Im Faden der Zeit [131]

XII. Das Bathyskaph[1] kann seinen Tauchgang in die Geschichte beenden!

Die Jagd nach Fehlern

Für Ricardo, das sagten wir schon des Öfteren, ist die Rente einzig und allein Differentialrente. In der Marx’schen Theorie hingegen ist die Rente insofern differential, wie Böden von verschiedener Fruchtbarkeit sowie verschiedene Kapitalanlagen auf derselben Bodenstrecke verglichen werden; doch es gibt noch eine absolute Basis- bzw. „Grund“rente, der dann die Differentialrenten hinzugefügt werden.

In der Marx’schen Beweisführung werden zuerst die Gesetze der Differentialrente in Form I und II dargelegt, wobei rechnerisch belegt wird, dass, bei gleicher Entlohnung bzw. Vergütung von Arbeit und agrikolem Kapital, mit den Differenzen des Produkts exakt solche der Renten einhergehen.

Marx stellt in dieser gründlichen Beweisführung, die, wie wir zeigten, durch aktuelle Daten der Agrarwirtschaft bestätigt wird, die Hypothese des schlechtesten Bodens A auf, dessen Produkt einen Markterlös einbringt, der zwar Arbeit und Kapital bzw. Lohn und Durchschnittsprofit deckt, doch keinen Überschuss oder Surplusprofit abwirft, daher auch keine Rente.

Da Marx so vorging, könnte es so aussehen, als habe er seine Theorie einer absoluten Rente, wonach auch der unfruchtbarste Boden eine Rente trägt, aufgeben müssen.

Als er in den „Rubriken“ zur absoluten Rente kommt, erklärt Marx, weshalb dieser angebliche Widerspruch keinen Augenblick lang auftaucht.

Bevor wir die kristallklare Deduktion darlegen, bemerken wir noch: Die vermeintlichen Anhänger Marx’, die sich zwar den Teufel um den Korpus der Lehre scheren, aber doch nicht darauf verzichten wollen, die mächtige historische Strömung, für die das Werk und der Name Marx’ stehen, „politisch“ zu nutzen, machen ausgiebig Gebrauch vom Marx’schen Werk, doch seit mehr als 50 Jahren weist dieser Gebrauch einen chronischen Charakter auf: die Jagd nach angeblichen Widersprüchen.

Wir haben überhaupt nichts gegen diejenigen, die die „opera omnia“[2] des Heiligen aus Trier zum Altpapier werfen wollen und erklären, dass es die historischen Gesetzmäßigkeiten, die Marx auffinden wollte, gar nicht gäbe, weil sich die Geschichte nicht „schubladisieren“ ließe, und dass wir Marxisten uns deshalb umsonst mühten.

Auf die Nerven gehen uns allerdings diejenigen, die das machtvolle System der marxistischen Lehren plündern, und die zuerst von Marx systematisch dargelegte proletarische Doktrin mit einer Wohltätigkeitslotterie verwechseln, wo jeder in die Trommel greifen und sich nach Belieben bedienen kann.

Obschon die so genannten Kritiken am Marxismus teilweise Jahrzehnte auseinander liegen, ist es jedes Mal wieder der gleiche aufgewärmte Kohl: Viele glauben tatsächlich, endlich den wunden Punkt gefunden zu haben oder Abschnitte, die neu zu schreiben wären, und sehen nicht, dass dieselben Dinge, sogar mit denselben Worten, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts festgeschrieben sind.

Marx, der am meisten und am schlechtesten zitierte Verfasser, sei, so heißt es etwa, ein großer Geist gewesen, der sich, je nach Dringlichkeit, da oder dort mit einem Hechtsprung ins Meer der Sozialgeschichte gestürzt habe, und mit einem unglaublichen Scharfsinn hätte er in großartiger Weise Teile der Wirklichkeit zu fassen gekriegt, während er sich andere Male in angeblichen „Widersprüchen“ verheddert hätte.

So etwas passiert allen Verfassern, und so konnte es auch Marx passieren, sobald in der üblichen Manier in der Produktion ihrer Feder oder ihres Gehirns herumgestochert wird. Wenn man aber die organische Rekonstruktion der Theorie vorzunehmen weiß, die nicht das Ergebnis eines großen oder auch kleinen Hirns ist, sondern einer materiellen Kraft der Geschichte, tritt die harmonische Geschlossenheit des Ganzen offen und unbestreitbar zutage.

Daher also das Märchen vom jungen und alten Marx, von seinen Frühschriften und seinem reifen Werk, von seinen zwei Seelen usw.; daher die aus der Luft gegriffenen Gegensätze zwischen den verschiedenen Momenten und Entwicklungsphasen einer Darlegung, die nicht das Eigentum und Produkt eines Mannes, sondern einer geschichtlich auftretenden Klasse ist. Wir haben es also noch nicht mal mit der üblichen Methode der Ergänzung, Aktualisierung, Verbesserung und Ausnutzung dessen zu tun, was einem dafür geeignet und tauglich zu sein scheint – vielmehr handelt es sich hier um Unverständnis, Fälschung und degenerierende Regression, um das herumtappende Gestottere und Gefasel derjenigen, denen das revolutionäre Licht zu grell ist.

Noch einmal: Entweder man nimmt das Ganze oder gar nichts.

Absolutheiten und Differenzen

Es ändert sich durchaus nichts am Gesetz der Differentialrente, so erklärt Marx hier, wenn angenommen oder festgestellt wird, dass auch der geringste Boden eine Rente zahlt, denn die sukzessiven Sprünge werden ihr hinzugefügt, wenn die Bodenklasse wechselt oder weitere Anlage von Kapital und Arbeit stattfindet.

Nicht nur, dass es den genannten Widerspruch nicht gibt, sondern in jeder wissenschaftlichen Forschung wird so verfahren. Nehmen wir das Gesetz der Thermodynamik, wonach bei der Erwärmung eines beliebigen Körpers die hinzugefügte Wärmemenge im Verhältnis zur Temperaturerhöhung steht. Keine Angst! Sagen wir, wir machen uns um die monatliche Gasrechnung Sorgen, und haben einen Zähler, der nicht bloß die verbrauchten Kubikmeter, sondern auch den zu zahlenden Betrag anzeigt. Der Topf steht auf dem Herd und ihr hängt ein Thermometer hinein. Steigt die Temperatur von 20 auf 40°, sind bereits 5 Lire futsch. Um die Nudeln hinein zu tun, muss die Temperatur noch von 40 auf 100° steigen, d.h. um einen gegenüber dem vorherigen dreifachen „Sprung“: Nichts zu machen, noch einmal 15 Lire weg. Das ist der Vorteil der wissenschaftlichen Bildung: Man kann sich auf das Ausmaß der Abzocke schon im Voraus freuen.

Nun gut, wenn ihr statt des Thermometers, das Grad Celsius anzeigt, eines hättet, das Grad Fahrenheit zeigt (wobei statt 0 jetzt 32° und statt 100 nun 212° gelten) – hätte sich irgendetwas geändert? Überhaupt nichts, und das wisst ihr jetzt „auf Anhieb“. Steigt die Temperatur von 68 auf 104° Fahrenheit, hätte ich 5 Lire, und von 104 auf 212° die restlichen 15 Lire zu löhnen. Tatsächlich belaufen sich die Temperatur„differentiale“ (brrr) in diesem Fall auf 36 und 108, und Letzteres ist wiederum das Dreifache des Ersteren.

Die physikalische Energie, die den Transformationsgesetzen gehorcht (ohne dass dabei etwas erschaffen oder vernichtet würde – bleibt ganz ruhig: das gilt auch auf dem Gebiet der Atomenergie), ist, in der stinkenden kapitalistischen Epoche, eine Ware, weshalb sie, laut dem Wertgesetz, Geld kostet. Darum haben wir die Temperatur auf dem Thermometer abgelesen und die Wärmeenergie im… Geldbeutel. Gnadenlos. Bevor nun die 20-Lire-Differenz dazukommt, enthält das Wasser mit den 20 Grad Celsius bzw. 68 Grad Fahrenheit schon eine gewisse Wärmeenergie, was bewirkt, dass die Moleküle eine zwar unsichtbare, aber irrsinnige Rumba tanzen… Der langen Rede kurzer Sinn: Um die differentialen Energien und Kosten zu messen, können wir die Null da setzen, wo wir wollen – die Rechnungen gehen trotzdem auf. Das als Beispiel genommene Gesetz des Verhältnisses zwischen Temperatur und Wärmemenge braucht seine Gültigkeit nicht dadurch beweisen, dass die Erwärmung von einem theoretisch energielosen Körper ausgeht (und es gibt gute Gründe zu glauben, dass er bei minus 273 Grad, also 273 unter Null, bar jeder Energie ist).

Einen ganz ähnlichen Fall haben wir im I. Band des „Kapital“ [MEW 23, S. 226 ff], als Marx bei der Entwicklung der Theorie des absoluten und relativen Mehrwerts unterstellt, dass kein konstantes Kapital, sondern allein die Lohnkosten in das Produkt eingehen. Wie jeder Wissenschafter es tun kann, setze ich, sagt er, c gleich Null und betrachte nur v, variables Kapital, und m, den Mehrwert. Wenn ich dem konstanten Kapital sein Wiedererscheinen „erlaube“, wie es real denn auch geschieht, hat sich an den Schlussfolgerungen nichts geändert. Ein Zaubertrick eigens für Kinder. So weiß jeder des Lesens und Schreibens unkundige Hilfsarbeiter, dass sein Chef keinen Pfennig mehr in der Tasche haben wird, wenn er für 1 Million Mark Rohstoffe kauft, sich davor setzt und sie anschaut; wenn er aber für 1000 Mark Arbeiter anheuert, die das Material verarbeiten, werden 2000 Mark daraus. In der Sprache der „hohen“ Mathematik klingt das scheußlich: Das Differential einer konstanten Menge gleich Null. Allen sträuben sich jetzt die Haare, aber alle lächeln, wenn ich sage: einer, der stehen bleibt, bewegt sich nicht. Der Grad meiner Dummheit ist in beiden Fällen der gleiche… die „Ableitung“ [oder der Differentialquotient] ist gleich Null.

Karls kleine Algebra

Zum hundertsten Mal fängt Marx, wir vielleicht erst zum zehnten Mal, ab ovo[3] an.

„Nennen wir den allgemeinen, den Markt regulierenden Produktionspreis P, so fällt P für das Produkt der schlechtesten Bodenart A mit ihrem individuellen Produktionspreis zusammen; d.h. es zahlt der Preis das in der Produktion verzehrte konstante und variable Kapital plus dem Durchschnittsprofit (= Unternehmergewinn plus Zins).

Die Rente ist hier gleich Null. Der individuelle Produktionspreis der nächstbessern Bodenart B ist = P', und P > P'; d.h. P zahlt mehr als den wirklichen Produktionspreis des Produkts der Bodenklasse B. Es sei nun P – P' = d; d, der Überschuss von P über P', ist daher der Surplusprofit, den der Pächter dieser Klasse B macht. Dies d verwandelt sich in Rente, die dem Grundeigentümer zu zahlen ist. Für die dritte Bodenklasse C sei P'' der wirkliche Produktionspreis, und P – P'' = 2d; so verwandelt sich dies 2d in Rente; (…) usw.“ (Es sei daran erinnert, dass die Sprünge bei d gleich groß sind wie es die Sprünge beim Produkt waren. Marx hat den Buchstaben d für die Differentialrente genommen, nun nimmt er r für die absolute Rente.) „Gesetzt nun, (…) die Bodenklasse A (…) zahle“ (im Gegensatz zur ersten Annahme) „(…) eine Rente = r. In diesem Falle folgt zweierlei.

Erstens: Der Preis des Bodenprodukts der Klasse A wäre nicht reguliert durch seinen Produktionspreis, sondern enthielte einen Überschuss über diesen, wäre = P + r. Denn die kapitalistische Produktionsweise in ihrer Normalität vorausgesetzt, also vorausgesetzt, dass der Überschuss r, den der Pächter an den Grundeigentümer zahlt, weder einen Abzug vom Arbeitslohn, noch vom Durchschnittsprofit des Kapitals darstellt, kann er ihn nur dadurch zahlen, dass sein Produkt sich über dem Produktionspreis verkauft, ihm also einen Surplusprofit abwerfen würde, hätte er nicht diesen Überschuss in der Form der Rente an den Grundeigentümer abzutreten. Der regulierende Marktpreis des gesamten, auf dem Markt befindlichen Produkts aller Bodenarten wäre dann nicht der Produktionspreis, den das Kapital überhaupt in allen Produktionssphären abwirft, d.h. ein Preis gleich den Auslagen plus dem Durchschnittsprofit, sondern er wäre der Produktionspreis“ (des schlechtesten Bodens A) „plus der Rente, P + r, nicht P. Denn der Preis des Bodenprodukts der Klasse A drückt überhaupt die“ (unterste) „Grenze des regulierenden allgemeinen Marktpreises aus, des Preises, zu dem das Gesamtprodukt geliefert werden kann, und reguliert sofern den Preis dieses Gesamtprodukts“ (auch wenn es das Produkt aller besseren Bodenarten ist) [MEW 25, S. 756/757].

Die Wörter und die kleinen Formeln sind von Marx, von uns sind nur ein paar Kleinigkeiten in den Klammern: ihr könnt es ja noch einmal lesen. Also A, dieser schreckliche Boden, reguliert nach wie vor den Preis und hält ihn hoch; dieser schlechteste Boden bringt noch ein Meisterstück fertig, nämlich dem aus den Ausgaben an konstantem Kapital, Lohn sowie Pächtergewinn resultierenden Preis noch eins draufzusetzen, nämlich die absolute Rente.

Ist das Differentialgesetz mit diesem netten Geschenk an die allgemeine Begierde etwa null und nichtig geworden? Mitnichten. Zum zweiten Punkt mag Marx sprechen, so geht eure Flucherei wegen der algebraischen Formeln auf seine Kappe:

„Dennoch wäre aber zweitens in diesem Fall, obgleich der allgemeine Preis des Bodenprodukts wesentlich modifiziert würde, das Gesetz der Differentialrente in keiner Weise hierdurch aufgehoben. Denn wenn der Preis des Produkts der Klasse A, und damit der allgemeine Marktpreis“ (der vorher P war),“ = P + r, so wäre der Preis der Klassen B, C, D etc. ebenfalls = P + r. Aber da für Klasse B P – P' = d“ (der Produktionspreis des besseren Bodens B fällt gegenüber dem des Produktionspreises von A um die Differenz zwischen P und P′, ein solcher Gewinn muss zur Rente werden), „so“ (wenn in beiden Fällen nicht zu P, sondern zu P + r verkauft wird) „wäre (P + r) – (P' + r) ebenfalls = d“ (die Differenz zwischen A und B entspricht der Differentialrente), „und für C P – P'' = (P + r) - (P'' + r) = 2d, wie endlich für D P – P''' - (P + r) - (P''' + r) = 3d usw.“

In der französischen Ausgabe des „Kapital“ macht die erste Formel Schwierigkeiten (Übersetzer, wo unsere Versionbarmherziger ist als jene: nutzt es aus), doch alle drei Formeln stimmen mit der kleinen Regel überein, wonach, wenn zu den Einkünften und Ausgaben ein- und dasselbe hinzu kommt, die Spanne die gleiche bleibt. Marx hat recht zu schlussfolgern:

„Die Differentialrente wäre also nach wie vor dieselbe und wäre durch dasselbe Gesetz geregelt, obgleich die Rente ein von diesem Gesetz unabhängiges Element enthielte und gleichzeitig mit dem Preis des Bodenprodukts einen allgemeinen Zuwachs erführe. Es folgt daher, dass, wie es sich immer mit der Rente der unfruchtbarsten Bodenarten verhalten mag, das Gesetz der Differentialrente nicht nur davon unabhängig ist, sondern auch die einzige Weise, die Differentialrente selbst ihrem Charakter gemäß aufzufassen, darin besteht, die Rente der Bodenklasse A = 0 zu setzen. Ob diese nämlich = 0 oder > 0, ist gleichgültig, soweit die Differentialrente in Betracht kommt, und kommt in der Tat nicht in Rechnung“ [MEW 25, S. 757].

Daher: mehr Hunger

Noch ein letztes Mal und für den Fall, dass die kleinen Formeln Zweifel aufgeworfen haben sollten, erklären wir die Sache anhand von Ziffern. Und zwar jenen aus unserer modernen Tabelle. In der von uns zusammengestellten Übersicht lieferte Boden A pro Hektar 5 dz Korn, also 40.000 Lire, wovon 32.000 die Vorschüsse deckten, 8.000 waren Profit, Rente null. Boden C, um es ganz leicht zu machen, lieferte 2 dz Korn und 16.000 Lire mehr: alles andere blieb gleich. Dieses „mehr“ machte die grundherrliche Rente, zur Gänze Differentialrente, aus.

Wenn nun auch Boden A Rente tragen soll, der nach Anlage der 32.000 plus 8.000 Lire weiterhin seine 5 dz liefert, gibt es keinen anderen Weg als den Kornpreis zu steigern.

Die von Marx gleich darauf gestellte Frage, ob es nämlich eine „Grund“rente, eine absolute Rente gibt oder nicht, ist, wenn wir eben das italienische Grundbuch heranziehen wollen, realiter positiv gelöst. Tatsächlich finden wir unter den landesweiten Steuertarifen nicht einen einzigen Fall, in dem das landwirtschaftliche Einkommen (Profit) ohne den Pachtertrag (Rente) besteuert worden wäre. In der geringsten (der 5.) Bodenklasse jener Gemeinde entsprach dem Einkommen von 3.200 Lire ja tatsächlich eine Rente von 4.000.

Dass das Produkt in diesem Falle das Fünffache (die Profitrate liegt hier bei 25%) des Profits sein muss, plus der Rente, d.h. 16.000 plus 4.000, also 20.000, haben wir schon gezeigt. Liegt der Preis nach wie vor bei 8.000 Lire pro dz, liefert dieser ganz schlechte Boden bloß 2½ dz und wäre preisregulierend.

Diesen Boden nehmen wir nun als Boden A, der die „absolute“ Rente von 4.000 trägt. Das wäre die Menge r. Kommen wir nun zum Produkt von 5 dz, welches jetzt (wenn es denn einen so fruchtbaren Boden gäbe) mit derselben Auslage von nur 16.000 Lire (einschließlich Profit) herausgeholt wurde. Da sich das Produkt auf 40.000 Lire beläuft, gibt es einen Surplusprofit von ganzen 24.000 Lire. Davon sind 4.000 (r) absolute Rente, 20.000 (d) Differentialrente.

Angenommen, es gäbe nun einen so fruchtbaren Boden (eine Annahme, die den realen Steuertarifen widerspricht), dass, bei gleicher Arbeitsmenge, 7½ dz herauskämen, dann würde der Produktenwert auf 60.000 steigen, die Rente auf 44.000. Die absolute Rente beläuft sich auf 4.000, das wissen wir, blieben also 40.000 Differentialrente. So weit, so gut; Letztere würde einen Sprung von genau 20.000 Lire machen, wie es auch geschah, als sich das Produkt von 2½ auf 5 dz erhöhte.[4]

Das soll nicht heißen, dass wir die Verhältnisse zwischen jenen verschiedenen Bodenklassen durch die heutigen Angaben verändert haben: Die damalige Tabelle[5] entsprach der ersten Form, denn in den ersten drei Klassen machte das Pachteinkommen, bei geringer Veränderung des landwirtschaftlichen Einkommens, große Sprünge: bei den niedrigen Klassen war der Profit und daher die Kapitalanlage sehr verschieden, und der Fall musste unter der zweiten Form behandelt werden, worin beide: Fruchtbarkeitsgrad und angewandtes Kapital, variieren.

Marx beseitigt also zunächst den Widerspruch, wonach Differential- und absolute Rente nicht nebeneinander bestehen könnten (ebenso wie auch der Anspruch beseitigt würde, die Gasrechnung entsprechend der Endtemperatur von 100 Grad zu bezahlen, unabhängig davon, ob das Wasser von 0 oder von 40 Grad an erhitzt wird).

Er erklärt also, worauf die These basiert, wonach hinsichtlich der hohen Marktpreise für Agrarerzeugnisse zu einer ersten Ursache, d.h. der unvermeidlichen Anpassung an die schlechtesten Ertragsbedingungen, noch eine zweite hinzukommt, nämlich die – auf guten wie auf schlechten Böden geltende – Abschöpfung eines Quantums Rente. Das Gesetz, wonach der allgemeine Marktpreis, der Tauschwert des Korns also, vom Produktionspreis des schlechtesten Bodens abhängt, wird zu folgendem Gesetz: Er hängt ab vom Produktionspreis auf dem schlechtesten Boden plus einem weiteren Überschuss, der die absolute Rente bildet.

Wir haben an diese Begrifflichkeiten schon weiter oben erinnert: Surplusprofite können in allen kapitalistischen Produktionssektoren auftreten. In der Tat enthält der Verkaufs- oder Marktpreis aller Produkte, also dem, was die marxistische Ökonomie den Wert nennt, abgesehen von den vorgeschossenen Auslagen einen Profit entsprechend dem Verhältnis des gesamtgesellschaftlichen Profits zum gesamtgesellschaftlichen Kapital.

In einzelnen Fällen kann es Abweichungen geben und der eine oder andere Betrieb mag einen unter dem Wert stehenden Produktionspreis haben. Während aber die verschiedenen industriellen Produktionssphären zur Ausgleichung [der Profitraten] tendieren, insofern sich mit den technischen Entdeckungen die Arbeitsproduktivität in allen Sektoren erhöht und damit die Profitrate fällt, bleibt die Agrikultur rückständig, denn in der organischen Zusammensetzung ihres Kapitals finden sich eine Menge Lohnkosten und wenig konstantes Kapital; es gibt gewissermaßen „zwei durchschnittliche Profitraten“: eine niedrige in der Industrie, und eine hohe in der Landwirtschaft – auf diesem wirklich schlechten Terrain.

Der Kernpunkt

Der Dissens zwischen Ricardo und Marx ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Gegenüberstellung der Apologie des Kapitalismus und der Lehre seiner Zerschlagung.

Rufen wir uns die „Im Faden der Zeit“, Nr. 126: VII. Differentialrente – Integralappetit [im Paragraphen: Die Rente Ricardos] gegebene Zusammenfassung der vier zur Erklärung der Rente aufgestellten Theorien ins Gedächtnis zurück:

Die erste ist die der Physiokraten. Im Zusammenwirken mit der menschlichen Arbeit entsteht ein Quantum Reichtum, den die Erde erzeugt hat und der folglich eine Gabe der Natur ist. Da, immer nach dieser Lehre, die Eigentümer des Grund und Bodens die einzigen sind, die sich an dieser Gabe erfreuen, legen sie – in Form des von den Pächtern erhobenen Pachtzinses – den Preis der Agrarprodukte nach Gutdünken fest. Das heißt, im Preis der Lebensmittel ist nicht nur die dazu benötigte Arbeit bezahlt, sondern auch ein natürlicher Reichtum, der das Erbe der Eigentümerklasse ist. Und nur aus der Erde entsteht hier Mehrwert.

Diese Theorie, die, wie wir mit Marx zeigten, weder reaktionär noch Ausdruck des Feudalismus war, steht der Arbeitswertlehre diametral entgegen, die den Ausgangspunkt der historischen Forderung nach Selbständigkeit der proletarischen Klasse bilden wird. Letztere figuriert in der physiokratischen Lehre nur als passives und „steriles“ Element in der Industrie.

Die zweite Theorie, die für die industriellen Kapitalisten steht, ist die Ricardos. Der Tauschwert der Produkte drückt die in ihnen enthaltene Arbeitsmenge aus und die Agrarerzeugnisse bilden da keine Ausnahme. Das, was an die Grundeigentümer abgetreten wird, bildet einen Teil des Gewinns, den die Pächterunternehmer durch die Arbeit der von ihnen Abhängigen akkumuliert haben, doch nur soweit diese Arbeit unter Bedingungen fruchtbaren Bodens und Kapitals angewendet wird, im Unterschied zu den unter schlechteren Bedingungen arbeitenden Landbetrieben. Diese Sichtweise stellt der kapitalistischen Lebensmittelproduktion dieselbe Senkung der realen Preise wie in der Industrie in Aussicht, und zwar soll dies im Zuge einer verbesserten technischen Zusammensetzung der Kapitalien geschehen, so dass es unter dem kapitalistischen System dahin kommen kann, den Lebensstandard einer sogar gewachsenen Bevölkerung zu steigern und, durch die bloße Abschaffung der privaten Grundrente, den Unternehmerprofit zu sichern – unbegrenzt.

Die dritte Theorie erklärt die Rente durch den Zins des Bodenkapitals. Sie gehört gewissen reaktionären Gegnern Ricardos an, die sich zum Ziel gesetzt hatten, die historische und ökonomische Immanenz des Grundeigentümerprivilegs „darzutun“, was, wie wir gesehen haben, Marx klar zurückweist. Die Erde ist kein im Produkt vorgeschossenes Kapital und das Kapital erzeugt Zins nur als Bestandteil des Mehrwerts bzw. Profits, also, nach Anwendung der Arbeitskraft, des Warenwerts.

Die vierte Theorie endlich, jene Marx’, die sowohl die Differential- als auch die absolute Rente zum Gegenstand hat, stellt unwiderleglich die historische Borniertheit des Kapitalismus fest, das gesellschaftliche Verhältnis von Produktion und Konsumtion zu lösen. Der Lebensmittelbedarf kann durch den Akkumulationsprozess des Kapitals niemals gedeckt werden, so groß der Fortschritt in der Technik, in der organischen Zusammensetzung des Kapitals, in der innerhalb einer bestimmten Arbeitszeit herstellbaren Produktenmasse auch sein mag. Mit dem Klassengegensatz im Kapitalismus geht zwangsläufig die Bildung von Surplusprofiten einher, das Entstehen absoluter Renten, die Anarchie und Verschwendung in der gesellschaftlichen Produktion. Die Gleichung: Kapitalismus gleich Hunger steht unwiderruflich fest.

Wie wir schon mehrmals gezeigt haben und wie es in besonderen Studien genauer entwickelt werden könnte, liefert die in ihrer klaren und umfassenden Struktur bestehende Marx’sche Rententheorie die theoretische Waffe, um den genauestens vorhergesehenen modernen Monopolismus und Imperialismus zu beschreiben. Die Sphäre der Lebensmittelproduktion ist in der Dynamik jeder Gesellschaft so grundlegend wie die marxistische Rententheorie in der Darlegung der kapitalistischen Produktionsweise zentral ist: Vom revolutionären und anti-possibilistischen Standpunkt aus, sagen wir, ist sie ihr entscheidender Teil.

Das letzte Wort geht an ihn

„Das Wesen der absoluten Rente besteht also darin: Gleich große Kapitale in verschiednen Produktionssphären produzieren, je nach ihrer verschiednen Durchschnittszusammensetzung, bei gleicher Rate des Mehrwerts oder gleicher Exploitation der Arbeit, verschiedne Massen von Mehrwert. In der Industrie gleichen sich diese verschiednen Massen von Mehrwert zum Durchschnittsprofit aus und verteilen sich auf die einzelnen Kapitale gleichmäßig als auf aliquote Teile des Gesellschaftskapitals. Das Grundeigentum, sobald die Produktion Grund und Boden braucht, sei es zur Agrikultur, sei es zur Extraktion von Rohstoffen, hindert diese Ausgleichung für die im Boden angelegten Kapitale und fängt einen Teil des Mehrwerts ab, der sonst in die Ausgleichung zur allgemeinen Profitrate eingehn würde. Die Rente bildet dann einen Teil des Werts, spezieller des Mehrwerts der Waren, der nur statt der Kapitalistenklasse, die ihn aus den Arbeitern extrahiert hat, den Grundeigentümern zufällt, die ihn aus den Kapitalisten extrahieren. Es ist hierbei vorausgesetzt, dass das agrikole Kapital mehr Arbeit in Bewegung setzt, als ein gleich großer Teil des nicht agrikolen Kapitals. Wie weit die Abweichung geht oder ob sie überhaupt existiert, hängt ab von der relativen Entwicklung der Agrikultur gegenüber der Industrie. Der Natur der Sache nach muss mit dem Fortschritt der Agrikultur diese Differenz abnehmen, wenn nicht das Verhältnis, worin der variable gegenüber dem konstanten Teil des Kapitals abnimmt, beim industriellen Kapital noch größer ist als beim agrikolen“ [MEW 25, S. 779/780].

So war es, ist es, und wird es unter diesen Umständen bleiben.

Die allgemeine Theorie des Monopols lässt sich in folgender kurzer Textstelle zusammenfassen:

„ (…) stößt das Kapital auf eine fremde Macht, die es nur teilweise oder gar nicht überwinden kann und die seine Anlage in besondren Produktionssphären beschränkt, sie nur unter Bedingungen zulässt, welche jene allgemeine Ausgleichung des Mehrwerts zum Durchschnittsprofit ganz oder teilweise ausschließen, so würde offenbar in solchen Produktionssphären durch den Überschuss des Warenwerts über ihren Produktionspreis ein Surplusprofit entspringen, der in Rente verwandelt und als solche dem Profit gegenüber verselbständigt werden könnte. Als eine solche fremde Macht und Schranke tritt aber das Grundeigentum dem Kapital bei seinen Anlagen in Grund und Boden (…) gegenüber“ [MEW 25, S. 770].

Ein solches Hindernis kann durch ein nationales oder gar staatliches „Halbwelt“-Monopol[6] errichtet werden, etwa über Erdölquellen oder Hochöfen.

Die Karte, mit der Ricardo bluffte, war die – kraft der ewigen Gesetze der Konkurrenz[7] –unvermeidliche Ausgleichung der Profitraten.

Es war Marx, der sie ihm aus den Händen schlug. Ihr kommt zu spät, ihr schlauen Theoretiker der monopolistischen Epoche.

Im Krebsgang

Wir haben nun die gesamte Theorie der zur Gänze ka-pi-ta-li-sti-schen Grundrente dargestellt – nicht ohne Wiederholungen und Abschweifungen, um bestimmte Ecksteine hervorzuheben, wie die Notwendigkeit, den warenproduzierenden und betrieblichen Kern des Kapitalismus zerschlagen zu müssen, ohne uns dabei von der täuschenden Fassade der „Eigentumstitel“ beirren zu lassen. Die vulgären Croce, Labriola oder Sorel, die sich kaum von der individualistischen, literarischen, „künstlerischen“ Pose des bürgerlichen Schriftstellers losgemacht haben, regen sich über Marx auf, weil sie die Elemente seiner Lehre nicht richtig einzuordnen verstehen und verlieren die Fassung, weil sie nicht merken, wann Marx Ökonomie, Geschichte oder Philosophie behandelt, oder wann eine nüchterne Feststellung in eine Anstiftung zum Aufruhr übergeht; sie glauben, all das sei dem Zufall geschuldet oder der Marx’schen Flause, die Leser zu verblüffen!

Mit Erlaubnis dieser Herrschaften ist es in diesem Falle angebracht, die Frage zuerst „statisch“, und dann „kinematisch“ zu behandeln. Wir arbeiten ja nicht für die Wissenschaft der Wissenschafter, sondern für die Sache der Partei, und die Darstellungsmethode kann solchen Herren nur missfallen, ebenso wie sie in ihrer öden kopflastigen „Unparteilichkeit“ den Grund dafür nicht sehen können.

Beim vorliegenden Untersuchungsgegenstand wird in der gesamten wohlgeordneten Marx’schen „Tagesordnung“ eine – sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie – klar kapitalistische Gesellschaft vorausgesetzt. Das gesellschaftliche Einkommen hat, auch auf dem flachen Lande, nur jene drei Formen: Lohn für den Arbeiter – Profit für den Kapitalisten – Rente für den Grundeigentümer.

Weiter oben zeigten wir, dass es eben darum geht, der trinitarischen Formel den Garaus zu machen, gemäß der die Gesellschaft reibungslos, ohne Krisen und Revolutionen, funktionieren würde, wenn sie erst einmal in ihr entwickeltes und reifes Stadium eingetreten sei, worin dann höchstens noch der Staat, nicht mehr die Grundbesitzer, die Renten einziehe.

Erst nachdem Marx den Stoff umfassend und präzise bearbeitet hat, wobei er die klare Voraussicht auf die Revolution und den Kommunismus in der Hypothese dieses vollständigen Agrarindustrialismus fundierte (was sich natürlich nicht so leicht und locker lesen lässt wie in jenem Fall, in dem der Kommunismus als völkisch-liberal-pazifistische „Emulsion“ hingestellt wird), und die geplante Tagesordnung abgeschlossen hat, bekräftigt er die historische Methode und analysiert die nicht-kapitalistischen Agrarformen, die es damals gab, die es noch ein Jahrhundert nach ihm gibt und die sich hartnäckig neben der industriellen Bodenbewirtschaftung am Leben halten.

Dieses Kapitel über die „Genesis der kapitalistischen Grundrente“ war uns schon oftmals von Nutzen. Hierin wird noch einmal nachdrücklich betont, dass die eigentliche Rente erst entsteht, nachdem sich das Kapital der Landwirtschaft bemächtigt hat; und nachdem Marx die Anschauungen der verschiedenen Ökonomen über die Rente kurz angedeutet hat (in den „Theorien über den Mehrwert“ ausführlichst dargelegt), werden die früheren und uneigentlichen Formen in den Paragraphen: Die Arbeitsrente – die Produktenrente – die Geldrente untersucht. Schließlich ist noch von den Formen die Rede, die sich bis in die heutige Zeit herübergeschleppt haben: die Metäriewirtschaft und das Parzelleneigentum.

Der letzte Schrei

Auch hier ist in gesellschaftlicher Hinsicht das Wesentliche die Zurückweisung der schlechten Angewohnheit, stets der neuesten Mode zu folgen: Nach Ansicht vieler, wohl der meisten, sei es heute, nach den Kämpfen gegen die kapitalistischen Unternehmen, die das Industrieproletariat allein (und was ist mit dem Landproletariat?) geführt habe, eine neue und moderne Tatsache, dass verschiedene hybride „Volks“klassen den Schauplatz betreten.

Es sei dies eine nach dem I. Weltkrieg gemachte „Entdeckung“, und nach der vulgärsten Fassung wird Lenin unterstellt, die Halbproletarier in die vorderste Reihe des Kampfes gestellt zu haben, was dann, beim eigentlichen Kampf zwischen Arbeitern und Kapitalisten, den Ausschlag gegeben hätte.

Lenin, und wie sie behaupten, sogar Marx, hätte gesagt, dass sich eine antikapitalistische proletarische Revolution vor allem darauf verstehen müsse, eine „wahrhafte Volksrevolution“ zu sein. Was zum Henker soll das heißen? Die wirklichen, sich in der Minderheit befindenden Arbeiter müssten die „armen“ Klassen, wie Handwerker, Kleinbauern, bäuerliche Grundeigentümer und peu à peu auch Kleinhändler und -unternehmer, ganz zu schweigen von den nicht klarer definierten „Intellektuellen“, in Bewegung setzen, und natürlich müsse dazu das revolutionäre Programm den Maßstäben dieser Schichten gerecht werden!

Hier zeigt sich die enorme Konfusion zwischen historischen, ökonomischen Kriterien und der Praxis der Partei: zwischen der Verteidigung einer Klassenlehre und dem Eingreifen in die seismischen Verwerfungen der Geschichte.

In Revolutionen und in revolutionären Epochen sind alle Klassen in Bewegung und auf die eine oder andere Weise darin involviert: das ist nicht zu leugnen. Ohne groß drum herum zu reden, kommen wir zu unserer These (die wir z. B. bei der Behandlung der nationalen und kolonialen Frage ausführlich erklärten): Ohne dass unser nicht nur theoretischer, sondern auch historischer und politischer Eckpfeiler über den spezifischen Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Lohnproletariat davon berührt würde, muss die Arbeiterrevolution in bestimmten Zeiten und bestimmten Räumen sogar dem Inhalt und den Postulaten der bürgerlichen kapitalistischen Revolution aufgepfropft werden. So war es vor 1871 in Europa, vor 1917 in Russland und so ist es heute in Asien und Afrika.

Wo noch bürgerliche Revolutionen übrig bleiben, bzw. zu tun übrig bleiben, sind sie ein Sprungbrett für proletarische Revolutionen. Doch nur dann, wenn es sich um wirkliche, historisch und geographisch klar abgegrenzte Revolutionen handelt, und nicht um falsche „nachgeschobene“ Befreiungen, deren Jahrestage man noch die Stirn hat zu feiern.

In Tat und Wahrheit ist die Formel der wahren Volksrevolution die historisch mächtige Formel der jungen kühnen und mutigen Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts. Wir Proletarier, wir zählen unsere Köpfe und sagen verlegen: Wir sind in der Minderheit. Doch die Bourgeois, die ersten Kapitalisten (Studenten, Dichter, Akademiker usw. sind nicht damit gemeint) hatten zahlenmäßig noch weniger zu bieten. Dafür verstand es die Bourgeoisie meisterhaft, andere, zahlenmäßig starke, vom alten Regime unterjochte Klassen für sich in Bewegung zu setzen, und die Revolution der kapitalistischen Klasse siegte als Revolution des Volkes, als Revolution der großen Mehrheit.

Es ist ganz klar, dass die proletarische Partei dort, wo dieser Prozess die moderne Bourgeoisie noch nicht an die Macht gebracht hatte, diese vom ganzen Volk gewollte Revolution unterstützen und in sie eingreifen musste, nicht bloß um die feudale Maschinerie zu zerschlagen, sondern vor allem, um die Massen gleich danach zum Angriff gegen die siegreiche Bourgeoisie zu führen. Für Marx und Engels war dies die Perspektive der permanenten Revolution 1848 in Deutschland, für Lenin und Trotzki 1917 in Russland, oder für eine wahre kommunistische Klassenpartei in China, wenn es sie denn gegeben hätte.

Zwei Thesen also, und beide sind richtig: In den „doppelten Revolutionen“, d. h. unter vorkapitalistischen Regimes, tritt die Arbeiterpartei für die bürgerliche, nationale, liberale Revolution als Ausgangspunkt für die darauf folgende sozialistische Revolution ein. Eine solche bürgerliche Revolution kann nur eine wahrhafte Volksrevolution sein, insofern das Proletariat sofort versuchen muss, der Bourgeoisie die vor allem unter den Bauern rekrutierten Sturmtruppen zu entreißen und, wenn sie nicht außer Gefecht gesetzt werden können, zu neutralisieren.

Doch wo wir einen typischen, genau bestimmten, historisch seit langem von den feudalen Zwängen befreiten Kapitalismus vor uns haben, ist – Himmel noch mal – Schluss mit dieser wahren Volksrevolution, die nurmehr eine schmutzige Superfetation[8] ist und durch eine wahre Klassenrevolution abgelöst werden muss.

Alles an seinem Platz

Die Tatsache jedenfalls, dass es so viele juckt, sich sogleich mit hoher Politik und Strategie zu beschäftigen, bringt alles fürchterlich durcheinander. Und in der Tat müssen gewisse Märchen erbarmungslos ausgemerzt werden, wie z. B. das eines Lenin, der die Bedeutung der Arbeiter durch die der Bauern ersetzt habe; nachdem er also die Entdeckung gemacht hätte, dass erstere nunmehr keine Revolution ohne die Bauern machen könnten, sei diese neue taktische Losung an die Arbeiterparteien der fortgeschrittenen Länder ausgegeben worden.

Lenin war in der Agrarfrage ein orthodoxer Anhänger Marx’, und er teilte seine Rententheorie bis aufs Komma. Wie Marx wusste auch er, dass die Untersuchung jener ländlichen Klassen zu machen ist, die nicht den bisher betrachteten drei klassischen sozialen Kräften (bürgerliche Grundeigentümer, Pächter, Lohnempfänger) angehören – dies im Bewusstsein, dass hier keine neuen Formen zu entdecken, sondern im Gegenteil auf die alten zurückzugehen ist. Geht diese Gewissheit verloren, ist es hohl, von bäuerlichen Forderungen, von Agrarrevolutionen und deren Überschneidungen mit den bürgerlichen Revolutionen zu reden.

Das genaue Profil des proletarischen Klassenkampfes und seines politischen Organs in den Volksbewegungen aufzulösen, heißt nicht, moderner als Marx oder auch die starke KPI des Jahres 1921 zu sein, sondern sich auf Positionen zurückzuziehen, die in den großen historischen Polemiken und großen Spaltungen verurteilt und hinter sich gelassen worden waren: So jene Marx’ gegen das hohle und kleinbürgerliche, alle „Bewussten“ erfassende „Rebellentum“ eines Bakunin, so jene Lenins gegen die Sozialisten, die aus mehr oder minder ebenso „volkstümlerischen“ wie anarchistisch gefärbten Gründen der Vaterlandsverteidigung anhingen und die proletarische Diktatur verwarfen. Im Übrigen ist es vom „wahrhaft Volkstümlichen“ zum „wahrhaft Patriotischen“ nur ein kleiner Schritt: und der wurde prompt getan!

Sondieren in der Tiefe

Wenn wir uns also umschauen, ob in Italien oder Frankreich, Deutschland oder Amerika, so steht fest, dass wir nicht einem allein „trinitarischen“ Schauspiel beiwohnen: nicht auf dem platten Land und auch nicht in den Städten. Abgesehen von Kapitalisten, Eigentümern und Lohnabhängigen gibt es andere, und zwar zahlenmäßig riesige soziale Schichten. Auch diese kommen, obwohl verhaltener, in Bewegung, handeln, wollen ihre Interessen verteidigen und machen mehr oder minder gute Vorschläge für neue gesellschaftliche Ordnungen.

Gehen wir also an die Untersuchung dieser Frage: Nicht nur in theoretischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Frage der politischen und taktischen Haltung einer Arbeiterpartei gegenüber diesen Kräften. Auch Letzteres wollen wir tun.

Aber wenn die einzige Herangehensweise die wäre, von derartigen Kontakten, Begegnungen und Zusammentreffen eine qualitativ bessere und lebendigere Kraft zu erwarten, dann würde es wohl besser sein, die Augen zuzumachen und die Dinge nur oberflächlich wahrzunehmen, und sich, was wir immer missbilligt haben, in jenem banalen Dualismus zu bewegen, nach dem nur ein einziger Gegensatz, nämlich der zwischen Fabrikherrn und Abhängigen, von Interesse wäre: nach was anderem braucht nicht gefragt zu werden. Indem er vergisst, dass Marx in allen Texten von drei und nicht von zwei Klassen der modernen kapitalistischen Gesellschaft spricht, lässt dieser naive Dualismus das riesige Potenzial im Dunkeln, das sich aus der revolutionären Theorie des ländlichen Kapitalismus ableitet. Ein Fehler, der nicht so sehr auf das Konto der sozialistischen Bewegung in Italien geht, wo es sich die riesigen Massen der Landarbeiter hoch anrechnen können, großartige Schlachten geschlagen zu haben, die ins Herz (wie der alte Lazzari[9] gerne sagte, als er noch orthodox war) der bestehenden Kapital- und Eigentumsordnung zielten. Heute indes kämpft man für die bestehende Ordnung, für die Verfassung und sogar für die Soutane des Papstes.

Nachdem sie die für das platte Land geltende Theorie und Taktik auf der Grundlage des Verhältnisses zwischen dem ausgebeuteten Tagelöhner, dem kapitalistischen Pächter und dem bürgerlichen Agrarier ausgearbeitet hatte, befasste sich die Kommunistische Partei sehr wohl mit der Frage der anderen ländlichen Klassen. Doch dieser Fragestellung wandte sie sich nicht zu, weil sie vermutete, Kräfte zu finden, die den eigenen in Breite und Tiefe auch nur halbwegs nahe kämen, oder noch mehr, sie überträfen.

Diese Klassen sind Überreste der Vergangenheit, und die Frage, warum der Kapitalismus sie noch nicht hinweggefegt hat, zumindest in dem Maße, wie er das städtische Handwerkertum beseitigt hat, fand die Grundelemente ihrer Lösung in der Rententheorie, deren fundamentales Theorem eben lautet: Was die Produktion der Nahrung angeht, kann der Kapitalismus mitnichten auf die früheren Gesellschaftsformen herabsehen – dies vor allem war zu verstehen.

Eben deshalb gilt: Nachdem eine Gesellschaft des vollständig entwickelten Agrarkapitalismus untersucht, nachdem aufgezeigt wurde, dass allein der Sozialismus, und niemals der Kapitalismus, dem grauenhaften Gegensatz zwischen Stadt und Land den Gnadenstoß versetzen wird – weil es bestimmte Gesetze sind, nach denen die noch fortlebende Ökonomie und die soziale Dynamik des Kleineigentums, der Klein- und Teilpacht in Gang gehalten werden –, muss man nun genau hinsehen, doch gewiss nicht nach vorn, sondern zurückblickend, um jene Kräfte auszumachen, die von der alten Ökonomie wegbewegt werden können, nicht solche, die uns noch mehr hineinziehen.

Erst nach seinem Ausflug ins offene Meer der kapitalistischen ländlichen Welt, erst dann, sieht Marx sich die Genesis der heutigen Lage an und formuliert die besonderen Merkmale der althergebrachten Formen.

Die Dummköpfe glauben, Wladimir Uljanow habe, nachdem er die Bedeutung der bäuerlichen Massen entdeckt und sie zuerst gegen den Zaren und dann gegen die Bourgeoisie aufgestachelt hätte, die alten Gleise verlassen und dem europäischen Proletariat klar gemacht, dass es, statt in der Eisenbahn des Klassenkampfes unterwegs zu sein, im Flugzeug reisen könne, wenn es sich mit dem Halbproletariat verbünde.

Doch Lenin wusste besser als wir, dass zur Erforschung der Bewegungen dieses sozialen Kräftestroms, der unerforschlichen Tiefen der Geschichte, das „Bathyskaph“ bestiegen werden muss, wobei sich im Übrigem noch gewisse Überreste dieser Formen in den Weiten der Kontinente verbergen, welche sich der expandierende Kapitalismus bislang nicht zu unterwerfen vermochte.

Der Verzicht des reifen europäischen Proletariats auf seine Avantgarde-Funktion und die Tatsache, nicht eifersüchtig seine völlige Unabhängigkeit von „mittelmäßigen“[10] Positionen hinsichtlich seiner Theorie und Organisation gehütet zu haben, ist allzu teuer bezahlt worden

Die heutige Bewegung, die, vor unser Haustür, eine wahrhafte Volksbewegung ist, erregt ebenso wahrhaften Abscheu wie, wohl mehr noch, wahrhaftes Mitleid.

Quellen:

„Attracchi il batiscafo storico!“: Il programma comunista, Nr. 9, Mai 1954.

* * *

MEW 25: Marx – Das Kapital III, 1894.

 


[1] Von A. Picard 1953 entwickeltes, bemanntes Tiefseeboot für Forschungszwecke.

[2] Opera omnia (lat.): sämtliche Werke.

[3] Ab ovo (lat.): von vorn anfangen.

[4]

Boden c + v + m 1 dz Produkt Rente
A 16.000 8.000 2,5 dz = 20.000 r = 4.000
B 16.000 8.000 5,0 dz = 40.000 r = 4.000;     d = 20.000
C 16.000 8.000 7,5 dz = 60.000 r = 4.000; 2d = 40.000

[5] Siehe „1954-03-19 – Stiefmütterliche Erde – zuhälterischer Markt“.

[6] Siehe: „Dialog mit Stalin“, IV. Dritter Tag (Nachmittag).

[7] Das Gesetz der Konkurrenz besagt ja lediglich, dass die individuellen Produktionskosten, somit die individuellen Profitraten zum Durchschnittsprofit ausgeglichen werden.

[8] Superfetation: Überfruchtung, Wucherung.

[9] Politischer Sekretär der PSI und nach Beginn des I. Weltkriegs als Reformist gegen die KPI agierend.

[10] mezze posizione: mezze – Wortspiel aus halb, mittel… und verderbt.