisieren und darauf ihre Herrschaft zu begründen. In der Verwirklichung all dieser Bedingungen bestehen die ursprüngliche Akkumulation und damit die gewaltsame und grausame Expropriation des arbeitenden Volkes – auf die Gräuel dieses Prozesses haben wir bereits hingewiesen. Es ist eine wahre gesellschaftliche Tragödie, inmitten derer das auf eigener Arbeit beruhende Privateigentum durch das kapitalistische Eigentum ins Abseits gedrängt wird, sich die endgültige Scheidung zwischen Arbeit und Eigentum vollzieht. Diese Tragödie der Expropriation bildet die Vorgeschichte des Kapitals.

Für uns – d.h. gemäß den Ergebnissen unserer wissenschaftlichen Untersuchung der Mechanismen der ökonomischen Kräfte und der geschichtlichen Entwicklung der Gesellschaft – ist dieser Übergang völlig unausweichlich und er ist eine unerlässliche Bedingung für die nützliche Entwicklung der menschlichen und technischen Produktivkraft. Der Prozess ist also ein revolutionärer Prozess, und wenn er – nehmen wir dies absurderweise an – von unserer Zustimmung oder von der Zustimmung angeblicher „moralischer Gewissensbisse“ abhinge, er dürfte nicht verweigert werden. Wir haben uns nicht widersprochen, als wir die Grausamkeiten dieses Übergangs schilderten, sondern die tendenziösen apologetischen Theorien des kapitalistischen Eigentums Lügen gestraft und vernichtet, welche die Ewigkeit des kapitalistischen Eigentums beweisen möchten und sich nicht damit begnügen, die geschichtliche Notwendigkeit seines Entstehens und seinen Beitrag zur Befreiung neu hervorbrechender Produktivkräfte hervorzuheben, sondern seinen Bildungsprozess so darstellen, als ob er friedlich und idyllisch gewesen sei, angenehm und nutzbringend für die Menschenmassen, die im erbarmungslosen Räderwerk dieser Ereignisse mitgerissen werden.

Moralische Urteile sind nicht unsere Sache, umso weniger, wenn es darum geht, die objektiven Entwicklungsgesetze der Gesellschaft zu bestimmen. Mit diesen Urteilen werden wir uns dann beschäftigen, wenn es um die Zerstörung falscher Ideologien oder darum geht, die Frage des bewussten und gewollten Eingriffs menschlicher Vereinigungen (Parteien) in bestimmten Entwicklungsphasen zu klären; denn auch dann werden die programmatischen Bestimmungen nicht aus Kriterien moralischer Natur entwickelt. Da es sich um eine Analyse handelt, führen wir sie in einer Art und Weise durch, welche allen modernen Naturwissenschaften gemeinsam ist – und den modernen Naturwissenschaften sind alle durch reine Sinneswahrnehmungen zustande gekommenen Urteile fremd. Wenn wir einen Beobachter fragen, ob und in welchem Maß Sauerstoff das Leben begünstigt und Kohlendioxyd das Leben zerstört, interessiert uns überhaupt nicht, ob ihm die eine oder andere Tatsache Freude oder das Gegenteil bereitet. Wenn feststeht, dass der Kapitalismus die Massen von Kleinproduzenten schinden musste, akzeptieren wir diesen Umstand dennoch. Was wir auch unter einem wissenschaftlichen Standpunkt keinesfalls stehen lassen können, ist die Behauptung der Kapitalisten, sie hätten jenen Massen Freude und Wohlstand gebracht und sich nur darauf beschränkt, ein paar Köpfe von Despoten und Gutsherren abzuschneiden. Eine derartige Behauptung verstößt weniger gegen moralische Voraussetzungen als gegen die Tatsachen selbst; sie taugt aber dazu zu zeigen, auf was für miserablen Grundlagen die moralischen Voraussetzungen des bürgerlichen Denkens und aller anderen Ideologien beruhen.

53. Wie wird sich der Kapitalismus weiterentwickeln?

Bisher haben wir die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise und ihre historische Genese untersucht und dargelegt. Wie aber wird die weitere Entwicklung aussehen?

Der Einwurf, eine solche Frage läge außerhalb einer streng wissenschaftlichen Methode, ist nicht stichhaltig. Nachdem die Naturwissenschaften sich die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten des Universums und seines Entwicklungsprozesses vorgelegt haben, stellen sie auch die Frage nach seiner zukünftigen Entwicklung. Es ist daher folgerichtig, wenn wir in der Gesellschaftswissenschaft genauso vorgehen.

Auf die Frage, was mit der gesellschaftlichen Form kapitalistischen Privateigentums geschehen wird, gehen wir unsererseits nicht von einer vorgefassten Meinung moralischer oder teleologischer Natur aus, wie z.B. der unbegrenzten menschlichen Fähigkeit zur Vervollkommnung, dem Fortschritt oder dem Triumpf von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Begriffe haben für sich genommen keine Bedeutung, denn wir wissen, dass sie je nach der Epoche und den jeweiligen Klassengesellschaften ein unterschiedliches Gewicht haben. Um die tatsächlichen Entwicklungsgesetze zu erkennen, stützen wir uns in erster Linie auf den von der Gesellschaft bereits durchlaufenen Weg. Außerdem ist unsere Hypothese, wonach die technische Grundlage der Produktion immer leistungsfähiger und komplexer wird und auf eine immer bessere Organisation des Kampfes hinausläuft, den die Menschen gegen die Schwierigkeiten der natürlichen Umwelt führen, für uns weder eine geheimnisvolle und absolute Wahrheit noch ein unkontrollierbarer Vorsatz oder ein frommer Wunsch. Sie ist eine wissenschaftliche Schlussfolgerung mit hohem Wahrscheinlichkeitsgrad, nicht nur, weil die geschichtlichen Tatsachen sie bestätigen, sondern auch, weil die biologischen Gesetze der Anpassungsfähigkeit an die Umwelt und der Entwicklung der Gattung dahin führen. Wenn wir sie nur als Hypothese bezeichnet haben, dann um alle Reste mystischer oder idealistischer Auslegung hinweg zu fegen; zum anderen könnten die Wechselfälle des Kampfs gegen die Natur eine langsame oder auch brüske Umkehrung erfahren, durch Naturereignisse, gegen die die Gesellschaft machtlos wäre, wie z.B. eine Veränderung der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, der Zusammensetzung der Atmosphäre, eine Kollision mit anderen Gestirnen usw., Ereignisse, die jedoch äußerst unwahrscheinlich sind. Aber auch gesellschaftliche Faktoren könnten die Richtung der Entwicklung umkehren, wie z.B. ein mit chemischen Waffen geführter Krieg, der bestimmte Schichten der Erdatmosphäre dauerhaft vergiften würde, oder ähnliche Dinge. {Dies galt für die erste Redaktion, 1929, des Textes. Heute, 1952, muss die Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen hinzugefügt werden.} Unterstellt, dass solche unvorhergesehenen Ereignisse nicht eintreten, kann man mit Sicherheit vom produktiven Fortschritt, der technischen Vernetzung und somit auch der Verflechtung der menschlichen Tätigkeiten und Bedürfnisse ausgehen. Um unsere Schlussfolgerung über den weiteren Vormarsch der menschlichen Anstrengungen gegen die Schwierigkeiten der Natur zu behaupten, bedarf es keiner lyrischen Höhenflüge oder idealistischen Apriorismen, noch des Glaubens an eine Mission der menschlichen Intelligenz (umso weniger an eine übermenschliche Intelligenz), ohne die die Welt sinnlos und unmöglich sein soll!

Kehren wir zum Prozess der gesellschaftlichen Transformation zurück. Nachdem die alte Gesellschaft des Kleinbetriebs bis auf die Grundfesten zersetzt, die Produzenten in Proletarier und ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt waren, trat die Vergesellschaftung der Arbeit und die weitere Verwandlung des Bodens und der anderen Mittel in gesellschaftlich angewandte Produktionsmittel immer weiter in den Vordergrund. Diese Konzentration setzt sich noch immer vermittelst der Expropriation durch. Doch dieses Mal wird nicht mehr der selbstwirtschaftende Arbeiter expropriiert, sondern der kleine Kapitalist durch den großen. Der einstige Kleinbetrieb ist zwar verschwunden, die neuen, auf assoziierter Arbeit basierenden Betriebe werden jedoch im Verhältnis zu den technischen Fähigkeiten immer wieder zu klein und weichen neuen, immer perfekteren und größeren Betrieben. Auf stets wachsender Stufenleiter entwickelt sich die angewandte Wissenschaft und führt zu einer immer engeren Verflechtung zwischen den verschiedenen Produktionszentren, Tätigkeitsgebieten und Ländern der Erde. Im Hinblick auf die Maschinerie, die Telegraphie und das Funkwesen, die Eisenbahn, Schifffahrt, Luftschifffahrt usw. werden – technisch gesehen – Lösungen für in der Produktion auftretende Probleme nicht nur auf nationaler, sondern auf Weltebene immer dringender. Einst stand der produktiven Vervollkommnung die Kleinheit der Betriebe entgegen, heute steht ihr die Autonomie der Betriebe im Wege, auch wenn es sich um riesige und mächtige Firmen handelt. Gestern wurde die Entwicklung durch das individuelle Privateigentum behindert, heute besteht ihre neuerliche Fessel im kapitalistischen Privateigentum.

54. Der neue Gegensatz zwischen Produktivkräften und Eigentumsformen

Die proletarische Revolution

Die im Kapitalismus entstehenden neuen Erfordernisse versetzen die Gesellschaftsklassen in neue Situationen und entwickeln somit neue Formen, die sich durch die rechtlichen Eigentumsformen, so wie sie von der kapitalistischen Macht auf den Trümmern der vorhergehenden Gesellschafts- und Staatsordnungen verwirklicht wurden, kaum im Zaun halten lassen.

„Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse“ [MEW 23, S. 790/91]. {Zur Richtigstellung der üblichen, wortwörtlich übersetzten Versionen: Dass, was wächst ist „die Masse des Elends“, nicht das Elend der Arbeiterklasse. Die „Stehgreif“-Übersetzer verstehen nicht, dass Marx sich ganz einfach widersprochen hätte, wenn er gleichermaßen die Zunahme der „Entartung“ wie der Organisierung der Arbeiterklasse hätte Hand in Hand gehen lassen. Bei dieser – „geschulten“ Avantgarde der unterdrückten und versklavten Masse – wächst die „Empörung“ (Subjekt des Adversativsatzes), d.h. nicht ein einfacher Widerstand, wie in der Ausgabe des „Avanti!“ der KPI zu lesen ist, sondern die Rebellion.}

Die kleinen Produzenten arbeiteten und lebten isoliert und standen wirtschaftlich gesehen in Konkurrenz zueinander. Selbst die Kapitalisten, die sich gemeinsam an die Spitze der Gesellschaft stellen, sind untereinander unerbittliche Konkurrenten. Zu Recht sagen sie, die Konkurrenz sei die unentbehrliche Triebfeder der Produktion, nur müssten sie hinzufügen: der Produktion auf kapitalistischer Grundlage. Für sie ist es daher schwierig, auf die Konkurrenz zu verzichten und ihre gesellschaftlichen Interessen auf Weltebene als identisch auszuweisen. Die Proletarier leben jedoch in großen Massen zusammengeballt; die bürgerliche Revolution hat sie befreit, daher gezwungen, von einem Land ins andere, von einem Kontinent in den anderen zu ziehen, um Arbeit zu finden; die Konkurrenz unter ihnen liegt offensichtlich nicht in ihrem Interesse: Die materiellen Bedingungen dieser Klasse (und nicht irgend ein mystischer Beweggrund) erwecken in ihr einen Solidaritäts- und Gemeinschaftssinn auf stets breiterer Grundlage. Weder ein Moralgebot noch der Aufruf eines Apostels, sondern das unmittelbare Ergebnis der vom Kapitalismus in Bewegung gesetzten Kräfte bildet die reale Triebkraft im Sinne des programmatischen Rufs: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

„Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert“ [MEW 23, S. 791].

Das Werk des reifen Marx, diese angeblich nüchterne, nur das Äußere der Wirtschaftswelt beschreibende Kritik, schließt mit diesem Ruf, der ein Aufruf zum Bürgerkrieg ist, die sichere Verheißung des revolutionären Sieges.

Folgendes ist der ökonomische Aspekt dieses neuen, revolutionären Gegensatzes zwischen den Produktivkräften und den Eigentumsformen: Die allgemeine Bewegung der technischen Grundlage der Produktion entwickelt sich in Richtung Vergesellschaftung der Arbeit und Zentralisierung ihrer materiellen Mittel. Die Expropriation der kleineren Privatbesitzer geht ebenfalls unaufhaltsam weiter, so dass sich das Privateigentum nicht mehr mit den Bedürfnissen des neuen, komplexen Gefüges der Produktionstätigkeit vereinbaren lässt. Eine Umwälzung muss kommen. Das kapitalistische Eigentum und die es kennzeichnende Mehrwertbildung mussten entstehen, um die Vergesellschaftung anzubahnen, und sie müssen verschwinden, damit die Vergesellschaftung weitergehen kann. Sicherlich heißt das nicht, den bereits vollzogenen Prozess rückwärts zu durchlaufen, es wird keine Konterrevolution geben, sondern eine neue Revolution in den ökonomischen Verhältnissen.

Der Arbeiter wurde seines persönlichen Arbeitswerkszeuges beraubt und wird auch nicht mehr Einzelbesitzer desselben sein. Die Wiederzusammenführung von Arbeiter und Arbeitsbedingungen wird auf die einzige Art und Weise erfolgen, die mit den technischen Umwandlungen vereinbar ist: Die arbeitende Gemeinschaft übernimmt die Kontrolle und Leitung der Gesamtheit der Produktionsmittel und die Verteilung der Gesamtheit der Produkte.

„Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigener Arbeit begründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation. Es ist die Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf der Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel“ [MEW 23, S. 791].

Dieser vorletzte Absatz des Werkes spielt auf die klassischen Begriffe der Dialektik an und steht im Zusammenhang mit dem, was Marx im Nachwort zur 2. Auflage von 1873 über die Hegelsche Dialektik schrieb, nämlich schon 30 Jahre zuvor deren mystifizierende Seite (nicht deren mystische Seite, geehrte Übersetzer) kritisiert zu haben, obwohl er anerkennt, dass Hegel „ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat“. Marx hat sie umgestülpt; bei Hegel steht sie auf dem Kopf, ist der Denkprozess der „Demiurg des Wirklichen“. Bei Marx ist er umgekehrt „nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“ [MEW 23, S. 27]. {Zu diesem Punkt wird ein kurzer Text unter dem Titel „Zur dialektischen Methode“ veröffentlicht.}[10]

Es ist klar, dass der Ausdruck „individuelles“ Eigentum, bezogen auf die Negation der Negation, d.h. auf das gemeinschaftliche Distributionssystem, das an die Stelle des Kapitalismus treten wird, so zu verstehen ist, dass jeder, der an der gesellschaftlichen Produktion teilnimmt, am Genuss der gesellschaftlichen Produkte mittut, ohne dass sich irgendeine Macht oder irgendein Recht fremder, privater Usurpatoren dazwischenschiebt; so wie es hinsichtlich der Produkte seiner Arbeit schon beim selbständigen Produzenten in seinem kleinen Privatkreis war.

Das 24. Kapitel des ersten Bands des „Kapital“ schließt mit einem Hinweis bzw. einer Fußnote auf die Stelle des „Manifests“ über die revolutionäre Aufgabe des Proletariats. Mit dieser Verknüpfung wollte Marx die Kontinuität seiner Lehre von den ersten Formulierungen 1847 bis zur Vervollständigung seines gewaltigen Werkes unterstreichen.

Diese glänzende Tatsache wird in der Geschichte der Arbeiterbewegung den wiederholten, unermüdlichen Anschlägen von Lüge, Betrug und Verrat standhalten.

„Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich“ [MEW 23, S. 791 bzw. MEW 4, S. 473/74].

Quellen:

„Elementi dell’economia marxista“: Prometeo, Nr. 11-14, 1948-50.

* * *

MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

[1] Siehe die Schemata 1 und 2 in: „1951-04-01 – Theorie und Aktion in der marxistischen Theorie“.

[2] „Steigender Preis der Arbeit infolge der Akkumulation des Kapitals besagt in der Tat nur, dass der Umfang und die Wucht der goldenen Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst geschmiedet hat, ihre losere Spannung erlauben“ [MEW 23, S. 646].

[3] „Die Abnahme des variablen Kapitalteils gegenüber dem konstanten oder die veränderte Zusammensetzung des Kapitalwerts zeigt jedoch nur annähernd den Wechsel in der Zusammensetzung seiner stofflichen Bestandteile an“ [MEW 23, S. 651].

[4] „Der Grund ist einfach der, dass mit der wachsenden Produktivität der Arbeit nicht nur der Umfang der von ihr vernutzten Produktionsmittel steigt, sondern deren Wert, verglichen mit ihrem Umfang, sinkt. Ihr Wert steigt also absolut, aber nicht proportionell mit ihrem Umfang“ [MEW 23, S. 651].

[5] Siehe: Piper, Ernst: Der Aufstand der Ciompi (Über den „Tumult“ den die Wollarbeiter im Florenz der Frührenaissance anzettelten), Berlin, 1978.

[6] Marasmus (gr.): fortschreitender Verfall.

[7] Tantae molis erat (lat.): solcher Mühe bedurfte es.

[8] Auf derselben Seite, Fußnote 250, findet sich auch das berühmte, von Marx aus dem Quarterley Reviewer angeführte Zitat:

„Kapital flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“

[9] Die Textstelle ist der französischen, von Marx selbst redigierten Ausgabe entnommen; sie ist etwas ausführlicher als die deutsche.

[10] Siehe: „1950-11-00 – Zur dialektischen Methode“.