Alter Maulwurf

1952-10-10 - Dialog mit Stalin (3) Drucken E-Mail

Im Faden der Zeit [102]

Dialog mit Stalin

III. Dritter Tag (Vormittag)

Am ersten Tag erörterten wir die Tatsache, dass jedes System der Warenproduktion ein kapitalistisches System ist, seitdem durch die Arbeit von Menschenmassen ungeheure Warensammlungen produziert werden. Kapitalismus und Warenproduktion werden gemeinsam aus den von ihnen nach und nach in der modernen Welt eroberten Wirkungskreisen oder Einflusssphären verschwinden.

 

Am zweiten Tag wurde dies noch einmal aufgegriffen; und vom allgemeinen Prozess zu dem der heutigen russischen Wirtschaft kommend, hielten wir die von Stalin in Bezug auf die russische Wirtschaftsstruktur angegebenen Gesetze für zutreffend. Es bestätigte sich die Diagnose des reinen Kapitalismus, im Stadium des „großen Staatsindustrialismus".

 

Nach Auffassung unseres Gesprächspartners kann dieser hinlänglich definierte und konkrete Prozess, auf riesige Gebiete und Bevölkerungen angewandt, zur Akkumulation und Konzentration einer Schwerindustrie führen, die anderen in nichts nachsteht, und zwar ausschließlich auf der Basis der seit 1917 erfolgten Beseitigung der Großgrundbesitzer, ohne dass sich zwangsläufig, wie seinerzeit in England, Frankreich usw., die grausame Enteignung der unteren Bevölkerungsschichten wiederholen müsse, die in den sich selbst genügenden lokalen Wirtschaftskreisen und der zersplitterten Arbeitstechnik gefangen sind.

 

Würde man mit diesem letzten Punkt nur sagen wollen, dass sich die umfassende Einführung der modernen Arbeitstechnik mit den Mitteln der angewandten Wissenschaft aufgrund der veränderten weltweiten Situation ganz anders abspielt, als es vor Jahrhunderten der Fall war, so könnte dies Gegenstand einer gesonderten Untersuchung sein, namentlich bei Behandlung der „Agrarfrage". Mag sein, dass Stalin nachweisen wird, den vollständigen Kapitalismus nicht mit dem Pferdefuhrwerk, sondern mit dem Flugzeug zu erreichen - aber er sollte wenigstens die „Richtung" angeben. Wir, das Fußvolk, übermitteln ihm von vielen Bodenstationen aus eine Reihe von Daten - allerdings kann sogar das Radar verrückt spielen.

 

Und nun ein dritter Punkt: Die internationalen Beziehungen im komplexen Gesamtzusammenhang von Produktion, Austausch und Konsumtion; politische und militärische Kräfteverhältnisse.

 

Die drei Punkte sind nur Aspekte ein und derselben großen Frage. Der erste könnte als der historische, der zweite als der ökonomische und der dritte als der politische Aspekt bezeichnet werden. Richtung und Ziel der Untersuchung müssen in eins gesetzt werden.

Produkte und Austausch

Bei seinen theoretischen Berichtigungen und den entsprechend schroffen Verweisen gegen die Einwände der „Genossen" muss der russische Staats- und Parteichef offenbar jedes Mal die Fronten wechseln, wenn er von der Zirkulation innerhalb der Landesgrenzen auf die sie überschreitende Zirkulation zu sprechen kommt. Wir haben bereits darauf hingewiesen, der Leser wird sich erinnern, dass die westlichen „Grenzschützer" an diesem Punkt die Ohren gespitzt haben. Weit davon entfernt, das Lied einer tausendjährigen Autarkie noch einmal anzustimmen, hat der Mann im Kreml in aller Ruhe das Fernglas auf die Gebiete jenseits des eisernen Vorhangs gerichtet; und alte Geschichten über die Aufteilung in Einflusszonen als Alternative zum Säbelrasseln und zum Abbruch der Beziehungen kommen wieder zum Zug. Immerhin eine Sache, die nicht so spektakulär und dummdreist klingt, wie die Litanei über Völkermord und Aggressionswahn.

 

Stalin behauptet, die Art und Weise, wie innerhalb Russlands (und den Bruderländern) der Dorfbevölkerung Industrieartikel und den Städtern Landwirtschaftsprodukte zukommen würden, stehe voll und ganz mit dem Sozialismus in Einklang - wobei er alles und jeden mit Zitaten von Marx und Engels erschlägt und, wenn nötig, ihre Worte, Sätze und Formulierungen von Amts wegen korrigiert. Die Kolchosen verkaufen ihre Produkte „frei" - anders kommt man nicht an ihre Erzeugnisse heran; also doch über den Markt, aber es gibt spezielle Regeln: Staatlich festgesetzte Preise (Neuigkeit! Spezialität des Hauses!) und sogar besondere „Verträge" über Warenlieferungen mit „Nicht-Warencharakter"1, weil die staatlichen Betriebe nicht mit Geld operieren, sondern Kompensationsgeschäfte abwickeln (höchst originell! Vorbild sind der Krämer an der nächsten Ecke, der amerikanische Marine, der über die Äquivalenz von Küssen und Zigaretten genaustens Bescheid weiß, und die banalen „Clearings" der westlichen Länder!). Allerdings findet der Meister den Ausdruck „Warenlieferung" nicht treffend, man solle doch von Produktenaustausch sprechen. (Das nur, damit der Fehler nicht in der Übersetzung gesucht wird). Kurz und gut, alle mehr oder minder konventionellen Äquivalentensysteme, vom Naturaltausch der Wilden bis hin zum Geld als allgemeinem Äquivalent für alle Produkte, den abertausend Systemen, Leistung und Gegenleistung zu verbuchen, die vom Haushaltsbuch bis hin zum komplizierten Bankgeschäft reichen, wo elektronische Gehirne die endlosen Zahlenreihen addieren, während täglich die erdrückende Flut Däumchen drehender Arbeitskraftverkäufer anschwillt - wozu ist das alles entstanden, wozu ist es da, wenn nicht für den Produktenaustausch, und nur für ihn allein?

 

Aber Stalin will den nagenden Kern des Problems knacken, nämlich, dass aus den „Salden" des Austausches zwischen Äquivalenten eine private Akkumulation entsteht; und er sagt, dagegen gebe es Garantien.

 

Selbst für einen Generalissimus ist es schwer, sich mit einer derartigen These im Sattel zu halten und abwechselnd in zwei Richtungen zu fechten - einen Hieb gegen die theoretische Strenge, einen Hieb gegen die revisionistischen Zugeständnisse. Elastizität des wahren leninistischen Bolschewismus? Nein, Eklektizismus, lautete unsere Antwort; damals platzte den Bolschewiken deswegen der Kragen.

 

Nun, wie es um die inneren Verhältnisse auch bestellt sein mag (deren Untersuchung weder heute noch im Rahmen dieser Studie abgeschlossen ist), sobald es um die auswärtigen Beziehungen geht, erhebt selbst Stalin Vorbehalte. Der Genosse Notkin muss sich einiges sagen lassen, weil er behauptet hat, dass auch die in den Staatsbetrieben hergestellten Maschinen und Werkzeuge Waren sind. Sie haben Wert, ihr Preis wird festgesetzt, und doch sind es keine Waren!? Man sieht förmlich, wie sich Notkin an den Kopf fasst. Wert und Preis sind, laut Stalin, „erforderlich, um im Interesse des Außenhandels den Verkauf von Produktionsmitteln an ausländische Staaten zu tätigen. Hier, auf dem Gebiet des Außenhandels, aber nur auf diesem Gebiet" (im Original unterstrichen), „sind unsere Produktionsmittel tatsächlich Waren und werden tatsächlich verkauft (ohne Anführungszeichen)" [Stalin, S. 53].

 

Die letzte Klammer stammt aus dem offiziell herausgegebenen Text. Wahrscheinlich hatte der unbedachte Notkin das Wort „verkauft", das einem Marxisten und Bolschewiken ziemlich stinkt, in Anführungszeichen gesetzt. Er wird die jüngsten Schulungskurse geschwänzt haben.

 

In einigen Jahren würde uns folgende Angabe interessieren: Das Volumen der Handelsbilanz, bitte schön, also das Verhältnis zwischen Warenein- und ausfuhr. Und noch etwas: Soll diese Bilanz positiv oder negativ ausfallen? Vom so genannten Gesetz der planmäßigen „proportionalen" Entwicklung der Volkswirtschaft wissen wir, dass das Gesamtprodukt mit rasender Geschwindigkeit wachsen soll. Wir können zwar kein Russisch, nehmen aber an, dass darunter zu verstehen ist: Pläne zum „ununterbrochenen Wachstum der Produktion, d.h. dem Gesetz des Bevölkerungswachstums oder dem Zinseszins analog ist. Wir schlagen deshalb folgende, richtige Bezeichnung vor: Planung des Wachstums in geometrischer Progression. Die „Kurve" einmal korrekt gezogen, würden wir mit unserem bisschen Verstand folgendes Gesetz formulieren: Der Sozialismus fängt da an, wo diese Kurve abbricht.

 

Für heute halten wir Stalins Zugeständnis fest: Die für den Außenhandel bestimmten Produkte, unter anderem auch die Produktionsmittel, sind Waren, nicht nur „formal" in der Buchführung, sondern auch dem „Wesen" nach.

 

Das ist das eine. Es genügt, über ein paar tausend Kilometer hinweg zu diskutieren, um sich schließlich doch noch über irgendetwas zu verständigen.

Profit und Mehrwert

Noch ein bisschen Geduld, dann werden wir über hohe Politik und Strategie sprechen und dann wird auch das Stirnrunzeln aufhören, da jeder sofort begreift, worum es geht: Wird Cäsar angreifen? Pompeius fliehen? Sehen wir uns in Philippi wieder? Werden wir den Rubikon überschreiten? Dies ist willkommener Gesprächsstoff, der Laune macht.

 

Wir müssen aber noch auf einen weiteren Punkt der marxistischen Ökonomie hinweisen. Die Macht der Dinge führt den Marschall zum explosiven Problem des Weltmarkts. Die UdSSR, so sagt er, unterstützt ihre Bruderländer mittels einer Wirtschaftshilfe, die deren Industrialisierung beschleunigt. Gilt dies für die Tschechoslowakei ebenso wie für China, d.h. für ein bereits kapitalistisches Land, ebenso wie für ein Land, in der die kapitalistische Produktionsform noch in ihren Anfängen steckt und nur einen Bruchteil der Gesamtproduktion ausmacht? Mal sehen. „Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass es bei einem solchen Entwicklungstempo der Industrie bald dahin kommt, dass diese Länder nicht nur nicht auf die Einfuhr von Waren aus den kapitalistischen Ländern angewiesen sind, sondern selbst die Notwendigkeit spüren, die überschüssigen Waren ihrer Produktion zu exportieren" [Stalin, S. 32]. Was noch mal die Frage aufwirft: Wenn für den Westen produziert (und exportiert) wird, so sind das Waren; und wenn für Russland, was sind das dann?

 

Der Punkt bei dieser mit fliegenden Fahnen vollzogenen Wiederkehr des Systems der Warenproduktion, das der Form wie dem Wesen nach mit dem kapitalistischen System identisch ist (wenn man nicht auf das volkswirtschaftliche Make-up reinfällt), liegt darin, dass es sich auf den Imperativ gründet: exportieren, um mehr produzieren zu können! Im Grunde ist es derselbe Imperativ, der innerhalb des angeblich „sozialistischen Landes" gilt: Es handelt sich bei den Beziehungen zwischen Stadt und Land, zwischen den berühmten verbündeten Schichten, um ein tatsächliches Import-Exportgeschäft, weil auch hier, wie schon gesagt, das Gesetz der geometrischen Progression gilt und das: „Mehr produzieren! Mehr produzieren!".

 

Was bleibt noch vom Marxismus? Kaum was! Seitdem „die Arbeiterklasse die Macht in ihren Händen hat", ist es laut Stalin „notwendig", die offensiven Formeln, die zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit, bezahlter und unbezahlter Arbeit unterscheiden, „über Bord zu werfen" [Stalin, S. 18/19]! Und während das Mehrwertgesetz (das hier nach Stalins Kriterien eine Theorie und kein Gesetz ist) zuerst noch einigermaßen verschont wurde, gilt ab heute folgendes: „Man sagt, das Gesetz der Durchschnittsprofitrate sei das ökonomische Grundgesetz des modernen Kapitalismus. Das stimmt nicht. Der moderne Kapitalismus, der monopolistische Kapitalismus" (jetzt haben wir's: was wusstest du, armer Marx, schon davon?) „kann sich mit dem Durchschnittsprofit nicht begnügen, der angesichts der Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals noch dazu die Tendenz hat zu fallen. Der moderne monopolistische Kapitalismus fordert nicht den Durchschnittsprofit, sondern ein Maximum an Profit". Während der Nebensatz („der angesichts...") einen Augenblick das ausgelöschte Marxsche Gesetz wieder ins Leben zu rufen scheint, wird dann doch das neue Gesetz erlassen: Die Forderung nach dem Maximalprofit „ist denn auch das ökonomische Grundgesetz des modernen Kapitalismus" [Stalin, S. 39].

 

Wird dem Flammenwerfer in der Bibliothek der Klassiker kein Einhalt geboten, wird nicht mal sein Schnurrbart verschont bleiben.

 

Diese verdrehten Gegenthesen, die sich gegen jeden Einwand abzusichern suchen, sind unerträglich. Erst wird behauptet, die ökonomischen Gesetze des monopolistischen Kapitalismus würden sich völlig von denen des Kapitalismus „von Marx" unterscheiden. Dann behaupten dieselben Gegenthesen, die ökonomischen Gesetze des Sozialismus könnten sehr wohl dieselben wie die des Kapitalismus bleiben. Frische Luft, schnell!

 

Kehren wir heldenhaft zum Abc zurück. Man muss hier an den Unterschied zwischen Profit- und Mehrwertmasse, zwischen Profit- und Mehrwertrate und an die Bedeutung des Marxschen Gesetzes des tendenziellen Falls der Durchschnittsprofitrate erinnern, das am Anfang des III. Kapitalbandes genaustens dargelegt wird. Lesen - verstehen! Nicht der Kapitalist tendiert dazu, den Profit sinken zu lassen! Nicht der Profit (die Profitmasse) sinkt, sondern die Profitrate! Nicht die Rate jeden Profits, sondern die Durchschnittsrate des gesellschaftlichen Profits. Nicht jede Woche oder bei jeder Ausgabe der „Financial Times", sondern historisch, in der von Marx vorgezeichneten Entwicklung zum „gesellschaftlichen Monopol der Produktionsmittel" im Griff des Kapitals, dessen Definition, Entstehung, Leben und Tod geschrieben steht.

 

Wer das begreift, kann auch sehen, dass die ganze Anstrengung, nicht des Einzelkapitalisten (bei Marx eine zweitrangige Figur), sondern der historischen Maschine des Kapitals (dieses mit „vis vitalis" begabten und „beseelten Korpus"), dem Gesetz des Falls der Profitrate zu entkommen, vergeblich ist; und eben genau dieses Gesetz lässt uns auf die folgenden klassischen Thesen schließen (zu denen Stalin, den Westen verwirrend, sich erneut bekennt):

Erstens: Unvermeidlichkeit des Krieges zwischen den kapitalistischen Ländern;

Zweitens: Unvermeidlichkeit des revolutionären Sturzes des Kapitalismus, wo auch immer.

 

Es ist jene gigantische Anstrengung, die das kapitalistische System im Kampf gegen den eigenen Zusammenbruch entfaltet und sich in der Parole ausdrückt: Immer mehr produzieren! Nicht nur nicht stagnieren, sondern jederzeit die Steigerung der Steigerung erzielen. In der Mathematik: geometrische Progression; in der Musik: „Crescendo á la Rossini". Und zu diesem Zweck (einmal das ganze Vaterland mechanisiert): exportieren. Und sich die Lehre aus den letzten fünf Jahrhunderten gut merken: „Der Handel folgt der Flagge".

Aber das, Dschugaschwili, ist ihre Parole!

Engels und Marx

Für die Beweisführung müssen wir wieder einmal zu Marx und Engels zurückkehren. Diesmal nicht zu den in sich geschlossenen und vollständigen Texten, von dem einen oder dem anderen aus einem Guss, mit voller Kraft und dem sich Bahn brechenden Ungestüm derjenigen geschrieben, die weder Zweifel kennen noch in Verlegenheit kommen und die Hindernisse aus dem Weg räumen, ohne sich um deren Widerstand zu scheren. Es handelt sich um den Marx, über den sein „Testamentsvollstrecker" in den fast dramatischen Vorworten zum II. (5.5.1885) und zum III. Band (4.10.1894) des „Kapitals" Rechenschaft ablegt. Zuerst geht es darum, den Zustand der enormen Masse von Materialien und Manuskripten - sie reichen von Kapiteln in ausgearbeiteter Form bis hin zu losen, mit Anmerkungen randvoll versehenen Blättern, Notizen, Zusammenfassungen, unleserlichen Abkürzungen, Versprechungen bezüglich später zu entwickelnden Punkten, wie auch unsicher und zaghaft verfassten Seiten - mit der sich verschlechternden Gesundheit Marx' zu erklären, mit den unabwendbaren Folgen der fortschreitenden Krankheit, die ihm Unterbrechungen aufzwingt, die den Mut eher sinken lassen und das mächtige Gehirn mehr angreifen als dass die Erholung ihn gesunden lassen würde. Unermesslich ist die in den Jahren 1863 bis 1867 von dieser menschlichen Maschine geleistete Arbeit, darunter der aus einem Guss verfasste erste Band seines Hauptwerks. Schon in den Jahren 1864-65 hatte die Krankheit erste Anzeichen gesundheitlicher Störungen gezeigt, der unbeirrbare Blick seines großen „Mitarbeiters" Engels bemerkt die Spuren ihrer verheerenden Folgen in den unveröffentlichten Heften. Aber danach übersteigt die gleiche zermürbende Arbeit - Entziffern, Sichten, Diktieren, Neuordnen der Texte, Klassifizieren des Materials: das alles mit dem entschlossenen Willen, nichts Eigenes abzufassen - auch die Kräfte des äußerst robusten Engels. Zu lange hat er über den Schriften seines Freundes durchwachte Nächte verbracht; ein besorgniserregendes Augenleiden zwingt ihn, seine „Arbeitszeit für Schriftliches jahrelang auf ein Minimum" zu beschränken, da ihm untersagt wurde, „bei künstlichem Licht die Feder in die Hand zu nehmen" [MEW 25, S. 7]. Weder besiegt noch entmutigt, entschuldigt er sich aufrichtig und demütig vor der Sache - weiteres sei ihm nicht vergönnt gewesen. Bescheiden erinnert er an all die anderen Bereiche, in denen die Hauptlast mehr und mehr ihm „allein" zugefallen war. Ein Jahr später starb er.

 

Dies ist weder nebensächlich noch dünkelhaft. Es soll nur deutlich machen, dass der Anspruch auf redaktionelle Sorgfalt, der die Kompilationsarbeit Engels' bestimmte, zur Folge hat, dass in den zwei letzten Kapitalbänden die periodisch wiederkehrenden Abschnitte der Synthese und Zusammenfassung fast völlig fehlen. Auch der Feder Engels' verdanken wir solche Einschübe, und zwar nicht wenige und nicht geringen Nutzens; aber er will nicht etwas zustande bringen, „was doch nicht Marx' Buch war", und so beschränkt er sich auf die Analyse. Wäre es anders gewesen, wären gewisse zwielichtige Interpretationen (heute wie vor einem halben Jahrhundert) vergebliche Liebesmüh', z.B. die traurige Legende, dergemäß Marx im III. und letzten Band irgendetwas - je nach dem persönlichen Geschmack der Kommentatoren: in der Philosophie, der ökonomischen Wissenschaft oder der Politik - widerrufen hätte. In Wirklichkeit gibt es im I. Band genau so viele explizite Hinweise auf die Frühschriften oder das „Manifest" wie Verbindungen zwischen den letzten Schriften und dem I. Band - Tausende von Passagen des Briefwechsels bekräftigen dies.

 

Hier geht es noch weniger als bei Engels' Arbeit darum, „Kapitalforschung" zu betreiben. Merken wir nur an, dass Marx in einer dieser knappen Zusammenfassungen sagt, warum er sich so gründlich mit dem Gesetz des Falls der Profitrate beschäftigt. Engels zögert, das Fragment wiederzugeben und stellt es in Klammern, „weil es, obwohl aus einer Notiz des Originalmanuskripts umredigiert, in einigen Ausführungen über das im Original vorgefundene Material hinausgeht" [MEW 25, S. 273].

 

„{Für das Kapital also gilt das Gesetz der gesteigerten Produktivkraft der Arbeit nicht unbedingt. Für das Kapital wird diese Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der lebendigen Arbeit, sondern nur wenn an dem bezahlten Teil der lebendigen Arbeit mehr erspart als an vergangner Arbeit zugesetzt wird, wie dies bereits Buch I, S. 414 kurz angedeutet worden" (von der Maschine auf das Produkt übertragener Wert; ziemlich „aktuell", nicht wahr?). „Hier fällt die kapitalistische Produktionsweise in einen neuen Widerspruch. Ihr historischer Beruf ist die rücksichtslose, in geometrischer Progressive" (sic!) „vorangetriebene Entfaltung der Produktivität der menschlichen Arbeit. Diesem Beruf wird sie untreu, sobald sie, wie hier" (Widerstand der Kapitalisten, leistungsfähigere Maschinen einzusetzen), „der Entfaltung der Produktivität hemmend entgegentritt. Sie beweist damit nur aufs Neue, dass sie altersschwach wird und sich mehr und mehr überlebt}" [MEW 25, S. 272/73].

 

Ungerührt ob des pharisäerhaften Einwandes, nach weiteren 60 Jahren Kapitalismus (jedoch mit einem kräftigen Schuss Verwesung) müsse man bei dem wie immer „unvorsichtigen" Marx die geschweiften Klammern, statt sie zu streichen, eher dreimal setzen, heben wir die programmatischen Thesen hervor, die Marx so „gern" in die scharfsichtigen und tiefgründigen Analysen einfügte. Der Kapitalismus wird also zusammenbrechen. Und der Post-Kapitalismus? Das ist so: Da die Produktivität jeder Arbeitseinheit steigt, erhöhen wir nicht die Produktenmasse, sondern verringern die Arbeitszeit der Lebenden. Warum will der Westen davon nichts wissen? Weil es nur einen einzigen Weg gibt, um dem Gesetz des Falls der Profitrate zu entkommen: Überproduktion. Und der Osten? Dito. Aber der Fairness halber soll gesagt, dass der Kapitalismus dort seine Jugendzeit durchmacht.

Rate und Masse

Es wird Zeit, sich wieder der Deduktion des Gesetzes zuzuwenden: Solange wir nicht mit Blindheit geschlagen sind, gehört es für uns jedenfalls nicht zum alten Eisen. Wir werden dabei sowohl die Zahlensprache als auch die algebraische Symbolik umgehen und, soweit möglich, die Kürze und den Schliff sowie den Ton der Fabel erhalten. „Könnten die Waren sprechen", so Marx in einer dieser wunderbaren Stellen des „Kapitals", „so würden sie sagen, unser Gebrauchswert mag den Menschen interessieren. Er kommt uns nicht als Dingen zu. Was uns aber dinglich zukommt, ist unser Wert. Unser eigner Verkehr als Warendinge beweist das. Wir beziehen uns nur als Tauschwerte aufeinander" [MEW 23, S. 97].

 

Wir haben also für euch ein Mikrofon auf dem Marktplatz angebracht, auf dem sich die aus Russland und Amerika stammenden Waren treffen. Die aus den „oberen Etagen" haben ihnen erlaubt, eine gemeinsame ökonomische Sprache zu sprechen. Für beide Waren gilt das sakrosankte Prinzip, dass der von ihnen anvisierte Marktpreis über den Produktionskosten liegen muss (sonst hätten sie nicht den weiten Weg zurückgelegt). In beiden Herkunftsländern ist man bestrebt, sie zu niedrigen Kosten zu erzeugen und zu hohen Preisen abzusetzen.

 

Die Ware, die aus dem Land mit kapitalistischer Theorie kommt, hat das Wort: „Ich bin aus zwei Teilen gemacht und daher sieht man an mir nur eine einzige Schweißnaht: Die Produktionskosten (ein lebendiger und aufgezehrter Vorschuss meines Produzenten) und der Profit, die zusammen die genaue Summe ergeben, unter der ich, macht euch bloß nichts vor, meinen Prinzipien nicht gerecht werde. Um den Käufer zu ermutigen, gebe ich mich mit einem bescheidenen Profit zufrieden: Durch eine einfache Rechnung - Gewinn geteilt durch Produktionskosten - könnt ihr die Rate dieses Profits nachprüfen. Angenommen, meine Kosten betragen 10 und ihr könnt mich für 11 besitzen, wollt ihr dann etwa knauserig sein und behaupten, die zehnprozentige Rate sei übertrieben hoch? Treten sie näher, meine Damen und Herren...".

 

Wir geben jetzt das Mikrofon der anderen Ware. Sie spricht so: „Bei uns ist die marxistische Ökonomie maßgebend. Ihr seht an mir zwei Schweißnähte. Ich habe keinen Grund, das zu verheimlichen: Ich bestehe nämlich aus drei und nicht aus zwei Teilen. Der Trick bei der anderen Ware ist der, dass man das nicht sieht. Um mich zu produzieren, gibt es zweierlei Ausgaben: Rohstoffe, Verbrauch von Produktionsinstrumenten und dergleichen, was wir in mich investiertes konstantes Kapital nennen - und die Entlohnung der menschlichen Arbeit, die wir als variables Kapital bezeichnen. Die Summe bildet das, was die Dame, die vor mir sprach, Produktionskosten nannte. Auch für mich müsst ihr eine Rendite, einen Gewinn oder Profit hinzufügen, der mein dritter und letzter Teil ist: Mehrwert genannt. Für den vorgeschossenen konstanten Teil berechnen wir nichts extra, da wir wissen, dass er dem Wert nichts hinzufügt: Nur die Arbeit, d.h. der variable Teil des Vorschusses erzeugt Wert. Wenn ihr also den Prozentsatz oder die Rate nicht des Profits, sondern des Mehrwerts feststellen wollt, so ist das ebenfalls sehr einfach: Ihr müsst nur den Mehrwert durch den zweiten Teil des für mich vorgeschossenen Kapitals, d.h. durch die Löhne, teilen".

 

Worauf der gewöhnliche Käufer erwidert: „Erzählt das mal eurem Friseur! Was meine Geldbörse allein interessiert, sind die Endkosten, d.h. eurer jeweiliger Verkaufspreis".

 

Es gibt Zank zwischen den beiden Waren, wobei jede behauptet, das weniger lukrative Geschäft machen zu wollen und sich mit der geringsten Profitrate zu begnügen. Da keine von beiden sie auf Null herabdrücken kann, siegt diejenige, die wirklich die niedrigsten Produktionskosten hat, worauf auch Stalin in einer Tour hinweist. Für den konstanten Teil sind Quantität und Qualität der Rohstoffe gegeben. Der Wettkampf wird in beiden Exportländern auf dem variablen Teil ausgetragen. Es gibt natürlich die Lösung, den Arbeitern weniger zu zahlen und sie länger arbeiten zu lassen, aber in erster Linie wird auf die Arbeitsproduktivität gesetzt, die durch den technischen Fortschritt, den Einsatz leistungsfähigerer Maschinen, die immer rationellere Organisation der Betriebe bedingt ist. Und schon stellt die eine wie die andere Seite Hochglanzfotos von Großanlagen zur Schau, wobei sie sich rühmen, stets die Zahl der Beschäftigten, ob bei gleich bleibender oder größerer Gesamtproduktion, gesenkt zu haben. Doch eine Sache, die den Käufer erst recht nicht interessiert, ist zu wissen, auf welcher Seite des umkämpften Marktes die Arbeiter besser bezahlt und behandelt werden.

 

Der Leser wird, so glauben wir, ohne Mühe den Unterschied zwischen den beiden Methoden der Wertanalyse feststellen. Die Mehrwertrate ist immer viel höher als die Profitrate, und um so mehr, als das konstante Kapital das variable überwiegt.

 

Nun, das Marxsche Gesetz des Falls der Durchschnittsprofitrate berücksichtigt den Profit als Ganzes, d.h. die Gesamtrendite aller Produktionssphären, unabhängig von der später zu behandelnden Aufteilung (zwischen dem Bankier, dem Industriellen und dem Grundeigentümer). Im 13. Kapitel des III. Kapitalbandes erinnert Marx: „Wir stellen absichtlich das Gesetz dar, bevor wir das Auseinanderfallen des Profits" („Profit ist uns zunächst nur ein andrer Name oder andre Kategorie für Mehrwert" [MEW 32, S. 71]) „in verschiedne gegeneinander verselbständigte Kategorien darstellen". Dies „beweist von vornherein die Unabhängigkeit des Gesetzes in seiner Allgemeinheit von jener Spaltung" [MEW 25, S. 224]. Und so gilt es auch dann, wenn der Staat als Eigentümer, Bankier und Unternehmer auftritt.

 

Das Gesetz gründet sich auf den allgemeinen historischen Prozess - von niemandem bestritten, von allen apologisiert - der unaufhörlichen Entwicklung der Produktivität infolge der Anwendung von immer komplizierteren Instrumenten, Werkzeugen, Maschinen, immer vielfältigeren technischen Verfahren und der wissenschaftlichen Errungenschaften auf die Handarbeit. Für eine gegebene Masse von Produkten werden immer weniger Arbeiter benötigt. Das Kapital, das vorgeschossen, investiert werden musste, um jene Masse von Produkten in die Hände zu kriegen, verändert kontinuierlich das, was Marx die organische Zusammensetzung nennt: immer mehr stoffliches Kapital und immer weniger Lohn-Kapital. Wenige Arbeiter genügen, um dem zu verarbeitenden Material einen enormen „Wertzuwachs" zu verleihen, da sie im Vergleich zu früher viel mehr davon verarbeiten können. Auch hierin ist man sich einig. Und weiter? Selbst angenommen, das Kapital verschärft die Ausbeutung und erhöht die Mehrwertrate, indem es den Arbeitern weniger zahlt (obwohl dies oft geschieht, hat es nur aus der Sicht von Salon-Revoluzzern Gesetzescharakter), so wird zwar der herausgepresste Mehrwert bzw. Profit zunehmen, angesichts der viel stärkeren Zunahme der Masse der gekauften Rohstoffe, bei gleich bleibender Anzahl von Arbeitskräften, wird jedoch die Profitrate weiter sinken: Weil eben die Rate das Verhältnis des etwas größeren Profits (Profitmasse) zum enorm gewachsenen gesamten Vorschuss an Löhnen und Material ausdrückt.

 

Das Kapital fordert den „Maximalprofit"? Aber sicher, es fordert ihn und findet ihn auch, kann aber nicht verhindern, dass die Profitrate unterdessen sinkt. Die Profitmasse steigt, da die Bevölkerung und mehr noch das Proletariat wächst, das verarbeitete Material immer imposanter und die Produktenmasse immer größer werden. In der Kindheit: kleine Kapitalien, zwischen sehr vielen aufgeteilt und zu einer guten Rate angelegt; im Alter: riesige Kapitalien, auf sehr wenige verteilt (Folge der Konzentration, die sich parallel zur Akkumulation entwickelt), zwar zu einer niedrigen Rate angelegt, jedoch mit dem Ergebnis der maßlosen, Schwindel erregenden Steigerung des gesellschaftlichen Kapitals, des gesellschaftlichen Profits, des durchschnittlichen Betriebskapitals und -profits.

 

Es gibt da keinerlei Widerspruch zum Marxschen Gesetz des Falls der Profitrate, der nur durch die Senkung der Arbeitsproduktivität, durch die „Degenerierung" der organischen Zusammensetzung des Kapitals aufgehalten werden könnte; eine Sache, gegen die Stalin gerade seine schwersten Geschütze auffährt, ein Terrain, auf dem er verzweifelt versucht, seine Gegner zu überwältigen.

19. und 20. Jahrhundert

In der Nr. 2 (1952) von „Il programma comunista" veröffentlichten wir einige schlichte Zahlen aus kapitalistischen Quellen über die amerikanische Wirtschaft. Sie bestätigten das von Marx festgelegte und von Stalin negierte Gesetz. Laut Statistik gingen 1848, d.h. beim Auftreten des industriellen Kapitalismus in den USA, von 1000 Werteinheiten, die dem verarbeiteten Material im Produktionsprozess hinzugefügt wurden, 510 Einheiten als Löhne und Gehälter an die Arbeiter und 490 als Profit an die Unternehmer. Wenn man vom Maschinenverschleiß, den allgemeinen Unkosten usw. absieht, stellen diese Zahlen zum einen das variable Kapital, zum andern den Mehrwert dar. Ihr Verhältnis, oder die Mehrwertrate, ist 96%.

 

Wie haben die Bourgeois die Profitrate berechnet? Um darauf antworten zu können, müssten wir den Wert der verarbeiteten Rohstoffe kennen. Wir können ihn nur schätzen, indem wir von der Hypothese ausgehen, dass in der Krabbelphase der Industrie jeder Arbeiter im Durchschnitt den vierfachen Wert seines Lohns produziert. Wenn die Löhne 510 betragen, stellen die Rohstoffe also 2040 Einheiten dar. Die Produktionskosten belaufen sich insgesamt auf 2550. Hohe Profitrate: 19,2%. Wir merken jedenfalls an, dass sie immer unter der Mehrwertrate liegt.

 

Im Jahre 1929, nach dem langen Zyklus eines wahnsinnigen Wachstums, bekommen die Arbeiter von 1000 hinzugefügten Werteinheiten nur noch 362, die Kapitalisten dagegen 638. Fangt jetzt bloß nicht an, alles durcheinander zu bringen: Bis zum „Schwarzen Freitag" stiegen die Löhne, und auch der Lebensstandard der Arbeiter erhöhte sich stark - das ändert jedoch nichts an der Sache. Wie man sieht, die Mehrwert- bzw. Ausbeutungsrate ist kräftig gestiegen: von 96% auf 176%. Wenn es, nachdem sich einer die Finger wund geschrieben hat, noch immer jemanden gibt, der nicht versteht, dass man trotz höherer Löhne und besseren Essens sogar noch mehr ausgebeutet sein kann, der soll nach Hause gehen! Der hat die Folgen der gestiegenen Produktivität der Arbeitskraft, die aus dem Schweiß und Blut der Malocher besteht und in den Taschen des Bourgeois landet, nicht verstanden.

 

Stellen wir nun den Wert der Gesamtproduktion fest. Nehmen wir an, dass zwischen 1848 und 1929 dank verbesserter Maschinen und bei gleicher Anzahl von Arbeitern zehnmal mehr Rohstoffe als vorher verarbeitet werden. Wir können ruhig diese niedrigen Zahlen annehmen: Mit der Sicherheit desjenigen, der mit wissenschaftlichen Synthesen einigermaßen vertraut ist und daher ohne Probleme von Voraussetzungen ausgeht, die für die eigene These ungünstig sind, dem Gegner hingegen zupass kommen, jenen Haarspaltern, die Spaß daran haben, alles 15-mal zu überprüfen. Da die Arbeiter nun 362 statt wie früher 510 bekommen, könnte man glauben, der Rohstoffanteil sei von 2.040 auf 1.448 gefallen; das Gegenteil ist der Fall: der Anteil steigt auf 14.480. Mit einer Gesamtausgabe an Investitionen von 14.842 und einem Profit von 638 hat man eine Profitrate von ca. 4,5%. Den Fall der Profitrate: hier haben wir ihn. Es genügt, vor Marx den Hut zu ziehen; es ist nicht nötig, „Uncle Sam" ein Taschentuch zu reichen, um seine Kapitalistentränen zu trocknen! Ihr habt verstanden, wir suchten nach der Rate und nicht nach der Masse des Profits. Um eine Vorstellung vom Gesamtumfang der Produktion zu bekommen - wenn auch nicht in realen Werten, so doch in Form eines Vergleichs zwischen beiden Epochen -, muss man beachten, dass einem Bruttoprodukt von 3040 im Jahre 1848 eins von 15.480 im Jahre 1929 gegenübersteht: bei nicht nennenswerter Vermehrung der Arbeiterhände. Real aber hat sich die Arbeiterbevölkerung im Laufe der 80 Jahre mindestens verzehnfacht. Man kann also das Gesamtprodukt auf 154.800 schätzen, etwa das 50-fache des Jahres 1848. Während die durchschnittliche Profitrate der Fabrikherren von 19,2% auf 4,3% gefallen ist, stieg die Profitmasse von 490 auf 6.380, d.h. sie ist 14-mal so hoch. Sicherlich sind unsere Zahlen noch viel zu bescheiden. Wichtig war nur zu beweisen, dass der amerikanische Kapitalismus beim Rennen um den Maximalprofit dem Gesetz des Falls der Profitrate gehorcht. Stalin kann ihm keine neuen Gesetze entlocken. Außerdem haben wir nicht die Konzentration berücksichtigt; wenn wir dafür einen Faktor von 10 einsetzen, beträgt der Durchschnittsprofit (der Masse nach) der amerikanischen Unternehmen das 140-fache. Da ist er: der Kurs auf die Krise, und die Bestätigung des Marxismus.

 

Wir werden uns jetzt eine noch gewagtere Rechnung erlauben. Nehmen wir an, die amerikanische Arbeiterklasse ergreift die Macht in einer Situation wie der von 1929; wiederholen wir die Zahlen: 14.480 Verarbeitungsstoffe, 362 Arbeitskräfte, 638 Profit, also 15.480 Gesamtprodukt.

 

Und dann lesen die Arbeiter Marx und nutzen „die gesteigerte Produktivkraft des Kapitals für die Ersparung der lebendigen Arbeit überhaupt". Ein Erlass des Revolutionskomitees drückt die Produktion auf 10.000 herab (wo sie herunter gefahren wird, werden wir dann sehen; denkt daran, dass es dann keine Präsidentschaftswahlen oder ähnliche Veranstaltungen mehr geben wird). Die Arbeiter werden sich fürs erste damit begnügen, ihrem Lohn von 362 nicht den ganzen Profit (der mit Abgaben und allgemeinen Kosten belastet ist) hinzuzufügen, sondern viel weniger, so dass sie, sagen wir, auf 500 kommen. Für die Funktionstüchtigkeit der öffentlichen Einrichtungen und der staatlichen Verwaltungsorgane ziehen wir sogar mehr ab als die 638 der nunmehr beseitigten Kapitalisten, sagen wir 700. Nach unserer Rechnung sind es jetzt nur noch 8.800 an zu verarbeitenden Rohstoffen statt der 14.480; bleibt die Zahl der Arbeiter konstant, so nimmt der Arbeitstag von jedem um ca. 40% ab: von 8 auf weniger als 5 Stunden. Als erster Schritt ist das ganz ordentlich. Wenn wir jetzt den Stundenlohn ausrechnen würden, sähen wir, dass er sich um gut 132% erhöht hat: von etwas mehr als 44 auf knapp 103.

 

Das wäre noch kein Sozialismus. Aber während Stalin meint, ein neues Gesetz des Sozialismus entdeckt zu haben, das in Wirklichkeit ein Gesetz des Kapitalismus ist (mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität wächst die Produktion), halten wir ihm das gegenteilige Gesetz vor: Die Erhöhung der Produktivität führt zur Verringerung der menschlichen Arbeitsanstrengung, wobei der Produktionsumfang entweder konstant bleibt oder später, nachdem die Gift triefenden und Blut saugenden Zweige des kapitalistischen Stamms abgeschnitten wurden, in einer weichen Kurve und der Menschheit gerecht werdenden Weise wieder zu wachsen anfängt.

 

Solange der Aufruf widerhallt, unter Aufbietung aller Kräfte die Produktion zu steigern, bedeutet dies nur, verzweifelt Widerstand gegen das marxistische Gesetz des Falls der Profitrate zu leisten. Da die Profitrate sinkt, auch wenn Mehrwert- bzw. Profitmasse nicht sinken, werden Fortschrittsrhetorik und Antreibertum einer gehetzten Menschheit immer lauter zurufen: Mehr arbeiten, mehr produzieren! Und wenn die heimischen Arbeiter angesichts ihrer bescheidenen Entlohnung das Mehrprodukt nicht käuflich werden erwerben können, muss man Mittel und Wege finden, im Ausland Märkte zu erobern, die die Konsumtion sicherstellen! Das ist der Teufelskreis des Imperialismus, der im Krieg unvermeidlich seine Lösung gefunden hat - und im Wiederaufbau der zerstörten, von der Menschheit in Jahrhunderten geschaffenen Werke einen zeitweiligen Ausweg aus der Endkrise.

 

Wiederaufbau des Zerstörten, dann Aufbau kapitalistischer Produktionsanlagen in riesigen Gebieten, und heute das Rennen um die Märkte: Das alles sind Gleise, denen auch Stalin folgt; und dieser Zug, gleich von wem unternommen, kennt nur zwei Weichenstellungen: niedrige Produktionskosten oder Krieg.

 

Wir werden die Darstellung dieses grundlegenden Gesetzes mit einer anderen Formulierung über den Kapitalismus abschließen, die Marx im 15. Kapitel des III. Bandes nachträgt. Wie immer steht sie gleichzeitig für das Programm der kommunistischen Gesellschaft.

 

„Drei Haupttatsachen der kapitalistischen Produktion:

1. Konzentration der Produktionsmittel in wenigen Händen, wodurch sie aufhören, als Eigentum der unmittelbaren Arbeit zu erscheinen, und sich dagegen in gesellschaftliche Potenzen der Produktion verwandeln. Wenn auch zuerst als Privateigentum der Kapitalisten. Diese sind Trustes der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie sacken alle Früchte dieser Trusteschaft ein".

 

„Wenn auch zuerst...". Und dann? Marx schreibt es hier nicht, will aber sagen, dass diese personifizierten und nebensächlichen Figuren verschwinden können: Trotzdem bleibt das Kapital als gesellschaftliche Potenz.

 

„2. Organisation der Arbeit selbst, als gesellschaftlicher: durch Kooperation" (assoziierte Arbeit), „Teilung der Arbeit und Verbindung der Arbeit mit der Naturwissenschaft.

Nach beiden Seiten hebt die kapitalistische Produktionsweise das Privateigentum und die Privatarbeit auf, wenn auch in gegensätzlichen Formen.

3. Herstellung des Weltmarkts" [MEW 25, S. 276/77].

 

Wie üblich führte uns der „Faden" dorthin, wohin er hinführen musste. Der Leser soll wissen, dass der „Tag" sich noch nicht geneigt hat, sondern es erst Mittag ist. Der „Vormittag" war vielleicht so hart und schwierig wie eine Sinfonie von Wagner.

 

Wird der abschließende „Nachmittag" eine leichtere Musik auf dem steilen Weg spielen? Vielleicht. „L'après-midi d'une faune"?2 Allerdings tritt unser Faun in der groben Gestalt und mit der drohenden Gebärde des blutroten Mars auf.

 

 

 

 

 

Anmerkungen:

„Dialogato con Stalin - Giornata terza (Antimeriggio)": Il programma comunista, Nr.3, November 1952.

* * *

MEW 23: Marx - Das Kapital I, 1867.

MEW 25: Marx - Das Kapital III, 1894.

MEW 32: Marx an Engels, 30. April 1868

 

1 Stalin setzt in diesem Zusammenhang das Wort „Ware" in Anführungszeichen. Er schlägt vor, den Ausdruck „'Waren'lieferung" durch „Produktenaustausch" zu ersetzen und meint, der „Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus" hieße, den Wirkungsbereich der Warenzirkulation einzuengen und den des Produktenaustauschs zu erweitern [Stalin, S. 95].

 

2 L'apres-midi d'une faune: „Der Nachmittag eines Faun"; Musikstück von Debussy.