Im Faden der Zeit [127]

VIII. Grandiose, aber ungenießbare Zivilisation

Die gedeckte Tafel und die irdischen Gäste

Nach der vulgären Auffassung stammt das Kapital ursprünglich nicht aus der von den Toten akkumulierten Arbeit, die angelegt wird, um die Arbeit der Lebenden anzuwenden und auszuplündern; für sie ist alles Kapital: der Agrarboden, der unbebaute Boden, das Wasser, die Bodenschätze, die Tiere und Pflanzen in ihrem natürlichen Zustand. Wie gemeldet wurde, hat in Manila auf den Philippinen der 8. internationale Wissenschaftskongress des pazifischen Raumes stattgefunden, wo sich Ökologen, Botaniker, Zoologen, Hydrologen, Pedologen (nein, letztere sind weder Pedanten noch Pädiater noch Pedaleure, auch keine Podologen, sondern Bodenkundler) mit dem Problem des „Raubbaus am Planeten Erde“ befasst und festgestellt hätten, die moderne Menschheit bedenke nicht, dass die Erde zwar ein „beträchtliches, aber nicht ewiges Kapital“ sei.

Lassen wir, was die Ewigkeit angeht, die Tatsache aus dem Spiel, dass die Erde im kosmischen Sinn ganz sicher nicht ewig sein wird, ebenso wenig wie die Spezies, einschließlich der menschlichen, die auf ihr Fuß gefasst haben. Es geht um die Frage, ob der große Lebenszyklus des fortwährenden Stoffwechsels zwischen der natürlichen Umwelt mit ihren Materie-Energieressourcen und der Menschengattung ein (theoretisch unbestimmtes) dynamisches Gleichgewicht erreichen oder ein fortschreitendes Missverhältnis aufweisen wird, daher irgendwann kippen muss und, historisch gesehen, zur Rückentwicklung und zum Ende der Gattung führt.

Eine große Frage, zu der das Tatsachenmaterial der verschiedenen Fachrichtungen sicherlich einen Beitrag leisten kann; nichts hingegen ist von Kongressen zu erwarten, die so „wissenschaftlich“ sind, dass sie in grobe Fehler vom Kaliber alter Aberglauben zurückfallen. Z.B. in der Ökonomie den Glauben, den Erdball als „Kapital“ behandeln zu können oder auch als ein Landgut der „Humanitas AG“, oder in der Philosophie den Glauben, das Heilmittel in der Moral und der Erkenntnis suchen zu können, d.h. in der Ermahnung „nachzudenken“, als ob es sich um die klassische Figur des Sohnes handele, der dabei ist, das väterliche Erbe zu verprassen.

Ein französischer Biologe, den wir natürlich nie kennen gelernt haben (wir beschränken uns wie immer darauf, ihn uns vorzustellen), schrieb in solch philanthropischer Absicht eine Gattungstragödie mit der Schlussfolgerung: Der Mensch denke an das Schicksal der Heuschrecken! Was passiert denn den törichten Insekten? Eine Hitzewelle in der Savanne oder in einem tropischen Sumpfgebiet lässt es für eine bestimmte Zeit von Heuschrecken nur so wimmeln und ebenso schnellwachsende wie kurzlebige Pflanzen erblühen. Was wird aus diesem jäh auftretendem Lebenspotential bzw. dieser Umwandlung der von der Sonne ausgestrahlten Energie in organische Energie? Die Heuschreckenschwärme fressen im Rekordtempo alles kahl, um dann an Ort und Stelle vor Hunger tot umzufallen. Und was sollen sie, also die Menschen, daraus lernen? Dank Gott, der sie mit Wissen und Bewusstsein begabte, sollten sie Folgendes überlegen: Hätten die Heuschrecken nachgedacht, hätten sie die Pflanzennahrung rationiert und sich überdies das womöglich doch ganz vernünftige Mittel ausgedacht, sich untereinander aufzufressen.

Wir haben an dieses oft den so genannten Halbgebildeten aufgetischte Problem erinnert, weil wir der Frage einer imaginären, das ganze Erdrund umfassenden Tafel, um die herum sich die Menschen-Heuschreckengäste drängen, sowie der Frage des Verhältnisses zwischen der Anzahl der Münder und den aufgetragenen Speisen große Bedeutung beimessen, und weil wir, um fortzufahren, deutlich machen wollen, dass die – von durchdachten Analysen, in Tabellen dargestellte, auf algebraische Formeln gebrachte und nicht immer einfache – Untersuchung der landwirtschaftlichen Produktion im Kapitalismus nicht als eine intellektuelle Spielerei abgetan werden darf, sondern eine für den „Bauch der Gattung“ lebenswichtige Frage ist.

Zugleich sind solch kleine Anekdoten ganz nützlich, wenn man zeigen will, wie weit die marxistische Fragestellung von solch banalen Analogien entfernt ist, sowohl was ihre Schlichtheit als auch was die Kraft und den Reichtum der Entwicklungen angeht. Der große Zyklus setzt sich nicht bis zu einem Wendepunkt fort, an dem sich die Menschheit, durch Offenbarung geläutert oder von Weisheit durchdrungen, endlich alle Mühe gibt, dem Schicksal der Heuschrecken zu entgehen, etwa indem sie den Anbau rasch wachsender Pflanzen verbessert oder die „Heuschrecken“ vom ehelichen Alkoven fernhält. Während langer Phasen in diesem Lebenszyklus lernten die sich untereinander bekämpfenden Menschengruppen (wenn die Zahl der Individuen auch himmelweit von der heutigen Bevölkerungsdichte entfernt war, war sie doch im Verhältnis zur bekannten und durchwanderten Erdoberfläche schon hoch), sich zu vernichten, zu berauben, zu unterjochen. Die Untersuchung der großen Etappen dieser unvermeidlichen Kämpfe muss dahin kommen festzustellen, ob, wie und nach welchen Stadien die Gattung zu einer positiven, stabilen Bilanz ihres Stoffwechsels mit der Natur kommen wird, so dass Krieg und Knechtschaft nicht mehr die einzigen Wege sind, um an Nahrung zu kommen. Wobei Untersuchungsgegenstand die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse sind, nicht aber deren Karikatur in Form administrativer Ermahnungen und moralischer Standpauken.

Der Kapitalismus, ein miserabler Marketender

Die gesamte grundlegende Marx’sche Beweisführung im Schlussteil des III. Bandes des „Kapital“ (soweit uns überliefert) mündet in die entschieden revolutionäre These ein: In der kapitalistischen Produktionsweise, Triebkraft des absoluten und relativen Wachstums der Produktivkräfte und unumgängliche sowie entscheidende Etappe dieses Wachstums, hält die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem qualitativen und quantitativen technischen Vermögen des menschlichen Gemeinwesens Schritt. Was für uns nicht Anlass ist zu berechnen, wann alle Hungers sterben werden, sondern vielmehr, wie weit der Weg noch ist, bis es zur Katastrophe kommt, worin dieser unvermeidliche Widerspruch das kapitalistische System in die Luft sprengen wird. In der Tat wird der faule Leser, der weiterblättert, sobald er auf eine, wie ihm scheint, Aneinanderreihung nüchterner ökonomischer Ableitungen, eine nicht gerade vergnügliche Reihe von Zahlentabellen, ein Gewirr von Symbolen und kleinen Formeln stößt (heute würde man sagen, dass all dies Verdruss macht, keinen Spaß wie vielleicht ein Comic oder eine Illustrierte macht und vor allem die Kassen nicht voll macht), jener Leser also wird kaum die Streckenabschnitte des harten Weges sehen, an dessen Ende der revolutionäre Zusammenstoß in aller Deutlichkeit sichtbar wird; er wird sich leicht von der landläufigen Folgerung überzeugen lassen: Ach, hätte doch der alte Marx, statt daran zu gehen, das theoretische Bild der kapitalistischen Ökonomie zu malen, nicht von der Agitation abgelassen… ! Um revolutionäre Politik, das einzige was zählt, hat er sich dann nicht mehr gekümmert; von wegen, Theorie der Grundrente…

Marx zeigt, wie schon den ersten Ökonomen der Gegensatz zwischen dem technischen Fortschritt in der Agrikultur und den sozialen Formen ins Auge stach. Durch gute Dränierung, reichliche Düngung, gute Bewirtschaftung, gründliche Reinigung und Umarbeitung des Landes etc. kann die Produktion gesteigert werden, wie A. A. Walton feststellt, und weiter:

„’Aber all dies erfordert beträchtliche Auslage, und die Pächter wissen ebenfalls sehr gut, dass, wie sehr sie auch das Land verbessern oder seinen Wert erhöhen mögen, die Grundbesitzer auf die Dauer den Hauptvorteil davon in erhöhten Renten und gesteigertem Bodenwert einernten werden.’“

„’Alle die Anstrengungen’“ (für Verbesserungen) „(…) ’können keine sehr bedeutenden (…) Resultate (…) bewirken, solange solche Verbesserungen in einem weit höhern Grade den Wert des Grundeigentums (…) vermehren, als sie die Lage des Pächters oder des Landarbeiters verbessern’“ [MEW 25, S. 633/34].

Das kapitalistische System ist ein Räderwerk, dass das Kapital wie auch die menschliche Arbeit fortwährend in die Industrie und nicht in die Landwirtschaft treibt, so dass das unglaubliche Transformationstempo der industriellen Verfahren mit einer enormen Langsamkeit in der landwirtschaftlichen Entwicklung einhergeht: Noch heute überwiegen selbst in den hoch entwickelten Ländern dieselben Anbaumethoden, die schon vor Jahrhunderten, gar Jahrtausenden in Gebrauch waren.

Die Abneigung des Kapitals gegen den Boden stellt Marx mit dessen technischer und organischer Komposition in Zusammenhang, die in der Industrie viel vorteilhafter als in der Agrikultur ist. Führen wir uns den Begriff noch einmal vor Augen:

„Der“ (in der Produktion vorgeschossene) „Wertteil des Kapitals, der aus Maschinerie etc. und Rohmaterial besteht, wird nur einfach im Produkt reproduziert, erscheint wieder, bleibt unverändert. Diesen Bestandteil des Kapitals muss der Kapitalist zu seinem Wert zahlen. (…) Nur die von ihm angewandte Arbeit geht ganz in den Wert des Produkts ein, wird ganz von ihm gekauft, obgleich sie nur zum Teil“ (mit dem Lohn) „von ihm bezahlt ist. Die obige Rate der Exploitation der Arbeit angenommen“ (Marx nimmt hier eine Rate von 50% an, d.h. der Arbeiter arbeitet 12 Stunden und 8 davon produziert er Wert für sich und weitere 4 für den Kapitalisten), „wird die Größe des Mehrwerts für Kapital von derselben Größe also abhängen“ (man beachte: bei gleicher Mehrwertrate) „von seiner organischen Komposition“ [MEW 26.2, S. 293].

Setzt sich das Kapital aus 80 konstantem und 20 variablem Kapital zusammen (höchstens: Für die Industrie seiner Zeit nimmt Marx eine Komposition von C80 V20 an, d.h. der Arbeiter wandelt im Durchschnitt Material um, welches das Vierfache des Lohnkapitals kostet), plus 10 Mehrwert (50% des Lohns von 20), wird der Wert des Produkts 80 + 20 + 10 = 110 sein; Profit 10, Profitrate 10%. Wenn wir aber C60 V40 hätten (Marx nimmt diese Durchschnittszusammensetzung für das Agrikulturkapital – vor 100 Jahren – an, viel weiter sind wir heute auch noch nicht), so die Mehrarbeit die Hälfte von 40, also 20, Wert des Produkts = 120, Profitrate nicht mehr 10, wie vorhin, sondern 20%.

„Wir nehmen an, dass die“ (Zusammensetzung) „des Agrikulturkapitals = C60 V40 ist, oder dass in seiner Zusammensetzung mehr in Arbeitslohn – immediate labour – ausgelegt wird als in der Gesamtsumme des in den übrigen Industriezweigen ausgelegten Kapitals. Es bezeichnet dies eine relativ niedrigre Entwicklung der Produktivität der Arbeit in dieser Branche“ [MEW 26.2, S. 294].

Korn und Kapitalismus

Die Marx’sche Fragestellung, um die im Vergleich zur Industrie langsame Produktivitätssteigerung in der Agrikultur zu erklären (bei gleich bleibender Produktenmenge und Konsumtion ist das eine Schranke für die Verringerung der Arbeitszeit und eine unüberwindliche Schranke für die Klassen, deren Konsumtion hauptsächlich in Nahrungsmitteln besteht), darf nicht mit einer Vorliebe des Kapitals für Industrieprodukte verwechselt werden; eine Verwechslung des „Theoretikers“ Stalin (siehe: Dialog mit Stalin). Das Kapital „weiß“, dass die Profitmasse immer höher wird, wenn es dem Gesetz des Falls der Durchschnittsprofitrate folgt, und zieht daher die Produktion bei hoher technischer Zusammensetzung vor (pro Arbeiter viele Tonnen Stahl im Jahr), eine Zusammensetzung, worin Material verarbeitet wird, dessen Kosten nicht das Vierfache, sondern vielleicht das Fünfzehn- oder Zwanzigfache des Lohnkapitals ausmachen. Es zieht vor, wie Dr. Costa, der Führer des italienischen Industrieverbandes sagt, viele Arbeiter zu hohen Löhnen zu beschäftigen, aber dafür auch eine sehr hohe Produktenmenge zu haben. Beim Stahl ist es einfach, „durch das Angebot die Nachfrage hochzutreiben“, indem Waffen und Kriege produziert werden, was auch die Zahl der hungrigen Mäuler verringert, die vergeblich „nach“ Korn „fragen“.

Während die Tonnen Getreide, die ein Landarbeiter im Verlauf eines Jahrhunderts jährlich produziert, um vielleicht 50% zugenommen haben, ist die Stahlproduktion (vom Puddelverfahren bis zur Herstellung von Siemens-Martin-Stahl)[1] mehr als verzehnfacht worden.

Marx fährt in der obigen Textstelle so fort:

„Allerdings [bei] einigen Arten der Agrikultur, z.B. der Viehzucht, mag die Komposition sein C90 V10, also das Verhältnis von V : C kleiner sein als im industriellen Gesamtkapital“ (eine Fußnote zu einem schon „eingehämmerten“ Punkt: Wenn wir von der Zusammensetzung des Agrikulturkapitals sprechen, geht der Wert oder Preis des Bodens, der nichts als die kapitalisierte Grundrente ist, natürlich nicht darin ein).

„Aber nicht diese Branche bestimmt die Rente, sondern die eigentliche Agrikultur und zwar der Teil in ihr, der das hauptsächliche Lebensmittel, wie Weizen etc., erzeugt. Die Rente in den andren Zweigen ist nicht durch die Komposition des in ihnen selbst angelegten Kapitals bestimmt, sondern durch die Komposition des Kapitals, das in der Produktion des hauptsächlichen Lebensmittels verwandt wird.“ Und jetzt eine entschiedene Aussage: „Das bloße Dasein der kapitalistischen Produktion setzt die Pflanzennahrung statt der Tiernahrung als das größte Element der Lebensmittel voraus“ [MEW 26.2, S. 294].

Da sich das Proletariat heute nicht mehr nur von Brot ernährt, dürften die Aktualisierer an dieser Stelle aufspringen und die Position als „überholt“ beanstanden.

Laut den heutigen Statistiken verfügt jeder Bewohner der Erde über 77 kg Brot im Jahr. Merkwürdigerweise über die gleiche Menge Stahl! Weiter über 568 kg Kohle, 215 l Öl und schon 75 m³ Gas. Außer Weizen gibt es natürlich noch andere Getreidesorten und Nahrungsmittel: 55 kg Reis (den Marx mehrmals erwähnt), 55 kg Mais, 93 kg Kartoffeln. Die übrigen Agrarerzeugnisse sind mengen-, wenn nicht wertmäßig unerheblich. Nicht unbedeutend allerdings sind die Mengen an Zucker, Fleisch, Milch und Fett in den entwickelten Ländern; in Asien sind sie lachhaft, beträchtlich in Mittel- und Westeuropa, hoch in Amerika; während in den USA und Kanada der Fleischkonsum ebenso hoch ist wie der des Getreides, übersteigt der Getreidekonsum ihn in Australien und Neuseeland. Sogar in England haben wir 103 kg Getreide gegen 51 kg Fleisch. In Italien 153 kg gegen 17 kg! Für Italien werden 2370 Kalorien pro Nase und Tag angegeben, für England und die USA über 3000. Das Minimum hat Indien mit 1620 Kalorien. Zweifelhafte Angaben für Russland und China.

Nach anderen Angaben würde die Erde 11/2 Milliarden Doppelzentner Weizen für 2,4 Milliarden Einwohner erzeugen: gut 60 kg pro Kopf. Wobei für Russland keinerlei Angaben vorliegen. Für Reis wird etwas mehr angegeben, für Mais etwas weniger, für Kartoffeln mehr als für Reis. Die Statistik für Zuchtvieh gibt für jeden etwa ein Drittel Rind, ein Drittel Schaf und ein Achtel Schwein an (für viele ist wohl doch ein ganzes Schwein nötig). Nicht ganz einfach, aus diesen Daten die jährliche Zunahme zu berechnen und daraus den Anteil des Fleischviehs abzuleiten. In den USA z.B., die 150 Millionen Einwohner haben, „produzieren“ 84 Mio. Rinder, 33 Mio. Schafe und 24 Mio. Schweine (he, McCarthy!) 10 Mio. Tonnen Fleisch. Das wären 66 kg pro Nase, was in etwa mit den Zahlen über den „Konsum“ der anderen Quellen übereinstimmt: 70 kg. Eine aus dem Stegreif erfolgende Auswertung dieser Daten würde ergeben, dass die Viehzucht in den USA etwa ein Zehntel des Weltbestandes ausmacht, der demnach bei 100 Millionen Tonnen Fleisch jährlich liegen würde. Woraus folgt, dass jeder Erdenbürger 270 kg Getreide und Kartoffeln im Jahr verzehrt, aber nur 4 oder 5 kg Fleisch (am wenigsten Japan und Indien mit 2 kg).

Wir sind also nicht vom Marx’schen Weg abgekommen. Und die am meisten entwickelten Länder? Man darf sich durch die Durchschnittszahlen nicht foppen lassen. In diesen Ländern variiert das Verhältnis Getreide/Fleisch zwischen den Regionen und Klassen sehr stark. Für Italien werden pro Seele durchschnittlich 14,2 kg Schlachtfleisch genannt (noch eine Quelle, die sich mit den obigen Daten deckt). Bloß reicht das von 5,3 kg in Sizilien bis 27 kg in der Emilia Romagna, wenngleich der Sizilianer nicht anders als der Durchschnittserdenbürger Fleischfresser ist. Und dabei haben wir noch nicht mal den Konsum vom Ministerpräsidenten Scelba mit dem des Laufburschen in den Schwefelgruben verglichen. Der Kapitalismus ist also die Epoche der Getreidenahrung, wie die „höhere Barbarei“ (zur Zeit des trojanischen Krieges) die der Tiernahrung war. Jedenfalls ist Marx wiederum im Recht, den für die Rente bestimmten Profitteil auf der Basis des Korns zu berechnen. In Amerika ist die Produktion des Schweins (honny soit…) industrialisiert: Ihr habt von den großen Chicagoer Fabriken gehört, wo das lebende Schwein in die Maschine gestopft wird und als Wurst hinten rauskommt, und ihr werdet auch von dem Tag gehört haben, an dem die Maschinen andersherum laufen: die Wurst vorne reinkommt und die lebenden Schweine hinten wieder rauskommen. Hier ist die technische Komposition nicht minder hoch als in anderen Industriezweigen: ein guter Arbeiter auf 10 Bourgeoisschweine.

Rubriken der Rente

Marx widmet der Grundrente wohl elf Kapitel des III. Bandes und bezieht sich auch in den darauf folgenden fünf Kapiteln (den letzten, die wir von ihm haben) direkt auf sie. Doch vielleicht ist die Ordnung des Manuskripts nicht die von ihm vorgesehene. An einem bestimmten Punkt scheint er innezuhalten und die Entwicklung der Lehre zu rekapitulieren.

„Die Rubriken, worunter die Rente zu behandeln, sind diese:

A. Differentialrente.

1. Begriff der Differentialrente. Illustration an Wasserkraft. Übergang zur eigentlichen Ackerbaurente.

2. Differentialrente I, entspringend aus verschiedner Fruchtbarkeit verschiedner Bodenstücke.

3. Differentialrente II, entspringend aus sukzessiver Kapitalanlage auf demselben Boden. Zu untersuchen ist Differentialrente II

a) bei stationärem,

b) bei fallendem,

c) bei steigendem Produktionspreis.“ (Zur Erinnerung: Produktionspreis gleich konstantes Kapital plus variables Kapital plus allgemeiner Durchschnittsprofitrate in der Industrie – Grundrente gegeben durch Überschuss des durchschnittlichen Marktpreises über den so festgelegten Produktionspreis)

„Und ferner

d) Verwandlung von Surplusprofit in Rente.

4. Einfluss dieser Rente auf die Profitrate.

B. Absolute Rente.

C. Der Bodenpreis.

D. Schlussbetrachtungen über die Grundrente“ [MEW 25, S. 736].

Nachdem wir mit verschiedenen Kommentaren und Ausführungen einen Teil des Stoffs vorweggenommen haben, geben wir diese klare Übersicht hier wieder. Aber es wird noch nötig sein, auf die quantitativen Ableitungen zurückzukommen, um die Folgerungen hervorzuheben.

Die allgemeine Folgerung über die Differenzialrente kommt zu folgender These:

„Vom Standpunkt der kapitalistischen Produktionsweise findet stets relative Verteuerung der Produkte statt, wenn, um dasselbe Produkt zu erhalten, eine Auslage gemacht (…) werden muss“ [MEW 25, S. 753].

Das heißt, wenn es keinen Boden mehr gibt, der in Bebauung genommen werden kann, aber zum Beispiel wegen höherer Bevölkerung größeres Produkt (mehr Korn) nötig ist, folglich für dasselbe Bodenstück größere Kapitalauslage nötig wird, um durch Düngung oder andere technische Maßnahmen den Boden zu verbessern, wird sich zwar ein größeres Produkt ergeben (es wird wohl stimmen, dass Italien nach 79 Mio. Doppelzentnern Getreide im Jahr 1952 in fünf Jahren 90 Mio. erreichen wird), aber unweigerlich auch der Preis in die Höhe gehen. Eine andere Seite der allgemeinen Tatsache, wonach die durch den Kapitalismus bedingte Steigerung der Arbeitsproduktivität die Manufakturprodukte verbilligt, ist, dass die Nahrungsmittel immer teurer werden. Dieser Gang der Dinge kann nur in die Revolution einmünden, die die kapitalistische Produktionsweise, oder was dasselbe, die Marktwirtschaft zerschlägt: Das ist alles, was wir wissen müssen, um die gesamte Marx’sche Folgerung zu rekonstruieren.

Antitrinitarische Revolution

Als Marx, am Schluss der Rententheorie, das Ganze in der Frage der drei Revenuequellen und der drei Klassen zusammenfasst (deren Ausführung er im unvollständigen Kapitel über „Die Klassen“ nicht mehr leisten konnte), scheint er die Armeen für die entscheidende Schlacht aufzustellen. Die Kritik der trinitarischen Formel: Kapital-Profit (oder wie er genauer sagt: Unternehmergewinn und Zins), Boden-Grundrente, Arbeit-Arbeitslohn, wird jedoch gründlich entwickelt. In der bürgerlich befangenen Vorstellung erscheinen Kapital, Boden, Arbeit als drei wirklich unabhängige Quellen, aus denen die drei Bestandteile stammen, in die sich der jährlich produzierte Reichtum, der in jedem Arbeitsfeld hinzugefügte Wert, aufteilt. Die revolutionäre Kritik macht hingegen den einzig wirklichen Faktor des Werts in der Arbeit aus: sie allein fügt Wert hinzu, zu dritt entziehen sie ihn.

„(…) in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich sozialen Bestimmtheit vollendet“ (der Text will uns sagen, dass es nicht Quellen des Werts sind, sondern Beziehungen zwischen Menschen: Eigentumsrecht an der Erde für den Grundeigentümer, Aneignung der Waren für das Kapital): „die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben“ [MEW 25, S. 838].

Die klassische Ökonomie löste diese Trugbilder auf und stellte klar, dass nur die Arbeit – ohne die höfliche Anrede „Madame“ – Wert erzeugt. Doch die moderne Ökonomie kehrt wieder zur albernen Personifikation zurück und macht, wie wir am Anfang sahen, selbst aus unserem Planeten ein beschränktes Kapital. Diese Formel der ökonomischen Trinität

„(...) entspricht zugleich dem Interesse der herrschenden Klassen, indem sie die Naturnotwendigkeit und ewige Berechtigung ihrer Einnahmequellen proklamiert und zu einem Dogma erhebt“ [MEW 25, S. 839].

Für jene, die den modernen ökonomischen Schriften mit Neugier begegnen sowie all diejenigen (auch den Großen unter ihnen), die das Verhältnis zwischen dem von Marx „beschriebenen“ Kapitalismus und den tausend Zufälligkeiten des historischen Verlaufs nicht haben verstehen wollen, noch einmal eine schlagende Textstelle:

In dieser ganzen Diskussion „gehn wir nicht ein auf die Art und Weise, wie die Zusammenhänge durch den Weltmarkt, seine Konjunkturen, die Bewegung der Marktpreise, die Perioden des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels, die Abwechslung der Prosperität und Krise, ihnen als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze erscheinen und sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit geltend machen. Deswegen nicht, weil die wirkliche Bewegung der Konkurrenz außerhalb unsers Plans liegt und wir nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt, darzustellen haben“ [MEW 25, S. 839].

Der folgende kurze historische Abriss zeigt, dass diese Verhältnisse: Boden/Rente und vor allem Geld/Zins (Kapital/Profit) alles andere als naturwüchsig und ewig sind, sondern den früheren Produktionsweisen: Produktion für den direkten Gebrauch, Sklaverei und Leibeigenschaft, mittelalterliches Zunftwesen, fremd waren:

„In den ursprünglichen Gemeinwesen, wo naturwüchsiger Kommunismus herrscht, und selbst in den antiken städtischen Gemeinwesen ist es dies Gemeinwesen selbst mit seinen Bedingungen, das als Basis der Produktion sich darstellt, wie seine Reproduktion als ihr letzter Zweck“ [MEW 25, S. 839].

Stets dasselbe folgerichtige Vorgehen: Der Vergleich mit der Vergangenheit, um die ökonomischen Gesetze, vor allem das Wertgesetz, als historische, vergängliche und nicht immanente zu zeigen (Stalin und die lächerlichen Aktualisierer wollten das Wertgesetz für den Kapitalismus und Kommunismus unter einen Hut bringen und Marx belehren, dass sein Plan geändert werden müsse, weil sich die Bewegung der Konkurrenz ändere – wo sie doch „außerhalb unsers Plans liegt“ –; sie sind wie die lächerlichen Mäuse, die sich ernsthaft daran machen, „nach der Katze zu klingeln“). Und nach dem Blick in die Vergangenheit ein Sprung in die Zukunft und ein Abriss des großen Gemeinwesens, das sich, alle Erdenbewohner vereinigend, „seine Reproduktion“ als „letzten Zweck“ setzt; keine Spur von Rente, keine von Zins und, in primis und ante omnia[2], keine Spur von Lohn – und sei es auch der des Präsidenten Ike, dem Weltrekordhalter der befristet Eingestellten.

Irgendwelche dummen Zwischenfälle haben auch am Ende dieses Kapitels dem Riesen die Feder aus der Hand genommen: „Erst in der kapitalistischen Produktionsweise…“ und ohne zu zögern lesen wir weiter: Erst in ihr, nicht davor und nicht danach (wenn sie umgewälzt worden ist), sind euer schmutziges, stinkendes Geld, die persönliche und betriebliche Gewinn- und Verlustrechnung, die Versklavung der menschlichen Natur an die Stechuhr und Bürozeiten, das Maß aller Dinge.

Ausklammerung der unreinen Formen

Auf den Buchstaben A in den Rubriken der Differenzialrente zurückkommend, sollten wir noch mal betonen, dass die ganze Untersuchung auf einem idealen Durchschnitt fußt, den es nicht nur, wie Marx immer wieder sagt, nirgendwo gibt, nicht zu seiner Zeit und auch heute nicht, sondern der von den Verhältnissen selbst in England abweicht. Die idealen Bedingungen (nachdem wir so viel darüber gesprochen haben, werdet ihr den Begriff „cum grano salis“[3] nehmen und ihn nicht mit vorgestellten oder eingebildeten Bedingungen durcheinander bringen; es geht um Grenzbedingungen, die jede Wissenschaft als reale Voraussetzungen unterstellt: so das konstante und leere Gravitationsfeld, das in Wirklichkeit immer Veränderungen unterworfen ist und immer von irgend etwas, wenn auch Winzigem und Schwachem durchdrungen wird, etc.), die idealen Bedingungen also unterstellen, dass der Landarbeiter Lohnarbeiter ist, sein Lohn dem Lohnniveau aller Industriearbeiter entspricht, dass, wo auch immer, zwischen ihm und dem rechtlichen Eigentümer (der, laut öffentlicher Ordnung, den „Schlüssel“ zum Land besitzt) ein Unternehmerpächter tritt und dass dessen Durchschnittsprofit der aller industriellen Unternehmer ist.

Doch sobald wir auf selbstwirtschaftende bäuerliche Grundeigentümer oder auch selbstwirtschaftende Pächter stoßen, bewegen wir uns nicht mehr innerhalb unserer Hypothese.

„Wir sprechen hier nicht von Verhältnissen, worin die Grundrente, die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechende Weise des Grundeigentums, formell existiert, ohne dass die kapitalistische Produktionsweise selbst existierte, ohne dass der Pächter selbst ein industrieller Kapitalist oder die Art seiner Bewirtschaftung eine kapitalistische wäre. Dies ist z.B. der Fall in Irland. Der Pächter ist hier im Durchschnitt ein kleiner Bauer. Was er dem Grundeigentümer als Pacht zahlt, absorbiert oft nicht nur einen Teil seines Profits, d.h. seiner eignen Mehrarbeit, auf die er als Inhaber seiner eignen Arbeitsinstrumente ein“ (bürgerliches) „Recht hat, sondern auch einen Teil des normalen Arbeitslohns, den er unter andren Verhältnissen“ (Tagelöhnertum) „für dieselbe Arbeitsmenge“ (-zeit) „erhalten würde. Außerdem expropriiert ihn der Grundeigentümer, der hier durchaus nichts tut für die Verbesserung des Bodens, von seinem kleinen Kapital, das er größtenteils durch eigne Arbeit“ (Urbarmachung, Einebnung, Pflanzung etc.) „dem Boden einverleibt, (…). Es bildet diese fortwährende Beraubung den Gegenstand des Zwists über die irische Landgesetzgebung, die wesentlich darauf hinauskommt, dass der Grundeigentümer, der dem Pächter aufkündigt, gezwungen werden soll, diesen zu entschädigen für die von ihm angebrachten Bodenverbesserungen oder das dem Boden einverleibte Kapital. Palmerston pflegte hierauf zynisch zu antworten: ‚Das Haus der Gemeinen ist ein Haus von Grundeigentümern’“ [MEW 25, S. 638/39].

Als Marx in den Jahren 1860-70, diesmal nicht nur als Publizist, sondern auch als politischer Führer der I. Internationale, für die politische Unabhängigkeit Irlands eintrat, proklamierte er die Notwendigkeit einer Agrarrevolution in diesem Land. Nicht minder als die nationale Form handelt es sich hierbei um eine bürgerliche, eine kapitalistische Revolution. Aber doch eine, wie Lenin sie in den russischen Steppen leitete und an deren Spitze er das Industrie- und Landproletariat der Welt stellte.

Wie erbärmlich hingegen ist die verzweifelte Verteidigung des Klein- und Halbpächters seitens der italienischen „Kommunisten“ (diese Pächter sind unter allen Wählern die einfältigsten: Wir haben hier denselben Zynismus wie bei Palmerston vor uns, denn der Wahlkörper setzt sich aus Millionen von Bauern und Kleinpächtern zusammen), eine Verteidigung, die diese Kommunisten ganz schamlos auch auf die kapitalistischen Großpächter gegen die Grundeigentümer ausdehnen – und das, obwohl die Preis- und Pachtregelungen die grundherrliche Rente im Vergleich zu den unglaublichen Überprofiten der Agrarunternehmen bescheiden aussehen lassen. Wir haben es hier mit einer ausgesprochen bürgerlichen Parteiposition zu tun, und das in einem Land, in dem es ein großes Tagelöhnertum gibt, ein Landproletariat – nicht so verseucht wie das städtische Industrieproletariat – mit unverwechselbaren Merkmalen, das, wenn wir die numerische Stärke in Rechnung stellen, eine ruhmreiche Vergangenheit von Klassenkriegen gegen die Grundeigentümer und Agrarunternehmer, gegen die „Gelben“[4] der dubiosen Pächter- und Halbpächterbourgeoisie und nicht zuletzt gegen die Büttel des kapitalistischen Staates vorweisen kann. Lenin hätte dieser Masse die Republik anvertraut, indem im Sowjet ein Delegierter auf 100 Tagelöhner, aber nur einer auf 10.000 Kleinpächter gekommen wäre.

Genauso wenig wie die Kolonen und Halbpächter berücksichtigt Marx bei der weiter unten folgende Berechnung die hybriden Formen des historischen Kampfes in England zwischen den drei Kräften: den bürgerlichen Grundeigentümern (landlords), den Agrarunternehmern (farmers) und den Landarbeitern. Als in diesem Kampf, der in den Korngesetzen kulminierte, zur Erleichterung des ganzen Proletariats die Kornpreise fielen, versuchten die Grundeigentümer ihre Rente dadurch hochzuhalten, dass sie Pachtkontrakte nur dann schlossen, wenn sich die Pächter mit weniger als dem Durchschnittsprofit zufrieden gaben. Diese wiederum reagierten darauf, indem sie die Löhne der Landarbeiter herabdrückten. Die von Marx genau untersuchte historische und ökonomische Phase wird so streng wie klar interpretiert: Infolge der machtpolitischen Verhältnisse findet ein Abzug sowohl vom Profit als auch von den Löhnen statt, der die eigentliche, die ideale Durchschnittsrente künstlich anschwellen lässt.

Der entscheidende Punkt führt indes von der reinen Wissenschaft auf das Terrain des politischen und sozialen Kampfes. Es gilt die Ricardianer sowie Vulgärökonomen durch die Beweisführung zu widerlegen, dass auch dann, wenn die Rente innerhalb ihres theoretisch gesteckten Rahmens verbleibt oder auch dem Staat zur Deckung der Ausgaben zufällt, was bedeutet die Industrie- und Agrarunternehmen von Steuern zu befreien, dass auch dann nicht die illusorische Harmonie vom „Reichtum der Nation“ und vom „trinitarischen“ Wohlstand aller Klassen erreicht wird. Bekräftigt wird vielmehr die Perspektive der revolutionären Antagonismen. Im Übrigen hat die Umwandlung der Rente des schlechtesten Bodens in staatliche Zinstitel rein gar nichts mit einer Revolution, auch keiner bürgerlichen, zu schaffen: Bloß eine Sache, die das grundherrliche Privileg davonkommen lässt und, durch scheinbare Verbesserungen des Bodens, den Staatshaushalt belastet; die Agrartechnik wird dadurch zu einer Eselei und die Staatsverwaltung zur Beute einer blühenden Unternehmerspekulation.

Der Wasserfall

Blättern wir unsere Rubriken (heute würde man „Agenda“ sagen) über die Rente in aller Ruhe durch und kommen wir zum „Symbol“ des Wasserfalls, den wir dem in den „Theorien über den Mehrwert“ behandelten Bergwerk vorziehen (ihr würdet euch bestimmt über uns lustig machen, wenn wir statt Symbol von einem „Gleichnis“ sprechen würden, wie es in den Heiligen Schriften der Fall ist – wenn ihr diese aktualisieren wollt, ihr Erneuerungssüchtigen, bringt ihr diesen großartigen geschichtlichen Text auf das Niveau einer eurer typographischen Diarrhöen herunter. Euer Platz ist in den Revolvervierteln, also auf den Märkten in den Randbezirken unserer geplünderten Städte, wo den italienischen Käufern die aufgemotzten Reste amerikanischer Klamotten angedreht werden).

Wir nehmen an, die meisten Fabriken eines Landes werden durch Dampfmaschinen angetrieben (oder elektrisch? Mag schon sein; oder durch Kernkraft? Volltreffer!), während einige wenige über einen Wasserfall verfügen, der ihnen die nötige Triebkraft liefert. Im Moment ist die Wasserkraft noch umsonst zu haben, so als gäbe es noch irgendwo Land mit „herrenlosem Wasser“, das nicht von Privatleuten oder dem Staat aufgekauft worden wäre. Der Klarheit halber nehmen wir weiter an, dass nur die jährlich verbrauchte Kohle eingespart wird, während die Personalkosten sowie die Ausgaben für Instandhaltung und Verschleiß gleich sind.

Es zeigt sich, dass für die wenigen besser gestellten Fabriken der Kostpreis und der Produktionspreis um eben so viel sinken, wie an Kosten für die Kohle eingespart wird, d.h. es verringert sich ein Teil dessen, was wir Marxisten konstantes Kapital nennen.

Kommen wir jetzt zu den Zahlen, die wir von Marx übernehmen: In den durch Dampfkraft angetriebenen Fabriken wird ein Kapital von 100 verzehrt, es mag aus 80 Rohstoffen und 20 Löhnen bestehen, was hier aber keine Rolle spielt. Wenn wir wie gewohnt die zufälligen räumlichen und zeitlichen Schwankungen außer Acht lassen, beläuft sich der Profit auf 15. Der Kostpreis für die erzeugte Ware ist also 100, der Produktionspreis 115. Unter Produktionspreis versteht Marx das vorgeschossene Gesamtkapital plus durchschnittlicher Profitrate. Dieser Preis bestimmt den Verkaufspreis, oder Marktpreis, ohne die üblichen Schwankungen. Das Erzeugnis der Fabriken, sagen wir Papier, wird demnach zu 115 verkauft.

Der Käufer hat keinen Grund nachzufragen, ob Dampf- oder Wasserkraft angewendet wurde: also wird auch die mit Wasserkraft arbeitende Fabrik zu 115 verkaufen, völlig klar.

Worin wird sich nun die Buchführung der wenigen mit Wasserkraft betriebenen Fabriken von den anderen unterscheiden? Bei der Dampfkraft stellt sich die Rechnung wie folgt dar: konstantes Kapital 80, variables 20, Kostpreis 100, Profit 15, Produktionspreis 115, Marktpreis 115, Profitrate 15%, Mehrwertrate: 15 zu 20 oder 75%.

Das letztgenannte Verhältnis gibt Marx nicht an, aber ihr habt gemerkt: Unterstellt ist hier immer, dass die gesellschaftliche Durchschnittsrate des industriellen Mehrwerts einheitlich ist, zumindest für einen Industriezweig mit derselben organischen Zusammensetzung, derselben Arbeitsproduktivität. Nun zur Papierfabrik, die den Wasserfall hat. An Ausgaben werden für die Kohle 10 gespart. Das konstante Kapital also statt 80 nur 70, Lohnkapital wie oben 20, der Kostpreis verringert sich also auf 90. Aber wir haben schon gesehen, dass der Verkaufspreis 115 ist. Es bleibt demnach ein Gewinn nicht von 15, sondern 25. Wie berechnen wir nun diesen „Surplusprofit“ von 10, wie definieren wir ihn?

So wie der Käufer keinen Grund hatte zu fragen, ob das Papier aus der einen oder anderen Fabrik stammt, hat das anzulegende Kapital keinen Grund, nach etwas anderem als der Rendite zu fragen; es wird sich daher jemand finden, der gewillt ist, 90 für eine Profitrate von 15% vorzuschießen, die auch die anderen herausschlagen (15% als Ergebnis nach all den Schwankungen der konkurrenzbedingten Ausgleichungen, die „außerhalb unsers Plans“ liegen). Der Produktionspreis wird dann 90 plus 15% Profit sein, d.h. 90 + 131/2, also 1031/2 [vergleiche MEW 25, S. 655].

Es bleibt so ein Extragewinn von 111/2, denn das Produkt wird ja zum Marktpreis von 115 verkauft. Dieser „Surplusprofit“ heißt nun Differenzialrente: Sie entspringt ja aus unterschiedlichen Situationen im Produktionsprozess dank des natürlichen Wasserfalls – wobei der Käufer bezüglich des Gebrauchswertes und so Tauschwertes ebenso zufrieden gestellt ist wie bei dem mit Dampfkraft hergestellten Papier. Doch den Gewinn von 111/2 hat nicht der Wasserfall erzeugt – dem lässt sich wohl ein Glas Wasser entnehmen, aber kein einziges Blatt Papier: den Gewinn haben immer die Arbeiter der Fabrik produziert.

Da der Lohn so oder so bei 20 bleibt, hat die Mehrarbeit von 15 auf 25 zugenommen, und sie teilt sich in 131/2 Profit und 111/2 Differenzialrente, die Grundrente ist.

Wir haben die ganze Zeit eine konstante Mehrwertrate angenommen. Wir sagen daher nicht, die Rate sei von 75% im ersten Fall auf knapp 125% im zweiten Fall (25 Profit geteilt durch 20 Lohn) gestiegen, sondern wir müssen genauer sagen, die 15 bzw. 75% sind der normale Mehrwert, und die 10 bzw. 50% Extra-Mehrwert, der sich in Surplusprofit und Rente verwandelt.

Die allem Anschein nach auftretende Differenz zwischen 10 und 111/2 lässt Marx unberücksichtigt, denn er unterstellt in beiden Fällen dieselbe Arbeitsproduktivität und organische Zusammensetzung. Z.B. geht die Kostenersparnis für Kohle damit einher, dass auch weniger Arbeitslohn (für den Heizer am Kessel) gezahlt wird. Der Vorschuss von 90 teilt sich in 72 für konstantes und 18 (1/4 von 72) für variables Kapital auf. Zum normalen Profit von 15% kommen noch die 131/2, und der sich in Rente verwandelnde Surplusprofit wird, wie gesagt, 111/2 betragen.

Bei dieser Annahme über die Zusammensetzung des Kapitals wird der gesamte Mehrwert höher sein: 25 zu 18, also 139%, wovon, wenn der normale Mehrwert 75% war, jetzt 64 statt 50% Extra-Mehrwert sind.

Die auf den Plan tretenden Personen

Dies festgestellt,

„denken wir uns nun die Wasserfälle, mit dem Boden, zu dem sie gehören, in der Hand von Subjekten, die als Inhaber dieser Teile des Erdballs gelten, als Grundeigentümer, so schließen sie die Anlage des Kapitals am Wasserfall und seine Benutzung durch das Kapital aus. Sie können die Benutzung erlauben oder versagen. Aber das Kapital aus sich kann den Wasserfall nicht schaffen. Der Surplusprofit, der aus dieser Benutzung des Wasserfalls entspringt, entspringt daher nicht aus dem Kapital“ (nicht aus der vergangenen Arbeit), „sondern aus der Anwendung einer monopolisierbaren und monopolisierten Naturkraft durch das Kapital. (…) Zahlt der Fabrikant diesem 10 Pfd. St. jährlich für seinen Wasserfall, so beträgt sein Profit 15 Pfd. St.; 15% auf die 100 Pfd. St., worauf dann seine Produktionskosten sich belaufen“ [MEW 25, S. 658/59].

„Das Grundeigentum am Wasserfall hat mit der Schöpfung des Teils des Mehrwerts (Profits) und daher des Preises der Ware überhaupt, die mit Hilfe des Wasserfalls produziert wird, an und für sich nichts zu schaffen. Dieser Surplusprofit existierte auch, wenn kein Grundeigentum existierte, wenn z.B. das Land, wozu der Wasserfall gehörte, vom Fabrikanten als herrenloses Land benutzt würde. Das Grundeigentum schafft also nicht den Wertteil, der sich in Surplusprofit verwandelt, sondern es befähigt nur den Grundeigentümer, den Eigentümer des Wasserfalls, diesen Surplusprofit“ (mit legalen Mitteln) „aus der Tasche des Fabrikanten in seine eigne zu locken. Es“ (das Grundeigentum, ein rechtlicher Machtfaktor) „ist die Ursache, nicht der Schöpfung dieses Surplusprofits, sondern seiner Verwandlung in die Form der Grundrente, daher der Aneignung dieses Teils des Profits, resp. des Warenpreises, durch den Grund- oder Wasserfallseigentümer“ [MEW 25, S. 660].

Der Fabrikant mag den Wasserfall vom Eigentümer erworben haben, der dann soviel Geld dafür verlangt, wie ihm die auf Zinsen gelegte Rente einbringen würde. Für Marx aber ist der Preis oder Wert des Wasserfalls oder der Erde überhaupt ein „irrationeller“ Ausdruck. Wert oder Preis haben nur Waren: sich in Kapital verwandelnde Produkte menschlicher Arbeit. Die für den Wasserfall bezahlte Summe ist bloß die kapitalisierte Rente. Wenn nicht die Profitrate im marxistischen Sinn, sondern der Zinsfuß im vulgären Sinn 5% ist, wird der Eigentümer für eine Rente von 10.000 eben 200.000 verlangen, für eine Rente von 11.500 sind es dann 215.000.

Wie soll man die Verwechselung zwischen „Vermögenskapital“ und „ausgelegtem“ Kapital den Holzköpfen der Schreiberlinge begreiflich machen, die nur bei ihnen, niemals bei Marx auftauchende Formulierungen benutzen (wie zum Beispiel „Sozialismus oder Barbarei“, ein schon an und für sich rhetorischer, nicht marxistischer Name)? Wenn die Mehrwert- und Profitrate oder die technologische Zusammensetzung gefunden werden soll, werdet ihr nirgendwo im Marx’schen Werk sehen, dass er bei der Berechnung des Gesamtkapitals, seines konstanten und variablen Bestandteils, dem Vermögenswert, ob des Wasserfalls oder des Ackerbodens, ob der Fabrik oder des Büros, irgendwelche Bedeutung beimisst. Nicht einmal der Antriebskraft, gleich ob Dampf-, Wasser- oder sonst einer Kraft, wovon nie etwas anderes als der Verschleiß in die Rechnung eingeht, der in der Produktion eines bestimmten Warenbestandes entsteht.

In der Produktion angelegtes, vorgeschossenes oder angewandtes Kapital ist bei Marx immer dieselbe Sache: Stets handelt es sich um einen Bestandteil des Produkts, der fabrizierten und verkauften Ware und des von Buchhaltern und Universitätsprofessoren so heiß geliebten Umsatzes.

Für heute können wir die Rubrik schließen:

„Nachdem wir so den allgemeinen Begriff der Differentialrente festgesetzt, gehn wir nun zur Betrachtung derselben in der eigentlichen Agrikultur über. Was von ihr gesagt wird, gilt im Ganzen auch für Bergwerke“ [MEW 25, S. 661].

SOS. Es werden noch mehr Zahlen kommen. Die heilige Dreieinigkeit bewahre uns wenigstens vor Druckfehlern, wenn schon nicht vor dem Gähnen der… Berufsintellektuellen.

Quellen:

„Grandiosa, non commestibile civilità“: Il programma comunista, Nr. 5, März 1954.

* * *

MEW 25: Marx – Das Kapital III, 1894.

                     37. Kapitel: Einleitendes.

                     38. Kapitel: Die Differentialrente: Allgemeines.

43. Kapitel: Die Differentialrente II – 3. Fall: Steigender Produktionspreis. Resultate.

                     44. Kapitel: Differentialrente auch auf dem schlechtesten bebauten Boden.

                     48. Kapitel: Die trinitarische Formel.

MEW 26.2: Marx – Theorien über den Mehrwert II, 1862/63; 12. Kapitel: Tabellen nebst Beleuchtung

                                                                                                                   über die Differentialrente.

 


[1] Das Puddelverfahren ist ein altes Verfahren zur Stahlerzeugung, wozu der Kohlenstoffgehalt des Roheisens herabgesetzt werden muss. Dies wird durch Umrühren des Bades (Puddeln) gefördert. Beim Siemens-Martin-Stahl werden der Kohlenstoff sowie andere Beimengungen in einem Stahlofen verbrannt, und laufen als flüssige Schlacke ab, bevor der Stahl abgestochen werden kann.

[2] in primis (lat.), ante omnia (lat.): zuerst und vor allem.

[3] Cum grano salis (lat.): „mit einem Körnchen Salz“, mit entsprechender Einschränkung, nicht ganz wörtlich zu nehmen.

[4] „Gelben“: Schlägertrupps, Streikbrecher.