Kommunistische Organisation und Disziplin

Stellung der Frage

Dass die in den inneren Verhältnissen der revolutionären Parteien begründeten Fragen von höchster Aktualität sind, zeigte sich zuletzt in der wichtigen Diskussion innerhalb der Kommunistischen Partei Russlands, wie auch darin, dass sie sowohl in der ganzen Polemik mit anderen sich aufs Proletariat beziehenden Bewegungen als auch in den Debatten über alle strittigen Fragen und besonderen Krisensituationen in unserer internationalen Organisation immer wieder aufs Tapet kommen.[1]

Meistens wird die Frage falsch gestellt, weil die beiden Kriterien: mechanische Unterordnung unter das Zentrum und Mehrheitsdemokratie, einander entgegengestellt werden. Die Frage muss indes dialektisch und historisch gestellt werden; für uns Marxisten hätte ein – gleich ob zentralistisches oder demokratisches – „Prinzip“, das bei jeder Frage als Prämisse postuliert wird, von dem also auf jeden Fall auszugehen wäre, überhaupt keinen Sinn. In einer Ausgabe von „Rassegna Comunista“ hat der Verfasser dieser Zeilen in einem Artikel über „das demokratische Prinzip“ dessen Anwendung sowohl im Staat als auch in den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen untersucht.[2] Es wurde deutlich gemacht, dass dieses Prinzip für uns keine Geltung hat und nur von einem demokratischen Mehrheitssystem die Rede sein kann, das zu benutzen für bestimmte Organismen und in bestimmten historischen Situationen richtig sein kann oder auch nicht.

Zur marxistischen Theorie gehört die Kritik der Illusion des Mehrheitsprinzips, demzufolge eine Abstimmung, in der jede Person das gleiche Gewicht hat und über den gleichen Einfluss verfügt, immer der richtige Weg sei. Und diese Kritik reicht soweit, das Mehrheitskriterium nicht nur beim gewaltigen Schwindel im parlamentarischen bürgerlichen Staat als Täuschung zurückzuweisen, sondern auch hinsichtlich der Funktionsweise des revolutionären Staates, sogar innerhalb der wirtschaftlichen Arbeiterorganisationen und auch unserer Partei – ausgenommen natürlich immer den Fall, es doch praktisch gebrauchen zu müssen, weil kein besseres organisatorisches Mittel zur Hand ist. Niemand weiß mehr als wir Marxisten um die Bedeutung der Funktion organisierter Minderheiten, und um die absolute Notwendigkeit, dass die Klasse und die sie führende Partei in den revolutionären Kampfphasen unter der klaren Leitung der eigenen Organisationsstruktur und strengster Disziplin handeln müssen.

Wenn wir uns diesem egalitären und demokratischen Vorurteil entziehen, darf das andererseits nicht dazu führen, es auf formale und metaphysische Art zu negieren, was bloß heißen würde, ein neues Vorurteil zur Grundlage unseres Handelns zu machen. Siehe dazu den Artikel „Il communismo e la quistione nazionale“ in Prometeo, Nr. 4, vom 15. April 1924.

Dass der organisatorische Mechanismus und die Arbeitsweise der kommunistischen Parteien in der Praxis sozusagen einen Mittelweg zwischen absolutem Zentralismus und absoluter Demokratie aufweisen, geht schon aus dem Begriff des „demokratischen Zentralismus“ hervor, der wiederholt in den Texten der Internationale genannt wird und an den ja auch Genosse Trotzki in seinem bekannten Brief erinnert, der für lebhafte Diskussionen unter den russischen Genossen gesorgt hat.[3] Wir sagen gleich: So wie wir nicht glauben, die Lösung der revolutionären Fragen in den herkömmlichen abstrakten Prinzipien, ob dem der „Freiheit“ oder dem der „Autorität“, finden zu können, so wenig stellt uns der Notbehelf zufrieden, der uns durch eine Art Mischung der beiden genannten Begriffe, die fast als miteinander zu verknüpfende Elemente gesehen werden, die Antwort liefern soll.

Die kommunistische Position in den Fragen der Organisation und Disziplin muss nach unserer Ansicht sehr viel vollständiger, zufriedenstellender sowie den ursprünglichen marxistischen Positionen adäquater sein. Um sie in zwei Worten zusammenzufassen: wir ziehen seit langem den Ausdruck des „organischen Zentralismus“ vor. Es geht darum, deutlich zu machen, dass wir jedes dem autonomen Föderalismus entlehnte Kriterium zurückweisen und den Begriff des Zentralismus annehmen, weil er die notwendige Zusammenfassung bzw. Einheit ausdrückt und der „freisinnigen“ und fast zufälligen Vereinigung von verschiedenen, voneinander unabhängigen Kräfte diametral entgegensteht.[4] Sehr wahrscheinlich wird die hier nur angedeutete Schlussfolgerung besser und treffender als in der hier vorliegenden und nur einige Prämissen nennenden Untersuchung in Texten beleuchtet werden, die auf dem V. Weltkongress zur Diskussion stehen. Zum Teil ist diese Frage auch in den Thesen zur Taktik angesprochen worden.[5]

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Kommen wir nun zu einigen einfachen historischen Anhaltspunkten, die festgehalten werden müssen, damit die Frage nicht auf oberflächliche Art und Weise gelöst wird – z.B. wenn bei jeder Gelegenheit eine Abstimmung verlangt wird, in der die Mehrheit entscheidet, oder wenn immer und in jedem Fall das ZK Recht hat. Es geht darum zu zeigen, wie wir auf realem und dialektischem Wege aus der manchmal quälenden Zwickmühle herauskommen, zu denen die Disziplinfragen in der Praxis nicht selten führen.

Erinnern wir uns an die Geschichte der sozialistischen Parteien und der II. Internationale. Diese Parteien bzw. die opportunistischen Gruppen, die deren Führung innehatten, flüchteten in das Zwielicht der bürgerlichen Prinzipien, in denen die Demokratie und Autonomie der verschiedenen Organe beschworen wird. Was sie allerdings nicht daran hinderte, von der Linken, die sich gegen die revisionistischen und opportunistischen Tendenzen auflehnte, eiserne Disziplin – gegenüber der Mehrheit oder gegenüber den Führern – einzufordern. Die Disziplinfrage wurde sogar das hauptsächliche Mittel, mit dem jene Parteien, vor allem bei Ausbruch des Weltkriegs, ihre nunmehr übernommene Funktion erfüllten, sich als Werkzeuge für die ideologische und politische Mobilisierung der Arbeiterklasse im Interesse der Bourgeoisie gebrauchen zu lassen. Auf diese Weise kam es zu einer wahren Diktatur der Rechten, gegen die die Revolutionäre ankämpften; sie taten dies nicht, weil innerhalb der Partei demokratische Grundsätze verletzt worden wären oder weil man sich gegen den Zentralismus der Klassenpartei (den gerade die marxistische Linke verlangte) wandte, sondern weil die Realität selbst dazu drängte, sich den antiproletarischen und antirevolutionären Kräften entgegenzustellen.

Die Herausbildung von oppositionellen Fraktionen, die die Führungscliquen schonungslos kritisierten, war also völlig berechtigt, so wie dann auch die Parteienspaltung, die erlaubte, die kommunistischen Parteien zu gründen. Man sieht, wie die Disziplin um der Disziplin willen in bestimmten Phasen von Konterrevolutionären benutzt wird und dazu dient, der Herausbildung der wirklich revolutionären Klassenpartei Steine in den Weg zu legen.

Das glänzendste Beispiel dafür, die demagogische Wirkung solcher Sophismen zu schmähen und abzuweisen, gibt uns gerade Lenin, der hundertmal angegriffen wurde, weil er die Parteipflichten missachtet und verletzt hätte, der jedoch unerschütterlich seinen Weg ging und folgerichtig eben derjenige war, der die marxistischen Kriterien des organischen Zentralismus im revolutionären Staat und in der revolutionären Partei anwandte. Das unseligste Beispiel hingegen für die formalistische und bürokratische Einhaltung der Disziplin gibt uns die Abstimmung, bei der sich Karl Liebknecht am 4. August 1914 gezwungen sah, den Kriegskrediten zuzustimmen.[6] Es steht also fest, dass die revolutionäre Richtung in einem bestimmten Moment, in einer bestimmten Situation (wann und wodurch sie entstehen und vielleicht wiederentstehen, werden wir zu gegebener Zeit genauer ansehen müssen) dadurch gekennzeichnet ist, dass sie in der alten Organisation die Disziplin und den hierarchischen Zentralismus bricht.

Nicht anders in den gewerkschaftlichen Organisationen, von denen noch immer sehr viele unter konterrevolutionärer Führung stehen. Auch hier hegen und pflegen die Führer die Demokratie und die bürgerliche Freiheiten wie ein zartes Pflänzchen und schlagen sich auf die Seite derer, die die kommunistischen Thesen über revolutionäre Gewalt und Diktatur voller Schrecken von sich weisen. Dennoch müssen die in diesen Organisationen arbeitenden Kommunisten immer wieder gerade die diktatorische Vorgehensweise der leitenden und sich wie ein Mandarin gebärdenden Bürokratie aufzeigen und bloßstellen; und um sie ihrer Macht zu berauben, eignet sich konkret die Methode, in Versammlungen und bei Abstimmungen eben just dieselbe demokratische Praxis einzufordern. Was ja nicht heißt, unser Heil in dem Glauben an eine „richtige“ Demokratie zu suchen, zumal ganz und gar nicht auszuschließen ist, dass bestimmte Situationen dazu drängen, die Leitung der Gewerkschaften handstreichartig zu übernehmen.

Ebenso wenig wie die Respektierung aller Abstimmungsformalitäten kann der formelle Kniefall vor den offiziell eingesetzten Führern unser Wegweiser zum revolutionären Ziel sein: Wir sagen nochmal, dass unsere Lösung eine ganz andere sein muss, eine den oben genannten Methoden jedenfalls überlegene.

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Schwieriger und heikler ist das Problem, wenn wir uns dem innerparteilichen Leben bzw. dem der Kommunistischen Internationale zuwenden. Ein ganzer historischer Prozess liegt hinter uns, seit in der alten Internationale die Bildung von Fraktionen, die Parteien in der Partei waren, herbeigeführt wurde, und oftmals auch der systematische Bruch der Disziplin stattfand – was, als revolutionäre Folge, die richtige und notwendige Spaltung auf die Tagesordnung setzte.

Unsere Ansicht zu diesem Problem ist, dass ohne engste Verbindung zu den Fragen der Theorie, des Programms und der Taktik die Fragen der Organisation und Disziplin nicht zu lösen sind.

Wenn wir uns einen idealen Parteitypus vorstellen, dem wir möglichst nahe kommen wollen, und seinen inneren Aufbau sowie seine Organisationsregeln zu umreißen versuchen, ist leicht einzusehen, dass Fraktions- und Meinungskämpfe zwischen untergeordneten Organen und den Richtlinien des Zentralkomitees nicht geduldet werden könnten. Wenn wir diese Einsicht „sic et sempliciter“[7] auf das innerparteiliche Leben und dem unserer KI anwenden, sind wir damit noch keinen Schritt weiter gekommen; sicher würden wir alle einen solchen Parteitypus wollen, doch in der Praxis sind wir davon noch weit entfernt. Die Wirklichkeit zwingt uns, in den Fraktionsbildungen, in den gravierenden Meinungsverschiedenheiten, die sich manchmal zu Konflikten zwischen den Parteien und der KI auswachsen, eher die Regel als die Ausnahme zu sehen.

Nein, leider ist die Lösung nicht so einfach. Man muss sehen, dass die KI noch nicht als homogene kommunistische Weltpartei arbeitet und funktioniert. Zweifellos ist sie auf dem Wege dahin und im Vergleich zur alten Internationale wurden Riesenschritte gemacht. Um aber zu gewährleisten, dass es wirklich in diese Richtung vorangeht, um sicher zu sein, dass die gesamte kommunistische Tätigkeit diesem Ziel entspricht, genügt es nicht, grenzenloses Vertrauen in den revolutionären Geist und die revolutionäre Fähigkeit unserer Weltorganisation zu setzen; was hinzukommen muss, ist eine kontinuierliche Arbeit, deren Grundlage die rationelle Prüfung und Beurteilung ihres politischen Kurses und all dessen ist, was in ihren Reihen vor sich geht.

Die Frage wird sophistisch auf den Kopf gestellt, wenn die aus der allgemeinen Übereinstimmung (die auch die kritische Prüfung aller Probleme der Bewegung einbegreift) entspringende höchste und vollkommene Disziplin nicht mehr als das Ergebnis eines Prozesses angesehen wird, sondern als unfehlbares Mittel, dem blind vertraut werden muss; wenn „tout court“[8] gesagt wird: Die Internationale ist die Kommunistische Weltpartei, man muss bedingungslos und treu alles befolgen, was ihre Zentralorgane beschließen.

Zu Beginn unserer Untersuchung der Frage sollten wir daran erinnern, dass die kommunistischen Parteien Organe sind, denen „aus eigenem Antrieb“ beigetreten wird. Das bedeutet nicht etwa, ein „Prinzip“ oder „Modell“ anzuerkennen; es handelt sich vielmehr um eine im historischen Charakter der Partei begründete Tatsache. Wir können also keinen nötigen, sich als Mitglied der Partei einschreiben zu lassen, wir können keine Kommunisten verpflichten, und wir können über keinen Sanktionen verhängen, der die Parteidisziplin nicht einhalten will. Jeder ist tatsächlich frei zu gehen, wenn er glaubt, gehen zu müssen.

So liegen die Dinge. Ob das gut oder schlecht ist, steht nicht zur Debatte. Sie liegen nun mal so und lassen sich nicht per Willen ändern. Folglich können wir auch nicht die, im Idealfall sicher sehr richtige, Losung des absoluten Gehorsams bei der Ausführung von oben ausgegebener Anweisungen gebrauchen.

Die von den Zentralorganen gegebenen Anweisungen sind nicht der Ausgangspunkt, sondern das Resultat, das sich aus der Funktion einer homogen funktionierenden Bewegung ableitet. Diese Aussage ist nicht im banalen demokratischen und juristischen, sondern im realen und historischen Sinne zu verstehen. Wir verteidigen hier nicht etwa ein „Recht“ aller Kommunisten, die Richtlinien auszuarbeiten, an die sich die Führer zu halten hätten. Wir stellen einfach fest, wie sich die Herausbildung einer Klassenpartei ihren Weg bahnt; von diesen Prämissen aus müssen wir bei der Untersuchung der Frage vorgehen.

Auf diese Weise zeichnet sich das Schema der Schlussfolgerungen ab, zu denen wir in dieser Frage kommen. Eine bloß formelle Disziplin bei der Ausführung „jedweder“ Anweisung und Anordnung, ist nicht positiv zu werten. Umgekehrt, es gibt eine sich auf die wirklichen Ursprünge der Bewegung stützende Gesamtheit von Anweisungen und Verfügungen, die ein Höchstmaß an Disziplin, d.h. eine einheitliche Tätigkeit des gesamten Organismus gewährleisten können, und es gibt andere Direktiven, die die Disziplin und organisatorische Festigkeit gefährden können.

Es geht also darum, die Aufgabe der Führungsorgane zu umreißen. Wer soll das machen? Die ganze Partei muss das tun, nicht im flachen und parlamentarischen Sinne ihres Rechts, über ein den gewählten Führern erteiltes und genau definiertes „Mandat“ abzustimmen, sondern im dialektischen Sinn, in dem der Tradition, der Vorbereitung und der realen theoretischen und praktischen Kontinuität der Bewegung Rechnung getragen wird. Gerade weil wir Antidemokraten sind, sehen wir, dass es Situationen geben kann, in denen die Minderheit de facto einen besseren Blick für den revolutionären Prozess als die Mehrheit hat. Sicherlich geschieht dies nur ausnahmsweise, und wenn es vorkommt, d.h. wenn das, was die Regel ist, zur Ausnahme wird, ist das eine sehr ernstzunehmende Sache; in der alten Internationale war das der Fall und es bleibt zu wünschen, dass es sich bei uns nicht wiederholt. Aber es gibt auch weniger extreme und kritische Situationen, in denen es richtig und unumgänglich ist, wenn Gruppen ihren Beitrag leisten, indem sie eine Präzisierung der vom Führungszentrum umrissenen Richtlinien einfordern.

Dies bildet, kurz gesagt, die Grundlage für die Untersuchung der Frage. Festzuhalten ist dabei unbedingt der historische Charakter der Klassenpartei: ein Organismus, das schließlich Ausdruck der Vereinheitlichung aller auf gesellschaftlichem Boden entstehenden und bis dahin isolierten Arbeiterkämpfe auf ein zentrales und gemeinsames Ziel hin sein muss, ein Organismus, das durch die aus eigenem Antrieb vollzogenen Beitritte charakterisiert ist.

Wir fassen unsere der Dialektik des Marxismus getreue These so zusammen: Die von der Partei entfaltete Tätigkeit und die von ihr angewandte Taktik, d.h. die Art und Weise, nach „außen“ hin zu handeln, wirken ihrerseits wieder auf die innerparteiliche Organisation und Struktur zurück.

 

Die Partei wird zwangsläufig in Frage gestellt, wenn im Namen einer unumstößlichen Disziplin verlangt wird, dass sich die Partei für „jede“ Tätigkeit, „jede“ Taktik, „jedes“ strategische Manöver bereit zu halten hätte, also ohne dass die Grenzen klar abgesteckt und der Gesamtheit der Mitglieder bekannt wären.

Tatsächlich wird das wünschenswerte Maximum an disziplinierter Einheit und Festigkeit nur erreicht werden, wenn das Problem auf diesem Boden stehend in Angriff genommen wird, statt zu erwarten, es durch die Einhaltung formellen Gehorsams bereits grundsätzlich gelöst zu haben.

Quellen:

„Organizzazione e disciplina comunista - Premessa della questione”: Prometeo, Nr. 5, Mai 1924.

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TS 3.1: Trotzki – Linke Opposition und IV. Internationale (1923-26), 1998.

 


[1]Bereits auf dem IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale hatte die Sinistra in ihren Thesen („1922-11-05 – Thesenentwurf der KPI zur Taktik der KI“) darauf bestanden, die Taktik genauer zu fassen, unter anderem um opportunistische Tendenzen und die immer stärker um sich greifenden Disziplinbrüche eindämmen zu können. Es sei noch darauf hingewiesen, dass auch 1924 die überwiegende Mehrheit innerhalb der KPI die Linie der Linken befürwortete, sich daher die Frage der Disziplin gegenüber den politischen Entscheidungen der zentristischen Exekutive (Gramsci/Togliatti) stellte: Nicht nur Bordiga lehnte es ab, Führungspositionen zu übernehmen, da er die Politik der Exekutive für falsch hielt.

[2] Siehe: „1922-02-28 – Das demokratische Prinzip“.

[3] „In Diskussionen und Artikeln wurde in letzter Zeit sehr häufig darauf hingewiesen, dass eine ‚reine‘, eine ‚entwickelte‘ oder ‚ideale‘ Demokratie nicht zu verwirklichen sei, und dass die Demokratie für uns überhaupt keinen Selbstzweck darstelle. Das ist ganz unbestreitbar. Aber mit genau dem gleichen Recht und aus dem gleichen Grund kann man sagen, dass ein reiner oder absoluter Zentralisierung nicht zu verwirklichen ist und mit der Natur einer Massenpartei unvereinbar ist, dass weder Zentralismus noch Parteiapparat jemals Selbstzweck sind. Demokratie und Zentralismus sind zwei Seiten des Aufbaus der Partei. Die Aufgabe besteht darin, diese beiden Seiten möglichst gut ins Gleichgewicht zu bringen, auf einen Weg, der den Umständen am besten entspricht.“ TS 3.1: „Der neue Kurs“, S. 286.

Auf diesen Brief an Parteiversammlungen, der in der Prawda am 8.12.1923 erschien (später wurde der Titel für die im Januar 1924 veröffentlichte Broschüre übernommen), reagierte die Troika aus Kamenew, Sinowjew und Stalin zunächst nicht. Nachdem der Text aber auf eine große Resonanz, negativ wie positiv, an der Parteibasis gestoßen war, diente er als Anlass für die offene Konfrontation mit Trotzki. Sinowjew stellte erstmals den „Trotzkismus“ als eine vom „Lenin‘schen Bolschewismus“ sich unterscheidende „bestimmte Strömung in der russischen Arbeiterbewegung“ hin. Stalin machte erste Andeutungen hinsichtlich Trotzkis nicht-bolschewistischer Vergangenheit.

[4] „Beim Aufbau unserer innerparteilichen Organisation und der Formulierung unserer Richtlinien ist das demokratische Kriterium für uns bislang ein Behelf, keine unerlässliche Grundlage. Eben deshalb würden wir die bekannte Organisationsformel des ‚demokratischen Zentralismus‘ nicht zum Prinzip erheben. Die Demokratie kann für uns kein Prinzip sein, während der Zentralismus dies zweifellos ist, da die wesentlichen Merkmale der Partei die geschlossene Organisation und Bewegungsrichtung sein müssen. Für die bruchlose Organisation und Struktur der Partei steht der Begriff des Zentralismus, und um die wesentliche zeitliche Kontinuität (d.h. das Ziel, auf das wir zusteuern und die Richtung, die einzuschlagen ist, um die sukzessiven Hindernisse zu überwinden) begrifflich zu fassen, genauer, um beide Begriffe in eins zu setzen, würden wir vorschlagen, das Fundament der kommunistischen Parteiorganisation als ‚organischen Zentralismus‘ zu kennzeichnen.“ „1922-02-28 – Das demokratische Prinzip“.

[5] Siehe: „1922-11-05 – Thesenentwurf der KPI zur Taktik der KI“. Die Thesen wurden auf dem IV. Weltkongress der KI von der Linken vorgelegt, die Diskussion darüber wurde auf den V. Weltkongress vertagt, allerdings auch dann nicht geführt.

[6] Liebknecht notierte 1916 zu der Abstimmung: „Nicht übersehen werden darf dabei aber auch, welche heilige Verehrung damals noch der Fraktionsdisziplin entgegengebracht wurde, und zwar am meisten vom radikalen Flügel, der sich bis dahin in immer zugespitzterer Form gegen Disziplinbrüche oder Disziplinbruchsneigungen revisionistischer Fraktionsmitglieder hatte wehren müssen“. Laschitza, Annelies + Keller, Elke: Karl Liebknecht – Eine Biographie in Dokumenten, S. 218.

[7] Sic et sempliciter (lat.): „so und schlichtweg“.

[8] Tout court (frz.): „ganz einfach“.