Im Faden der Zeit [130]

XI. Niemals wird die Ware den Hunger des Menschen stillen

Der Drang zur Warenproduktion

Unsere ganze Mühe, soweit es sie lohnt, soll klarstellen, dass die vorliegende „Reihe“ zur Agrarfrage die grundlegenden, zentralen und wesentlichen Fragen der kommunistischen Theorie, oder anders gesagt, des kommunistischen gesellschaftlichen Programms, zu erhellen sucht; klarstellen, dass es sich nicht um eine weitschweifige Darlegung, eine detaillierte Beschreibung, eine tief- und ins einzelne gehende „Analyse“ eines „Wirtschaftszweiges“ handelt, über den man sich schlau machen will. Wir haben keine Fachdisziplin gewählt, keinen „Lehrstoff“, wie man in der Schule sagt, durchzuackern, um schließlich über diese angelernte Mixture das Examen abzulegen – womit zugleich das Recht erworben wird, sich Zeit seines Lebens nicht mehr um den Kern der Frage bekümmern zu müssen.

Ein Recht, das wir euch absprechen, denn zu unserem Leidwesen müssen wir euch sagen: Das Verständnis des vollständig gültigen politischen und aktuellen Ergebnisses („aktuell“ allerdings nicht in dem üblichen albernen Sinn – das Ergebnis ist insofern aktuell wie es, sich auf das Vergangene stützend, mutig das Zukünftige enthält) ist nicht möglich, ohne den daraus hervorgehenden Haufen von Angaben, Zahlen, Relationen, von Formeln und Betrachtungen verdaut zu haben.

Der ganze Widerstand gegen die Entstellungen des Marxismus, die in alles erdrückenden dickleibigen Bänden ausgebreitet sind und deren Gewicht von egal welcher Seite her verstärkt wird, lässt sich in der Aussage zusammenfassen, dass der Kernpunkt dieser Gegenwehr ohne die Theorie der Agrarfrage und Grundrente nicht erfasst werden kann.

Die Rententheorie führt direkt zur Verdammung der Warenproduktion, der dem Äquivalententausch gehorchenden Distribution; sie allein lässt das Wesentliche begreifen: die unteilbare und einheitliche Forderung nach der kommunistischen Revolution und ihrer Klassenpartei.

Zur Verurteilung – mildernde Umstände dürfen nicht erwartet werden – der Postulate des falschen Sozialismus ist die Rententheorie unverzichtbar; jenes Sozialismus also, der in der Utopie besteht, das soziale Elend werde durch eine „Reinigung“ der Tauschgleichung beseitigt: Die „Ausbeutung“, die berühmt-berüchtigte „exploitation“ soll dadurch verschwinden, dass die Mehrwertschöpfung auf Null zurückgeht und der Betrug, der in dem Verhältnis Arbeit – Ware – Arbeit – Geld steckt, aufdeckt wird. Die Formen jedoch, auf denen die Verurteilung der Arbeit beruht, d.h. die Waren- und Geldform, ergo die Lohnform, bleiben unangetastet.

Es gibt keinen anderen und vor allem keinen kürzeren Weg als die Rententheorie, um die historische Frage unserer Zeit zu lösen: Russland ist nicht sozialistisch, sondern kapitalistisch.

Die Aneignung der genialen marxistischen Untersuchung der Bodenrente macht nicht nur klar, weshalb es im Marx’schen Werk ständig Hiebe gegen das Phantasma des Gleichgewichts bzw. der Proportionalität der Warenproduktion setzt, sondern auch, weshalb der andere Eckpfeiler, für den wir seit langem kämpfen, unumstößlich ist, dass nämlich von den ersten Schriften wie der „Philosophie des Elends“ von 1847 an bis zu den letzten Manuskripten und Marx’ Nachlas die wesentliche und irreversible Struktur des Marxismus vollständig und homogen existent ist.

Immer wieder sind wir auf Textstellen zurückgekommen, die in verschiedener, doch stets strenger und einwandfreier Form folgende Tatsache aussprechen: Den Kapitalismus zerschlagen heißt die Warenproduktion zerschlagen. Wir wiederholen das mit Absicht in einer Tour, denn unsere einzige Aufgabe ist die der Wiederholung; wer mit was anderem glänzen will, gehe mit Gott, jedenfalls woanders hin.

Meisterlicher Aufbau

Im klassischen siebenten Abschnitt des ersten Bandes des „Kapital“ wird der Akkumulationsprozeß mit einem Kapitel in Angriff genommen, das die lapidare Überschrift trägt: „Umschlag der Eigentumsgesetze der Warenproduktion in Gesetze der kapitalistischen Aneignung“.

In den Vordergrund wird hier gerückt, dass man das System des Eigentums an Kapital wie auch des Eigentums an Boden noch nicht mal antastet, wenn nicht zugleich das Prinzip des Eigentums am Arbeitsprodukt getroffen wird, und zwar wohlverstanden auch dann, wenn der Eigner dieses Produkts vorbringt, ein „äquivalentes“ Produkt dafür gegeben zu haben.

Doch gerade darin, in diesem Kernpunkt des bürgerlichen Prinzips und Grundsatzes der Äquivalenz, besteht ja der Schwindel an der Klasse, die arbeitet.

Wenn man mir beweist, in einer Gesellschaft sei der Boden ebenso wie das industrielle Kapital „res nullius“ (niemandes Sache), beweist das noch lange nicht, dass es sich um eine sozialistische Gesellschaft handelt. Zunächst müsste die Frage beantwortet werden, wem das „Arbeitsprodukt“ zufällt, wie es sich angeeignet, wie es verteilt, wie es in Umlauf gebracht wird, und vor allem, gegen was das „Arbeitsvermögen“ getauscht wird.

Wer darauf unbesonnenerweise, wie der schon seinem Ende nahe Stalin, antwortet: Durch das Gesetz der Wertäquivalente, sagt damit nur, dass die ökonomische Gesellschaftsform eben die des Kapitalismus ist: Wahrheit eines auf dem Sterbebett abgegebenen Geständnisses.

All das, wiederholen wir, „steht geschrieben“. Schicken wir die kleinen Klüngel jener Hohlköpfe in Rente, die, wenn auch aus Hass auf Stalin & Co., mit neuen Artikeln, in denen die glasklaren Formulierungen mit falschen Zutaten und originellen Beiträgen vermengt werden, den genannten Beweis erbringen wollen.

Im vorhin angesprochenen Kapitel heißt es:

„Aber auch erst von da an verallgemeinert sich die Warenproduktion“ (die historisch gesehen schon lange vor dem Kapitalismus bestand) „und wird sie typische Produktionsform; erst von da an wird jedes Produkt von vornherein für den Verkauf produziert und geht aller produzierte Reichtum durch die Zirkulation hindurch. Erst da, wo die Lohnarbeit ihre Basis, zwingt die Warenproduktion sich der gesamten Gesellschaft auf; aber auch erst da entfaltet sie alle ihre verborgenen Potenzen. (…) Im selben Maß, wie sie nach ihren eignen immanenten Gesetzen sich zur kapitalistischen Produktion fortbildet, in demselben Maß schlagen die Eigentumsgesetze der Warenproduktion um in Gesetze der kapitalistischen Aneignung.

Man bewundere daher die Pfiffigkeit“ (jetzt folgt die bekannte Stelle, die wir Stalin vorhielten) „Proudhons, der das kapitalistische Eigentum abschaffen will, indem er ihm gegenüber – die“ (laut Proudhon!) „ewigen Eigentumsgesetze der Warenproduktion geltend macht!“ [MEW 23, S. 613]

Mit den Pünktchen in der Klammer haben wir einen ausgelassenen Satz gekennzeichnet, den wir jetzt erklären werden, denn wir wollen gewissen faulen Lesern auf die Sprünge helfen, nicht Zitate aus dem Zusammenhang reißen.

Die klassische Ökonomie war schon beizeiten an dem Punkt angekommen, an dem die „Aktualisierer“, die stets nach „neuesten Ergebnissen“ Lechzenden (lies: Ordinovisten, oder wenn ihr lieber wollt, Sozialbarbaristen und deren „Flirts“) noch immer laborieren. Nämlich: Der Tauschwert einer Ware entspringt nicht auf dem Markt stattfindenden Erschütterungen (Erdbeben oder Hagelschauern), sondern dem Quantum der zur Herstellung einer Ware notwendigen Arbeitszeit. Sehr gut. Der Austausch zwischen ge- und verkauften Waren findet gemäß des weltberühmten Gesetzes statt: Sie enthalten die gleiche Arbeitszeit. Auch gut. Aber die Ware Arbeitskraft macht eine Ausnahme: Sie wird nach einem Zeit-Wert (Lohn) bezahlt, der geringer ist als der ihrem Käufer gelieferte Zeit-Wert. Mit der Entlohnung des Arbeiters wird also das Gesetz des Austausches von Äquivalenten bzw. das Wertgesetz „verletzt“.

Daher der übliche Irrweg auch vieler schon vor Proudhon mit dem Sozialismus liebäugelnden Autoren, nach denen das Tauschgesetz natürlich, ewig, gerecht sei, es müsse nur auch auf die Arbeitsentlohnung ausgedehnt werden.

Und Marx muss mit schweren Hammerschlägen (noch immer zu wenigen, bis heute!) den Nagel einschlagen: Gerade weil das Wertgesetz in Kraft ist, besteht die Klassenunterdrückung, die Ausbeutung des Proletariats. Es ist gerade das Austauschgesetz, das wir zertrümmern müssen. Sozialismus bedeutet nicht gerechter Tausch, sondern Distribution ohne Tausch. Stellen wir noch etwas klar: Wenn ihr vom „individuellen Austausch“ lest, denkt nicht gleich und nicht bloß an das plaudernde Individuum auf dem Marktplatz, sondern besser an die Gesamtmasse einer Warengattung, die laufend in einzelne Tauschakte zerfällt: dann kommt ihr besser klar.

Und nun die vorhin ausgelassene Stelle, die jetzt wie die Faust aufs Auge passt:

„Sagen, dass die Dazwischenkunft der Lohnarbeit die Warenproduktion fälscht, heißt sagen, dass die Warenproduktion, will sie unverfälscht bleiben, sich nicht entwickeln darf“.

Mehr noch als das oft missbräuchlich genannte Privateigentum an Produktions- und Tauschmitteln sind die Produktion von Waren, der Tausch von Äquivalenten und das daraus folgende Lohnsystem die unfehlbaren Merkmale des Kapitalismus.

Jugend-Gewissheiten

Die obige Kritik ist bereits vollständig und in denselben Formulierungen in dem Werk von 1847 gegen Proudhon enthalten. Um eine Beurteilung dieses Autoren gebeten, fasst Marx, 1865, in einer kurzen, außergewöhnlich bedeutsamen Schrift seine Kritik in philosophischer, ökonomischer und historischer Hinsicht zusammen. Er führt entscheidende Stellen aus seinem 18 Jahre früher geschriebenen Werk an und fügt hinzu:

„Hart wie das vorstehende Urteil klingt, muss ich noch heute jedes Wort desselben unterschreiben“ [MEW 16, S. 29].

Und da bezeichnen sich diejenigen als Schüler Marx’, die jedes Mal wieder in Wallung geraten: Wir wollen doch nicht Sachen wiederholen, die schon vor 30 Jahren gesagt wurden…!

Bemerkenswert ist, dass Marx, während er die letzten Schriften Proudhons einer nicht minder entschiedenen Kritik unterzieht, dessen mutigem Auftreten gegen Thiers nach der Niederschlagung der Juni-Insurrektion von 1848 alle Achtung zollt. Doch auch, wenn er Mut und Einsicht beweist, ist die Wankelmütigkeit des Kleinbürgers imponierend, denn er ist

„zusammengesetzt aus einerseits und andrerseits. So in seinen ökonomischen Interessen, und daher in seiner Politik, seinen religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Anschauungen. So in seiner Moral, so in everything. Er ist der lebendige Widerspruch. Ist er dabei, wie Proudhon, ein geistreicher Mann, so wird er bald mit seinen eigenen Widersprüchen spielen lernen und sie je nach Umständen zu auffallenden, geräuschvollen, manchmal skandalösen, manchmal brillanten Paradoxen ausarbeiten. Wissenschaftlicher Scharlatanismus und politische Akkommodation sind von solchem Standpunkt unzertrennlich. Es bleibt nur noch ein treibendes Motiv, die Eitelkeit des Subjekts, und es fragt sich, wie bei allen Eiteln, nur noch um den Erfolg des Augenblicks, um das Aufsehn des Tages. So erlischt notwendig der einfache sittliche Takt, der einen Rousseau z.B. selbst jedem Scheinkompromiss mit den bestehenden Gewalten stets fernhielt.“

Also los, ihr Hosenscheißer, könnt ihr das heutige Geschehen des Jahres 1954 besser beschreiben? Oder verschlägts euch die Sprache?

„Vielleicht wird die Nachwelt die jüngste Phase des Franzosentums dadurch charakterisieren, dass Louis Bonaparte sein Napoleon war und Proudhon sein Rousseau-Voltaire“ [MEW 16, S. 31/32].

Vielleicht werden wir die heutige Phase der italienischen Geschichte dadurch charakterisieren, noch weiter von „Boustrapa“[1] zu Ugo Montagna[2], von Proudhon zu Hinz und Kunz heruntergekommen zu sein.

Beenden wir unseren Exkurs zur Exkommunikation der Warenproduktion mit einigen wenigen Textstellen aus dem noch vor dem „Manifest“ geschriebenen Anti-Proudhon.

Wir erwähnten vorhin die Marx’schen Zitierungen der vor Proudhon lebenden Autoren hinsichtlich eines naiven Egalitarismus. Schon Bray folgerte aus der Gegensätzlichkeit zwischen den korrekten geschäftlichen Verträgen auf dem Markt und dem Lohnvertrag mit dem Arbeiter, dass dies nicht nur eine „mere farce“, eine bloße Komödie ist, sondern auch ein „legal robbery“, ein gesetzlicher Diebstahl – also schon bevor Proudhon das Eigentum Diebstahl nannte.

Wir müssen ja nicht noch einmal sagen, dass die Kritik an der Proudhon’schen Theorie der Rente identisch mit der an den späteren Konstruktionen ist; wir haben das im Kapitel „Metaphysik des Bodenkapitals“ ausführlich erörtert.

Nachdem Marx lange Zitate aus Brays Werk von 1839 angeführt hat, widerlegt er dessen Illusion, wonach das Prinzip der Gleichheit des Tausches die „allgemeine Arbeit zur Folge haben“ müsse, wie folgt:

„Wenn man also annimmt, dass alle Mitglieder der Gesellschaft selbständige Arbeiter sind, so ist ein Tausch gleicher Arbeitsstunden nur unter der Bedingung möglich, dass man von vornherein über die Stundenzahl übereinkommt, welche für die materielle Produktion notwendig ist. Aber eine solche Übereinkunft schließt den individuellen Tausch aus.“

Doch heute, sagt Marx, ist nicht der selbständige Arbeiter das historische Faktum, sondern der kapitalistische Betrieb.

„Was heute durch das Kapital und die Konkurrenz der Arbeiter unter sich bewirkt wird, wird morgen, wenn man das Verhältnis von Arbeit und Kapital aufhebt, das Ergebnis einer Vereinbarung sein, die auf dem Verhältnis der Summe der Produktivkräfte zu der Summe der vorhandenen Bedürfnisse beruht“ [MEW 4, S. 104].

Und wieder habt ihr hier, wie immer ohne Vorwarnung, eine weitere Kennzeichnung der sozialistischen Gesellschaft.

Noch einmal: Jene Vereinbarung ist das Todesurteil des individuellen Austausches. Oder (ach ja, der Schatten Stalins): Der Sozialismus ist das Todesurteil des Wertgesetzes.

Uns so wird der gordische Knoten durchhauen:

„Im Prinzip gibt es keinen Austausch von Produkten, sondern einen Austausch von Arbeiten, die zur Produktion zusammenwirken.“ In jenem Urkommunismus, dessen Rückkehr wir infolge der Negation der Negation erwarten. Weiter: „Die Art, wie die Produktivkräfte ausgetauscht werden, ist für die Art des Austausches der Produkte maßgebend. Im Allgemeinen entspricht die Art des Austausches der Produkte der Produktionsweise. Man ändere die letztere, und die Folge wird die Veränderung der ersteren sein. So sehen wir auch in der Geschichte der Gesellschaft die Art des Austausches der Produkte sich nach dem Modus ihrer Herstellung regeln. So entspricht auch der individuelle Austausch einer bestimmten Produktionsweise, welche selbst wieder dem Klassengegensatz entspricht; somit kein individueller Austausch ohne Klassengegensatz“ [MEW 4, S. 104/105].

Die Paraphrase lautet: Eben dort, wo man auf den individuellen Austausch, also das Wertgesetz stößt, herrscht die kapitalistische Produktionsweise. Hoc feci. Das ist getan.

Die Rententheorie, die zeigt, wie die Bestimmung der Marktpreise für Getreide (der Nahrung) vor sich geht, lässt die Beweisführung zu, dass die anschwellende kapitalistische Produktion – wie hoch der Stand der Produktivkräfte auch sein mag – es nicht fertig bringen wird, die menschliche Gattung zu ernähren. Daher die Voraussicht auf den Zusammenbruch des Kapitalismus. Doch das Bedeutsame ist die Beweisführung, dass dieser Zusammenbruch jenen des Wertgesetzes, eben des Austausches von Äquivalenten verlangt.

Die beste Fabrik und der schlechteste Boden

Zwischen dem Mechanismus der Preisbildung für Industriewaren und dem für Bodenprodukte besteht ein klarer Gegensatz: das ist der springende Punkt. Der Marxismus weiß, dass die kapitalistische Herstellung von Industriegütern deren Kosten und Preise, deren Wert und Produktionszeit reduziert hat und dies auch weiterhin tut, indem sich die neuen sozialen Merkmale zunutze gemacht werden: So die Kooperation des Gesamtarbeiters in der Fabrik, die betriebliche Arbeitsteilung, die gesellschaftliche Arbeitsteilung. Dieser Riesenschritt in der Arbeitsproduktivität ging mit der Scheidung des freien Arbeiters (Handwerker) von seinen Arbeitsbedingungen (Werkstatt, eigene Werkzeuge, eigenes Arbeitsmaterial) einher wie auch mit seiner Verwandlung in einen Proletarier. Doch zweifellos ist die allgemeine soziale Folge dessen positiv zu werten. Für die industriellen Erzeugnisse ist heute eine sehr viel geringere Arbeitszeit notwendig als die, welche die individuelle Arbeit erforderte. Ein Tischler z.B. brauchte wohl einige Werktage, wenn er in seiner Werkstatt einen neuen Stuhl anzufertigen hatte, doch als Arbeiter in einer Stuhlfabrik genügen ein paar Lohnstunden, um sich vom Kapitalisten einen neuen Stuhl kaufen zu können.

Von daher das von unserem anderen Prügelknaben Lassalle nicht verstandene unleugbare Gesetz, wonach sich historisch gesehen der Lebensstandard des Arbeiters in Hinsicht auf die Befriedigung mit Bedarfsgütern industrieller Herkunft erhöht und sich dies nach der ersten harten Anlaufphase auch mit einer gewissen Reduzierung der Durchschnittsarbeitszeit vereinbaren lässt.

Tatsächlich haben seit dem Zeitpunkt, an dem vom Handwerker hergestellte Stühle zu 3000 Lire und Fabrikstühle zu 500 Lire auf den Markt gebracht wurden, alle Stühle, auch die des Handwerkers, einen Marktpreis von 500 Lire. Die praktische Folge ist: Der Handwerker macht seinen Laden dicht – und sich auf den Weg zu den Fabriktoren, um sich zu verkaufen.

So sieht der Triumph des Wertgesetzes aus, denn die beiden Stühle derselben Form und Größe und vom selben Material haben den gleichen Preis (und zehn Stühle würden eben das Zehnfache kosten – soviel zur berühmten Proudhon’schen „Proportionalität“[3]), doch gerade aufgrund dessen mussten sich weitere Handwerker der Lohnsklaverei ergeben. Die naiven Egalitaristen, deren Schwäche war, an eine „ewige Gerechtigkeit“ zu glauben, haben nicht bedacht, dass, wenn eben just auf diesem Terrain dem Kapitalisten (der ja überhaupt keinen Stuhl gebaut hat) 500 Lire gegeben werden müssen, dem Handwerker, der sich ja mehrere Tage geplagt hat, 3000 Lire zukommen müssten.

Angesichts der neuen technischen Mittel bei der Fabrikation von Stühlen, die es überall massenhaft gibt, scheint jedenfalls der zivilisatorische Fortschritt unseres Sitzorgans gesichert zu sein. Auf dem platten Lande stellten sie einst einen Luxus dar, und vielleicht erinnert ihr euch an einen „Sketch“ im Radio, worin eine alte Frau mühsam einen Stuhl zurückeroberte, den Soldaten der Besatzungsarmee benutzt hatten, um darauf einen Rebellen zu fesseln und zu erschießen.

Der Preis für einen Stuhl ist also bestimmt durch die beste Fabrik, die, bei gleichen Mengen Kapital und Arbeit, mehr Stühle als andere fertigt – vor allem bei gleicher Menge variablen Kapitals, das in Arbeiterlöhnen angelegt wird (hohe Produktivität, hohe technische Zusammensetzung des Kapitals). Der Kapitalismus würde die Partie, sich als Fahnenträger höheren Wohlstands zu präsentieren, gewinnen, wenn er beweisen könnte, dies, bei einem theoretisch unbegrenzten Entwicklungstempo und abgesehen von Krisen, Kriegen und ähnlichen Geschichten, auch bei der Nahrungsmittelproduktion zu schaffen.

Nun, hier liegt der Hase im Pfeffer: Selbst Ricardo, dessen Name Hase nicht war, musste einsehen, dass der Marktpreis in der Landwirtschaft nicht durch den produktivsten Betrieb reguliert wird, sondern im Gegenteil durch den schlechtesten. Der Grundpfeiler der von ihm begründeten Lehre der Differentialrente ist, dass der Verkaufspreis des Korns – auch wenn es von den besten Böden stammt – an den Preis gebunden ist, der vom unfruchtbarsten aller in Anbau genommenen Böden bestimmt wird.

Den Kapitalisten Ricardo wurmte das natürlich. Er brauchte niedrige Nahrungsmittelpreise, denn sie bedeuten niedrige Löhne, insofern die Kosten für die Lebensmittel, die genügen, die in der Fabrik vernutzte Arbeitskraft zu reproduzieren, für den Fabrikherrn sinken. Doch Ricardo fand keinen Grund, den hohen Kornpreis zurückweisen zu können, der sich nach dem geringsten Boden richtet – dies sowohl bei Ausdehnung der Kultur auf weiteren Bodenstücken als auch bei wiederholter Mehranlage auf demselben Boden.

C’est la faute au foncier[4]

Ricardo und die Seinen haben einen anderen Ausweg. Das Gesetz des schlechtesten Bodens schreibt er dem Bestehen der Grundrente, dem Bodenmonopol des juristischen Eigentümers zu. Da schon zu seiner Zeit die Verknappung freien Landes auch in Übersee evident wurde, sagt er, es sei möglich, den Preis des Korns und aller anderen Lebensmittel zu senken, wenn die Vorrechte des Grundeigentümers abgeschafft würden – wobei der Agrarkapitalist mit seinem normalen Einkommen ungeschoren davonkäme. Ricardo ist Befürworter der Nationalisierung des Bodens. Was heißt, der Staat setzt sich an die Stelle des Eigentümers und kassiert in Form einer Steuer die Grundrente. Ricardo, der natürlich nicht sagen kann: „C’est la faute à Voltaire, bzw. der Kapitalismus ist schuld“, sagt: „Der Grundeigentümer ist schuld.“

Die Marx’sche Analyse, der wir gefolgt sind, zeigt, dass dies keineswegs so ist. Wenn der Staat eine proportional zur Fruchtbarkeit festgesetzte Steuer auf den Boden legt, er also die zuvor vom Eigentümer eingesteckte Pacht einzieht, bleiben alle Berechnungstabellen dieselben und der Kornpreis wird weiterhin wie zuvor reguliert.

Doch bestimmt schlug Ricardo vor, der Staat solle eine festgelegte Quote pro Flächeneinheit festsetzen. Gegenüber dem schlechtesten, notwendig in Anbau zu nehmenden Boden (eben jenem, der nach Deckung aller Kosten nur den Durchschnittsprofit abwirft) bliebe dann für die besseren Böden jener Surplusprofit, der zuvor zur grundherrlichen Rente wurde – welchselbiger jetzt an den Pächterkapitalisten ginge, ohne dass der Kornpreis fallen würde.

Marx’ Beweisführung stellt klar, dass die Bodenrente der Klassenausdruck dieses Phänomens [der hohen Preise] ist, doch ist sie nicht dessen Ursache. Wenn, nach den üblichen magischen Schwankungen von Angebot und Nachfrage, eine so tiefe Kluft zwischen der Bestimmung der Preise für die Stühle und derer für das Korn besteht, muss die Ursache woanders liegen. Wenn in der Hütte der oben erwähnten Alten weitere Enkel das Licht der Welt erblicken und weiterhin nur der eine Stuhl da ist, nun gut, dann werden sie eben mit ihrem Po auf dem Boden sitzen. Doch am Backtrog sieht die Sache anders aus: denn der muss zwingend jeden Tag eine größere Menge Mehl enthalten.

Wenn der schon lange bebaute Boden durch zuschüssiges Kapital verbessert wurde und aller für den Anbau taugliche Boden angeeignet ist, woher dann das Mehl nehmen, um den Bedarf zu befriedigen? Während die Nachfrage nach Stühlen vom Preis abhängt, eine Sache, um die die bürgerliche Ökonomie so viel Aufhebens macht (der Markt, der 1.000 Stühle zu 3.000 Lire aufnimmt, wird auch 10.000 zu 500 Lire aufnehmen), hängt die Nachfrage nach Mehl nicht vom Preis ab, sondern von der Anzahl der Münder.

Deshalb also, wie Marx auf diesen Seiten immer wieder sagt, wird alles Mehl, soweit dessen Zufuhr nötig ist, um den Bedarf zu decken, zu dem Preis bezahlt, der für den letzten, auf dem schlechtesten Boden produzierten Doppelzentner bezahlt werden muss.

Nehmen wir an, jeder Mensch habe einen Stuhl nötig, so dass er ihn um jeden Preis erwerben muss: Glaubt ihr wirklich, der Stuhlfabrikant hätte irgendwelche Skrupel, ihn zu 3.000 Lire zu verkaufen, auch wenn sich der Produktionspreis auf nur 500 Lire belaufen hätte? Laut dem sakrosankten Gesetz des Austausches könnte er das ohne weiteres machen: Solange er jemandem 3.000 Lire für den letzten Stuhl abknöpfen könnte, würde er keinen einzigen für 2.999 Lire verkaufen und für jeden 2.500 Lire Extraprofit kassieren.

Dafür müsste nur die Bedeutung, die die Anzahl der Münder hat, auch für die Anzahl der… gelten!

Der Schlüssel des Problems liegt daher nicht in der Existenz des Grundeigentümers, sondern in der Natur des menschlichen Bedürfnisses, im Charakter der – natürlichen oder künstlichen – „Gebrauchswerte“. Der Kapitalismus ist die Epoche, in der künstliche Bedürfnisse befriedigt werden und die natürlichen unbefriedigt bleiben. Für die künstlichen ist der angebotenen Menge keine Grenze gesetzt: Im Allgemeinen müssen bloß neue Fabriken aufgemacht werden, und um die „Nachfrage zu vermehren“, wie wir es bei Marx ausgedrückt finden, gibt es eine ganze Wissenschaft, samt ihren Professoren, ihren Lehrbüchern, ihren Kongressen: Nämlich das Marketing, die Kunst, neue Produkte auf den Markt zu werfen und immer mehr Konsumenten und Absatzmöglichkeiten aufzutun. Werbung und alle möglichen anderen Kunstgriffe wirken zusammen, um aus dem Nichts neue „Nachfrage“ hervorzuzaubern. Im kapitalistischen Jargon ist der Produzent nunmehr nicht derjenige, der sich die Hände und den Rest aufreißt, um notwendige Fabrikerzeugnisse zusammenzubauen, sondern derjenige, der die Kauflust weckt; jene Spezies hausierender Kuppler, die jeden Menschen überzeugen will, etwas zu kaufen, wonach es ihn nicht im mindesten gelüstete, bevor die Zaubermittel des Marketings über ihn kamen.

Damit jemand Verlangen nach den unentbehrlichen Nahrungsmitteln verspürt, sind keinerlei Machwerke der Überzeugungskunst nötig: die Natur macht das schon. Das Wertgesetz ließe folgende Vorstellung unsinnig erscheinen: Geben wir den Konsumenten, die von den guten Böden B, C, und D versorgt werden können, die Nahrungsmittel zu drei Viertel des Preises, und den vollen Preis, da kann man nichts machen, sollen nur die Wenigen zahlen, die das bisschen Korn von A verzehren. Dagegen liegt es allzu nahe und ist allzu einfach, eben allen an die Gurgel zu gehen: Da der Boden begrenzt ist, wird es für alle darauf hinauslaufen, das Gleiche zu zahlen, nämlich den höchsten Preis.

Eine weitere Aufgabe wird es sein zu sehen, wie die kapitalistische Welt – der nicht gerade wenige Deppen dafür bürgen, die Produktion immer riesenhafter und maßloser anschwellen zu lassen – sehr bald in verschiedenen anderen Sektoren die Sättigung der Produktionsfelder, von denen sie lebt, erreichen und sehr bald Monopolrenten einstreichen und „Hunger nach allem“ haben wird.

Die bürgerliche Produktion, die immer Mittel und Wege findet, dem Konsumenten „nicht nur wege’m Brot“ an die Gurgel zu gehen, übt sich auf allen Feldern mithilfe der gnadenlosen Werbung und des Marketings in der Kunst, ihn auch an’n Arsch zu kriegen.

Das Differentialgesetz ist gültig

Ist denn, könnte man fragen, dieses seltsame Gesetz, wonach der Kornpreis durch den schlechtesten Boden bestimmt ist und worüber sich bürgerliche und kommunistische Ökonomen einig sind, tatsächlich gültig? Und wenn nun Ricardo in seiner Voraussicht doch zu schwarzgesehen und die modernen technischen Mittel nicht in Rechnung gestellt hätte? Zeigen die Statistiken denn nicht, dass heute nicht mehr nur Schreibfedern und Stopfnadeln billig zu kaufen sind, sondern auch das Brot?

Marx und Ricardo untersuchten diese Frage zu einer Zeit, in der die moderne Ökonomie die feudale Welt erst seit kurzem hinter sich gelassen hatte, einer Zeit, in der zwischen ländlicher Nahrungsmittel- und städtischer Produktenherstellung ein gewisses Gleichgewicht herrschte. Die noch dünngesäte städtische Bevölkerung hatte nur eine quantitativ begrenzte Nachfrage nach Lebensmitteln, wenngleich innerhalb gewisser unabdingbarer Grenzen (worauf die damaligen Staaten im Hinblick auf Notstandsperioden sehr achteten). Die weitaus zahlreichere ländliche Bevölkerung ernährte sich in der Regel von ihren eigenen, regional hergestellten Erzeugnissen und benötigte nur in geringem Ausmaß städtische Produkte, weil die meisten Gegenstände in der überall nebenher bestehenden häuslichen Industrie gefertigt wurden.

Mit dem Auftreten der neuen produktiven Formen, das auf dem europäischen Festland ungefähr mit der Bildung der nationalen Einheiten und Verfassungen zusammenfiel, veränderte sich der Lebensrhythmus und die Bedürfnisse erweiterten sich. Doch die relative Verteuerung der Verbrauchsartikel machte sich für die Bevölkerung deutlich fühlbar: eine relative, aber doch reale Verteuerung, d.h. nicht nur auf die fast allgemein herrschende Geldinflation bezogen, sondern auch, namentlich bei den städtischen Massen, in Bezug auf die reale Verfügung über die Erwerbsmittel.

Aus der Generation der letzten Jahre des vorigen Jahrhunderts erinnern sich noch viele daran, dass die Alten ihrer Kindheit, vor allem unter den armen Leuten, noch der der nationalen Einheit vorhergehenden Zeit wie einer Art untergegangenem goldenem Zeitalter nachtrauerten, insbesondere wegen der, unter Bourbonen und Österreichern, noch billigen Lebensmittel. Die ganze ökonomische Geschichte der ersten Jahrzehnte des vereinten Italiens ist eine Geschichte des Kampfes der armen Klassen gegen die Erhöhung der Lebenshaltungskosten, gegen die Kornzölle, die Steuern auf Mehl und andere neuzeitliche Belastungen, die eine verloren gegangene reichliche Lebensmittelversorgung – wenn auch nicht so reichlich, wie es in der Erinnerung scheint – durch den allgemeinen Hunger ersetzte.

Nun sind selbst nach landläufiger Meinung seit damals alle Verbraucherindizes, auch in den rückständigen Regionen, gestiegen, und zwar trotz der Perioden tiefer Krisen, die die ersten afrikanischen Feldzüge und die beiden Weltkriege begleiteten.

Es wird daher nicht schaden, wenn wir die Zweifel darüber, ob das Gesetz des den regulierenden Marktpreis der Lebensmittel bestimmenden „schlechtesten Bodens“ auch heute noch stimmt, einstweilen bereit sind ernst zu nehmen.

Rufen wir uns die bisher befolgte Vorgehensweise in Erinnerung. Wir haben die Ricardo’sche Erklärung akzeptiert, wonach die Rente auf den durch ein kapitalistisches Unternehmen mit seinen Lohnarbeitern bewirtschafteten Böden aus einem Surplusprofit entsteht. Zwei Böden, die bei gleicher Kapitalanlage und gleicher Arbeitsmenge ungleiche Produktmengen abwerfen, geben ungleichen Gewinn. Da ja der Pächter in beiden Fällen (bei gleichem Kapital) denselben Profit macht, ist die Gewinnspanne, die im Fall des fruchtbareren Bodens entsteht, eine Differenz, ein Surplusprofit, der sich in höheres Pachtgeld, in an den Grundeigentümer zu zahlende Rente verwandelt.

Marx stellt klar: Dies ist dadurch bedingt, dass der Markt das Korn in beiden Fällen zum gleichen Preis absorbiert, also zum vom geringsten Produkt bestimmten Produktionspreis, welcher Löhne, konstantes Kapital und den normalen Profit aufwiegen muss. Nun stellt sich aber, wenn zum besseren Boden übergegangen wird, derselbe Produktionspreis (in dem ja die Entlohnung von Arbeitern und Kapitalisten schon eingerechnet ist) in einem quantitativ höheren Produkt dar, in mehr Quarters Korn: das ist die Differentialrente.

Kommen wir zu den Zahlen: Immer wenn sich das Produkt um einen Quarter erhöht, steigt die Rente um 60 Shilling, oder bei jedem Doppelzentner um 8.000 Lire, oder bei je zwei Bushels um 15 Shilling.

In allen Tabellen sind nun die Marktpreise vermerkt, berechnet nach dem Produktionspreis im schlechtesten Fall, auf dem geringsten Boden, der gerade noch den Kapitalprofit hergibt; die Rente aber, wie wir wissen, ist Null.

Noch ein kleines Treppchen

Die „Hypothese“, wonach der vom schlechtesten Boden bestimmte Preis für alle Böden gilt – zur großen Freude des Eigentümers und zum großen Beschiss des Verbrauchers – hat sich also als richtig herausgestellt. Es folgt daraus, dass die Rente beim Sprung von einem Boden zum anderen dem Differentialgesetz gehorcht: Das bedeutet, wie schon gesagt, die Rente ist nicht proportional zum erzielten Produkt, vielmehr sind die Renten„sprünge“ proportional zu den beim Produkt erzielten „Sprüngen“.

Wie sich dieses Gesetz erfüllt, zeigte sich in Form I, wenn von einem Boden zum nächsten fortgegangen wird, und in Form II, wenn auf dem gleichen Boden, dessen Leistung gesteigert werden soll, mehr Arbeit und Kapital aufgewendet wird. Auch hier galt immer der Marktpreis des schlechtesten Bodens, und wir haben gesehen, dass, welche Wirkung das zuschüssige Kapital auf die Produktivität und den allgemeinen, sozialen Preis der Lebensmittel auch haben mag, die Rente nicht nur fortlebt, sondern auch das Gesetz ihres „Springens“ nach Differenzen, die den „Sprüngen“ der geernteten Zentnerlasten proportional sind, gültig bleibt.

Wenn wir also sehen, dass dies in der wirklichen Landwirtschaft geschieht, d.h. die Rentensprünge sich wie die Fruchtbarkeitssprünge verhalten, werden wir (wie es bei jeder wissenschaftlichen Frage der Fall ist) bewiesen haben, dass unsere Hypothese (vom geringsten Boden bestimmter Preis) die richtige war. So wurde Newtons Hypothese über die Anziehung der Himmelskörper durch die Kepler’schen aus der Beobachtung gezogenen Gesetze bestätigt, denn aus Newtons „Annahmen“ wurden eben jene Gesetze deduziert, denen die sich im All bewegenden Planeten tatsächlich folgen.

Um die Sache, mit dem gebührendem Vorbehalt, was die Gültigkeit der Angaben angeht, zu überprüfen, wollen wir noch einmal die Tarifübersicht des italienischen Grundbuchs zur Hand nehmen, denn diese für eine ganze Reihe von Kulturen und Bodenarten festgelegten Tarife liefern uns, im Geldwert von 1939, zwei Angaben: die grundherrliche Rente und den Profit des Agrarunternehmens, die steuerpflichtiger Pachtertrag und steuerpflichtiges Agrareinkommen genannt werden. Wir sprachen von zu machenden Vorbehalten, da es sich um bürokratische Erhebungen handelt, die, auch wenn die Verwaltungstechnik von 1939 nicht so liederlich und schlampig wie die heutige war, eine ganze Reihe von formalen Gesichtspunkten aufweisen. Wir werden daher keine völlig eindeutigen Bestätigungen erwarten, wie bei den theoretischen Tabellen, sondern uns zufrieden geben, wenn es zwischen den theoretischen und praktischen Angaben eine gewisse Übereinstimmung gibt.

Wir haben also eine Reihe von Böden vor uns, deren Zahlenangaben (sowohl für die Rente als auch für den Profit) im Großen und Ganzen zuverlässig sind. Wir brauchen jedoch die Angaben für den Wert des Produkts (nicht aber die für die Menge, denn die Menge eines jeden Lebensmittels springt um ebensoviel wie der auf dem Markt erlöste Wert: Wenn der Wert von 8.000 auf 80.000 Lire steigt, wissen wir auch, dass sich die Kornmenge von einem dz auf zehn dz erhöht hat). Wie aber erfahren wir den Wert des Produkts? Ganz einfach.

Der auf dem Markt erhaltene Gesamterlös zerfällt wie folgt: Der Pächter kassiert den Erlös und zahlt dem Eigentümer die Rente. Dann prüft er, ob alle seine Jahresausgaben wieder reingekommen sind: Arbeiterlöhne, Saat- und Düngerkosten, Zinsen etc. Was darüber ist, ist sein Unternehmensprofit – den wir kennen, weil der Fiskus diesen als sein Agrareinkommen angibt. Und wir wissen auch, dass dieser Profit im Durchschnitt ein bestimmter Teil der Ausgabe bzw. der Kapitalanlage ist. Nehmen wir in allen Fällen einen Profit von 20% an, wobei wir in Rechnung stellen, dass, aufgrund des allgemeinen Zartgefühls, das Teil-, Halbpächtern und Ähnlichen zuteil wird, die Einkommen in der Tabelle gegenüber den Renten etwas heruntergedrückt sind. Wenn ich also in der Tabelle ein Einkommen von 1.000 sehe, weiß ich, dass der Kapitalvorschuss 5.000 betrug, um jene 1.000 zu 20% einzubringen, und der Erlös des Pächters daher, nach Zahlung der Rente, 6.000 beträgt: sechsmal so hoch wie sein Einkommen. Der Verkauf auf dem Markt hat also diese 6.000 plus der Rente decken müssen – war letztere 4.000, wurde das Gesamtprodukt, wie ich schließen kann, zu 10.000 verkauft. Der Klarheit halber wiederhole ich: Erlös 10.000. Eigentümerrente 4.000. Ausgaben des kapitalistischen Pächters 5.000. Profit desselben 1.000.

Wenn wir dann eine Stufenfolge der Rente und daneben eine des Produkts aufstellen, können wir sehen, dass, wenn wir die Rentenstufen auf- oder absteigen, dasselbe für die Produktstufen gilt, dass einer großen Stufe der ersteren eine große Stufe des letzteren entspricht usw.

Diese Schlaumeier von Zahlen

Italien, Gemeinde Weiß-der-Kuckuck. Fünf Klassen Zitrusfrüchte. Rentensteigerung: 1.950, 2.400, 3.300, 4.600, 5.800. Einkommenssteigerung: 240, 250, 300, 330, 350.

Wir sagten oben, der aus dem Produkt herausgeschlagene Wert ist, im 1. Fall (Boden V), sechsmal so groß wie das Agrareinkommen von 240, also 1.440, plus der Rente von 1.950, macht 3.390. Wenn wir diese kleine Rechnung auch in den anderen vier Fällen durchführen, haben wir die Reihe des Bruttoprodukts: 3.390, 3.900, 5.100, 6.580, 7.900.

Es geht nun um die „Differenzen“, die wir Sprünge genannt haben, bei der Renten- und dann Produktenreihe und darum, den Fortgang zu vergleichen. Wir schreiben das Ergebnis der vier Sprünge in zwei Reihen untereinander:

Produktensprünge: 510, 1.200, 1.480, 1.320.

Rentensprünge: 450, 900, 1.300, 1.200.

Der Fortgang zwischen den Sprüngen stimmt augenscheinlich überein. Die Gültigkeit des Gesetzes der Differentialrente bestätigt sich damit. Wenn wir uns über das im vorhergehenden Kapitel Gesagte klar werden wollen, d.h. dass die Rente nicht proportional zur Fruchtbarkeit (Gesamtprodukt pro jeweiligen Hektar) ist, sehen wir sofort: Der schlechteste Boden mit dem Produkt von 3.390 ergibt eine Rente von 1.950. Auf dem besten Boden steigt das Produkt auf 7.900. Stiege die Rente im selben Verhältnis, betrüge sie rund 4.500 (nach dem einfachen Dreisatz: 1.950 mal 7.900 geteilt durch 3.390). Die tatsächliche Rente ist in Wirklichkeit sehr viel höher, nämlich 5.800. Damit sich die Sache nicht zu sehr in die Länge zieht, nehmen wir nur noch ein anderes Beispiel.

Bewässertes Saatland, Gemeinde Huckepack-tragen: Rente 240, 400, 675, 925. Agrareinkommen: 160, 180, 220, 240. Wie oben berechnetes Produkt: 1.200, 1.480, 1.995, 2.365. Weil die Treppe nur vier Stufen hat, gibt es drei Sprünge.

Produktensprünge: 280, 515, 370.

Rentensprünge: 160, 275, 250.

Auch hier sehen wir, wie das Verhältnis zwischen den Sprüngen zusammenpasst.

An beiden Beispielen mit den wirtschaftlichen Daten aus heutiger Zeit zeigt sich das Fortbestehen der Rentenerträge unter gänzlich verschiedenen Bedingungen sowie, mit dem Steigen der Produktivität des Pächterunternehmens, auch das Steigen dieser Erträge. Dies bestätigt das Differentialgesetz der Ertragssteigerung sowohl des Eigentümers als auch des Agrarindustriellen, und damit die Ursache, deren Wegfall diese Steigerungen verunmöglichen würde: Nämlich den hohen Preis der Lebensmittel, den die Masse der Verbraucher gemäß der Arbeitsmühe, die die Lebensmittelproduktion unter den ungünstigsten Bedingungen kostet, zu zahlen hat.

Wir müssen ja nicht besonders hervorheben, dass diese Belastung der Nahrungsmittelkonsumtion gegenüber der Konsumtion industrieller Güter vor allem von den Armen geschultert werden muss, deren Lebensmittelausgaben einen sehr viel höheren Anteil ihres Einkommens verschlingen als es bei den höheren Einkommen der Fall ist, worin die Konsumtion und Nutzung mannigfaltiger, nicht dem Boden entstammender Waren und Produkte enthalten ist.

Wiederaufnahme der Tagesordnung

Im Vorherigen haben wir die Bedeutung der Schlussfolgerungen, zu denen die marxistische Rententheorie gelangt, vorangestellt, und gezeigt, dass sie – als Korollarium sowohl der Form I als auch der Form II – vollständig auf die moderne Form der Agrikultur anwendbar ist. Da es noch viele bemerkenswerte Dinge gibt, die in den Entwicklungen dieses entscheidenden Teils des Marx’schen Werkes hervorzuheben sind, ist es ratsam, die vom Autoren selbst aufgestellte und von uns befolgte Tagesordnung wiederaufzunehmen.

Nachdem er die beiden Formen der Differentialrente entwickelt hat, kommt er zum Absatz „Verwandlung von Surplusprofit in Rente“[5].

Der Originaltext ist, wie bekannt, in einer bestimmten Ordnung zusammengestellt worden, die nicht unbedingt jene ist, die Marx bei der Vorbereitung des Materials verschiedener und unterschiedlich zu Ende geführter Fassungen im Kopf hatte. Die Synthese, auf die wir uns beziehen, findet sich in der Tat nicht zu Anfang, sondern just an der Stelle, an der wir jetzt angelangt sind, d.h. nach den Kapiteln der verschiedenen Fälle und Varianten der Form II der Differentialrente; wir sind diesem Entwicklungsgang gefolgt, wobei wir die Engels’schen Tabellen wieder an ihren richtigen Platz gestellt haben.

Marx vergleicht jetzt auf andere Art die Wirkung zusätzlicher Kapitalanlagen auf demselben Boden B; wobei nach wie vor Boden A besteht, der weniger produziert und den regulierenden Marktpreis bestimmt. Wenn die erste Kapitalanlage auf B die gleiche ist wie auf A, dann bildet, wie wir wissen, das gegenüber A höhere Produkt von B Rente.

Es wird nicht schaden, abermals zur Begrifflichkeit der verschiedenen Preise zurückzukehren. Auf A ergibt der eine Quarter 3 Pfd. St.; B produziert 3½ qrs., und da sich die Esser drängeln, kann der qr. zu 3 Pfd. St. verkauft werden, was 10½ Erlös gibt [MEW 25, S. 700]. Doch wird die höhere Fruchtbarkeit auf B nicht nur aufgrund der besseren Bodenart erlangt (was, wie die Marx’sche Tabelle I zeigt [S. 698], nur zu 2 qrs. geführt hätte), sondern auch infolge höherer Kapitalauslage, die auf 5, bzw. höherer Produktionskosten, die auf 6 Pfd. St. verdoppelt wurden. Es gibt einen Überschuss oder eine Gewinnmarge von 4½ Pfd. St., die Rente ist. Vor der Verdoppelung des agrikolen Kapitals hätte die Rente von B (wegen des zusätzlichen einen Quarters geernteten Korns) nur 3 Pfd. St. ergeben.

Wir müssen dieser ganzen Entwicklung nicht folgen, denn wir haben die Schlussfolgerungen schon benannt, zu denen Marx gelangt, als er sich fragt, wie viel zuschüssige Mehranlage Boden B auf sich ziehen kann, auch wenn angenommen wird, dass der Ertragssprung bei jeder neuen Zufuhr von Kapital weniger fühlbar ist [vergleiche S. 738 ff.].

Worauf es ankommt, ist die Bestimmung der Preise.

Boden A: Kostpreis bzw. Kapitalanlage 2½ Pfd. St. pro Acre. Produktionspreis (20% Profit müssen hinzugefügt werden): 3 Pfd. St. Verkaufspreis: derselbe, da es keine schlechteren Böden als A gibt. Der Produktionspreis von A, 3 Pfd. St. pro Acre, wird daher auch regulierender Marktpreis, allgemeiner Preis.

Boden B: Solange mit dem gleichen Kapital (einschließlich Profit) von 3 Pfd. St. zwei Quarters erzeugt werden, werden diese zum gleichen regulierenden Marktpreis von 3 verkauft. Doch sein individueller Produktionspreis beträgt nur die Hälfte, d.h. nur 1½ Pfd. St. pro Quarter.

Das Kapital [einschließlich Profit] wird nun verdoppelt, auf 6 Pfd. St., aber das Produkt steigt nicht auf das Doppelte (was 4 qrs. wären), sondern auf 3½ qrs., und verkauft werden sie, wie schon gesagt, zu 10½ Pfd. St.: Welches ist nun der individuelle Produktionspreis? Wieder versteht sich, dass hier mit individuell das bebaute Feld gemeint ist, und nicht eine menschliche Person oder ein Kenner des Marktes! Dieser individuelle Produktionspreis wird, bei 3½ qrs. und Kosten von 6 Pfd. St., bei etwa 1 Pfd. St. und 14 Shilling liegen. Der Punkt ist nun folgender: Der individuelle Produktionspreis liegt immer unter dem allgemeinen Marktpreis von 3 Pfd. St. Es gibt daher immer noch Rente.

Der Eigentümer kann daher sukzessive Mehranlage von Kapital auf seinem Boden erlauben, ohne zu fürchten, dass seine Rente verschwindet – selbst dann nicht, wenn die Regel der abnehmenden Fruchtbarkeit der sukzessiven Anlagen stimmen würde. Solange die durchschnittliche Profitrate gesichert ist, werden sich immer Pächter finden, die ihr Kapital in den Boden zu stecken bereit sind.

Die Schlussfolgerung lautet also: Solange die Ursache des Phänomens der hohen Preise in der Warenproduktion liegt und die eiserne Regel: gleicher Preis für gleiche Ware, gültig ist, wird der Preis der Nahrungsmittel bei steigender Nachfrage nicht bloß nicht fallen, wie es bei den industriellen Massenwaren der Fall ist, sondern er wird im Gegenteil sogar steigen, wenn es, um die Bevölkerungen zu ernähren, unumgänglich ist, das Produkt auf den bereits bewirtschafteten Böden höher zu treiben.

Die „culpa“ liegt nicht in der Institution Eigentum – die „culpa“ liegt in der Institution Markt.

Quellen:

Mai la merce sfamerà l’uomo“: Il programma comunista, Nr. 8, April 1954.

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MEW 4: Marx – Das Elend der Philosophie, 1846/47.

MEW 16: Marx – Über P.-J. Proudhon, 1865.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

 


[1] Boustrapa: Spitzname Louis-Napoleon Bonapartes, der aus den ersten Silben der Städtenamen Boulogne, Straßburg und Paris gebildet wurde. Eine Anspielung auf Bonapartes Putschversuche am 30. Oktober 1836 in Straßburg, und am 6. August 1840 in Boulogne sowie auf den Staatsstreich in Paris vom 2. Dezember 1851, der zur Errichtung der bonapartistischen Diktatur in Frankreich führte.

 

[2] Ugo Montagna: angeblich ein Marquis; in den Skandal um den Tod einer jungen Frau verwickelt. Siehe auch Fußnote 6 in „1954-04-02 – Jungfräulicher Boden – satyrisches Kapital“.

[3] Proudhon’sche „Proportionalität“ bedeutet, dass die Produkte im Verhältnis der Arbeitszeit, die sie gekostet haben, ausgetauscht werden. Produktion und Konsum sollen sich so entsprechen, der Preis eines Produkts seinen tatsächlichen Wert ausdrücken, so dass die zur Herstellung eines Produkts benötigte Arbeitszeit sein richtiges Verhältnis zu den Bedürfnissen wiedergeben soll. Vergleiche MEW 4, S. 89 ff.

[4] C’est la faute au foncier (frz.): Der Boden ist schuld.

[5] Es ist der gesamte sechste Abschnitt des III. Bandes des „Kapital“, der so überschrieben ist.