Brief an Sinowjew und Bucharin

An die Genossen Sinowjew und Bucharin.

Ich habe euren Brief erhalten und kann euch nicht genug für die freundlichen Worte danken. Es tut mir leid, dass ich euren Wünschen dennoch nicht nachkommen kann.

Für euren Vorschlag, mich „auszutauschen“, danke ich euch und den anderen Genossen, aber aus verschiedenen Gründen bin ich dagegen. Meine Lage ist überhaupt nicht beunruhigend, und es ist gut möglich, dass ich bald freigelassen werde. Wie ihr richtig bemerkt, wäre meine in diesem Fall in gewisser Hinsicht eingeschränkte Tätigkeit eine Bedingung, die ich nicht akzeptieren kann. Schließlich würde die Sache – von der italienischen Regierung akzeptiert oder, wie ich eher glaube, abgelehnt – die Sowjetregierung und auch die KPI dahingehend kompromittieren, dass die Lage der anderen gefangenen Genossen erschwert würde. Ein solches Mittel sollte man sich für womöglich eintretende schwerwiegende Fälle vorbehalten: Jetzt steht es nicht im Verhältnis zum Zweck.

Hinsichtlich der... „italienischen Frage“ bedauere ich, meine Auffassung nicht umfassend und vollständig darlegen zu können; was aber wohl auch nicht genauer zur Kenntnis genommen werden würde als die anderen Male – und wie ihr wisst, war ich mit der Gründlichkeit, mit der das Thema untersucht wurde, nie sehr zufrieden.

Während ihr mich und meine Freunde für etwas rühmt, was ich als – ich sage nicht: ein Verschulden, aber gewiss – eine „Schlappe“ ansehe, d.h. gefangen genommen worden zu sein, übt ihr weiterhin eine Kritik, deren Berechtigung ich nicht einzusehen vermag. Die Kritik schmerzt mich sicher nicht aus persönlichem Stolz – ich hoffe, ihr gesteht mir das zu –, sondern ich sehe das, was ihr zur Situation in Italien und zur Funktion der Partei sagt, in völligem Widerspruch zu der Realität, wie ich sie begreife: Wenn ich falsch liege, nachdem ich mich damit so lange befasst habe, dann ist klar, dass von mir nichts mehr zu erwarten ist.

Die Divergenz hat sich noch vertieft: Ich halte mich an die Formel, „dass mit der maximalistischen Partei nichts los ist“, und das soll hier genügen. Eine praktische Zusammenarbeit mit der Partei ist unmöglich geworden; es tut mir leid, euch sagen zu müssen, dass ich meine Ansicht hierzu den Genossen der italienischen Exekutive mitgeteilt habe.

Ihr glaubt, mit dem Beitritt der Sozialistischen Partei in die Internationale einen großen politischen Erfolg zu erringen; ich hingegen glaube, dass auch weitere Kongresse und Diskussionen in Moskau über die italienische „vexata quaestio“[1] nicht zum Erfolg führen werden, aber dafür die normale – nicht, wie ihr sagt, prächtige – Entwicklung der KPI geopfert werden wird. Auf jeden Fall solltet ihr aber sehen, dass meine Anwesenheit an der Spitze der Partei mit euren Zielen unvereinbar ist, sei es, weil sich die Sozialisten niemals bei mir „einschmeicheln“ werden, sei es, weil ihr zu voreingenommen seid und ihr es immer für normal haltet, die Misserfolge eurer Methode uns zuzuschreiben. So als ihr sagtet, wir hätten die Verschmelzung verhindert; ihr wisst, dass auf dem Kongress in Mailand[2] niemand dafür gestimmt hat und das Argument der „43%“ könnt ihr nicht ernst gemeint haben. Ihr habt im Gegenteil, erlaubt es mir zu sagen, die Situation auf dem Kongress in Rom[3] verstanden, wollt sie aber nicht anerkennen...

Seit Livorno hat unsere „Schule“ ein unverändertes Programm gehabt und versucht, es zu erfüllen. Der Dissens mit der KI hat dies behindert, ohne es durch ein anderes zu ersetzen: Die ganze schwerwiegende politische Erfahrung ist von den Genossen der Internationale so schlecht ausgewertet worden, so dass darauf verzichtet werden könnte, ihre wirkliche Bedeutung festzuhalten. Ich halte es für meine Pflicht, alles zu tun, um euch zu zwingen, diese Diskussion gründlich zu führen und ich werde sie, sobald möglich, beginnen. Andere mögen indes die Führung der Partei übernehmen.

Verzeiht mir, dass ich mit der üblichen Offenheit gesprochen habe. Ihr sollt auch wissen, dass, wenn irgendetwas für die Sache der Revolution zu tun ist, was andere im entscheidenden Moment vielleicht zu schwer oder zu hart finden könnten, ihr immer auf meine bescheidenen Kräfte zählen könnt, trotz meiner Neigung zu „Fehlern“ und zu dem, was ihr für uneinsichtige Starrköpfigkeit halten mögt.

Ich habe keine Gewissensbisse, denn auf dem Weg, den ihr in Italien entschlossen seid zu gehen (ich kann mich hier nicht mit der allgemeinen Linie der Internationale befassen und wahrscheinlich interessieren euch meine Beurteilungen auch nicht), wäre ich nur ein Hindernis, und es würde weiterhin unter Umständen gearbeitet werden, in denen allgemeine Unzufriedenheit herrscht und nichts Produktives hervorgebracht werden kann. Zum anderen habe ich keinerlei Vertrauen, dass dieser Arbeitsweise ein revolutionärer Erfolg beschieden sein wird.

Von Herzen erwidere ich eure Grüße und bitte euch, mir eure Freundschaft nicht aufzukündigen, auch wenn ihr in mir ein „Hindernis“ seht, etwas, was nie eure Sympathie besitzen kann. Aber manchmal kann ein Hindernis auch nützlich sein.

PS: Ich erhalte gerade (15. Juli) die Liste mit den neuen Parteiämtern. Ich muss euch ehrlich sagen, dass ihr, wie im Dezember mit der Verschmelzung, erneut „auf Sand gebaut“ habt. Es gibt keine andere Lösung als: „Alle Macht der Minderheit“[4]. Mit großer Mühe habt ihr die Aufnahme unserer Delegierten durchgesetzt, aber ihr habt nicht die Situation verändert – und der Zustand der Partei wird noch schlimmer werden. Ich weiß wohl, dass ihr mich dafür verantwortlich macht...

Ich wünschte mir, dass ihr dieselbe Mühe aufwenden würdet, um das Problem auf höhere und organische Weise zu lösen und um diesen nervenden (gewöhnlich bezeichne ich das mit einem Wort, das euch nicht gefallen wird) „marchandage“[5] zu beenden.

Quelle:

„Lettera a Zinoviev e Bucharin”: Il Programma comunista, Nr. 5, März 1981.

 


[1]vexata quaestio (lat.): quälende Frage.

[2] Auf dem XX. Kongress der SPI in Mailand im April 1923 wehrte sich die neue Führung gegen einen „Ausverkauf der SPI“. Als Mindestbedingung forderte sie das Recht, in völliger Unabhängigkeit über ihr Schicksal selbst zu entscheiden: Und tatsächlich wies die Mehrheit der Delegierten die von der KI gestellten „Fusionsbedingungen“ als unannehmbar zurück.

[3]Der XIX. Kongress der SPI vom Oktober 1922 in Rom führte zum Ausschluss der Reformisten um Turati. Damit war die wichtigste Bedingung zur Aufnahme der SPI in die III. Internationale erfüllt. Doch die Mehrheit der SPI hatte im Gegensatz zu den „Terzini“ um Serrati kein Interesse an einer Vereinigung mit der KPI. Deshalb gründete sich schon im Januar 1923 ein „Komitee der sozialistischen Verteidigung“ (treibende Kraft: Pietro Nenni), das kurze Zeit später sowohl die Parteizeitung „Avanti“, die Parlamentsfraktion als auch die Parteiführung mehrheitlich erobert hatte. Übrigens: Von den von der KI erwarteten 20.000 neuen Mitgliedern blieben bei der 1924 schließlich vollzogenen Fusion noch knapp 3.000 Genossen übrig.

[4]Mit der „Minderheit“ sind die Zentristen um Gramsci/Togliatti gemeint; die Linke bestand darauf, dass die Führungsorgane homogen sein müssen. Zum innerparteilichen Kräfteverhältnis ein Beispiel: Bei der nationalen Konferenz der „Föderationssekretäre“ im Mai 1924 in Como standen drei Resolutionen zur Abstimmung. Die Linke erhielt 41 Stimmen, die Rechten um Tasca/Graziadei 10, die Zentristen 8.

[5] Marchandage (frz.): Kuhhandel.