Im Faden der Zeit [94]

Sisyphusarbeit[1]

Am Ende des II. Weltkriegs war leicht festzustellen, dass sich die zwar großartige, aber müßige und vergebliche Illusion binnen kürzester Zeit erledigt haben würde, wonach – ähnlich wie nach dem I. Weltkrieg – breite revolutionäre, bewaffnete Bewegungen der Arbeiterklasse entstehen könnten.

 

Die komplexe Entwicklung wies zwei Hauptaspekte auf, auf die wir noch einmal hinweisen wollen. Statt sich mit der bedingungslosen Kapitulation des gegnerischen Generalstabs und der politischen Regierungsmacht zufrieden zu geben, hoben die siegreichen Armeen deren Funktion völlig auf und unterstellten das gesamte Territorium der besiegten Länder auf unbestimmte Zeit militärischer Besetzung. Die Hoffnungen auf ein günstiges Kräfteverhältnis zwischen proletarischer Klasse und besiegtem Staat sowie auf einen raschen Übergang von der Befürwortung bzw. Duldung des Krieges zum revolutionären Defätismus erfüllten sich daher nicht. Der andere Aspekt war die Zersetzung der revolutionären Bewegung der III. Internationale, die ab 1922 (etwa zurzeit der Gründung der kommunistischen Partei in Italien) mit einer Reihe von Rechtsabweichungen in der Taktik schrittweise alle revolutionären Positionen aufgegeben hatte, bis sie schließlich wieder auf dem Boden der verräterischen Bewegungen des I. Weltkrieges und der II. Internationale, und noch tiefer, stand.

 

Andererseits waren diese beiden Faktoren des Kräfteverhältnisses in der Nachkriegszeit nicht erst seit Beginn des Krieges sichtbar, sondern schon seitdem sich bürgerlich-totalitäre Regierungsparteien in verschiedenen Ländern Europas herausgebildet hatten. Damit war eine Neuauflage des „ideologischen Krieges“ auf europäischer Ebene und der „klassenversöhnenden Front“ auf nationaler Ebene absehbar geworden, und die Moskau unterstehenden Deserteure des Kommunismus stürzten sich in der widerwärtigsten und krassesten Art und Weise auf eben diese politische Perspektive. Da die kommunistische Klassenposition schon aufgegeben worden war, kam nur noch erschwerend hinzu, dass allein der Totalitarismus bleiben und mittels außen- und militärpolitischer Manöver eine Liebschaft mit der totalitären nazistischen Bourgeoisie eingegangen würde.

 

Aus diesen Prämissen folgte, dass die Phase der Wiederaufnahme der proletarischen Bewegung (und zwar weitab von der alten opportunistischen Krätze und der neuen und weitaus lähmenderen Syphilis) nicht um Jahren, sondern um Jahrzehnte verschoben würde; die Aufgabe der Gruppen, die die von 99% der 1919er Kommunisten verratene Stellung gehalten und verteidigt hatten, erwies sich als langwierig und schwierig und begann mit einer mühsamen Bilanz des konter-revolutionären Desasters, das für eine totale Neuordnung zu untersuchen, zu begreifen und auszuwerten war.

 

Die begrenzt zur Verfügung stehenden Kräfte in Italien (vielleicht waren sie außerhalb Italiens noch geringer) arbeiten seit nunmehr sieben Jahren an dieser Bilanz, indem sie die historischen Bezugspunkte und Lehren wiedererrichten und eine analytische Arbeit durchführen, die jeglichem Pessimismus entschlossen entgegentritt, der leichthin die Schlussfolgerung zieht: „Wenn die Dinge dermaßen verkehrt gelaufen sind, dann müssen auch die Grundprinzipien, wenn nicht in ihrer Gesamtheit, so doch größtenteils, aufgegeben und ersetzt werden“. Die Zeitschrift „Prometeo“ und die Zeitung „Battaglia comunista“ haben dafür gewirkt, die Richtschnur der Kontinuität der Theorie sowie der Methode der kommunistischen Aktion aufrechtzuerhalten.

 

Und dass diese Arbeit keinen lärmenden Widerhall in der „italienischen Politik“, wie es in der Sprache der Medien oder Wahlkampfsprachrohre heißt, finden würde, war angesichts der Aufgabe und verfügbaren Mittel nicht minder deutlich, Was nur zu begrüßen war, denn Ungeduld hat nie zu etwas anderem geführt, als den ohnehin harten Weg noch zu verlängern. Im Übrigen arbeitet der Marxismus seit einem Jahrhundert darauf hin, sich die für solch kleine Gemütsregungen Empfänglichen vom Leibe zu halten. Wenn dies schließlich gelingt, auch wenn uns der Wind entgegenbläst, ist das ein gutes Resultat.

 

Grundlage einer solchen Arbeit war der Rückgriff auf die Werke und grundlegenden Thesen unserer Bewegung, ihrer Erfahrung und ihrer Geschichte seit ihrem Auftreten, ebenso die Konfrontation der jüngeren Geschichte mit der ursprünglichen Vision der Marxisten: das schriftlich Ausgearbeitete, in dem sich stets und unermüdlich auf die notwendigen Zitate bezogen wurde, ist an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Studien zu finden.

 

Die „neuen“, und als solche von unserer Position nicht anerkannten Fakten führen weder zur Korrektur der alten Positionen noch dazu, Ergänzungen bzw. Verbesserungen vorzunehmen. Die Arbeit mit den Grundtexten machen wir heute so wie 1921 und davor; die Lesart der sukzessiven Tatsachen geschieht auf die gleiche Weise; die Thesen über die Organisations- und Aktionsmethode werden wiederbestätigt.

 

Diese Arbeit ist weder einer Person noch einem Komitee und noch weniger einem Büro anvertraut; sie ist ein Moment und ein Sektor einer seit über einem Jahrhundert organisch geführten Arbeit, geht weit über das Kommen und Gehen der Generationen hinaus und taucht in niemandes Lebenslauf auf, nicht einmal in dem derjenigen, die lange Jahre an der kohärenten Bearbeitung und Ausreifung der Ergebnisse gesessen haben. Bei der Ausarbeitung der richtungsweisenden Texte und auch der Studien, die die vor unseren Augen ablaufenden geschichtlichen Prozesse deuten, verbietet die Bewegung improvisierte, persönliche oder tagespolitische Initiativen, und muss sie verbieten.

 

Dass irgendein braves Menschlein (mit einem Stündchen Zeit, Tinte und Feder versehen) sich hinsetzt und kühlen Kopfes Texte abfasst, oder dass dies die per Zirkular dazu aufgeforderte „Basis“ oder eine akademische Tagung, ob coram publico oder konspirativ, machen könnte, ist eine wirklich kindische Vorstellung. Das Ergebnis solcher Geschichten ist bekannt und von vornherein zu verwerfen. Vor allem, wenn solche Arbeitsvorgaben von Leuten kommen, die von der menschlichen Schöpfungskraft und der Intervention in die Menschheitsgeschichte besessen sind. Wer interveniert denn: Menschen, bestimmte Menschen, oder ein „großer Mann“? Eine alte Frage. Die Menschen machen die eigene Geschichte, ja, nur wissen sie reichlich wenig darüber, warum sie sie machen und wie sie sie machen. Aber im allgemeinen bestehen alle „Fans“ tatkräftiger Männer und alle Spötter eines angeblich fatalistischen Automatismus einerseits aus denen, die insgeheim mit dem Gedanken liebäugeln, den prädestinierten Menschen zu verkörpern, andererseits gerade aus denen, die nichts verstanden haben und nichts verstehen können – nicht mal begreifen, dass die Geschichte keine Zehntelsekunde verschenkt oder verliert, egal ob sie wie die Murmeltiere schlafen oder sich wie Verrückte abstrampeln, um ihre edelmütigen Träumereien zu verwirklichen.

 

Jedem super-aktionistischen, von seinen mehr oder weniger erhabenen Aufgaben überzeugtem Exemplar und jedem „Hohen Rat“ von Neuerern und Zukunftslotsen sagen wir mit eiskaltem Zynismus und ohne irgendwelche Gewissensbisse immer wieder: „Macht euch vom Acker“. Ihr seid zu dumm zum Milch holen.

 

Die Aufgabe, die Thesen in Ordnung zu bringen bzw. den Felsblock immer wieder hinaufzurollen – eine Aufgabe, die immer dann wieder aufgenommen werden muss, wenn man es am wenigsten erwartet –, erfordert etwas ganz anderes als das knappe Stündchen eines Kongresses oder Diskurses. Es ist nicht leicht, sich an einem Index der Stellen zu versuchen, bei denen man sich ranhalten muss, all die gerissenen Lücken zu schließen; eine Arbeit, mit der sich diejenigen erst gar nicht abgeben, die geboren wurden, um „in die Geschichte einzugehen“ – aber nicht um eine Lücke zu stopfen, sondern um sie zu vergrößern. Wir denken, ein kleiner Index kann nützlich sein, der selbstverständlich nicht vollständig ist und Wiederholungen bzw. Umstellungen beinhalten wird. Wir führen die richtigen Thesen mit den entsprechenden falschen an, die wir, klar ausgedrückt, nicht als Anti-Thesen bezeichnen, da man sie sonst in den falschen Hals kriegen könnte: denn Anti-These hieße, dass sich zwei antagonistische Thesen gegenüberstehen. Deshalb sagen wir: Gegenthese.

 

Ebenfalls aus reinen Darlegungsgründen teilen wir die einzelnen Punkte in 3 Abteilungen auf, deren Verbindung offensichtlich ist: Geschichte, Ökonomie, Philosophie (bei letzterem denkt euch Anführungszeichen).[2] Wir lassen hier die echten, charakteristischen Thesen der Bourgeoisie, die den unseren diametral entgegenstehen und deren Widerlegung wohlbekannt ist, außen vor. Als Gegenthesen nehmen wir vor allem unrichtige Formulierungen, die seit langem aufgrund schlechter Gewohnheiten vorherrschen und nicht unerhebliche Doppeldeutigkeiten in sich bergen.

Historische Gegenthesen und Thesen

Gegenthese 1:

Etwa zu Beginn des 19.Jahrhunderts ist die Gesellschaft in zwei antagonistische Klassen geteilt: Bourgeois als Produktionsmittelbesitzer und Lohnproletarier.

These 1:

Nach Marx gibt es in den hoch industrialisierten Ländern drei Klassen: Industrie-, Handels- und Bankkapitalisten; Grundeigentümer (natürlich im bürgerlichen Sinn, mit einem freien Markt für den landwirtschaftlichen Grund und Boden); Lohnarbeiter.

In allen Ländern, aber vor allem in kaum entwickelten Industrieländern, und in der Periode, in der die Bourgeoisie die politische Macht noch nicht ergriffen hat, gibt es noch andere Klassen in unterschiedlichem Umfang, wie die Feudalaristokratie, die Handwerker, die bäuerlichen Eigentümer.

Bourgeois und dann Lohnarbeiter erhalten in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten historisches Gewicht: in Italien im 15. Jahrhundert; in den Niederlanden im 16.; England im 17.; Frankreich im 18.; Mitteleuropa, Amerika, Australien usw. im 19.; Russland im 20.; Asien heute. Daraus ergeben sich höchst unterschiedliche Areale und Frontstellungen des Klassenkampfes.

Gegenthese 2:

In den revolutionären Kämpfen der Bourgeoisie gegen die feudalen Mächte sind und verhalten sich die Proletarier indifferent.

These 2:

Die proletarischen Massen kämpfen überall dort auf der Ebene des Aufstands, wo es darum geht, die feudalen Privilegien und die absolutistischen Mächte zu zerschlagen. In den verschiedenen Ländern und zu den verschiedenen Zeiten sieht ein wesentlicher Teil der Arbeiterklasse die bürgerlich-demokratischen Forderungen gutgläubig als wirkliche Errungenschaften an – auch für die armen städtischen Massen. Eine andere Schicht erkennt, dass auch die an die Macht kommenden Bourgeois Ausbeuter sind, aber sie ist durch die Lehren des „reaktionären Sozialismus“ beeinflusst, welcher aus Hass gegen die Unternehmer das Bündnis mit den feudalen Kräften sucht. Der vorgeschrittenste Teil nimmt die korrekte Position ein: die Arbeiter und die sie ausbeutenden Unternehmer haben keine gemeinsamen ideologischen bzw. „bürgerrechtlichen“ Forderungen; und doch ist die bürgerliche Revolution notwendig, sowohl, um der Produktion auf großer Stufenleiter von assoziierten Massen den Weg zu bahnen – was eine neue Lebensweise, einen breiteren Konsum und eine größere Befriedigung für die armen Schichten der Gesellschaft mit sich bringt – als auch, um dann eine gesellschaftliche, d.h. zunächst proletarische Leitung der neuen Kräfte zu ermöglichen. Die Arbeiter kämpfen daher mit der Großbourgeoisie gegen den Adel und den Klerus und auch (siehe das „Manifest“) gegen das reaktionäre Kleinbürgertum.

Gegenthese 3:

Wo es nach dem bürgerlichen Sieg zu Konterrevolutionen kam (feudale bzw. dynastische Restaurationen), ging dies die Arbeiter nichts an, denn der Kampf spielte sich unter ihren beiden Feinden ab.

These 3:

In jedem bewaffneten Kampf für die Restauration (die antifranzösischen Koalitionen sind ein Beispiel dafür) und gegen sie (z.B. die französischen republikanischen Revolutionen von 1830 und 1848) kämpfte das Proletariat in den Schützengräben und auf den Barrikaden auf der Seite der radikalen Bourgeoisie und musste es tun. Die Dialektik der Klassenkämpfe und Bürgerkriege bewies, dass diese Hilfe notwendig war, damit die industrielle und grundbesitzende Bourgeoisie siegen konnte; doch sogleich nach dem Sieg ging diese auf brutale Weise gegen das soziale Verbesserungen und soziale Macht beanspruchende Proletariat vor. Jedoch ist dies der einzige Weg der unweigerlichen Aufeinanderfolge von Revolution und Konterrevolution: Diese historische Hilfe für die Bourgeoisie auf der Ebene des Aufstands ist die Bedingung dafür, die bürgerliche Macht eines Tages nach einer Reihe von Versuchen stürzen zu können.

Gegenthese 4:

Jedem Krieg zwischen feudalen und bürgerlichen Staaten, jedem Aufstand für die nationale Unabhängigkeit gegenüber blieb die Arbeiterklasse indifferent.

These 4:

Die Bildung nationaler Staaten bei möglichst großer ethnischer und sprachlicher Homogenität ist die beste Voraussetzung, um die feudale Produktion durch die kapitalistische zu ersetzen; schon vor dem Sturz des reaktionären Adels kämpft jede Bourgeoisie für dieses Ziel. Diese vor allem in Europa vollzogene nationale Gliederung ist für die Arbeiter eine notwendige Übergangsphase, weil man nicht zum Internationalismus gelangt – den schon die allerersten Arbeiterbewegungen geltend machten –, ohne den für die feudale Epoche charakteristischen Lokalismus hinsichtlich Produktion, Konsumtion und Ansprüchen zu überwinden. Das Proletariat kämpfte daher im eigenen Klasseninteresse für die Freiheit Frankreichs, Deutschlands, Italiens, der Balkanstaaten – bis 1871, dann ist diese Epoche als abgeschlossen zu betrachten. Während das Bündnis auf der Ebene des Aufstandes bis dahin fortdauerte, entwickelte sich die Differenzierung der Klassenideologien und die Arbeiter entzogen sich dem Einfluss der nationalen und patriotischen Anschauungen. Die Siege gegen die Heilige Allianz, gegen Österreich 1859 und 1866, schließlich gegen Napoleon III. im Jahre 1871 waren für die Zukunft der proletarischen Bewegung besonders wichtig; ebenso die Siege gegen die Türkei und gegen Russland; [3] dagegen waren die Niederlagen negative Bedingungen (Marx/Engels in all ihren Schriften; Lenins Thesen über den Krieg von 1914[4]). All diese Kriterien sind nun auf den heutigen Fernen Osten anwendbar.

Gegenthese 5:

Von dem Augenblick an, wo auf allen Kontinenten bzw. auf den von der weißen Rasse bewohnten Kontinenten die Bourgeois an der Macht sind, sind die Kriege Folge imperialistischer Rivalitäten; nicht nur teilt die Arbeiterbewegung nicht die Interessen der kriegführenden Regierung, sondern führt den Klassenkampf bis zum Defätismus fort; darüber hinaus hat der Ausgang des Krieges zugunsten des einen oder des anderen keinerlei Auswirkung auf die zukünftige Entwicklung des Klassenkampfes und der proletarischen Revolution.

These 5:

Für Lenin sind die Kriege ab 1871 und nach der Periode des „friedlichen“ Kapitalismus imperialistisch; [5] ihre ideologische Zustimmung ist Verrat. 1914 sollte jede revolutionäre Arbeiterpartei, sowohl in den Ländern der Entente als auch im deutschen Lager, gegen den Krieg und für dessen Umwandlung in den Bürgerkrieg kämpfen – vor allem durch Ausnutzung der militärischen Niederlage. Während folglich jedes Bündnis für reguläre oder irreguläre militärische Aktionen mit den Bourgeois ausgeschlossen ist, erledigt sich damit nicht zwangsläufig auch die Pflicht, die Auswirkungen des jeweiligen Ausgangs militärischer Unternehmen zu untersuchen; ferner ist die Behauptung, die Folgen der sich aus dem Zusammenstoß solch gewaltiger Kräfte ergebenden Umwälzungen seien für uns nicht von Interesse, unhaltbar. Allgemein lässt sich sagen, dass der militärische Sieg der ältesten, reichsten und sozial wie politisch stabilsten Staaten am ungünstigsten für das Proletariat und seine Revolution ist. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem ungünstigen Verlauf des 150-jährigen proletarischen Klassenkampfes (was die vom Marxismus berechnete Zeit mindestens verdreifacht hat) und den fortwährenden Siegen Großbritanniens gegen Napoleon, dann gegen Deutschland. Seit nunmehr 3 Jahrhunderten ist die politische Macht Großbritanniens stabil. Marx setzte große Hoffnungen auf den amerikanischen Bürgerkrieg: Das Ergebnis war jedoch nicht die Mobilisierung einer Kraft, die imstande gewesen wäre, Europa zu schlagen, sondern es bildete sich ein Stützpfeiler der englischen Macht, der allmählich selbst zum Zentrum wurde und zwar durch gemeinsam geführte Kriege, statt durch frontales Aufeinandertreffen.

1914 wies Lenin klar darauf hin, dass der für uns beste Kriegsausgang die militärische Niederlage der Armee des Zaren sei, weil das den Ausbruch des Klassenkrieges in Russland ermögliche; und er kämpfte mit aller Energie gegen die Erwägung, die schlechtere Hypothese sei die eines deutschen Sieges über die englisch-französische Allianz; gleichwohl versäumte er nicht, die deutschen[6] Sozialchauvinisten anzuprangern.

Gegenthese 6:

Die Funktion der russischen Revolution bestand einfach darin, die proletarische Revolution an der Stelle ins Rollen zu bringen, wo die Bourgeoisie am schwächsten war, um von da aus den Kampf auf die anderen Länder auszudehnen.

These 6:

Es versteht sich von selbst, dass die proletarische Revolution nur international siegen kann und sie überall dort ausgelöst werden kann und muss, wo das Kräfteverhältnis am günstigsten ist, wobei die These rein defätistisch ist, wonach die Revolution in dem entwickeltesten kapitalistischen Land beginnen müsse. Um die opportunistische Position zu erledigen, ist das jedoch etwas mager – die marxistische Auffassung des historischen Moments ist eine völlig andere.

Im Jahre 1848 sieht Marx, dass trotz der gewaltsamen Kämpfe der Chartisten die Klassenrevolution nicht vom industriellen England ausgehen wird. Er rechnet damit, dass das französische Proletariat die Schlacht liefern kann, indem es seine eigene Revolution der republikanischen aufpfropft. Als Hebel gilt ihm vor allem die doppelte Revolution in Deutschland, wo die feudalen Institutionen noch an der Macht sind; er skizziert sogar in genauen politischen Zügen das Manöver des deutschen[7] Proletariats: zuerst gemeinsam mit den Bourgeois und Liberalen, und gleich darauf gegen sie.

Mindestens 20 Jahre lang und vor allem nach 1905, als das russische Proletariat als Klasse die Bühne betritt, arbeiten die Bolschewiki auf eine ähnliche Perspektive hin. Sie beruht auf zwei Faktoren: den Zerfall der feudalen Institutionen, die es anzugreifen gilt (so feige die russische Bourgeoisie auch sein mochte); und die Notwendigkeit der militärischen Niederlage, die, wie beim Krieg gegen Japan, eine zweite Gelegenheit bieten würde.

Das russische Proletariat und seine Partei – theoretisch und organisatorisch mit den Parteien in den schon seit langem bürgerlichen Ländern fest verbunden – stellen sich folgende Aufgabe: Aufnahme des Kampfes für die liberale Revolution gegen den Zarismus sowie für die bäuerliche Emanzipation gegen die Bojaren bzw. den Adel, folglich Machtergreifung durch die russische Arbeiterklasse.

Viele Revolutionen wurden im Laufe der Geschichte niedergeschlagen: Die einen, weil es nicht gelang, die Macht zu ergreifen; andere infolge einer bewaffneten Repression, die sie wieder stürzte (Pariser Kommune); wieder andere ohne militärische Repression, aber durch Zerstörung der sozialen Struktur (die Kommunen in Italien). Ad vocem doppelter Revolution, also Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und gleich darauf vom Kapitalismus zum Sozialismus: In Deutschland wurde der erste Übergang eher auf sozialer Ebene als auf militärischem Terrain vollzogen, der zweite scheiterte. In Russland wurden auf militärischem Terrain beide Hindernisse überwunden, während auf ökonomischer und sozialer Ebene nur das erste Hindernis (Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus) beseitigt wurde und das zweite bestehen blieb: Dies nicht aufgrund einer ausländischen Intervention, sondern aufgrund der Niederlage des internationalen Proletariats außerhalb Russlands (1918-1923). Heute richten sich die Anstrengungen des russischen Staates nicht auf den Sozialismus, sondern auf den Kapitalismus – in Richtung Asien ist dies ein revolutionärer Prozess.

Der historische Prozess, der 1848 Deutschland oder 1917 Russland zum Zentrum haben konnte, kann wahrscheinlich nicht wieder in Form eines inneren nationalen Umsturzes zu Tage treten; in der Tat ist kaum denkbar, dass z.B. China einen vergleichbaren weltweiten Einfluss ausüben könnte, dies umso weniger, als es sich schon im Übergang vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft befindet.

Seitdem kann die Schwachstelle, an der ein lokaler Brandherd eine neue revolutionäre internationale Phase auslöst, nur infolge eines verlorenen Krieges in einem kapitalistischen Land entstehen.

Gegenthese 7:

Obwohl klar ist, dass die Bildung totalitärer Regierungsformen in kapitalistischen Ländern mit den konterrevolutionären Restaurationen der Thesen 2 und 3 nichts zu tun hat und eine vorhersehbare Folge der ökonomischen und gesellschaftlichen Kräftekonzentration ist, es daher einen Rückfall in den Verrat bedeutet, eine Einheitsfront zwischen Proletariat und Bourgeoisie zur Wiederherstellung des ökonomischen und politischen Liberalismus als notwendig auszugeben und die Methode des Partisanenkampfes anzuwenden; und obschon ebenfalls eine falsche Position eingenommen wird, wenn man im Falle eines Konfliktes zwischen den bürgerlichen Staaten jene Seite unterstützt, die den Angriff auf Russland abwehren will (weil man meint, ein Regime verteidigen zu müssen, das immerhin aus einem proletarischen Sieg hervorging) – obwohl das alles so ist, darf man dem Ausgang des II. imperialistischen Weltkrieges keinerlei Auswirkungen auf die proletarische Klassenperspektive und auf die revolutionäre Wiederentstehung zugestehen.

These 7:

Die historische Frage lässt sich nicht erschöpfend behandeln, wenn man feststellt, dass die Bewertung des Krieges als Kreuzzug, als „ideologischer“ Konflikt zwischen Demokratie und Faschismus, genauso schlimm ist wie die Bewertung, die sich 1914 auf die Freiheit, Zivilisation und Nationalität berief. Es stimmt zwar, dass eine solche Propaganda von beiden Seiten das Ziel der Markteroberung und das ökonomisch-politische Machtstreben verbirgt; aber das reicht nicht. Das Ende des Kapitalismus wird durch nichts anderes als durch eine Reihe von Explosionen der geschlossenen Systeme – der territorialen Klassenstaaten – kommen; diesen Prozess gilt es zu erkennen und möglichst zu beschleunigen. Wenn seit der Zeit der imperialistischen Kriege auszuschließen ist, diesen Prozess mittels einer politischen und militärischen Solidarität des Proletariats zu beschleunigen, so ist doch wichtig, ihn zu entziffern und die Strategie der Internationale der revolutionären Parteien daran anzupassen. An die Stelle dieser prinzipiellen Linie hat die russische Politik das zynische staatliche Manöver eines neuen Machtsystems gesetzt, was nur beweist, dass dieses Machtsystem ein Bestandteil der kapitalistischen Weltkonstellation ist. Aus dieser Lage heraus wird die proletarische Klassenbewegung ihren schwierigen Wiederaufstieg unternehmen müssen. Die erste Etappe heißt: verstehen.

Zu Kriegsbeginn schließt Moskau ein Abkommen mit Berlin: Man kann die Kritik an dieser historischen Wende nicht oft genug wiederholen, zumal dann noch „marxistische“ Argumente über die imperialistische und aggressive Natur des Krieges auf Seiten Londons und Paris’ bemüht wurden; ein Krieg, an dem teilzunehmen die sogenannten kommunistischen Parteien beider Blöcke aufgefordert wurden.

Zwei Jahre später verbündet sich Moskau mit London, Paris und Washington und sein Propagandaapparat läuft auf Hochtouren, um auch dem letzten klarzumachen, dass der Krieg gegen die Achsenmächte kein imperialistischer Feldzug ist, sondern ein ideologischer Kreuzzug für Freiheit und Demokratie.

Enorm wichtig für die kommende proletarische Bewegung ist nicht nur die Feststellung, dass während beider Perioden die revolutionären Richtlinien aufgegeben wurden, sondern auch die Bewertung folgender historischer Tatsache: Mit dem zweiten Manöver gewann der russische Staat Kräfte und Ressourcen für seine innere kapitalistische Entwicklung und trug gleichzeitig dazu bei, mit dem Kriegsausgang die kapitalistische Macht zu konservieren, da die gewaltige Zufuhr militärischer Kräfte zumindest das Londoner Staatszentrum vor einer Katastrophe bewahrte, das so zum x-ten Male mit heiler Haut davonkam. Eine derartige Katastrophe wäre jedoch eine äußerst günstige Bedingung für den Zusammenbruch der anderen bürgerlichen Staaten und, ausgehend von Berlin, für die Ausbreitung des revolutionären Brandes über ganz Europa gewesen.

Gegenthese 8:

In der bestehenden Rivalität zwischen Amerika und Russland (mit ihren jeweiligen Satelliten) ist nichts anderes zu sehen als zwei Imperialismen, die gleichermaßen zu bekämpfen sind; denn es ist auszuschließen, dass die Entscheidung zugunsten des einen oder anderen – oder ein dauerhafter Kompromiss – die Bedingungen für die Wiederentstehung der kommunistischen Bewegung und der Weltrevolution großartig ändern würde.

These 8:

Diese gleiche Bewertung und Parallelität – insofern man sich im Falle eines III. Weltkrieges nicht darauf beschränkt, jegliche Unterstützung der Staaten, jegliche Partisanenaktion, auf welcher Seite auch immer, und jeglichen Verzicht auf defätistische selbständige Aktionen des Proletariats (wo die Kräfte dafür vorhanden sind) zu verurteilen – ist nicht nur unzureichend, sondern auch unsinnig. Man wird niemals eine Vision von dem Weg haben, den die Weltrevolution einschlägt (eine Vision, ohne die es keine marxistische Partei gibt, und die auch dann notwendig ist, wenn die Geschichte die günstigen Möglichkeiten vereitelt), ohne die Frage des Ausbleibens des revolutionären Klassenkampfes in den am stärksten industrialisierten Ländern, nämlich den USA und England, aufzuwerfen. Die Antwort hierauf ist nicht möglich, ohne die Tatsache zu berücksichtigen, dass alle imperialistischen Unternehmungen sowie die Ausbeutung der restlichen Welt von Erfolg gekrönt waren.

Während die Machtsysteme Amerikas und Englands keine andere Funktion als die der Konservierung des Weltkapitalismus haben, wobei sie auf eine lange schon in diese Richtung wirkende historische Lebenskraft zählen können; während sie weiter Schritt für Schritt dem sozialen und politischen Totalitarismus entgegengehen (eine andere unumgängliche Prämisse des letzten Zusammenstoßes der antagonistischen Kräfte); und während die Lage in ihren Satellitenstaaten durch reife bürgerliche Regimes gekennzeichnet ist, sind die Bedingungen im anderen Machtblock andere: Hier haben wir jene europäischen und außereuropäischen Areale vor uns, wo die noch sehr junge Bourgeoisie sozial und politisch gegen die feudalen Überreste kämpft und die staatlichen Strukturen neu und noch nicht gefestigt sind; andererseits braucht dieses Lager den Schwindel der Demokratie und der Klassenkollaboration nur in der Außenpolitik zu benutzen, hat schon alle Ressourcen der totalitären Einparteienregierung ausgeschöpft und damit seinen Zyklus verkürzt. Es liegt auf der Hand, dass es in die Krise stürzen wird, sobald das gewaltige kapitalistische System mit Washington als Zentrum in die Krise gerät, das 5/6 der für den Sozialismus reifen Ökonomie und der Areale kontrolliert, in denen ein reines Lohnproletariat besteht.

Die Revolution setzt einen Bürgerkrieg innerhalb der USA voraus und würde durch einen amerikanischen Sieg im III. Weltkrieg um halbe Jahrhunderte verzögert werden.

Da die nicht-degenerierte marxistische Bewegung heute verschwindend klein ist, kann sie ihrer Aufgabe – zu der sie von Anfang an drängt – nicht gerecht werden, nämlich größere Kräfte in Bewegung zu setzen, um das eine oder das andere System von innen heraus zu zerbrechen. Es geht in erster Linie darum, diejenigen noch winzigen proletarischen Gruppen zusammenzufassen, die begreifen, dass die Politik Moskaus samt ihrer Parteienanhängsel 30 Jahre lang einen gewaltigen Beitrag zu dieser Konsolidierung der kapitalistischen Macht in den hochorganisierten Systemen geleistet hat: Indem zuerst durch die falsche Politik und dann geradewegs durch die Zufuhr von Abermillionen Gefallenen der Erfolg der verbrecherischen Unterwerfung der Massen unter die Maxime von „Wohlstand und Freiheit“ im kapitalistischen Regime und in der „westlichen und christlichen Zivilisation“ gesichert wurde.

Die Art und Weise, in der das unter Moskaus Fuchtel stehende Proletariat innerhalb der atlantischen Länder die kapitalistische Macht bekämpft, ist für eben diese verdammte Zivilisation der größte Erfolg und die beste Garantie – und man kann sich auch ausmalen, was das hinsichtlich eines militärischen Angriffs heißt, der vom Osten her lanciert werden könnte.

 

Quelle:

„Raddrizzare le gambe ai cani“: Battaglia Comunista, Nr. 2, Mai 1952.


[1] Der Titel des Originals lautet: „Raddrizzare le gambe ai cani“, wörtlich: „Hundebeine gerade biegen“, also: etwas Unmögliches versuchen. Deutsche Äquivalente wären: „Einen Mohren weiß waschen“, „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“, etc. Wir haben obigen Titel gewählt, weil Bordiga über das Einhämmern der „theoretischen“ Nägel von einer Sisyphusarbeit sprach.

[2] Wir geben hier nur den historischen Teil wieder.

[3] Die „Heilige Allianz“ zwischen Russland, Preußen und Österreich-Ungarn wurde 1815 nach dem Sturz Napoleons I. gegründet. Die bekannte Position des „Manifest“ ist, dass es keine soziale Revolution in Europa geben kann, solange die Heilige Allianz besteht.

[4] Die Thesen, die unter dem Titel „Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg“ bekannt wurden [LW 21, S. 1-5], arbeitete Lenin später in das Manifest des Zentralkomitees der SDAPR um: „Der Krieg und die russische Sozialdemokratie“; siehe: LW 21, S. 11-21.

[5] Siehe z.B. Lenins Text: „Unter fremder Flagge“. Die erste Epoche (bis 1871 in West- und Mitteleuropa, bis zu den Balkankriegen am Vorabend des I. Weltkrieges in Osteuropa) wird wie folgt charakterisiert:

„In den verschiedenen Ländern, durch verschiedene Schichten von wohlhabenden Warenproduzenten repräsentiert, war diese Bourgeoisie in verschiedenem Grade fortschrittlich, mitunter sogar revolutionär (so z.B. ein Teil der italienischen Bourgeoisie im Jahre 1859), der gemeinsame Zug der Epoche aber war gerade die Fortschrittlichkeit der Bourgeoisie, das heißt ihr noch nicht entschiedener, noch nicht abgeschlossener Kampf gegen den Feudalismus“ [LW 21, S. 136/37].

In der dritten Epoche dagegen (nach dem „friedlichen“ Kapitalismus) ist „die objektive geschichtliche Lage“ eine „völlig andere geworden“, die Bourgeoisie hat sich „in eine absteigende, verfallende, innerlich abgestorbene, reaktionäre Klasse verwandelt“ [LW 21, S. 137/38].

[6] Wörtlich „germanisch“: bezieht sich auf das gesamte Gebiet der deutschen Sprache und Nationalität und nicht nur auf das staatliche Territorium des einen oder anderen deutschen Staates.

[7] Wie Fußnote 6.