Alter Maulwurf

1954-01-09 - Kapitalismus gleich Agrarrevolution Drucken E-Mail

Im Faden der Zeit [123]

IV. Kapitalismus - Agrarrevolution

Klare Fragestellung

Da wir noch nicht zu den aktuellen Fragen und auch nicht zur brennenden politischen Frage der revolutionären Funktion der ländlichen Massen vorgedrungen sind, mag die bisherige Darlegung des wesentlichen und äußerst umfangreichen marxistischen Materials zur Agrarfrage so manchem Leser das Gefühl gegeben haben, zu sehr mit politischer Ökonomie befrachtet zu sein. Doch ohne einige der gruseligen „Zahlen" lässt sich die Agrarfrage noch nicht mal innerhalb enger Grenzen entwickeln. Ohne Zahlen macht man keine Politik, geschweige denn Revolution.

 

Unglücklicherweise hat sich in der euch verabreichten 2. Dosis (Hexerei der Grundrente) am Schluss des Kapitels „Lexikalische Parenthesen" ein Druckfehler eingeschlichen: Anstelle einer 5 wurde nochmals eine 10 gedruckt - noch dazu in Buchstaben, mit Rücksicht auf diejenigen, denen der Sinn nach „leichtverdaulicher Kost"1 steht [der Fehler wurde korrigiert]. Doch wird jeder Leser die Sache verstanden haben, auch ohne die Erfahrung eines analphabetischen Bauern, der aber wunderbar rechnen kann. Nötig - und viel dringlicher als einen aktivistischen Mordskrach auszulösen - ist, sich zumindest halbwegs mit der Frage Zins/Rente zu befassen. Es ging einfach darum, dass ein Stück Land mit einem Kaufwert von 1 Million eine Bruttorente von 10 und eine Nettorente von 5%, also 100 000 und 50 000 abwirft. Nicht allzu schwer für den, der glaubt, auf dem Trampolin der kühnen Taten zu 30 Meter hohen Sprüngen ansetzen zu können. Der brave Ackersmann kann euch das Theorem erklären: Seitdem ein gewisser Teil des Korns dem Verkauf an die Bäcker sowie der nächsten Aussaat vorbehalten ist, ist die Nettorente kleiner als die Bruttorente.

 

Da wir aber nicht sofort das „Dessert" der Politik servieren können (es sind die Nennis, die dem Koch die Formel: „le dessert d'abord"2 aufzwingen; bei uns kommt zuerst die Vorspeise, auch wenn sie sauer schmeckt), nehmen wir uns vor, euch mit Philosophie zu trösten, wobei wir uns im Kapitel über die Physiokraten, dem wir größte Bedeutung beimessen, einen plötzlichen Hieb Marx' zunutze machen werden. Ihr werdet dann ein wenig Atem schöpfen können: Welcher Liebhaber leichter Kost ist nicht auch Philosoph?

 

Marx behandelt den historischen Übergang, in dem die kapitalistische Grundrente auftritt, nicht nur in den „Theorien über den Mehrwert". In einem der Kapitel, das den unvollendeten III. Band des „Kapital" krönt, hat er diese Frage sorgfältig und gründlich ausgearbeitet: Es ist das 47. mit eben dem Titel „Genesis der kapitalistischen Grundrente".

 

Es umfasst die ganze Analyse, die wir als einfache, aber ernsthafte Arbeiter dem Stoff entnommen haben, und es kulminiert in einer fast grausamen Definition des kleinen Grundeigentümers und Ackerbauern:

„Das kleine Grundeigentum [schafft] eine halb außerhalb der Gesellschaft stehende Klasse von Barbaren, die alle Rohheit primitiver Gesellschaftsformen mit allen Qualen und aller Misere zivilisierter Länder verbindet" [MEW 25, S. 821].

 

Diese Stelle fegt alle Missverständnisse bezüglich der angeblichen Überlegenheit der modernen Zivilisation über die alte Barbarei vom Tisch! Letztere war nur roh, erstere ist gemein. Anschließend brandmarkt Marx gleichermaßen das große Grundeigentum und die „industriell betriebene große Agrikultur", da beide sich bei der bis zur Erschöpfung gehenden Ausbeutung der Arbeit und der Erde „die Hand reichen".

 

Nun enthält eben dies Kapitel auch die Warnung, die unversehens auf die immer gleiche Frage der „Praktiker" antwortet: Wird die Arbeiterrevolution ihre Leidensgenossen, diese Barbaren, mit denen sie Ausbeutung und Knechtschaft teilt, gegen die kapitalistische Zivilisation mobilisieren können? Zur Antwort kommen wir später, wobei die Schriften Lenins zur Agrarfrage reiche Ernte geben werden. Habt Geduld.

 

„Alle Kritik des kleinen Grundeigentums löst sich in letzter Instanz auf in Kritik des Privateigentums als Schranke und Hindernis der Agrikultur. So auch alle Gegenkritik des großen Grundeigentums. Von politischen Nebenrücksichten wird hier natürlich in beiden Fällen abgesehn" (ja „natürlich", Karl Marx, aber Ströme von Schweiß sind deswegen geflossen). „Diese Schranke und dies Hindernis (...) entwickelt sich hüben und drüben nur in verschiednen Formen, und im Zank über diese spezifischen Formen des Übels wird sein letzter Grund vergessen" [MEW 25, S. 821].

 

Diese Worte drücken eine altbekannte Tatsache aus, aber sie tun not. Sie versetzen nicht nur den Renegaten eine schallende Ohrfeige, die auf der Suche nach neuen Strukturen für die juristische Aufteilung des Grundbesitzes sind, sondern auch den Gipsköpfen, die gegenüber der gigantischen Arbeit, den mächtigen Schiffskörper unserer Lehre wieder instandzusetzen, während die Konterrevolution ihn pausenlos mit Torpedos zu treffen sucht, unduldsam werden und ständig im Dock herumwuseln, um, aus einem unbezähmbaren Juckreiz heraus, den beschädigten Schiffsrumpf mit albernen Bändchen und Schleifchen der „politischen Rücksichten" herauszuputzen. Wären sie auch Millionen und wir nur ein halbes Dutzend, wir würden ihnen nichtsdestotrotz den Rücken kehren und mit Dante, den Marx gern zitierte, sagen: „und kratzen lass, wo sich die Krätze findet"3.

Immer derselbe wunde Punkt

Theorie und Aktion. Der Zank über ihr Verhältnis ist uralt. Die grundsätzliche Rohheit jedes Opportunismus und zugleich seine schlimmste Erfindung liegt darin, einen Gegensatz zwischen beiden mit der Behauptung zu konstruieren, der Erfolg der Aktion könne gefährdet werden, wenn man der Theorie zu große Bedeutung beimesse. Doch ist die Theorie für die Aktion unerlässlich, auch wenn beide halbe Jahrhunderte hindurch voneinander getrennt werden. Wenn unser Determinismus keine Firlefanz sein soll, ist es unsinnig, sie als Alternativen gegeneinander zu stellen. Wenn dies der Fall wäre, würden wir ohne zu zögern - soll dagegen Sturm laufen, wer will - die Aktion, niemals aber die Theorie fallen lassen.

 

Kürzlich erschienen die Rezensionen zu einem Buch des französischen Kommunisten Rosmer: „Moskau zu Lenins Zeiten". Rosmer ist ein sehr aufrichtiger Mann, eine Eigenschaft, die wir bei einem Revolutionär wohl zu schätzen wissen, die aber allein nicht ausreicht. Als ein der proletarischen Sache ergebener Kämpfer war Rosmer ein alter Gewerkschaftsführer Sorel'schen Typs, heute ist er Trotzkist (der im übrigen die merkwürdige Strömung abgelehnt hat, die sich mit diesem Namen schmückt und nicht verstanden hat, dass das Übel des Stalinismus in eben jener Entstellung besteht, worin sie ihn praktisch noch übertrifft). Wäre Rosmer jedoch nicht nur ein Freund der Revolution, und Lenins und Trotzkis, sondern wirklicher Marxist gewesen, hätte er niemals die Definition niedergeschrieben, die das Andenken Lenins schwerwiegend, wenn auch ohne Absicht, entehrt. Er nennt die historischen Schriften Lenins „Bücher aus besonderem Anlass"!

 

Es handelt sich hierbei nicht um einen zufälligen Ausrutscher. Rosmer sieht in Lenin den genialen „Manövrierer" der kommunistischen Revolution und ist außerstande - nachdem die historische Bilanz nunmehr gezogen werden konnte -, in ihm den so viel größeren Wiederhersteller der revolutionären Theorie zu sehen. Ein unheilbarer Voluntarist à la Sorel kann nicht anders empfinden, denn sein Wunschtraum ist, alle spontan Rebellierenden in einem für alle offenen Bündnis zusammenzubringen; die Partei ist sekundär, Disziplin ein störendes Hindernis und die Theorie ein einfacher und formbarer „Mythos", eine aus wechselnden Substanzen bestehende Droge, die die Massen im Kampf mitreißt.

 

Nur so kann man erklären, dass Rosmer sich angeblich hat hinreißen lassen zu sagen, „Der Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus" sei geschrieben worden, damit die sich den 21 Beitrittsbedingungen entgegenstellenden „zweieinhalbten"4 Sozialisten und Ähnliche der Internationale beitreten können (da wir das Buch nicht vorliegen haben, sind wir misstrauisch, was die Wiedergabe angeht: Dass Lenin „geschickt", wie es in der Rezension heißt, gearbeitet habe, um die von ihm selbst vorgelegten Beitrittsbedingungen zu torpedieren, ist nicht nur absurd, sondern einfach falsch); „Staat und Revolution" sei gleichfalls ein „Buch aus besonderem Anlass", um die Anarchisten mit dem Versprechen der Abschaffung des Staates zu ködern, wo es sich doch darum handelte, das sozialdemokratische Vergessen dieser marxistischen These sowie der orthodoxen Lehre insgesamt ins Mark zu treffen.

 

Gerade die Rekonstruktion der „Agrarpolitik", wie sie in der Geschichte seitens der marxistischen Parteien propagiert wurde, wird deutlich machen können, wie Lenin, innerhalb des besonderen russischen Fragenkomplexes, die orthodoxe Marx'sche Lehre in der Sache immer wieder bekräftigte.

 

Was mit der von uns auf der Versammlung in Mailand5 systematisch verteidigten These übereinstimmt, wonach sich dem historischen Materialismus gemäß die Lehre einer revolutionären Klasse nur an einem bestimmten historischen Wendepunkt und aus einem Guss bilden kann. Mit anderen Worten, nur in bestimmten und seltenen „Momenten" der Menschheitsgeschichte brechen sich, um es kurz zu sagen, neue Resultate Bahn, werden neue Erkenntnisse gewonnen, die zum Gemeingut einer Klasse, zum Programm einer Bewegung werden, deren Kampf und Erhebung sich über einen Zeitbogen von Jahrhunderten erstrecken. Die Brücke dieser Eroberung hat keine Pfeiler - mit einem „Wurf" überwindet sie den feindlichen Abgrund. Weshalb wir unerbittlich die Auffassung zurückweisen, dergemäß sich der Kern unserer Lehre „in ständiger Ausarbeitung" befinde, sei es durch die Beiträge ihrer Anhänger, oder - ärger als alles - indem man die Beiträge der „allgemeinen Wissenschaft und Bildung" hinzunimmt, welche sich doch gerade aus der Gesellschaft bzw. Epoche nähren, die überwunden und umgewälzt werden wird.

 

Wenn wir unablässig auf das Marx'sche Werk zurückgreifen, dann nicht, weil Marx ein klügerer Kopf als alle seine Vorgänger gewesen wäre bzw. seine Nachfolger sein wird (wie jemand einwerfen könnte, der damit die parallele These, wonach die Person als Antriebskraft der Geschichte ausscheidet, durch die Hintertür wieder hereinlassen will), sondern weil es in seiner Formulierung aus einem Guss an jenem fruchtbaren und dynamischen Wendepunkt der Geschichte errichtet wurde, an dem die Formierung der proletarischen Klasse und die Kritik der bürgerlichen Theorie (die ihre Revolution kaum vollendet hatte) gemeinsam und nicht voneinander getrennt aus dem gesellschaftlichen Unterbau hervorbrachen.

 

Es gibt drei Theorien über die Eroberung von Wissen und Erkenntnis als Gemeingut der Menschengemeinschaft. Die erste verlegt jede Erkenntnis aus der irdischen Welt hinaus in ein übernatürliches Hirn, das hin und wieder durch den Mund eines menschlichen Geschöpfes einen seiner Lichtkegel offenbart - wobei eingeräumt wird, dass dieses Geschöpf sowohl ein großer Weiser als auch eine einfache Kreatur sein kann: Es ist die Lehre der Religionen. Für die zweite Theorie ist das Wissen eine Errungenschaft der Menschen selbst, die die Resultate der Geistestätigkeit schrittweise akkumulieren: Von Zeit zu Zeit bringt eine bedeutende und starke Persönlichkeit das wissenschaftliche Gemeingut einen Schritt weiter, so dass jede Zeit mehr als die vorherige weiß: Das ist die Aufklärungs- und Evolutionstheorie der Bourgeoisie. Die dritte, die revolutionäre Theorie ist die unsrige. Ohne die Intervention einer Gottheit bricht die Lehre - wie jede andere gesellschaftliche Form auch - in einer gewaltsamen, den materiellen Unterbau der Gesellschaft erschütternden Krise hervor und kristallisiert sich in einem gemeinsamen Vermögen von Aktionsregeln, das ohne wesentliche Veränderungen Jahrhunderte hindurch erhalten bleibt. Es ist also nicht das Ergebnis persönlicher Kraftakte von einem oder auch mehreren großen Denkern oder Kondottieri6, sondern der gemeinschaftlichen Lebens- und Produktionsweise. Hiervon ausgehend erklären wir die alten Religionen genauso wie die moderne bürgerliche Philosophie als gesellschaftliche Überbauformen; wobei wir mit größter Aufmerksamkeit das hohe historische Klassenpotential beachten, das aus der Befolgung der alten Mythen, also der modernen, den uns feindlichen Klassen angehörenden Prinzipien von Demokratie, Freiheit und rechtlichen Gleichheit resultiert.

Hilfe von Engels

Die gewaltige Arbeit Marx' enthält nicht nur die auf eine enorme Materialsichtung gestützte Beweisführung, dass die Gesellschaftstheorie ab einem bestimmten Punkt nicht mehr vorankommt, sondern im Gegenteil seit den ersten erhellenden Visionen (z.B. die der klassischen Ökonomen des 18. Jahrhunderts) unaufhaltsam zurückfällt, und sie weist ebenso nach, dass derjenige, der die neue Theorie auf großartige Weise darzulegen versteht, dieselbe nicht erfunden hat, sondern sich vielmehr freut (ähnlich einem Goldsucher, der einen Goldklumpen findet), wenn er seine Schlussfolgerungen in uralten Texten, wenn auch nur in embryonaler Form, wiederfindet. Alle Anmerkungen im „Kapital", besonders im I. Band, sowie das gesamte Material der Geschichte der ökonomischen Lehren („Theorien über den Mehrwert") haben das Ziel zu beweisen, dass die scheinbar originalen Folgerungen Ergebnisse sind, die sich wegen ihrer Evidenz allen aufdrängten und immer genauer gefasst wurden. Sie werden schließlich organisch dargelegt, aber nicht dann, wenn ein „Genie" vom Himmel herabfällt, sondern wenn die Bedingungen reif sind, die mit dem Erscheinen des Resultats konvergieren.

 

Wo dies nicht begriffen wird, wird jemand schwerlich davon zu überzeugen sein, dass der Kommunismus auch dann entstanden wäre, wenn es keinen Karl Marx gegeben hätte; und dass wir im Recht sind, uns wie bissige Hunde auf diejenigen zu stürzen, die auch nur eine Zeile an seinen Schriften ändern wollen, wobei wir uns nicht minder grimmig dagegen verwahren, auch nur eine einzige Zeile hinzuzufügen.

 

Die großen Bahnbrecher fundamentaler „wissenschaftlicher Revolutionen" gingen im Übrigen nicht anders vor als Marx. Galilei und Kopernikus z.B. leisteten in ihren Streitschriften, in ihrem edlen Kampf gegen die Bedrückung eine riesige Arbeit; aus antiken Überlieferungen und der Geschichte der Wissenschaft zogen sie zahllose Beweise dafür, dass die Stringenz und Gewissheit, wonach die Sonne von den Planeten umkreist wird, bereits in früheren Zeiten zum Ausdruck gebracht worden war, genauso wie zu gegebener Zeit die Kugelform der Erde. Mit seinen „Sophismen"7 zeigt der scharfsichtige Dialektiker Zenon von Elea nicht nur, die Infinitesimalrechnung schon entwickelt zu haben, sondern viel mehr: Nämlich dass sie der aus der Erfahrung hervorgegangenen Logik anhaftet, dergemäß auch der ungebildetste Mensch sehr wohl weiß, dass ein fliegender Pfeil zu keinem sei es auch noch so kurzem Zeitpunkt seiner Flugbahn ruht, und ebenso dass ein Mensch, der auf dem Schiffsdeck in entgegengesetzter Richtung gegen die Bewegung des Schiffes geht, so dass er in diesem Zeitabschnitt dasselbe Stück Ufer im Blick behält, damit nicht die Bewegung des Schiffes oder des Körpers aufhebt; und schon damals wurde direkt ausgeführt: Auch nicht die Bewegung des Ufers, also der Erde. Einstein sollte viel später sagen, dass sich darin schon im Keim die ganze Relativitätstheorie befinde, die Galileis wie auch seine ... So ging aus den Zyklen der biologischen Evolution und Produktionstechnik der Zyklus des „Überbaus" des menschlichen Denkens hervor. Aus eben diesen Gründen muss den erwähnten Personen - ob Zenon, Kopernikus, Galilei, Einstein... oder Marx - jegliches Urheberrecht abgestritten werden.

 

Von der Wichtigkeit seiner eigenen Person ist nur der Dummkopf überzeugt, wie Engels es anhand des armen Dühring zeigt; doch vorab wollen wir auf den uns gerade vorliegenden Seiten des III. Bandes sehen, wie Marx das eben Gesagte bestätigt.

 

Just im 47. Kapitel lässt Marx die Autoren, die er in den „Theorien über den Mehrwert" ausführlicher behandeln wird, Revue passieren und er zeigt, dass die richtige These am ehesten von den „Ökonomisten" wahrgenommen wurde, die dem Hervorquellen des Kapitalismus aus dem feudalen Ganggestein8 am nächsten standen. Je weiter die offizielle Wirtschaftswissenschaft dann geht, desto mehr leugnet sie die gewonnenen Resultate und findet Gefallen an Eseleien.

 

Die Schwierigkeit bei der Grundrente, sagt Marx, liegt darin zu erklären, woher jener eigentümliche Überschuss des agrikolen Profits über den allgemeinen Durchschnittsprofit kommt, ein Überschuss, mit dem das Monopol des Grundeigentums bezahlt wird. Er ist nicht der natürlichen Bodenfruchtbarkeit geschuldet, sondern ein durch Mehrarbeit dem Produkt zugefügter Wertteil. Die Rente ist sozusagen kein Überschuss über den, sondern ein Abzug von dem Profit. Alles hat also, wie wir immer wieder einhämmern, seinen Ursprung in der menschlichen Arbeit, nicht in der Natur.

 

„Für die älteren Ökonomen, die überhaupt mit der Analyse der, zu ihrer Zeit noch unentwickelten, kapitalistischen Produktionsweise erst beginnen, bot die Analyse der Rente (...) überhaupt keine Schwierigkeit (...). Die der Feudalzeit näher stehenden Schriftsteller nehmen die Grundrente als die normale Form des Mehrwerts überhaupt an (...). Sie gehn also von einem Zustand aus, (...) wo das Grundeigentum (...) als die Hauptbedingung der Produktion erscheint" [MEW 25, S. 791/92].

 

„Bei den Physiokraten ist die Schwierigkeit schon andrer Natur. Als in der Tat die ersten systematischen Dolmetscher des Kapitals, suchen sie die Natur des Mehrwerts überhaupt zu analysieren. (...) Das Rente tragende oder agrikole Kapital ist für sie daher das einzige Mehrwert erzeugende Kapital und die von ihm in Bewegung gesetzte agrikole Arbeit die (...) einzige produktive Arbeit" [MEW 25, S. 792].

 

„Was soll man aber zu neuern ökonomischen Schriftstellern wie Daire, Passy etc. sagen, welche am Lebensabend der ganzen klassischen Ökonomie, ja am Sterbebett derselben, die ursprünglichsten Vorstellungen über die Naturbedingungen der Mehrarbeit und daher des Mehrwerts überhaupt wiederholen und damit etwas Neues und Schlagendes über die Grundrente vorzubringen glauben, nachdem diese Grundrente längst als eine besondre Form und ein spezifischer Teil des Mehrwerts entwickelt ist?" (dies also schon vor Marx von den klassischen Ökonomen wie Ricardo.) „Es charakterisiert eben die Vulgärökonomie, dass sie das, was in einer bestimmten überlebten Entwicklungsstufe neu, originell, tief und berechtigt war, zu einer Zeit wiederholt, wo es platt, abgestanden und falsch ist" [MEW 25, S. 794].

 

Weit davon entfernt nachzusehen, ob den großen Zeitschriften, Universitätsabhandlungen oder Lehrbüchern die marxistische Lehre genehm ist, erledigen wir mit diesem einzigen und entschiedenen Schlag nicht nur die Ökonomie, sondern gleichermaßen auch die Soziologie und Philosophie der letzten 100 Jahre.

Für die Epoche maßgebende Werke

Wie man weiß, maß Engels, den wir herbeigerufen haben, der genialen Marx'schen Entschlüsselung des berühmten Quesnay'schen „ökonomischen Tableaus" ungeheure Bedeutung bei. Die Marx'sche Erklärung findet sich in einem berühmten Briefwechsel9, und ebenso in einem Kapitel des „Anti-Dühring", das geschrieben werden musste, weil Dühring, davon überzeugt, etwas Neues hinsichtlich des „Tableaus" sowie Quesnays zu sagen, selbst auf krasse Art und Weise in die überholtesten und banalsten Positionen zurückgefallen war.

 

Dühring behauptete, sein „Unternehmen" sei „ganz ohne Vorgänger", da er fand, dass die „Wirtschaftslehre" eine „enorm moderne Erscheinung" sei [MEW 20, S. 210]. Engels hält ihm vor10, was schon Marx sagte: „Die politische Ökonomie [...] als eigne Wissenschaft, kommt [...] in der Manufakturperiode auf" und dass „die klassische politische Ökonomie [...] in England mit William Petty, in Frankreich mit Boisguillebert beginnt, in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschließt" [MEW 20, S. 210 und 213]. Und es wird hinzugefügt:

„Herr Dühring folgt diesem ihm vorgeschriebenen Gang, nur dass ihm die höhere Ökonomie erst beginnt mit den kläglichen Aborten, welche die bürgerliche Wissenschaft nach Ablauf ihrer klassischen Periode zutage gefördert hat" [MEW 20, S. 213].

 

Also auch bei Engels findet sich die Aussage, wonach jede Klassenwissenschaft nach glänzenden und explosiven Anfängen unaufhaltsam regressiv wird, wenn die Klasse, die ihr revolutionäres Subjekt war, konservativ wird.

 

Als Dühring in seiner „Kritischen Geschichte" der früheren Ökonomen zu Quesnay und seinem „Tableau" kam, erklärte er kurzerhand, dieses sei unverständlich, wobei er seine Unkenntnis darüber eingestand, dass der ihm entgangene Schlüssel schon durch Marx übergeben worden war. Im Anti-Dühring stellt Engels also die Struktur des „Tableaus" noch einmal dar; womit er den Weg für diejenigen ebnet, die die ausführliche Erläuterung Marx' („Theorien über den Mehrwert", MEW 26.1, 6. Kapitel) zu schwierig finden. Marx kommt dann zur kritischen Erklärung der Unzulänglichkeiten; doch Dühring, der dem Tableau und Quesnay übel mitspielte, hatte von vornherein nicht verstanden, was das „Tableau", sogar „bei Quesnay selbst", zu bedeuten hatte.

 

Wir werden hier die sorgfältige Vivisektion11 nicht weiter verfolgen, der Engels die Dummheiten des Herrn Dühring unterzieht; uns interessiert im Moment nur, das klägliche Ende jener Vorgehensweise zu zeigen, mit Hilfe derer jedwede vorhergegangene wissenschaftliche Errungenschaft aktualisiert oder übertroffen werden soll. Es gibt Tausende von Dührings, die, obwohl sie alle über Marx hinausgehen wollen, nicht nur hinter dem genialen Quesnay zurückbleiben, sondern hinter noch viel älteren, von ihnen selbstgefällig kritisierten Autoren. Hatte Dühring nicht tatsächlich gleich zu Beginn Anspruch auf „ein neues, nicht etwa bloß der Epoche genügendes, sondern für die Epoche maßgebendes System" erhoben [MEW 20, S. 204]?

 

Autoren neuer, für die Epoche maßgebender Systeme, mit keinem von Euch werden wir uns lange streiten: Seitdem Ihr vorgetreten seid, brauchen wir nur drei Wörter: „Zurück ins Glied!"

 

Wie soll man solche Wirrköpfe denn auch einer weniger platten Behandlung würdigen, wenn man sieht, wie z.B. der Dühring, nachdem er sich seitenlang über die Schwierigkeit ausgelassen hat, den Pächtergewinn und sein Verhältnis zur Rente des Grundeigentümers sowie ihr mögliches Zusammenfallen zu erklären, zu folgender Sorte von Schlussfolgerung kommt: Der Pächtergewinn beruhe auf Ausbeutung der „Arbeitskraft der Erde" und sei daher ein „Stück Rente"!12 Engels stellt ihm eine klare Passage von Adam Smith entgegen, der diese Analyse erschöpfend geleistet hatte [MEW 20, S. 208/9], ebenso wie von uns in Erinnerung gebrachte modernere Autoren diesbezüglich keine Fragen offen gelassen haben.

 

Die Quesnay'sche Auffassung, wonach die Bodenrente ein Teil des Mehrwerts, daher der Mehrarbeit sei, wobei beides nur in der Agrikultur vorkomme, steht unterhalb der Marx'schen Auffassung, wonach die Rente ein spezifischer Teil des gesamten im Agrar- als auch Industriebetrieb abgepressten Mehrwerts ist. Und unterhalb Quesnays stand die naive Anschauung: Die Rente kommt von der natürlichen Fruchtbarkeit, nicht der menschlichen Mehrarbeit. Nun, Dühring, der mit seiner Formel der „Arbeitskraft der Erde", wonach es also Arbeit ohne das Werk der Hände geben würde, alle aus dem Felde schlägt, bringt uns wieder auf das Schlagwort zurück, das wir allerdings nicht in Bezug auf ihn ins Spiel gebracht hatten: Man schläft und „Kinglax" arbeitet.

 

Am nächsten Morgen wird dann das wissenschaftlich entdeckte und für die Epoche maßgebende Mehrprodukt der Kinglax'schen „Nachtschicht" dort aufgehäuft, „wo kein Schimmer hindringt"13. Und ihr könnt euch ja denken, wozu die „vient de paraître"14 dann nütze sind.

Rente und Kapitalismus

Nicht minder als das 24. Kapitel im I. Band des „Kapital" zur so genannten ursprünglichen Akkumulation, insbesondere den 4. Paragraphen: „Genesis der kapitalistischen Pächter", benutzten wir als weitere marxistische Quelle das 47. Kapitel im III. Band: „Genesis der kapitalistischen Grundrente", welches uns, bevor wir fortfahren, Gelegenheit gibt, noch einmal die historische Serie der Produktionsweisen zu erläutern, da dies ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema ist: Feudalismus - Agrarkapitalismus - staatlicher Manufakturkapitalismus - privater Industriekapitalismus.

 

Man muss sehen, dass wir in der Zeit, in der sich die Frage der Grundrente in ihrer modernen Form stellt, bereits inmitten der kapitalistischen Wirtschaft sind. Und tatsächlich ist es in diesem Milieu, in dem Quesnay die Frage aufwirft. Das gesamte agrikole Produkt ist ebenso wie die Arbeitsbedingungen - Boden, Werkzeuge, Inventarium etc. - bereits vollständig vom Produzenten losgelöst. Das sich bei Quesnay auf 5 Milliarden belaufende Gesamtnationalprodukt ist der Gesamterlös aus dem Verkauf der Bodenerzeugnisse und befindet sich in Händen der Pächter, d.h. der Kapitalisten. Alle Bodenerzeugnisse sind also auf den Markt gebracht worden, keines wurde direkt vom Produzenten verzehrt - wie in der Naturalwirtschaft des Feudalismus und der noch fortlebenden ländlichen Kleinproduktion. 2/5 von den 5 Mrd. bilden die von den Pächtern an die Grundeigentümer gezahlt Rente. Wie die Zirkulation zwischen den „drei Klassen" Quesnays: der „produktiven Klasse" der Landarbeiter und Pächter, der Grundeigentümerklasse und der „sterilen Klasse" der Manufakturisten und ihrer Arbeiter, vor sich geht, zeigt das Tableau, worauf wir hier nicht weiter eingehen. Bedeutsam ist, dass auch die Landarbeiter ihre Unterhaltsmittel gegen Geld erwerben, doch für Quesnay findet dies „innerhalb der produktiven Klasse" statt.

 

Also 5 Mrd. agrikoles Bruttoprodukt, wovon Vorschüsse und Verschleiß 2 Mrd. ausmachen. 3 Mrd. Nettoprodukt, davon 2 Mrd. Rente der Grundeigentümer, 1 Mrd. ist die Vergütung für das Betriebskapital, das sich auf 10 Mrd. belief und dem Pächter zum Satz von 10% vergütet wird.15 Auf jeden Fall haben wir es schon mit kapitalistischen Kriterien zu tun.

1) das ganze Produkt ist Ware;

2) das ganze Mehrprodukt stammt aus der Mehrarbeit, d.h. die Landarbeiter produzieren 5 Mrd. und konsumieren 2 davon;

3) der gesamte Profit oder Überschuss befindet sich in Händen der Pächter, oder Agrarkapitalisten, die allerdings verpflichtet sind, 2/3 davon an die Grundeigentümer abzuführen, als deren Rente.

 

Diese Anschauung, wonach den nicht-agrikolen Arbeitern keine Mehrarbeit abgepresst wird, erklärt sich durch das Vorherrschen der Landwirtschaft über die Industrie. Nach der kühnen physiokratischen Annahme ist der gesamte Ackerbau zwar nicht mehr feudal, doch spielt die Industrieproduktion gegenüber der Agrarproduktion nur eine sekundäre Rolle.

 

Je mehr sich Manufaktur und Industrie ausdehnen, desto mehr stellt sich das Tableau als unzulänglich heraus. Doch ist die in dem Tableau beschriebene Gesellschaft schon die „von Marx", mit den drei Klassen, unter denen sich das Nettoprodukt aufteilt; den Arbeitern der Lohn; den Kapitalisten (egal, ob Pächtern oder Industriellen) der Profit; den Grundeigentümern die Rente - wobei Profit plus Rente den Mehrwert bilden.

 

In dieser „abstrakten" Gesellschaft gibt es weder Handwerker noch Kleinbauern. Tatsächlich existieren diese Klassen auch heute noch überall, aber sie sind „untypisch" für die bürgerliche Gesellschaft: Sie sind vielmehr die aus vorkapitalistischen Zeiten „überkommenen" Klassen, denn es gab sie schon, bevor Lohnarbeiter, kapitalistische Unternehmer, und - nicht grundherrliche, sondern (in bürgerlicher und warenproduzierender Epoche) moderne -Grundeigentümer auf der Bildfläche erschienen.

All dies sehen wir im Marx'schen Text bestätigt.

Ausdrucksstarke Passagen

„Die Rente wird aus dem Preis des Bodenprodukts bezahlt" [MEW 25, S. 791]; d.h. sie muss als Teil des Marktpreises für die Ware Bodenerzeugnis definiert werden. Aus dieser Geldsumme muss dann herausspringen: der Ersatz des Betriebskapitals für den Pächterunternehmer; die Zahlung von Löhnen, die zumindest die Existenz und Reproduktion der Landarbeiter sicherstellen müssen; der Gewinn des Pächters (Profit des Agrarbetriebes); die Rente des Grundeigentümers. Wir befinden uns also mitten in der Warenproduktion, im Kapitalismus.

 

Auch wenn die Physiokraten, wie gesagt, die Produktivität der Manufakturarbeit leugnen, ist für sie das „Rente tragende oder agrikole Kapital [...] Mehrwert erzeugendes Kapital". Daher stellt sich die Frage: Was ist denn die Bodenrente, wenn die gesamte Landwirtschaft unter Leitung des Kapitals und der kapitalistischen Produktionsweise steht? Daher unsere These: Der Kapitalismus entsteht in der Agrikultur, und seine erste revolutionäre Lehre ist die Physiokratie, die embryonale Form der klassischen politischen Ökonomie.

 

Marx zieht auch hier das physiokratische System dem Monetarsystem vor, das nicht zum Begriff des Mehrwerts kommt, dennoch die „Produktion für den Weltmarkt und die Verwandlung des Produkts in Ware, daher in Geld, richtig als Voraussetzung und Bedingung der kapitalistischen Produktion verkündet":

„In seiner Fortsetzung im Merkantilsystem entscheidet nicht mehr die Verwandlung des Warenwerts in Geld, sondern die Erzeugung von Mehrwert, aber vom begriffslosen Standpunkt der Zirkulationssphäre aus" und dieser Mehrwert stellt sich dar „im Überschuss der Handelsbilanz" [MEW 25, S. 793].

 

D.h. als ein Surplusprofit, der dem Kreislauf Geld-Ware-Geld entspringt und sich allein auf dem Markt vollzieht. Waren die Physiokraten die ersten, die den Ursprung jeden Mehrwerts (und daher seiner sukzessiven Akkumulation) in der Produktionssphäre gesehen haben, so finden wir bei den Merkantilisten

„das die interessierten Kaufleute und Fabrikanten von damals richtig Charakterisierende und das der Periode der kapitalistischen Entwicklung, die sie darstellen, Adäquate darin, dass es bei der Verwandlung der feudalen Ackerbaugesellschaften in industrielle" (der bürgerliche Landbetrieb, das Agrarunternehmen) „und bei dem entsprechenden industriellen Kampf der Nationen auf dem Weltmarkt auf eine beschleunigte Entwicklung des Kapitals ankommt, die nicht auf dem sog. naturgemäßen Weg, sondern durch Zwangsmittel zu erreichen ist. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob das nationale Kapital" (das Füllen des Staatssäckels) „allmählich und langsam sich in industrielles verwandelt oder ob diese Verwandlung zeitlich beschleunigt wird durch die Steuer, die sie vermittelst der Schutzzölle hauptsächlich auf Grundeigentümer, Mittel- und Kleinbauern und Handwerk legen, (...) Der nationale Charakter des Merkantilsystems ist daher nicht bloße Phrase im Munde seiner Wortführer. Unter dem Vorwand, sich nur mit dem Reichtum der Nation und den Hilfsquellen des Staats zu beschäftigen, erklären sie in der Tat die Interessen der Kapitalistenklasse und die Bereicherung überhaupt für den letzten Staatszweck und proklamieren sie die bürgerliche Gesellschaft gegen den alten überirdischen Staat" [MEW 25, S. 793].

 

Bei solchen Passagen denkt man an den gegenwärtigen Prozess, der sich, zwei Jahrhunderte später, im Osten Europas, in Russland und in China wiederholt, wie wir vor kurzem in Florenz skizzierten.16

 

Wiederholen wir noch einmal, dass jene erste Form des Kapitalismus, wo die Ackerbauunternehmen und noch nicht die Manufaktur- und Exportunternehmen ins Visier genommen wurden, in der Landwirtschaft schon nicht mehr vorbürgerliche Verhältnisse aufwies; und wir wiederholen, dass wir damit absolut nichts Neues „ausführen" (ein Schuft, wer dabei an „Kinglax" denkt).

 

„Bei der eigentlichen Naturalwirtschaft, wo gar kein oder nur ein sehr unbedeutender Teil des agrikolen Produkts in den Zirkulationsprozeß eintritt und selbst nur ein relativ unbedeutender Teil des Teils des Produkts, der die Revenue" (in natura) „des Grundeigentümers darstellt, wie z.B. auf vielen altrömischen Latifundien, wie auf den Villen Karls des Großen, und wie (...) mehr oder weniger während des ganzen Mittelalters, besteht das Produkt und das Mehrprodukt der großen Güter keineswegs bloß aus den Produkten der agrikolen Arbeit. Es umfasst ebenso wohl die Produkte der industriellen Arbeit. Häusliche Handwerks- und Manufakturarbeit, als Nebenbetrieb des Ackerbaus, der die Basis bildet, ist die Bedingung der Produktionsweise, worauf diese Naturalwirtschaft beruht, im europäischen Altertum und Mittelalter sowohl wie noch heutzutage in der indischen Gemeinde, wo deren traditionelle Organisation noch nicht zerstört ist. Die kapitalistische Produktionsweise hebt diesen Zusammenhang völlig auf; ein Prozess, den man im Großen namentlich während des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts in England studieren kann" [MEW 25, S. 794/95].

 

Und den man, fügen wir hinzu, in den nächsten 30 Jahren in China studieren kann.

 

Der geschichtliche Überblick, bei dem Marx Karthago und Rom erwähnt, läuft auf die Feststellung hinaus, dass man nur dann eine wirkliche Rente wie die von Quesnay beschriebene findet, wenn das gesamte Produkt einen Marktpreis hat und Kapital im Agrarbetrieb angelegt ist, wenn Landwirtschaft und Manufaktur, Stadt und Land bereits geschieden sind.

 

Das, was in diesem Stadium nur als leichter Wind zu spüren ist, wird sich zum alles fortreißenden Sturm des Akkumulations- und Konzentrationsprozesses entwickeln; erste Wirkungsstätte der kapitalistischen Revolution ist jedoch der Agrarbetrieb.

Arbeit - Bodenerzeugnisse - Geld

In dieser noch spärlich industrialisierten Form, in der der Boden jedoch schon frei bzw. Handelsware und der Leibeigene nicht mehr an ihn gekettet ist, das Kapital in der Landwirtschaft angelegt und das gesamte dem Pächter gehörende Produkt auf dem Markt verkauft wird - in dieser Form haben wir schon den Mehrwert und die marxistische kapitalistische Grundrente, die gänzlich der menschlichen Mehrarbeit entstammt.

 

Konnte man auch schon davor von Rente sprechen? Im gewissen Sinne ja, da es sich ebenfalls um Rente aus Mehrarbeit handelte, d.h. vom Rentenbezieher abgepresste fremde Arbeit, aber nicht um Geldrente, um Mehrwert im strengen Sinn, denn dieser kristallisiert sich erst dann heraus, wenn sich das ganze Produkt in Geld verwandelt hat, und er ist ein aliquoter Teil dieses Geldwertes, in das sich das Endprodukt zur Gänze verwandelt.

 

Drei meisterhafte Paragraphen des 47. Kapitels erläutern dies: „Die Arbeitsrente" - „Die Produktenrente" - „Die Geldrente".

 

Die Arbeitsrente: Der unmittelbare Produzent verfügt über sein Feld und seine Geräte, also über seine Arbeitsbedingungen. Aber zusätzlich zur Arbeit auf dem eigenen Feld, dessen Erzeugnisse er zusammen mit seiner Familie verzehrt, zwingt ihn die Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, einen bestimmten Teil des Tages oder der Woche auf dem Gut des Grundherrn zu arbeiten. Die Mehrarbeit erscheint hier auch als solche, und ihre Analyse ist unmittelbar gegeben: Sie ist der erste Keim des zukünftigen Mehrwerts. Es ist dies die gesellschaftliche Form der mittelalterlichen und asiatischen Leibeigenschaft. In der Sklavenhaltergesellschaft der Antike und der modernen Plantagenwirtschaft absorbiert die Rente den Profit bzw. fällt mit ihm zusammen und die Arbeiter erhalten lediglich die unentbehrlichen Subsistenzmittel. Doch sonst kann der unmittelbare Produzent, nachdem er seiner Arbeitspflicht nachgekommen ist, einen Überschuss über seine Subsistenzmittel hinaus haben - über das hinaus, was späterhin der Lohn, das Äquivalent der notwendigen Arbeit sein wird.

 

Die Produktenrente: Der Ackersmann hat keinen Frondienst abzuleisten, sondern muss dem Grundherrn einen Teil seiner Bodenerzeugnisse abtreten, bzw. der religiösen Körperschaft (den Zehnten).

 

Die Lage des unmittelbaren Produzenten hat sich insofern geändert, als er nicht nur im Besitz seiner Arbeitsbedingungen ist, sondern auch über die Verwendung seiner ganzen Arbeitszeit verfügt, obgleich aus dem Teil des Produkts, den er dem Grundherrn abzuliefern hat, die ihm abgepresste Mehrarbeit bestimmt werden kann. Dieser Arbeitertypus ist noch immer an den Boden gefesselt und das den Feudalismus kennzeichnende persönliche Abhängigkeitsverhältnis vorherrschend, denn für den Grundherrn zählt weniger die Größe seines Landbesitzes als die Anzahl der Arbeitseinheiten, die seine Untersassen verpflichtet sind zu leisten.

 

Es ist immer noch eine Naturalwirtschaft: Es drängt noch nichts dahin, die Verbindung zwischen Hausindustrie und Ackerbau aufzulösen; die ganze Mehrarbeit verwandelt sich in Rente.

 

Die Geldrente: Die Produktenmenge, die der Kleinproduzent bisher in natura abzuliefern hatte, stellt sich nunmehr als Geldbetrag dar. Die Grundrente bleibt unbestreitbar die vorherrschende Form der Mehrarbeit, doch solange kein kapitalistischer Pächter zwischen den Arbeiter und den Eigentümer tritt, kann von kapitalistischer Grundrente nicht gesprochen werden. Die Geldrente, gleich ob an einen Privatmann oder den Staat gezahlt, löst nur allmählich die Produktenpflichtigkeit ab (noch zu Marxens Zeit vollzog sich dieser Übergang im Osten Europas; man erinnere sich an Lenins Schrift „Über die Naturalsteuer").

 

Erst nachdem die Geldrente Fuß gefasst hat - was eine bestimmte technische Entwicklung und verwandelte Arbeitsbedingungen und -verhältnisse voraussetzt -, kommt der kapitalistische Pächter ins Spiel, der die alten bäuerlichen Besitzer expropriiert bzw. „legt", der Bauer wird zu einem von Boden und Arbeitsgeräten losgelösten Lohnarbeiter.

 

Marx untersucht dann die Metäriewirtschaft und das Parzelleneigentum, was zu der Schlussfolgerung führt, die wir zu Beginn dieses 4. Teils zitierten. Womit wir bei der entwickelten Form der kapitalistischen Grundrente angelangt sind - was uns die in vielen Ländern auch schon vor der industriellen Entwicklung vollzogene soziale Revolution bestätigt.

 

„Als eine Übergangsform von der ursprünglichen Form der Rente zur kapitalistischen Rente kann betrachtet werden das Metäriesystem oder Teilwirtschaft-System (...). Das Wesentliche (...) ist, dass die Rente hier nicht mehr als die normale Form des Mehrwerts überhaupt erscheint" [MEW 25, S. 811].

 

Die rein kapitalistische Rente erscheint, wo der unmittelbare Produzent über keine Arbeitbedingungen mehr verfügt: Weder über den, sei es auch kleinsten Fetzen Boden noch über Werkzeuge und Geräte, sondern nur über seine Arbeitskraft: er ist Lohnarbeiter. Von da an teilt sich die Mehrarbeit in Profit und Grundrente auf, von da an ist die kapitalistische Revolution in der Produktionsweise vollzogen.

Philosophie, na endlich!

Es war ein bisschen Philosophie versprochen worden, um das Ökonomische zu erleichtern, doch musste das, was unsere Klassiker über die verschiedenen, das „Geheimnis" der Grundrente zu ergründen suchenden Theorien gesagt haben, noch rekapituliert werden. Dies wurde ohne Formeln und Zahlen getan, aber es war zweckmäßig, die Schlussfolgerungen aus einem der marxistischen Texte mit denselben von Marx und Engels an anderer Stelle behandelten Thesen zu unterstreichen; und dies zur weiteren Verwirrung derjenigen, die über eine bereits zu Lebzeiten der beiden Begründer des kritischen Kommunismus vorgenommene Kurskorrektur in der Theorie faseln. Nicht nur die Theorie, die sich in einem mathematischen Bezugssystem darstellen ließe, sondern sogar die terminologische Strenge und Darstellungsform sind definitiv und irreversibel vorgegeben.

 

Immer, wenn es in der ländlichen Produktion eine Reichtum genießende Klasse von Nicht-Arbeitern gibt, geht der ganze Überschuss aus der Arbeit, und nicht aus einer keinerlei Arbeitsmühe kostenden Gabe der Natur hervor.

 

Alles kommt also aus der das Gesamtprodukt erzeugenden Gesamtarbeit. Wiewohl sich das Gesamtprodukt, nachdem die Vorräte für ein neues Arbeitsjahr wiederhergestellt wurden, auf ein für den menschlichen Konsum verfügbares Nettoprodukt reduziert.

 

Einen Teil des Nettoprodukts verzehrt der unmittelbare Produzent, um sein Arbeitsvermögen wiederherzustellen. Einen Teil, den wir Surplusprodukt und daher Mehrarbeit nennen, konsumiert die Klasse der Nicht-Arbeiter.

 

In der Naturalwirtschaft ist die ganze Mehrarbeit Rente. Wenn der Produzent Fronarbeit auf den grundherrlichen Ländereien zu leisten hat, entnimmt der Grundherr seine Rente in Form fremder Arbeit, wenn die Mehrarbeit als Teil des Produkts abzuliefern ist, in Form von Naturalien. Der Arbeiter ist Leibeigener.

 

Eine Übergangsform zwischen Naturalwirtschaft und der kapitalistischen Warenproduktion ist jene, in der a) der Arbeiter frei ist; b) begonnen wird, die Rente in Geld (Kleinpächter) oder auch in Naturalien (halbfreier Kleinpächter) zu zahlen; c) es noch den Parzellenbetrieb (Kleinanbau) gibt, dessen Größe dem Arbeitsvermögen des Pächters oder Teilpächters entspricht. Zu diesen Formen kann noch das freie Kleineigentum hinzugezählt werden, wo dem Bebauer von niemandem Rente abgeknöpft wird, ihm aber verschiedene Lasten (Steuern etc.) aufgebürdet werden. Aber wir sind jetzt bereits in einem Stadium angelangt, wo ein großer Teil des Produkts auf den Markt kommt und sich in Geld verwandelt.

 

In der im Allgemeinen der Industrialisierung vorangehenden kapitalistischen Agrarwirtschaft sind die Bodenparzellen unter Leitung eines Unternehmers (Pächters) zu einem einzigen Betrieb zusammengefasst. Der Pächter verfügt über das Betriebskapital und macht aus den ihrer Erdfetzen beraubten Produzenten einfache Lohnarbeiter.

 

Das Ideal der Physiokraten ist eine gänzlich auf großen, kapitalistisch betriebenen Pachtgütern basierende Gesellschaft, wobei der Waren- und Geldverkehr die vorherrschende Agrikultur zur Grundlage hat, und die Manufaktur (aufgrund der falschen Annahme, dort werde weder Mehrarbeit noch Mehrwert geschaffen) ein bloßes, keine Reichtümer schaffendes Zubehör ist.

 

Wie ist diese ökonomische Schule historisch und ideologisch einzuordnen? Welches ist ihre Stellung im Vergleich zu den am Vorabend der großen französischen Revolution auftretenden Philosophen der „Enzyklopädie"?

 

Basierend auf dem falschen Schema, nach dem die Gegenüberstellung Landwirtschaft - Industrie der Gegenüberstellung Feudalismus - Kapitalismus sowie Recht von Gottes Gnaden - Volkssouveränität entspreche, sind die Physiokraten nach einer weit verbreiteten Ansicht reaktionäre Verteidiger des alten Regimes gegen die neuen revolutionären Formen. Ein von Marx vernichteter Irrglaube.

 

Es stimmt zwar, dass Quesnay, unter den großen Physiokraten, Befürworter der absoluten Monarchie war, doch ist seine Kritik am parlamentarischen System, dem „System der Gegenkräfte in einer Regierung" bemerkenswert. Er sagt, dieses System zeige nichts anderes als „die Zwietracht unter den Großen und die Überbürdung der Kleinen". Mercier de la Riviere schrieb, schon dadurch, dass dem Menschen bestimmt sei, in der Gesellschaft zu leben, sei ihm bestimmt, unter dem Despotismus zu leben. Aber vielleicht ist auch diese These den liberalen Phantastereien der Aufklärung voraus. Dann gibt es da noch Mirabeau (Senior) und Turgot, beide Politiker und bürgerlich-radikale Minister, die die Revolution antizipierten. In gesellschaftlicher Hinsicht ist bemerkenswert, dass sie die Nachfolger des Colbert'schen (Minister unter Ludwig XIV.) und Law'schen (im alten dynastischen Regime Vertreter der Interessen des Handels- und Manufakturkapitals) Systems waren. Colbert und Law waren Urheber der Staatsintervention, des Protektionismus und der staatlich gelenkten Nationalwirtschaft. Diese Wirtschaftspolitik des Kapitals und des Staates führte zum Krach und zur Pleite, während die französische kapitalistisch betriebene Landwirtschaft zur gleichen Zeit wieder aufblühte. Die Physiokraten waren Ausdruck dieser ökonomischen Entwicklungsstufe, und es ist nur folgerichtig, wenn sie für den Freihandel und gegen die Staatsintervention eintraten - etwas, was ihre Kritiker für ein zufälliges Zusammenfallen halten.

 

Nichtsdestotrotz enthält das physiokratische System in Marx' Augen gravierende Widersprüche, die auf folgenden Hauptwiderspruch zurückzuführen sind: Die Physiokraten entdeckten den Mehrwert, jedoch nur in Form einer Differenz zwischen den als reinen Gebrauchswerten produzierten und konsumierten Bodenerzeugnissen. Sie entdeckten, dass

„die Loslösung des Arbeiters von der Erde und vom Grundeigentum Grundbedingung für die kapitalistische Produktion und die Produktion von Kapital ist" [MEW 26.1, S. 22]

und der Mehrwert der Überschuss über den in Geld gezahlten Lohn. Doch verstanden sie nicht, dass immer dann, wenn Arbeitskraft gekauft wird, Mehrwert geschaffen und Kapital akkumuliert wird. Allerdings begleiteten sie die Verwandlung des feudalen Eigentümers in den bürgerlich-kapitalistischen Eigentümer, indem sie die Handlungsfreiheit des kapitalistischen Unternehmers verteidigten.

 

„Man begreift zugleich, wie der feudale Schein dieses" (physiokratischen) „Systems, ganz wie der aristokratische Ton der Aufklärung, eine Masse von feudalen Herrn zu Schwärmern für ein System und Verbreitern eines Systems machen musste, das wesentlich das bürgerliche Produktionssystem auf den Ruinen des feudalen proklamierte" [MEW 26.1, S. 23].

Bürgerliches Vor-Bewusstsein

Jene Widersprüche der Physiokraten, schreibt Marx, sind „Widersprüche der kapitalistischen Produktion, die sich aus der feudalen Gesellschaft herausarbeitet und letztere selbst nur mehr bürgerlich interpretiert, ihre eigentümliche Form aber noch nicht gefunden hat, wie etwa die Philosophie, die sich erst in der religiösen Form des Bewusstseins herauskonstruiert und damit einerseits die Religion als solche vernichtet, andrerseits positiv sich selbst nur noch in dieser idealisierten, in Gedanken aufgelösten religiösen Sphäre bewegt" [MEW 26.1, S. 22].

 

Dieser kurze Absatz dient der Exegese der bekannten These des „Vorworts zur Kritik der politischen Ökonomie" von 1859: Eine Epoche des revolutionären Übergangs kann nicht nach dem Bewusstsein, das sie von sich selber hat, beurteilt werden [MEW 13, S. 9].

 

Marx hielt bekanntlich viel vom Siegeszug des die große Revolution begleitenden klassischen französischen Materialismus, der in der revolutionären Periode außer seinen sozialen und politischen Aufgaben auch die der „Ausmerzung der Religion" übernahm.

 

Aber natürlich ist unsere auf den dialektischen Materialismus des Proletariats gegründete Theorie der bürgerlichen Revolution eine ganz andere als die jenes ersten Materialismus.

 

Dieser bestritt, dass das menschliche Bewusstsein von den Verkündigungen der göttlichen Offenbarung erfüllt sei, wodurch ja die Menschen über die Fragen des persönlichen Verhaltens und über die des sozialen Lebens und der Staatsmacht Aufschluss erhalten sollten; folgerichtig negierte er auch die Monarchie von Gottes Gnaden. Doch wird diese übernatürliche Quelle durch ein Bewusstsein ersetzt, das im Individuum die - sei es auch vernunftgemäße - Grundlage dafür bildet, dass es über sein Verhalten als Privatmensch und Staatsbürger entscheiden und die Wahl derjenigen, die regieren sollen, frei treffen kann. Ein solches, von Gott gelöstes Bewusstsein ging in seiner geistigen Gestalt jedoch immer noch dem menschlichen Handeln voraus, war daher „ideal" und „idealisiert" und bewegte sich weiterhin „in einer religiösen Sphäre".

 

Die Revolution errichtete der Göttin Vernunft wahre Altäre; doch obschon viele der Klassiker des französischen Materialismus im Ruf standen, Atheisten zu sein, war Voltaire, auch als erklärter Feind der ideologischen und weltlichen Autorität der Kirche, Deist. Die spätere Geschichte sollte dann die völlige Wiederversöhnung der bürgerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates mit den offiziellen Formen der Religion bezeugen.

 

In der Tat ist es nicht möglich, aus dem, wie man auch in Deutschland zur Zeit der Feuerbach'schen bürgerlichen Kritik des Christentums sagte, „Dunstkreis" der Religion herauszukommen, ohne das Einzel- und sogar kollektive „Bewusstsein" zu entthronen und ihm, wie es der dialektische Materialismus tut, den ihm zustehenden Rang zuzuweisen: Als Nachzügler, der die Ereignisse nur passiv zu registrieren vermag, sie also weder hervorruft noch bestimmt, ja, sie nicht einmal versteht, wenn und erst recht nicht bevor sie eintreten.

 

Am Beispiel der Physiokraten und der Unvollständigkeit ihrer Anschauung, so fortschrittlich und genial diese zu ihrer Zeit auch war, zeigt Marx die Unzulänglichkeit und Zeitgebundenheit des Bewusstseins auf, das jede Revolution in ihren sukzessiven statischen Formen von sich hat, was wiederum den historischen Materialismus bestätigt, der das theoretische Bewusstsein der verschiedenen Klassen als eine aus der materiellen Basis des Ökonomischen entspringende Überbauform begreift. Dies schmälert allerdings nicht die Bedeutung, die die Untersuchung und das Verständnis der sich ablösenden „Schulen" und „Systeme" hat, denen ebenso viele geschichtliche Kräfte entsprechen.

 

Die Systeme, die von sich selbst glauben, die absolute Wahrheit zu enthalten, haben, auch wenn sie wahr und lebendig sind und nichts mit den subjektiven Ausklügeleien verwirrter und dünkelhafter Autoren zu tun haben, eine große Bedeutung, insofern das, was als ihr positiver Inhalt gilt, mächtige Widersprüche und Negationen enthält. So wenn

„die scheinbare Verherrlichung des Grundeigentums in dessen ökonomische Verneinung und Bestätigung der kapitalistischen Produktion umschlägt" [MEW 26.1, S. 22].

 

Tatsächlich versuchte die Revolutionsgesetzgebung, das Grundeigentum durch den bürgerlichen Staat zu konfiszieren. Was bereits von Ricardo - als Vertreter der fortgeschrittenen Form des bürgerlichen Bewusstseins und der Vorherrschaft des Industriekapitalisten gegenüber dem Grundeigentümer - theoretisiert wurde.

 

In all diesen Systemen wird die jeweilige Lehre aber nicht als das Bewusstsein der herrschenden Klasse vorgestellt, sondern als „Ideal", das das Leben aller Menschen glücklicher mache.

 

Tatsächlich sind die Kapitalisten für die Physiokraten „nur Kapitalisten im Interesse des Grundeigentümers, ganz wie die weiterentwickelte Ökonomie sie nur Kapitalisten im Interesse der arbeitenden Klasse sein lässt" [MEW 26.1, S. 23].

 

Die einen wie die anderen glauben, reine Wirtschaftswissenschaft zu praktizieren; in Wirklichkeit aber bewegen sie sich „nur noch in dieser idealisierten, in Gedanken aufgelösten Sphäre".

 

Der dialektische und revolutionäre Materialismus der kommunistischen Bewegung ist als Theorie - und die Theorie ist die erste Waffe der Revolution - deshalb so kraftvoll, weil das menschliche Handeln nicht an das Bewusstsein gebunden ist und jede auf dieser illusorischen und lächerlichen Grundlage beruhende Demagogie zurückgewiesen wird.

 

 

 

Quellen:

„Il capitalismo - rivoluzione agraria": Il programma comunista, Nr. 1, Januar 1954.

* * *

MEW 13: Marx - Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie", 1859.

MEW 20: Engels - Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 1878;

2. Abschnitt: Politische Ökonomie.

MEW 25: Marx - Das Kapital III, 1894; 47. Kapitel: Genesis der kapitalistischen Grundrente.

MEW 26/1: Marx - Theorien über den Mehrwert, 1862/63; 2. Kapitel: Die Physiokraten.

 

 

1 Anspielung auf die verbreitete Abneigung, die Lehre auch mit Hilfe der Mathematik darzustellen.

 

2 Le dessert d'abord (frz.): zuerst die Nachspeise.

3 Dante: „Göttliche Komödie", Das Paradies, 17. Gesang, Vers 129.

4 „Zweieinhalbte" Internationale: gemeint sind die sozialdemokratischen Parteien, die um 1920 der Kommunistischen Internationalen beitreten wollten, ohne ihre politische Ausrichtung und Taktik aufzugeben.

 

5 Versammlung in Mailand (September 1952): „Die historische Invarianz des Marxismus".

 

6 Im Italien des 14./15. Jahrhunderts wurden die Anführer der Söldner „Condottieri" genannt: condotta = Sold.

7 Sophisma (grch.): Trugschluss.

 

8 Das Ganggestein ist magmatisches Gestein, das im subvulkanischen Niveau der Erdkruste entsteht, meist in Form von Gängen oder Stöcken.

9 Siehe MEW 30, S. 362-367; und MEW 34, S. 39/40 und S. 69/70.

 

10 Das X. Kapitel des 2. Abschnitts: „Aus der ‚Kritischen Geschichte'" stammt von Marx; siehe MEW 20, S. 9.

11 Vivisektion (lat.): Eingriff am lebenden Tier zu wissenschaftlichen Zwecken.

 

12 Dieser und die beiden folgenden Absätze beruhen offensichtlich auf einem der Übersetzung des „Anti-Dühring" ins Italienische oder Französische geschuldeten Missverständnis; „ländliche Arbeitskraft" (so im deutschen Original) als „forza di lavoro della terra" übersetzt (wie es im vorliegenden Text steht), heißt rückübersetzt tatsächlich: „Arbeitsvermögen des Bodens, der Erde". Daher die Kritik des Verfassers, „Arbeit ohne das Werk der Hände" usw. Die Engel'sche Kritik an Dührings „ländlicher Arbeitskraft", auf deren Ausbeutung der Pächtergewinn beruhe und der „daher offenbar ein Stück Rente" sei, um die die „volle Rente" des Grundeigentümers „verkürzt" werde, stellt klar, dass es so der „Grundbesitzer wäre, welcher dem Pächter Rente zahlt". Zudem stellt sich Dühring unter Grundrente nur das im Ackerbau erzielte Mehrprodukt vor. Siehe: MEW 20, S.209.

 

13 Dante: „Göttliche Komödie", Hölle, 4. Gesang, Vers 151. Hier ist der „Abort" gemeint.

14 „vient de paraître" (frz).: Neuerscheinungen.

 

15 Auch in diesem Absatz gibt es wieder Übersetzungsprobleme, die allerdings mehr formeller Art sind. Einige Worte dazu, um beim Studium des Textes und dem unserer Klassiker nicht durcheinander zu kommen: Bei Quesnay, dessen Begriffe Marx bei der Darstellung des Tableaus übernimmt, werden von den 5 Mrd. 2 Mrd. für die „jährlichen Vorschüsse" vorweg erhoben. Nach diesem „Ersatz der Betriebskapitalien" bleiben 3 Mrd. „Überschuss", bzw. bei Quesnay auch „Wiedereinnahmen der produktiven Klasse" (nicht „Nettoprodukt", wie es in unserem Text heißt). Von diesen 3 wiederum 2 Rente, welche allein das Nettoprodukt darstellen, denn: Die übrige Milliarde wird bei Quesnay von der produktiven Klasse „auf ihre Verkäufe für die Zinsen vorweg erhoben". Dieser „Zins", erklärt Marx, kann nicht zur Kategorie des nationalen „Nettoprodukts" oder „Reineinkommens" zählen, weil sonst der Pächter das „Anlagekapital" gar nicht vorschießen würde [MEW 20, S. 235], in unserem Text inhaltlich richtig als „Vergütung" bezeichnet (aber nicht des Betriebs-, sondern Anlagekapitals). Dieser 10%ige Zins, die die Pächter für ihre „ursprünglichen Vorschüsse", also ihr Anlagekapital erhalten sollen, ist, so Quesnay, „eine der Hauptbedingungen eines gedeihlichen Zustandes", und „ein für die Nation so vorteilhaft angelegtes Kapital" muss einen jährlichen Zins einbringen, „der mindestens so groß ist, wie derjenige, den man den faulenzenden Rentnern [Rentiers] zahlt".

Francois Quesnay: „Allgemeine Grundsätze der wirtschaftlichen Regierung eines Ackerbau treibenden Reiches", Jena 1921.

16 „Imperialismus und koloniale Kämpfe" (Versammlung im Dezember 1953 in Florenz); II programma comunista Nr. 23, 1953.