Im Faden der Zeit [134]

XV. Nach der Kodifizierung des Agrarmarxismus

Die letzte Etappe

In unserer Rubrik „Im Faden der Zeit“ erschienen die ersten Folgen der „Agrarfrage“ in den drei letzten Ausgaben des Jahrgangs 1953, um in den ersten 12 Ausgaben (einschließlich der hier vorliegenden) des Jahres 1954 fortgesetzt zu werden. 15 Abschnitte also, oder wenn ihr es lieber bildlicher mögt, ein Giro mit 15 Etappen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich nur um eine kurze Pause, wir sind nämlich noch nicht fertig. Ein ganzer Abschnitt des zu behandelnden Stoffs, auf den wir verschiedentlich hingewiesen haben, steht noch aus; wir werden in Bälde das erörtern, was wir kurz und bündig: Lenin bzw. russische Revolution, nennen wollen.[1] Auch auf diesem Gebiet sollte keinerlei Originalität erwartet werden, kein Verfahren zur Anmeldung beim Patentamt, dem typischsten Merkmal dieser nur noch Abscheu erregenden Gesellschaft, in der der Arbeit des Gehirnmuskels – die, wie jede andere Arbeit auch, nicht persönlich, sondern gesellschaftlich ist – der bescheuertste aller bürgerlichen Stempel aufgedrückt wird. Eine ganz einfache Definition der kommunistischen Gesellschaft? Das ist jene, in der ein verrückter Kauz nicht abgestempelt wird.

Denn nachdem die Angelpunkte der marxistischen Auffassung zu den Fragen des Grund und Bodens festgelegt wurden, geht es in der Tat bloß noch darum zu zeigen, dass das kolossale Werk Lenins, vom theoretischen Standpunkt aus, zu 100% mit unserer Schule übereinstimmt, und daher die Geschichte die Fragen der russischen Revolution in völligem Einklang mit dem definitiv festgelegten Schema gestellt und gelöst hat. Die Geschichte lehrt die Schemata, deckt sie auf, bringt sie ans Licht und so weiter. Ja, aber welche und wann? Das ist der Punkt! Denn die Geschichte hält nicht einen Kerzenstummel in der Hand, um Hinz und Kunz zu (er)leuchten, wenn sie beim Morgenkaffee ihre Lieblingszeitung aufschlagen.

Wenn wir uns bei der Darstellung des marxistischen Bauwerks der Agrarfrage weder innovativ noch kreativ gezeigt haben (und solange wir nicht völlig verkalkt sind, werden wir das auch nicht tun), legen wir andererseits Wert darauf festzuhalten, dass wir nicht die Absicht hatten, wie in der Schule einen von anderen Fächern klar abgegrenzten „Lehrstoff“ durchzunehmen, wie es in den „sich selbst genügenden“ Bereichen der bürgerlichen Kultur – der in der Geschichte geistlosesten überhaupt – der Fall ist.

In Wahrheit fühlen wir uns dem peripatetischen Doktor näher, den der (zu früh gekommene) Bourgeois Molière aufzieht. Als ein Widersacher unseren Peripatetiker mit einem „schiefen“, was heißt jenseits der klassischen Schemata der Logik des Meisters liegenden Syllogismus kommen will,[2] fährt dieser aus der Haut und wirft ihm die Liste der Wissenschaften an den Kopf, in denen er beschlagen ist und die wir uns hüten werden, hier alle wiederzugeben: von der Kosmometrie bis zur Geomantie[3], über die Metaphysik und Musik, Rhetorik und Theologie, Mathematik und Astrologie, bis hin zur Alchemie und Physik.

Uns ist ein Scharlatan, der keine Angst hat, über alles Mögliche zu diskutieren, jedenfalls lieber als die modernen Experten und Spezialisten, die sich auf den engen Horizont ihrer Fachdisziplin zurückziehen und versichern, über die ihres nächsten Kollegen kein Wörtchen mitreden zu können, denn sie haben sich laut dem üblichen stillschweigenden Übereinkommen dazu verpflichtet, keinen Außenstehenden ihre aufgeblasene Hohlheit merken zu lassen.

Die Bedeutung des bei Marx gänzlich systematisierten Agrarsektors liegt darin, dass die Rententheorie das ganze System einschließt – wenn wir kurz und knapp von Sektoren und Systemen sprechen wollen. Zum Verständnis der Lösung der Agrarfrage ist es nötig, alle allgemeinen und zentralen Eckpfeiler zu beleuchten, den ganzen Mechanismus der heutigen Gesellschaft zu erklären und die Gleichungen ihrer mit sicherer Hand aus der Vergangenheit in die Zukunft „extrapolierten“ Dynamik aufzustellen.

Wie der Fall Russland seit 1917 zeigt (wobei sich nicht behaupten lässt, das Ganze sei dort auf eine neue Basis gestellt worden), haben sowohl Marx als auch Lenin die aufgefundenen Entwicklungsgesetze sicher „extrapolieren“ können.

Um zu wissen, was extrapolieren heißt, braucht man nicht die Geomantie des alten Doktors. Wenn ich von Hannover nach Würzburg reisen will und auf meine Uhr schaue, um die Ankunftszeit in München und die Abfahrtszeit in Hamburg zu schlussfolgern, habe ich vor- und rückwärts extrapoliert. Wenn ich richtig liege, kenne ich die genauen Fahrzeiten. Haben wir die Geschichte jetzt auf einen Fahrplan reduziert? Streitet euch ruhig weiter, ihr Philister des bürgerlichen Denkens. Erst nachdem wir angekommen sind, werden wir den Fahrplan, und euch gleich mit, an den nächstbesten Nagel hängen, wie Bartali[4] es mit seinem Rad machte.

Der „Giro di Russia“

Obwohl komplex, hat unsere Darlegung bisher nicht die systematische Gliederung einer Abhandlung, und gewiss haben wir uns nicht nur zum Zentrum, zu den Prinzipien des Marxismus hin bewegt, sondern auch des Öfteren einen Umweg zur Peripherie der Aktualität genommen.

Vor den Eskapaden dieser Diva der modernen Zeit schließen wir nicht absichtlich die Augen, sondern folgen ihr nachsichtig, da wir wissen, wenn wir (um die Wichtigtuer zu beschämen) beim einfachen Bild des Radsports bleiben wollen, dass sie uns mit ihren schnellen Antritten (oder „Sprüngen“) nicht überraschen kann. Sie wird wohl mehr oder minder graziös mit dem Hintern hin- und herwackeln, doch ist sie nichtsdestoweniger dazu verurteilt, in einem vom Stahl des Determinismus bestimmten Radius die Füße auf den Pedalen kreisen zu lassen. Das ist alles, was sie an Neuigkeiten zu bieten hat.

Das was die große Gemeinde von Dummköpfen für unvorhersehbare Sprints hält, erweist sich schnell als ein nur kurzes Weggleiten auf im Voraus gut präparierten Strecken.

Diese ständigen und wiederholten Verweise auf wohlbekannte Aspekte der allgemeinen Beweisführung sowie die Exkurse zu aktuellen Geschehnissen, die die vor langer Zeit aufgestellten Gesetze wiederbestätigen, mögen die Ordnung dieser Arbeit durcheinander gebracht haben, doch zeigen sie auch, wie weit unsere Methode von dem stupiden Dilemma entfernt ist, entweder nur eine theoretische Abhandlung zu schreiben oder mitten in der Praxis zu stehen. Zeigt mir auch nur einen Menschen auf der Welt, ob den größten unter der „großen Männern“[5] oder einen unbekannten Trottel, der auch nur einen Moment lang vor einer solchen Wahl gestanden hätte, und ich werde mir Asche aufs Haupt streuen und sofort aufhören, mit auch nur einem Wort die marxistische Lehre zu wiederholen.

Schon des Öfteren haben wir das Profil der heutigen russischen Landwirtschaft ebenso wie der politischen Kämpfe skizziert, in denen das Proletariat und verschiedene ländliche Schichten in Bewegung gerieten und sich einander näherten.

Der Irrtum, den es zu beseitigen gilt – was durch den vom Oktobersieg ausgelösten großherzigen Enthusiasmus erleichtert wurde –, besteht darin, dass sich vor derartig bedeutenden geschichtlichen Phasen die Frage des Einflusses der ländlichen Schichten bei folgenden beiden Übergängen noch gar nicht klar und eindeutig gestellt habe: dem Übergang zur bürgerlichen Revolution, die das Regime der feudalen Leibeigenschaft stürzt – und dem zur, vom Industrie- und Landproletariat geführten sozialistischen Revolution in solchen Ländern, in denen quantitativ große ländliche Schichten, wie etwa Kleinpächter und -eigentümer, existieren.

Diese Verhältnisse sind schon in den Schlussetappen dieses ersten historischen Übergangs charakterisiert worden, und bereits bei den „Klassikern“ finden wir die Lösung der Fragen, wie Lenin nachwies und wie es sich im sozialen Kampf in Russland zeigte. Diese These haben wir übrigens schon im ersten Teil, dem „einführenden Überblick“, an den sich vielleicht mancher Leser noch erinnern wird, vorausgeschickt.

Nach einer gewissen Weile soll also eine neue Serie vorbereitet und in Angriff genommen werden. Natürlich werden auch dannzumal keine neuen Tatsachen verkündet oder noch nie gehörte Argumente angeführt werden, so wie zwangsläufig auch über die zur Debatte stehende Agrarfrage hinausgegangen werden wird, was etwa die Beziehungen zwischen russischer und Weltrevolution oder den Verlauf des großen, vom Opportunismus geprägten Zyklus betrifft, als sich die weltweite Arbeiterklasse in einer Phase befand, in der sie von den Lehren der russischen Revolution und der leninistischen Politik geleitet zu sein schien; eine Epoche, die erst abgeschlossen werden kann, wenn die Verhältnisse erlauben, jene Waffe unbrauchbar zu machen, die Antikapitalismus und russische Gesellschaft bzw. die ihrer Bruderländer gleichsetzt. Etwas, was heute noch nicht absehbar ist.

Unter Feinden und Verbündeten

Mit dem Entstehen der Theorie, die die Kämpfe zwischen sozialen Gruppen durch ihre materiellen Interessen und ihre gesellschaftliche Stellung in der Produktion erklärt statt durch ideologische Unterschiede oder gar durch Machtgier, stellte sich mit der Frage der Klassenfeinde auch die Frage der Klassenbündnisse.

Theorie des Klassenkampfes (kommen wir noch einmal auf das Abc zurück) heißt nicht, dass die Gesellschaft in zwei Klassen gespalten ist, es gibt immer mehr Klassen und wir behaupten, nicht erst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft durchmachen zu müssen, ehe wir zur klassenlosen Gesellschaft kommen.

Das lange Wiederkäuen der Agrarthesen zielt darauf ab, jenes grundlegende, in den ersten Sätzen der „Kritik der politischen Ökonomie“ stehende Theorem in Großbuchstaben zu schreiben: Die typische moderne kapitalistische Gesellschaft zerfällt in drei Klassen: Proletarier, Kapitalisten, Grundeigentümer. Bei einem Konflikt zwischen drei Beteiligten gibt es drei mögliche Kräfteaufstellungen von „einem gegen zwei“, ohne die vierte Möglichkeit einzubeziehen, wo jeder gegen jeden kämpft. In stürmischen Geschichtsepochen geht eine der Konfliktparteien gegen die anderen in Angriffsstellung, und dann erschallt die furchterregende Losung des revolutionären Führers Jesus von Nazareth: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“.

Kaum sah sich die proletarische Klasse dem „Fabrikherrn“ gegenüberstehen und wurde sich ihrer geschichtlichen Rolle bewusst, konnte sie auch schon nicht über die Existenz anderer Klassen hinwegsehen, die sich bereits in der mittelalterlichen Gesellschaft bewegt hatten, also schon bevor es Fabrikanten und Lohnarbeiter gab.

Mit der Feststellung der Existenz all dieser – wiewohl unreifen – Gruppierungen tauchte auch sofort die Frage nach eventuellen „Bundesgenossen“ auf, wobei diese Frage auf ganz verschiedene Art und Weise gestellt wurde.

Sollen wir noch einmal an die ersten sozialistischen Autoren erinnern, die den unterdrückenden Charakter des bürgerlichen Fabriksystems intuitiv erfassten und Pläne eines Bündnisses zwischen Fabrikarbeitern und Feudalherrn skizzierten? Das war der feudale und konservative Sozialismus, gegen den noch vor einem Jahrhundert gekämpft werden musste. Sollen wir noch einmal festhalten, dass sich nach der vom Marxismus für eine bestimmte historische Phase (und eng damit in Zusammenhang stehenden geographischen Räumen) eingenommenen Position unweigerlich das bewaffnete Kampfbündnis zwischen Lohnarbeitern und ihren bürgerlichen Herren im nationalen und Bürgerkrieg aufdrängte und durchsetzte?

Und schon das „Manifest der Kommunisten“ blickt auf die Beziehungen zwischen Proletariat und verschiedenen anderen Klassen unmittelbar nach dem vollständigen Sieg der Bourgeoisie über das Feudalregime.

Kehren wir einfach zum Abc zurück und schreiben wir noch einmal ab, wie sich die Sache im Manifest liest:

„Alle früheren Klassen, die sich die Herrschaft eroberten“ (beispielsweise die Bourgeoisie), „suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen.“ Doch „die Proletarier“ (im Unterschied zu jeder anderen geschichtlichen Klasse) „können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen“ [MEW 4, S. 472].

Und dies, wie man weiß, weil

„die Proletarier haben nichts von dem Ihrigen zu sichern, sie haben“ (wie im letzten „Faden der Zeit“ erwähnt) „alle bisherigen Privatsicherheiten und Privatversicherungen zu zerstören.“

Nur das Proletariat, keine andere Klasse, befindet sich in einer derartigen Lage, und die vorhergehenden Seiten haben gezeigt, dass allein die Lohnarbeiterklasse nicht an die berühmten Formen: Familie, Erbe, Vaterland gebunden ist.

Und eben deshalb (auch wenn es völlig richtig ist, dass es andere, auch arme, Klassen gibt) wurde schon damals ausgerufen, und niemals widerrufen:

„Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt“.

Und deswegen kann sich

„das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird“ [MEW 4, S. 472/73].

Diese Aussagen, die ein Jahrhundert lang Millionen und Generationen von Arbeitern in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben jedoch nichts daran geändert, dass jene anderen Schichten (die dazu bestimmt sind, wie aus losem und weichem Material bestehende Bodenschichten zu zerbrechen oder in den Spalten der Bodenfaltungen zermalmt zu werden, wenn das glühende Gestein an die Oberfläche drängt) auf den ihnen entsprechenden Platz gestellt wurden, statt einfach ihr Verschwinden zu proklamieren.

„Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen“ [MEW 4, S. 472].

Ebenso also, wie die Arbeiterklasse, die die Hauptkräfte der sozialen Revolution stellt, Feinde hat, hat sie auch Verbündete. Zu bestimmten Zeiten bekämpfen die Proletarier

„ (…) die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger“ [MEW 4, S. 470].

Und zu anderen Zeiten lässt das Proletariat jene Schichten, die sich auf den „Standpunkt ihrer zukünftigen Interessen“ stellen, an seine Seite treten, wenngleich ihnen, die sich stets dem Stärkeren anschließen, keine zentralen Stellungen anvertraut werden.

Marx und Frankreich

In der Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich“ von 1850 – eine Arbeit, die Engels als klassisches Beispiel der Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung ansah – finden sich einige bemerkenswerte Seiten über das französische Landvolk anlässlich ihres Aufstandes gegen die auch von Louis Bonaparte (damals erst Präsident) befürwortete Beibehaltung der Weinsteuer.

„Die Landbevölkerung, über zwei Dritteile der französischen Gesamtbevölkerung, besteht größtenteils aus so genannten freien Grundeigentümern“ [MEW 7, S. 82].

Hier nun sehen wir, wie sich auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Machtaufstieg der Bourgeoisie wenn nicht zwei Drittel, so doch sicher sehr viel mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus anderen sozialen Schichten als die der Lohnarbeiter und Kapitalisten zusammensetzte; Akteure des Dramas waren also nicht nur diese beiden Klassen.

Seitdem ist ein ganzes Jahrhundert vergangen und immer noch wird die französische Wirtschaft als vorwiegend agrarisch beschrieben: Mehr als die Arbeitsleistung der halben Bevölkerung ist mithin notwendig, um die Nahrungsmittel für das ganze Volk zu liefern, ohne importieren zu müssen – während ziemlich viel, namentlich der erstklassig in der Welt dastehende Wein, exportiert wird.

Kehren wir wieder zu den freien Eigentümern zurück.

„Die erste Generation, durch die Revolution von 1789 unentgeltlich von den Feudallasten befreit, hatte keinen Preis für die Erde gezahlt.“

Hierin liegt das ganze Geheimnis der antifeudalen Revolution, die nichts, weder 1789 in Frankreich noch 1917 in Russland, mit der „Teilung des Grund und Bodens“ zu tun hat (außer in den Fällen, in denen öffentliche und staatliche Domänen zerstückelt und die Parzellen der Habsucht überlassen wurden – nicht der der Schollenbearbeiter, sondern großer wie kleiner Usurpatoren, die schon auf der Lauer gelegen hatten). Die Felder waren bereits in kleine, betriebswirtschaftlich selbständige Einheiten zersplittert, aber auf einem großen Teil davon lasteten die feudalen Vorrechte der Grundherrn bzw. religiösen Körperschaften. Nachdem diese Last weggefallen war, war der Boden „frei“, doch in der Regel fanden weder neue Grenzziehungen noch Eroberungsfeldzüge statt. Zwei elende Formen fanden sich vor, nämlich die Leibeigenschaft und der Kleinstanbau. Erstere wurde abgeschafft, letztere ist leider geblieben. Das war der erste Akt: es war „kein Preis für die Erde gezahlt“ worden.

„Aber die folgenden Generationen zahlten unter der Gestalt des Bodenpreises, was ihre halbleibeigenen Vorfahren unter der Form der Rente, der Zehnten, der Frondienste usw. gezahlt hatten. Je mehr einerseits die Bevölkerung wuchs, je mehr andererseits die Teilung der Erde stieg – um so teurer wurde der Preis der Parzelle, denn mit ihrer Kleinheit nahm der Umfang der Nachfrage für sie zu. In dem Verhältnis aber, worin der Preis stieg, den der Bauer für die Parzelle zahlte, sei es, dass er sie direkt kaufte oder dass er sie von seinen Miterben sich als Kapital anrechnen ließ, in demselben Verhältnisse stieg notwendig die Verschuldung des Bauern, d.h. die Hypothek. Der auf dem Grund und Boden haftende Schuldtitel heißt nämlich Hypothek, Pfandzettel auf den Grund und Boden. Wie auf dem mittelaltrigen Grundstücke die Privilegien, akkumulieren sich auf der modernen Parzelle die Hypotheken. – Andererseits: In dem Regime der Parzellierung ist die Erde für ihren Eigentümer ein reines Produktionsinstrument. In demselben Maße nun, worin der Grund und Boden geteilt wird, nimmt seine Fruchtbarkeit ab. Die Anwendung der Maschinerie auf Grund und Boden, die Teilung der Arbeit, die großen Veredlungsmittel der Erde, die Anlegung von Abzugs- und Bewässerungskanälen u. dgl., werden mehr und mehr unmöglich, während die falschen Kosten der Bebauung in demselben Verhältnisse wachsen wie die Teilung des Produktionsinstrumentes selbst. Alles dies, abgesehen davon, ob der Besitzer der Parzelle Kapital besitzt oder nicht. Aber je mehr die Teilung steigt, um so mehr bildet das Grundstück mit dem allerjämmerlichsten Inventarium das ganze Kapital des Parzellenbauers, um so mehr fällt die Kapitalanlage auf Grund und Boden weg, umso mehr fehlen dem Kotsassen Erde, Geld und Bildung, um die Fortschritte der Agronomie anzuwenden, um so mehr macht die Bodenbebauung Rückschritte.“

„So kam es, dass der französische Bauer unter der Form von Zinsen für die auf der Erde haftenden Hypotheken, unter der Form von Zinsen für nicht verhypothezierte Vorschüsse des Wuchers, nicht nur eine Grundrente, nicht nur den industriellen Profit, mit einem Wort, nicht nur den ganzen Reingewinn an den Kapitalisten abtritt, sondern selbst einen Teil des Arbeitslohnes, dass er also auf die Stufe des irischen Pächters herabsank – und alles unter dem Vorwande, Privateigentümer zu sein“ [MEW 7, S. 82-84].

Die Bauern und die Politik

Einerseits bestätigt dieses Bild die uns schon bekannte theoretische Systematisierung der kleinen und „autonomen“ Betriebsführung auf dem Lande, andererseits führt es anhand eines allgemeinen historischen Beispiels in die Frage der „Taktik“ ein.

„Man begreift die Lage der französischen Bauern, als die Republik ihren alten Lasten noch neue hinzugefügt hatte. Man sieht, dass ihre Exploitation von der Exploitation des industriellen Proletariats sich nur durch die Form unterscheidet.“

„So“, sagt Marx, „sprachen die Sozialisten in Pamphlets, in Almanachs, in Kalendern, in Flugschriften aller Art.“

„Der Exploiteur ist derselbe: das Kapital. Die einzelnen Kapitalisten exploitieren die einzelnen Bauern durch die Hypotheke und den Wucher, die Kapitalistenklasse exploitiert die Bauernklasse durch die Staatssteuer. Der Eigentumstitel der Bauern ist der Talisman, womit das Kapital ihn bisher bannte, der Vorwand, unter dem es ihn gegen das industrielle Proletariat aufhetzte. Nur der Fall des Kapitals kann den Bauern steigen machen, nur eine antikapitalistische, eine proletarische Regierung kann sein ökonomisches Elend, seine gesellschaftliche Degradation brechen. Die konstitutionelle Republik, das ist die Diktatur seiner vereinigten Exploiteurs; die sozial-demokratische, die rote Republik, das ist die Diktatur seiner Verbündeten. Und die Waage steigt oder fällt je nach den Stimmen, welche der Bauer in die Wahlurne wirft“ [MEW 7, S. 84].

Wenn der Leninismus darin besteht, den Bauern zu sagen: Die Arbeiterdiktatur, das ist die Diktatur eurer Bundesgenossen (niemals umgekehrt darin, den Arbeitern zu sagen: Die Diktatur der Bauern – eine Klasse, die nicht fähig ist zu führen – ist die eurer Bundesgenossen), dann ist er schon 1850 geschrieben worden. Doch geschrieben wurde auch: „Die konstitutionelle Republik, das ist die Diktatur seiner vereinigten Exploiteurs“, und auch dies bekräftigt Lenin.

Und denkt daran! Das war nur die Sprache einfacher vormarxistischer und demokratischer Sozialisten, die von den Bauern im Grunde nichts anderes wollten als deren Stimme bei den Wahlen. Es war jener halb utopische, halb doktrinäre Sozialismus, der, so Marx auf denselben Seiten,

„die Gesamtbewegung einem ihrer Momente unterordnet“, „der im Grunde nur die jetzige Gesellschaft idealisiert“, der „von dem Proletariat an das Kleinbürgertum abgetreten wird, während“ – und jetzt kommt’s – „sich das Proletariat immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus (gruppiert), für den die Bourgeoisie selbst den Namen Blanqui“ (bewaffnete Eroberung der Macht) „erfunden hat. Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats“ [MEW 7, S. 89].

Doch wenn dem Landvolk, und zwar im Jahre 1950, gesagt wird, die Rettung der republikanischen Verfassung sei sein Ideal und gewährleiste sein Privateigentum am Boden – was soll das sein? Marxismus, Leninismus, demokratischer kleinbürgerlicher Sozialismus? Eine saubere Definition zu finden, ist gar nicht nötig: Es ist Dünnschiss.

Von Bonaparte bis zur Kommune

Auf den großartigen Seiten des „Achtzehnten Brumaire“ betritt der französische Bauer abermals die Bühne. Er ist Gegenstand einer furchtbaren Klassifizierung:

„Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigentums, wie die Orléans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d.h. der französischen Volksmasse. Nicht der Bonaparte, der sich dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der Bonaparte, der das Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der Auserwählte der Bauern“ [MEW 8, S. 198].

„Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, dass ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde“ [MEW 8, S. 199].

Marx fürchtet hier wohl, zu grausam gewesen zu sein.

„Aber man verstehe wohl. Die Dynastie Bonaparte repräsentiert nicht den revolutionären, sondern den konservativen Bauer, nicht den Bauer, der über seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle hinausdrängt, sondern der sie vielmehr befestigen will.“

Die italienischen Stalinisten, die für die Befestigung des Bauern auf einem drei Erdklumpen großen Pferch eintreten – sind sie womöglich Abkömmlinge des Bonaparte oder doch bloß, wie schon gesagt, Scheißkerle?

In der dritten Marx’schen Arbeit zur französischen Geschichte – wir haben hier den wirklichen Fahrplan eines revolutionären Schnellzuges vor uns, dessen Verspätung durchgesagt wurde, der dann aber um so schneller durchzubrausen verspricht – werden abermals die Beziehungen zwischen Proletariat und Mittelklassen bzw. Bauernschaft ins Auge gefasst. Eben jene Partei der Mittelklasse, die sich im Juni 1848 an der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes beteiligt hatte, musste sich nun, nachdem die Verräter der Großbourgeoisie aus der Hauptstadt hinausgeworfen worden waren, der Macht der Kommune beugen. Und

„die Kommune hatte vollständig recht, als sie den Bauern zurief: ‚Unser Sieg ist eure Hoffnung!’“ [MEW 17, S. 344].

Marx tritt der Lüge entgegen, wonach die Versailler Nationalversammlung die französische Bauernschaft vertrete; sie vertrat vielmehr deren schlimmste Feinde, die großen Grundbesitzer. Von Napoleon I. zu wirklichen „Herren“ gemacht, hatten die Bauern dann aber 1815, nach der Restauration, eine Milliarde Entschädigung an die Zurückgekehrten zu zahlen. In den Augen des französischen Bauern

„ist ja schon die bloße Existenz eines großen Grundbesitzers ein Eingriff in seine Eroberungen von 1789. Der Bourgeois hatte 1848 die Bodenparzelle des Bauern mit der Zuschlagssteuer von 45 Centimen auf den Franken belastet, aber er tat es im Namen der Revolution; jetzt“ (1871) „hatte er einen Bürgerkrieg gegen die Revolution“ (die Kommune) „entzündet, um die Hauptlast der den Preußen bewilligten fünf Milliarden Kriegsentschädigung den Bauern aufzubürden. Die Kommune dagegen erklärte gleich in einer ihrer ersten Proklamationen, dass die wirklichen Urheber des Krieges auch dessen Kosten tragen müssten. Die Kommune würde dem Bauer die Blutsteuer abgenommen, ihm eine wohlfeile Regierung gegeben und seine Blutsauger, den Notar, den Advokaten, den Gerichtsvollzieher und andre gerichtliche Vampire, in besoldete Kommunalbeamte, von ihm selbst gewählt und ihm verantwortlich, verwandelt haben. Sie würde ihn befreit haben von der Willkürherrschaft des Flurschützen, des Gendarmen und des Präfekten; (…) Dies waren die großen unmittelbaren Wohltaten, die die Herrschaft der Kommune – und sie nur – den französischen Bauern in Aussicht stellte“ [MEW 17, S. 344-45].

Marx sieht voraus,

„dass drei Monate freien Verkehrs zwischen dem kommunalen Paris und den Provinzen einen allgemeinen Bauernaufstand zuwege bringen würden“. Die französischen Junker wussten das, „daher ihre ängstliche Eile, Paris mit einer Polizeiblockade zu umgeben“ [MEW 17, S. 346], und die erste Regierung des Proletariats im Blut zu ersticken.

Engels und Deutschland

Die von Engels 1850 geschriebene Arbeit „Der deutsche Bauernkrieg“ [MEW 7, S. 531] weist eine größere Parallele mit der Situation im zaristischen Russland des 20. Jahrhunderts auf, da sie, wie der Verfasser sagt, unter dem unmittelbaren Eindruck der Konterrevolution geschrieben wurde, also dem gescheiterten Versuch der Revolution in Permanenz, d.h. der Aufnahme des proletarischen Kampfes um die Macht sofort nach der Machtergreifung der deutschen kapitalistischen Bourgeoisie.

Als Engels nach den Ursachen der Feigheit der Städtebürger in Deutschland, des historischen Ausbleibens einer wirklichen nationalen Revolution fragt, erinnert er daran, dass auch die Deutschen ihren großen antifeudalen Krieg hatten, nämlich 1525 mit dem Bauernaufstand unter Thomas Münzer, den die offizielle Geschichtsschreibung, die die gesellschaftlichen Grundlagen der Revolte nicht erfasst hat, als Religionskrieg abhandelt.

Der Bauernaufstand gegen die feudalen Mächte wurde vor allem deshalb niedergeschlagen, weil er im Bürgertum der Städte keine effektive Unterstützung fand. Deutschland war somit zu jener Zersplitterung in Kleinstaaten und kleine Fürstentümer verdammt, über die vor allem Engels in seinen energischen Apostrophen und seiner entschiedenen Parteinahme für die Bildung eines zentralen Einheitsstaates (wenn auch zu spät – erst Mitte des 19. Jahrhunderts) herfiel.[6] An anderer Stelle[7] erklärten wir ausführlich, dass es in bestimmter Hinsicht richtig ist, in ihm einen Vorläufer des „Anschlusses“ zu sehen, der erst Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgte und heutigentags durch die gleichartigen Ambitionen aller konterrevolutionären Mächte rückgängig gemacht wurde.

Wir erinnerten auch an die Engels’sche Schlussfolgerung: Wer von den sich bekämpfenden Kräften (Fronbauern, Feudalherren, Fürsten der Kleinstaaten) profitierte von der Revolution von 1525? Die Bauern wurden geschlagen und die Ketten der feudalen Leibeigenschaft gefestigt. Doch verlor der Landadel einen großen Batzen seines Reichtums und seiner Autonomie zugunsten der kleinen Fürsten – das war immerhin ein Schlag gegen die feudale Zersplitterung. Es profitierten also die „kleinen Fürsten“. Und wer profitierte 1848, als Arbeiter, Bauern und diesmal auch die Städtebürger geschlagen wurden? „Die großen Fürsten“ [Preußen und Österreich], antwortet Engels. Aber hinter den kleinen Fürsten standen damals die kleinen Spießbürger mit ihren bescheidenen Kapitalien; hinter den großen Fürsten von 1848 in Berlin, in Wien, in München, standen nunmehr die großen Bourgeois und hinter diesen die Proletarier. In Hinsicht auf die nationale Einheit Deutschlands war auch die Konterrevolution ein Schritt nach vorn. Ihr werdet euch auch daran erinnern, wie Marx und Engels die Schlacht von Sadowa[8] bewerteten: es war gut, dass Berlin sich Wien unterwarf, so wie es gut gewesen wäre, wenn Wien sich Berlin unterworfen hätte. Und Sedan[9] war gut wie auch die Reichsgründung, einem weiteren Schritt hin zur deutschen Zentralisierung, die Bismarck mit 350 Jahren Verspätung gegenüber Münzer verwirklichte!

Eine große geschichtliche Frage kam so zu ihrem Abschluss, und jetzt stellte sich die Frage der Roten Internationale in Europa, die der Diktatur des Proletariats ohne Nation, ohne Vaterland.

Wenn der Bauer auch kein anderes Manko hätte, eines jedenfalls hat er: Auch wenn er sich erhebt, reicht sein politischer Horizont höchstens bis zur Nation.

In der 1870 sowie 1874 verfassten Vorbemerkung zeichnet Engels die Züge dieses sich über Jahrhunderte hinziehenden und die Bildung großer Staaten einbegreifenden historischen Tableaus mit bewundernswerter Klarheit nach.

Doch findet sich hier noch mehr, nämlich (in der dem Französisch-Preußischen Krieg und der Kommune folgenden Situation) eine Aufzählung der berühmt-berüchtigten und uns hier beschäftigenden Mittelklassen und ländlichen Schichten sowie die Frage der Verbündeten.

Die Bourgeois hatten schon mit allen reaktionären Kräften paktiert, mit dem Feudaladel, dem Königtum, der Armee, der Bürokratie.

„Unsre großen Bürger handeln 1870 noch geradeso, wie die Mittelbürger von 1525 gehandelt haben. Was die Kleinbürger, Handwerksmeister und Krämer betrifft, so werden sie sich immer gleich bleiben. Sie hoffen in das Großbürgertum sich emporzuschwindeln, sie fürchten ins Proletariat hinabgestoßen zu werden. Zwischen Furcht und Hoffnung werden sie während des Kampfes ihre werte Haut salvieren und nach dem Kampf sich dem Sieger anschließen. Das ist ihre Natur“ [MEW 7, S. 535].

Im Jahre 1870, sagt Engels, haben wir die neue Klasse, das Proletariat. Aber es bildet bei weitem noch keine Mehrheit. Es muss also (wie wir uns mit diesem „also“ herumgeschlagen haben!) auf Bundesgenossen zurückgreifen, „und diese können nur gesucht werden unter den Kleinbürgern, unter dem Lumpenproletariat der Städte, unter den kleinen Bauern und den Ackerbautaglöhnern.“

Aufnahmeprüfung der Verbündeten

Die Auflistung dieser sozialen Kräfte ist lehrreich. „Von den Kleinbürgern haben wir schon gesprochen. Sie sind höchst unzuverlässig, ausgenommen wenn man gesiegt hat, dann ist ihr Geschrei in den Bierkneipen unermesslich. Trotzdem gibt es unter ihnen sehr gute Elemente, die sich den Arbeitern von selbst anschließen“ [MEW 7, S. 536] (was aber auf einem ganz anderen Blatt steht und die Parteiorganisation betrifft, die, unserer Auffassung nach, nichts mit der labouristischen Formel zu tun hat). Es ist also alles in Ordnung: Der alte Engels macht kein Geheimnis daraus, dass wir mit den Kleinbürgern nichts anzufangen wissen.

Was das Lumpenproletariat, die Unterwelt der Städte angeht, sollte eine Bemerkung wie die Lenin’sche gemacht werden, nach der „es scheinen könnte, als wäre Marx viel mehr ‚Staatsanhänger’ als Engels“ [LW 25, S. 470]. In diesem Fall rümpft Marx nicht so wie Engels die Nase, der feststellt, dass jeder, der sich „auf sie stützt, sich schon dadurch als Verräter an der Bewegung [beweist].“

„Die kleinen Bauern – denn die größeren gehören zur Bourgeoisie – sind verschiedener Art. Entweder sind sie Feudalbauern und haben dem gnädigen Herrn noch Frondienste zu leisten. Nachdem die Bourgeoisie versäumt hat, was ihre Schuldigkeit war, diese Leute von der Fronknechtschaft zu erlösen, wird es nicht schwer sein, sie zu überzeugen, dass sie nur noch von der Arbeiterklasse Erlösung zu erwarten haben.

Oder sie sind Pächter. In diesem Fall existiert meist dasselbe Verhältnis wie in Irland. Die Pacht ist so hoch getrieben, dass der Bauer mit seiner Familie bei Mittelernten nur eben knapp leben kann, bei schlechten Ernten fast verhungert, die Pacht nicht zahlen kann und dadurch ganz von der Gnade des Grundbesitzers abhängig wird. (…) Von wem sollen sie Heil erwarten, außer von den Arbeitern?

Bleiben die Bauern, welche ihren eigenen kleinen Grundbesitz bewirtschaften. (…) Sie können am allerwenigsten von der Bourgeoisie etwas erwarten, denn sie werden ja grade von den Bourgeois, den wuchernden Kapitalisten ausgesogen. Aber sie hängen meist sehr an ihrem Eigentum, obwohl es in Wirklichkeit nicht ihnen gehört, sondern dem Wucherer. Dennoch wird ihnen beizubringen sein, dass sie (…) vom Wucherer befreit werden können (…). Und dies kann nur die Arbeiterklasse durchsetzen.“

Schließlich kommt Engels auf die Ackerbautagelöhner zu sprechen, deren Bedeutung die deutschen Sozialdemokraten wohl etwas zu spät erkannten, wobei er betont, dass diese Klasse ihre Lage mit den Arbeitern der Städte teilt.

„Von dem Tage an, wo die Masse der Landtagelöhner ihre eigenen Interessen verstehen gelernt hat, von dem Tage an ist eine reaktionäre, feudale, bürokratische oder bürgerliche Regierung in Deutschland unmöglich“ [MEW 7, S. 537].

1870 musste Engels noch bedauern, dass sich aus dieser Klasse nicht nur die Armeen der Fürsten, sondern auch die Wähler der Junker und Bourgeois, der Nationalliberalen und des katholischen Zentrums rekrutierten.

Wie wir schon öfter bemerkt haben, war man in Italien wahrscheinlich weiter: Wenn auch Pfaffen und Liberale ihre ländliche Gefolgschaft hatten, gab es doch dort, wo sich große Massen Landtagelöhner fanden, schon seit Ende des 19. Jahrhunderts eine starke sozialistische Bewegung.

Die Landtagelöhner müssen nicht aufgefordert werden, Bundesgenossen zu sein; in der revolutionären Armee sind sie Klassenbrüder, die schon hundertmal in der ersten Reihe standen.


Katastrophischer Zusammenstoß einander widersprechender Thesen

1. Natur und Arbeit

Gegenthese 1: Die Natur stellt der menschlichen Gesellschaft periodisch eine Masse von Reichtum zur Verfügung. Wem ein Bodenstück gehört, hat das Recht auf einen angemessenen Teil des Ertrags.

These 1: Die Gesamtheit der Gebrauchsgüter, über die die Gesellschaft verfügt, entspringt der menschlichen Arbeit. Ohne entsprechende Verausgabung von Arbeitskraft verfügen jene Gruppen über die Güter, was heißt, sie haben die Kontrolle über folgende Elemente: a) die produzierenden Personen, ergo die Produkte; b) das Zugangsrecht der Produzenten zum Boden, ergo die Produkte; c) die für die Produzenten unentbehrlichen Arbeitsmittel, ergo die Produkte.

2. Reichtum und Mehrarbeit

Gegenthese 2: Boden, Arbeitsgeräte und Geld sind akkumulierte, der Natur oder der Arbeit entstammende Reichtümer, die ohne sich zu erschöpfen periodisch einen Beitrag zu eben diesem Reichtum leisten: Rente, Profit und Zins.

These 2: Alle Einnahmen der nicht-arbeitenden Klassen entspringen der Mehrarbeit der tätigen Klassen, die von den politischen Institutionen gezwungen werden, dem Produkt nur jenen kleinen Teil zu entziehen, der zu ihrer Erhaltung und Reproduktion hinreicht.

Rente, Zins und Profit sind nur bestimmte Portionen dieses Überschusses oder Mehrprodukts, die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kraft der bestehenden Machtstrukturen zuerkannt werden.

3. Teilung des Produkts

Gegenthese 3: (trinitarische Formel). Die Herstellung des Produkts verdankt sich drei Faktoren der Produktion: Arbeit, Eigentum, Kapital; es muss daher in drei Teile aufgeteilt werden: der Lohn entlohnt die Arbeit, die Rente das Eigentum, der Profit (und Zins) das Kapital.

These 3: Zunächst einmal enthält das Produkt ein viertes Element, d.h. ein Quantum Rohstoff und den Verschleiß von Geräten und Anlagen; dieses Element, Marxisten nennen es konstantes Kapital, muss am Ende des Produktionszyklus wiederhergestellt sein. Die seitens der klassischen bürgerlichen Ökonomie aufgestellte Gleichung: Produkt gleich Lohn plus Profit plus Rente, ist daher falsch. Aufzuteilen ist der im gegebenen Produktionszyklus „dem Produkt hinzugefügte Wert“, der zur Gänze der angewandten Arbeit entstammt.

In der modernen kapitalistischen Gesellschaft existieren drei Klassen. Der gesamte in der Produktion gebildete Wert entspringt der Arbeit des Proletariats und darauf werden drei Abzüge erhoben: Lohn für die Arbeiter (von ihren Arbeitsmitteln und dem Boden getrennt); Profit für die kapitalistischen Unternehmer (die über Kapital, doch nicht über den Boden verfügen); Rente für die Grundeigentümer.

4. Vermögen und Kapital

Gegenthese 4: Die Grundrente entspricht dem Gewinn, den derjenige herausschlägt, der Geldkapital besitzt und es in den Erwerb von Grund und Boden angelegt hat – so als hätte er es in den Kauf von Produktionsanlagen investiert oder zinsbringend angelegt. In allen drei Fällen leitet sich der Vermögenswert aus dem nach dem jährlichen Zinssatz kapitalisierten Gewinn ab.

These 4: Der Profit der verschiedenen kapitalistischen Unternehmen gleicht sich tendenziell zu einer Durchschnittsprofitrate aus – solange keine Rente dazwischentritt. Das Produkt nimmt in diesem Fall den Tauschwert an, der dem entspricht, was der Marxismus Produktionspreis nennt: konstantes Kapital plus Lohnkapital plus Durchschnittsprofit.

Die bürgerliche Ökonomie hingegen nennt die vorzuschießenden Ausgaben für das konstante Kapital und Lohnkapital Produktionskosten oder Kostenpreis.

Die marxistische Ökonomie nennt das Verhältnis des Profits zu diesen Ausgaben: Profitrate und das Verhältnis des Profits nur zum variablen Kapital bzw. den Lohnkosten: Mehrwertrate.

Weder die eine noch die andere Rate entsprechen der im Allgemeinen viel niedrigeren Gewinnquote bzw. Dividende, die die bürgerliche Ökonomie ins Verhältnis zum Vermögenswert der Firma setzt, welcher sich aus dem Wert der Anlagen plus dem Geldkapital des Betriebs plus den, wenn vorhanden, Immobilien zusammensetzt.

Boden, Geldkapital und auch der Schätzwert der Arbeitsmittel (die nicht als an die Produktion gebundene Faktoren gelten, sondern als Handelsgüter, die vollständig erhalten bleiben, nachdem im gegebenen Zyklus das Nettoprodukt realisiert worden ist) sind keine produktiven Kapitalanlagen, sondern nur gesellschaftliche Titel, die das Recht auf Abzüge vom Profit (daher auf Mehrarbeit) und Surplusprofit, wenn vorhanden, geben. Sie kommen nicht in die Rechnung des auf dem Markt abgesetzten Gesamtprodukts (für die Bourgeoisie „Umsatz“), das für Marxisten aus vorgeschossenem Gesamtkapital plus Profit besteht.

5. Differentialrente

Gegenthese 5: Die Bodenrente ist umso höher, je höher der Marktwert des Bodens ist; dies ergibt sich aus dem Recht unserer modernen Zeit: Jedem ist freistellt, Boden zu kaufen oder zu verkaufen, oder mit dem Geld andere Investitionen, die viel versprechender aussehen, zu tätigen.

These 5: Während der Zins – den der Unternehmer an einen Geldverleiher abtritt, wenn er nicht über das nötige Bargeld für den Erwerb von Rohstoffen und Lohngeldern verfügt, bevor er das fertige Produkt verkauft hat – ein Bestandteil des normalen Profits ist (der andere Teil ist der Unternehmensgewinn), entsteht die Rente erst, wenn ein Extraprofit gegenüber dem gesellschaftlichen Durchschnittsprofit gemacht wurde.

Ein Landwirtschaftsbetrieb hat einen Extraprofit im Vergleich zu anderen Betrieben, wenn der Boden so fruchtbar ist, dass bei gleicher Arbeit und gleichem Kapitalvorschuss eine größere Menge Nahrungsmittel geerntet wird, die der Markt zum gleichen Verkaufspreis aufnimmt. Diese Differenz wird, nachdem die Ausgaben des kapitalistischen Pächters zurückgeflossen sind und er seinen normalen Profit eingesteckt hat, an den Grundeigentümer gezahlt: sie bildet die Differentialrente.

6. Gesetz des schlechtesten Bodens

Gegenthese 6: Wie auch für die Industrieprodukte hängt der Preis von Angebot und Nachfrage ab; ist die Nachfrage für die Bodenerzeugnisse größer, ist der Preis hoch, ist der Produktionsausstoß höher, ist der Preis niedrig.

These 6: Die berühmten Preisschwankungen infolge der Konkurrenz haben nur die Bedeutung kleiner „Höhenschwankungen“ eines Trägersignals mit statischer Amplitude[10]: sie gleichen sich untereinander aus und erzeugen keinen Reichtumstransfer von einer gesellschaftlichen Klasse zu einer anderen, sondern geben nur den temporären Gewinn oder Verlust einzelner Firmen an. Für die Erzeugnisse der modernen Industrie wird sich der Preis um den Tauschwert herum einpendeln, der hier gleich dem Produktionspreis (einschließlich dem zum Durchschnittsprofit ausgeglichenen Profit) ist.

Für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse entspricht der Marktpreis dem individuellen Produktionspreis des am wenigsten fruchtbaren Bodens, der neben den Kosten nur den Durchschnittsprofit deckt. In Anbetracht des Verhältnisses zwischen begrenzt zur Verfügung stehendem Ackerland und wachsender Bevölkerung wird das Gesamtprodukt zum gleichen Preis abgesetzt, und wo das Produkt bei gleich bleibenden Kosten größer ist, daher der individuelle Produktionspreis niedriger, bildet sich ein Surplusprofit, der zu Rente wird.

7. Absolute Rente

Gegenthese 7: Da es Rente für den Grundeigentümer erst dann gibt, wenn das zum Marktpreis verkaufte Produkt etwas mehr als den normalen kapitalistischen Profit einbringt, gibt es auf dem den Marktpreis regulierenden schlechtesten Boden keine Rente: Er würde nur bebaut, soweit der Grundeigentümer zugleich kapitalistischer Unternehmer ist (Ricardo).

These 7: Über die sukzessiven, auf den besseren Böden erscheinenden Rentensprünge hinaus gibt es eine absolute, dem ungünstigsten Fall eigene Grundrente – dies insofern der Marktpreis der Nahrungsmittel (Weizen = Grundnahrungsmittel) auch über dem Wert, d.h. dem Produktionspreis unter den schlechtesten Bedingungen liegt, und das wiederum, seitdem der Boden überall in Besitz genommen und in Form kapitalistischer Betriebe bewirtschaftet wird (seitdem also die Ernte den Eigenverbrauch des Bebauers übersteigt und die ganze Ernte als Ware in den Warenverkehr kommt).

Mit der sich ausbreitenden kapitalistischen Produktionsweise sinken die Preise der Industrieprodukte, während die der Nahrungsmittel steigen.

8. Industrie und Landwirtschaft

Gegenthese 8: Im Zuge des technischen Fortschritts und höherer Kapitalanlagen in der Landwirtschaft wird sich die Masse der Lebensmittel soweit erhöhen lassen, dass deren Kosten gesenkt werden…, unter der Bedingung, dass

entweder a) der Handel und die Investitionen liberalisiert werden,

oder b) eine zentrale Wirtschaftsleitung das jeweils zweckmäßige Kapitalvolumen für die verschiedenen Sektoren berechnet und die Marktanteile festlegt.

These 8: In der kapitalistischen Wirtschaft ist jeder Ausgleich zwischen Industrie- und Agrarpreisen unmöglich: was allgemein auch für ein Gleichgewicht hinsichtlich der Befriedigung von Bedürfnissen nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen gilt; ebenso wenig kann es ein Gleichgewicht in der Distribution des Reichtums, der Kapitalien und der Einkommen geben.

Dass eine solche Ökonomie die Tendenz hat, sich immer mehr von einem Gleichgewicht, einem stabilen Zustand zu entfernen, ist nicht einfach der Aneignung der Mehrarbeit geschuldet, sondern der Tatsache, dass die Aufteilung des Produkts unter die Einkommen der verschiedenen Klassen durch einen Marktpreis bestimmt ist, der für alle Waren derselbe ist, gleich unter welchen Bedingungen, mit welchem Arbeitsaufwand und welchen Erntemengen sie produziert werden. Sie ist dem Wertgesetz oder anders, der Äquivalenz im Warentausch, und der der Warenproduktion eigenen Distribution geschuldet.

Selbst bei gleich bleibender Mehrwertrate (gleicher Auspressung von Mehrwert) sorgt die immer höhere organische Zusammensetzung des industriellen Kapitals (hohe technologische Stufe: immer weniger Arbeiter und Arbeitsstunden erzeugen immer mehr verarbeitetes Material) für den historisch allgemeinen Fall der Profitrate (während die gesellschaftliche Profitmasse mit dem Wachsen des Gesamtkapitals kolossal zunimmt).

Dieser mit dem Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise unvermeidliche Prozess ist in der Landwirtschaft nicht nur durch das Privatmonopol am Boden blockiert, sondern grundsätzlich durch die Preisnivellierung der gesamten für den Austausch bestimmten Produktenmasse und durch das ungünstige Verhältnis Boden / Bevölkerung.

Die seit den Anfängen des Industrialismus aufs Tapet gebrachte Übertragung der gesamten Grundrente an den Staat würde die Ursachen dieser wesentlichen Tatsache mitnichten beseitigen, denn der bisher an die Grundeigentümer gehende Surplusprofit würde unter die Kapitalisten wiederverteilt, und auf die Surplusprofite würde der Staat nach der alten These Ricardos keine Steuern mehr erheben.

9. Kommunismus ist Nicht-Warenproduktion

Gegenthese 9: Abgesehen von der Überführung der gesamten Rente an den Staat lässt sich ein allgemeines Gleichgewicht und die Absenkung der durchschnittlichen Arbeitszeit bei allgemein hohem Lebensstandard erreichen:

entweder a) wenn der gesamte Profit der industriellen wie landwirtschaftlich Unternehmen an den Staat übergeben wird,

oder b) wenn der Profit den selbständigen Assoziationen aller Arbeiter eines jeden Betriebs überlassen wird.

These 9: Diese Maßregeln weisen nicht über die Warenproduktion, den Kapitalismus hinaus, denn der der Warenproduktion eigene Austausch würde auch hier die Verhältnisse zwischen den Betrieben bzw. Betrieben und Staat, zwischen Betrieben und Verbrauchern bzw. Verbrauchern und Staat, ganz zu schweigen zwischen Betrieben und Arbeitern regeln. Nach wie vor würde ein Missverhältnis zwischen der enormen gesamtgesellschaftlichen Arbeit und dem dürftigen gesamtgesellschaftlichen Konsum bestehen, ebenso wie keinerlei Gleichgewicht zwischen Arbeitsleistung und Konsum.

Die Überwindung des betrieblichen Despotismus bzw. der betrieblichen Knechtung infolge übermäßig langer Arbeitszeiten (die heute unter technologischem Gesichtspunkt nur einen Bruchteil des physiologischen Maximums und jener Zeit ausmachen müsste, die die vorkapitalistischen Epochen kennzeichnete) und die Überwindung der Anarchie der Produktion (bzw. der Verschwendung eines großen Teils des gesellschaftlichen Produkts, ohne dass es in nützlichen Konsum transformiert worden wäre) konstituieren das kommunistische Programm der proletarischen Revolution und bringen folgende Merkmale mit sich:

a) Abschaffung der Produktionsverwaltung durch die Betriebsleitung.

b) Abschaffung der Distribution vermittels des Waren- und Geldtausches sowohl hinsichtlich der Warenprodukte als auch der menschlichen Arbeitskraft.

c) Aufstellung eines einheitlichen gesellschaftlichen Plans, in dem mit physischen Quantitäten statt ökonomischen Äquivalenten gemessen wird und Arbeitskraft, Rohmaterial und Arbeitsmittel den verschiedenen Produktionssektoren zentral zugewiesen werden, ebenso wie die Produkte den Konsumtionssektoren.

Im vulgären Sinne falsche Formeln sind jene, wonach Sozialismus bedeute, den Mehrwert abzuschaffen und jedem Produzenten den gesamten Arbeitsertrag zu überlassen.

Sozialismus bedeutet, jeden Arbeitswert, jeden Arbeitszwang und jeden Arbeitslohn abzuschaffen wobei die Mehrarbeit jedes Einzelnen weder an andere noch an sich selbst, sondern an die Gesellschaft übergeben wird.

10. Parzellierung und Elend

Gegenthese 10: Ein Heilmittel für das schwerwiegende, von niemandem geleugnete Missverhältnis in der Verteilung des Reichtums findet sich in der Parzellierung des Bodens unter kleine Familienbetriebe, die unter der Leitung von Pächtern, Teilpächtern, bäuerlichen Kleineigentümern stehen.

These 10: Die Schichten der arbeitenden Landbevölkerung (außer den ländlichen Lohnarbeitern), die in der kapitalistischen Gesellschaft niemals verschwinden werden, sind Überbleibsel früherer Gesellschaftsformen. Das Produkt dieser zersplitterten Produktion behauptet sich nur deshalb zu einem niedrigeren Preis als in der voll entwickelten kapitalistischen Agrikultur, weil diese Arbeiter-Unternehmer oder gar Grundeigentümer von Zwergbetrieben aufgrund der natürlichen und sozialen Schranken sowie der veralteten Technik einen Teil ihrer Rente und ihres Profits und oftmals sogar des Lohns (der den des besitzlosen Arbeiters nicht übersteigt) einesteils an die Kapitalistenklasse und den Staat, andernteils – wenn der Preis unter, nicht über dem Wert liegt – an die Konsumenten abtreten.

Diese Schichten bilden eine gegenüber der modernen Welt rückständige Klasse, um nicht zu sagen Kaste von Unterdrückten, unfähig – so sehr ihre Hungerrevolten der bürgerlichen Macht auch zusetzen mögen – neue gesellschaftlich revolutionäre Formen zu verkörpern.

Die Revolution ist Aufgabe der proletarischen Klasse der industriellen und agrikolen Lohnarbeiter; die geschichtliche Funktion der revolutionären Diktatur gehört allein dieser Klasse an.

11. Monopol und Konkurrenz

Gegenthese 11: Die marxistische Theorie der modernen Ökonomie, die sich auf die Gesetze der Produktion als Wert- und Mehrwertbestimmung des Produkts gründet, vermochte über die jüngsten Phänomene des Monopols und des Imperialismus nicht genau Rechenschaft abzulegen, denn die diesbezüglichen Beweisführungen basieren auf der Annahme der vollen Entfaltung der freien Konkurrenz.

These 11: Die Theorie, die sich auf die Berechnung der Wertgröße und ihrer Bestandteile in der kapitalistischen Produktion gründet, stellt sich seit ihrem Entstehen der bürgerlichen Theorie der Konkurrenz entgegen; sie negierte und bewertete sie, indem sie bereits damals das Wesen dieser Ökonomie als Klassenmonopol bloßlegte. Die jüngsten Phänomene haben die Theorie und alle ihre Voraussagen bestätigt, und ihre theoretische und mathematische Darstellung lässt sich, auch für die industriellen Sektoren, ohne Schwierigkeiten mittels der präzisen Theoreme über die Rente durchführen: Seit ihrer Formulierung wurden sie nicht allein auf die Landwirtschaft, sondern auf alle Naturkräfte angewandt – diese Theoreme gelten daher sowohl für die mit Dampfmaschinen wie für die mit Benzinmotoren, für die mit Wasserkraft wie für die mit Atomkraft arbeitenden Wirtschaftssektoren, die allesamt die Basis für die heutigen wie künftigen Surplusprofite, Monopole und parasitären Rentenbezüge bilden, die die Ungleichgewichte in der kapitalistischen Gesellschaftsform verschärfen.

12. Die feindliche Wissenschaft

Gegenthese 12: Die Theorien, die sich auf die Einführung messbarer Größen in der Produktion, auf den Werttransfer von einer Klasse zu einer anderen gründen und Voraussagen über historische Entwicklungstendenzen machen, sind willkürliche Ideologien, weil wissenschaftliche Voraussagen in der Ökonomie nicht möglich sind. Die einzig mögliche Wissenschaft ist jene, die sich auf die Registrierung der konkreten Preise gründet und deren äußerst komplexen Schwankungen folgt. Die Preistheorie vertreten heutigentags die lange nach Marx geborenen modernen Wirtschaftswissenschafter, die berühmtesten Autoren, die bedeutendsten und bekanntesten Professoren.

These 12: Professoren an die Laterne![11]

Quellen:

„Codificato così il marxismo agrario“: Il programma comunista, Nr. 12, Juni 1954.

* * *

MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 7: Marx – Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, 1850.

MEW 7: Engels – Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“ (Ausgabe 1870 und 1875).

MEW 8: Marx – Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1851/52.

MEW 17: Marx – Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871.

LW 25: Lenin – Staat und Revolution, 1917.

 


[1] „Russia e rivoluzione nella teoria marxista“: Il programma comunista, 1954-55 und „Struttura economica e sociale della Russia d’oggi“: Il programma comunista, 1955-57.

[2] Ein Syllogismus ist ein aus drei Urteilen bestehender Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere. Mit dem „Meister“ ist Aristoteles gemeint, und ein Peripatetiker ist ein Schüler des Aristoteles, benannt nach dem Wandelgang der philosophischen Schule, dem Peripatos.

[3] Geomantie nannte sich die Kunst, aus Linien und Figuren im Sand wahrzusagen.

[4] Gino Bartali, 1914-2000, neben Fausto Coppi, seinem 5 Jahre jüngeren Konkurrenten, einer der erfolgreichsten und beliebtesten Radrennfahrer Italiens.

[5] Im Original: battilocchio. Es handelt sich um das eingebildete und hohle Individuum unserer modernen Zeit. Man glaubt gemeinhin, die Führer der Massen, eben die so genannten „großen Männer“, seien die treibenden Ursachen und Kräfte der Geschichte, während sie nur „der spontane, unwiderstehliche Ausdruck“ [MEW 8, S. 6] bestimmter Bedürfnisse sind.

[6] Von den drei möglichen Wegen zur Einheit Deutschlands (1. der offen revolutionäre Weg durch Beseitigung aller Partikularstaaten, 2. Einigung unter Vorherrschaft Österreichs, dem es jedoch nach einer unabhängigen Großmachtstellung gelüstete, 3. Einigung unter preußischer Vorherrschaft) gelang mit dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 der letztgenannte Weg.

[7] „Guerra e rivoluzione“: Il programma comunista, Nr. 10, 1950.

[8] Sadowa: Die wichtigste Schlacht des Preußisch-Österreichischen Krieges am 3. Juli 1866 fand bei Königgrätz in der Nähe des Dorfes Sadowa statt. Preußen brachte der österreichischen Armee nur mit knapper Not eine Niederlage bei.

[9] Sedan: Die wichtigste Schlacht zwischen Frankreich und Preußen Anfang September 1870. Die Katastrophe für die Franzosen beschleunigte den Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs: Am 4. September wurde die Republik in Frankreich proklamiert, womit der Krieg seitens Preußens seinen Verteidigungscharakter verlor und die preußischen Eroberungspläne offen zutage traten. Die sich daraus ergebenden neuen Aufgaben des Proletariats behandelt Marx in der „Zweiten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“ vom 9. September 1870 (in MEW 17, S. 271-79).

[10] Bei den meisten Trägersignalen handelt es sich um Hertz’sche Wellen, um akustische Schwingungen (Radiowellen) oder um elektromagnetische Wellen (Licht). Man unterscheidet mehrere Formen der Modulation von Trägerwellen, wie Frequenz-, Phasen- oder Amplitudenmodulation: Bei letzterer variiert man die Stärke des Signals (d.h. die Amplitude der Trägerwelle).

[11] Abgewandelte Zeile aus dem Revolutionslied „Ca ira“ aus der Zeit der Französischen Revolution, dessen Refrain lautet: „Ah, so wird’s gehen… die Aristokraten an die Laterne.“