Alter Maulwurf

1954-02-05 - Metaphysik des Bodenkapitals Drucken E-Mail

Im Faden der Zeit [125]

VI. Metaphysik des Bodenkapitals

Von 1884 bis 1847

Es reicht nicht festzustellen, mit dem, was Marx in seinen letzten Lebensjahren über die Theorie der Agrarwirtschaft niedergeschrieben habe (und die sowohl im III. als auch im IV. Band seines unvollendeten Hauptwerkes enthalten ist), sei das letzte Wort darüber gefallen.

 

Denn ihre endgültige Gestalt hat diese Theorie schon, seit sich der scharf umrissene Korpus der revolutionären Lehre herausbildete, d.h. einige Jahre vor dem 1848 veröffentlichten „Manifest".

 

Tatsächlich bestätigt Marx das selbst, was zum x-ten Mal diejenigen blamiert, die stets versichert haben, es läge in der Natur der marxistischen Methode im Besonderen und der Marx'schen Studien im Allgemeinen, sich in einem Prozess „fortwährender Veränderung" zu befinden. Unter ihnen gab es welche (heute nicht mehr), die keine Dummköpfe waren. Wir wollen mit diesem etwas verquollenen Satz sagen, dass es auch heute noch solche Leute gibt, aber sie allesamt Trottel sind.

 

Unter den Verblichenen erinnern wir nur an Tonino Graziadei1, der seine Sache so gut verstand, dass man ihn in der Tombak-Partei2 zum bibliographischen und ideologischen Berater der großen „Kampf"führung machte. Als gestandener Professor (wie zufrieden er lächelte, als er erzählte, dass er mal ganz leicht die deutsche Grenze passieren konnte, weil er seinen Beruf: „Universitätsprofessor!3..." einem Zöllner angab, der einem Karl Marx mit Sicherheit den Weg versperrt hätte!) veröffentlichte er jedes Jahr, auch während des Faschismus, ein Buch, mit denen er, ob zu seiner Zeit als ultrarechter Reformist oder zu der Zeit, in der er sich als Kommunist entpuppte, nachweisen wollte, dass der III. Band des „Kapital" Stück für Stück die frühen ökonomischen Lehren demoliert habe, insbesondere die Theorie über den Mehrwert, wobei schließlich die über die Rente, laut Tonino, nur eine unnütze literarische Übung gewesen sei...

 

In den „Theorien über den Mehrwert" ruft Marx an einer bestimmen Stelle des Abschnitts, in dem er Rodbertus und Ricardo einander gegenüberstellt, aus (vielleicht weil er es müde ist, den Rodbertus'schen „Blödsinn" zu zitieren): „Ich habe das moderne Grundeigentum schon völlig" (sic!) „richtig erklärt" [MEW 26.2, S. 155]. Und er zitiert aus dem 1847 in Paris veröffentlichten „Elend der Philosophie".

 

Die ökonomischen Schriften Proudhons gaben Marx Gelegenheit, in seinem grundlegenden Werk, auf das wir so oft schon zurückgegriffen haben, erstmals die marxistische Ökonomie und die Grundprinzipien des dialektischen Determinismus organisch darzustellen, während das einige Monate später verfasste „Manifest" den historischen und politischen Teil definitiv festlegt.

 

Nicht minder häufig haben wir auf die vernichtende Kritik an der Proudhon'schen Konstruktion als historischem Markstein hingewiesen, da sie mit den zahllosen und viel später aufgetretenen Abweichungen reinen Tisch macht: Ein ganzes Jahrhundert hindurch wurde auf immer genau denselben Fehlern und denselben schäbigen „ismen", „heiten" etc. herumgeritten, deren Reihe wir euch hier noch mal ins Gedächtnis rufen: Ideal-, Moral-ISMUS, Gleich-, Frei-HEIT, Liberal-, Anarch-, Individual-, Personal-, Subjektiv-, Aziend-, Merkantil-ISMUS4.

 

Die Bedeutung des „Anti-Proudhon" als der ersten organischen Darstellung unterstreicht Engels meisterhaft in seinem Vorwort von 1884 (also 37 Jahre später). Auch hieraus haben wir an anderer Stelle hervorragende, die Grundpositionen zusammenfassende Formulierungen verwendet. Engels merkt nur an, dass die Ausdrucksweise noch nicht die mehr ausgearbeitete des „Kapital" ist, sofern hier noch von Wert und Preis der Arbeit, statt der Arbeitskraft, gesprochen wird, welche in der Lohn- (ergo: kapitalistischen) Ökonomie eine Ware ist [MEW 4, S. 569].

Ökonomie, Moral, Logik

Nicht ins Blaue hinein haben wir gesagt, dass in der Kritik an Proudhon auch die gemeinhin als philosophisch bezeichneten Fragen ins Visier genommen werden. In seiner wohlbekannten und bissigen Vorrede macht Marx sich über den Autoren lustig, den man in Frankreich für einen großen deutschen Philosophen und in Deutschland für einen großen französischen Ökonomen hielt.

 

Just als er zu unserem vorliegendem Thema, also dem Grundeigentum und der Rente kommt, zieht sich Proudhon folgendermaßen aus der Affäre:

„'Der Ursprung des Grundeigentums ist, sozusagen, außerökonomisch: Er beruht in Erwägungen der Psychologie und Moral, die nur sehr entfernten Bezug auf die Produktion der Reichtümer haben'" [MEW 4, S. 165].

 

Was für ein Spagat! Wir sollen uns mit der Wissenschaft (Wissenschaft?) der Psychologie und Moral behelfen, um ökonomische Prozesse zu klären, statt umgekehrt den soliden Schlüssel des historischen Materialismus zu benutzen, um die „psychologischen" Erscheinungen und zahlreichen Moral„systeme" zu erklären?

 

Als Marx zur Erklärung der „ökonomisch-metaphysischen Methode" kommt, hält er den Gegner zum Besten, der den Franzosen wohl einen Schreck einjagen wollte, indem er ihnen quasi Hegel'sche Phrasen an den Kopf warf. Marx scheint sagen zu wollen: Wir haben Hegel längst hinter uns gelassen (vielleicht erinnert sich mancher Leser an die Fußnote im III. Band des „Kapital"5, in der bemerkt wird, dass „nichts komischer sein kann" als die Hegel'sche Definition des Eigentums als ein Zueignungsrecht des „Menschen als Person" oder wie es in einer Tour widerhallt, als „Fortsetzung" der Person), aber ihr, die ihr bei Hegel immer ganz Ohr seid, habt ihn nie gekannt und nie verstanden. Und tatsächlich sagte Proudhon:

„'Wir geben keine Geschichte nach der Ordnung der Zeit'" (Gott bewahre... das wäre die Methode des „Fadens der Zeit"), „'sondern nach der Folge der Ideen. Die ökonomischen Phasen oder Kategorien treten in ihrer Manifestation bald gleichzeitig, bald in verkehrter Reihenfolge auf... Die ökonomischen Theorien haben nicht minder ihre logische Abfolge und ihre Gliederung in der Vernunft'" [MEW 4, S. 126].

 

Die folgende auf der Ebene der Erkenntnistheorie und der Theorie des Denkens benutzte und noch zu benutzende Marx'sche Textstelle erledigt nicht nur den ökonomischen Sermon Proudhons, sondern entlarvt auch die Kant'sche ‚reine Vernunft' ebenso wie die Hegel'sche Methodologie als „Striptease" - wenn man von allen Gegenständen und ihren realen Verhältnissen nach und nach alles fallen lässt, von ihren angeblichen Akzidenzien abstrahiert, bringt man jede Bewegung und alles Leben auf der Erde auf die nackte, ja mehr als das, hohle, nur in der Vernunft lebende „logische Kategorie" herunter, auf die allen Dingen präexistente „absolute Methode".

 

„Ist jedes Ding auf eine logische Kategorie und jede Bewegung, jeder Produktionsakt auf die Methode reduziert, so folgt daraus, dass jeder Zusammenhang von Produkten und Produktion, von Dingen und Bewegung sich auf eine angewandte Metaphysik reduziert. Was Hegel für die Religion, das Recht etc. getan hat, sucht Herr Proudhon für die politische Ökonomie zu tun" [MEW 4, S. 128].

 

In der Marx-Engels'schen Kritik an ihren Widersachern finden wir stets einen doppelten Aspekt. Diese Leute schmeicheln sich bei jeder Gelegenheit, neue Gesetze und Wahrheiten „entdeckt" zu haben. Soweit es sich um richtige Beobachtungen und Theorien handelt, decken Marx und Engels auf, dass sie schon lange zuvor von Ökonomen ausgesprochen wurden, die sich mit der seriösen, von den Erneuerern hingegen mit Verachtung bedachten „historischen und beschreibenden Methode" beschieden. Wo sie aber tatsächlich originelle Dinge formulierten, handelt es sich, wie Marx und Engels nachweisen, zu 99% um kolossale Fehler, um Entstellungen der Realität, um willkürliche, aus hohlen metaphysischen Konstruktionen hervorgegangene und sich auf banale Dogmen des Bildungswissens und auf Gefühlsduseleien abstützende Folgerungen.

 

Proudhons Rückgriff auf die Psychologie, die Moral, die Aufeinanderfolge der Ideen, seine absonderliche Untersuchung der ökonomischen Entwicklungen (Konkurrenz, Monopol, Arbeitsteilung, Maschinen, Kredit, Steuer etc.) nach ihrer „guten" und „schlechten" Seite hin sind jahrhundertealter Notbehelf. Doch sieht jemand in den Abhandlungen der modernen Ökonomen - seien es nun Dilettanten oder Leute vom Fach - etwas anderes? Wenn die streng wissenschaftliche Analyse eine Erosion der ökonomischen Struktur aufzeigt, wenn jede Untersuchung der Tatsachen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass die sich ankündigende Krise etwa durch Aufheben der Kontrollen und Beschränkungen von privat- oder betriebswirtschaftlichen Initiativen oder durch Stärkung des Staatsinterventionismus und -dirigismus abgewehrt werden könne - wohin dann Zuflucht nehmen? Eben - man wendet sich den Kräften des „Geistes" zu, den Taten „redlicher Männer" guten Willens und ähnlichen Scherzen. Im anderen Lager sieht es nicht besser aus, wo man, was die Wiederaufnahme der revolutionären Klassenkraft angeht, auf das Bewusstsein zurückgreift. Allerorten nur Anti-Marxismus und Sub-Marxismus, was heißt, die Weigerung, die Denkrichtungen als von den materiellen ökonomischen Prozessen bestimmte Resultate und Rückspiegelungen zu begreifen.

Nieder mit dem „freien Willen", dieser idiotischen Burleske

Für seine Reise ins Meer der metaphysischen Ökonomie läuft Proudhon aus dem Hafen der Realität aus und schlägt eine von den Forschungsreisenden seit langem befahrene Route ein: Er stellt den Unterschied zwischen dem Gebrauchs- und dem Tauschwert jeden Dinges fest und sucht damit eine Theorie der Marktphänomene zu begründen. Noch hat er keine mystischen Kräfte beschwört, aber schon verirrt er sich, weil er zwei wesentliche Punkte übersehen hat: Die Genesis und historische Entwicklung des Austausches in den verschiedenen Epochen einerseits, und den gesellschaftlichen statt individuellen Charakter des Tauschverhältnisses andererseits. Kaum in See gestochen, läuft er auch schon auf Grund.

 

Die modernen Ökonomen sind kein Stückchen weiter gekommen. Sie nehmen einen Käufer, der, sagen wir, Kartoffeln haben will, und einen Verkäufer, der Kartoffeln verkauft: Wie soll man, fragen sie sich jetzt, den Geldpreis der Transaktion festlegen. Der Käufer denkt an den Gebrauchswert, an das Bedürfnis zu essen, der Verkäufer hat den Tauschwert im Kopf, also den größtmöglichen Erlös von seinen Kartoffeln. Die ganze Mühe, die Frage ein wenig aus dem simplen Duett herauszulösen und die Gesellschaft wenigstens im Hintergrund auftreten zu lassen, kommt bloß auf die berühmte kleine Regel von Angebot und Nachfrage heraus (das sind, schreibt Marx, „fast gemeinplätzliche Wahrheiten"). Der Preis fällt, wenn es viele Kartoffeln gibt, aber nur wenige Hunger haben, er steigt, wenn die Kartoffeln rar sind, aber der Appetit groß ist. Nachdem er den Gebrauchswert dem Überfluss gleichgesetzt hat, nennt Proudhon ihn Nutzwert; und Tauschwert mit Seltenheit gleichgesetzt wird ihm zum Meinungswert. Nun fragt sich unser Mann, ob sich für diese einander widersprechenden Faktoren ein ihnen gemeinsamer Punkt finden lässt, und wird fündig: der Wille:

„'In meiner Eigenschaft als freier Käufer bin ich Richter über mein Bedürfnis, Richter über die Zweckmäßigkeit des Gegenstandes, Richter über den Preis, den ich dafür anlegen will. Andererseits bist du als freier Produzent Herr über die Herstellungsmittel und folglich imstande'" (?), „'deine Kosten zu verringern.'"

„'Es ist erwiesen, dass es der freie Wille ist, der den Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert herbeiführt. Wie diesen Gegensatz auflösen, solange der freie Wille besteht? Und wie den freien Willen opfern, ohne den Menschen preiszugeben?'" [MEW 4, S. 73 + 74]

 

Marx untersucht die Dinge jetzt näher und aus seiner Sicht. Angebot und Nachfrage bestehen gleichzeitig und wechselseitig und beiderseits stehen sich Tauschwerte gegenüber:

„Das Produkt, welches man anbietet, ist nicht das Nützliche an und für sich. (...) Im Verlauf der Produktion ward es gegen alle Produktionskosten ausgetauscht, gegen Rohstoffe, Arbeitslöhne etc., alles Dinge, die einen Handelswert haben. Somit vertritt das Produkt in den Augen des Produzenten eine Summe von Handelswerten."

„Was die Nachfrage anbetrifft, so ist sie nur wirksam, soweit sie über Tauschmittel verfügt. Diese Mittel sind selbst wiederum Produkte, Tauschwerte" [MEW 4, S. 75].

 

Laut Proudhon befinden wir uns in einer auf Arbeitsteilung und Austausch begründeten Gesellschaft. Nun hängen aber die Produktionsmittel nicht vom „freien Willen" des Produzenten ab, zum großen Teil sind es sogar vom Ausland bezogene Produkte... Der Konsument seinerseits ist auch nicht „freier" als der Produzent, seine „Meinung" hängt von seinen Bedürfnissen und seinen Mitteln ab, die durch seine soziale Lage bestimmt werden, die ihrerseits wieder von der sozialen Organisation abhängt:

„Allerdings, der Arbeiter, der Kartoffeln kauft, und die ausgehaltene Mätresse, die Spitzen kauft, folgen beide nur ihrer respektiven Meinung; aber die Verschiedenheit ihrer Meinungen erklärt sich durch die Verschiedenheit der Stellung, die sie in der Welt einnehmen und die selbst wiederum ein Produkt der sozialen Organisation ist" [MEW 4, S. 75].

 

Herr Proudhon „treibt die Abstraktion auf die Spitze, indem er alle Produzenten in einen einzigen Produzenten, alle Konsumenten in einen einzigen Konsumenten zusammenschweißt und den Kampf zwischen diesen beiden schimärischen Personen sich ausspielen lässt."

„Worin besteht somit die ganze Dialektik des Herrn Proudhon? Darin, dass er für Gebrauchs- und Tauschwert, für Angebot und Nachfrage abstrakte und sich widersprechende Begriffe setzt, wie Seltenheit und Überfluss, Nützlichkeit und Meinung, einen Produzenten und einen Konsumenten, beide Ritter vom freien Willen" [MEW 4, S. 76].

 

Werfen wir alle modernen Ökonomen, die Formeln des auf die Marktkräfte (wie Ophelimität6, Grenznutzen, Umlaufgeschwindigkeit und -masse, Menge der Konsumgüter) gegründeten Preises fabrizieren, auf einen Haufen und begraben wir sie mit der lapidaren Inschrift „Ritter vom freien Willen" in der Familiengruft Proudhons.

Ein Arzt, ein Bankier, ein Professor

In den vorherigen „Fäden der Zeit" sind wir nicht ohne Grund immer wieder auf die große von Marx geleistete Arbeit über das „ökonomische Tableau" Quesnays zurückgekommen, und wir haben den Hauptgrund benannt, der Quesnay über so viele andere Vorgänger von Ökonomen des Kapitalismus erhebt: Er ist dem „molekularen" Tauschakt und der kindischen Personifizierung ökonomischer Kräfte weit voraus. Es geht nicht um die Person des Verkäufers, um die Person des Käufers, sondern um den „Kreislauf" des Reichtums zwischen der produktiven Klasse, der Rentierklasse und der (seiner Ansicht nach sterilen) Industrieklasse.

 

Im Lichte des Marxismus verglichen wir Quesnay und Ricardo als größte Vertreter ökonomischer Schulen. Während Ricardo die Mehrwertschöpfung auch in der industriellen Produktion feststellte und damit ihre Bedeutung offen legte, hat Quesnay dem Engländer voraus, die Klassen als Protagonisten aufgedeckt zu haben.

 

Ein anderes Mal zeigten wir kurz, welches auf Seiten der großen nationalen Schulen (aufgrund ihres gemeinsamen Klassencharakters hatten die bürgerlichen Revolutionen ein entschieden nationales Profil) die Beiträge der bürgerlichen Kritik an der feudalen Welt waren: Entsprechend der erreichten Form und Stufe der kapitalistischen Produktionsweise steuerte Deutschland die Philosophie, England die Ökonomie, Frankreich die Politik bei.

 

Wenn wir uns jetzt fragen, wie die neue ebenso ursprüngliche wie vollständige Klassenlehre den Stoff dieser drei geschichtlichen Brocken beherrschte und verarbeitete, können wir z.B. Folgendes anführen: Wie ist in den proletarischen Klassenkampf einzuordnen, dass die Proletarier anfangs an den nationalen bürgerlichen Revolutionen teilnahmen (noch eine Formulierung eines Begriffs in unserer Rubrik, der noch immer nicht in die Mikrohirne so mancher Deppen7 Eingang gefunden zu haben scheint)? Nun:

„Die Klassiker, wie Adam Smith und Ricardo, vertreten eine Bourgeoisie, die, noch im Kampf mit den Resten der feudalen Gesellschaft, nur daran arbeitet, die ökonomischen Verhältnisse von den feudalen Flecken zu reinigen, die Produktivkräfte zu vermehren und der Industrie und dem Handel neue Triebkraft zu geben. Das an diesem Kampfe teilnehmende Proletariat kennt, von dieser fieberhaften Arbeit absorbiert, nur vorübergehende, zufällige Leiden, betrachtet sie selbst als solche" [MEW 4, S. 142].

 

Auf diesen mächtigen, und nicht einige Monate zuvor erfundenen Zeitabschnitt kommt Marx 1847 zurück, als er Proudhon auf seiner unvorsichtigen Reise aus dem Gebiet der Ökonomie „auf englisch" in das Gebiet der Philosophie „auf deutsch" folgt. Zunächst sieht sich Marx genötigt, ausführlich über die Ricardo'sche Schule zu sprechen, um Klarheit in das große „franzöreiche" Durcheinander zu bringen.

 

Jetzt, sagt Marx, „versetzt [er] uns in unser geliebtes Vaterland und zwingt uns, wieder einmal in unserer Eigenschaft als Deutscher wider Willen aufzutreten."

„Der Engländer ist Ricardo, der reiche Bankier und ausgezeichnete Ökonom. Der Deutsche ist Hegel, simpler Professor der Philosophie an der Universität zu Berlin" [MEW 4, S. 125].

 

Und wer ist der Franzose? Es gilt hier nachzuweisen, dass die ideologischen Konstruktionen Wirkungen der jeweiligen Gesellschaft auf den Autoren und nicht etwa Folge eines aus der „reinen Vernunft" unter dem Hut des Bankiers oder im Hirn des Philosophen naturwüchsig hervorgehenden Gärungsprozesses sind.

 

Hier der Beitrag Frankreichs zum... „Pool" der bürgerlichen Revolution. Achtung:

„Ludwig XV., der letzte absolute König" (und der letzte, der absolut und... in seinem Bette starb) „und der Repräsentant des Verfalls des französischen Königtums, hatte einen Leibarzt, der der erste Ökonom Frankreichs war. Dieser Arzt, dieser Ökonom, repräsentierte den bevorstehenden und sichern Triumph der französischen Bourgeoisie. Der Arzt Quesnay hat die politische Ökonomie zu einer Wissenschaft gemacht; er hat sie in seinem berühmten ‚Ökonomischen Tableau' zusammengefasst. Neben den tausendundein Kommentaren, die zu diesem Tableau erschienen sind, besitzen wir einen von Quesnay selbst. Es ist dies die ‚Analyse des ökonomischen Tableau', der ‚sieben wichtige Bemerkungen' angehängt sind" [MEW 4, S. 125].

 

Marx benutzt diesen meisterlichen Anstoß, um der Proudhonschen Vorgehensweise seinerseits mit „sieben Bemerkungen" zu begegnen, deren erste, wie erwähnt, eben jene ökonomischen „Kategorien" behandelt, die die „angewandte Metaphysik" Hegels nachäfften. Hegel besaß eine „Zauberformel", aber er wusste nicht die Fragen zu stellen, auf die sie anzuwenden gewesen wäre. Proudhon stellt zwar einige jener Fragen, doch gefriert die Formel in seinen Händen. Er versuchte sich an einem „sozialistischem System", gründete aber bloß eine Theorie für Kleinbürger, die uns noch immer gnadenlos die Luft verpestet.

Marktwirtschaftlicher Egalitarismus

Diese Spielart eines sozialistischen Systems, wie Unkraut wuchernd und tief in den Köpfen von mindestens 9½ von 10 angeblichen Marxisten verwurzelt, ist als hybride Form aus einer bürgerlichen ricardianischen Ökonomie und einer humanitären Philosophie der Enzyklopädie hervorgegangen.

 

Einige Stellen des Marx'schen Textes und des Engels'schen Vorworts stellen sie in ihrer Dürftigkeit bloß. Ricardo und seine Anhänger gehören zu den „fatalistischen" Ökonomen, die keine Programme aufstellen, weder zur Bekämpfung noch zur Überwindung des Kapitalismus: Sie nehmen ihn, wie er ist und fragen sich auch nicht nach seiner „guten" und „schlechten" Seite. An anderer Stelle nennt Marx die Sprache Ricardos, der Hüte und Menschen auf eine Stufe stellt, „zynisch":

„'Vermindert die Herstellungskosten der Hüte, und ihr Preis wird schließlich auf ihren neuen natürlichen Preis herabgehen'" (d.h. durch das zu ihrer Herstellung erforderliche Arbeitsquantum), „'mag auch die Nachfrage sich verdoppeln, verdreifachen oder vervierfachen. Vermindert die Unterhaltskosten der Menschen durch Ermäßigung des natürlichen Preises der zum Leben notwendigen Nahrung und Kleidung, und ihr werdet sehen, wie die Löhne fallen, selbst wenn die Nachfrage nach Arbeitern erheblich steigen sollte'" [MEW 4, S. 82].

 

Ricardo war bis in die Haarspitzen (unter seinem Hut) anti-labouristisch. Was nicht heißt, er sei nicht interessant. Im Engels'schen Vorwort ist sein schon in den „Principles of political economy" von 1817 geleisteter Beitrag zusammengefasst. Erstens: Der Wert jeder Ware wird einzig und allein durch die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitsmenge bestimmt. Zweitens: Das Produkt der gesamten gesellschaftlichen Arbeit wird verteilt unter die drei Klassen der Grundbesitzer (Rente), Kapitalisten (Profit) und Arbeiter (Arbeitslohn) [MEW 4, S. 559].

 

Nun, auf diesen beiden Sätzen Ricardos errichtete eine Reihe von Autoren, die wir „vormarxistische" Sozialisten nennen können, die egalitäre Theorie. Sich auf das System des „Arbeitspapiergeldes" stützend, schlugen in England z.B. Bray, in Deutschland Rodbertus (dessen Behauptung, Marx habe ihn „geplündert", von Engels widerlegt wird: Marx folgte einem ganz anderen Weg) vor, den gesamten Wert des gesellschaftlichen Produkts nicht in Geld, sondern in einer Währung auszudrücken, die das in jeder Ware enthaltene Arbeitsquantum bescheinigt und solche Zettel nur denjenigen zuzuteilen, die die entsprechende Arbeitszeit verausgabt haben. Sie glaubten, so sei es möglich, dem Arbeiter den vollen Arbeitswert seines Produkts, oder den dem Produkt hinzugefügten Wert, zurückzuerstatten, und dass somit Rente und Profit nicht „länger bestehen" könnten.

 

Obschon von humanitärer, philanthropischer Rücksicht diktiert, nämlich das Elend und die sozialen Leiden zu beseitigen, ist ein solches System nicht nur unrealisierbar, sondern auch nicht schlüssig, um die kapitalistische Gesellschaft durch eine weniger von Elend und Grausamkeit geprägte Gesellschaft zu ersetzen. Zu Anfang ist ein derartiger Vorschlag gegenüber der freien Entwicklung und Akkumulation des Privatkapitals geradezu reaktionär. In allen Marx'schen Schriften wird das eingehämmert, doch besonders wegweisende Ausführungen gibt es in eben diesem „Antiproudhon".

 

Engels fügt, wie wir bei anderer Gelegenheit anführten, hinzu:

„Die obige Nutzanwendung der Ricardo'schen Theorie, dass den Arbeitern, als den alleinigen wirklichen Produzenten, das gesamte gesellschaftliche Produkt, ihr Produkt, gehört, führt direkt in den Kommunismus. Sie ist aber, wie Marx in der obigen Stelle auch andeutet, ökonomisch formell falsch, denn sie ist einfach eine Anwendung der Moral auf die Ökonomie. (...) Marx hat daher nie seine kommunistischen Forderungen hierauf begründet, sondern auf den notwendigen, sich vor unsern Augen täglich mehr und mehr vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise" [MEW 4, S. 561].

 

Engels sagt hier also, dass diese „moralische" Reaktion der Massen, trotz der eigentlichen theoretischen Unrichtigkeit, keineswegs des historischen und auch ökonomischen Inhalts entbehrt: Wie alle anderen Reaktionen ist es eine sich den ökonomischen Tatsachen „anpassende" Ideologie, Vorbote anderer, späterer Ideologien: Überbau eines in der Gesellschaft wirkenden gegensätzlichen Charakters positiver Kräfte, der sicher nicht ignoriert oder unterbewertet werden darf.

 

Im Verlaufe der Kritik an der Proudhon'schen Variante dieses bornierten Sozialismus stoßen wir auf äußerst wichtige Sätze von Marx. Um den radikalen Unterschied zwischen jenen ersten Forderungen und den unsrigen klar herauszustellen, und um zu unterstreichen, dass die jeden derartigen „Ökonomismus" überwindende und hinter sich lassende Formulierung sicher nicht neu, sondern der Beginn der unbeugsamen Orthodoxie ist, sollten wir eine Weile hier verharren, denn diesem Ziel kann gar nicht genug Zeit gewidmet werden, weil in dieser von Aktualität und Aktivität aufgewühlten schweren See der Kompass nur allzu leicht über Bord gehen kann.

Als Rezept: einige „Tropfen Medizin"

Ricardo nannte „relativen Wert" einer Ware den durch die zu ihrer Herstellung notwendige Arbeitszeit bestimmten Wert. Die soziale Frage erschöpfte sich für Proudhon in der Forderung, den Arbeiter nach eben diesem Maßstab zu entlohnen.

 

Marx hingegen beweist ihm, dass historisch just das von Ricardo eingeführte, oder besser, aufgedeckte Messen der Warenwerte durch die Arbeitszeit die kapitalistische Ökonomie kennzeichnet und die Bildung des Mehrwerts impliziert. Sollen wir es zum x-ten Male mit unseren Worten wiederholen? Solange es den freien Tausch gibt, wird der Inhaber von Arbeitsgeldscheinen immer jemanden auf dem Arbeitsmarkt finden können, der, sagen wir, 10 Stunden für einen Arbeitschein von 6 Stunden arbeitet, wenn diese Zeit = Wert für den Arbeiter ausreicht, sein Leben zu fristen und sich fortzupflanzen. Es würde jedenfalls ein ganz anderer Zwangsapparat nötig sein: Doch das ist nur ein Aspekt des Einwandes, der in Marx' heilsamer „Medizin" enthalten ist.

 

„So ist der durch die Arbeitszeit gemessene Wert notwendigerweise die Formel der modernen Sklaverei der Arbeiter, anstatt, wie Herr Proudhon behauptet, die ‚revolutionäre Theorie' der Emanzipation des Proletariats zu sein" [MEW 4, S. 84].

 

Diese Tropfen zur Verdauung der Proudhon'schen Mahlzeit eingenommen, versteht man gleich, dass die Mehrwerttheorie für die Anatomie der kapitalistischen Gesellschaft unerlässlich ist, aber unsere programmatische Forderung deshalb nicht lautet: „Abschaffung des Mehrwerts". Was denn dann? Marx sagt es! Er sagt es wieder und wieder; von den „Tropfen" haben wir euch gerade gegeben!

 

Die Metaphysik Proudhons behauptet Folgendes: Da man sich die nützlichsten Dinge mit weniger Produktionszeit verschaffen könne, hätte, wenn sich das Wunder-Gesetz des Arbeitswerts irgendwann mal Achtung verschaffen könnte, die Menschheit automatisch (nämlich von dem Moment an, wo die berühmten „Arbeitsbescheinigungen" ausgegeben würden) alles Notwendige zur Befriedigung der Grundbedürfnisse und fortschreitend auch der höheren Bedürfnisse. Nehmen wir unsere Tropfen, damit wir uns bei dieser Rhetorik und diesem Utopismus nicht den Magen verderben:

 

„Die Dinge vollziehen sich ganz anders, als Herr Proudhon denkt. Mit dem Moment, wo die Zivilisation beginnt, beginnt die Produktion sich aufzubauen auf den Gegensatz der Berufe, der Stände, der Klassen, schließlich auf den Gegensatz zwischen angehäufter und unmittelbarer Arbeit. Ohne Gegensatz kein Fortschritt; das ist das Gesetz, dem die Zivilisation bis heute gefolgt ist" [MEW 4, S. 91/92].

 

Diese Medizin bringt selbst ein Nilpferd wieder auf die Beine. Zunächst enthält sie die Beweisführung, dass jede Produktionsweise (einschließlich der kapitalistischen) zu ihrer Zeit, gerade weil die beste Produzentin von Mehrarbeit, das berühmte Rad der Geschichte vorwärts gedreht hat.

 

Die schwärmerische Formel Proudhons bedeutet dasselbe, als wolle man sagen, dass, „weil man unter den römischen Kaisern Muränen in künstlichen Teichen ernährte, man die ganze römische Bevölkerung im Überfluss ernähren konnte" [MEW 4, S. 92].

 

Aber da ist noch mehr; da sich im bürgerlichen Zeitalter die angehäufte Arbeit als Kapital und die unmittelbare Arbeit als Werk der Lohnarbeiter realisiert, geht daraus die lapidare Formel der kommunistischen Forderung hervor: Abschaffung der Abhängigkeit der unmittelbaren Arbeit von der angehäuften Arbeit.

 

Die kleine Formel des Jahres 1847 reicht hin, um festzustellen, dass es im Russland des Jahres 1954 keine Spur von Sozialismus gibt. Nehmen wir als bewiesen an, der russische Arbeiter habe einen höheren Reallohn als der westliche. Da er auf dem Boden des Äquivalententausches entlohnt wird, also so und soviel Geld (vielleicht auch so und soviel Anteil an Konsumgütern) gegen so und soviel Arbeitsstunden, besteht (auch für die „nicht in Erscheinung tretenden" Kapitalisten und Grundeigentümer) die Herrschaft der angehäuften Arbeit über die unmittelbare Arbeit.

 

Auf den Optimismus der Egalitären antworten wir, indem wir weitere Tropfen einnehmen. Es stimmt nicht, dass die nützlichsten, die unentbehrlichsten Dinge am wenigsten kosten:

„Der Preis der Lebensmittel ist fast stetig gestiegen, während der Preis der Manufaktur- und Luxusartikel fast stetig gesunken ist. (...) In unserer Epoche" (der des Wertes gleich Arbeit) „ist das Überflüssige leichter herzustellen als das Notwendige" [MEW 4, S. 92].

 

An dieser Stelle drängt sich Marx der Vergleich zum Mittelalter auf, wo die landwirtschaftlichen Produkte verhältnismäßig billiger als die Manufakturprodukte waren.

 

Welches Korollarium im Jahr 1954. Die Industrialisierung Russlands findet in einem rein kapitalistischen Rhythmus statt, denn die Nahrungsmittelpreise steigen, während die der Industrieprodukte, einschließlich des Lippenstifts, sinken - Kanonen und Gewehre bekommt der Arbeiter-Soldat umsonst.

Woher kommt das Elend?

Wenn der Nutzen im Verhältnis zum niedrigen Preis steht, dann tun Schnaps und Tabak (na ja, den Tabak nennt Karl Marx nicht: Hätte der einen unerschwinglichen Preis gehabt, hätte man das „Kapital" fertig geschrieben vorgefunden) den Massen also gut? Ist es wegen der Nützlichkeit, dass das Minimum des Preises (auch wenn man ihn in Arbeitszeit ausdrückt) über das Maximum der Konsumtion entscheidet? Vorsicht!

 

Nein - sondern weil in einer auf das Elend begründeten Gesellschaft die elendesten Produkte das naturnotwendige Vorrecht haben, dem Gebrauch der großen Masse zu dienen" [MEW 4, S. 93].

 

Marx bekümmere sich nicht um die Charakteristiken der kommunistischen Gesellschaft? Hört ein Horn vom Kaliber Roncesvalles8:

„In einer künftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr gibt, würde der Gebrauch nicht mehr von dem Minimum der Produktionszeit abhängen, sondern die Produktionszeit, die man den verschiedenen Gegenständen widmet, würde bestimmet werden durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit" [MEW 4, S. 93].

Muss man das noch erklären?

 

Wahrscheinlich reicht die heldenhafte Sorgfalt, um sich ein bisschen Dialektik anzueignen, nicht aus, auch nicht in dieser „Sitzung". Wir haben Ricardo genauso wie Hegel zur Hand genommen, und auch Voltaire (tut uns leid, aber ein „Festival" der Theoretiker, um die Liste der Lieferanten von Doktrinen zu verlängern, werden wir nicht veranstalten, so sehr es auch von verkannten Genies, von Uterus-Gehirnen im Zustand der Scheinschwangerschaft wimmeln mag), wenn wir aber auf Ricardianer oder Hegelianer oder Voltairianer treffen, setzt es Prügel:

„Die Tatsache, dass die Arbeitszeit als Maß des Tauschwertes dient, wird auf diese Art zum Gesetz einer beständigen Entwertung der Arbeit" [MEW 4, S. 94/95].

 

Nun, wir leugnen nicht nur nicht die Existenz der durch ein solches Gesetz geleiteten Ökonomie, und auch nicht, dass sie „gut daran getan" hat bzw. tun würde zu existieren, wo dies bislang noch nicht der Fall ist (Russland bzw. China). Was wir - wie beim dialogisieren mit Stalin - leugnen, ist, dass eine diesem Gesetz gehorchende Ökonomie eine proletarische ist. Hat diese Formel wirklich auf magische Weise die von Proudhon so gepriesene Varietät in den Produkten geschaffen? Nicht einmal das:

„Ganz im Gegenteil bemächtigt in ihrer Folge das Monopol in seiner ganzen Monotonie sich der Produktenwelt, ebenso wie (...) [es] sich der Welt der Produktionsmittel bemächtigt" [MEW 4, S. 96].

 

Das Monopol, die Diktatur über den Konsum der dümmlichsten Waren und Dienstleistungen, die wir z.B. im supermodernen und blühenden Amerika aufzeigten, sind seit bereits einem Jahrhundert in der marxistischen Voraussage festgeschrieben.

 

Die Polemik nimmt jetzt ein höllisches Tempo an und hebt die Untrennbarkeit der beiden Schlachten hervor: Katastrophischer Ausgang des Kapitalismus und revolutionäres, gesellschaftliches Programm des Kommunismus.

 

Seit dem mittelalterlichen Gleichgewicht, worin die „Produktion Schritt für Schritt der Konsumtion folgte", ist eine Proportionalität zwischen den verschiedenen Konsumsektoren verschwunden und wird in der heutigen Produktion auch nicht wieder, oder nicht mehr, zurückkehren. Sismondi, Proudhon und andere beschwören dieses „Proportionalitätsverhältnis", ohne zu begreifen, dass es mit der über den Markt bestimmten Distribution, mit der Herrschaft des Wertgesetzes (dessen Gültigkeit in Russland gestanden wurde, wenn auch derjenige, der es gestand, Beria ein Ende machte9) unmöglich zusammengehen kann.

 

„Schon durch die Instrumente, über welche sie verfügt, gezwungen, in beständig größerem Maße zu produzieren, kann die Großindustrie nicht die Nachfrage abwarten. Die Produktion geht der Konsumtion voraus, das Angebot erzwingt die Nachfrage" [MEW 4, S. 97].

 

Was für ein Witz: Lange Artikel werden geschrieben, um sich darüber auszubreiten, Marx habe nicht den richtigen Riecher für das Monopol, den Imperialismus gehabt. Denn zu seiner Zeit hätte er, der Ärmste, das ja nicht wissen können! Schreibt ruhig eure Artikel über diese „unbekannte Größe", ihr armseligen Tintenkleckser:

„In der heutigen Gesellschaft, in der auf den individuellen Austausch basierten Industrie, ist die Produktionsanarchie, die Quelle so vielen Elends, gleichzeitig die Ursache alles Fortschritts.

Demnach von zwei Dingen eins:

Entweder man will die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte mit den Produktionsmitteln unserer Zeit, und dann ist man Reaktionär und Utopist" (und beschäftigungsloser Schmierfink obendrein) „in einem.

Oder man will den Fortschritt ohne Anarchie: Und dann verzichte man, um die Produktivkräfte beizubehalten, auf den individuellen Austausch.

Der individuelle Austausch verträgt sich nur mit der kleinen Industrie früherer Jahrhunderte und der ihr eigentümlichen ‚richtigen Proportion' oder aber mit der Großindustrie und ihren ganzen Gefolge von Elend und Anarchie" [MEW 4, S. 97/98].

 

Sollen wir uns also wundern, wenn nach solch entscheidenden großartigen Formulierungen die Erneuerer des letzten halben Jahrhunderts dieselbe Tintenkleckserei betreiben wie schon in dem halben Jahrhundert zuvor?

 

Aber das hatten wir schon. Nachdem Marx aufgezeigt hat, dass jener Labour-„Sozialismus" der Warenproduktion bloß eine Apologie der bürgerlichen Gesellschaft ist, schließt Marx den Paragraphen mit diesen Worten:

Man sieht: Die ersten Illusionen der Bourgeoisie sind auch ihre letzten" [MEW 4, S. 114].

Proudhon über die Rente

Werfen wir den Anker.

Unter solchen Prämissen ist klar, dass Proudhon auch in Bezug auf die Rente fehlgeht. Weshalb, ist nicht so wichtig. Uns liegt nur daran zu zeigen, dass der noch sehr junge Marx das Problem in denselben Termini wie in seinen reiferen Schriften formuliert.

 

Nachdem Proudhon den Kredit und seine unheilvollen Folgen abgehandelt hat (auf diesem Gebiet weiß er, warum der Geist des Bösen herrscht10) und eine ökonomische Analyse des Grundeigentums, ohne zu Gefühlsduseleien zu flüchten, für unmöglich erklärte, gibt er sich große Mühe, sich „stärker an die Natur zu fesseln". Fühlt ihr euch nicht an eine Parlamentsrede über die Landreform erinnert?

 

Mit großem „Wortgedresch" will er nun die Ricardo'sche Theorie über die Differentialrente darlegen, eine Sache, zu der wir in Bälde - zu morgendlicher Stunde - kommen werden.

 

Mit der gewohnten Bündigkeit erklärt Marx die Aussage Ricardos, nämlich:

„dass der Überschuss des Preises der Ackerbauprodukte über ihre Produktionskosten, den landläufigen Kapitalgewinn und Kapitalzins eingeschlossen, den Maßstab für die Rente gibt" [MEW 4, S. 167].

 

Ein solcher Überschuss kommt nicht nur in bestimmten Fällen nicht vor, sondern variiert offenbar von Boden zu Boden je nach Fruchtbarkeit. Doch diese verschiedenen Fruchtbarkeitsgrade einer quantitativen Analyse zu unterziehen, ist etwas ganz anderes als zu einem Begriff der Erde (natürlicher Reichtum) zurückzukehren, wonach sie einen Anteil dieses Reichtums als Rente, als nicht der menschlichen Arbeit entstammendes Geschenk, abwerfe.

 

Das von Ricardo klar dargelegte Problem ist vor allem ein historisches:

„Die Rente, im Sinne Ricardos, ist das Grundeigentum in seiner bürgerlichen Gestalt: das heißt das feudale Eigentum, welches sich den Bedingungen der bürgerlichen Produktion unterworfen hat" [MEW 4, S. 167].

 

„Die Rente im Sinne Ricardos heißt die Umwandlung der patriarchalischen Bodenwirtschaft in die industrielle, die Anwendung des industriellen Kapitals auf den Boden, die Verpflanzung der Bourgeoisie der Städte auf das Land" [MEW 4, S. 170].

 

Der auf diesem Gebiet gravierendste Fehler Proudhons liegt in der Behauptung, die Rente sei der gezahlte Zins für ein Kapital, das „niemals zugrunde geht": nämlich den Boden. Und dass, während der Zins beständig zu fallen strebe, die Rente beständig steige.

 

Marx beweist ihm, dass die Bodenverbesserungen und die Anlagen von technischem Kapital die Rente nicht steigen, sondern sinken lassen, obgleich bei den Kapitalanlagen die entsprechende Profitspanne herausgeschlagen wird, die historisch wie bei jeder anderen industriellen Investition die Tendenz zum Fallen hat.

 

Und dann fragt sich: Inwieweit lässt sich der Boden als Kapital bezeichnen?

„Solange der Boden nicht als Produktionsmittel ausgenutzt wird, solange ist er nicht Kapital" [MEW 4, S. 173].

 

Was heißt, nur die mittels menschlicher Arbeit auf dem Boden errichteten Anlagen oder das seiner Kultivierung dienende Inventarium, Maschinen, Geräte usw. sind Kapital. Aber der Ertrag daraus ist der Profit des Pächters, nicht die Rente des Eigentümers - worüber Proudhon große Verwirrung stiftet.

 

Was Proudhons „Ewigkeit" angeht, so nutzt sich auch der Teil des zu fixem Kapital gewordenen Bodens genau wie jedes andere fixe und zirkulierende Kapital ab und bedarf der jährlichen Erneuerung ebenso gut wie in der nicht-agrikolen Industrie.

 

Wenn von einem Bodenkapital gesprochen werden kann, dann nicht in Bezug auf die grundherrliche Rente, sondern auf den Unternehmergewinn des Pächters.

 

Die Rente resultiert nicht aus dem Zins eines Kapitals, eines Bodenkapitals bzw. eines auf den Boden angelegten Kapitals. „Die Rente resultiert aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen der Ackerbau vor sich geht. (...) Die Rente entstammt der Gesellschaft und nicht dem Boden" [MEW 4, S. 174].

 

Daher können, sagen wir es noch einmal, Grundeigentum und Rente abgeschafft werden, ohne dass deshalb die bürgerliche Ordnung verschwände.

 

„Wir begreifen, dass Ökonomen, wie Mill, Cherbuliez, Hilditch und andere, die Forderung gestellt haben, dass die Rente dem Staate überwiesen werde behufs Aufhebung der Steuern" [MEW 4, S. 171].

 

Die russische Formel: „Den Boden der Nation", ist kein Sozialismus.

 

 

 

Quellen:

„Metafisica della terra capitale": Il programma comunista, Nr. 3, Februar 1954.

* * *

MEW 4: Marx - Das Elend der Philosophie, 1846/47.

MEW 4: Engels - Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe von Karl Marx' Schrift „Das Elend der

Philosophie", 1884.

MEW 26.2: Marx - Theorien über den Mehrwert II, 1862/63; 9. Kapitel: Bemerkungen über die

Geschichte der Entdeckung des so genannten Ricardoschen Gesetzes.

 

 

1 Graziadei: Gründungsmitglied der KPI, bildete mit Tasca deren äußersten rechten Flügel; bestritt als Professor für Nationalökonomie zeit seines Lebens die Richtigkeit der Wertlehre. Wurde von der KI-Führung als Gegengewicht gegen die linken Positionen der KPI benutzt; ab 1923, nachdem die Zentristen unter Gramsci die Führung übernommen hatten, fiel er in Ungnade.

 

2 Tombak: malaiisch „teabag'a" (Kupfer); eine Kupfer-Zink-Legierung, deren Farbe je nach Zinkgehalt rot bis gelb ist. Anspielung auf die KPI, die sich seinerzeit schon vom revolutionären Sozialismus abgewandt hatte.

 

3 Im Original deutsch.

4 Den Begriff „Merkantilismus" behalten wir hier ausnahmsweise bei. Um die Verwechslung zwischen der ersten theoretischen Behandlung der modernen Produktionsweise (des Merkantilsystems, das vom Handelskapital, der ersten freien Existenzweise des Kapitals, ausging, und sich so notwendig in der Zirkulationssphäre bewegte) und seiner vollen Entfaltung zu vermeiden, übersetzen wir sonst „mercantilismo" mit „Warenproduktion" bzw. dem heute geläufigeren Ausdruck: „Marktwirtschaft".

 

5 Siehe: MEW 25, S. 628.

6 Ophelimität (grch.: ophelos - „Nutzen"): Eine Wortschöpfung von V. Pareto, italienischer bürgerlicher Ökonom, geb. 1848. Das Wort „Grenznutzen" (d.h. die Bestimmung des Wertes nach der Nützlichkeit), meinte Pareto, sei nicht genügend: Der Nutzen sei nicht eindeutig messbar, da er unvermeidlich im Gegensatz zum „Schaden" stehe - es gebe aber auch „schädlichen Nutzen", weshalb der wertfreie Begriff „Ophelimität" vorzuziehen sei. Pareto treibt so den Unsinn auf die Spitze.

7 Das italienische „stenterello" haben wir hier mit „Deppen" übersetzt. Stenterello ist eine florentinische Maske, Ende des 18. Jahrhunderts, Typ des armen heruntergekommenen Individuums. Äußerlich ein „langer Lulatsch" und aufgrund seiner Länge hin- und herschwankend, legt stenterello ein lächerliches und dummes Verhalten an den Tag, insofern er andere, vor allem Schriftsteller, mangels eigener Originalität sklavisch nachahmt, dabei aber nur eine gezierte und affektierte Sprache sprechen kann.

8 Gemeint ist das Horn „Olifant" aus dem Rolandslied: Am 15. August 778 wird die Nachhut des Heeres Karls des Großen auf dem Rückweg von Spanien angegriffen. Die Niederlage der Christen durch die Heiden wurde Ganelon, dem Schwiegervater Rolands, zugeschrieben. Roland (der bekannteste der 12 Paladine Karls des Großen), der die Nachhut von 20 000 Franken anführte, trug ein Horn aus Elfenbein mit sich, mit dem er den Kaiser zurückrufen konnte. Doch er wollte die Schlacht annehmen und bis zum Ende kämpfen; erst als seine Kolonne vernichtet und er schwer verwundet war, stieß er, nachdem er sich zuvor dreimal geweigert hatte, in sein Horn, das 30 Meilen weit gehört werden konnte, um Hilfe herbeizurufen. Doch die gesamte Nachhut kam um. Historischer Kern des Epos ist die Vernichtung der Nachhut Karls des Großen durch die Basken am Pass von Roncesvalles 778.

9 In dieser Deutlichkeit wagte erst Chruschtschow das Geständnis der Existenz des Wertgesetzes. Beria: treuer Gefolgsmann Stalins. Nach dem Tode Stalins 1953 bildete er mit Malenkow und Molotow eine Art Triumvirat. Im selben Jahr wurde er des Verrats angeklagt und erschossen.

10 Anspielung auf Proudhons gescheiterten Versuch, im Jahre 1849 eine Tauschbank in Paris zu gründen.