Alter Maulwurf

1953-11-19 - Die Agrarfrage - ein einführender Überblick Drucken E-Mail

Im Faden der Zeit [120]

I. Die Agrarfrage - ein einführender Überblick

Der in „Il programma comunista" Nr. 14 diesen Jahres erschienene „Filo del tempo" befasste sich mit bestimmten Mängeln in der Auffassung selbst anti-stalinistischer kommunistischer Gruppen hinsichtlich der Agrar- und der nationalen Frage, die letztendlich darauf hinauslaufen, der Bewegung der bäuerlichen Kleineigentümer und der unterdrückten Nationalitäten ihre historische Bedeutung abzusprechen.1

 

Die Nationalitäten- und damit eng verbundene ethnische Frage war Thema der Versammlung von Triest im August 1953. Da die Genossen darauf drängten, den Bericht der Versammlung sogleich vollständig zu veröffentlichen, geschah das in den Nummern 16 bis 20 von „Il programma comunista".

 

Wir können nicht dafür bürgen, dass diese sehr ausführliche Fassung wirklich all das enthält, was in Triest gesagt wurde, und auch nicht dafür, dass alles Geschriebene auch verbal dargelegt worden ist. Doch das hat nichts zu sagen: Es handelte sich nicht um einen historischen Vortrag, erst recht nicht um einen historischen Redner. Solche findet ihr an jeder Straßenecke.

 

Trotz der Vielzahl der Wörter und Artikel ist die Frage nicht nur nicht erschöpfend, sondern auch nicht zu Ende behandelt worden. Die historische Frage der Kämpfe zur Nationenbildung und der - theoretischen und politischen - Haltung der Kommunisten dazu beschränkte sich auf den europäischen Raum, dessen geographische Grenzen wir jedoch nicht an den Ural, sondern im Süden an den Dnjepr und im Norden an den Onega legten - ungefähr, versteht sich; während die historische Grenze (was die politische Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen angeht) die Periode 1789-1871 umfasste. Der asiatische Raum, wie überhaupt die Frage der nicht-weißen Rassen ist noch zu erörtern, um festzustellen, dass eine analoge Periode (die sich dort eröffnete, als sie sich im europäischen Raum ihrem Ende zuneigte) noch abzuschließen ist. Und zwar unter Berücksichtigung eines wichtigen Unterschiedes: Im weißen Raum deckte sich die Periode der Nationalitätenkämpfe mit der Phase des entstehenden Kapitalismus; im farbigen Raum geht sie mit dem imperialistischen und parasitären Kapitalismus einher. Jedenfalls würde es nichts nützen, den Farbenblinden zu spielen. Thema der nächsten Versammlung wird also sein: Imperialismus und Orient- bzw. koloniale Frage.2

 

Nicht selten hört man die Bemerkung, Abhandlungen dieser Art seien schwierig und trocken, während die „wahrhaft politischen" Themen viel attraktiver und reizvoller seien, namentlich wenn es um das Auftreten und das spannende Verhalten der Staats- und Parteiführer gehe und darum, wie der Verlauf ihrer individuell-physiologischen Prozesse das Schicksal der Menschheit gestalte. Wir können darauf nur eine Antwort geben und tun das in einem nunmehr internationalen Jargon, der, seit die marines mit den syphilitischen Eingeborenen verkehren, von allen verstanden wird: Sorry, wir werden so weitermachen, etwas anderes können wir euch nicht anbieten.

 

Aber letztendlich ist auch dies eine Klassenfrage. Jeder, der ein bisschen Propaganda- und Agitationsarbeit in den Reihen der Arbeiterklasse gemacht hat, weiß, dass die außerordentlich originalen Positionen des revolutionären Marxismus samt ihren Schlussfolgerungen (die völlig entstellt worden sind, seit sie sich die Schul-, Kirchen-, Literatur- und Wissenschaftsgelehrten, die Militär- und Kulturexperten in den Kopf gesetzt haben) mit unglaublicher Sicherheit von den Massen aufgenommen werden, während sie (einstweilen) nur im Verhältnis eins zu einer Million in die Schädel der Intellektuellen eindringen.

 

Alarmglocken schrillten, als (um in der Propaganda- und Agitationsarbeit schneller voranzukommen) die schlechte Angewohnheit aufkam, in den proletarischen Reihen gemeinplätzliche, aalglatte, allgemein gebräuchliche Begriffe und Thesen zu benutzen, so wie die Pfaffen, Lehrer, die Gefreiten, die Gebildeten, Schriftsteller und Wissenschafter. Ausgehend von der gemeinsamen Plattform unerschütterlicher hochheiliger Wahrheiten würden wir dann leichtes Spiel haben, sie alle auf frischer Tat zu ertappen und ihrer Fehler zu überführen, und dies wäre dann ein „wahrhaft politischer" Erfolg.

 

Die Ergebnisse dessen liegen heute klar auf der Hand - womit wir nicht sagen wollen, dass eine andere Methode der Propaganda, der Rede- oder Druckkunst den Ereignissen eine andere Richtung hätte geben können. Und wirklich, in einer historischen Phase, in der die alte Gesellschaft nach Verwesung stinkt und sich diese Leiche noch immer und mit immer mehr Kraft an uns festklammert, können die schmierigen Vorgehensweisen nicht ausbleiben, mit denen gekaufte Führer ihre Bindung zum Proletariat demonstrieren.

 

Je mehr man von der dieser Gesellschaft eigenen Kultur durchdrungen ist, desto mehr wird man auch von ihrer Fäulnis durchdrungen. Das unverdorbene Gehirn desjenigen, der mit seinen Muskeln arbeitet und die Qualen der Ausbeutung am eigenen Leibe spürt, wird länger widerstehen. Und doch ist der zwar faulende, aber gigantische Kapitalismus in der Lage, es mit Drogen anzugreifen und leider auch mit anderen „Vergnügungen" zu besänftigen. Eine in wenigen Jahrzehnten verschlissene Maschine ist dagegen das Gehirn des Intellektuellen, das stets - wenn auch gezwungenermaßen - nur in festgelegten Bahnen funktioniert und sich die Illusion des „leicht verdienten Brotes" leistet. Die heutigen intellektuellen Arbeiter sind von einer Kurzsichtigkeit des Hirns befallen und haben nur die Kraft zu gewohnheitsmäßiger Tätigkeit und dazu, den Gleisen einer jahrelang antrainierten Routine zu folgen; einem neuen Problem können sie sich weder stellen noch es lösen; selbst wenn sie früher mal Anstrengungen unternommen haben, die alte Kultur zu zerstören, sind sie bald wieder von ihr vereinnahmt worden und ihrem mächtigen Einfluss erlegen. Sie leiden unter geistiger Blind- und Taubheit, was sie dazu bringt, zu reden, als hätten sie begriffen, und zu schreiben, als hätten sie gelesen - was nur machbar ist, indem man pausenlos die alte Leier herunterbetet.

 

Masse und Kraft des Kapitals - auch wenn es sich um Trägheitskraft handelt - sind historisch gesehen gigantisch. Wenn es darum ginge, das Licht des Denkens zu retten - wir wären erledigt. Aber die physische Untersuchung des Verhaltens der - auch lebenden - Materie hat uns die Gewissheit gegeben, dass, letztendlich, die Tauben hören und die Blinden sehen werden.

Eine kinderleichte Formel für die Hirten und die Herden

Folgendes ist eine weit verbreitete Meinung zur „Agrarfrage": Marx hätte seine ganze Kritik an der bestehenden privatwirtschaftlichen Gesellschaft ebenso wie den einzuschlagenden Weg zur Verwirklichung des Programms der kommunistischen Gesellschaft auf den Zusammenstoß zwischen Industriekapitalisten und Lohnarbeitern gestützt. Dieses Verhältnis würde alle anderen Formen der gesellschaftlichen Produktion einschließen und mit sich reißen. Dann sei Lenin gekommen und hätte alles erneuert und verändert, indem er den Zusammenstoß zwischen Kleinbauern und Grundherren in den Vordergrund gerückt und gezeigt habe, dass dieser Zusammenstoß in der Dynamik der Revolution die gleiche - wenn nicht eine größere - Bedeutung wie die des industriellen Kampfes annehmen könne. Wir wissen nur zu gut, was in den Augen der Philister entscheidend ist: Lenin habe dies nicht nur geschrieben und gesagt, sondern er habe mit den Kräften der Bauernschaft eine Revolution „gemacht", und zwar die einzig historisch siegreiche! Jetzt muss der Spießbürger bloß noch seine Wahl treffen: Der Leninismus als die der Arbeiterrevolution vorzuziehende Bauernrevolution - oder: der Leninismus als die Entdeckung der Mittel, die Bauern reinzulegen, damit sie die Arbeiterrevolution durchführen (so wie: der Liberalismus als die Entdeckung der Mittel, Arbeiter und Bauern zu linken, damit sie die kapitalistische Revolution vollbringen).

 

Nun sagen wir, all dies ist falsch, bzw. nicht wir sagen das, sondern Lenin selbst. In all seinen historischen und bedeutenden Auseinandersetzungen zur Agrarfrage drischt er auf die Pseudo-Marxisten in Russland wie in allen anderen Ländern ein und zeigt deren unermessliche Dummheit gerade an den Punkten, bei denen sie sich anmaßen, Theorien über angeblich von Marx übersehene Probleme zu fabrizieren, oder schlimmer noch, seine Fehler zu korrigieren.

 

Lenin stellt fest, dass Marx die Agrarfrage ebenso vollständig wie einzigartig ausgearbeitet hat, bzw. nicht Lenin sagt das, sondern Marx selbst. Mit der unserer Schule eigenen Methode, eben der, die die Sozialverräter der Jahre 1914-18 geißelte und die Lehre des Staates und der Diktatur bekräftigte, überschüttet Lenin diese Leute mit einer Lawine von Zitaten aus den Kapiteln, in denen ausdrücklich die Agrarfrage, und zwar grundsätzlich und nicht nebenbei, behandelt wird: Im III. Band des „Kapital" und in den „Theorien über den Mehrwert", die als IV. Band vorgesehen waren. Und was ist mit den zahlreichen Passagen und ganzen Kapiteln aus den ersten zwei Bänden des „Kapital", den Schriften zu Frankreich und Deutschland, den Schriften Engels' über Deutschland, den „Bauernkrieg" usw., oder den vielen klassischen Briefen des „Briefwechsels", wie z.B. dem, der das berühmte, auch im „Anti-Dühring" ausführlich behandelte Quesnaysche Tableau3 erklärt? Beide haben mit Sicherheit doppelt so viel zur Agrarfrage wie zur industriellen Frage geschrieben.

 

Wenn Lenin diejenigen abkanzelt, die die „Lücken ausfüllen" wollen, so geht er mit den „Kritikern" nicht sanfter um: Haben die einen die Texte nicht gelesen, so haben die anderen sie zwar gelesen, aber kein Wort verstanden. Mit unermüdlicher Geduld und einer sowohl dem Umfang als auch dem Inhalt nach großartigen Arbeit macht sich Lenin daran zu erklären, was sie bei Marx nicht verstanden haben, wobei er auf jeder Seite seine absolute Orthodoxie unter Beweis stellt.

 

Denn um ihre eigenen Dummheiten hereinzuschmuggeln, benutzen diese Herren das übliche Etikett: sie seien schließlich keine „Dogmatiker". Nun, es gibt zwei Arten von Menschen, die man nicht als dogmatisch bezeichnen kann, nämlich diejenigen, die durch die Beherrschung der Lehre über sie hinausgehen können, und diejenigen, die nicht auf ihrer Höhe sind. Von letzteren haben wir, wie auch Lenin, eine Unmenge gekannt, und sie würden einen gewaltigen Schritt nach vorn machen, wenn sie die Lektionen auswendig aufsagen könnten und aufhörten, so viel Wind zu machen. Zu ersteren können wir nicht sagen, dass es nur auf Lenin zutrifft - aber jedenfalls auf sehr, sehr wenige.

 

Was uns betrifft, so sind wir überhaupt nicht gekränkt, wenn uns Dogmatismus vorgehalten wird. Aber es ist Zeit, Lenin sprechen zu lassen. Seine Arbeit von 1901 „Die Agrarfrage und die ‚Marxkritiker'" (die Anführungszeichen sind von Lenin) beginnt wie folgt: „'... Den Nachweis führen, ... dass der dogmatische Marxismus auf dem Gebiet der Agrarfragen aus seiner Position vertrieben ist, hieße offene Türen einrennen ...'. So erklärte im vergangenen Jahr das ‚Russkoje Bogatstwo'4 durch den Mund des Herrn W. Tschernow" (danach ein abgebrühter Opportunist geworden). Und Lenin fährt fort: „Eine merkwürdige Eigenschaft besitzt dieser ‚dogmatische Marxismus'! Da versichern nun schon viele Jahre die gelehrten und gelehrtesten Leute Europas mit wichtiger Miene (und die Zeitungsschreiber und Journalisten wiederholen und variieren es), dass der Marxismus von der ‚Kritik' bereits aus seiner Position vertrieben sei - und trotzdem macht sich jeder neue Kritiker von neuem daran, diese angeblich bereits zerstörte Position unter Feuer zu nehmen. Herr W. Tschernow zum Beispiel rennt [...] ganze 240 Seiten hindurch ‚offene Türen ein' [...]. Herr Bulgakow" (auf ihn werden wir noch zu sprechen kommen) „hat [...] eine ganze zweibändige Untersuchung" (gegen die „Agrarfrage" Kautskys gerichtet, zu jener Zeit orthodoxer Marxist) „veröffentlicht. Nun wird bestimmt niemand mehr auch nur Überreste des von diesen Bergen kritischen Druckpapiers zermalmten ‚dogmatischen Marxismus' ausfindig machen können" [LW 5, S. 101].

 

Man kann sich vorstellen, dass wir nach weiteren 50 Jahren unter Feuer - und erst recht, wenn wir erleben, dass die Geschütze nicht nur atomar bestückt sind, sondern wir auch mit Dreck beworfen werden (anders gesagt: blind darauf losgeschossen wird) -, mehr denn je entschlossen sind, uns als Dogmatiker zu bezeichnen und uns ausnahmslos alle mit „Kritik" bestückten Kandidaten vom Leibe zu halten.

 

Welch ein Unterschied zwischen der Sprache Lenins und derjenigen Stalins über „Dogmatiker und Talmudisten", mit der genialen Variante: „Talmudisten und Dogmatiker"! Talmudisten vielleicht, aber jedenfalls keine Kuppler und Abtrünnigen. Einmal bat uns eine jüdische Genossin, ihr eine Ausgabe des „Talmud" in hebräischer Sprache zu besorgen. Wir haben einen auf dem Flohmarkt in Neapel aufgegabelt und kauften diese Rarität spottbillig ein; wir nahmen ihn mit nach Moskau und kamen uns ziemlich dumm vor, weil wir nicht ein einziges Zeichen darin entziffern konnten!

Lenin und die „Leitfäden"

1899 schrieb Lenin eine Reihe von Artikeln gegen den oben erwähnten Bulgakow, der eine „scharfe" Kritik der 1890 in Deutschland erschienenen Kautsky'schen Schrift: „Die Agrarfrage - eine Übersicht über die Tendenzen der modernen Landwirtschaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie" veröffentlicht hatte.

 

Bevor er Kautsky zu Leibe rückte, ließ sich Bulgakow vernehmen, sogar Marx habe „teilweise falsche Vorstellungen" gehabt. Das Falsche, auf das wir beizeiten zurückkommen werden, habe darin bestanden, das in der Industrie geltende Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate infolge der Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (mehr konstantes, weniger variables Kapital, d.h. mehr Maschinen und Rohstoffe, weniger menschliche Arbeit) auch in der Landwirtschaft anwenden zu wollen. Lenin beweist die Gültigkeit dieses Gesetzes so zwingend, dass einem sofort in den Kopf kommt, wie sehr Stalin in seiner letzten theoretischen Schrift5 bemüht war, dieses Gesetz nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Industrie ad acta zu legen.

 

Natürlich verschanzt sich Bulgakow hinter den Beiträgen der Fachleute und Professoren für Agrar- und Wirtschaftswissenschaft: Kautskys Schrift sei „'ebenso wenig wirkliche Agronomie wie wirkliche Ökonomie'"; „'ernste wissenschaftliche Probleme übergeht Kautsky mit einer Phrase'"; Kautsky „'unterziehe diese Angaben'" (über den Charakter der Landwirtschaft im Feudalismus) „'keiner ökonomischen Analyse'" (da haben wir's!); „'Alle diese Angaben', meint Herr Bulgakow, ‚kann man jedem beliebigen (sic!) Leitfaden der Ökonomie der Landwirtschaft entnehmen'" [LW 4, S. 100 und 104].

 

Lenin widerspricht Bulgakow, was die „Leitfäden" der offiziellen Wissenschaft betrifft, nachdem er sich die Mühe gemacht hat, in ihnen nachzulesen. Er nennt einige; in keinem aber findet sich ein Bild von der Umwälzung, „die der Kapitalismus in der Landwirtschaft vollzogen hat, weil keiner von ihnen sich auch nur das Ziel setzt, ein allgemeines Bild des Übergangs von der feudalen zur kapitalistischen Wirtschaft zu geben" [LW 4, S. 104].

 

Hier stehen sich zwei Methoden gegenüber. Leute vom Schlage eines Bulgakow suchen in der offiziellen, allgemeinen Wissenschaft - welche Marxisten wie Nicht-Marxisten eine gemeinsame Basis liefere - die erforderlichen Elemente für ihre berühmt-berüchtigte Analyse der vor ihrer Nase stattfindenden Prozesse, ohne zu merken, dass sie einer grundsätzlichen bürgerlichen Täuschung erliegen, nämlich dem (vom Marxismus zerstörten) Glauben an ewige und allen Wirtschaftsformen gemeinsame rationelle Gesetze. Unsere Schule indes forscht gegenüber jeder Frage zunächst nach dem Schlüssel des historischen Prozesses und kommt als einzige dahin festzustellen, dass die angeblich ewigen Gesetze bloß solche einer bestimmten und zeitlich befristeten Produktionsweise, namentlich der kapitalistischen, sind.

 

Lenin verteidigt Kautsky äußerst energisch und hebt in dessen Arbeit vor allem die Unterscheidungsmerkmale der feudalen und kapitalistischen Ökonomie hervor, wobei er sehr nachdrücklich auf den Charakter der Übergangsformen hinweist.

 

Bei jeder Untersuchung gehen Marxisten so vor: sie beschreiben nicht - wie in einem nüchtern statistisch-bürokratischen Bericht - das, was ringsumher vor sich geht, sondern dringen zu den vorhergegangenen Formen und den (auch weit zurückliegenden) Ursprüngen vor, zu dem, was sich in zeitlicher Folge ab- und entwickelt, um das Temporäre und Vergängliche in dem nachzuweisen, was dem gewöhnlichen Gelehrten beständig und ewig erscheint.

 

Der Marxist übersieht zwar nicht die von akademischen „Abhandlungen" angegebenen Daten. Allerdings beträgt ihr Obolus - der einer gewissen Befangenheit unterliegen sollte - nicht ein Zehntel dessen, was die originale Kraft der marxistischen Methode zu leisten vermag. Ein paar Stunden Arbeit genügen, um die Handbücher durchzusehen, während die spezifische Ressource der Methode des historischen Determinismus eine seltene Errungenschaft, das Werk ganzer Generationen ist.

 

Der Spezialist, der stets über alle Leitfäden, Abhandlungen, Zeitschriften und Monographien auf dem Laufenden ist, beeindruckt uns kein bisschen.

Landwirtschaft und Geschichte

Zweifellos muss sich die Untersuchung über die Wechsel in der Produktionsweise, insbesondere der Agrarwirtschaft - die bis in die jüngste Zeit hinein den bestimmenden Teil der gesellschaftlichen Ökonomie ausmachte -, nicht nur auf das Mittelalter erstrecken, sondern auf die gesamte Menschheitsgeschichte.

 

Die westliche Wissenschaft ordnet sich den Interessen des Kapitals nicht minder konformistisch unter wie sich die russische Wissenschaft den Befehlen des Zaren beugte. Als die Agrarwissenschaft jünger war, konnte man sich noch an manch einen unparteiischen „Abhandler" wenden: Wir müssen bloß ein paar Jahrzehnte zurückgehen, um einen zu finden; die Werbetrommel brauchen wir für ihn nicht zu rühren, denn wenn er in seinem Leben Publizität gesucht hätte, hätte er ebensoviel dummes Zeug veröffentlicht wie die heutigen Autoren. Der Leser, dem wir der Klarheit halber einige Textstellen zur Hand geben, beachte, dass es sich bei ihm um einen erklärten Befürworter der privaten Leitung der Landbetriebe (mit begrenzter Kontrolle durch die öffentliche Hand) handelt. Man wird sich an ein Zitat dieses Autors in „Proprietà e capitale"6 erinnern, wo er, auf einer ausschließlich wissenschaftlichen Basis, eine entschiedene Kritik an der molekularen Teilung des Bodens übte - Ursache von Stagnation und grenzenlosem Elend. Hier ist uns nur wichtig, zu diesem komplexen Thema die Überlegenheit der historischen Methode zu zeigen.

 

„Die Landwirtschaft ist die extraktive Industrie par exellence, denn durch die Einwirkungen der menschlichen Arbeit und des Kapitals vereinigen sich die chemischen Bestandteile des Bodens mit denen der Luft zur Erzeugung der vor allem für die menschliche Ernährung bestimmten Stoffe. Die anderen extraktiven Industrien hingegen (Jagd, Fischfang, Bergwerke, Salzstöcke, Steinbrüche usw.) beuten bereits in der Natur gebildete Erzeugnisse oder Rohstoffe aus und bezwecken ihre Förderung aus Boden oder Wasser, in rohem oder verändertem Zustand. Die extraktiven Industrien versorgen die Manufakturindustrien mit den Rohstoffen, die in für menschliche Bedürfnisse nützliche Produkte verwandelt werden. Auch die Landwirtschaft versorgt mit ihren Erzeugnissen einige dieser Industrien."

 

„Die landwirtschaftliche Industrie ist durch das Vorherrschen der Naturkräfte gekennzeichnet, die sich in der Produktivität des Bodens (Zusammensetzung, Lage, Bodenbeschaffenheit usw.) und den klimatischen Bedingungen zeigen."

 

„Während sich die Manufakturindustrie an jedem beliebigen Ort etablieren kann, schafft der Umstand, dass der Boden unverrückbar und (im Allgemeinen) unzerstörbar ist, einen hohen Grad an Einschränkung [...]. Dieses hat für unsere Disziplin [...] eine außerordentliche Bedeutung [...], übt einen wesentlichen Einfluss auf die ökonomische Verfassung der Gesellschaft, auf die Bedingungen und den Grad des Wohlstands ihrer Mitglieder aus."

 

Der zitierte Text deutet hier neben der Beschränktheit des Bodens auch auf den Faktor der so genannten abnehmenden Bodenfruchtbarkeit hin, der eine heftige Polemik zwischen Bulgakow und Lenin auslöste, und den wir anhand der Ricardo'schen und Marx'schen Theorien rekonstruieren werden.

 

Unser Autor kommt sehr bald auf das historische Element zu sprechen, um das gesellschaftliche zu klären: „Die Bodennutzung vollzieht sich heutigentags ganz überwiegend durch das individuelle Eigentum am Boden, so dass auch das kleinste Stückchen Erde - sei es auch durchaus unfruchtbar - von irgendjemandem in Besitz genommen ist, der darüber frei verfügen kann. Man kann sagen, dass in den zivilisierten Ländern oder in jenen, wo der Boden Staatseigentum ist, herrenloses Land, auf das sich der Erstankömmling ohne Streit niederlassen konnte, verschwunden ist. Wo noch kolonisierbares Land übrig blieb, erklärten sich Staaten zu dessen Eigentümern, und sie treten es nur gegen Entgelt ab. Jedoch ist die Herausbildung des Privateigentums am Boden in dieser absoluten und verallgemeinerten Form eine ziemlich neue Erscheinung und in einer mehr oder weniger fernen Zeit stand das Land zum großen Teil und überall der gemeinschaftlichen Nutzung durch Familien- oder Bevölkerungsgruppen frei. Und schließlich gab es eine Zeit, in der das Land, wenn es nicht in dem Sinne frei war, dass jeder sich da niederlassen konnte, wo es ihm gefiel, dem kollektiven Nießbrauch unterstand, so dass alle an der Bebauung teilnahmen, ohne irgendeine Rente bezahlen oder einen Teil des Ertrags an Dritte abgeben zu müssen."

 

Wir werden hier nicht auf die Beschreibung der Übergangsformen bei den verschiedenen Völkern zurückkommen, wie bei den germanischen, wo die Mark- und Domänenwirtschaft überwog, oder den römischen, die ein vollständiges System allodialer Güter (freies, vererbliches Privateigentum) entwickelten.

 

Für lange Zeit war der Boden kein Wertgegenstand, doch das Vieh, das jeder auf dem Gemeinland weiden ließ, war es bereits. Der Boden war noch kein Kommerzartikel, das Vieh schon: ein Beweis dafür ist, dass das Wort Geld („pecunia") von „pecus" (Vieh) stammt.

 

Die germanischen Völker, die auf den weiten Landstrecken noch wenig zahlreich waren - anders als die dicht gedrängten und vorgeschrittenen römischen Kolonen -, wandten das jahrhunderte- ja sogar jahrtausendealte System der Dreifelderwirtschaft an, von dem Lenin oft spricht. Darin bewirtschaftete jede Hausgenossenschaft, bei jährlicher Neuverteilung, drei etwa gleich große Ackerstreifen: Auf einem wurde Weizen angebaut; auf dem zweiten Roggen, Gerste oder Hafer; der dritte lag brach. Im ersten Jahr wurde Weizen [Sommergetreide] angebaut, der dem Boden fast all seine nährstoffreichen Elemente entzog. Im darauf folgenden Jahr wurde Getreide mit geringerem Gehalt an Nährstoffen angebaut [Wintergetreide]. Das dritte Jahr ließ man den Boden ruhen, damit er seine chemischen Ressourcen wieder erneuern konnte; in fortgeschritteneren Zeiten wurde die Brache gepflügt, um eine Luftzirkulation zu ermöglichen, und man ließ das Unkraut wachsen, ohne es zu jäten.

 

Dann erinnert der Text daran, dass das Privateigentum zwar in einigen Fällen aus einer Aufteilung des Gemeindelandes [Allmende] unter die Hofstätten der Familiengemeinschaften entstanden ist - meistens jedoch durch Gewalt, Versklavung und Eroberung. Oftmals haben wir Engels zitiert, der zeigt, dass die Mark- oder Dorfgenossenschaft bei den germanischen Völkern erst sehr spät verschwand; wenn es in Italien die Einzelbebauung schon in vorrömischer Zeit gab (und somit den altrömischen Gott des Grenzsteins „Terminus", der den Besitz für unantastbar und heilig erklärte), ist dies dem sehr alten Wissen über die dem Getreideanbau überlegenen Kulturen geschuldet: Weinberge, Olivenhaine, Obstplantagen, erste Bewässerungssysteme.

 

Wir werden nicht noch einmal die historischen Passagen über das mittelalterliche Verhältnis zitieren, über die dem Guts- und Kriegsherrn kommendierten7 und ihm dienstpflichtigen Völkerschaften; und auch nicht die Passagen über den geringen Einfluss und das schnelle Verschwinden der feudalen Formen in Italien, denn für deren Entfaltung war die Zeitspanne zwischen dem Ende des Oströmischen Reiches und der Epoche der Kommunen8, die eine hohe, wenn nicht gar kapitalistische Agrikultur betrieben (Gemüse- und Obstgärten), zu kurz.

Austritt aus dem Feudalismus

Lenin wirft Bulgakow vor, die Kautsky'sche Untersuchung der feudalen Verhältnisse als überflüssig abzutun; er zitiert und kommentiert zahlreiche Stellen dieser Untersuchung als „vortrefflich". Es ist nicht schwer zu sehen, welche Bedeutung die rückwärts gewandte „Abgrenzung" zwischen der nicht-kapitalistischen und der kapitalistischen Form hat: Sie beleuchtet die nach vorwärts gerichtete Abgrenzung. Mit dieser Methode und dem Stil der Textreihe „Im Faden der Zeit" haben wir uns auf das „Gestern" gestützt, um das „Morgen" zu verstehen und den Schwindel aufzudecken, der den Kommunismus von „heute" als den von morgen ausgibt. Wir werden gleich sehen, dass viele Kautsky'sche Thesen, die Lenin gegen die Einwände Bulgakows wieder aufnimmt, eben die von uns im „Dialog mit Stalin" gebrauchten sind, die den kapitalistischen Charakter der russischen Agrarwirtschaft belegen.

 

Der Marx'schen Synthese zufolge unterscheidet sich das feudale von dem modernen Verhältnis dadurch, dass der Leibeigene dem Grundherrn eine Arbeits- oder Produktenrente lieferte: er leistete auf dessen Gut Fronarbeit oder lieferte ihm einen Anteil vom Ertrag seiner Parzelle ab; weshalb wir uns in einer Naturalwirtschaft befanden. Der moderne Grundherr des Bodens, der Grundeigentümer, bezieht hingegen eine Geldrente. Freilich überlebt bis heute die Teilpacht, worin der Bauer dem Eigentümer nicht eine Geldsumme, sondern einen bestimmten Anteil des Produkts abtritt: Man fragt sich, warum gerade diejenigen, die sich mit der Ausmerzung der feudalen Form beliebt machen wollen, just diese verwandelte halbfeudale Form preisen.9 Fakt ist, dass sich immer mehr Eigentümer von den Teil- oder Halbpächtern nicht mehr umständlich Naturalien geben lassen, sondern dessen Äquivalent zum Marktpreis. Gerade weil es nicht ganz kapitalistisch ist, ist dieses Geldpachtsystem noch ein bisschen menschlicher, insofern der Bauer nicht das Risiko trägt, in fetten wie in mageren Jahren die gleichen Abgaben leisten zu müssen.10

 

Jedenfalls hat die Geldrente die Arbeits- und Produktenrente abgelöst; zur gleichen Zeit ist der früher sakrosankte Grundbesitz veräußerlich und der früher an die Scholle gefesselte Landmann „frei" geworden.

 

Anfangs war dieser Prozess jedoch nicht allein durch das unbedingte Erfordernis bestimmt, die freie Entfaltung der Produktivkräfte in der Manufaktur zu ermöglichen, sondern ging auch mit einem vergleichbaren Auftrieb der landwirtschaftlichen Produktivkräfte einher.

 

Zu diesem Punkt zitiert Lenin Kautsky: „In der Feudalzeit - sagt Kautsky - gab es keine andere Landwirtschaft außer der kleinen, denn der Gutsherr ließ seine Felder ebenfalls mit bäuerlichem Inventar bearbeiten. Erst der Kapitalismus ermöglichte den Großbetrieb in der Landwirtschaft, der technisch rationeller war als der Kleinbetrieb" [LW 4, S. 105].

 

Hier berühren wir die Frage des Groß- und Kleinanbaus, die Lenin nicht gerade sanft auf die Bulgakow'schen Kritiken losgehen lässt.

 

Lenin bezieht sich auf das 5. Kapitel der „Agrarfrage" Kautskys, in dem die Marx'sche Wert-, Profit- und Rententheorie erläutert wird; wir werden im Laufe dieser Untersuchung ausführlicher darauf zurückkommen. Lenin verspottet Bulgakow, weil der von kapitalistischer Landwirtschaft nur insofern sprach, wie die Industrie- und Handelsbourgeoisie der Landaristokratie die Macht entrissen hatte, und er stellt klar, dass aus Sicht des Marxismus die Landwirtschaft ihrer inneren ökonomischen Struktur nach deshalb kapitalistisch wird, weil sich die Naturalwirtschaft in Warenwirtschaft verwandelt.

 

Man muss sehen, dass der junge Kautsky die marxistischen Thesen mit meisterhafter Genauigkeit wiedergab: „'Ohne Geld ist der moderne landwirtschaftliche Betrieb unmöglich' sagt Kautsky, 'oder, was dasselbe sagen will, ohne Kapital; denn in der heutigen Produktionsweise kann jede Geldsumme, die nicht Zwecken des persönlichen Konsums dient, zu Kapital, zu Mehrwert heckendem Wert werden und wird es in der Regel auch. Der moderne landwirtschaftliche Betrieb ist also kapitalistischer Betrieb'" [LW 4, S. 105/106].

 

Die feudale Agrarwirtschaft - unter anderem durch das Nebeneinander von Landarbeit und ländlicher Hausindustrie gekennzeichnet - hält also die bäuerliche Produktion vom Markt fern. Die kapitalistische Wirtschaft hingegen zieht den bäuerlichen Kleinbetrieb in den Strudel der Warenproduktion hinein. „'Je kapitalistischer die Landwirtschaft wird, desto mehr entwickelt sie einen qualitativen Unterschied der Technik zwischen Großbetrieb und Kleinbetrieb.' [...] In der vorkapitalistischen Landwirtschaft", unterstreicht Lenin, „bestand dieser qualitative Unterschied nicht" [LW 4, S. 113]. Den Nachweis, dass die angebliche Selbständigkeit des Zwergbetriebes nur zu einer übermäßigen Zunahme der Arbeitslast für den „Eigentümer" eines Fleckchens Erde führt, werden wir zu gegebener Zeit führen; im übrigen ist er praktisch offensichtlich.

 

Wichtig sind die Ausführungen zum genossenschaftlich bewirtschafteten Betrieb, von dem es zahlreiche Beispiele in der kapitalistischen Epoche gibt, wie andererseits die Anmerkung (was Marx schon 1851 sagt), dass innerhalb des Kapitalismus nicht mit einem Verschwinden der Kleinproduktion in der Landwirtschaft gerechnet werden kann: „Es ist bekannt, wie viel Aufhebens die Ideologen des Kleinbürgertums im Allgemeinen und die russischen Volkstümler im Besonderen [...] von den Genossenschaften der kleinen Landwirte machen. Um so mehr gewinnt deshalb die hervorragende Analyse der Rolle der Genossenschaften an Bedeutung, die von Kautsky gegeben wurde. Die Genossenschaften der kleinen Landwirte sind natürlich ein Glied des ökonomischen Fortschritts, doch bringen sie den Fortschritt zum Kapitalismus, nicht aber zum Kollektivismus, wie man vielfach meint und behauptet, zum Ausdruck" [LW 4, S. 111].

 

Die marxistischen Kriterien der Übergangsformen der Agrarproduktion sind also die grundlegenden Elemente, um die heutige russische Landwirtschaft zu bewerten - und darüber hinaus die dumme, weltweit verbreitete Volksmeinung zu widerlegen, nach der Lenin für die Aufteilung des Bodens unter die Kleinbauern eingetreten wäre.

Menschenwerk und Natur

In allen Lehren über die Agrarwirtschaft treffen wir auf zwei gegensätzliche Positionen. Die eine stellt die Naturkräfte, also die Erde, in den Vordergrund, die andere die Arbeit des Bodenbebauers, also den Menschen. Oder wie Dante gesagt hätte: Was nährt uns mehr, „la natura o l'arte?" [die Natur oder das Gewerbe].11

 

Diese große Divergenz kommt in der von Marx nur in Fragmentform hinterlassenen Geschichte der ökonomischen Lehren [„Theorien über den Mehrwert"] (deren erste Ausgabe in den Jahren 1905-1910 von eben demselben Kautsky zusammengestellt wurde) klar zum Ausdruck. Die Polemik entbrannte über die Frage nach der Quelle des Reichtums - wobei man bei den ersten Autoren nicht genau weiß, ob sie vom Reichtum der Individuen oder vom Reichtum der Nation sprechen. Als kühne und revolutionäre Erneuerin brachte es die entstehende Bourgeoisie sowohl zum Postulat der persönlichen als auch dem der nationalen Freiheit, und sie fand Gefallen daran, ihre beachtliche Bemühung um den Sieg des Individualismus als mit dem Wohl des Vaterlandes identisch darzustellen. In Wirklichkeit versteckt sich dahinter nur ihre Klassengesinnung, nämlich die Klasse der Kapitalisten mit der Menschheit gleichzusetzen.

 

Die letzten Feudalisten und ersten Bourgeois hängen noch der Theorie an, die die Naturkräfte, die Erde, als einzige Quelle des Reichtums anerkennt. Die klassische bürgerliche Schule hingegen wird die Arbeit zur Quelle allen Reichtums erklären. Wohlbekannt und unumstritten ist, dass der Marxismus sich in dieser Polemik auf die Seite letzterer stellt. Tatsächlich führt uns die Marx'sche Theorie zu dem Ergebnis, dass die Grundrente keine Gabe der Natur an den Eigentümer ist, der eine bestimmte Portion des Erdkörpers in Besitz genommen hat, sondern dass sie ein Teil des Mehrwerts ist, d.h. der von den Agrarproduzenten geleisteten - doch im Arbeitsentgelt oder im Lohn - nicht bezahlten Arbeit.

 

Hier muss das landläufige Missverständnis über die Bedeutung der Werttheorie klargestellt werden. Sie ist keine sachlich-nüchterne Erklärung der modernen Ökonomie, sondern die Beweisführung ihrer historischen Unhaltbarkeit, d.h. der Unmöglichkeit, einen „Zustand des stabilen Gleichgewichts" zu erreichen. Sie ist die Beweisführung für die Notwendigkeit des Kommunismus, nicht aber eine Beschreibung der kommunistischen Ökonomie, oder nur im dialektischen Sinn: nicht etwa in dem Sinn, dass unsere Forderung erfüllt wäre, wenn der Mehrwert abgeschafft und der Wert beibehalten würde. In der Ökonomie der assoziierten Arbeit gibt es weder Werte noch Reichtümer; die Fragestellung nach ihrem Ursprung, aus der Natur oder der menschlichen Arbeit, verliert jeglichen Sinn.

 

Würde ein Feld, ohne gepflügt und anderen Arbeitsprozessen unterworfen zu werden, in bestimmten Zyklen Brot erzeugen, wie etwa der berühmte Tropenbaum, dann hätten wir eine Rente der Natur. Während er sich Bulgakow vornimmt, ärgert sich Lenin über solche Fabeln, auf denen das berühmte Theorem des abnehmenden Bodenertrags basiert. Nie wurde gegessen, ohne dass zuvor gearbeitet worden wäre. „Dass dem Urmenschen das Notwendige als freie Gabe der Natur zufiel, ist ein einfältiges Märchen [...]. Ein goldenes Zeitalter hat es niemals gegeben, und der Urmensch wurde förmlich erdrückt von der Schwierigkeit des Daseins, der Schwierigkeit des Kampfes mit der Natur" [LW 5, S. 105].

 

Dem widerspricht übrigens nicht, dass die naiven Sagen über ein Zeitalter ohne Hass und Neid auf den Urkommunismus zurückgehen, in dem es keine Spur von Privateigentum gab: Es war ein Kommunismus der Arbeit, in dem jeder für alle arbeitete und die „Beschränktheit des Bodens" im Verhältnis zur Anzahl der Menschen noch nicht als grundlegendes Problem aufgetreten war. Weiter unten unterscheidet Lenin grundsätzlich zwischen der Beschränktheit des Bodens als Objekt der Bodenbewirtschaftung und als Objekt des Eigentumsrechts. In der kapitalistischen Epoche wird die Betriebsführung durch Privatbetriebe besorgt, doch die gesetzliche Beschränktheit, vom römisch allodialen Typus, d.h. das Monopol nicht der Bewirtschaftung, sondern des Eigentumsrechts - das Recht, eine Grundrente abzuzweigen -, kann dem Staat übertragen werden, ohne dass dadurch die kapitalistische Produktionsweise überwunden wäre. Merken wir an: Monopol gleich Eigentum, nicht nur Großeigentum; das Monopol an Grund und Boden, Basis der Rente, heißt Einhegung, Eingrenzung irgendeines Stück Bodens. Noch ein Zitat, das zeigt, dass aus der Sicht des unverfälschten und in sich geschlossenen Marxismus „wir uns durchaus eine rein kapitalistische Organisation der Landwirtschaft vorstellen können, bei der das Privateigentum an Boden völlig fehlt, bei der der Boden Eigentum des Staates oder der Gemeinden usw. ist" [LW 5, S. 115].

 

Indes reduziert sich die Frage nach dem Ursprung des Agrarreichtums - Arbeit oder Naturkraft -, sei es nun der Reichtum der Landbesitzerklasse oder der des Fetischs „Nation", auf die Entschlüsselung der privatwirtschaftlichen Ausbeutung und Aufteilung dieses Reichtums. Und hierbei steht die These im Mittelpunkt, dass aller Reichtum aus der Aneignung der Arbeit einer Klasse durch eine andere stammt - ob in der feudalen oder kapitalistischen Produktion.

 

Was nicht ausschließt, dass in der zukünftigen Ökonomie, die, wie Lenin mutig betont, auf die rationelle Verteidigung der Gattung gegen die Natur hinausläuft, der Sieg über diese „Rabenmutter" dazu führen wird, dass alles von ihr kommt.

 

Wenn die Mühsal des Getreideanbaus unsere Körper ernährt und mit der Wärme des Lebens füllt - dank der in ihm stattfindenden Umwandlung eines Bruchteils der in den Weltenraum ausgestrahlten Sonnenenergie und infolge geschlossener chemischer Kreisläufe (denen wir irrationalerweise unsere eigenen Gerippe vorenthalten), wobei sich die Sonne ebenso wenig den enormen Teil bezahlen lässt, der den eisigen Weltraum durchquert, ohne zurückgestrahlt zu werden, wie den Teil der Energie, den sie der Erdkugel spendet;

wenn wir dann das Feld mit dem Pflug bebauen und den Ochsen (der mit Phöbus12 einen Arbeitsvertrag nach unserer Art geschlossenen hatte) durch die Maschine ersetzen;

wenn wir dann noch diese Maschine nicht mit Benzin (schließlich auch eine uralte, uns „geschenkte" und in unterirdischen Tresoren deponierte Sonnenenergie), sondern mit Wasserkraft betreiben, die wir jährlich als regelmäßigen Tribut erhalten und die wie stets vom großen Gestirn bezahlt wurde;

dann, ja dann...

Moment, werdet ihr sagen, den Menschen bleibt immer noch die Organisations- und Leitungsarbeit, das Knöpfchendrücken. Aber kürzlich wurde berichtet, dass - wenn das wirkliche menschliche Verhalten durch elektronische Prozesse speicherbar, d.h. der es kennzeichnende Kniff identisch reproduzierbar sei - eine Maschine der Maschine den Menschen an den Schalthebeln ersetzen werde.

Ja dann... dann wird es wirklich die Natur sein, die uns alles gibt, angefangen mit dem Morgenkaffee, den wir bekommen werden, ohne dass ihn jemand gemacht hätte.

 

Wenn keiner mehr arbeiten wird, dann ist das Ziel erreicht, und alle empfangen eine Rente. Dann werden wir nicht von der Arbeit leben, sondern vom Raub an Mutter Natur. Heute gibt es für keinen einzigen eine Rente, die nicht menschlicher Arbeit geraubt wäre. Wir verweigern den Dieben das Alibi der Wirtschaftswissenschaften: „Das corpus delicti, meine Rente, habe ich niemanden weggenommen. Es ist eine göttliche Gabe der Natur, ein vom am Himmel kreisenden, leuchtendroten Sonnenplaneten abgesandter und an meine Adresse geschickter Lichtstrahl."

 

Hier nun kommt die Rententheorie ins Spiel.

 

 

 

Quellen:

„Prospetto introduttivo alla questione agraria": Il programma comunista, Nr. 21, November 1953.

* * *

LW 4: Lenin - Der Kapitalismus in der Landwirtschaft, 1899.

LW 5: Lenin - Die Agrarfrage und die „Marxkritiker", 1901.

 

 

1 Pressione „razziale" del contadiname, pressione classista dei popoli colorati („Rassen"druck der Bauern, Klassendruck der farbigen Völker): Il programma comunista, Nr. 14, 1953.

 

2 Imperialismo e lotte coloniali (Imperialismus und koloniale Kämpfe): Il programma comunista, Nr. 23, 1953.

3 Siehe MEW 30, S. 362 ff.

 

4 Russkoje Bogatstwo: bis 1918 in Petersburg erscheinende Monatsschrift der liberalen Volkstümler.

5 Stalin: Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UDSSR, 1952.

6 Oreste Bordiga: Trattato di economia rurale, 1926; zitiert in: Proprietà e capitale (Eigentum und Kapital); Prometeo: Nr. 10-14, 1948-50.

7 Kommendation: Schutzergebung; kommendieren: sich unter einen Schutz stellen. Zur geschichtlichen Bedeutung siehe auch: MEW 19, S. 487.

 

8 Kommune: Im „Manifest" als eine der Entwicklungsstufen der Bourgeoisie im Mittelalter erwähnt. „So nannten die Stadtbürger Italiens und Frankreichs ihr städtisches Gemeinwesen, nachdem sie die ersten Selbstverwaltungsrechte ihren Feudalherrn abgekauft oder abgezwungen hatten" (Anmerkung von Engels zur deutschen Ausgabe von 1890, MEW 4, S. 464).

9 Anspielung auf die KP Italiens.

 

10 Siehe hierzu: MEW 25, S. 805 ff.; LW 3, S. 187 ff.; LW 15, S. 88 ff.

11 Anspielung auf Dantes „Göttliche Komödie". Auch heute noch hat l'arte nicht nur die Bedeutung von Kunst, sondern auch von Handwerk und Gewerbe, poetisch ausgedrückt, umfasst l'arte alles von Menschen Geschaffene. Für Dante, Anhänger der aristotelischen Philosophie, ist die Natur ein Werk des Geistes Gottes (dem „ersten Beweger") und seines Tuns. Des Menschen Arbeit, sein „Gewerbe", soll der Natur so gut wie möglich folgen, „so wie der Schüler seinem Meister folgt". Im 11. Gesang der Hölle lesen wir über die Sünde des Wuchers, die Dante und seiner Zeit als Gewalt gegen Gott und Auflehnung gegen die Natur gilt: Denn der Wucherer bezieht seine „Mittel zum Leben" auf nicht durch Gottes Wort gebotenem Wege - nämlich weder aus der von Gott geschaffenen Natur noch aus der ihrem Vorbilde folgenden Arbeit: L'arte, das „Gewerbe", die Arbeit, ist von der Natur gezeugt, wie la natura ihrerseits von Gott.

12 Phöbus (der Leuchtende): u.a. Gott des Ackerbaus, Schützer der Viehzucht und der Vegetation; Beiname des griechischen Gottes Apoll.