Lenin auf dem Weg der Revolution

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IV. Die Funktion der Führung

Lenin ist tot. Der Riese hat seine Arbeit niedergelegt. Was bedeutet das für uns? Wie ordnen wir die Funktion der Führer in unserer Bewegung ein und wie erklären wir diese Funktion? Welche Auswirkung wird das Verschwinden dieses großen Führers auf den Kampf der Kommunistischen Partei in Russland, die Kommunistische Internationale, auf den weltweiten revolutionären Kampf überhaupt haben?

Es gibt Leute, die gegen die „Chefs“ wettern, die ohne sie auskommen wollen, die eine Revolution „ohne Führer“ beschreiben – oder fantasieren. Lenin selbst beleuchtete diese Frage kritisch und frei von jeder oberflächlichen Begriffsverwirrung. Massen, Klassen, Parteien und Führer sind geschichtliche Realitäten; die Massen sind in Klassen gespalten, die Klassen werden ihrerseits durch politische Parteien repräsentiert, welche wiederum von Führern geleitet werden: so einfach ist das. In der II. Internationale, um konkret zu werden, nahm die Sache eine besondere Gestalt an. Ihre Führer in den Parlamenten und Gewerkschaften machten sich für die partikulären Interessen bestimmter Arbeitergruppen stark, denen sie mit Hilfe reformistischer Kompromisse mit der Bourgeoisie und dem Staat gewisse Privilegien zu verschaffen suchten.

Es kam dahin, dass diese Führer schließlich jede Verbindung zum revolutionären Proletariat verloren und sich immer mehr vor den Karren der Bourgeoisie spannen ließen. Dass sie nicht mehr Werkzeuge der proletarischen Aktion, sondern zu bloßen Agenten des Kapitalismus geworden waren, wurde 1914 für alle sichtbar. Aber die Kritik und berechtigte Empörung darf nicht dazu verleiten, die Existenz und Funktion der Führung in den Parteien und der revolutionären Internationale überhaupt zu negieren. Dass jede Führungsfunktion, gleich in welcher Organisation, zwangsläufig tyrannisch und oligarchisch werde, ist ein so abgedroschenes und banales Argument, dass selbst Machiavelli – fünf Jahrhunderte zuvor in seinem „Il principe“ („Der Fürst“) – keine Schwierigkeiten hatte, es zu widerlegen. Natürlich steht das Proletariat vor dem sicher nicht immer einfachen Problem, Chefs zu haben und zu verhindern, dass sie nach eigenem Gutdünken und den Klasseninteressen zuwider handeln: Aber es lässt sich nicht lösen, indem man es einfach ignoriert oder erwartet, das Problem erledige sich von selbst, wenn man die Chefs abschaffen würde; eine Maßnahme, von der übrigens kein Mensch sagen könnte, wie das gehen und worin sie bestehen sollte.

Der historische Materialismus untersucht die Funktion der Führer, indem er entschieden die bornierten Grenzen der vulgären individualistischen Anschauung hinter sich lässt. Für uns ist das Individuum keine Entität, keine in sich geschlossene und von anderen getrennte Einheit, keine Maschine, die selbsttätig funktioniert, weil sie eine direkte Leitung zur göttlichen Schöpfungskraft oder zu sonst einer philosophischen Abstraktion hätte, etwa der Immanenz, der absoluten Idee oder ähnlichem verworrenen Zeug. Die Äußerungen und Funktionen des Einzelnen sind durch die allgemeinen Bedingungen, die Umwelt, Gesellschaft und Geschichte ihm setzen, bestimmt. Das was im Hirn eines Menschen vor sich geht, wurde von den jeweiligen Beziehungen zu anderen Menschen, deren – auch geistige – Handlungen in Gang gesetzt. Gewisse „trainierte“ Gehirne, die man mit besser gebauten und perfektionierteren Maschinen vergleichen könnte, übersetzen und verarbeiten besser als andere das Vermögen von Kenntnissen und Erfahrungen, das jedoch ohne den Lebensprozess einer Gemeinschaft gar nicht existieren würde. Eher als etwas zu ersinnen, lässt die Führungsperson die Masse sich selbst erkennen; sie führt sie dadurch zur immer besseren Erkenntnis ihrer gesellschaftlichen Situation und historischen Zukunft, und sie kann ihre reale Bewegung, die durch die gesellschaftlichen Konditionen bedingt ist und deren Mechanismus sich wiederum in letzter Instanz durch die Analyse des Ökonomischen erklärt, in genaue Handlungsformen übersetzen. Die größte Bedeutung des historischen Materialismus, der die Frage des Determinismus und der Freiheit auf großartige Art und Weise löst, besteht darin, die Analyse vom Circulus vitiosus[2] des für sich seienden Individuums befreit und sie wieder auf den Boden der gemeinschaftlichen Daseinsweise gestellt zu haben. Die durch die historischen Tatsachen gelieferte Bestätigung des marxistischen Determinismus erlaubt uns festzustellen, dass unser Standpunkt in diesen Fragen objektiv und wissenschaftlich ist, auch wenn uns die Wissenschaft auf der heutigen Erkenntnisstufe nicht sagen kann, durch welche Funktionen die auf die menschlichen Organismen einwirkenden somatischen und physischen Bestimmungen in psychische, persönliche und kollektive Prozesse umgesetzt werden.

Das Gehirn des Chefs ist ein stoffliches Instrument, das durch die Bindung zur Klasse und Partei in Bewegung gesetzt und gehalten wird. Die Formulierungen, die er als Theoretiker gibt, und die Leitlinien, die er als praktischer Führer des Kampfes festlegt, sind nicht seine Schöpfungen, sondern genaue Ausformungen eines Bewusstseins, dessen Material das Produkt einer riesigen Erfahrung ist und der Klassenpartei angehört. Nicht immer existieren alle Daten dieser Erfahrung bei ihm in Form mechanisch abrufbaren Wissens, weshalb wir uns bestimmte Phänomene der Intuition, die für Vorahnungen gehalten werden, materialistisch erklären können und die, weit davon entfernt die Existenz von den Massen überlegenen, weil jenseits aller Erfahrung schöpfenden Individuen zu belegen, vielmehr unsere These belegen, dass der Chef der Maschinist des gemeinschaftlichen Denkens und Handelns ist – und nicht etwa ihre Triebkraft.

Die Frage der Führung stellt sich in den historischen Epochen sehr verschieden, da sich ihre Termini im Entwicklungsablauf verändern. Auch hier stehen wir jenen Anschauungen fern, die diese Fragen mit Hilfe von außerzeitlichen, dem absoluten Geist immanenten Begriffsbestimmungen beantworten wollen. Das Proletariat ist die erste Klasse, die eine Theorie der gesellschaftlichen Bedingungen ihres Sieges besitzt und Kenntnis von ihrer historischen Aufgabe hat; es kann die Herrschaft des Menschen über die ökonomischen Gesetze organisieren, womit „die menschliche Vorgeschichte abgeschlossen“ sein wird. So wie wir deshalb dem proletarischen Sieg in unserer Auffassung der Weltgeschichte einen besonderen Stellenwert zuweisen, so ist auch die Funktion des proletarischen Führers ein neues und eigentümliches geschichtliches Phänomen. Diejenigen, die diese Funktion adeln wollen, in dem sie die Gewaltstreiche eines Alexanders oder Napoleons anführen, sollten wir uns besser vom Leibe halten. Auch wenn Lenin nicht die Periode erlebt hat, die sich, wenn sie ihre größte Kraft entfaltet, zum Schrecken der Philister als klassische Periode der Arbeiterrevolution zeigen wird, weist die Biographie seiner leuchtenden Gestalt doch neue Merkmale auf, und vor seiner direkten, einfachen und unnachgiebigen Lebensgeschichte, einschließlich seines persönlichen „Habitus“, versagen die landläufigen Gemeinplätze über Machtgier, Ehrgeiz und Satrapentum.

Führungspersonen sind diejenigen, die das Klassendenken am besten und effektivsten denken, die den Klassenwillen am besten und wirksamsten wollen. Beides sind ebenso notwendige wie aktiv errichtete Formgebungen auf der Grundstruktur der geschichtlichen Faktoren. Wegen der Intensität und wegen des Umfangs, die diese Funktion bei ihm annahm, war Lenin ein außergewöhnliches Beispiel eines proletarischen Führers. Aber so begeistert wir das Werk dieses Mannes studieren, um die die Geschichte produzierende kollektive Dynamik zu verstehen: wir würden nicht sagen, seine Existenz habe den revolutionären Prozess, an dessen Spitze er stand, bedingt, und erst recht nicht, sein Verschwinden stoppe den Marsch der Arbeiterklasse.

Die Organisierung als Partei, die der Klasse ermöglicht, wirklich Klasse zu sein und als solche zu leben, stellt sich als organischer Mechanismus dar, in dem die verschiedenen „Hirne“ (und natürlich ebenso die anderen Organe) verschiedene Funktionen ausüben, je nach Neigung und Potential, aber alle für ein Ziel und in einem Interesse, das sich „zeitlich und räumlich“ (ein Ausdruck, der keine transzendente, sondern empirische Bedeutung hat) immer mehr verdichtet. Die Einzelnen haben daher innerhalb der Organisation nicht alle denselben Platz, dasselbe Gewicht; aber in dem Maße, in dem sich die verschiedenen Aufgaben in einen rationellen Plan einbetten – und das, was heute in der Klassenpartei angelegt ist, wird morgen auf der Ebene der Gesellschaft stattfinden –, verschwindet die Tatsache, dass die, die an der Spitze stehen, es sich auf Kosten anderer gutgehen lassen. Die Richtung der revolutionären Entwicklung ist nicht Individualisierung, Aufspaltung des Ganzen in seine Teile, sondern immer engere und wissenschaftlich geprägte organische Verbindung der Menschen untereinander.

Der revolutionäre Prozess ist als materialistischer Prozess streng anti-individualistisch. Weder glaubt er an die Seele noch ein anderes metaphysisches oder transzendentes Wesen des Individuums; er ordnet dessen Funktionen in die kollektive Struktur ein, wobei eine Hierarchie, eine pyramidenförmige Gliederung entsteht, in der die technische Zweckgerichtetheit die Zwangsmaßregeln stufenweise verdrängt. Die Partei zeigt bereits die Matrix einer Gemeinschaft ohne jeden Zwang.

Diese allgemeinen Aspekte der Frage zeigen schon, dass der banalen Bedeutung der Gleichheit und Demokratie, dieser Zahlenmanie, keiner ferner steht als wir Marxisten. Wenn wir das Individuum als das Fundament menschlicher Tätigkeit nicht anerkennen, welche Bedeutung und Funktion soll dann die nackte Summe der Individuen haben? Was soll Demokratie, oder Autokratie, heißen? Gestern hatten wir mit Lenin eine hervorragende Maschine, einen „Champion der Extraklasse“, wie Sportler sagen würden, den wir an die Spitze der Pyramide stellen konnten. Heute ist er nicht mehr da, aber der Mechanismus bleibt, wobei nur die Hierarchie etwas anders aussieht; an ihrer Spitze wird ein kollektives und sicherlich aus ausgewählten Subjekten bestehendes Organ stehen. Die Frage stellt uns vor kein juristisches, sondern vor ein technisches Problem, bei dem keinerlei Vorschriften des konstitutionellen oder gar „Naturrechts“ als Anleitung dienen können. Es gibt keinen zwingenden Grund, in unsere Statuten das Wort „Führer" oder auch „Führungsgremium" aufzunehmen. Und diese Prämisse ist der Ausgangspunkt für das marxistische Kriterium der Auswahl der Führungspersonen: Die Wahl wird vor allem anderen durch den dynamischen Werdegang der Bewegung getroffen und nicht durch banale Konsultations- und Wahlverfahren. Wir ziehen es vor, in unsere organisatorischen Bestimmungen nicht das Wort „Führer“ zu schreiben, weil wir nicht immer ein Individuum mit der Kraft eines Marx' oder Lenins in unseren Reihen haben werden. Sagen wir es so: Wenn es so einen Menschen, so ein außergewöhnliches „Werkzeug“ gibt, gebraucht die Bewegung es; aber sie lebt auch, wenn sich eine solch überragende Persönlichkeit nicht findet. Unsere Theorie der Führung ist himmelweit entfernt von dem Humbug der herrschenden Theologie und Politik, die beweisen will, wie unverzichtbar der Pontifex, der König, Staatspräsident, Diktator oder „Führer“ ist – allesamt armselige Marionetten, die sich einbilden, Geschichte zu machen.

Mehr noch: Wenn, wie wir behaupten, in der führenden Person der Verarbeitungsprozess des gemeinschaftlichen Materials stattfindet, und er die Energie dazu ebenfalls von diesem Ganzen nimmt und sie ihm potenziert und umgewandelt zurückgibt, kann sein Verschwinden dem Energiekreislauf nichts entzogen haben. Der Tod von Lenins Organismus beendet diesen Vorgang nicht, wenn, wie gezeigt, das von ihm verarbeitete Material in der Klasse und der Partei weiterhin als Lebenssaft zirkuliert. In diesem streng wissenschaftlichen Sinne, wobei wir uns weitestgehend vor allen mystischen und belletristischen Höhenflügen hüten müssen, können wir von einer Unsterblichkeit sprechen, und ebenso aufgrund von Lenins besonderen geschichtlichen Verständnis und seiner Aufgabe zeigen, dass diese Art von Unvergänglichkeit viel höher steht als die der traditionellen, in Mystik und Literatur besungenen Helden.

Der Tod bedeutet nicht die Finsternis eines Seins, das dadurch dem Dunkel entrissen wird, dass man es von allem Dinglichen loslöst und es von einer Person in ein kollektives Wesen verlagert. Der Tod ist ein rein physisches, wissenschaftlich definierbares Phänomen. Unsere absolute Gewissheit, dass Lenins Gehirnfunktionen durch den physischen Tod ein für alle Mal eingestellt sind, er nicht zu einem körperlosen Lenin geworden ist, dessen unsichtbares Wesen in unseren Versammlungen über uns schwebt, sowie die Gewissheit, dass diese großartige und bewundernswerte Maschine für immer abgestellt ist, ist zugleich die Gewissheit, dass ihre Funktion von Kampforganen weiter aufrechterhalten wird, die derselben, von ihm zuvor geführten Strömung angehören. Lenin ist tot. Die Autopsie zeigt, dass sein früher Tod infolge einer fortschreitenden Verhärtung der Hirngefäße, die einem sehr hohen und ununterbrochenen Druck ausgesetzt waren, eintrat. So wie bestimmte Mechanismen mit einem sehr hohen Kraftaufwand eine kürzere Lebensdauer haben: Die übermäßige Anstrengung bedingt den frühzeitigen Verschleiß.

Was Lenin getötet hat, ist dieser physiologische Prozess, der durch die gigantische Arbeit forciert wurde, der er sich in den entscheidenden Jahren der Revolution unterordnen wollte und musste, weil das Gesamtwerk verlangte, dass sein Gehirn auf „volle Kraft“ lief. Bevor der sich der revolutionären Aufgabe entgegenstemmende Widerstand dieses prächtige Werkzeug zerstörte, hatte es bereits das feindliche Material, auf das es einhämmerte, an den neuralgischen Punkten getroffen.

Lenin selbst schrieb, dass auch nach dem politischen Sieg der Kampf nicht zu Ende ist, dass wir, nachdem die Bourgeoisie getötet ist, ihren monströsen Kadaver nicht einfach unter die Erde bringen können: Er wird mitten unter uns verwesen und sein stinkendes Miasma unsere Atemluft verpesten. Dieses Gift, und es tritt in vielen Formen auf, hat den besten der revolutionären Handwerker ruiniert. Es trat in Gestalt der ungeheuren Arbeit in Erscheinung, die getan werden musste, um die militärischen und politischen Interventionen der weltweiten Reaktion zurückzuschlagen und das Netz der konterrevolutionären Sekten zu zerreißen, in Gestalt des ungeheuren Kraftaktes, um der von der kapitalistischen Blockade erzwungenen fürchterlichen Nahrungsmittelknappheit zu begegnen. Das Gift trat auch in Form der Revolverschüsse der Sozialrevolutionärin Dora Kaplan[3] in Erscheinung; die Kugeln, die in Lenins Körper steckenblieben, trugen unzweifelhaft zur Zerstörung seines Organismus bei. Bemüht darum, die Objektivität zu wahren und unserer Methode treu zu bleiben, können wir bestimmte Verhaltensweisen, deren Schäbigkeit sich jedem Urteil entzieht, nur als pathologische Phänomene des gesellschaftlichen Lebens erklären – was auch für jene italienischen Anarchisten gilt, die den Tod des großen Kämpfers der revolutionären Klasse mit der Schlagzeile kommentierten: „Trauer oder Fest?“. Auch dies sind Absonderungen einer Vergangenheit, die verschwinden muss: Die paranoide Heilserwartung war immer eine Erscheinung großer historischer Krisen. Lenin hat sich im Kampf gegen diesen alten Dreck, der ihn auch in der großen Revolution umgab, geopfert. Der Kampf wird noch lange dauern, aber das Proletariat wird doch siegen, wenn es sich schließlich über die erbärmlichen Ausdünstungen der gesellschaftlichen Anarchie und Knechtschaft und deren abscheuliche Überreste erhebt.

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Quelle:

„Lenin nel cammino della rivoluzione“: Prometeo, Nr. 3, 15. März 1924.

 


[1] Vortrag einer Versammlung in der „Casa del Popolo“ in Rom vom 24.2.1924 anlässlich Lenins Tod‘.

[2] Circulus vitiosus (lat.): Zirkelschluss, Teufelskreis.

[3] Kaplan, Fanny „Dora“ (1890-1918): Anarchistin, später Sozialrevolutionärin. Am 30. August 1918 verübte sie ein Attentat auf Lenin als er gerade eine Moskauer Fabrik verließ, in der er eine Rede gehalten hatte. Lenin wurde von zwei Kugeln in Schulter und Hals getroffen. Die Folgen waren u.a. Augenprobleme, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Wundrose, Durchblutungsstörungen im Gehirn. Die Kugel im Hals wurde erst 1922 operativ entfernt: Einen Monat nach der Operation erlitt Lenin am 25. Mai 1922 einen schweren Schlaganfall, der ihn rechtsseitig lähmte; zwei weitere Schlaganfälle folgten.