Im Faden der Zeit [129]

X. Jungfräulicher Boden – satyrisches Kapital[1]

Die erste Form

Wir haben zuvor die erste Form der Differenzialrente auf Ackerböden erörtert. Darin wird die Ausdehnung der Kultur auf größeren Bodenflächen (weil eine größere Bevölkerung ernährt werden muss) von zwangsläufig verschiedener Fruchtbarkeit verglichen, was heißt, bei Anwendung gleicher Arbeitsmenge werden ungleiche Ergebnisse erzielt. Gäbe es nicht nur unbeschränkt Boden, sondern unbeschränkt Boden von verschiedener „Bonität“, würde jede Gesellschaft, das liegt auf der Hand, nur den fruchtbarsten Boden bebauen und sich mit dem Minimum an Arbeit ernähren können.

„Im extremsten Fall“, d.h. wenn es Boden gäbe, der so fruchtbar wäre, dass er Erträge ohne Arbeit lieferte, so dass beliebig viele Menschen ernährt würden, könnten diese mit offenem Mund unter quasi wundertätigen Bäumen sitzen: Die Arbeit würde sich dann auf die Betätigung jener Muskeln reduzieren, die die Kiefer in Bewegung setzen. Niemandem würde es einfallen, den Boden zu monopolisieren, und niemand würde sich die Mühe machen, den Baum, von dem man isst, einzuzäunen.

Weniger unwahrscheinlich ist da schon, dass, wenn die bei gleicher Arbeitsmenge sukzessiv produktiveren Böden A, B, C und D in unbeschränkter Ausdehnung vorhanden wären, die Gesellschaft nur die Böden D bearbeiten würde, welche ja bei gleicher Arbeitsmühe den vierfachen Ertrag geben. Wenn die Ernte daher der Zahl der Gesellschaftsmitglieder entsprechen würde und der Boden D in beliebiger Quantität zu finden wäre, müsste, das ist klar, nur ein Viertel der Zeit gearbeitet werden, als wenn Boden A, der das geringste Produkt liefert, aufgebrochen würde.

Jedenfalls wird zunächst, also solange der Boden noch nicht beschränkt, d.h. monopolisiert ist, die Lösung einer wachsenden Bevölkerung und ihres meinetwegen auch wachsenden Appetits nicht in größerer Ausbeute auf der gleichen Bodenstrecke gesucht, sondern es wird zu neuen Böden fortgegangen.

Marx kommt es darauf an, dieses Phänomen in der kapitalistischen Epoche und im modernen kapitalistischen Milieu zu untersuchen, was eben bedeutet, dass der Arbeitende nicht über das Produkt verfügt, weder als Einzelner noch als Glied einer Gemeinschaft; für ein bestimmtes Quantum Arbeitszeit erhält er vom „Agrarbetrieb“ ein bestimmtes Produktquantum.

Eine solche Ökonomie betreibt, in der ersten Form der Differenzialrente, die Ausbreitung der Kultur durch Bebauung neuer Ländereien. Historisch gesehen wird sehr bald der ganze verfügbare Boden angeeignet worden sein, und wenn weiterhin mehr Korn gebraucht wird, um mehr Bäuche zu füllen, muss auf dem bereits in Kultur genommenen Boden mehr produziert werden: dies wird in der Form II untersucht.

Form I zeigte Folgendes: Da der Warenaustausch nach dem Wertgesetz vor sich geht, da die landwirtschaftliche Produktion kapitalistisch, mit Agrarunternehmern bzw. Pächtern und lohnempfangenden Landarbeitern, organisiert ist, und weiter unterstellt ist, dass der ganze Boden, ob bebaut oder nicht, sich nunmehr in Privateigentum befindet, wird infolge der Tatsache, dass Bodenarten von verschiedener Fruchtbarkeit existieren und in dem Maß, wie vom weniger fruchtbaren Boden A zu den stufenweise besseren Böden B, C und D fortgegangen wird, eine Differenzialrente erzeugt.

Das Differenzialgesetz

Die gefundenen Gesetze besagen, dass der für den geringsten Boden A berechnete Produktionspreis der regulierende Marktpreis ist, dieser also den Verkaufspreis allen Korns bestimmt. A ist rentelos, und die anderen Böden werfen stufenweise höhere Renten ab.

Die genauen Analysen der verschiedenen Fälle, d.h. wenn sukzessive oder in wechselnder Reihenfolge bessere bzw. schlechtere Böden der Kultur unterworfen werden, beweisen, dass die Ursache „differente Fruchtbarkeit“ zur Folge hat: „differente Renten“.

Welche Beziehung besteht zwischen Ursache und Folge? Die einfachste wäre das proportionale Verhältnis: verdoppelte Fruchtbarkeit = verdoppelte Rente. Doch die Marx’sche Tabelle I, die Grundtabelle, auf der das ganze Bauwerk ruht, zeigt gerade, dass die Form dieses Gesetzes ganz anders aussieht. Die vier Böden produzieren 1, 2, 3, 4 Einheiten Korn. Die Renten haben jedoch nicht proportionale Werte von eins, zwei, drei, vier, sondern von 0, 60, 120 und 180 Shillingen, sie lassen sich also mit den Ziffern null, eins, zwei, drei symbolisieren. Die kleine Regel weist also kein proportionales, sondern ein differenziales Verhältnis auf. Was soll das heißen? Nehmen wir an, ich kenne die Rente des zweiten Bodens, B, nämlich 60 sh., und frage mich nach der des dritten Bodens, C. Wenn ich überlege, sie müsse, ausgehend von den 60 sh., entsprechend dem Produkt wachsen, das 3 statt 2 qrs. beträgt, werde ich die Rente von C natürlich auf 90 sh. veranschlagen. Womit ich dummes Zeug geredet hätte – was nichts Neues ist und keinen überrascht. Doch sozial gesehen hätte ich damit eine Aussage zum Vorteil des bürgerlichen Grundeigentümers gemacht, politisch gesehen hätte ich meine revolutionäre Partei verschaukelt: das ist das Schlimme.

Ich muss also anders überlegen und sagen: Die höhere Rente von C gegenüber B ist durch die höhere Fruchtbarkeit von C im Verhältnis zu B bedingt, wie zuvor die Höhe der Rente von B im Verhältnis zum Boden A bedingt war. B zieht gegenüber A eine Produkteinheit mehr aus dem Boden, genauso wie C gegenüber B. Wenn daher B gegenüber A eine Rente von 60 sh. herausholt, muss C gegenüber B dasselbe tun. Und 60 plus 60 macht 120, nicht etwa 90. Dummkopf, der ich war! Und der Rentier der Schlaumeier!

In Worten: Es stimmt nicht, dass die Rente mit der Fruchtbarkeit zunimmt; sondern es ist so, dass die Differenz zwischen zwei Renten im Verhältnis zur Differenz zwischen zwei Fruchtbarkeiten steht.

Das Prinzip der Differenzialrente ist dasselbe wie das, welches Galileo mit der Relativität der gleichförmigen Bewegung aufstellte: Die Entfernungen eines bewegten Körpers waren nicht mehr proportional der Laufzeit des von einem festen Punkt aus zurückgelegten Weges, sondern die Entfernungen zwischen zwei sukzessiven Positionen waren proportional den Differenzen der zwischen den beiden Positionen gemessenen Zeit. Das ist nicht dasselbe.

Der Algebraiker drückt das erstgenannte Gesetz so aus: s (Weg) gleich v (gleichförmige Geschwindigkeit) multipliziert mit t (Zeit).Wer das nützliche Werkzeug der Infinitesimalrechnung benutzt (die sich zur Algebra wie der elektrische Rasierapparat zum scharf geschliffenen Stein verhält; um letzteren zu handhaben, braucht es einen Figaro-Meister, mit ersterem kann jeder Trottel umgehen, auch wir), formuliert es, seit den Zeiten von Newton-Leibniz, folgendermaßen: Delta s (Differenzial des Weges) gleich v (gleichförmige Geschwindigkeit) multipliziert mit Delta t (Differenzial der Zeit).

Marx’ Gesetz: Differenzial der Rente gleich einer Konstanten multipliziert mit dem Differenzial der Fruchtbarkeit.

Ein kleiner Schritt nach vorne?! Es war weniger anstrengend, die absolute Rente zu verstehen als ihr Differenzial?! Es war leichter? Herrgott nochmal, wir sind hier nicht in der Schule, sondern im historischen Kampf. Jener Schritt Galileos begründete die Lehre aller Bewegungen, nicht nur jener mit gleichförmiger Geschwindigkeit, und damit auch die moderne Physik, diese Wissenschaft der Ära der Antriebsmaschinen. Marx war es auf dieser Grundlage möglich, zur zweiten Form überzugehen, was heißt, die in Form I gleich bleibende Kapitalanlage ist in Form II verschieden, wie seinerseits der in Form I konstante regulierende Produktionspreis variiert – wir werden das bald sehen. Er legte so die Gesetze für die Untersuchung der kapitalistischen Form der Agrarökonomie fest und nicht (würde er heute sagen) die der noch zu seiner Zeit vorherrschenden oder zukünftigen Form. Er legte die Theorie des Tyrannen-Monopols gründlich dar und entlarvte die Konkurrenz als seine Kammerzofe. Von der Entstehung des Kapitalismus an bis zum Anbruch des integralen Kommunismus entzieht er damit jedem dusseligen Kritiker das Wort und macht ihn beschäftigungslos.

Wir werden diese Parenthese zur Philosophie der Differenzialrente nicht schließen, ohne zuvor das oben genannte Marx’sche Gesetz auf unser mit den konkreten Angaben von heute aktualisiertes Beispiel angewandt zu haben. In der von uns im vorherigen Kapitel wiedergegebenen Übersicht produzierte der Boden C 7 dz und D 7,75 dz. Ich weiß, dass die Rente für C 16.000 Lire pro Hektar ist und frage mich nach der Rente für D. Würde ich unbesonnenerweise die Verhältnisgleichung anwenden, fände ich für D eine Rente von 17.700 Lire, denn tatsächlich ergibt der Dreisatz: 16.000 mal 7,75 geteilt durch 7 gleich 17.700, oder genau 17.714.

Ich muss hingegen zuerst die Fruchtbarkeit von Boden A kennen, der 5 dz trägt und rentelos ist. Dann werde ich sagen, die Differenz der Fruchtbarkeit zum Boden C ist 7 minus 5, also 2, während sie für Boden D 7,75 minus 5, also 2,75 ist. Der Differenz der Rente zwischen A und C, die 16.000 (minus Null) beträgt, entspricht eine Differenz der Rente zwischen A und D, offensichtlich in Höhe von 8.000 Lire für jeden Doppelzentner mehr. Doch anstelle von 2 dz gibt uns diese Differenz 2,75 an. 0,75 dz mehr entsprechen 6.000 Lire: das ist der Zuwachs der Rente, wenn von C zu D übergegangen wird. Boden D wirft somit 22.000 ab, wie auch in der Tabelle angegeben, und nicht die rund 17.700. Der Grundherr hat sich, pro Hektar und Jahr, 4.300 Lire unter den Nagel gerissen. Etwas für die Landwirtschaftsabteilung der PCI.

Ich hätte auch von den Angaben für B ausgehen können, der 6,5 dz und 12.000 Lire Rente trägt. Gegenüber B erreicht C einen halben Doppelzentner, 4.000 Lire, mehr (bei 8.000 Lire pro dz). Da D weitere 0,75 dz mehr produziert, steigt die Rente, wie gesagt, um 6.000, also von 16.000 auf 22.000.

Die absoluten Zahlen führen die nach der Wahrheit Suchenden in die hohen Regionen des Geistes und des Bewusstseins, dem einzigen und unvergänglichen Ort der absoluten Werte. Wir glauben indes nur an die Differenziale, und nur damit betreiben wir Wissenschaft. Und die differenzialen Zahlen führen uns zur Feststellung, dass uns die Realität verarscht.

Wo bleibt die Politik, die „Laune“ macht?

Viele Leser folgen geduldig diesen Entwicklungen und Deduktionen und geben sich alle Mühe, um sich für diese Übergänge zwischen Arithmetik, Parteitexten, Geschichte und auch Philosophie zu wappnen. Dennoch scheint ihnen die Frage unter den Nägeln zu brennen: Aber wann kommen wir denn zur Politik? Zur Haltung, die gegenüber den verschiedenen Schichten des platten Landes einzunehmen ist, zur sozialen und politischen Einschätzung nicht nur der Eigentümer, Pächter und Tagelöhner, sondern auch der kleinen Halb- und Teilpächter, der Kleinbauern, zu dem, was ihre Hoffnungen und Wünsche sind, was ihr kollektiver Druck bewirkt, ob sie Kampfeslust beweisen und uns die Hände reichen?

Gegen diese Ungeduld, die uns seit grauer Vorzeit von einer Höhe wie der des Olymps, von dem aus Zeus seine Blitze sandte, beherrscht (und gegen die wir in Wirklichkeit vergeblich ankämpfen, weil wir immer wieder, nicht minder als Kapaneus[2] und Prometheus, auf den Hintern fallen), schleuderten wir in einem früheren Kapitel einen nicht zu verachtenden Felsbrocken, den wir von Mutter Erde, wahrscheinlich von Boden A, aufhoben. Der Brocken war eine Marx’sche Textstelle, die sich zu wiederholen lohnt:

„Alle Kritik des kleinen Grundeigentums“ (und wir sagen ihm alles Übel der Welt voraus) „löst sich in letzter Instanz auf in Kritik des Privateigentums“ (und auch des Bodens und seiner Produkte) „als Schranke und Hindernis der Agrikultur. (…) Von politischen Nebenrücksichten wird hier natürlich“ (schon das zweite Mal klagen wir dem Meister, dass dies, in diesen miesen Zeiten, gar nicht natürlich ist,) „in beiden Fällen abgesehn“ (der Gallizismus mag noch hingehen, da er ein Latinismus ist: Im Original steht allerdings „vernachlässigen“, ein schönes Wort, das wir nach dem Klang übersetzen möchten: abbandoniamo al pernacchio[3]) [MEW 25, S. 821].

Erinnert ihr euch, wie es weiter geht?

„Diese Schranke und dies Hindernis, welche alles Privateigentum am Boden der agrikolen Produktion und der rationellen Behandlung, Erhaltung und Verbesserung des Bodens selbst entgegensetzt, entwickelt sich hüben und drüben nur in verschiednen Formen“ (stimmt, liebe Aktivisten: die Zustände in den verschiedenen Ländern, die täglich neuen Ereignisse, die konkreten politischen Kräfteverhältnisse, ja ja, so ist es…), „und im Zank über diese spezifischen Formen des Übels wird sein letzter Grund vergessen“ (das Übel des Eigentums).

Wir heben nun einen anderen Felsbrocken auf, den wir nach oben gegen den dickbäuchigen Zeus-Tecoppa[4] des Politikastertums zu schleudern versuchen. Der, der über das Agrarprogramm der Partei schreibt, ist Lenin, Ende des Jahres 1907, nach der geschlagenen Revolution.

„Ein großer Mangel fast der gesamten sozialdemokratischen Presse in der Frage des Agrarprogramms im Allgemeinen (…) besteht darin, dass die praktischen Erwägungen über die theoretischen, die politischen über die ökonomischen dominieren“ [LW 13, S. 292].

Lenin? Jawohl, Lenin. War Lenin nicht jener der, derjenige welcher… Sicher doch, offenbar unterrichtet man sich über Lenin (und Marx) aus Quellen, die auf dem Niveau der Berichterstattung über den Muto-Prozess[5] liegen. Wir werden noch Gelegenheit haben zu zeigen, wie Lenin, ein in Sachen Orthodoxie noch größerer Dickkopf als wir, die Agrarfrage behandelt. Jedenfalls lautet Lenins Entschuldigung so:

„Die meisten von uns sind natürlich dadurch entschuldigt, dass wir die Agrarfrage inmitten angestrengter Parteiarbeit während der Revolution erörtern mussten: Zuerst nach dem 9. Januar 1905“ (dem Blutbad vor dem Winterpalast), „einige Monate vor dem Ausbruch der Revolution (der III. Parteitag der SDAPR’ der Bolschewiki in London im Frühjahr 1905 und die gleichzeitige Konferenz der Minderheit in Genf), dann unmittelbar nach dem Dezemberaufstand und in Stockholm“ (April 1906) „kurz vor dem Zusammentritt der ersten Duma.“

Und wir, unmittelbar nach was und kurz vor was stehen wir? In welchem Geschichtsabschnitt leben wir? Unmittelbar nachdem Ugo und Anna Maria ins Bett stiegen, kurz vor dem Biennium von Mario und Clara?[6]

Tun wir also, was Lenin sagte:

„Dieser Mangel“ (Mangel, ihr Übersetzer, oder ein großer Fehler?) „muss jetzt aber auf jeden Fall behoben werden, und im Besonderen ist eine Analyse der theoretischen Seite des Problems (…) erforderlich“ [LW 13, S. 293].

Macht euch, ohne zu murren, für die neue Etappe des holprigen Weges bereit.

Die zweite Form

Bevor der Marx’sche Text zur quantitativen Bewertung kommt, wird der historische Charakter des Übergangs von der Form I zur Form II der Differenzialrente in den Vordergrund gerückt, ebenso wie die größeren Schwierigkeiten, auf die man stößt, wenn das zum Leben der Menschenkinder notwendig gewordene größere Produkt nicht mehr auf neu in Kultur zu nehmenden Bodenstrecken gesucht wird, sondern durch Verbesserungen infolge größerer Kapitalanlage und Arbeitsmenge auf bereits der Bebauung unterworfenen Ländereien.

Die Diskussion unter Agronomen und Ökonomen hinsichtlich der Möglichkeiten zur Ausdehnung der agrikolen Produktion ist uralt. Die einen überschätzen die Folgen der Ausbeutung jungfräulichen Bodens, d.h. die zunehmende Erschöpfung der Bodenkraft, weil in einer ersten Zeit die chemische Beschaffenheit des Bodens reich an organischen, sich über Jahrhunderte gebildeten Pflanzennährstoffen sei, doch der Boden nach einer bestimmten Anzahl von Ernten verarme – die anderen übertreiben, wenn sie die Ergebnisse der industriellen Technik, wonach durch Errichtung neuer Anlagen unbegrenzt Industrieprodukte hergestellt werden könnten (wobei indes auch nach der physischen und gesellschaftlichen Grenze zu fragen wäre), auf die Landwirtschaft übertragen und behaupten, dass sehr wohl „jede beliebige Masse Kapital in einem räumlich begrenzten Feldangelegt werden könne.

Marx erinnert lächelnd daran, dass

„die ‚Westminster Review’ dem Richard Jones entgegenhielt, dass man nicht ganz England durch Bebauung von Soho Square füttern kann“ [MEW 25, S. 789].

Soho Square ist das Zentrum des berühmt-berüchtigten Arbeiterviertels in London, das Chinesen und, selbstredend, Italiener beherbergt.

Kommen wir noch einmal auf die grundlegende Textstelle zurück:

„Wenn dies als ein besondrer Nachteil der Agrikultur angesehn wird, so ist gerade das Umgekehrte wahr“.

Vorerst stellt Marx die Frage der „Produktivität“ der auf demselben Bodenstück nacheinander angelegten Kapitalmassen, in Form II, hintenan. Z.B. hatten wir in der Grundtabelle der Form I [MEW 25, S. 666] auf dem Boden C bei einem Kapitalvorschuss von 50 Shilling 3 Quarters Korn und 120 sh. Rente. Was geschieht nun, wenn das in den Boden versenkte Kapital auf 100 sh. verdoppelt wird? Wenn sich auch das Produkt verdoppelt, so dass die zweite Kapitalanlage von 50 sh. ebenfalls 3 qrs. produziert, sind es zusammen 6 qrs., doch bei fallender Produktivität sind es z.B. 3 plus 2 gleich 5, bei steigender 3 plus 4 gleich 7.

Ferner kann der Produktionspreis konstant bleiben, was heißt, Boden A bleibt der geringste, doch kann auch, wenn Boden A verbessert wird, der regulierende Produktionspreis fallen, oder wenn ein geringerer Boden als A aufgebrochen wird, steigen.

Marx erörtert also drei Fälle: 1. konstanter Produktionspreis, 2. fallender Produktionspreis, 3. steigender Produktionspreis.

Je nach den Folgen, die die nacheinander angelegten zuschüssigen Kapitale haben, werden für jeden der drei Fälle drei Varianten angeführt: bei gleich bleibender Produktivität, bei fallender und bei steigender Produktivität. Um festzustellen, ob die Rente erlöschen kann – was andere Ökonomen durch starke Anlage von Unternehmenskapital auf dem Boden erreichen zu können glaubten –, werden einige Fälle angenommen, in denen ein noch geringerer Boden als A auf der Bildfläche erscheint.

Bei diesem Haufen von Zahlen sollten wir uns in Bescheidenheit üben. Es gilt die These von Marx zu begreifen: Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und der Mehranlage von Kapital auf den Boden, dem einzigen Mittel, den Bedarf einer wachsenden Bevölkerung zu befriedigen, steigt auch die Rente, sowohl was das Gesamtrental als auch was die Durchschnittsrente pro Acre angeht, manchmal in höherem Verhältnis zur Mehranlage von Kapital (und seinem Profit), selten unter dieser Proportion.

Doch zuerst müssen wir diesbezüglich einige allgemeine Marx’sche Begriffe klarstellen.

Profitgierige Fruchtbarkeit

Wir hatten gesehen, dass die nebeneinander auf vier verschiedenen Bodenstücken angelegten üblichen 50 sh. Kapitalvorschuss, zusammen also 200 sh., einen Profit von 40 und eine Rente von 360 sh. ergeben. Jetzt in Form II ist es offenkundig so, dass eben dieser der Arbeit ausgepresste Surplusprofit von 360 sh. (der den Brotpreis in Vergleich zu den Fabrikerzeugnissen um 150% erhöhte, wobei in beiden Formen der normale Kapitalzins und Unternehmensgewinn auf Kosten der Lohnarbeit bezahlt wurde), dass also dieser Surplusprofit von 360 sh. dann auf ein und demselben Acre entstehen würde, wenn z.B. auf Boden D außer den ersten 50 sh., die vier qrs. lieferten, weitere 50, die 3 qrs., noch einmal 50, die 2 qrs. und schließlich die letzten 50 sh. angelegt worden wären, die, zum Durchschnittsprofit angelegt, nur einen weiteren Quarter geliefert hätten. Die bei fallender Produktivität, doch gleich bleibendem Preis von 60 sh. erzeugten 4 plus 3 plus 2 plus 1 gleich 10 qrs. ergeben die berühmten 600 Produkt. Nach Abzug der 200 sh. Kapital und 40 sh. Profit ergeben sich auch jetzt 360 sh. Surplusprofit, die vorher auf vier verschiedenen Acres gebildet wurden. Boden D brachte vorher 180 sh. ein, jetzt das Doppelte.

„Die Surplusprofite und verschiednen Raten von Surplusprofit für verschiedne Wertteile von Kapital werden in beiden Fällen gleichmäßig gebildet. Und die Rente ist nichts als eine Form dieses Surplusprofits, der ihre Substanz bildet. Aber jedenfalls finden bei der zweiten Methode Schwierigkeiten statt für die Verwandlung des Surplusprofits in Rente, für diese Formveränderung, die die Übertragung der Surplusprofite vom kapitalistischen Pächter auf den Eigentümer des Bodens einschließt. Daher das hartnäckige Sträuben der englischen Pächter gegen eine offizielle Agrikulturstatistik. Daher der Kampf zwischen ihnen und den Grundeigentümern wegen der Feststellung der wirklichen Ergebnisse ihrer Kapitalanlage. (Morton.) Es wird nämlich die Rente bei Pachtung der Ländereien festgesetzt, wonach dann die aus der sukzessiven Anlage von Kapital entspringenden Surplusprofite in die Tasche des Pächters fließen, solange der Pachtkontrakt dauert. Daher der Kampf der Pächter um lange Pachtkontrakte und umgekehrt die Vermehrung der jährlich kündbaren Kontrakte (tenancies at will) durch die Übermacht der Landlords“ [MEW 25, S. 687].

Bei dieser Frage treffen zwei Begriffe aufeinander: Der der bürgerlichen Theorie, die Kapital als im Vermögen Erde „festgelegte“ Anlage ansieht, und der marxistische Begriff, wonach das in der Agrarproduktion angewandte Kapital jenes ist, das Jahr für Jahr in Arbeit und Rohstoffen ausgelegt wird, plus Verschleiß der festen Anlagen (was Gutshäuser, Kanäle etc. sein mögen).

Bestehen Verbesserungen nicht nur in höheren Betriebsausgaben, die jedes Jahr im Produkt wiedererscheinen (wie Saat, Dünger, bewegliches Inventarium, z.B. Vieh und Maschinen, die Eigentum des Betriebs sind, Lohnvorschüsse usw.), sondern in dem Boden einverleibten Anlagen, müssten diese vom Grundeigentümer bezahlt werden. Werden sie jedoch vom Pächter, der den höheren Gewinn im Auge hat, während des Pachtkontrakts gemacht, muss er in Rechnung stellen, dass er sie nicht wieder zurückerhält und dass in seinem Budget die Menge der sukzessive höheren differenzialen Surplusprofite diese nun verlorene Auslage, plus Zinsen, übertreffen muss. In der Tat gibt es verbesserte Pachtkontrakte, in denen ein niedrigeres Pachtgeld für die höhere Rente entschädigt, die das fragliche Land – aufgrund der höheren Fruchtbarkeit – nach Ablauf des Kontrakts abwerfen wird.

Marx hebt also zwei Punkte hervor; auf den ersten haben wir vorhin hingewiesen: Die Differenzialrente I (Boden, der urbar gemacht wird und beginnende Aneignung desselben) ist die geschichtliche Grundlage der Differenzialrente II (aller Boden ist Eigentum). Der zweite Punkt: Bei vollständiger Ausbildung der Form II, die auf demselben, dem Umfang nach nicht mehr ausdehnbaren gesellschaftlichen Boden zum Zwecke eines höheren Produkts größere Portionen des gesellschaftlichen Kapitals anzieht, kommt die Verteilung des Kapitals zwischen Klein-, Mittel- und Großunternehmern ins Spiel. Auch in der eigentlichen Manufaktur ist ja der Geschäftsumfang ein Faktor für die Höhe der Profitrate: Die auf die Gesamtsumme aller Kapitale (gleich wer es hat) berechnete Durchschnittsprofitrate setzt mit einem „Minimum des Geschäftsumfangs“ ein „Minimum des Kapitals“ voraus.

„Was darüber“ (über diesem Minimum) „ist, kann Extraprofit bilden; was darunter, erhält nicht den Durchschnittsprofit“ [MEW 25, S. 689].

Dieses hier deutlich ausgesprochene Theorem gibt uns ein Bild der gesamten kapitalistischen Ökonomie.

Unterstrichen wird hier, dass die kapitalistische Produktionsweise deshalb „nur langsam und ungleichmäßig die Landwirtschaft“ ergreift.

Sogar in England gibt es noch die Parzellenwirtschaft.

„Es ist richtig, dass z.B. der Bauer auf seine kleine Parzelle viel Arbeit verwendet. Aber isolierte und der objektiven, sowohl gesellschaftlichen wie materiellen Bedingungen der Produktivität beraubte, von ihnen entblößte Arbeit.“

Der Kleineigentümer, der sein eigener Unternehmer ist, arbeitet unterhalb des Durchschnittsprofits und gleicht die Differenz dadurch aus, dass er sich noch mehr abschindet.

„Dieser Umstand bewirkt, dass die wirklichen kapitalistischen Pächter fähig sind, sich einen Teil des Surplusprofits anzueignen; dies würde wegfallen, (…) wäre die kapitalistische Produktionsweise in der Landwirtschaft ebenso gleichmäßig entwickelt wie in der Manufaktur“ [MEW 25, S. 689].

Ein gewichtiger Punkt, nicht nur, weil dieses Gleichgewicht von Tätigkeit und Produktivität zwischen den Nahrungsmitteln und Fabrikwaren im Kapitalismus unmöglich erreicht werden kann (was noch deutlicher wird, wenn wir uns die von Ricardo geleugnete absolute Rente vornehmen), sondern auch, weil die Konzentration der akkumulierten Kapitale und die bis an ihre Grenzen hochgepeitschte industrielle Produktion trotz fallender Durchschnittsprofitrate in allen Branchen forciert Extraprofite einbringen.

Marx kümmert sich hier noch nicht darum, ob sich der agrikole Surplusprofit (um den es zunächst geht) vollständig in Grundrente verwandeln kann:

„Betrachten wir (…) die Bildung des Surplusprofits (…), ohne uns noch um die Bedingungen zu kümmern, unter denen die Verwandlung diese Surplusprofits in Grundrente vorgehn kann“ [MEW 25, S. 690].

In den zahlreichen Tabellen wird also der gesamte Surplusprofit als Differenzialrente der Form II behandelt.

Die berühmt-berüchtigten Maßeinheiten

Hier taucht wieder das heikle Problem der Maßeinheiten auf. Dieser Teil des Marx’schen Manuskripts lag nur im Entwurf vor und der Verfasser hatte nicht die Zeit, alle Tabellen zu überarbeiten. Nachdem Engels die Tabellen, insbesondere den dritten Fall der Form II, eingefügt hatte, merkte er an, dass es einen Rechenfehler gegeben habe, der zwar nicht die theoretischen Gesichtspunkte modifiziere, aber den Böden eine außerhalb der Grenzen der Wahrscheinlichkeit liegende Produktion zugeschrieben hätte. Die 14 Tabellen von Marx hat Engels daher mit neuen Maßeinheiten überarbeitet, er gibt die Tabellen XI bis XXIV nicht nur korrigiert wieder, sie bestätigen auch voll und ganz die ursprüngliche Theorie.

Beim Übergang, nach vielleicht langer Zeit, von Form I zu Form II, benutzte Marx in der Tat nicht mehr Pfund Sterling, sondern Shilling, was an der Sache selbst nichts ändert (1 Pfund Sterling sind 20 Shilling). [...][7]

Engels gibt die Erträge in Bushel pro Acre an (ein Bushel gleich 1/8 Quarter oder rund 36 Liter) und setzt, wie wir es im vorherigen Kapitel taten, die Kornerträge niedrig an, um die Produktivitätsunterschiede zu vermindern: bei einem Produktionspreis von 6 Shilling auf 10, 12, 14, 16, 18 Bushels pro Acre. […]

Die der früheren Grundtabelle [MEW 25, S. 666] entsprechende erste Tabelle XI [S. 728] führt nun fünf Bodenarten A, B, C, D und E auf. Auf jedem Boden werden 50 Shilling Kapital angelegt, Profit 20%, also 10 Shilling, ergo Produktionskosten von 60 Shilling. Der rentelose Boden A trägt 10 Bushels Korn, die, wenn verkauft, 60 Shilling, pro Bushel also 6 Shilling, einbringen. Es bleibt kein Extra-Profit und daher keine Rente. […]

In dieser ersten Tabelle werden also für die fünf Böden die gleichen Produktionskosten von je 60 Shilling angegeben; das Produkt steigt von 10 auf 12, 14, 16, 18 Bushels Korn, der Ertrag von 60 auf 72, 84, 96, 108 Shilling; die Rente steigt von 0, durch die Reihe der Differenzen hindurch auf 12, 24, 36, 48 Shilling.

Das Gesamtkapital beläuft sich auf 250 Shilling, Profit 50 Shilling, Produktionskosten also 300 Shilling, Gesamtprodukt 70 Bushels, 6 sh. pro Bushel machen 420 sh.; Gesamtrente 120 Shilling.

In der Marx’schen Grundtabelle hatten wir für die vier Böden bei einem Kapitalvorschuss von 200 und Produktionskosten von 240 eine Gesamtrente von 360 Shilling. In der von uns eingefügten Tabelle war der Kapitalvorschuss 128.000 und die Rente belief sich auf 50.000: das Verhältnis ist nicht viel anders als das bei Engels.

Nehmen wir also Engels’ Zahlen zur Grundlage. Auf fünf Böden von verschiedener Fruchtbarkeit hatten wir bei Produktionskosten von 300 Shilling (Kapital und Profit) eine Rente von 120 sh. [S. 728].

Nun stehen wir vor folgender Frage: Wenn sich das Industriekapital in größerem Maße den Agrarunternehmen zuwendet, wird die Rente dann verschwinden? Wird es selbst den Surplusprofit einheimsen?

Marx unterstellt daher auf allen oder einigen Böden eine Verdoppelung der Kapitalanlage.

Erste Variante: bei konstant bleibendem Produktionspreis; bei konstant bleibender Produktivität.

Was heißt, auf jedem der fünf Böden werden nicht 60, sondern 120 sh. angelegt, und auf jedem verdoppelt sich die Anzahl der geernteten Bushels Korn. Dieser Fall bereitet keine Mühe, alles, auch die Rente, verdoppelt sich. Kapital 500, Profit 100, Rente 240 [Tabelle XII].

Es lässt sich leicht feststellen, dass der regulierende Produktionspreis der gleiche bleibt. Es stimmt, dass der verbesserte Boden A statt 10 nun 20 Bushels produziert hat, doch erhöhte sich das angelegte Kapital ebenfalls von 50 auf 100, der Profit von 10 auf 20, weshalb 20 Bushels zum Erlös von 120 sh. immer noch 6 sh. Marktpreis pro Bushel ergeben.

Dieser Grundpreis bleibt auch dann bestehen, wenn auf A keine neue Anlage käme, sondern nur auf die anderen vier Böden. Wenn wir also die nicht mehr gleich bleibende, sondern fallende Produktivität untersuchen wollen, lassen wir Boden A, wie er war und legen zuschüssiges Kapital von 50 sh. auf B, C, D, E an [Tabelle XIII].

Die Annahme ist nun, die Produktivität der zweiten Kapitalanlage sei fallend und mache etwa 2/3 der ersten Anlage aus. A gibt weiterhin seine 10 Bushels, B statt 12 jetzt 20 usw. Obwohl B mit jetzt 20 Bushels und mit 120 sh. Ertrag nur Kapital und Profit zahlt und wie A rentelos wird, zeigt uns die Tabelle, dass die Rente wie gehabt 120 sh. abfängt.

Wird B nicht ganz rentelos, heißt das, die Produktivität ist nicht ganz so stark gefallen, sagen wir auf ¾ der ersten Anlage [Tabelle XIV]. Bei gleichem Kapital steigt die Rente von 120 auf 150.

Wenn schließlich bei der dritten Variante des ersten Falls die Produktivität steigt bzw. die zweite Kapitalanlage mehr als 125% gegenüber der ersten einbringt, wird jeder, auch ohne große Rechenkünste, verstehen, dass sich die Rente drastisch erhöht: von 120 auf 330, bei einem Kapitalvorschuss von 450 statt 250 [Tabelle XV].

D.h., wenn zuschüssiges zirkulierendes Kapital auf den Boden gelegt wird, um die Produktion zu steigern, wird, solange der Preis des Korns gleich bleibt, die Rente davon nicht berührt, nicht einmal bei fallender Produktivität der weiteren Kapitalanlagen (eine Hypothese, die einer schon sehr hohen Entwicklung des Ackerbaus entspricht). Bei dann gleich bleibender oder steigender Produktivität wiederholter Kapitalanlage steigt die Grundrente um ein Vielfaches.

Merken wir Folgendes an: Bevor sich das Kapital in seiner Gier auf den Boden stürzte, belief sich die Rente im Durchschnitt auf 24 sh. pro Acre (D warf das Meiste ab, 48 sh.). In der ersten Variante stieg sie auf durchschnittlich 48 sh., in der zweiten Variante (im Durchschnitt) auf 24 bzw. 30, in Variante 3 auf 66 sh. In keinem Fall ist der Grundeigentümer vor dem Ansturm der Kapitalisten zurückgewichen.

Billigeres Brot?

Die Vertreter der Industrie entgegnen natürlich: Schon gut, doch wenn unsere beachtlichen zuschüssigen Anlagen den regulierenden Produktionspreis sinken lassen (wie in der Industrie, wo die billigere Ware die anderen aus dem Felde schlägt), werdet ihr schon sehen, wie die Rente sinkt.

Nun denn, sie flunkern. Der Kapitalismus bringt nur Hunger mit sich, obschon er, wenn sich die allgemeine Arbeitsproduktivität erhöht hat, imstande sein sollte, die Rente zu beschneiden.

Der Untersuchungsrichter Marx unterzieht sie durch seinen Stellvertreter Engels einem verschärften Verhör.

Form II, zweiter Fall der Tagesordnung: bei fallendem Produktionspreis. Um ihn fallen zu lassen, wird der schlechteste Boden A, der den Preis hochhielt, außer Gefecht gesetzt und die Anlage auf B, C, D, E verdoppelt. Jetzt bleibt die Produktivität wieder entweder gleich, oder sie fällt, oder sie steigt. Bleibt sie gleich, haben wir 24, 28, 32 und 36 Bushels Korn.

B als jetzt geringster Boden reguliert den Preis. Kosten 120 sh., Bushels 24, Verkaufspreis 5 statt wie zuvor 6 Shilling.

Gesamtprodukt – breviter[8] – jetzt 120 Bushels. Macht 600 Shilling. Kosten 480, Gesamtrente 120. Verdammt, die Rente ist nicht kaputt zu kriegen! Sie ist keinen Meter zurückgewichen.

Sicher, der schäbige solicitor[9], der die Geschäfte der farmers führt, grinst: Ihr seid von gleich bleibender Produktivität ausgegangen, aber wenn sie fällt, erlöscht die Rente.

Engels nimmt nun an, die folgende Anlage betrage 75% gegenüber der ersten und B bleibe nun wieder rentelos. Aber die französische Druckerei hat ihm hier übel mitgespielt. Sie druckte die Tabelle XVII mit einem höheren Preis ab, verwechselte also diese Tabelle mit der Tabelle XX! (Was für ein Spaß wird es sein, die italienische Übersetzung zu Gesicht zu kriegen: Ob sie vom Poeten und Cavalier Monti[10] sein wird, dem größten unter den Homer-Übersetzern?) Wenn B mit den üblichen Kosten bloß 12 plus 9, also 21 Bushels produziert, muss ein Bushel 120 geteilt durch 21, d.h. 5,7 sh. kosten. Also weniger als 6 sh. Insgesamt haben wir 105 Bushels zum Wert von 600 sh. Bei Produktionskosten von 480 bleiben 120 sh. Rente. Donnerwetter auch! […]

Doch wenn die Produktivität steigt, hat der solicitor natürlich keine Chance mehr. Zweiter Fall, dritte Variante: die Engels’sche Tabelle XVIII. Produktivität der zweiten Anlage: 150% über der ersten, Verkaufspreis bloß 44/5, verdoppelte Rente: 240 sh.!

Bleibt noch der dritte Fall; obschon die Kapitalanlage vermehrt wurde, ist die Befruchtung des Bodens durch den donjuanesken, gleichwohl halbsterilen Monsieur Capital von der proletarischen Befruchtung unter den Menschen vernichtend geschlagen worden: die Menschen haben sich vermehrt und der Kornpreis steigt. Es ist jetzt nicht mehr nötig zu rechnen, die Ergebnisse des geduldigen Engels reichen vollauf, wenn nur nicht irgendwelche Pfuscher wieder die Tabellen vertauschen.

Der Preis ist also, bei gleich bleibender Produktivität, von 6 auf 66/7 geklettert. [Tabelle XIX…]

Und wenn die Produktivität fällt? Keine Sorge. Bei halbierter Produktivität gegenüber der ersten Kapitalanlage steigt der Verkaufspreis auf 8 sh., Gesamtrente 240. Bei steigender Produktivität gilt dann die Tabelle XXI. Selbst wenn das Produkt der ersten Anlage halbiert wird (was nötig ist, damit A rentelos bleibt), steigt die Rente auf 240 Shilling.

Die drei Fälle werden jetzt noch einmal unter Hinzuziehung eines Bodens a erörtert, der noch geringer, also minder fruchtbar als Boden A ist und preisregulierend wirkt. Tabelle XXII zeigt bei gleich bleibender Produktivität einen Preis von 7½ sh. und eine Gesamtrente von 450 sh.

Bei fallender Produktivität, Tabelle XXIII, immer noch 380 sh. Rente, bei steigender rund 580.

Nachdem er diese Arbeit, und zwar nicht schlecht, erledigt hat, kann Engels schlussfolgern: Es wurden 13 mögliche Fälle unter die Lupe genommen, doch die Rente ist nie in die Knie gegangen. In fünf Fällen hat sich mit der Kapitalanlage auch die Gesamtrente verdoppelt. In vier Fällen stieg die Rente um mehr als das Doppelte. In einem Fall stieg sie, aber um weniger als das Doppelte gegenüber der ersten Anlage. In drei Fällen blieb sie auf demselben Stand, nämlich 120 sh., doch hier wurde A rausgeworfen, so dass nur 4 statt 5 Acres bebaut wurden und die Rente pro Acre von 24 auf 30 sh. stieg.

Auf Boden A, der ausgedient hat, könnte man den Sitz des Unternehmerverbandes etablieren.

Merken wir noch an: in allen Marx’schen und Engels’schen Tabellen wird, auch in Form II, das allgemeine Gesetz der Differenzialrente erfüllt: Delta Produkt multipliziert mit seinem konstanten Preis gleich Delta Rente. Die Sprünge in der Differenzialfruchtbarkeit liegen weit mehr als 2 Bushels oder 12 sh. auseinander. Von Tabelle zu Tabelle verändert sich der Sprung (4, 3, 5 Bushels usw.), ebenso wie der regulierende Produktionspreis, doch die Rentensprünge bleiben von Boden zu Boden gleich.

Resultat

Nach so einem Haufen Zahlen, die wir uns bemühten, sparsam zu gebrauchen, soll nun die Schlussfolgerung, um verdaulich zu sein, in kleinen Schritten folgen.

Schroff sagt Marx:

„Vom Standpunkt der kapitalistischen Produktionsweise findet stets relative Verteuerung der Produkte statt, wenn, um dasselbe Produkt zu erhalten, eine Auslage gemacht (…) werden muss“ [MEW 25, S. 753].

„Das Steigen des allgemeinen Produktionspreises, (…) ist hier also nicht nur Grund des Steigens der Differentialrente, sondern die Existenz der Differentialrente als Rente ist zugleich Grund des frühern und raschern Steigens des allgemeinen Produktionspreises, um dadurch die Zufuhr des nötig gewordnen vermehrten Produkts zu sichern“ [MEW 25, S. 746].

Der gemeinverständlichere Engels (absit iniuria verbo)[11] schließt so:

„Je mehr Kapital also auf den Boden verwandt wird, je höher die Entwicklung des Ackerbaus und der Zivilisation überhaupt in einem Lande steht, desto höher steigen die Renten per Acre sowohl wie die Gesamtsumme der Renten, desto riesiger wird der Tribut, den die Gesellschaft den Großgrundbesitzern in der Gestalt von Surplusprofiten zahlt – solange die einmal in Bebauung genommenen Bodenarten alle konkurrenzfähig bleiben“ [MEW 25, S. 734].

Laut Engels erklärt dieses Gesetz die „wunderbare Lebenszähigkeit“ der Grundbesitzerklasse, aber auch, warum sich diese Virulenz allmählich erschöpft. Die Gründe dafür sind nach Engels die urbar gemachten Pampas und Steppen, das Aufbrechen jungfräulichen Bodens in den außereuropäischen, riesigen Kontinenten sowie die immer mehr ins Gewicht fallenden mächtigen Transportmittel. Glücklicherweise, sagt er, ist noch genug übrig, um den ganzen europäischen Grundbesitz zu ruinieren „und den kleinen obendrein“.

Der inländische Kornpreis wurde gebremst oder fiel soweit, dass die Konkurrenz aus Übersee zum Zuge kam. Daher, zu verschiedenen Zeiten, der Kampf der englischen, italienischen, baltischen Agrarier für Kornzölle.

Doch mit den großartigen kapitalistischen Revolutionen in Russland, Indien und China (in unterschiedlichen historischen Formen) wird wieder in Richtung Hunger marschiert. Die demographische Zusammensetzung der ländlichen Klassen tut dabei nichts zur Sache. Was etwas zur Sache tut, ist das Differenzialgesetz der Renten und der Preisanstieg in der internationalen Gesellschaft, die dabei ist, in einem einzigen Warenproduktionssystem zu verschmelzen.

Der russische kapitalistische Staat legt es heute nicht mehr darauf an, Taganrog-Getreide[12] für unsere armen Makkaroni[13] zu exportieren, er will Fabrikwaren ausführen; hinzunehmen hatte er, dass seine Exporte mangels Getreide, welches England zwischen 1952-53 zugesagt worden war, fielen. Weiße und Gelbe nehmen an Zahl gehörig zu und die Masse der notwendigen Lebensmittel kann nur zu immer saftigeren Preisen produziert werden.

Die Nationalisierung des Bodens oder der Rente bedeutet, wie wir es auch mit Lenin noch darlegen werden, nicht das Ende der Tragöde der Differenzialrente und des integralen Hungers.

Es gibt sowohl den bürgerlichen Eigentümer des unermesslich weiten russischen Landes, seiner Steppen, wo es Kapital regnet, als auch den Herren der Differenzialrente mit 200 Millionen Produzenten/Konsumenten: das ist der kapitalistische und bis an die Zähne bewaffnete Kreml-Staat. Noch einmal 10 Jahre technischen Fortschritts und er muss zusehen, wo er Getreide kaufen kann.[14]

Das Ende der Tragödie kann nur die internationale Revolution sein, die Zerschlagung des individuellen, betrieblichen oder staatlichen Mechanismus des Kaufens und Verkaufens.

Allerdings wird, wenn sich der Rammbock nicht gegen Washington richtet, der Stoß vergeblich sein.

Quellen:

„Terra vergine, capitale satiro“: Il programma comunista, Nr. 7, April 1954.

* * *

MEW 25: Marx – Das Kapital III; 1894.

LW 13: Lenin – Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution

von 1905 bis 1907; 1907.

 


[1] Satyrn: griechische Mischfigur aus Pferd und Mensch, mit tierischen Ohren, zottiger Behaarung des Körpers, ausgesprochener Geilheit; so wird ein abnorm gesteigerter Geschlechtstrieb bei Männern auch Satyriasis genannt.

[2] Kapaneus, einer der „Sieben gegen Theben“ (Tragödie des griechischen Aischylos), wurde von Zeus mit seinem Donnerkeil erschlagen, als er es auf der erstiegenen Stadtmauer wagte, die Götter herauszufordern und den Zeus zu höhnen. Vielleicht wird hier aber auch wieder auf Dantes „Commedia“ angespielt, wo Kapaneus die Strafe der Gotteslästerer erleidet: Unablässig geht ein Feuerregen auf die im glühenden Sand auf dem Rücken liegenden „Empörer gegen Gott“ nieder (14. Gesang der Hölle). Und Prometheus, der den Menschen das Feuer schenkte, und den Zeus zur Strafe an einen Felsen schmieden ließ, lag ebenfalls viele Jahre auf dem Rücken an einer Bergklippe, wo ein Adler täglich an seiner Leber fraß.

[3] Eine „übersetzungsmäßig“ etwas verzwickte Textstelle. Statt, wie es im deutschen Original heißt, „abgesehn“, steht im italienischen Text „negligere“ (was eben „vernachlässigen“ heißt), offenbar die Übersetzung aus der französischen Ausgabe des „Kapital“ = „négliger“, ein sehr literarisches, in der Alltagssprache wohl kaum gebrauchtes Wort – daher die Anspielung auf den Gallizismus. Das italienische Zitat „abbandoniamo al pernacchio“ bedeutet, etwas der Verachtung preisgeben, dem Spott überlassen, „pernacchio“ ist ein furzähnliches Geräusch mit dem Mund.

[4] Tecoppa: Symbol der Politiker im „guten alten Italien“ bis Anfang des 20. Jahrhunderts.

[5] Bezieht sich auf einen Prozess gegen den Journalisten Muto, der einen „Sittenskandal“ publik gemacht hatte, der die höchsten Kreise der Christdemokraten und somit auch die Elite des italienischen Staates betraf.

[6] Biennium (lat.): Zeitraum von zwei Jahren. – Bei Ugo und Anna Maria handelt es sich um Ugo Montagna und Anna Maria Moneta Caglio, beide in den Skandal um den Tod einer jungen Frau verwickelt (siehe vorhergehende Fußnote). Mit Mario und Clara sind Mario Scelba, der damalige Regierungschef, und Clara Boothe, damalige US-amerikanische Botschafterin in Italien, gemeint. Das ganze ist eine Anspielung („ins Bett gehen“) auf eine sich anbahnende Allianz mit den USA, was damals hieß: Garantie der inneren Stabilität im Allgemeinen und Rückgabe des Hafens von Triest im Besonderen.

[7] Diese und die folgenden Auslassungen betreffen wieder bestimmte Übersetzungs- bzw. Rückübersetzungsfehler, um die wir uns hier nicht kümmern müssen.

[8] breviter (lat.): in Kürze, kurz gesagt.

[9] Solicitor bezeichnet im englischen Rechtssystem einen Rechtsanwalt, der keine prozessualen Handlungen vornehmen kann, sondern vor allem beratend tätig wird.

[10] Vincenzo Monti (1754-1828), für die Übertragung der Ilias ins Italienische berühmt gewordener Dichter.

[11] absit iniuria verbo (lat.): „ohne beleidigend zu sein“. Ein Wort, das man gebraucht, um eine Aussage zu machen, die für jemanden kränkend sein könnte, bzw. wenn man ein „unpassendes“ Wort benutzt, um einen Begriff klarer zu machen. Im Wesentlichen bedeutet es: man erlaube mir den Gebrauch dieses Wortes, das niemanden „zu nahe treten“ soll.

[12] Taganrog: Hafenstadt am Asowschen Meer. Anspielung auf von Taganrog via Odessa verschifftes Getreide.

[13] Makkaroni: Nudelsorte aus Hartweizen; hier: abfällige Bezeichnung für (Süd)italiener.

[14] Die Prognose erfüllte sich bald: nach langen Jahren enttäuschender Getreideernten war Russland 1976 gezwungen, Getreide aus den USA und Kanada zu importieren.