An Karl Korsch

Lieber Genosse Korsch,[1]

die Fragen sind heute so schwerwiegend, dass es wirklich notwendig wäre, darüber mündlich und sehr viel länger diskutieren zu können – unglücklicherweise werden wir diese Möglichkeit vorläufig nicht haben. Ich habe nicht einmal die, Ihnen detailliert zu allen Punkten ihrer Plattform[2] zu schreiben, von denen manche zu einer nützlichen Diskussion unter uns Anlass geben könnten.

Zum Beispiel scheint mir Ihre „Weise des sich-ausdrückens“ über Russland nicht glücklich zu sein. Man kann nicht sagen, „die russische Revolution ist eine bürgerliche Revolution“. Die Revolution von 1917 war eine proletarische Revolution, obwohl es ein Fehler ist, die daraus zu ziehenden „taktischen“ Lehren zu verallgemeinern. Nun stellt sich die Frage, was aus der proletarischen Diktatur in einem Land wird, wenn die Revolution in anderen Ländern ausbleibt. Es kann eine Konterrevolution geben, es kann zu einer auswärtigen Intervention kommen, es kann zu einer Involution kommen, dessen Symptome und Auswirkungen in der Kommunistischen Partei aufzudecken und zu kennzeichnen sind.

Man kann nicht einfach sagen, Russland sei ein Land, in dem der Kapitalismus sich ausbreite. Die Sache ist sehr viel komplexer: Es handelt sich um neue Formen des Klassenkampfes, für die es keine historischen Präzedenzfälle gibt. Es geht darum zu zeigen, dass die gesamte von den Stalinisten vertretene Auffassung über die Beziehungen zu den Mittelklassen auf das kommunistische Programm verzichtet. Sie scheinen in Bezug auf die Politik der Kommunistischen Partei Russlands eine andere Möglichkeit als die der Restauration des Kapitalismus auszuschließen. Das aber hieße, Stalin eine Rechtfertigung zu verschaffen bzw. die unannehmbare politische Alternative des „Rücktritts von der Macht“ zu vertreten.[3] Man muss hingegen aussprechen, dass eine korrekte Klassenpolitik ohne die von der gesamten „alten Lenin‘schen Garde“ begangene Reihe schwerer Fehler in der internationalen Politik möglich gewesen wäre.

Ich habe weiter den Eindruck – ich beschränke mich auf vage Eindrücke –, dass Sie in Ihren taktischen Formulierungen, auch dann, wenn sie annehmbar sind, der heute scheinbar nach links tendierenden objektiven Lage ausschlaggebende Bedeutung beimessen. Sie wissen, dass man uns, der italienischen Linken, vorwirft, die Analyse der konkreten Lage gering zu schätzen, was falsch ist. Wir suchen hingegen eine wirklich allgemeine und nicht immer nur zeitweilig geltende linke Linie festzulegen, die durch verschiedene Perioden und Entwicklungen und zeitlich auseinander liegende Situationen hindurch bindend ist, wobei deren besondere Merkmale natürlich nicht übersehen werden dürfen und allesamt auf diesem revolutionären Boden stehend bewältigt werden müssen.

Ich komme ohne große Umschweife zu ihrer Taktik. Um mich nicht förmlich, sondern kurz und knapp auszudrücken: Sie scheint mir bezüglich der internationalen Beziehungen der Partei noch zu elastisch und zu... bolschewistisch. Die ganze Argumentation, mit der Sie die Haltung gegenüber der Fischer-Gruppe begründen, dass Sie also darauf zählten, sie nach links zu schieben bzw. wenn sie sich weigert, sie in den Augen der Arbeiter herabzusetzen, überzeugt mich nicht, und es scheint mir auch faktisch keine guten Ergebnisse erbracht zu haben. Allgemein denke ich, dass heute, eher als die Organisierung und das Manövrieren, eine auf den bedeutsamen Erfahrungen der KI basierende Vorarbeit für die Ausarbeitung einer politischen Theorie der internationalen Linken im Vordergrund stehen muss. Da wir hier sehr hinterherhinken, wird es um jede internationale Initiative schwierig bestellt sein.

Ich schließe hier einige Anmerkungen über unsere Position zu den Fragen der russischen Linken an. Es ist interessant, dass wir die Dinge unterschiedlich gesehen haben: Sie, die Sie sehr misstrauisch gegenüber Trotzki waren, sind dann sehr schnell zur bedingungslosen Solidarität mit der russischen Opposition gekommen, wobei mehr auf Trotzki als auf Sinowjew gesetzt wird (ich teile diese Präferenz).

Heute, wo sich die russische Opposition hat „unterwerfen“ müssen,[4] sprechen Sie von einer Erklärung, in der man sie, da sie das Banner hat fallen lassen, angreifen müsse – etwas womit ich nicht einverstanden wäre (ebenso wenig wie wir zuvor daran gedacht haben, uns unter diese von der russischen Opposition gehaltene internationale Fahne zu „verschmelzen“).

Sinowjew und Trotzki sind Menschen, die vor allem Realitätssinn besitzen. Sie wissen, dass man noch Schläge einzustecken hat, ohne zum offenen Angriff überzugehen. Weder die äußere noch die innere Lage kann im Moment definitiv geklärt werden.

1.) Die Positionen der russischen Linken zu den Direktiven der Staatspolitik der Kommunistischen Partei Russlands teilen wir. Die von der Mehrheit des Zentralkomitees vertretene Richtung wird von uns bekämpft, weil sie auf die Versumpfung der russischen Partei und der proletarischen Diktatur zusteuert und damit das Programm des revolutionären Marxismus und des Leninismus aufgibt. Wir haben die Staatspolitik der Kommunistischen Partei Russlands solange nicht bekämpft, wie sie auf dem Boden stand, der in den beiden Dokumenten der Rede Lenins über die Naturalsteuer und dem Bericht Trotzkis auf dem IV. Weltkongress zum Ausdruck kam. Die Thesen Lenins auf dem II. Kongress nehmen wir an.[5]

2.) Die Positionen der russischen Linken zur Taktik und Politik der KI sind, abgesehen von der Frage der früheren Verantwortung vieler ihrer Mitglieder, unzureichend. Sie kommen dem nicht näher, was wir seit Gründung der Komintern zum Verhältnis zwischen Partei und Masse, zwischen Taktik und Lage, zum Verhältnis zwischen kommunistischen Parteien und anderen sogenannten Arbeiterparteien und zur Bewertung der Formen bürgerlicher Politik vertreten. In den Fragen der Arbeitsweise der Internationale und hinsichtlich der Rolle und Funktion der innerparteilichen Disziplin und des Fraktionismus stehen wir uns näher. Einverstanden sind wir mit den Positionen Trotzkis zur deutschen Frage von 1923 und ebenso mit seiner Beurteilung der heutigen Weltlage. Desgleichen lässt sich über die Berichtigungen Sinowjews in der Frage der Einheitsfront und der Roten Gewerkschafts-Internationale nicht sagen, ebenso wenig über andere Punkte, deren Bedeutung situationsbedingt und sekundär ist und die keine Taktik erwarten lässt, die frühere Fehler vermeidet.

3.) Da eine Politik der Konfrontation und des Drucks seitens der Führer der Internationale und ihrer Sektionen weiterhin besteht, stellt jede gegen die rechte Abweichung sich organisierende nationale und internationale Gruppe die Gefahr der Spaltung dar. Aber man braucht die Spaltung der Parteien und der Internationale gar nicht zu wollen. Sondern muss die Erfahrung der künstlichen und mechanischen Disziplin machen, indem man sich solange wie möglich ihren unsinnigen Verfahrensweisen fügt, ohne je die kritischen theoretischen und politischen Positionen zu verschweigen und ohne je die vorherrschende Richtung zu unterstützen. Auch wenn sich die auf dem Boden der traditionellen linken Position stehenden Gruppen nicht uneingeschränkt mit der russischen Opposition solidarisiert haben, heißt das nicht, dass sie deren kürzliche Unterordnung jetzt verurteilen dürften, denn die Opposition hat damit keine Versöhnung in die Wege geleitet, sondern sich nur den Umständen gebeugt, deren einzige Alternative die Spaltung gewesen wäre. Die objektive äußere Lage ist noch immer so, dass – nicht nur in Russland – aus den Reihen der Internationale ausgeschlossen zu werden, bedeutet, noch geringere Möglichkeiten als innerhalb der Parteien zu haben, die Kampfrichtung der Arbeiterklasse zu ändern.

4.) In jedem Fall unannehmbar wären gemeinsame politische Erklärungen und eine Solidarisierung mit Personen wie Fischer und Genossen, die die Verantwortung für die zuletzt erfolgte rechte bzw. zentristische Richtung in der Parteiführung tragen (was nicht allein in der deutschen Partei so ist) und die dann zur Opposition wechselten, als eine mit dem internationalen Zentrum übereinstimmende Führung der Partei nicht mehr möglich war und ihr Vorgehen von der Internationale kritisiert wurde. Ein solches Zusammengehen wäre daher mit der Verteidigung der neuen Methode und des neuen Kurses der kommunistischen internationalen Arbeit, die die parlamentarisch-funktionärshafte Manövriererei ablösen muss, nicht vereinbar.

5.) Mit allen Mitteln, mit denen das Recht auf Teilnahme am Parteileben nicht verwirkt wird, muss die vorherrschende Richtung als eine angeprangert werden, die zum Opportunismus führt und der Treue zu den programmatischen Grundsätzen der Internationale zuwiderläuft; auch andere Gruppen können das Recht haben, diese Grundsätze zu verteidigen, unter der Bedingung, dass sie sich die Frage nach den ursprünglichen, nicht theoretischen, sondern taktischen, organisatorischen und disziplinarischen Mängeln stellen, die die III. Internationale abermals [wie schon die II. Internationale] der Gefahr des Versumpfens aussetzte.

Ich glaube, eine der Schwächen der heutigen Internationale ist darin zu sehen, ein „lokaler und nationaler Oppositionsblock“ gewesen zu sein. Man muss darüber nachdenken – selbstverständlich ohne übers Ziel hinauszuschießen, sondern um sich diese Lektionen zunutze zu machen. Lenin blockierte den „spontanen, aus sich selbst heraus vollzogenen Bildungsprozess der Gruppierungen, weil er darauf zählte, die verschiedenen Gruppen zunächst grob zusammenzubringen und sie erst danach in der Gluthitze der russischen Revolution homogen zu „verschmelzen“. Zum großen Teil ist dies nicht gelungen.[6]

Ich weiß sehr wohl, dass die Arbeit, die ich vorschlage, nicht einfach ist, da es an organisatorischen Verbindungen, an Mitteln und Wegen der Publikation, Propaganda etc. fehlt. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass man noch warten kann. Neue äußere Ereignisse werden eintreten, und in jedem Fall rechne ich damit, dass sich das System des Belagerungszustands erschöpft, bevor es uns gezwungen haben wird, die Konfrontationspolitik anzunehmen. Ich glaube, wir sollten uns diesmal nicht von der Tatsache herausfordern lassen, dass die russische Opposition einige gegen uns gerichtete Sätze hat unterzeichnen müssen, vielleicht um bei der quälenden Abfassung des Dokuments nicht an irgendeinem anderen Punkt zurückstecken zu müssen. Auch mit einer solchen Reaktion rechnen die „Bolschewisierer“.

Ich werde versuchen, Ihnen Material über die italienischen Angelegenheiten zu schicken. Wir haben die Kriegserklärung nicht angenommen, die in dem Ausschluss einiger Führungspersonen der Linken bestand, und die Sache hat keine Fraktionsbildungen nach sich gezogen. Die Batterien der Disziplin haben bisher in Watte geschossen. Es ist keine sehr schöne, uns alle zufriedenstellende Linie, aber von den möglichen Linien die am wenigsten schlechte. Wir werden Ihnen die Kopie unseres Einspruchs bei der Internationale schicken.

Um zu schließen: Ich glaube, eine internationale Erklärung abzugeben, wie Sie es vorschlagen, ist nicht nötig, und ich glaube auch nicht, dass die Sache praktisch machbar ist. Gleichwohl halte ich es für sinnvoll – ohne dass damit der Tatbestand des fraktionellen „Komplotts“ erfüllt würde –, in den verschiedenen Ländern in Bezug auf die Russland und die Komintern angehenden Fragen inhaltlich parallele theoretische und politische Kundgebungen abzuhalten und Erklärungen abzugeben, wobei jeder seine Gedanken und Erfahrungen dazu unabhängig voneinander entwickeln sollte.

In dieser internen Frage halte ich die Taktik für richtig, sich öfter von den Ereignissen anschieben zu lassen, was bei den „externen“ Fragen natürlich sehr schädlich und opportunistisch wäre. Zumal es sich hier um die besonderen internen Machtmechanismen und die mechanische Disziplin handelt, die – daran glaube ich weiterhin fest – von selbst zerbrechen werden.

Ich weiß, dass meine Zeilen unzureichend und wenig klar sind. Ich bitte Sie, das zu entschuldigen und grüße Sie herzlich.[7]

Quelle:

„Lettera a Karl Korsch“: Prometeo, Nr. 7, Oktober 1928.

 


[1] Korsch, Karl (1886-1961): seit 1920 in der KPD, 1924/25 Chefredakteur der theoretischen Parteizeitung „Die Internationale“; im April 1926 ausgeschlossen. Mitbegründer der Gruppe „Entschiedene Linke“ und der Zeitschrift “Kommunistische Politik“. Schon im August 1926 sprach Korsch vom „Ende der proletarischen Diktatur in Sowjetrussland“ und trat dafür ein, angesichts der Entwicklung der KPR eine internationale Fraktion bzw. IV. Internationale zu gründen, die sich der Komintern mehr oder weniger offen entgegenstellen sollte. Korsch glaubte, dass es keine relative Stabilisierung des Kapitalismus gäbe, vielmehr bestünden weitere Krisenerscheinungen und damit bliebe die Hauptaufgabe die „Vorbereitung und Organisierung der Revolution und Errichtung der proletarischen Diktatur“.

Hinsichtlich bestimmter grundsätzlicher Positionen näherten sich die Linken in Deutschland der italienischen Linken in dieser Phase sehr an, wie es sich auch in der Solidaritätserklärung mit der russischen Opposition, der „Erklärung der 700“ KPD-Funktionäre vom 1.9.1926, wiederfindet: Verurteilung der These vom „Sozialismus in einem Land“, Forderung nach Diskussion der sogenannten russischen Fragen auf internationaler Bühne, Veröffentlichung der Erklärungen der Opposition, Aufhebung der Disziplinarmaßnahmen, usw. Die Unterschiede lagen vor allem in den Schlussfolgerungen, im Vorgehen. Die Sinistra hielt zwar, wie Bordiga zuletzt auf der 6. EKKI unterstrichen hatte, eine Vereinigung der Linken auf internationaler Ebene für notwendig, nicht aber die Organisierung einer linken Fraktion (was natürlich zum Parteiausschluss geführt hätte) oder gar einer IV. Internationale, was sie als voreilig und schädlich ansah. Die Zersetzung der KI und das Entstehen neuer Klassenorgane war keineswegs sicher: Bordiga erkannte in den Vorgängen eine präzedenzlose, schwer zu dechiffrierende Situation; er glaubte nicht, dass eine subjektive, das Kräfteverhältnis nicht in Rechnung stellende Aktion den Gang der Dinge umkehren könnte: Eine organisierte linke Fraktion voluntaristisch ins Leben zu rufen, stand seinem strengen Determinismus diametral entgegen.

[2] „Plattform der Linken: Resolution zur Politik der KPD und der Komintern“, angenommen auf der Reichskonferenz der „Entschiedenen Linken“ (Korsch-Schwarz-Gruppe) vom April 1926.

[3] In einem Referat vom 7.12.1926 auf dem VII. Erweiterten Plenum des EKKI mit dem Titel „Noch einmal über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei“ erklärte Stalin: „Entweder können wir, indem wir unsere ‚nationale‘ Bourgeoisie überwinden, den Sozialismus aufbauen und ihn letzten Endes errichten – dann ist die Partei verpflichtet, an der Macht zu bleiben und den sozialistischen Aufbau im Lande zu leiten im Namen des Sieges des Sozialismus in der ganzen Welt; oder wir sind nicht imstande, aus eigener Kraft unsere Bourgeoisie zu überwinden – dann müssen wir, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass uns die sofortige Unterstützung von außen her, durch die siegreiche Revolution in anderen Ländern, fehlt, offen und ehrlich von der Macht zurücktreten und Kurs darauf nehmen, für die Zukunft eine neue Revolution in der UdSSR zu organisieren“ [SW 9, S. 20]. Stalin scheint sich aber in einem anderen Zusammenhang schon vorher in diesem Sinne geäußert zu haben.

[4] Bezieht sich auf die „Erklärung der Opposition“ vom 16.10.1926: Die Führung der KPR verlangte von der Vereinigten Opposition u.a. eine „bedingungslose Unterwerfung unter sämtliche Beschlüsse des XIV. Parteitages“, „jedwede fraktionelle Tätigkeit“ einzustellen und sich von den „fraktionellen Gruppen“ Souvarine in Frankreich, Urbahns-Weber sowie Fischer-Maslow und der Gruppe Bordiga zu distanzieren. Dieser taktische Rückzug, der von vielen so nicht verstanden wurde, hatte nicht nur innerhalb der russischen Opposition schwerwiegende Folgen, sondern zersplitterte und demoralisierte die Linke in den oben genannten Ländern außerordentlich.

Trotzki schreibt dazu in „Mein Leben“ (S. 513): „Der Kampf in der russischen Partei wurde im Jahre 1926 immer schärfer. […] Die regierende Fraktion übte einen Terror aus durch ihre mechanische Macht, durch Drohungen und Repressalien. Ehe die Parteimasse noch etwas erfahren, begreifen und sagen konnte, machte man ihr vor einer Spaltung oder Katastrophe Angst. Die Opposition musste den Rückzug antreten.“

[5] Lenin: „Über die Naturalsteuer (Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen)“, LW 32, S. 341-80, April 1921.

Trotzki: „Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektiven der Weltrevolution“, Protokoll des IV. Weltkongress der KI, S. 268-95, November 1922.

Lenin: „Thesen über die Hauptaufgaben des II. Kongresses der KI“, LW 32, S. 172-89, Juli 1920.

[6] Bordiga sah hier offenbar eine Parallele zu den Auseinandersetzungen um die Beitrittsbedingungen zur III. Internationale, deren heterogene Zusammensetzung die Sinistra versucht hatte zu verhindern. Er befürchtete eine Wiederholung dieses großen Fehlers, der wesentlich zur Degeneration der Komintern beigetragen hatte. Die ja auch von Lenin vertretene Losung: „Erst sammeln, dann sieben“, also erst alle Kräfte zusammenzuführen, um später diejenigen, die an sozialdemokratischen, syndikalistischen oder anarchistischen Positionen festhalten, wieder auszuschließen, hatte die italienische Linke nie geteilt. Sie trat für das ein, was Karl Liebknecht einmal „Klarheit vor Einheit“ genannt hatte, wollte also zunächst eine sich unmissverständlich zum kommunistischen Programm bekennende internationale Organisation schmieden, der nicht-kommunistische Gruppen nicht „en bloc“ hätten beitreten können; die Beitritte sollten nur individuell erfolgen.

Wir geben hier einen Auszug aus einem in Teilen wörtlich übereinstimmenden Brief Bordigas an Michelangelo Pappalardi (1895-1940) wieder, den er, wie den Brief an Korsch, am 28. Oktober schrieb. Pappalardi war abstentionistischer Parteiführer in Kampanien, ehe er im Dezember 1922 zusammen mit anderen Parteimilitanten erst nach Österreich, 1923 nach Deutschland emigrierte, wo er in der KPD die KPI vertrat. 1923, inzwischen in Frankreich, hielt er den Kontakt zu den deutschen Dissidenten um Korsch; u.a. übersetzte er die „Thesen von Lyon“, die zur Plattform der Linken bei den zahlreichen italienischen Emigranten in Frankreich wurde. Pappalardi teilte die Position, die linken Kräfte organisatorisch zu vereinigen.

„Ich bin entschieden dafür abzuwarten. Ich kenne die Einwände, habe sie [die Deutschen] jedoch daran erinnert, dass einer der Fehler der heutigen Internationale gewesen ist, den ‚spontanen‘, aus sich selbst heraus vollzogenen Bildungsprozess der Parteien, brüsk zu unterbrechen, so dass sich faktisch ein ‚Oppositionsblock‘ aufbauen musste. Trotz des Zaubers der Oktoberrevolution und Lenins ist der Fehler nicht korrigierbar gewesen. Lenin selbst jedenfalls hat, auch noch nachdem er die Sterbeurkunde der II. Internationale vorgelegt hatte und trotz des höllischen Tempos, in dem sich die Ereignisse überschlugen, von 1914 bis 1919 abgewartet. Sogar diejenigen, für die ‚der 4. August passé‘ war [Zustimmung der Kriegskredite im deutschen Reichstag durch die SPD], hatten also noch Zeit. Man müsste ganz anders darüber diskutieren. Und natürlich gedeiht und verbreitet sich heute die revolutionäre Verwirrung: Trotzdem sollten wir uns nicht hinausekeln lassen.“

[7] Siehe auch: „Brief von Amadeo Bordiga an Karl Korsch – Übersetzung und Kommentar“ in: Christian Riechers – Die Niederlage in der Niederlage; S. 176ff.; Münster, 2009.