Im Faden der Zeit [133]

XIV. Elende Parzellensklaverei[1]

Zerfällung in die verschiedenen Elemente

Als wir schlussendlich auch die sekundären Schichten der Agrarwirtschaft in die Untersuchung miteinbezogen, haben wir uns den Teil- bzw. Halbpächter und das besondere soziale Verhältnis angesehen, in dem er zum Grundeigentümer steht. Letzterer bezieht die Grundrente und manchmal, wenn ihm zirkulierendes Kapital (wie Maschinen, Vieh etc.) gehört, auch einen Teil des Kapitalprofits; an den Teilpächter geht hingegen jener Teil, der sonst der seiner persönlichen Arbeitsleistung entsprechende Lohn wäre und außerdem noch ein Teil des Profits. Letzteres ist der Fall a) beim Kleinstpächter, der das gepachtete Bodenstück allein bzw. mit seiner Familie bearbeitet, denn er nennt einige Arbeitsgeräte sein eigen und kauft mit seinem kargen Betriebskapital Saat, Dünger usw.; b) beim großen Teilpächter, der einen weiteren Teil des Profits erhält, weil er das Lohnkapital für die Tagelöhner, die er anheuern muss, vorschießt.

In der Marx’schen Arbeit (an die wir uns genauestens halten, wobei wir bei jedem neuen Kapitel zeigen, dass es nicht das Geringste zu ändern gibt) wird eine vollständige Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem Land durchgeführt, um sie dem reinen Fall der kapitalistischen Landwirtschaft mit ihren drei Figuren gegenüber zu stellen: dem Grundeigentümer, der allein die Rente bezieht, dem Pächter, der den Kapitalvorschuss geleistet hat und nur den Profit bezieht, dem Tagelöhner, der bloß seinen Lohn erhält. In der Praxis überlagern sich die drei reinen ökonomischen Größen auf verschiedene Art und Weise, die wir jedoch als gleichförmige und homogene Größen behandeln, als hybrid hingegen Personen bzw. Schichten.

Es gibt keinen anderen Weg, als an die wissenschaftlichen Fragestellungen mit der quantitativen und nicht… geschwätzigen Methode heranzugehen. Wenn jemand meint, das Gesellschaftliche könne unmöglich Gegenstand der wissenschaftlichen und quantitativen Methode sein und nur narrativ beschrieben werden – auch gut! Er hat dann klar Stellung bezogen und wir können nur noch sagen: Einer von uns ist hier zuviel, mein Herr.

Doch wenn jemand den Anspruch hat, die marxistische Methode anzuwenden, aber diese Themen zugleich mit weinerlichem, gefühlsduseligem und betroffenheitsseligem Getue behandelt und die Bourgeois beschimpft, weil sie sich unmoralisch, grausam, anti-christlich, zum Schaden der Nation und des Volkes verhalten, statt sie einfach deshalb anzugreifen, weil sie als Bourgeois handeln und denken – dann werden wir diese Sorte Gegner mit einer weniger ritterlichen Apostrophe bedenken: Eure Getue stinkt zum Himmel!

Das wissenschaftliche Vorgehen, das die Theorie der „reinen Prozesse“ entwickelt, ohne ein „konkretes“ Fallbeispiel geben zu müssen, kann vermittels der erforschten Verhältnisse auch den Verlauf der komplexen Prozesse, wie sie allein in der Wirklichkeit vorkommen, darstellen, erklären und vorhersehen (und Hegel zum Hohn sagt es uns einfach, dass das was vernünftig ist, nicht wirklich ist, und das was wirklich ist, nicht vernünftig ist[2]). An diesem Vorgehen, von dem zahllose Beispiele gegeben werden können, ist nichts Geheimnisvolles.

Nehmen wir an, uns stellt sich die alles andere als „theoretische“ Frage nach der Zeit, in der ein Fahrzeug eine bestimmte Geschwindigkeit erreicht, und vor allem, in der es zum Stehen kommt… bevor es uns über den Haufen fährt. Abgesehen natürlich von der Schubkraft und dem Gewicht des Fahrzeugs beeinflussen auch der Zustand der Straße, ihre Neigung (ob ansteigend oder abschüssig) und die Reibung (in unserm Fall Luft- bzw. Windwiderstand) diese Zeit. Beantworten lässt sich die Frage, wenn folgende Gesetze „geschrieben“ sind: das der Bewegung auf einer geraden Ebene ohne Reibung und Luftwiderstand (einer Ebene also, die es offensichtlich nicht gibt), ferner das der Bewegung auf einer schiefen Ebene in beide Richtungen, weiter des Reibungs- und dann des Umgebungswiderstandes. In der Praxis lassen sich aus dem Zusammenwirken dieser Gesetze die jeweils spezifischen Schlussfolgerungen deduzieren; gemäß all dem drückt der Fahrer aufs Gas, bremst, wechselt den Gang, beschleunigt, um eine Steigung zu nehmen, oder fährt vorsichtig eine abschüssige Straße hinab, schätzt die Wirkung einer Windböe oder einer Kurve ein, usw. Das alles macht er mit links, auch ohne die einzelnen Gesetze zu kennen. Gut kennen muss sie jedoch derjenige, der herausfinden will, warum der schreckliche Unfall passiert ist oder der das Fahrzeug bzw. die Straße so bauen will, dass das nicht passiert. Ein Unfall ist wirklich, vernünftiger aber ist es, ihn zu vermeiden.

Statt also den selbstwirtschaftenden grundbesitzenden Bauern zu hofieren und schlimmer noch, ihn zum Vorbild eines freien und unabhängigen Menschen zu machen, müssen wir ihn ohne Zögern neutralisieren und die verschiedenen Seiten des Lohnarbeiters, des Unternehmers und des Grundherrn bei ihm hervorheben. Zwei Seelen, sogar drei, wohnen, ach! in seiner Brust: das ist die Tragödie.

Nomaden und Kolonen

Die soziale Physiologie des Kolonen ist einfacher als die des grundbesitzenden Bauern, insofern er von einem anderen Schlage ist als der auf seiner Scholle festsitzende Eigentümer. Wenn wir die diesbezügliche chemische und klinische Untersuchung durchführen, d.h. das Grundbuch aufschlagen, ist das Ergebnis Null: Sein Name firmiert dort für kein Bodenstück – er ist nicht mal Inhaber eines einzigen Quadratmeters.

Der Kolone ist nicht an den Boden gefesselt; er ist, wie er es auch im Altertum war, frei. Er besitzt ein paar Vorräte, ein wenig andere Habe, kann aber alles auf einige Karren laden – und er besitzt das Rindvieh, das die Karren zieht. Er kann sich also auf die Socken machen, fortgehen, um, wieder als Arbeiter-Landwirt, ein anderes Bodenstückchen zu bestellen.

Im Allgemeinen scheut der kleine Kolone einen Ortswechsel: Wie auch der Großpächter bevorzugt er lange Pachtkontrakte bzw. im Falle seines Ablaufs dessen Verlängerung, während dem Grundeigentümer kurze Verträge lieber sind, denn er weiß sehr gut um den in der Erde versenkten Teil der Arbeit und des terre-capitals, der sich als Verbesserung des Bodens niederschlägt und ihm seine so hochgeschätzte Rente zu steigern vermag.

Im Vorkriegs-Italien gab es große Kämpfe gegen die Kündigungen der Pachtverträge, d.h. gegen die kraft des Gesetzes und nach dem Willen der Grundeigentümer erfolgenden – und blutige Episoden aufweisenden – Vertreibungen. Heute erscheint der „Stopp“ der Landverpachtungen, der die Fälligkeit der Verträge hinausschiebt und innerhalb eines gewissen Rahmens die Erhöhung der Pachtgelder verhindert (auch wenn dies nicht mit einer höheren Produktionsleistung, sondern mit der Geldentwertung zu tun hat) als große Errungenschaft. Wird die Pacht als Produkten- und nicht als Geldrente entrichtet, wird die Nahrungsmittelquote – die die periodische Zahlung an den Grundeigentümer darstellt, um seinen Anspruch auf die Herrenrente zu erfüllen – festgeschrieben.

In Italien ist dieser Mechanismus, den Katholiken, Liberale, Scheinsozialisten und Scheinkommunisten auf der von Mussolini geschaffenen Grundlage entwickelt haben, besonders blödsinnig (nachzulesen in „Proprietà e Capitale“)[3]. Die Haltlosigkeit all dessen sieht man klar und deutlich in der blinden Anwendung auf die für das Großgrundeigentum festgelegte Pacht – gleichgültig ob in Geld oder (bloß zum Schein und als Ausgleich für die Wertschwankungen) in natura abgeschlossen. Aus den Händen der Grundeigentümer gehen so große Summen in die Hände der Agrarkapitalisten über. Womit klar vor Augen steht, dass all diese Maßnahmen in Tat und Wahrheit dem agrikolen Kapital, nicht etwa der landwirtschaftlichen Arbeit als solcher, zugute kommen. Und wenn dem bäuerlichem Halbpächter und Kolonen demagogisch um den Bart gegangen wird, geschieht das nur seines Scheinunternehmertums halber, was der Sache nach ja das ist, was ihn aufs Kreuz legt. Doch die heutige Verwirrung und die schmierigen Bande zwischen den Interessen auf Seiten der Arbeit und auf Seiten des Kapitals schließen, ebenso wie die faschistische Formel, den Kern der sozio-ökonomischen Formel der verblichenen „Ce-eL-eN“[4] mit ein, jener Periode (noch viel dümmer als die faschistischen 20er Jahre) in den Wechselfällen der italienischen Politik, die wir alle so verabscheuen.

Der Kolone [hier im Sinne des Pächters] unterscheidet sich also vom Kleinbauern dadurch, dass dieser an seine Scholle gefesselt ist (es sei denn, und dazu berechtigt ihn natürlich das kapitalistische Räderwerk, er verkauft sein eigenes bzw. kauft anderes Land), während jener im Prinzip woanders hingehen kann. In beiden Fällen aber werden die erwirtschafteten Nahrungsmittel selbst verzehrt und somit dem Warenverkehr entzogen. Sowohl das Kleineigentum als auch das Kolonat wirken daher der Zirkulation von Warenprodukten entgegen, doch insofern das Parzelleneigentum zudem der Zirkulation der Tagewerker im Wege steht, ist es noch verknöcherter als das Kolonat.

Eine herrschende Klasse, namentlich die kapitalistische, hält um so fester die Macht in Händen und erstickt um so leichter jede Revolution, je schwächer die Zirkulation der Arbeitsprodukte und die Mobilität der Arbeiter diesseits und jenseits der nationalen Grenzen ist.

Das Wort Kolone benutzen wir im doppelten Sinne: Einmal in dem geläufigen des Klein- oder Halbpächters, der auf einer alten Kultur den Platz eines anderen einnimmt; zum anderen in dem historischen Sinne des Pioniers, der jungfräulichen Boden oder gar unbekanntes Land aufbricht und bebaut. Dieser Kolone betritt infolge der Kolonialisierung in Übersee die Szene, und die politischen Verhältnisse machen ihn allmählich zu einem an den Staat zahlenden Pächter und einem wirklichen Eigentümer.

Vor dem alten oder neuzeitlichen Pächter, dem der Boden durch ein Erobererheer oder eine Erobererflotte bereitet wurde, gab es noch den Nomaden, der auf der Suche nach Boden ebenfalls mit seiner Muskelkraft und seinen paar Geräten unterwegs war. Doch bei den Nomadenvölkern waren es die Gemeinschaften, die den Boden kolonisierten und auf großen Wagen, die zugleich Kriegs- und Arbeitsgerät waren, umherzogen; Arbeit und Konsum waren naturwüchsig und unmittelbar, zwar nicht fortdauernd gesichert, aber jedenfalls gemeinschaftlich.

Der moderne Klein- oder Halbpächter indes, ebenfalls auf der Suche nach Land, gründet seinen eigenen Betrieb; um die Saat ausbringen zu können, muss er den alten Eigentümer nicht vertreiben – ebenso wenig wie er wilde Tiere verjagen muss –, sondern ihm eine Entschädigung zahlen.

Unter einem technischen und produktiven Gesichtspunkt, der die Verbesserung des Bodens und der Agrikultur betrifft, weist eine solch gesellschaftliche Form der Feldwirtschaft alle Mängel und negativen Seiten der frühen Epoche der Barbarei auf, die nicht in der Lage war, ihre Ernährung durch eine feste und dauerhafte Organisation sicherzustellen. Unter ökonomischem und sozialem Gesichtspunkt – was also die Reife zur möglichen geschichtlichen Tat der entsprechenden Schichten angeht – weist sie die negativen Seiten in moderner Hinsicht auf: unmittelbarer, lokaler Konsum innerhalb des Betriebs mit seinem engen Horizont; kaum nennenswerte Verbindungen mit dem allgemeinen Verkehr, so auch Warenverkehr. Nicht nur, dass der Kleinstpächter als arbeitender Mensch das aufisst, was er mit seiner Hände Arbeit hervorbringt, in seiner Eigenschaft als Unternehmer zahlt er auch mit einem bestimmten Anteil seiner Ernte die Rente.

Ist der grundbesitzende Bauer, der als Rentier seiner selbst keine Rente, sondern nur Steuern und Schuldzinsen (und zwar beides in Geldform) zahlt, und andererseits, in der Regel über Generationen hinweg, an seinen Arbeitsort gebunden bleibt – ist dieser Bauer moderner als der Kleinpächter? Kaum. Die jüngste Entwicklung geht dahin, ihm sogar den einzigen Ausweg als lohnabhängigen Weltenbummler zu versperren, nämlich die Emigration; und ihn andererseits seiner Heimatscholle zu entreißen: als Kanonenfutter für den Krieg.

Die Parzelle als Krönung des Ganzen

Der Bodenbebauer, den die bürgerliche Revolution zum exklusiven Eigentümer des Fleckchens Erde gemacht hat, für das er sich von früh bis spät plagt, bis sein Rücken krumm ist und er sich nicht mehr rühren kann, hat keinen Herrn. Nicht vor dem Gesetz, und nicht in der Literatur oder Philosophie. Dem Liberalismus bedeutet das alles – und dem Anarchismus fast alles. Fast, weil er, wenn er mit der schwülstigen Formel: „Weder Gott noch Herr“, Erfolg haben will, entschieden dem Pfaffen entgegen treten müsste, der über die Kleinbauern (auch wenn es keinen Zehnten mehr gibt) eine wahre politische und soziale Diktatur ausübt.

Die einstmals marxistischen Parteien, die eine starke Gefolgschaft unter den Kleinbauern haben, haben nicht nur den Marxismus verschachern, sondern auch dem Popen klein beigeben müssen, ganz gleich ob, wie in Russland, auf der Ebene des Staates, oder, wie in Italien, auf der von Wahlen.

Wenn die bürgerliche Revolution einerseits die feudalen Pflichten beiseite gefegt und die leibeigenen Bauern befreit hat, hat sie auf der anderen Seite die „Privatsicherheit“ des persönlichen, auch unbeweglichen Eigentums geschaffen, wobei rechtlich gesehen weder die Größe des Bodenstücks noch die Tatsache eine Rolle spielt, ob der Eigentümer das Land selbst bestellt oder von anderen bewirtschaften lässt.

Schon vor dem „Manifest“ schrieb der man kaum zwanzigjährige Marx, dass der Kommunismus alle bisherigen Privatsicherheiten zu zerstören hat.[5] Doch für diese, auf begrifflicher Ebene klar bestimmte Privatsicherheit – welchen Preis (wenn wir die ökonomischen Maßstäbe anlegen, deren Modell wir dargestellt haben) muss der glückliche Grundeigentümer vom 48er Format[6] dafür zahlen? Das ist der Punkt.

Der auf seinem Boden und in seinem Haus sitzende Kleinbauer hat die Sicherheit, nicht von einem Tag auf den anderen – wie der Lohnarbeiter – oder von einer Jahreszeit auf die andere – wie der Kleinpächter – mit seiner Entlassung bzw. dem Räumungsbefehl rechnen zu müssen. Er geht nur, wenn er will, und zu dem Preis, den er verlangt. Nichts kann ihn zwingen zu gehen, es sei denn ein frei abgeschlossener und dem Wertgesetz gehorchender Vertrag. All das ist rechtens. Die marxistische Ökonomie hat klar festgestellt, dass der Boden in der Warengesellschaft, obgleich kein Produkt der Arbeit, eine Ware ist, er hat keinen „Wert“, aber einen „irrationellen“ Preis; bei einem Eigentümerwechsel unterliegt er nicht dem Wertgesetz, obschon das Gesetz der Konkurrenz (in der Rangliste der ökonomischen Gesetze ganz unten rangierend) auch diesem Handwechsel Vorschub leistet. Und in der Tat kann keiner sagen: Ich biete so und soviel Geld und fabriziere damit so und soviel Boden. Der Boden wird nicht produziert, er findet sich vor: Er kann nichts kosten oder er kann das Leben kosten. Dieses ABC des Marxismus werden wir immer wieder wiederholen, auch auf die Gefahr hin zu langweilen.

Aber dieses Recht auf garantierte, rechtmäßige Immobilität, das lebenslang gilt und vom Vater auf den Sohn vererbt wird, was kostet es (wenn wir auch hier mit der Arithmetik des Warentausches zu rechnen suchen) den Bauern finanziell, zeitlich, arbeitsmäßig? Diese Immobilität erstreckt sich auf ganze Generationen. Und scheint dem „Recht der Nicht-Arbeiter“, dem Recht der feinen Herren, der Grundherren, der Fabrikherren, ähnlich zu sein, insofern es nur dem Familienoberhaupt zusteht und „erst nach seinem Tode“ auf den Erben übergeht – auch wenn sein Alter ihm verwehrt, weiterhin auf seiner Scholle zu werkeln und ihn zu einer elenden, in der düsteren Hütte dahinsiechenden Larve gemacht hat, wo seine erwachsenen Kinder ihn des Morgens nach einem geistesabwesenden Blick zurücklassen und die Kleinkinder ein ähnliches, allerdings nur zeitweiliges Recht auf Nichtstun mit dem Recht auf Lärm und Spötterei verwechseln.

Schon des Öfteren sind wir auf die schrecklichen Seiten Zolas in „Die Erde“ zurückgekommen, wo die noch lebenden Erzeuger das Erbe unter die Kinder aufteilen und ihnen nur eine jämmerliche „Nutznießung“ bleibt – Güterteilung „inter liberos“[7] nennen die Winkeladvokaten diesen Vorgang.

Bei Zola ist diese Szene gewaltig wie ein Fresco Michelangelos. Die beiden Alten setzen sich benommen nieder und die gegen die „danti causa“[8] tobenden und untereinander zankenden Erben rechnen wieder und wieder nach, was ihnen zusteht, wobei sie auch die letzte Scheibe Brot und das letzte Stückchen Zucker für den Malzkaffee aufteilen und erbarmungslos um das Wenige feilschen, das ausreicht, ein klapperdürres und schwankendes Wrack auf den Beinen zu halten. Schließlich stehen die Alten bebend auf und setzen mit der Miene von zum Tode Verurteilten ihre Unterschrift unter den verhassten Wisch. Das gute, das heilige, von Gott und Regierung geschützte Eigentum ist in andere Hände übergegangen!

Nun wendet sich der Notar, der nicht riskieren will, ein unbrauchbares Schriftstück aufzusetzen, bei dieser bedrückenden Versammlung ausdrücklich an den Greis, befragt ihn nach seinem ausdrücklichen Willen und erklärt ihm zum x-ten Male (in diesen Dingen jahrtausendealter Tradition darf es keine Eile geben) die Artikel des Gesetzbuches hinsichtlich der „Schenkung unter Lebenden“. Du, ruft er ihm feierlich zu, du allein, verstehst du, bist Herr und König; Herr und König! Dazu macht dich das Gesetz!

Noch platter und blasser als die Notare des 19. Jahrhunderts sind die Revolutionäre des 20. Jahrhunderts; auch sie stimmen Lobgesänge auf diese vorgeschwindelte Herrschaft der Elenden, diese Krone der Habenichtse an: Geschmückt mit der Nationalflagge und mit in beschmutztem Rot gehaltenen Fahnen werden heute kleine Jubelfeste veranstaltet, auf denen ländlichen Kleinfamilien Bodenstücke als Eigentum überreicht werden.

In der bestehenden Gesellschaft muss die revolutionäre Artillerie auf drei Ziele gerichtet sein (die nicht für die Ewigkeit geschaffen sind, ihr Anbeter der Scholle!): Familie, Erbschaft, Eigentum. Ziele, die nicht nur dann zu treffen sind, wenn sie sich in wenigen Händen konzentrieren, sondern gerade dann, wenn sie sich in vielen befinden.

Hinter dem Wandschirm

Es geht nun darum, die gesellschaftliche Wirklichkeit hinter dieser Fassade von Souveränität zu charakterisieren, indem wir die ökonomischen Elemente abwägen; dazu sollten wir tunlichst wieder die Marx’schen Seiten heranziehen.

Wir haben gesagt, berechnen zu wollen, was den Kleinbauern, nach seiner Befreiung, die errungene „Sicherheit“ gekostet hat. Als die Barbaren nach Westeuropa vordrangen und auf den Trümmern des Römischen Reiches die ersten nationalen, wenn auch kaum zentralisierten Gebilde gründeten, nannten sie sich „Franken“[9]. Engels zeigt diese Staatsbildung ausführlich im „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, eine Schrift, die wir oftmals benutzt haben, wie in der Triester Versammlung, wo es um die Frage der Rasse und Nation ging[10]. Nun, der fränkische Bauer, einst Mitglied der barbarischen Horden und später kaiserlicher Krieger, zahlte nicht viel, um den bescheidenen Hof Karls des Großen und das einfache Staatsgerüst zu unterhalten – abgesehen davon, dass Karl, trotz der dünnen Besiedlung, über die Möglichkeiten des zersplitterten Ackerbaus hinausblickte und mit großen kaiserlichen und klösterlichen Villen[11] experimentierte.

Sehr viel weniger reine Formen bestanden im Osten Europas weiter, auch weil der Einfluss einer technologisch in jeder Hinsicht entwickelten und vielschichtigen Gesellschaft, wie die des antiken und auch christlichen Roms, geringer war. Sehen wir, wie Marx eine dieser Formen beschreibt, in der der „freie“ Bauer als Simon von Kyrene[12] der Produktion erscheint.

„Ein Rest des alten Gemeineigentums am Boden, der sich nach dem Übergang zur selbständigen Bauernwirtschaft z.B. in Polen und Rumänien erhalten hatte, hat dort zum Vorwand gedient, um den Übergang zu den niedrigern Formen der Grundrente zu bewerkstelligen. Ein Teil des Bodens gehört den einzelnen Bauern und wird von ihnen selbständig bebaut. Ein andrer wird gemeinschaftlich bebaut und bildet ein Mehrprodukt, das teils zur Bestreitung von Gemeindeausgaben, teils als Reserve für Missernten usw. dient. Diese beiden letztern Teile des Mehrprodukts, und schließlich das ganze Mehrprodukt samt dem Boden, worauf es gewachsen, werden nach und nach von Staatsbeamten und Privatpersonen usurpiert und die ursprünglich freien bäuerlichen Grundeigentümer, deren Verpflichtung zur gemeinsamen Bebauung dieses Bodens aufrechterhalten wird, so in Fronpflichtige resp. Produktenrentpflichtige verwandelt, während die Usurpatoren des Gemeinlandes sich in die Grundeigentümer, nicht nur des usurpierten Gemeinlandes, sondern auch der Bauerngüter selbst verwandeln“ [MEW 25, S. 811/12].

Diese Textstelle lässt uns an die verderbte Seite des russischen Kolchossystems denken, wo jedem Mitglied des Kollektivbetriebs (schlussendlich doch ein staatskapitalistisches Unternehmen, das die Produkte dem Markt zuführt, Löhne zahlt, und andere Vorschüsse leistet) ein Fleckchen Erde zugestanden wird, das er mit seiner Familie bearbeitet und dessen Erzeugnisse sie selbst verzehren: Ein Wirtschaftssystem also, das halb warenproduzierenden, halb vor-warenproduzierenden Charakter trägt.

Marx löst sich mit wenigen Hinweisen von den Formen gemeinschaftlicher Produktion, worin dem Grundeigentümer, der gleichzeitig Unternehmer ist, ein Gewinn bleibt. In solchen nicht trinitarischen, sondern dualistischen Formen haben wir zum einen den Tagelöhner, dem nicht einmal mehr die Arbeitsgeräte gehören und der seinen Lohn als Naturalleistung empfängt, und zum anderen die ganze (nicht in verschiedene Portionen geteilte) Mehrarbeit, die wir theoretisch in Profit und Rente zerfällen. Eine dieser Formen ist die Sklavenwirtschaft der Antike, wo die ganze Mehrarbeit als Rente erscheint; eine modernere Form ist das „Plantagensystem“ in Amerika und anderswo, wo mit in Halbsklaverei gehaltenen Arbeitskräften Reis oder Kaffee für weit entfernte Märkte produziert werden. Heutigentags haben wir den Grundeigentümer, der die Bebauung in, wie man zu sagen pflegt, „Eigenregie“ betreibt, was heißt, ohne Dazwischentreten des Pächters durch von ihm selbst verdingte Lohnarbeiter.

Wir sehen also, wie die Trinität beim Kleinkolonat zur Dualität wird (Kolone und Eigentümer: das Binom Arbeit + Kapital gegen das Monom Eigentum), ebenso wie bei der Bewirtschaftung auf eigene Rechnung (Arbeiter und Eigentümer: das Monom Arbeit gegen das Binom Kapital + Eigentum). Es bleibt noch die Synthese der drei: Arbeit, Kapital und Eigentum, in einer Form:

„Ferner das Parzelleneigentum. Der Bauer ist hier zugleich freier Eigentümer seines Bodens, der als sein Hauptproduktionsinstrument erscheint, als das unentbehrliche Beschäftigungsfeld für seine Arbeit und sein Kapital. Es wird in dieser Form kein Pachtgeld gezahlt; die Rente erscheint also nicht als eine gesonderte Form des Mehrwerts, obgleich sie sich in Ländern, wo sonst die kapitalistische Produktionsweise entwickelt ist, als Surplusprofit durch den Vergleich mit andern Produktionszweigen darstellt“ (dies ist einsichtig, wenn man überlegt, dass das Grundsteuerregister sogar dem selbstarbeitenden Eigentümer eines kleines Erdfetzens, abgesehen vom steuerpflichtigen „landwirtschaftlichen Einkommen“, auch – in einem „Rutsch“ – den steuerpflichtigen „Pachtertrag“ des Grundeigentümers zur Last legt), „aber als Surplusprofit, der dem Bauer, wie überhaupt der ganze Ertrag seiner Arbeit, zufällt“ [MEW 25, S. 812/13].

Kleinstkultur

Wie weit der Marxismus von jeder Wertschätzung für die Parzellenwirtschaft entfernt ist, lässt sich aus folgender Textstelle schließen:

„Diese Form des Grundeigentums setzt voraus, dass, wie in den frühern ältern Formen desselben, die ländliche Bevölkerung ein großes numerisches Übergewicht über die städtische besitzt, dass also, wenn auch sonst kapitalistische Produktionsweise herrscht, sie relativ nur wenig entwickelt ist und daher auch in den andern Produktionszweigen die Konzentration der Kapitale sich in engen Schranken bewegt, Kapitalzersplitterung vorwiegt“ [MEW 25, S. 813].

Jeder sieht, dass all dies Bedingungen sind, die der Entwicklung des modernen Klassenkampfes und dem Sozialismus entgegenstehen.

„Der Natur der Sache nach muss hier ein überwiegender Teil des ländlichen Produkts als unmittelbares Subsistenzmittel von seinen Produzenten, den Bauern, selbst verzehrt werden und nur der Überschuss darüber als Ware in den Handel mit den Städten eingehn.“

Nun, jetzt wird es subtil, der Übergang sehr heikel. Wir befinden uns in einer Lage, die noch sehr weit weg von der Situation ist, die den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus möglich macht, d.h. wir befinden uns hier in einem historisch rückständigen Stadium, wo der Kapitalismus noch in seiner Kindheits-, wenn nicht gar embryonalen Phase steckt. Zunächst muss aber erklärt werden, wieso der Preis des Korns (des Brotes, überhaupt der Nahrungsmittel) niedriger steht als im vollentwickelten Kapitalismus, mit seinen großen aus industriellen Unternehmern und den Lohnarbeitern bestehenden Landwirtschaftsbetrieben.

Da nur ein geringer Teil des Produkts auf den Markt geworfen wird, kann kaum von einem allgemeinen Marktpreis die Rede sein. Doch auch wenn die Differentialrente nicht in Geldbeträgen sichtbar wird, kann man doch sicher sein, dass es sie gibt. Der Bauer, der besseres Land bearbeitet, hat ja bei gleicher Arbeitsmühe einen größeren Ertrag, und diesen Überschuss verkauft er natürlich zum selben Preis wie seine Nachbarn, die eine geringere Ernte hatten. Er bezieht also eine Differentialrente, auch wenn sie in der Form von mehr Zeit zum Ausruhen für den Ackersmann erscheint. Gerade in dieser Form des Kleineigentums, bemerkt Marx, geht der „Bodenpreis als ein Element in die faktischen Produktionskosten für den Bauern“ ein.

Ein solcher Geldpreis tritt auf „entweder bei Erbteilungen“, wo der „Boden für einen gewissen Geldwert übernommen ist oder“ (…) „der Boden vom Bebauer selbst gekauft ist, zum großen Teil durch Aufnahme von Geld auf Hypothek“ [MEW 25, S. 813].

Die Rente scheint sich also am Bodenpreis zu bemessen und nicht an der unterschiedlichen Fruchtbarkeit der Böden, deren Produkte zum selben Preis verkauft werden. Doch bleibt richtig, dass zunächst die Rente existiert, und aus dieser „in den Rang des Kapitals erhobenen“[13] Rente ergibt sich, zum allgemeinen Zinssatz, das, was Bodenpreis genannt wird. Folglich gibt es eine Differentialrente in der Parzellenwirtschaft: Andererseits ist just hier, in einem noch kaum verbreiteten Agrarkapitalismus „anzunehmen, dass keine absolute Rente existiert“.

In der Tat wissen wir, dass dieser Teil der Rente dann auftritt, wenn der Marktpreis nicht nur den Produktionspreis des schlechtesten Bodens erreicht, sondern darüber liegt, was durch einen über den „Wert“ des Produkts überschüssigen Monopolpreis bedingt ist; das heißt, der Marktpreis enthält einen Überschuss, der über den Kapitalauslagen und dem nach der allgemeinen industriellen Profitrate berechneten Gewinn liegt.

All dies tritt mit der verallgemeinerten industriellen Produktion, der Herstellung des allgemeinen Marktes und der Bildung der durchschnittlichen Unternehmens-Profitrate auf. Erst dann kann der Wert der Produkte festgelegt und, durch das Bodenmonopol und aufgrund der absoluten Notwendigkeit der Grundversorgung, nachgewiesen werden, dass der allgemeine Marktpreis des Korns über seinem Wert liegt. Welcher wiederum, wir wiederholen uns, vom individuellen, aus Lohn, konstanten Kapitalkosten und dem durchschnittlichen Profit bestehendem Produktionspreis des schlechtesten Bodens bestimmt ist.

Aber in der Kleinproduktion entfällt nicht nur dieser letzte Preissprung, der auch auf dem schlechtesten Boden den Surplusprofit (ergo die Rente) ausmacht, sondern es kann sogar so sein, dass es für den Produzenten (der ja bei Verkauf seines Produkts den Rückfluss der Ausgaben und das, was er für seinen „Lohn“ hält: Profit und Rente, einstreicht) durchaus vertretbar ist zu arbeiten, auch wenn nicht nur die ganze Rente, sondern auch ein Teil oder gar der gesamte Profit wegfällt.

Mit anderen Worten: In einer vollständig kapitalistischen Wirtschaft muss die unterste Grenze für den Preis des Hauptnahrungsmittels den Lohn, das verausgabte Kapital, den Durchschnittsprofit und die absolute Rente decken.

In der vorkapitalistischen Wirtschaft liegt diese unterste Grenze viel tiefer: bloß die Ausgaben, plus den Lohn. Schon bei minimaler Überschreitung dieser untersten Grenze lohnt es sich für den Ackersmann, sein Feld zu bebauen oder eines zur Selbstbewirtschaftung zu kaufen.

„Es ist also nicht nötig, dass der Marktpreis steige, sei es zum Wert, sei es zum Produktionspreis seines Produkts. Es ist dies eine der Ursachen, warum der Getreidepreis in Ländern vorherrschenden Parzelleneigentums niedriger steht als in den Ländern kapitalistischer Produktionsweise. Ein Teil der Mehrarbeit der Bauern, die unter den ungünstigsten Bedingungen arbeiten, wird der Gesellschaft umsonst geschenkt und geht nicht in die Regelung der Produktionspreise oder in die Wertbildung überhaupt ein. Dieser niedrigere Preis ist also ein Resultat der Armut der Produzenten und keineswegs der Produktivität ihrer Arbeit“ [MEW 25, S. 814/15].

Was uns betrifft, votieren wir für die Industrie

Können wir die an diesem seltsamen Verhältnis beteiligten Formen für einen Schritt in Richtung kommunistischer Gesellschaft halten? Wenn Arbeitskraft vergeudet wird und Verfahren angewendet werden, die für viel Schinderei nur wenig Produkt liefern, der auf dem Markt kaufende Konsument (in diesem Stadium per definitionem eine Minderheit) jedoch wenig für das Lebensmittel zahlt, weil die Schicht der Kleinstproduzenten es hinnimmt, ihm ihre Mehrarbeit zu schenken? Zweifellos werden im Kommunismus alle ihre ganze Mehrarbeit der Gesellschaft schenken, und im besten Falle, wenn nicht nur in der Sphäre der Industrieprodukte, sondern auch in der der Lebensmittel, der Weg zur höchsten Arbeitsproduktivität geebnet worden ist, werden „alle von der notwendigen Arbeit befreit“ (das ist kein Zitat, aber wenn wir darauf stoßen, sagen wir euch Bescheid).

Die von Marx in ihrer Struktur gezeigte Gesellschaft der Parzellenwirtschaft ist eine Gesellschaft von Unterdrückern und gibt unserer alten Bezeichnung Recht, die – insofern Agrar- und nationale Frage zusammenfallen – die Bauernschaft mit einem unterjochten Volk vergleicht, das auf das Niveau der Heloten[14] im alten Griechenland heruntergedrückt ist.

Im Kapitalismus ist der Preis für Industrieprodukte nicht deshalb gefallen, weil dem Industriearbeiter weitere Mehrarbeit abgepresst wurde, sondern weil der Übergang vom Klein- zum Großbetrieb, der die modernen Beiträge von Wissenschaft und Technik zu nutzen erlaubt, dazu geführt hat, dass eine immer größere Produktenmenge in immer weniger Arbeitszeit hergestellt wird.

Erst nachdem die proletarische Revolution den diametralen Gegensatz zwischen dieser Produktivitätssteigerung auf industrieller und der Produktivitätsstagnation und -regression auf landwirtschaftlicher Ebene beseitigt haben wird, wird auch die Voraussetzung dafür geschaffen worden sein, dass für eine gesellschaftlich hinreichende Menge an Nahrungsmitteln sowie Industrieerzeugnissen eine geringere durchschnittliche Arbeitszeit vonnöten ist, die der Gesellschaft, und ihr allein, zufallen wird, denn es wird ja eine Gesellschaft ohne Klassen sein, und ohne Einkommen, die unter die grundlegenden trinitarischen und hybriden Formen – welche vom Gesetz her als Personen-Firmen fungieren– zu verteilen wären.

Auch an dieser Stelle wird die Marx’sche Schrift wieder die kommunistische Gesellschaft kennzeichnen, die dem Aberwitz der bürgerlichen Groß- wie auch Kleinproduktion entgegengestellt wird:

„Das Parzelleneigentum schließt seiner Natur nach aus: Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, gesellschaftliche Formen der Arbeit, gesellschaftliche Konzentration der Kapitale, Viehzucht auf großem Maßstab, progressive Anwendung der Wissenschaft.

Wucher und Steuersystem müssen es überall verelenden. Die Auslage des Kapitals im Bodenpreis entzieht dies Kapital der Kultur. Unendliche Zersplitterung der Produktionsmittel und Vereinzelung der Produzenten selbst. Ungeheure Verschwendung von Menschenkraft. Progressive Verschlechterung der Produktionsbedingungen und Verteuerung der Produktionsmittel ein notwendiges Gesetz des Parzelleneigentums. Unglück fruchtbarer Jahreszeiten für diese Produktionsweise“ [MEW 25, S. 815/16].

Um Wort zu halten, geben wir jetzt noch eine eindrucksvolle Beweisführung über den Charakter des Bodenpreises, der, wie auch jeder Erwerb „zinstragender Ansprüche“, Nicht-Kapital ist; etwas was wir immer wieder einhämmern, denn hier haben wir den ganzen Marxismus.

„Hier, bei der kleinen Kultur, tritt der Bodenpreis, Form und Resultat des Privateigentums am Boden, als Schranke der Produktion selbst auf. Bei der großen Agrikultur und dem auf kapitalistischer Betriebsweise beruhenden großen Grundeigentum tritt das Eigentum ebenso als Schranke auf, weil es den Pächter in der produktiven Kapitalanlage beschränkt“ (dies ist wirklich Kapital, denn der Pächter kauft nicht den Boden, der in Händen des Eigentümers verbleibt, sondern tätigt Ausgaben, die ihm ein größeres Produkt bringen sollen), „die in letzter Instanz nicht ihm, sondern dem Grundeigentümer zugut kommt. Bei beiden Formen“ (= des bäuerlichen Eigentums wie der kapitalistischen Agrikultur; bevor – und diese Sache verdient unsere ganze Aufmerksamkeit – das Richtbeil auf die sich beider Formen bemächtigende Produktionsweise niedergeht, fällt der Lichtkegel jäh auf die zukünftige Produktionsweise)tritt an die Stelle selbstbewusster rationeller Behandlung des Bodens als des gemeinschaftlichen ewigen Eigentums, der unveräußerlichen Existenz- und Reproduktionsbedingung der Kette sich ablösender Menschengeschlechter, die Exploitation und Vergeudung der Bodenkräfte. (…) Bei dem kleinen Eigentum geschieht dies aus Mangel an Mitteln und Wissenschaft zur Anwendung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit. Bei dem großen durch Exploitation dieser Mittel zur möglichst raschen Bereicherung von Pächter und Eigentümer“ [MEW 25, S. 820/21].

Wartet mal! Die Frage dreht sich also nicht darum, kleine oder große Titelinhaber persönlichen Eigentums zu schaffen oder zu beseitigen. Zum hundertsten Mal: Man muss tiefer schlagen:

„Bei beiden“ (beim Klein- wie Großeigentum) „durch die Abhängigkeit vom Marktpreis.“

Jene andere großartige Aussage, wonach „selbst die Gesellschaft nicht Eigentümerin der Erde“ ist, widerspricht dem Gesagten nicht. Auch in der gewöhnlichen Juristensprache ist ein auf ewig unveräußerliches Eigentum kein Recht sicut dominus[15], kein Eigentumsrecht, sondern nur das des Nießbrauchs (wie im XIII. Teil: „Die Nebenrollen im Drama des Bodens“, im 3. Kapitel ausgeführt).

Aber noch einmal: Wir wissen ganz gut, wo jenes Pentagon ist, das in die Luft gesprengt werden muss, um die gegen den Kommunismus errichtete doppelte Schranke niederzureißen: im Warensystem, im Gesetz der Marktpreise. Wir finden eins dieser Pentagone überall dort, wo wir eine Staatsbank finden. Aber denken wir ruhig auch an das jenseits des Atlantiks.

Extensiv oder Intensiv?[16]

Diese merkwürdige lateinisch-deutsche Überschrift gehört der Broschüre eines gewissen Maron an, den Marx zitiert (Engels bedauert, keine näheren Angaben darüber machen zu können)[17].

Dieser Maron, den Marx entschuldigt, weil er Deutscher und Nicht-Ökonom ist (und was ist mit Ihnen, Don Carlo?), formuliert sehr treffend das Gegenteil des Wirklichen und zwar so, wie er es braucht. Dieses Vorgehen Marxens ist kein dialektischer Luxus, sondern eine solide Untersuchungsmethode.

Maron meint, das im Ankauf des Bodens angelegte Kapital sei „Anlagekapital“ und streitet dann „über die resp. Begriffsbestimmungen von Anlagekapital und Betriebskapital, d.h. von fixem und zirkulierendem Kapital“ [MEW 25, S. 816].

Umgehend wird ihm die Marx’sche Auffassung an den Kopf geworfen; das im Ankauf von Grund und Boden verausgabte Kapital ist KEIN Anlage- und KEIN Betriebskapital, sowenig wie, Maron zum Trotz,

„das Kapital, das jemand an der Börse im Ankauf von Aktien oder Staatspapieren anlegt“. Dieses Kapital wird in keinem „Produktionszweig ‚angelegt’“.

Wir kommen nun zu folgender wichtiger These: Das was dem Titelinhaber den Empfang einer Rente sichert, ist nicht Kapital. Kapital ist das, was ausgegeben wird, um ein Produkt zu erhalten und einen Profit abzusahnen.

Wir haben hier zwei Sichtweisen über die Dynamik der bürgerlichen Ökonomie (und ihrer Liebediener, die den Marxismus um Theorien über „von Marx nicht vorhergesehene“ Dinge ergänzen) und der einen und unteilbaren marxistischen Ökonomie.

Wir haben jene Begriffe bereits im Vorhergegangenen und nach der Marx’schen Vorgabe definiert, als wir zeigten, dass diese Sozialbarbaristen[18] nichts begriffen haben. Für die Bourgeoisie ist das fixe Kapital der Kaufwert aller Produktionsanlagen, wie Maschinen, Gebäude etc. Zirkulierendes Kapital ist dagegen der Wert der zu kaufenden Rohstoffe und zu zahlenden Löhne.

Für uns Marxisten hingegen teilt sich das Kapital in den variablen Teil, der die Löhne, und den konstanten Teil, der alle anderen in einem Produktionszyklus nötigen Vorschüsse einbegreift. Der Unterschied zwischen fix und zirkulierend ist für uns folgender: Das z.B. in Rohstoffen ausgelegte Kapital ist zirkulierend, insofern es zur Herstellung eines Produkts vollständig verbraucht wird. Das für eine Maschine ausgelegte Kapital geht in den fixen Teil des konstanten Kapitals ein, jedoch nicht die Gesamtkosten der Maschine, die am Ende des Produktionszyklus immer noch läuft, sondern nur der aus dem Verschleiß der Maschine bestehende Wertteil, der amortisiert wird, d.h. das Kapital muss die Kosten für die jeweiligen, in den verschiedenen und sukzessiven Verarbeitungszyklen verschlissenen Teile in Rechnung stellen.

In der Agrarwirtschaft bilden alle diese Auslagen, ob Löhne oder Saatgut, ob Dünger oder der verschlissene Teil der Maschinen, das vorgeschossene Kapital; es findet sich im Wert des erzeugten Getreides wieder, erhöht um den normalen Profit und die Rente. In die Rechnung, wie wir sie aufstellen, geht nie der Preis des Bodens ein, so wenig wie der Bau- oder Schätzwert der Fabrik und automatischen Anlagen von z.B. FIAT.

Das muss noch einmal, und zwar fühlbar, eingehämmert werden. Mag sein, dass der Hammer dadurch ein wenig abgenutzt wird: Eben – nur dies bisschen Stahl, nicht aber die Kosten des mächtigen Werkzeugs werden dem konstanten Kapital in Rechnung gestellt. So hart die Schädel und so ohrenbetäubend das Dröhnen des Hammers auch sein mögen: hoch werden die Kosten nicht sein.

„Der Bodenpreis ist nichts als die kapitalisierte und daher antizipierte Rente. Wird die Agrikultur kapitalistisch betrieben, so dass der Grundeigentümer nur die Rente empfängt und der Pächter für den Boden nichts zahlt außer dieser jährlichen Rente, so ist es handgreiflich, dass das vom Grundeigentümer selbst im Ankauf des Bodens angelegte Kapital zwar für ihn zinstragende Kapitalanlage ist, aber mit dem in der Agrikultur selbst angelegten Kapital“ (eingesetztes, angewandtes, fungierendes Kapital, doch immer vom Pächter allein) „durchaus nichts zu tun hat. Es bildet weder einen Teil des hier fungierenden fixen noch des zirkulierenden Kapitals; es“ (das durch den Kauf von Land geheiligte Kapital) „verschafft vielmehr nur dem Käufer einen Titel auf Empfang der jährlichen Rente, hat aber mit der Produktion dieser Rente absolut nichts zu tun“ [MEW 25, S. 816].

Einen Schritt vorwärts, Sklave

Das historische Beispiel macht die Sache einsichtig.

„Man nehme z.B. die Sklavenwirtschaft. Der Preis, der hier für den Sklaven gezahlt wird, ist nichts als der antizipierte und kapitalisierte Mehrwert oder Profit, der aus ihm herausgeschlagen werden soll. Aber das im Ankauf des Sklaven gezahlte Kapital gehört nicht zu dem Kapital, wodurch Profit, Mehrarbeit, aus dem Sklaven extrahiert wird“ [MEW 25, S. 817].

Mit dem Sklaven wird die Sache handgreiflicher: Das Kapital, das es ermöglicht, aus seiner Arbeit den Mehrwert herauszupressen, mag eine Kornmühle, eine Garnwinde für Hanf und außerdem die Nahrung sein, die dem Sklaven zugeteilt wird. Nicht aber der Kaufpreis, der der gleiche bleibt, auch wenn der Sklave nach zwei Wochen an einer Krankheit oder infolge eines Unfalls stirbt, und es wäre völlig verrückt, den Kaufpreis in dem bisschen Garn oder Mehl, das in der kurzen Zeit produziert wurde, für abgegolten zu halten.

Den folgenden Satz sollte man nicht für ein Paradoxon halten:

„Es ist Kapital, dessen sich der Sklavenbesitzer entäußert hat, Abzug von dem Kapital, worüber er in der wirklichen Produktion verfügt.“

In der Tat, stirbt der Sklave, wird der Herr, wenn er sein ganzes Geld ausgegeben hat, bedauern, keine neue Mühle, keinen neuen Webstuhl, keine Rohstoffe und Lebensmittel mehr kaufen zu können, und wird sogar dem lebendigen Sklaven nachtrauern.

Ganz ähnlich ergeht es auch dem elenden Bewirtschafter eines armseligen Erdfetzens. Er braucht Arbeit: die hat er, und auch seine Familie: Wenn er krank oder besoffen ist und ein Sturm aufzieht, der seinen Baumbestand oder seinen Hühnerstall verwüsten könnte, wird er die kleine Tochter mit Gürtelschlägen aus dem Bett jagen, damit sie sich, halbnackt und im Freien, darum kümmert. Jede Nacht und von Kind auf an, schläft der Herr und König des poetisch besungenen kleinen Ackers mit einem offenen Auge und Ohr… Er braucht ein wenig wirkliches Kapital: Zuweilen hat er es, wenn nicht, verschuldet er sich zur Saat- oder Düngezeit. Doch damit nicht genug. Das unter 6 oder 7 Familien der Söhne und Töchter aufgeteilte Bodenstückchen reicht weder zum Leben noch zum Sterben, und in der Regel wird noch ein Stück Land dazu gekauft werden müssen. Noch mehr Schulden, noch eine Hypothek, noch eine Zwangsversteigerung – dem Sklavendasein nicht unähnlich (der Kapitalismus des blühenden Amerika hat eine derartige Behandlung auch für den Lohnarbeiter parat: in Form von auf Ratenzahlung gekauften Gütern).

„Die Ausgabe von Geldkapital für Ankauf des Bodens ist also keine Anlage von agrikolem Kapital. Sie ist pro tanto eine Verminderung des Kapitals, über das die Kleinbauern in ihrer Produktionssphäre selbst verfügen können. Sie vermindert pro tanto den Umfang ihrer Produktionsmittel und verengert daher die ökonomische Basis der Reproduktion. Sie unterwirft den Kleinbauern dem Wucher, da in dieser Sphäre überhaupt weniger eigentlicher Kredit vorkommt. Sie ist ein Hemmnis der Agrikultur, auch wo dieser Kauf bei großen Gutswirtschaften stattfindet. Sie widerspricht in der Tat der kapitalistischen Produktionsweise, der die Verschuldung des Grundeigentümers, ob er sein Gut geerbt oder gekauft hat, im Ganzen gleichgültig ist“ [MEW 25, S. 818/19].

„Die Nachteile der kapitalistischen Produktionsweise, mit ihrer Abhängigkeit des Produzenten vom Geldpreis seines Produkts, fallen hier also zusammen mit den Nachteilen, die aus der unvollkommenen Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehn“: Weil diese unvollkommene Entwicklung „gerade darauf beruht, dass der Ackerbau nicht mehr, oder noch nicht, der kapitalistischen Produktionsweise, sondern einer, aus untergegangnen Gesellschaftsformen überkommenen Produktionsweise unterworfen ist“ [MEW 25, S. 820].

Der Geldpreis des Bodens spannt den Kapitalismus ins Joch abgestandener vorkapitalistischer Formen, die tatsächlich in keinem noch so entwickelten Land ausgemerzt werden konnten. Doch schon allein der Geldpreis der Produkte (wenn sich sogar gespartes Geld nicht in Produktionsmittel oder das Recht auf Boden verwandeln kann – es sei denn „hintenrum“) reicht hin, um festzustellen, dass eine solche Ökonomie innerhalb der Schranken des Kapitalismus feststeckt.

Die Landwirtschaft des heutigen sowjetischen Systems, eine Zwitterform aus nationalem Eigentum mit nationaler Rente, einem System großer staatskapitalistischer Betriebe und einem Netz kleiner Bodenstücke (auch wenn sie veräußerlich wären) zur Familiennutzung, hat noch einen langen Weg bis zur kapitalistischen Form vor sich.

Nicht anders als im Westen, ist es jedenfalls völlig unter die Räder von Familie, Erbrecht und dem damit verbundenen Segen des Pfaffen gekommen.

Quellen:

„Miseranda schiavitù della schiappa“: Il programma comunista, Nr. 11, Mai 1954.

* * *

MEW 21: Engels – Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie; 1886.

MEW 25: Marx – Das Kapital III, 1894.

 


[1] schiappa, hier mit „Parzelle“ wiedergegeben, bedeutet wörtlich „(Erd)fetzen“, „nichts“.

[2] Anspielung auf den berühmten Satz Hegels: „Alles was wirklich ist, ist vernünftig, und alles was vernünftig ist, ist wirklich“. Siehe dazu auch: MEW 21, S. 265 ff.

[3] Es handelt sich um den Exkurs in „Proprietà e capitale“: „Il miraggio della riforma agraria in Italia“, Prometeo Nr. 13, August 1949.

[4] CLN (Comitati di liberazione nazionale): nationale Befreiungskomitees, worin sich in der Zeit zwischen dem September 1943 bis zum Mai 1945 die italienischen demokratischen Parteien auf lokaler und Landesebene zusammenfanden.

[5] Uns ist nur die Stelle aus dem Manifest bekannt: „Die Proletarier haben nichts von dem ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherigen Privatsicherheiten und Privatversicherungen zu zerstören.“ MEW 4, S. 472.

[6] Als Anspielung auf die Parzellengröße gebraucht Amadeo Bordiga hier einen Fachausdruck des Buchdrucks: Die aus der Druckmaschine kommenden Druckbögen werden ein ums andere Mal gefalzt (Signatur), bis sie auf ein bestimmtes Format und in die richtige Reihenfolge gebracht worden sind. Diese Signaturen werden dann zu einem Buchblock zusammengebunden. Die meisten Bücher haben Signaturen mit 16, 24 oder 32 Seiten.

[7] Inter liberos (lat.): unter Freien.

[8] dante causa (lat.): juristische Person; hier: „die Schenkenden“.

[9] „frank“ = etymologisch „frei“: Die synonyme Stellung von „fränkisch“ und „frei“ ergibt sich aus der historischen Bedeutung der Franken, die als Eroberer und freie Herren galten. Im Italienischen ist die Synonymie in „affrancamento“ = Befreiung und Freilassung, noch deutlicher.

[10] „1953-08-29 – Rasse und Nation in der marxistischen Theorie“: Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

[11] Villa: ein großes, sich selbst genügendes Gut, das aus dem von Sklaven bewirtschafteten Herrenhaus und -land und einer Vielzahl kleiner bäuerlicher Wirtschaften (Parzellen) bestand. Die Villa nahm die Struktur der Grundherrschaft im frühen Mittelalter vorweg.

[12] Simon von Kyrene half Jesus von Nazareth das Kreuz tragen.

[13] So paraphrasiert Amadeo Bordiga die „kapitalisierte“ Rente.

[14] Die leibeigenen, an die Scholle gebundenen Bauern im alten Sparta, die die Hälfte des Ertrags an den Herrn abzuliefern und ihm im Krieg als Waffenknechte zu dienen hatten.

[15] Sicut dominus (lat.): zu herrschen, wie ein Herr zu sein.

[16] Im Original deutsch.

[17] Maron, H.: Extensiv oder intensiv? Ein Kapitel aus der landwirthschaftlichen Betriebslehre. Oppeln 1859.

[18] Anspielung auf die französische Gruppe „Socialisme ou barbarie“. Siehe auch: „1954-02-19 – Differentialrente – Integralappetit“: „Wie Marx die Sache anpackt“.