Manifest (aus dem Gefängnis)

An alle Genossen der Kommunistischen Partei Italiens.[1]

Nach reiflicher Überlegung und mit vollem Bewusstsein glauben wir, mit vorliegendem Aufruf an die Genossen unsere Pflicht als Kommunisten zu erfüllen. Die Partei macht eine Krise durch, die nur durch die Mitwirkung aller ihrer Mitglieder gelöst werden kann. Wir spielen nicht auf die unvermeidlich dem Sieg der antiproletarischen Kräfte in Italien folgende organisatorische Krise und den Verlust an Schlagkraft an; eine Krise, die ebenfalls alle Aufmerksamkeit verdient, die aber, wenn nicht anders, durch entsprechende, von den Leitungsorganen angeordnete und zuverlässig ausgeführte Maßnahmen bewältigt werden könnte.

Es geht um eine andere Krise, die leider die Folgen der letztgenannten noch verschlimmert. Es geht um die innere Krise, eine Krise der Richtlinien, die sich, ausgehend von einzelnen taktischen Fragen, nunmehr auf das Grundverständnis und die Tradition der Parteipolitik ausgedehnt hat.[2]

Die Krise ist nicht aus innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten entstanden, sondern aus Divergenzen zwischen der italienischen Partei und der Kommunistischen Internationale mit ihrer heutigen Mehrheit und Zentrale. Eben weil die Krise einen Charakter absoluter Anomalität angenommen hat, wird sie die gesamte Partei lähmen und ihr Wirken verpuffen lassen, wenn die Frage nicht der ganzen Partei vorgelegt wird; dies schließt eine offene Information der Genossen, eine eingehende Diskussion und die abschließende und definitive Bewertung der theoretischen und praktischen Plattform unserer Partei ein. Mit diesem Papier soll eine solche Arbeit begonnen werden: trotz der Schwierigkeiten, keine freien Parteiversammlungen und keine freie Presse zu haben.

Die Plattform, auf die sich die Kommunistische Partei in Livorno gründete, ist den Genossen bekannt; sie kennen das Ergebnis der Periode kritischer Arbeit innerhalb der Sozialistischen Partei, die die Reaktion auf deren grundsätzliche, vor allem in der Nachkriegszeit auftretende Fehler war.

Wie stellten sich die Lage der Partei und ihre Aufgabe nach Livorno denjenigen dar, denen die Führung der Partei anvertraut war?[3] Die Theorie der Partei war auf der in der russischen Revolution und der Gründung der Dritten Internationale klar zutage getretenen revolutionären und marxistischen Grundlage aufgebaut. Die neue, sich durch das feste internationale Band auszeichnende Kampforganisation des italienischen Proletariats sollte eine solche Physiognomie annehmen, so dass die der alten Partei zum Verhängnis gewordenen hergebrachten und unheilvollen Fehler ausgemerzt werden konnten: die Oberflächlichkeit, das Wirrwarr, der persönliche Autoritarismus. Neue Kriterien, die der Ernsthaftigkeit, der nüchternen Besonnenheit, zusammen mit der grenzenlosen Hingabe aller Parteimitglieder an die gemeinsame Sache schmiedeten die neue Partei fest zusammen. Auf ihrer Tagesordnung stand das riesige Problem der in der italienischen Situation anzuwendenden Aktion (Taktik), um die kommunistischen Ziele zu erreichen.

Die Bedingungen des Arbeiterkampfes hatten sich Anfang 1921 durch das Unvermögen der SPI bereits so verschlechtert, das eine revolutionäre Offensive seitens einer Minderheiten-Partei (wie der unseren) ausgeschlossen schien. Die Parteiaktion konnte und musste sich jedoch das Ziel stecken, angesichts der entfesselten bürgerlichen Offensive dem Widerstand der Arbeiter eine größtmögliche Schlagkraft zu geben und dadurch die Zusammenballung der Arbeiterkräfte um die Partei – der einzigen, die wusste, was zu tun war und die Vorbereitung zu einem Gegenangriff gewährleisten konnte – unter den bestmöglichen Bedingungen zu erreichen.

Die Kommunisten sahen das Problem folgendermaßen: Angesichts des Drucks der Unternehmeroffensive das Maximum an defensiver proletarischer Einheit sichern und zugleich verhindern, dass die Massen erneut der Illusion der scheinbaren Einheit erliegen, welche nur ein Mischmasch einander widersprechender Richtungen ist und durch eine Erfahrung, die von den italienischen Massen schmerzhaft erworben wurde, bereits als ohnmächtig gebrandmarkt worden war. Wir werden jetzt nicht wieder auf den Verlauf der kommunistischen Kampagne für die gewerkschaftliche Einheitsfront der Arbeiterorganisationen gegen die Reaktion und den Faschismus zurückkommen. Die Versuche scheiterten am Verhalten der anderen Parteien, die im Proletariat ihre Gefolgschaft hatten: Doch mit unserer sich nur an die Tatsachen haltenden Kritik sollte aus diesem Scheitern zumindest der Nutzen gezogen werden, dass sich das kämpferische Proletariat um die Kommunistische Partei schart.

In unserer Propagandaarbeit verschwiegen wir nie, dass das Proletariat nur mit einer klaren kommunistischen Zielrichtung siegen kann, auch wenn die Kommunisten, eben um dieses Ziel zu erreichen, bereit waren, mit den Arbeitern jeder anderen politischen Partei zusammen zu kämpfen. In einer Phase von großer historischer Bedeutung verlangt eine solche Vorgehensweise, dass deren Resultate in der Partei und der gesamten Kommunistischen Internationale genauestens geprüft, diskutiert und klare Schlussfolgerungen gezogen werden.

Aber heute besteht folgende Gefahr: Mit Aussagen wie: „Die Taktik der Partei war falsch und hat die proletarische Niederlage verursacht“ wird das Problem vom Tisch gefegt. Es geht hier nicht darum, die Arbeit von Personen (denen keine der anderen Parteien den guten Willen und auch andere Qualitäten abspricht) zu verteidigen, sondern um etwas ganz anderes: nämlich um das Fazit einer Anzahl äußerst wichtiger Erfahrungen; etwas, was für eine marxistische Partei lebenswichtig ist und infolge der internationalen Bedeutung, die die heutige Phase der italienischen Geschichte hat, noch dringlicher auf der Tagesordnung steht. Und es geht darum festzustellen, ob die Partei nach diesen Erfahrungen ihre konstitutiven Grundlagen überprüfen und ändern muss. Eine solche Frage erfordert die Einbindung der gesamten Partei, und eine sehr nüchterne Untersuchung seitens der KI. Wenn wir hier aussprechen, was für jeden Augenzeugen der italienischen Politik des letzten Jahres klar auf der Hand liegt – dass die KPI in keiner Weise die eingetretene Wendung verhindern konnte, weil die Gründe zu tief und zu weit zurück liegen, als dass der Gang der Dinge hätte umgekehrt werden können –, ergibt sich daraus auch, dass der politischen Linie, die wir in Livorno festlegten, nur für kurze Zeit gefolgt werden konnte. Wir legen die Frage hier schematisch dar, denn zunächst wollen wir die Genossen nur von der Notwendigkeit einer gründlichen Diskussion überzeugen.

Drei Dinge muss man sehen:

1) Hinsichtlich der „internationalen“ kommunistischen Taktik hat die KPI gegenüber der Komintern abweichende Ansichten vertreten.

2) Die durch die italienischen Positionen zutage getretene Divergenz ist noch schärfer geworden, als die Grenzen der „Taktik“ überschritten wurden und die Grundlage der Parteibildung selbst betrafen.

3) Bislang schien es, als änderte bzw. ändert die KI ihre Richtlinien nur auf taktischem Gebiet, inzwischen aber betrifft dies auch die programmatischen und organisatorischen Thesen.

Den 1. Punkt behandeln wir hier nicht: er ist aufgrund der Diskussionen auf dem II. Parteitag in Rom (März 1922) bekannt und in den damals angenommenen Thesen genau dargelegt.

Größere Aufmerksamkeit verdient der 2. Punkt, über den das Gros der Partei wenig informiert ist.

Bei der Frage der in Italien innerhalb der Arbeiterbewegung anzuwendenden Taktik trat die Divergenz zuerst nicht offen zutage. Obwohl sich die italienische Delegation schon auf dem III. Weltkongress hinsichtlich der Taktik der KI in der Opposition befand, wurde die konkrete Arbeit der Partei bis zu jener Zeit, und auch noch danach, doch bestätigt und gut geheißen.

Später, gegenüber der taktischen Parole der „Einheitsfront“ und der „Arbeiterregierung“, war nie genau zu erfahren, was denn die Internationale darunter verstand – während unsere Partei ihre Linie dahingehend präzisierte, dass die taktischen Mittel auf keinen Fall in der Propaganda, nicht nur theoretisch sondern auch praktisch, mit den beiden wesentlichen Eckpfeiler in Widerspruch geraten dürfen: „Nur durch die Politik der Kommunistischen Partei und unter ihrer Führung kann das Proletariat die Bourgeoisie schlagen“ und: „Nur durch die revolutionäre Diktatur kann die proletarische Macht errichtet werden“. Die Partei handelte folglich im Sinne der „gewerkschaftlichen Einheitsfront“ und stellte sich jeder opportunistischen Einflussnahme offen entgegen.

Die KI übte von Mal zu Mal an den einzelnen Punkten Kritik, doch noch im Juni 1922 wurde von der Partei nur erwartet, die Losung der „Arbeiterregierung“ auszugeben, die als „Pseudonym der proletarischen Diktatur“ bezeichnet wurde, später jedoch war von einer wirklichen parlamentarischen und Regierungsbeteiligung die Rede. Auch in der Gewerkschafts- und Faschismusfrage wurde nicht klar gesagt, was die Internationale an der von uns befolgten Linie ändern wollte.

Bei der Frage der Verschmelzung mit der maximalistischen Partei[4] vertiefte und erweiterte sich die Divergenz dann auf ein Terrain, das von grundsätzlicher Bedeutung ist. Während wir in den Grundlagen von Livorno den „Stamm“ der Partei historisch errichtet sahen und stets vertraten, die Eingliederung weiterer Proletarier (wesentliches Ziel der Partei) dadurch zu erreichen, dass sie dem Einfluss anderer Bewegungen entrissen werden, daher auch gegen die Vorstellung der Verschmelzung mit anderen Parteien waren, ebenso wie gegen die Auffassung, innerhalb jener Parteien mit Sympathisanten Fraktionen zu bilden, statt sie in unsere Reihen zu bringen (d.h. wir lehnten die „noyautage“[5] ab), so ist heute klar, dass die KI die Entscheidung in Livorno als Übergangslösung ansah und den Massenbeitritt einer weiteren „Scheibe“ der Sozialistischen Partei im Auge hatte. Nach Ansicht der Internationale kam es nur zur Spaltung zwischen den Maximalisten und uns, weil jene zögerten, sich von den Reformisten zu trennen. Nach unserer Ansicht ist der Maximalismus eine ebenso gefährliche Form des Opportunismus wie der Reformismus, und er wird seiner Tradition nach und was seinen Führungsstab betrifft, niemals revolutionär sein, sondern weiterhin die Funktion erfüllen, die Massen mit Hilfe seiner Großspurigkeit und Rhetorik zu verwirren, womit die verderblichste Kultivierung eines ohnmächtigen und von Trägheit geprägten Zustands verdeckt wird. Als die Internationale das italienische Proletariat Boden verlieren und damit auch die Reihen unserer Partei lichter werden sah, glaubte sie, die Entwicklung aufhalten und gleichzeitig mit dem Beitritt der Maximalisten einen internationalen Erfolg erringen zu können. Wir wollten dies offen als Defätismus anprangern [...] und trotz des unvermeidlichen Zurückweichens des kämpferischen Proletariats die Überlegenheit der Kommunistischen Partei durch das Zurückdrängen der anderen Parteien stärken.

Die Tatsachen haben gezeigt, dass die Maximalisten als politischer Organismus resistent dagegen sind, sich auf revolutionäres Terrain zu stellen und den Anschluss an die KI aufrichtig zu vollziehen. Man war der Ansicht, die Herausbildung einer allgemeinen kommunistischen Richtung werde von Serrati torpediert, und dann wurde derselbe von der SPI kaltgestellt, d.h. von einigen Dutzend Führern, die selbstverständlich alles im Namen der maximalistischen Arbeiter tun. Letztere können aber nur gewonnen werden, wenn das Netz, in das sie gegangen sind, zerrissen wird. Und da sagt man... die Kommunisten haben die Verschmelzung vereitelt!!

Was waren die Folgen dieser Haltung der KI in Italien? Das taktische Vorgehen der KPI in der [gewerkschaftlichen] Einheitsfront wurde dadurch gehemmt, denn den anderen Parteien wurde mit der Forderung der „politischen“ Vereinigung ein Ausweg aus der Situation geboten, in die sie unsere Taktik gebracht hatte, so dass ihre Aversion gegenüber der Aktion gemäß den kommunistischen Vorschlägen überdeckt werden konnte. Dank der Tatsache, von Moskau zum Beitritt aufgefordert worden zu sein, konnten die Maximalisten bis zuletzt mit den Reformisten im Allgemeinen Gewerkschaftsbund und in der „Allianz der Arbeit“[6] gemeinsame Sache machen, wodurch das alte und unheilvolle doppelte Spiel weiterging und zementiert wurde. Wir erinnern nur daran, dass sich die letzte Gelegenheit, die reformistischen Gewerkschaftsführer auszuschalten und die Bewegung des August 1922[7] auf ganz andere Grundlagen zu stellen, im Juli auf der Gewerkschaftsversammlung in Genua geboten hatte. Die Reformisten waren in der Minderheit, doch die Maximalisten ließen ihnen ihre Posten, womit sie ihre frühere Stellungnahme gegen die parlamentarische Zusammenarbeit wieder gutmachten: „Weder proletarische Aktion noch Zusammenarbeit“, eine übrigens nicht minder üble Formel wie jene frühere[8]. Abgesehen von ihrer Aversion gegenüber dem Kampf, war hier offensichtlich der Plan Serratis und anderer im Spiel, ihre Stellung und ihren Einfluss Stück für Stück zum Handelsobjekt ihrer Wiederzulassung zur KI zu machen. Die Bildung der terzinternationalistischen Fraktion unter Serrati, die diejenigen, die zu uns hätten kommen können, zum Bleiben in der SPI bewegte, diente letztlich nur dazu, das alte doppelte Spiel zu verewigen. Die maximalistische Partei, die sich nach der Spaltung von den Reformisten hätte auflösen müssen, nutzte schließlich, obwohl sie die Internationale und deren wiederholtes Entgegenkommen verhöhnte und sich zu nichts verpflichtete, die Lage im Sinne eines komfortablen Opportunismus aus. Und sie nutzte auch die in schwierigen Phasen bestehende Neigung der Arbeiter zur Trägheit aus, indem sie nicht wenige von ihnen unter ihre Fahne der passiven und geheuchelten Treue zu einigen revolutionären Phrasen sammelte: eine träge Kraft, die sich, selbst wenn sich die Lage ändern sollte, erschöpfen und in tiefster Ohnmacht enden wird.

Die Politik der Internationale hat, ohne die Verschmelzung zu erreichen, der KPI nicht erlaubt, so manche Situation zu nutzen, in der die Arbeiter sich zu ihr hingezogen fühlen, und sei es auch nur relativ […]. So ist es nach dem Auguststreik gewesen, als die KI ihr Augenmerk mehr auf die Spaltung der SPI als auf den Streik richtete, und in bestimmter Hinsicht war dies auch nach der faschistischen Machtergreifung und der gegenüber unserer Partei entfesselten Reaktion der Fall. Statt die Lage zu nutzen, bildete und verstärkte sich innerhalb der Partei, die sich in einem fortdauernden anormalen Zustand befand, in dem sie hingehalten wurde und tiefen strukturellen Veränderungen ausgesetzt war, ein Zustand des Unbehagens, der jede noch so geringe Möglichkeit einer erfolgreichen „Wiederaufnahme“ des Klassenkampfes durchkreuzte. Ferner haben die Differenzen mit der Internationalen die Formierung einer sogenannten „Minderheit“ [Tasca/Graziadei] bewirkt, die sich als orthodox-kommunistisch ausgibt, in Wirklichkeit aber diejenigen um sich sammelt, die seit Livorno doch noch an den alten sozialistischen Methoden hängen und die harte und verantwortungsvolle Arbeit nur schwer aushalten; die Leitsätze der KI hat die „Minderheit“ nicht durch ausgearbeitete und begründete Beweisführungen, sondern nur widerstrebend und manchmal mit verstohlener Nörgelei vertreten.

Unter all dem leidet die Partei und dem muss abgeholfen werden. Wohin die „Politik der Verschmelzung“ führen wird, zeigt sich an der „Liquidierung“ der Partei, die in Livorno entstand und seit mehr als zwei Jahren nicht ohne Ehre kämpft; und es würde bedeuten, das italienische Proletariat wieder in das Brackwasser des niederträchtigen und gemeinen maximalistischen „Zentrismus“ zurückzuwerfen, so dass die italienische Arbeiterklasse aus ihrem Leidensweg nicht einmal eine nützliche Erfahrung für morgen retten könnte.

Es mag sein, dass schon früher hätte Alarm geschlagen werden müssen. Aber, wie wir schon sagten, war aufgrund der taktischen Frage der Dissens in der Praxis eine Zeit lang nicht greifbar, denn zur Arbeitsweise der Internationale gehörte, nur von Mal zu Mal Losungen auszugeben, während wir sie insgesamt vorgezeichnet und festgelegt haben wollten. Selbst hinsichtlich der Verschmelzung war die Lage nicht anders, es kam immer darauf an, was auf den sukzessiven sozialistischen Parteitagen beschlossen wurde: z.B. schien die KI nach dem Parteitag der Sozialisten von 1921 nicht mehr an die Verschmelzung zu denken und sogar zur terzinternationalistischen Fraktion gab es, soweit wir wissen, zumindest keine offiziellen Kontakte. Nur die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse hatten dazu geführt, dass sich die Divergenz fast unmerklich hinschleppte und erst seit Ende des Jahres 1922 zeigt sie sich in ihrem ganzen Ausmaß, und erst in der letzten Zeit musste die Hoffnung aufgegeben werden, die Fragen durch eine wirkliche und breite Diskussion innerhalb der KI lösen zu können – statt in langen und peinlichen Besprechungen oder durch Notbehelfe namentlich persönlicher Art.

Wir deuten den springenden Punkt, den wir uns zu untersuchen vorgenommen haben, nur an.

Mit den neuen, in ihrer Bedeutung noch nicht sehr klaren taktischen Losungen der KI (die nach dem III. Weltkongress auftauchten; der IV. hatte nicht die Zeit, die Thesen zur Taktik zu diskutieren) geht die Gefahr einer Änderung des Programms und der Prinzipien einher, was sich im Moment an der wiederholten Vertagung der Programm- und Statutenfrage auf das Jahr 1924 zeigt. Gleichzeitig ist das ernste Problem der organisatorischen Disziplin zu einem losgelösten und oft aus dem Zusammenhang gerissenen Notbehelf geworden, was in vielen Parteien und ihrem Verhältnis zum Zentrum zu schlimmen internen Krisen geführt hat.

All das kann zu einer ernsten Gefahr werden. Möglicherweise stehen wir am Vorabend einer Krise auf internationaler Ebene; die italienische Partei ist bereits mitten drin. Diese anormalen Umstände machen deutlich, weshalb diese Frage allen Mitgliedern vorgelegt werden muss, auch wenn die praktische Disziplin gegenüber den Zentralorganen nicht einen Augenblick lang gebrochen werden darf.

Durch die hier angesprochenen ernsten Überlegungen gedrängt, die wir in nächster Zeit so deutlich wie möglich formulieren wollen, legen wir den Genossen folgende abschließende Punkte zur Annahme vor:

1.) Trotz der durch die Situation bedingten Hindernisse innerhalb der Partei eine breite Diskussion über die Bedeutung der von der Partei erworbenen Kampferfahrungen sowie über ihre programmatische und taktische Richtung in Gang zu setzen.

2.) In den zuständigen Organen der Internationale eine analoge Diskussion über die Bedingungen des proletarischen Kampfes in Italien, wie sie sich in jüngster Zeit und heute stellen, in Gang zu setzen, und zwar über die sekundären und temporären Situationen hinaus, die die Untersuchung der wichtigsten Fragen oft ersticken.

3.) Sich an der Diskussion über das Programm, die Organisierung und Taktik der Internationale zu beteiligen, wobei jede rechte Abweichung zu bekämpfen und vor allem größte Klarheit in der Bestimmung der Richtlinien zu erzielen ist.

4.) Durch solche Diskussionen zu einer einmütigen Bewertung der grundsätzlichen Fragen zu kommen, und einen vollständigen und klaren Plan für die Richtung und das Wirken der Partei abzustecken. Auf dieser Grundlage eine praktische Arbeit zu beginnen, um die Tätigkeit und Schlagkraft der Partei zu stärken, und zwar auf einer Linie, die allen Parteikämpfern völlig klar ist und ihre Kräfte möglichst effektiv zum Tragen kommen lässt; die Gründe und Ursachen des jetzigen Unbehagens werden damit verschwinden.

5.) Wenn aus dieser Diskussion nicht das substantielle Einvernehmen resultiert, das sich in auf gemeinsame Prinzipien gegründeten klaren Richtlinien ausdrückt, so ist nicht den Führungsorganen der Partei anzugehören – obgleich jeder auf seinem Platz in den Reihen der kommunistischen Kampftruppe bleibt, die nach dem Willen der Mehrheit der Internationale geleitet wird –, denn die Führungsorgane müssen homogen sein und ihnen müssen Genossen angehören, die von den zu befolgenden Richtlinien vollkommen überzeugt sind.

Wichtig.

Der Genosse, der dieses Papier erhält, soll Kopien davon machen und an die Parteimitglieder weitergeben, einschließlich dieser letzten Anmerkungen. Jeder Genosse wird gebeten, seine Zustimmung oder andersdenkende Meinung und auch alle Anmerkungen zu diesem Papier zu schicken, und zwar durch Vermittlung desselben Genossen, von dem er dieses Exemplar erhalten hat: die Antwort wird denselben Weg in umgekehrter Richtung nehmen.

Die Parteizentrale und die Internationale sind über dieses Schriftstück informiert worden.

Auch die Verbreitung im Ausland ist wichtig und wenn es in übersetzter Form getan wird, wäre das sehr zu begrüßen.

Quelle:

„Manifesto (dal carcere)“: Lo Stato Operaio, Mai 1924.

 


[1] Am 3. Februar 1923 wurde Amadeo Bordiga in Rom im Zuge einer landesweiten Polizeiaktion festgenommen. Innerhalb weniger Monate wurden mehr als 2.000 Mitglieder der KPI verhaftet, was u.a. auch zur Enthauptung des Exekutivkomitees führte. Die KI nutzte die Gelegenheit, ein ihr gewogenes ZK unter Gramsci, Togliatti, Scoccimarro zu lancieren.

[2] Das vorliegende Schriftstück ist, wie viele andere aus der Zeit der 1920er Jahre, Ausdruck des revolutionären Willens, nicht nur aus Siegen, sondern genauso aus der „schmerzhaften Verarbeitung von Niederlagen“ (C. Riechers) zu lernen und dem Proletariat bestimmte Stützpunkte im Sinne einer langfristig betriebenen Klassenpolitik und für die Wiederaufnahme des Klassenkampfes zu sichern.

[3] Livorno: Der XVII. Parteitag der SPI sollte über die 21 Beitrittsbedingungen zur Internationale entscheiden, die als Ganzes anzunehmen die zentristische SPI-Mehrheit sich aber weigerte (obwohl sie schon 1919 den Beitritt zur KI erklärt hatte), weil dafür die „Parteieinheit“ geopfert, also die Reformisten ausgeschlossen werden mussten. Die linken Kommunisten um Bordiga verließen daraufhin den Tagungsort und gründeten die Kommunistische Partei Italiens, die italienische Sektion der Kommunistischen Internationale.

[4] Von Serrati 1919 initiierte politische Strömung in der SPI und weitgehend identisch mit der „terzinternationalistische Fraktion“ („terzini“), die der KI beitreten wollte (aber ohne alle Beitrittsbedingungen zu erfüllen, bzw. nur die nach „Ausnützung des Parlaments“). Die Maximalisten proklamierten, die „maximalen“ antikapitalistischen und revolutionären Ziele des Sozialismus“ verwirklichen zu wollen, verfolgten aber faktisch weiterhin eine reformistische und parlamentarische Politik. Im Oktober 1922 wurden die Reformisten um Turati aus der SPI ausgeschlossen, so dass die KI jetzt nachdrücklich auf der Forderung nach der sogenannten Verschmelzung der Zentristen-Maximalisten mit der KPI bestand.

[5] noyautage (fr.): Unterwanderung.

[6] „Alleanza del lavoro“: Im Februar 1922 (auch in Hinblick auf die Vorbereitung des im August stattfindenden Generalstreiks) initiierter Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaftsorganisationen zu einem Kampfkartell, um die durch die bürgerliche Offensive provozierten Teilkämpfe in einer geschlossenen Aktion zusammenzufassen.

[7] Der Generalstreik wurde am 1. August 1922 ausgerufen. Am 3. Streiktag erklärte die „Allianz“ abrupt das Ende des Streiks, weil die Arbeiterklasse mit der Demonstration „ihres Willens und ihrer Kraft ihr Ziel erreicht“ habe. Ein derartiges Ende des Ausstands stärkte nicht nur die Arbeitgeberseite; viel schlimmer noch war die demoralisierende Wirkung auf die Arbeiter, deren Widerstand mehr noch als durch das barbarische Vorgehen der Faschisten durch den unehrenhaften Abbruch des Streiks das Genick gebrochen wurde.

[8] Anspielung auf die Losung: „Weder mitmachen noch sabotieren“. Am 20.5.1915 hatte die SPI geschlossen gegen die von der Regierung Salandra geforderten Vollmachten zur Mobilmachung gestimmt. Vorausgegangen war dem eine Sitzung der sozialistischen Parlamentsfraktion, in der die genannte Losung die Haltung der PSI in den folgenden dreieinhalb Jahren zum Krieg bestimmen sollte.