November 1957

Vierzig Jahre organischer Bewertung der russischen Ereignisse in der sozial und historisch dramatischen internationalen Entwicklung[1]

A. Russland gegen Europa im 19. Jahrhundert

  1. 1. Die falsche Auffassung zu widerlegen, wonach die theoretischen Sätze des historischen Materialismus nicht auf Russland anwendbar seien, war das Ziel der marxistischen Sozialisten in der ersten Auseinandersetzung um die „Rolle“ Russlands in der europäischen Politik. So wie Marx' Analyse der zuerst in England sich durchsetzenden kapitalistischen Produktionsweise zu gesellschaftlichen Folgerungen universeller Tragweite geführt hatte, die vom marxistischen Internationalismus in Frankreich, Deutschland und Amerika verbreitet wurden, gab es für Marxisten auch keinen Zweifel, dass derselbe Schlüssel historischer Analyse die Türen zu öffnen ermöglichte, die der kapitalistischen Gesellschaft nach der Niederlage der napoleonischen Bajonette für immer vor der Nase zugeschlagen worden zu sein schienen und die gesamte historische Entwicklung um ein Jahrhundert verzögerten.
  2. 2. Wie für alle europäischen Länder erwartete und verfocht der Marxismus auch für Russland die große, in die Fußstapfen Englands und Frankreichs tretende bürgerliche Revolution, die 1848 ganz Europa erschüttert hatte. Die Umwälzung der feudalen Produktionsweise in Russland wurde umso mehr vorausgesehen, erwartet und gefordert, als das zaristische Russland für Marx die Funktion des Bollwerks der europäischen antikapitalistischen und antiliberalen Reaktion innehatte. In der Phase der in Europa für die bürgerlich-nationale Gliederung geführten Kriege, die 1871 abgeschlossen war, wurde jeder Krieg danach bewertet, ob er zur Niederlage und zum Zusammenbruch des Petersburger Regimes hätte führen können. Marx wurde deshalb bezichtigt, Agent des antirussischen Pangermanismus zu sein. Der zähe Widerstand des Zarismus war für ihn nicht nur ein Damm gegen die Welle der bürgerlichen Revolution, sondern auch gegen die darauffolgende Welle der Arbeiterrevolution. Wie das klassische Beispiel Polens zeigt, wurden die Befreiungsbewegungen der vom Zar unterdrückten Nationalitäten von der ersten Arbeiter-Internationalen vollauf unterstützt.
  3. 3. In der marxistischen Geschichtsauffassung bedeutet das Jahr 1871 den Abschluss einer Phase in Europa, in deren Verlauf die Sozialisten gleichermaßen die zur Herausbildung der modernen Staaten führenden nationalen Kriege sowie die auf nationale Wiedergeburt zielenden Bewegungen innerhalb verschiedener Länder wie auch die liberalen Revolutionen unterstützten. Zu dem Zeitpunkt verdunkelte das Hindernis Russland den Horizont. Solange es nicht niedergeworfen war, sollte es auch weiterhin den Arbeiteraufständen gegen „die verbündeten nationalen Armeen“ den Weg versperren und seine Kosaken nicht nur zur Verteidigung der heiligen Kaiserreiche, sondern auch der kapitalistischen parlamentarischen Demokratien abkommandieren, deren Zyklus im Westen abgeschlossen war.
  4. 4. Der Marxismus begann sehr bald, sich mit „Soziales aus Rußland“ zu befassen, dessen ökonomische Struktur und Entwicklung der Klassengegensätze er untersuchte. Was ihn nicht davon abhielt, den Zyklus der sozialen Revolutionen zu bestimmen, wobei vor allem die internationalen Kräfteverhältnisse in Rechnung zu stellen waren, wie wir im gigantischen Marx‘schen Bauwerk lesen können, wo er darlegt, dass die Bedingungen der Revolution, deren Etappenziele nach der oben genannten Abfolge bestimmt werden, durch die Reife der gesellschaftlichen Struktur bedingt sind.

Sogleich stellte sich die Frage, ob es nicht möglich sei, die historische Entwicklung abzukürzen, die damals in Russland noch nicht das Stadium erreicht hatte, wie es sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts oder seit 1848 im übrigen Europa herausgebildet hatte. Marx beantwortete diese Frage einmal 1877 in einem Brief an eine Zeitschrift, ferner 1882 im Vorwort zu Vera Sassulitschs Übersetzung des „Kommunistischen Manifestes“. Ist es möglich, in Russland die kapitalistische Produktionsweise zu überspringen? Die erste Antwort war zum Teil positiv: „Wird die russische Revolution das Signal einer proletarischen Revolution im Westen, so daß beide einander ergänzen (…).“[2] [MEW 19, S. 296]. In der Antwort von 1877 erklärte Marx diese Chance für bereits verspielt, wobei er sich auf die bürgerliche Agrarreform von 1861 bezog, welche die Leibeigenschaft aufgehoben, jedoch mehr noch zur vollständigen Auflösung des Agrarkommunismus der Dorfgemeinde geführt hatte. Zusammen mit Engels brandmarkte er Bakunin, der sich zum Apologeten dieser Reform gemacht hatte: „Fährt Rußland fort, den Weg zu verfolgen, den es seit 1861 eingeschlagen hat, so wird es die schönste Chance verlieren, die die Geschichte jemals einem Volk dargeboten hat, um dafür alle verhängnisvollen Wechselfälle des kapitalistischen Systems durchzumachen“ [MEW 19, S. 107-112]. Das ist alles, schloss Marx schroff[3]. Das war alles: Da die proletarische Revolution in Europa nicht eingetreten ist und verraten wurde, ist das heutige Russland in die kapitalistische Barbarei hinabgesunken.

Engels' Schriften über den kommunistischen Mir in Russland bezeugen, dass die kapitalistische Produktionsweise 1875 und mehr noch 1894[4] die Partie gewonnen zu haben schien. Seither war sie nicht nur in den Städten vorherrschend, sondern auch in einigen Gebieten des russischen flachen Landes, und dies sogar unter der zaristischen Herrschaft.

  1. 5. Mit der kapitalistischen Industrie, die in Russland vermittelst direkter staatlicher Investitionen und weniger durch eine ursprüngliche Akkumulation entstand, trat auch das städtische Proletariat auf, und die marxistische Arbeiterpartei. Genau wie die ersten Marxisten in Deutschland vor 1848 stand diese Partei vor der Frage einer doppelten Revolution. Ihre theoretische Linie (zuerst von Plechanow, dann von Lenin und den Bolschewiki vertreten) stimmte vollkommen überein mit der des europäischen und internationalen Marxismus, vor allem in der Agrarfrage, in Russland von ausschlaggebender Bedeutung.

Welchen Beitrag zur doppelten Revolution würden die ländlichen Klassen leisten, die leibeigenen und die verelendeten, wenn auch dem Gesetz nach freien Bauern, deren Lebensbedingungen sich jedoch im Vergleich zu denen des reinen Feudalismus verschlechtert hatten? Überall haben Leibeigene und Kleinbauern im historischen Verlauf die bürgerlichen Revolutionen unterstützt und sich stets gegen die Privilegien des Agraradels erhoben. In Russland zeigte der Feudalismus die Besonderheit, nicht zentrifugal zu sein wie im übrigen Europa und in Deutschland, Staatsgewalt und nationale Armee waren dort vielmehr seit Jahrhunderten zentralisiert. Historisch gesehen, bis zum 19. Jahrhundert, war dies eine progressive Bedingung, und zwar nicht allein unter politischen und historischen Gesichtspunkten im Hinblick auf die von außen importierte Entstehung von Armee, Monarchie und Staat, sondern auch unter gesellschaftlichem Aspekt: Der Staat, die Krone (sowie nicht minder zentralisierte religiöse Gemeinschaften) besaßen mehr an Land und Leibeigenen als der Agraradel: von daher die Definition des Staatsfeudalismus, der dem Angriff der demokratischen Armeen Frankreichs bestens standhielt und gegen den Marx viele Jahre lang sogar den Krieg seitens der europäischen, der türkischen und deutschen Armeen forderte. Im Wesentlichen ist der Weg vom Staatsfeudalismus zum Staatskapitalismus in Russland weniger lang gewesen als in Europa der Weg vom molekularen Feudalismus zu den zentralisierten bürgerlichen Staaten sowie vom ersten selbständigen Kapitalismus zum konzentrierten und imperialistischen Kapitalismus.

B. Die Perspektiven des Untergangs des noch verbliebenen Feudalismus

  1. 6. Diese jahrhundertealten Gesellschaftsformen erklären, warum sich in Russland keine mächtige bürgerliche Klasse wie in Europa herausgebildet hat. Die auf die bürgerliche unmittelbar folgende proletarische Revolution, die die Marxisten erwarteten, schien dort noch schwerer als in Deutschland 1848 durchführbar zu sein.

Als Engels die Schwäche der deutschen revolutionären Tradition untersuchte, die sich ganz anders als in England in der Reformation erschöpft hatte, wandte er seine Aufmerksamkeit den Bauern zu, deren historischen Krieg von 1525 mit der furchtbaren Niederlage im Gefolge er nachzeichnete, einer Niederlage, die die Bauern der Feigheit des städtischen Bürgertums, des protestantischen Klerus und auch der kleinen Fürsten verdankten.[5]

Der erste theoretische wie praktische Streitpunkt zwischen den Marxisten und allen anderen Parteien drehte sich um die Frage, ob in Russland eine politisch nicht existente Bourgeoisie (ebenso wenig wie ein Kleinadel und ein rebellischer Klerus) durch die Bauernklasse ersetzt werden könnte. Nach der These unserer Gegner sollte die russische Revolution weder eine bürgerliche noch eine proletarische, sondern eine Bauernrevolution sein, die wir als ein bloßes „Double“ der städtisch-bürgerlichen Revolution definierten. Der „Bauernsozialismus“ ist eine monströse Perspektive, die der Marxismus im Verlauf eines Jahrhunderts immer wieder in der Polemik wie auch in den Klassenkämpfen zurückgewiesen hat. Unsere Gegner waren der Auffassung, in Russland könnte ein derartiger Sozialismus aus der Erhebung der Kleinbauern – um in den Genuss eines utopisch egalitären Landbesitzes zu kommen – hervorgehen, was eine Kontrolle über den Staat eher als mit den städtischen Klassen, der ohnmächtigen Bourgeoisie und dem neuen Proletariat erlauben würde. Sie ahnten nichts von der ungeheuren Energie, die die russische Arbeiterklasse als Sektion des europäischen Proletariats fähig war zu entwickeln. Die Bourgeoisie entsteht im nationalen Rahmen und überträgt keine Energie über die Grenzen hinweg; das Proletariat indes entsteht international und ist als Klasse in allen „ausländischen“ Revolutionen präsent; die Bauernschaft steht noch unterhalb der Nation.

Auf dieser Grundlage errichtete Lenin die marxistische Theorie der russischen Revolution, in der die russischen bürgerlichen Klassen ebenso wenig wie die der Bauernschaft als Protagonisten eine Rolle spielten; Träger der Revolution sollte das Proletariat sein.

Die Entwicklung dieser Position ist in „Russia e rivoluzione nella teoria marxista“ dokumentiert.[6]

  1. 7. Die beiden großen Fragen der russischen Revolution waren die Agrarfrage und die politische Frage. In der ersten waren die Volkstümler (Narodniki) und die Sozialrevolutionäre Anhänger der Aufteilung des Grundbesitzes; die Menschewiki Anhänger der Munizipalisierung, während die Bolschewiki für die Nationalisierung des Grundbesitzes eintraten.[7] Alle drei sind Forderungen einer bürgerlich-demokratischen Revolution, sagte Lenin, nicht einer sozialistischen. Wir beschränken uns darauf, aus „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907“ zu zitieren: „Der Begriff der Nationalisierung des Grund und Bodens, im Lichte der ökonomischen Wirklichkeit betrachtet, ist folglich eine Kategorie der warenproduzierenden und kapitalistischen Gesellschaft.“[8] Die dritte Auffassung war jedenfalls die vorgeschrittenste, weil sie die besten Bedingungen für einen proletarischen Kommunismus schuf. Im heutigen Russland ist nur der in Sowchosen organisierte Teil der Landwirtschaft nationalisiert, zudem ist es der kleinste. Der Rest bleibt noch dahinter zurück.

Was die Frage der Macht betrifft, so waren die Menschewiki dafür, die Bourgeoisie die Macht ergreifen zu lassen und selbst in der Opposition zu bleiben (doch 1917 werden sie mit der bürgerlichen Regierung zusammenarbeiten). Die Volkstümler waren für eine illusorische Bauernregierung (mit Kerenski werden sie dasselbe Ende wie die Menschewiki nehmen). Die Bolschewiki traten für die Eroberung der Macht und eine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ein. Die folgenden Worte Lenins erklären das Adjektiv „demokratisch“ und das Substantiv „Bauern“: „Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen. (...) jene sozialökonomischen Umgestaltungen, die für Russland notwendig geworden sind, bedeuten an und für sich nicht nur keine Untergrabung des Kapitalismus (...) sondern, daß sie umgekehrt zum erstenmal gründlich den Boden für eine breite und rasche, europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus säubern. (...) ein solcher Sieg werde uns die Möglichkeit geben, Europa zur Erhebung zu bringen, und das sozialistische Proletariat Europas werde uns, nachdem es das Joch der Bourgeoisie abgeschüttelt habe, seinerseits helfen, die sozialistische Umwälzung zu vollbringen[9].

Was wäre in dem Fall mit den „verbündeten“ Bauern zu tun? Lenins Antwort war klar. Marx hatte bereits gesagt, dass die Bauern die „natürlichsten Bundesgenossen“ der Bourgeoisie sind. Lenin schreibt: Im wirklichen und entscheidenden Kampf für den Sozialismus wird die „Bauernschaft als grundbesitzende Klasse (...) dieselbe verräterische, schwankende Rolle spielen, wie die Bourgeoisie sie jetzt im Kampf für die Demokratie spielt“[10].

Zum Schluss der genannten Arbeit[11] zeigten wir, wie Lenin seine These behauptet: Diktatorische Eroberung der Macht in der bürgerlichen Revolution gegen die Bourgeoisie selbst mit Unterstützung allein der Bauern. Diese Formel stützte Lenin mit einem doppelten Argument: Man musste zur proletarischen Revolution in Europa gelangen, da ohne diese Bedingung der Sozialismus in Russland nicht siegen konnte; man musste die Restauration des Zarismus verhindern, der im gegenteiligen Fall seine traditionelle Rolle der Weißen Garde Europas wiederangenommen hätte.

C. Die unauslöschliche russische Etappe der proletarischen Weltrevolution

  1. 8. Marx hatte den Krieg Deutschlands „gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen“[12] vorausgesehen. 1914 brach er aus. Und wie er prophezeit hatte, ging aus den Rückschlägen des Zaren die russische Revolution hervor.

Russland war damals mit den demokratischen Mächten Frankreich, England und Italien verbündet. In den Augen der Kapitalisten, Demokraten und Sozialverräter (Letztere hatten dem Krieg gegen Deutschland zugestimmt), war der Zar zu einem Feind geworden, den man niederwerfen musste, weil sie ihn für unfähig hielten, den Krieg zu führen oder ihn verdächtigten, sich insgeheim auf ein Bündnis mit den Deutschen vorzubereiten. Die erste Revolution im Februar 1917 wurde daher von allen patriotischen Demokraten und Sozialisten begrüßt; doch schrieben sie sie nicht der Kriegsmüdigkeit der Massen, insbesondere der Soldaten zu, sondern dem geschickten Machwerk der alliierten Botschafter. Obschon die russischen Rechtssozialisten mehrheitlich nicht dem Krieg zugestimmt hatten, stellten sie sich sogleich auf eine provisorische Regierung ein, die den Krieg im Einvernehmen mit den fremden Mächten fortsetzen sollte. Auf dieser Grundlage war ein Kompromiss mit den bürgerlichen Parteien abzusehen. Zunächst eher zögernd, machte sich die bolschewistische Partei nach der Rückkehr Lenins und der anderen Führer des Jahres 1917 sowie dem vollständigen Beitritt Trotzkis mit allen Kräften bereit, diese von Menschewiki und Volkstümlern unterstützte Regierung zu stürzen.

In unserer nachfolgenden Arbeit über die „Struttura economica e sociale della Russia d’oggi“[13] haben wir, vor allem im ersten Teil, anhand der Dokumente die historischen Wechselfälle dargelegt, die im Oktober, dessen 40. Jahrestag heute gefeiert wird, zur zweiten Revolution führten. Und wir stellten den Kampf um die Macht im Jahr 1917 den zuvor im Parteileben aufgekommenen theoretischen Fragen gegenüber.

  1. 9. Die Eroberung der Macht durch die kommunistische Partei war das Ergebnis der Niederlage aller anderen Parteien, sowohl der bürgerlichen als auch der angeblichen „Arbeiter“- und „Bauern“-Parteien, die den Krieg an der Seite der Alliierten befürworteten. Die Machtergreifung wurde mit dem Sieg gegen diese Parteien der Versöhnler im Allrussischen Kongress der Sowjets besiegelt, ein Sieg, der durch deren Niederlage und die ihrer nichtsowjetischen Verbündeten in den Straßenkämpfen vervollständigt wurde, ebenso wie dadurch, die von der provisorischen Regierung einberufene Konstituierende Versammlung auseinanderzujagen und schließlich mit dem letzten Verbündeten zu brechen, der Partei der linken Sozialrevolutionäre, die starken Einfluss auf dem Land besaßen und den „Heiligen Krieg“ gegen die Deutschen befürworteten. Dies war ein Riesensprung, der nicht ohne tiefgreifende Kämpfe im Parteileben selbst ablief. Historisch gesehen endete er erst nach rund vier Jahren eines schrecklichen Bürgerkriegs mit der Niederlage der konterrevolutionären Armeen, die ebenso aus den Streitkräften des feudalen und monarchistischen Adels wie aus den vor und nach dem Frieden von Brest-Litowsk (1918) von Deutschland aufgestellten Truppen und aus den von den demokratischen Mächten mit großem Einsatz mobilisierten Kräften, darunter auch der polnischen Armee, bestanden.

In Europa reihten sich in dieser Zeit nur missglückte Versuche der Machteroberung durch die Arbeiterklasse aneinander, die sich enthusiastisch mit der russischen Revolution solidarisierte. Die nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands und dem Sturz des Kaisers erfolgte Niederlage der deutschen Kommunisten im Januar 1919 bildete den ersten, schwerwiegenden Bruch in der Verwirklichung der von Lenin formulierten historischen Perspektive. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich diese Linie großartig bewährt, vor allem in der Annahme des Friedensdiktats von Brest-Litowsk im März 1918 durch die Bolschewiki[14]; einer entschiedenen Lösung, die von den schäbigen Demokraten der ganzen Welt als Verrat bezeichnet wurde.

Die darauffolgenden Jahre bestätigten, dass mit der Hilfe eines siegreichen europäischen Proletariats für die erschreckend desorganisierte russische Wirtschaft nicht gerechnet werden konnte, so dass die Macht in Russland jetzt zu halten und zu festigen war. Von nun an war es nicht mehr möglich, die ökonomische und gesellschaftliche Frage Russlands entsprechend den Voraussagen aller Marxisten zu lösen, nämlich durch die Unterwerfung der sogar nach dem Kriege überreichlich vorhandenen Produktivkräfte Europas unter die Diktatur der internationalen kommunistischen Partei.

  1. 10. In Übereinstimmung mit allen wahren Marxisten unter den Bolschewiki hatte Lenin bis zu seinem Lebensende die Möglichkeit ausgeschlossen, dass die russische Gesellschaftsordnung einen sozialistischen Charakter annehmen könnte, wenn die russische Revolution nicht auf Europa zurückwirken und die Wirtschaft hier weiterhin kapitalistisch bleiben würde. Dennoch hielt er immer an seiner These fest, wonach in Russland die proletarische Partei, unterstützt von den Bauern, die Macht ergreifen und sie auf diktatorische Weise aufrechterhalten sollte.

Zwei geschichtliche Fragen stellten sich jetzt. Kann eine Revolution, deren Machtapparat in Erwartung neuer internationaler Siege privatwirtschaftliche Gesellschaftsformen verwaltet, sozialistisch genannt werden, wenn diese Siege ausbleiben? Die zweite Frage bezieht sich darauf, wie lange eine solche Lage gehalten werden kann und ob es einen anderen Ausweg als die offene politische Konterrevolution, als die unmaskierte Rückkehr der nationalen Bourgeoisie zur Macht gibt.

Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch. Als Alternative zum – nicht eingetretenen – Sieg der bewaffneten Konterrevolution blieb nicht nur ein Weg offen. Es waren zwei Wege: Entweder degeneriert der Machtapparat (Staat und Partei), der sich, insofern die Erwartung der Weltrevolution aufgegeben wird, darauf einstellt, kapitalistische Formen zu verwalten – dies ist eingetreten –; oder die marxistische Partei hält sich für lange Zeit an der Macht und gelobt, sich für den revolutionären proletarischen Kampf im gesamten Ausland einzusetzen, wobei sie mit demselben Mut wie Lenin erklärt, dass die Gesellschaftsformen in Russland weitgehend kapitalistisch – ja selbst vorkapitalistisch – bleiben.

Man muss zunächst die erste Frage untersuchen. Die zweite ist mit der Analyse der Gesellschaftsstruktur des heutigen Russlands verknüpft, die fälschlich als sozialistisch gepriesen wird.

  1. 11. Die Oktoberrevolution darf nicht an erster Stelle unter dem Gesichtspunkt unmittelbarer oder sehr rascher Veränderungen der Produktionsweisen und der ökonomischen Struktur betrachtet werden, sondern als eine Etappe des internationalen politischen Kampfes des Proletariats. Sie weist in der Tat eine Reihe von hervorstechenden Merkmalen auf, die weit über den Rahmen einer nationalen und rein antifeudalen Revolution hinausgehen und nicht lediglich auf der Tatsache beruhen, dass die proletarische Partei an ihrer Spitze stand.
  2. a) Lenin hat festgestellt, dass der Weltkrieg „auch für Russland“ einen imperialistischen Charakter angenommen hatte, so dass die proletarische Partei – wie im Russisch-Japanischen Krieg, der die revolutionären Kämpfe von 1905 zur Folge hatte – offen defätistisch handeln müsse. Der Grund dafür war nicht etwa, dass der russische Staat nicht demokratisch war. Die Gründe waren vielmehr dieselben, die auch allen anderen sozialistischen Parteien die gleiche Haltung auferlegten. Die russische Industrie war nicht genügend entwickelt, um eine Grundlage für den Sozialismus abzugeben. Doch war sie genügend entwickelt, um dem Krieg einen imperialistischen Charakter zu geben. Unter dem Vorwand, die Demokratie „mit absoluter Geltung“ zu verteidigen (hüben gegen die deutsche, drüben gegen die russische Gefahr), hatten die Verräter am revolutionären Sozialismus mit der Sache der imperialistischen Bourgeoisien gemeinsame Sache gemacht; sie konspirierten gegen die Bolschewiki, die den Krieg und die Militärbündnisse liquidiert hatten und suchten der Oktoberrevolution in den Rücken zu fallen. Gegen sie, gegen den Krieg, gegen den Weltimperialismus siegte der Oktober. Es war ein rein proletarischer und kommunistischer Sieg.
  3. b) Die Oktoberrevolution überwand siegreich die Anschläge dieser Verräter, machte dadurch die vergessenen Lehren der Revolution wieder geltend und stellte die marxistische Theorie wieder her, deren Ruin diese Leute im Auge hatten. Der Weg des Sieges über die Bourgeoisie wurde durch den Oktober für jede Nation vorgegeben: Anwendung von Gewalt und revolutionärem Terror, Zerfetzen der „demokratischen Garantien“ und als wesentlichen Begriff des Marxismus: unbeschränkte Ausübung der Diktatur der Arbeiterklasse durch die kommunistische Partei. Die Oktoberrevolution bezeichnete jeden als Rindvieh, der hinter der Diktatur die Macht eines einzelnen Menschen sieht, genauso diejenigen, die wie alle demokratischen Huren vor der „Tyrannei“ zitternd dahinter nur eine amorphe, nicht organisierte, nicht – wie unsere Texte eines ganzen Jahrhunderts proklamieren – als Partei organisierte Klasse sehen.
  4. c) Als die wider ihren Charakter in verschiedene Parteien geteilte Arbeiterklasse auf der politischen oder, schlimmer noch, der parlamentarischen Bühne auftrat, bewiesen die unzerstörten Lektionen des Oktobers, dass der revolutionäre Weg nicht über die gemeinsame Machtausübung mit diesen Lakaien des Kapitalismus führt, sondern über ihre sukzessive gewaltsame Beseitigung und schließlich der absoluten Macht der einen Partei.

Die Tragweite dieser drei Punkte besteht darin, dass Russland aufgrund der historisch besonderen Bedingung der Fortdauer eines mittelalterlichen Despotismus eine Ausnahme von der Regel gegenüber den entwickelten bürgerlichen Ländern gerechtfertigt hätte. Die Welt erlebte jedoch unter Angst und Schrecken, oder voll Begeisterung, dass der russische Weg den einheitlichen und universellen Weg bestätigte, den die marxistische Theorie vorzeichnet. Lenin und die großartige bolschewistische Partei sind weder im Denken noch im Handeln je davon abgewichen. Niederträchtig ist die Ausbeutung dieser Namen durch jene, die sich in widerwärtiger Weise für den Ruhm schämen, den sie zugleich theatralisch vorgeben, feiern zu wollen und um Entschuldigung bitten, dass Russland aufgrund besonderer Umstände und lokaler Bedingungen diese Wege hat einschlagen müssen. Als sei dies ihre Mission, als läge es in ihrer Macht, versprechen diese Subjekte, die anderen Länder auf national verschiedenen Wegen zum Sozialismus gelangen zu lassen; auf Wegen, die ihr Verrat und ihre Infamie mit dem Dreck pflastert, den der Opportunismus zusammenzubacken imstande ist: Freiheit, Demokratie, Pazifismus, Koexistenz und Wettbewerb des Einholens und Überholens.

Für Lenin war die Revolution im Westen der Sauerstoff, den der Sozialismus in Russland brauchte. Für jene Leute, die am 7. November an seinem albernen Mausoleum vorbeidefilieren, ist das Prosperieren des Weltkapitalismus der Sauerstoff, den sie brauchen, um mit ihm zu koexistieren und zu 'rumzuhuren.

D. Die verhängnisvolle Parabel der abgebrochenen Revolution

  1. 12. Die Angelpunkte der zweiten Frage zur ökonomischen Struktur Russlands beim Sieg der Oktoberrevolution sind in grundlegenden Schriften Lenins festgehalten. Es genügt nicht, einige Zitate aus ihnen herauszuklauben, um sie in allgemeinen und kurzen Publikationen anzuführen, sie müssen vielmehr in weitest gehender Form herangezogen werden. Alle Lenin‘schen Schriften müssen erläutert werden, indem die Thesen, den geschichtlichen Perioden folgend, zu den historischen Bedingungen des Milieus und zum Kräfteverhältnis in Beziehung gesetzt werden.

Eine der Revolutionen, die wir „doppelte Revolution“ nennen, bringt drei historische Produktionsweisen in das Einsatzgebiet[15], wie es in Deutschland vor 1848 der Fall war, wo es sich nach der klassischen Anschauung des Marxismus um das mittelalterliche aristokratisch-militärische Reich, die kapitalistische Bourgeoisie und das Proletariat, handelte, d.h. Leibeigenschaft, Lohnarbeit und Sozialismus. Damals war die industrielle Entwicklung in Deutschland wenn nicht qualitativ, so jedenfalls quantitativ eng begrenzt. Dennoch führte Marx den Sozialismus als dritten Faktor ein, weil die technisch-ökonomischen Bedingungen dieser dritten Produktionsweise bereits vollständig in England bestanden, während die politischen Bedingungen in Frankreich vorlagen. Im europäischen Maßstab war damit eine sozialistische Perspektive gegeben. Der Gedanke an einen raschen Sturz der absolutistischen Macht zu Gunsten der Bourgeoisie in Deutschland und eines darauffolgenden Angriffs des jungen Proletariats gegen sie war an die Möglichkeit eines Sieges der Arbeiter in Frankreich gebunden, wo das Proletariat von Paris und der Provinz 1831 nach dem Fall der bürgerlichen Monarchie die Schlacht großherzig schlug, jedoch verlor.

Die großen revolutionären Zukunftsbilder sind auch dann fruchtbar, wenn die Geschichte ihre Verwirklichung auf später verschiebt.

Laut Marx sollte Frankreich mit der Errichtung der Arbeiterdiktatur in Paris die Politik beisteuern, so wie dies 1831 und 1848 versucht und 1871 verwirklicht wurde, doch jedes Mal ruhmreich, das heißt mit den Waffen in der Hand, unterlag; England die Ökonomie, und Deutschland die Theorie, auf die sich Leo Trotzki für Russland unter der klassischen Bezeichnung „permanente Revolution“ berief. Bei Marx wie bei Trotzki erweist sich die Permanenz der Revolution im internationalen Zusammenhang, nicht auf der armseligen Ebene der Nation. Der ideologische Terrorismus der Stalinisten verurteilte die permanente Revolution, aber sie selbst äfften sie in einer hohlen und mit Patriotismus besudelten Parodie nach.

In der Perspektive Lenins (und ihm folgend die von uns allen) sollte das revolutionäre Russland (industriell rückständig wie Deutschland 1848) 1917 mit der Flamme des politischen Sieges die große Theorie, die in Europa und in der Welt groß geworden war, erneut anfachen. Aus dem besiegten Deutschland sollten die Produktivkräfte, das ökonomische Potential geschöpft werden. Der Rest des arg geplagten Mitteleuropa wäre gefolgt. Eine zweite Welle würde die „Siegermächte“ überrollen: Frankreich, Italien (wo wir seit 1919 vergeblich gehofft hatten, sie käme früher), England, die USA und Japan. Auf der Achse Russland-Mitteleuropa aber hätte die Entwicklung der Produktivkräfte in Richtung auf den Sozialismus keine Hindernisse mehr vorgefunden; dazu war nur die Diktatur der kommunistischen Parteien notwendig.

  1. 13. Bei diesem groben Abschnitt unserer Untersuchungen ist die andere Alternative von Bedeutung: Russland allein mit dem glänzenden politischen Sieg in Händen. Verglichen mit 1848, als alle am Kampf teilnehmenden Nationen in Händen des Kapitalismus blieben und Deutschland sogar noch dahinter zurückblieb, eine enorm vorteilhafte Lage. Fassen wir in groben Zügen Lenins Sicht in Bezug auf die inneren Verhältnisse Russlands in Erwartung der Revolution im Westen zusammen. In der Industrie Kontrolle über die Produktion und später staatliche Leitung derselben. Das bedeutete zwar die Beseitigung der Privatbourgeoisie und damit den politischen Sieg, andererseits aber auch eine wirtschaftliche Leitung im Rahmen der kapitalistischen Warenproduktion, womit erst die „Grundlagen“ des Sozialismus gelegt werden. In der Landwirtschaft Zerstörung aller Formen feudaler Knechtschaftsverhältnisse und genossenschaftliche Leitung der großen Ländereien bei einer möglichst geringen Toleranz gegenüber der kleinen Warenproduktion, die 1917 die vorherrschende Form war und sich infolge der – ökonomisch wie politisch bestimmten – Zerstörung der feudalen Produktionsweise zwangsläufig verbreitete und festigte. Selbst die landlosen Tagelöhner, die einzigen „armen Bauern“, denen Lenin wirklich Bedeutung beimaß, waren der Zahl nach zurückgegangen, denn die Enteignung der reichen Bauern hatte sie in Eigentümer verwandelt.

1926, in der großen Diskussion, stand die Frage des „Tempos“ im Raum (in unseren Arbeiten über Russland in den grundlegenden Linien geklärt). Stalin sagte: Wenn der vollständige Sozialismus hier unmöglich ist, müssen wir die Macht abgeben[16]. Trotzki dagegen bekräftigte seinen Glauben an die internationale Revolution und betonte, dass man an der Macht auf sie warten müsse, selbst wenn sie erst nach fünfzig Jahren eintrete[17]. Ihm wurde geantwortet, Lenin habe von zwanzig Jahren für das isolierte Russland gesprochen. In Wirklichkeit hatte Lenin von zwanzig Jahren „guter Beziehungen zu den Bauern“ gesprochen, wonach, selbst in einem ökonomisch nichtsozialistischen Russland, der Klassenkampf zwischen Arbeitern und Bauern entbrennen sollte, um die ländliche Kleinstproduktion und den privaten zwerghaften Agrarkapitalismus zu liquidieren, die die Kräfte der Revolution aufzehrten. Wäre es jedoch zu einer europäischen Arbeiterrevolution gekommen, so wäre der landwirtschaftliche Zwergbesitz (der in seiner gegenwärtigen Kolchosform unzerstörbar ist) schnellstens und ohne viel Federlesens ausradiert worden.

  1. 14. Die ökonomische Wissenschaft des Marxismus kann belegen, dass der Stalinismus noch hinter dem zurückblieb, was Lenin als fernes Ergebnis vorhergesehen hatte. Nicht zwanzig, sondern vierzig Jahre sind vergangen, und die Beziehungen zu den Kolchosbauern sind so „gut“ wie die Beziehungen zu den Industriearbeitern „schlecht“ sind. Unter dem Regime der Lohnarbeit wird die Industrie vom Staat verwaltet, die Verkaufsbedingungen der Lohnarbeit sind noch schlechter als unter denen des unverhüllten Kapitalismus. Der Bauer wird als Genossenschaftsmitglied des Kolchosunternehmens (eine privat- und keineswegs staatskapitalistische Form) gut – und als kleiner Verwalter von Land und bäuerlichem Inventarium noch besser behandelt. Es ist müßig, auf die bürgerlichen Merkmale der Sowjetökonomie hinzuweisen, angefangen vom Handel bis hin zum Erbrecht und der Sparquote. So wie sie mitnichten den Weg eingeschlagen hat, den auf dem Geld als allgemeinem Äquivalent beruhenden Warenaustausch abzuschaffen und die geldlose Entlohnung der Arbeit einzuführen, so haben auch die Beziehungen zwischen Arbeitern und Bauern eine Richtung genommen, die der Aufhebung des Gegensatzes von Industrie- und Landarbeit sowie von Hand- und Kopfarbeit genau entgegengesetzt ist.

Vierzig Jahre sind seit 1917 vergangen, und von vor rund dreißig Jahren datiert Trotzkis Einschätzung, dass die Macht, ohne den Anbruch der proletarischen Revolution im Westen, sogar fünfzig Jahre gehalten werden könne (also etwa bis zum Jahr 1975). Die Mörder Trotzkis und des Bolschewismus haben den Kapitalismus in der Industrie weitgehend aufgebaut – d.h. die Grundlagen des Sozialismus gelegt –, doch nur begrenzt in der Landwirtschaft. Was die Lebenszeit der stupiden Form des Kolchos angeht, sind auf die zwanzig Jahre Lenins noch mal zwanzig Jahre draufzuschlagen. Diese Entartungserscheinung des klassischen liberalen Kapitalismus würden sie heute am liebsten, im klammheimlichen Einvernehmen mit den Kapitalisten jenseits der Grenzen, in der Industrie und in den Lebensformen verbreiten. Man wird jedoch nicht bis 1975 auf die Produktionskrisen warten müssen, die beide im Wettstreit stehenden Lager erschüttern werden, Krisen, in denen die Heuschober und Hühnerställe ebenso auseinanderfliegen werden wie die winzigen Garagenfirmen und all die lumpigen Ausstattungen des modernen und schmutzigen kolchosianisch-häuslichen Ideals, dieses illusorischen Arkadiens eines volkstümelnden Kapitalismus.

  1. 15. Eine kürzlich erschienene Studie bürgerlicher Ökonomen in den USA über die internationale Dynamik des Handelsverkehrs rechnet damit, dass der gegenwärtige Wettlauf um die Eroberung der Märkte, der sich nach dem zweiten Weltkrieg auf den perfiden Puritanismus der helfenden Hand der USA abstützte, im Jahre 1977 einen kritischen Punkt erreichen wird. Demnach trennen uns noch zwanzig Jahre vom neuen Aufflammen der permanenten Revolution im internationalen Rahmen und dies deckt sich sowohl mit den Ergebnissen jener so fern liegenden Diskussion von 1926 wie mit den Ergebnissen unserer Untersuchungen in den letzten Jahren.[18]

Eine erneute Niederlage der Arbeiter kann nur unter der Bedingung vermieden werden, dass die Wiederherstellung der revolutionären Theorie nicht erst erfolgt, nachdem ein dritter Weltkrieg die Arbeiter erneut hinter all seine verfluchten Fahnen geschart hat (denken wir an die gigantischen Anstrengungen Lenins ab 1914), sondern lange vorher durch die Organisation einer Weltpartei, die ohne Zögern ihre eigene Diktatur anmeldet. Ein solches Zögern bedeutet die Liquidierung der Revolution und liegt in der Ohnmacht all derer, die über die Diktatur als Genuss eines Stückchens persönlicher Macht lamentieren und sich denen anschließen können, die die russische Entwicklung mit Palastrevolutionen von „großen Männern“, Verrätern, Demagogen oder ähnlichen Säbelrasslern erklären.

Im Verlauf der kommenden zwanzig Jahre werden Industrieproduktion und Welthandel eine Krise vom Ausmaß der amerikanischen Krise von 1932 erleben, die diesmal den russischen Kapitalismus nicht verschonen wird. Diese Krise wird die Grundlage für die Rückkehr entschlossener, gleichwohl in der Minderheit befindlicher, aber nicht mehr mikroskopisch kleiner proletarischer Gruppen zu den marxistischen Positionen abgeben können, weit entfernt von der Apologie antirussischer Pseudorevolutionen wie in Ungarn, wo Bauern, Studenten und Arbeiter in stalinistischer Manier (d.h. im Namen des „Volkes“) Seite an Seite kämpften.

Kann man es wagen, ein Schema der zukünftigen internationalen Revolution aufzustellen? Das Zentrum dieses Gebietes wird in den Ländern liegen, die auf die Verwüstungen des zweiten Weltkrieges mit einem mächtigen Wiederaufschwung der Produktivkräfte antworteten: in erster Linie Deutschland, Ostdeutschland eingeschlossen, Polen und die Tschechoslowakei. Das Kerngebiet des mit der erbarmungslosen Enteignung aller Besitzer „volkseigenen“ Vermögens einhergehenden proletarischen Aufstands dürfte zwischen Berlin und dem Rhein liegen und Norditalien und den Nordosten Frankreichs rasch in die Bewegung hineinziehen.

Eine derartige Perspektive wird den Einfaltspinseln nicht zugänglich sein, die diesbezüglich keinem der kapitalistischen Länder auch nur eine Stunde des Überlebens zugestehen wollen. Für sie sind alle kapitalistischen Länder gleich und reihenweise zu exekutieren, selbst wenn sie dafür nur über Hinterladerspritzen statt über Atomraketen verfügen.

Dass Stalin und seine Nachfolger auf revolutionäre Weise Russland industrialisierten, während sie konterrevolutionär das Weltproletariat kastrierten, wird die kommende Revolution zeigen, für die Russland eine Reserve an Produktivkräften und erst später an revolutionären Armeen stellen wird.

Im Verlauf dieser dritten geschichtlichen Welle der Revolution wird Kontinentaleuropa politisch wie gesellschaftlich kommunistisch werden – oder der letzte Marxist wird vom Erdboden verschwunden sein.

Der englische Kapitalismus hat bereits die Reserven verpulvert, die es ihm erlaubten, wie Marx und Engels ihm vorhielten, die englischen Arbeiter auf Labour-Art zu verbürgerlichen. Im kommenden entscheidenden Zusammenstoß wird auch der amerikanische Kapitalismus, der zehnfach so blutsaugerisch und unterdrückend ist, dieser Reserven verlustig gehen. Der schmutzige Wettbewerb von heute wird durch das gesellschaftliche mors tua vita mea[19] ersetzt werden.

  1. 16. Aus diesem Grund gedachten wir hier nicht so sehr der vergangenen vierzig Jahre, sondern der zwanzig Jahre, deren Ablaufen und deren Auswirkungen abzuwarten sind.

Quelle:

„Quarant’anni di una organica valutazione degli eventi in Russia nel drammatico svolgimento sociale e storico internazionale“, il programma comunista, Nr.21, 8-25.11.1957

Trotzki, Rede vor der 15. Parteikonferenz, 1.November1926[20] (Auszüge)

Wenn Sie fragen, ob es im Lande genügend Kräfte und Mittel gibt, um unabhängig davon, was in der übrigen Welt vor sich gehen wird, im Verlauf von 30 oder 50 Jahren den Aufbau des Sozialismus zu Ende zu führen, dann sage ich: Diese Art, die Frage zu stellen, ist selbst völlig falsch. Wir haben genügend Kräfte, um den sozialistischen Aufbau vorwärts zu bringen und dadurch dem internationalen revolutionären Proletariat zu helfen, dessen Chancen, im Verlauf von 10, 20, 30 Jahren die Macht zu erobern, keineswegs geringer sind als die unseren, den Sozialismus aufzubauen; keineswegs geringer, sondern größer!

Ich frage Sie, Genossen, und dies ist der Kern, das Zentrum der ganzen Frage, was in Europa vor sich gehen wird, während wir den Sozialismus aufbauen? Sie sagen: Wir werden den Sozialismus in unserem Lande unabhängig davon aufbauen, was in dieser Zeit in der Welt passiert. Gut. Wieviel Zeit benötigen wir für den Aufbau des Sozialismus? Iljitsch meinte, daß wir angesichts der Rückständigkeit unseres Bauernlandes den Sozialismus in 20 Jahren noch keineswegs aufgebaut haben werden, auch nicht in 30 Jahren. Nehmen wir 30-50 Jahre als Minimum an. Und da frage ich Sie, was in dieser Zeit in Europa geschehen wird? Ich kann doch keine Prognose für unser Land aufstellen ohne eine Prognose für Europa. Da kann es einige Varianten geben. Wenn Sie sagen, das europäische Proletariat werde selbstverständlich in 30-50 Jahren die Macht erobern, dann ist auch die Frage erledigt; denn wenn es im Verlauf der nächsten 10, 20, 30 Jahre die Macht übernimmt, dann sind die Positionen des Sozialismus sowohl bei uns als auch im internationalen Maßstab gesichert. Offensichtlich meinen Sie aber, man müsse von der Perspektive ausgehen, daß das europäische Proletariat in den kommenden 30 Jahren die Macht nicht erobern wird. Was soll sonst Ihre ganze Prognose? Ich frage also: Was wird in dieser Zeit in Europa vor sich gehen? Hier sind, rein theoretisch, drei Varianten möglich. Entweder wird Europa, wie gegenwärtig, sich um das Vorkriegsniveau herum bewegen, Proletariat und Bourgeoisie werden auf und nieder schwanken und sich gegenseitig im Gleichgewicht halten. Aber wir nennen dieses »Gleichgewicht« ein unbeständiges, eben weil es... unbeständig ist. Diese Situation kann nicht 20, 30, 40 Jahre andauern. Sie muß nach der einen oder anderen Seite hin entschieden werden.

Meinen Sie, daß der Kapitalismus ein neues dynamisches Gleichgewicht finden wird, meinen Sie, daß der europäische Kapitalismus sich eine neue Periode des Aufschwungs sichern kann, eine erweiterte Reproduktion jenes Prozesses, der vor dem imperialistischen Krieg stattfand? Wenn Sie davon ausgehen, daß dies möglich ist (ich hingegen glaube, daß der Kapitalismus keine derartigen Chancen hat), wenn man dies für einen Augenblick theoretisch annimmt, dann hieße das, daß der Kapitalismus im europäischen und im Weltmaßstab seine historische Mission noch nicht erfüllt hat, daß es sich nicht um einen imperialistischen, faulenden Kapitalismus handelt, sondern um einen sich entwickelnden Kapitalismus, der Wirtschaft und Kultur vorwärtsbringt. Das aber hieße, daß wir zu früh gekommen sind.

(…)

Geht man also davon aus, daß der europäische Kapitalismus sich im Laufe der nächsten 30 - 50 Jahre, die wir brauchen, um den Sozialismus aufzubauen, aufwärtsentwickeln wird, dann muß man zu der Schlußfolgerung kommen, daß wir erdrosselt oder vernichtet werden, denn ein sich entwickelnder Kapitalismus wird, neben allem anderen, auch über eine entsprechende Militärtechnik und überhaupt über die entsprechenden Mittel verfügen. Zudem wissen wir, daß ein mächtig aufsteigender Kapitalismus mit Hilfe der Arbeiteraristokratie die Massen zum Krieg aufwiegeln kann. Eine solch düstere Perspektive ist meines Erachtens in Anbetracht der weltwirtschaftlichen Entwicklung insgesamt ausgeschlossen. Jedenfalls können wir die Perspektive des Sozialismus in unserem Lande nicht darauf aufbauen.

Dann bleibt eine zweite Perspektive: die eines verfallenden und verfaulenden Kapitalismus. Aber gerade das ist die Basis, auf der das europäische Proletariat — langsam, aber sicher — die Kunst der Revolution erlernen wird.

Kann man sich vorstellen, daß der europäische Kapitalismus im Laufe von 30 bis 50 Jahren verfault, das Proletariat aber unfähig ist, die Revolution zu vollbringen? Ich frage, warum ich von einer solchen Annahme ausgehen sollte, von der man sagen muß, daß sie von einem unbegründeten, schwarzen Pessimismus in bezug auf das europäische Proletariat zeugt, während gleichzeitig in bezug auf den Aufbau des Sozialismus mit den isolierten Kräften unseres Landes ein unkritischer Optimismus zur Schau getragen wird? Warum muß ich als Kommunist theoretisch oder politisch davon ausgehen, daß das europäische Proletariat im Verlauf von 40-50 Jahren nicht die Macht erobern wird? (Wenn es sie erobert, entfällt damit auch die Streitfrage.) Ich behaupte, daß es keinerlei theoretischen oder politischen Grund für die Annahme gibt, es sei für uns leichter, zusammen mit der Bauernschaft den Sozialismus aufzubauen, als für das europäische Proletariat, die Macht zu erobern.[21]

Bordiga, der Marxismus und die Frage der Voraussage (Auszüge)

Aus. „Lenin auf dem Weg der Revolution“; Prometeo, Nr. 3, 1924

„Wenn wir uns die Tätigkeit einer marxistischen Partei unter dem rein theoretischen Gesichtspunkt der Untersuchung der Lage und ihrer Entwicklungsgänge vor Augen halten, können wir als sicher annehmen, dass es unter der Bedingung der höchst möglichen Genauigkeit dieser Untersuchung zumindest in allgemeinen Zügen möglich sein sollte zu erkennen, wie nahe oder entfernt die entscheidende revolutionäre Krise ist. Zunächst jedoch werden die Schlussfolgerungen der marxistischen Kritik, in dem Maß, in dem sich das Proletariat als immer bewusstere Klasse herausbildet, laufend überprüft, wobei jenem höchsten Grad an Genauigkeit möglichst nahe zu kommen ist. Zum anderen: Eher als den Anspruch einer korrekten Voraussage kennzeichnet unsere Vorgehensweise, bewusst den Determinismus anzuwenden, um zu Ergebnissen zu kommen, in denen die gegebene These durch bestimmte Prämissen bedingt ist. Uns liegt weniger daran zu wissen, was geschehen wird, als daran, sagen zu können, wie ein bestimmter Prozess verlaufen wird, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, und was anders verlaufen wird, wenn die Voraussetzungen andere sind. Die wesentliche Aussage Marx‘ und Lenins, die wir uns als niemals widerlegt zu eigen machen, ist die, dass der moderne Kapitalismus allgemein die notwendigen Voraussetzungen der proletarischen Revolution erzeugt. Tritt diese ein, wird sie nach einem bestimmten Prozess verlaufen, dessen große Linien von uns als Ankunftspunkt einer umfassenden, aus der Erfahrung gespeisten Kritik ausgesprochen wurden.“

Aus: „Russland und Revolution in der marxistischen Theorie“, Versammlung in Bologna, Il programma comunista“, Nr. 21-23, 1954 und Nr. 1-8, 1955; Teil I, § 14: „Der Krieg komme!“;

„(…) dieses mit dem revolutionären Fötus schwangere Weib“ [Europa] „verschiebt immer wieder die große Niederkunft, die wir seit einem Jahrhundert erwarten, und im dramatischen Turnus treibt sie die Frucht schmählich ab. Wehe, wenn sich die schrecklich lebendige, sehnsüchtig Erwartete auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts aus dem einmal mehr geschwollenen Bauch inmitten von Eisen, Feuer und Blut nicht ihren Weg bahnen kann!“

Ebd., Teil I, § 22: „Anweisung Engels‘ zu russischen Angelegenheiten“

Nachdem Bordiga in die Schriften Engels – „Soziales aus Rußland“ von 1875, 1894 mit einem Nachwort wiederveröffentlicht – eingeführt hat, die er als „letzte Reserve an weitreichender und intakter Munition“ bezeichnet, fährt er so fort:

„Die Antworten des Marxismus auf die Fragen bezüglich der Zukunft sind jedes Mal alternativ. Sie enthalten ein Wenn. Wenn ihr bürgerlichen Hunde zur Hölle fahrt, dann nicht auf einem friedlichen und legalen Weg, sondern mittels der Diktatur und des Terrors. Die Gewissheiten sind negative Gewissheiten: Wenn das Proletariat so blöd ist, den Sozialismus friedlich und verfassungskonform errichten zu wollen, dann wird es erledigt sein. Das mit dem Wenn ist immer der Fall, wie in dem, der uns bestens bekannt ist: Russland wird den Weg zum Kommunismus abkürzen können, WENN es in Europa die proletarische Revolution gibt. Ist unser Glaube an die Unausbleiblichkeit der proletarischen Revolution also nicht unerschütterlich? So lautet gewöhnlich die Frage! Wir behaupten ihre Unausbleiblichkeit in zahllosen Textstellen, aber auf Grundlage einer Hypothese, die wir mit dem Gegner teilen: dass nämlich die Entwicklung der Produktivkräfte in den kapitalistischen Formen und in der kapitalistischen Hülle weitergeht – die in dem Fall gesprengt wird. Doch jede Voraussicht ist an Vorbedingungen geknüpft. Alle alten Orakel können auf zweierlei Art gelesen werden – und wir erheben niemals Anspruch auf Orakel. Die Prophetie ist nichts für Trottel. Unter Trottel verstehen wir allerdings nicht diejenigen, die wenig Hirn mitbekommen haben, sondern die, die an den Determinismus der Klasseninteressen geschmiedet sind, auch der Klasse, der sie nicht angehören.“

Hier kommt Bordiga zur russischen Frage:

„ Enthüllen wir also, oh Ödipus, diese neue, verborgene Wahrheit!

1875 wurde in Russland eine rasche Entwicklung zum Sozialismus für möglich gehalten, der eine klare historische Hypothese zugrunde lag: Sturz des zaristischen Despotismus und Sturz – nicht „phasenverschoben“, sondern zeitgleich – Sturz des westlichen Kapitalismus.

Zu den zwei traditionellen Faktoren – der konterrevolutionären Funktion des autokratischen russischen Staates in Europa, sowohl in Hinsicht auf die liberalen Revolutionen als auch auf die sozialistischen Revolutionen, und Bevorstehen einer liberalen Revolution gegen den Zarimsus – kommt ein dritter Punkt, den Engels in das Studium einschließt: mögliche Verbindung des Fortlebens des ursprünglichen Kommunismus“ [Gemeinde-Eigentum] „und dem Anbruch des proletarischen Sozialismus.

1875 schien diese Verbindung noch möglich – unter dem Vorbehalt immer desselben WENN! 1894 schien diese positive Alternative aufgrund der Entwicklung des Kapitalismus (gleichwohl zur reinen kapitalistischen Hölle erklärt) in Russland weniger wahrscheinlich; Engels bekräftigt das. Heute, 1954, gibt es diese Alternative nicht mehr, da es die notwendige Vorbedingung nicht mehr gibt. Der zaristische Staat ist zerstört und zerfallen. Die kapitalistischen Staaten im Westen sitzen fest im Sattel.

Hätten wir die kapitalistische Etappe abgekürzt oder gar übersprungen, hätte das marxistische Orakel klar versagt. Aber wir haben überhaupt nichts abgekürzt. Nicht Russland, Europa hat auf ganzer Linie versagt.“

Ebd., Teil I, § 39: „Nach dem Urteilsspruch“

„Die Überprüfung der Voraussagen ist von größter Bedeutung, um deutlich zu machen, dass wir „Ortho-Marxisten“ trotz aller Diarrhoe-Produkte der Verräter fest entschlossen sind, uns nicht zu verstecken.

Ein Kommentar zum jüngsten Buch von Santonastaso „il Socialismo francese da Saint-Simon a Proudhon“ will – indem darauf eingegangen wird, dass laut den Marxisten jeder utopistische Sozialismus nicht marxistisch und jede marxistische Position frei von Utopismus ist – den klaren Gegensatz zwischen utopistischem Sozialismus und wissenschaftlichem Sozialismus in Zweifel ziehen. Zitiert wird just Engels, aber wie üblich ist die Frage falsch gestellt, und wie üblich behaupten sie, Marx habe es immer verabscheut, Schemata der Zukunft aufzustellen (womit ein Giftmischer den jeweils nächsten bis hin zu Stalin infizierte). Im Wesentlichen ist der Marxismus gerade eine Voraussicht der Zukunft. Der Utopismus, ist richtig verstanden, keine Voraussicht, sondern ein Vorschlag, die Zukunft zu gestalten. Die gesamte Arbeit der Voraussicht vollbringt der Marxismus, indem er das vergangene und gegenwärtige Geschehen erklärt und die historisch-gesellschaftlichen Gesetze untersucht; er erkennt einer Klasse und ihrer Partei die Fähigkeit zu, die gegebenen Ereignisse zu erklären und die kommenden vorauszusehen. Der Utopismus lässt sich nur – zumindest sagt er das – vom großherzigen Willen und besonnenen Rationalismus eines Reformers leiten, aber stets gibt er den Interessen- und Klassengegensatz der modernen Zeit eine Stimme und nimmt im mehr oder weniger höheren Maß die „wissenschaftlichen“ Schlussfolgerungen vorweg (es gibt zahlreiche Textstellen von Marx und Engels, die voll des Lobes für Saint-Simon sind). Für das utopistische System ist das Ausbleiben einer besseren Gesellschaft kein entscheidender Beweis gegen sie, diese Tatsache beweist nur, dass die Menschen schlecht sind oder taub oder … Pech haben. Für den Marxismus sind gerade die Voraussagen die Feuerprobe, und einen anderen Sinn hat das Wort „wissenschaftlich“ auch nicht (einverstanden damit, dass für die Propagandaschlacht einer Partei, die durch jede Zeile von Marx und Engels lebendig ist, unsere Sache mittels knapper und strenger Formulierungen auf den Punkt gebracht werden muss). Erweisen sich unsere Voraussagen stets als falsch, soll uns der Teufel holen; dann überlassen wir den großen Politikern, die ihre Fahnen allzeit nach dem Wind drehen, das Feld.“

Ebd., Teil II, § 1: „Originelles Ende des Ancien Régime“

„Die Untersuchung und Erklärung eines historischen Entwicklungsganges und die Aufdeckung seiner Gesetze hätten nichts zu sagen, würden sie nicht in eine zwar gewagte, aber keineswegs nebelhafte Prophetie resultieren, in eine Hypothek – jawohl, meine Herren – auf die Zukunft. Theoretischer Bankrott, wenn sie nicht, über kurz oder lang, bei Fälligkeit getilgt wird, und wenn lang, auf Rechnung und Gefahr jener Produktionsweisen, die nur widerwillig abtreten.“

Ebd., Teil II, § 2: „Leoninische Übereinstimmungen“

„(…) bestätigt sich ein weiteres Gesetz. Der kapitalistische Pharisäer soll sich nicht zu sehr über die Verspätung dessen freuen, was zu seinem Schrecken „geschrieben steht“, denn er wird die Atempause büßen, die er dadurch erhält, dass der von uns theoretisierte katastrophische Charakter seines Endes noch weitaus eklatanter bestätigt werden wird.“

Aus: „Die großen historischen Fragen der Revolution in Russland“, Il programma comunista, Nr. 15-16, 1955; § 26: Wohin geht Russland?“;

„Das heutige konterrevolutionäre Phänomen besteht nicht im Wettlauf um die Industrialisierung und dem sagenhaften Tempo der Akkumulation, erst recht nicht im Wiederaufschwung und der Modernisierung Asiens; es besteht in der alles überdeckenden Maskierung, die vorgaukelt, den Sozialismus aufgebaut zu haben, es besteht in der Zerstörung des Potentials des Weltproletariats, den echten Sozialismus zu erringen, es besteht in der allen Kapitalismen verschafften und in den Friedenskampagnen bekräftigten Möglichkeit, die Wellen der historischen Erdbeben zu überstehen.

Wir, genauso wie die kommenden proletarischen Generationen, müssen dem westlichen Kapitalismus in einer Schlacht gegenübertreten, die noch vor dem Waffengebrauch theoretisch zu schlagen ist. Der Kapitalismus im Osten brüstet sich mit „Vollbeschäftigung“ all jener in der Stadt und auf dem Land, die nahezu Hungerkünstler sind. Die Satrapen im Westen und in Übersee, die uns das Geheimnis und die Sprache des Marxismus geklaut haben, machen hingegen viel Wind, weil die Arbeitsproduktivität bis zum automatischen Maschinensystem (das sie heute auf unseren, vor hundert Jahren geschriebenen Seiten entdeckt haben, wo es als Synonym für Kapitalismus stand[22]) potenziert und mehr noch der Umfang der Konsumtion durch künstliche und wahnwitzige Bedürfnisse gesteigert wurde (ein Konsum, der auf Kredit läuft und von niemandem bezahlt wird), womit der Wohlstand und der Lebensstandard auf die Spitze getrieben und die Arbeitszeit gesenkt worden sei. Das ist der „boom“, der zum schwarzen Tag führt.

Eine Generation ist nicht zu viel, damit die Arbeiterklasse wieder das ganze Feld der fieberhaften Produktivität, einer organisch organisierten Produktion bei rationellem Konsum, einer drastisch verkürzten Arbeitszeit einfordert und die monströse Maschine im Westen wie im Osten überrollt. Eine Generation wirksamer Arbeit ist nicht zu viel, es sind die zwanzig Jahre des alten Petty[23], zwanzig Jahre, von heute, 1955, an gerechnet.“

 

[1] Il programma comunista, Nr. 21, 1957. Übersetzung von „Kommunistisches Programm“, Broschüre „Revolution und Konterrevolution in Russland“, 2. Auflage 1976, unter dem Titel „Der Marxismus und Russland“. Selbiger Text wurde bereits im Dezember 1969 in anderer Übersetzung unter dem Titel „40 Jahre russische Ereignisse in der organischen Bewertung des revolutionären Marxismus“ in der damaligen Zeitung der IKP „Internationale Revolution“ veröffentlicht.

[2] Vorrede zur zweiten russischen Ausgabe des „Manifest der Kommunistischen Partei; das Zitat geht wie folgt weiter: „ …so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen.“ Allerdings datiert die „erste Antwort“ von 1882 und nicht 1877.

[3] Bordiga zitiert aus Engels‘ „Nachwort (1894) zu „Soziales aus Rußland“, worin Engels wiederum aus dem Brief von Marx zitiert (siehe MEW 18, S. 671). Dieser Brief, der nicht abgesandt wurde, datiert von 1877, nicht 1882.

[4] „Soziales aus Russland“ (1875, in MEW 18, S. 556ff.) und Nachwort dazu (1894, in MEW 18, S. 663ff.).

[5] In MEW 7, S. 327 ff.

[6] Versammlung in Bologna; “Il programma comunista“, Nr. 21, 1954 bis Nr. 8, 1955.

[7] Munizipalisierung bedeutet, den überlebten, mittelalterlichen Anteillandbesitz mit der Aufhebung des Privatbesitzes an Grund und Boden zu vereinen, eine, wie Lenin sagt, rein mechanische Vereinigung, wobei die Frage nur darin besteht, wie die Rente verteilt werden soll, während bei der Nationalisierung, der fortschrittlichsten, theoretisch idealen Regelung der Bodenverhältnisse, die landwirtschaftlichen Unternehmer den Landarbeitern den Lohn auszahlen und die Rente an den Staat entrichten. Siehe Fußnote 8

[8] „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie“, Lenin Werke, Band 13, S. 295 (im Originaltext ist das Zitat irrtümlich aus „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie“ angegeben).

[9] „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, Lenin, Ausgewählte Werke, Band I, Berlin 1970, Seiten 567, 558, 591.

[10] Ebd. S. 643

[11] Siehe Fußnote 6.

[12] MEW 17, S. 276.

[13] Versammlung in Neapel und Genua, Il p.c. 1955.

[14] Der Abbruch der Friedensverhandlungen Ende Januar 1918 in Brest-Litowsk gab den Deutschen den Vorwand, den Waffenstillstand zu brechen und erneut eine militärische Offensive zu starten. Am selben Tag (18. Februar) konnte Lenin endlich eine Mehrheit des ZK von der Notwendigkeit eines Friedensvertrages überzeugen, der am 3. März unterzeichnet wurde. „ … solange nicht eine internationale, mehrere Länder umfassende sozialistische Revolution ausgebrochen ist, die so stark ist, daß sie den internationalen Imperialismus besiegen könnte, solange ist es die direkte Pflicht der Sozialisten, die in einem einzelnen (besonders rückständigen) Lande gesiegt haben, keinen Kampf gegen die Giganten des Imperialismus aufzunehmen … [LW 27, S. 319]

[15] Gemeint ist natürlich Russland.

[16] Vgl. Stalin Werke 9, S. 19.

[17] Vgl. Trotzki, Schriften; Linke Opposition und IV. Internationale, Band 3.1, 1923-1926, Rasch und Röhring Verlag.

[18] Vergleiche im Anhang: Auszüge aus den Versammlungen in Bologna, Neapel und Genua.

[19] Lat. Dein Tod ist mein Leben.

[20] Die 15. Parteikonferenz der KPdSU fand vom 26. Oktober bis zum 3. November 1926 in Moskau statt. Trotzki, der „eine seiner größten Reden“ hielt (Deutscher, Trotzki, Bd. 2, S. 290), trat hier zum letzten Mal vor einer Konferenz (bzw. einem Parteitag) der KPdSU auf.

[21] Trotzki, Schriften, 1923-1926, Rasch und Röhring Verlag, 1997, Bd. 3.1, S. 579-581.

[22] Siehe etwa: MEW 42, S. 591-609.

[23] „In der Tat spricht er“ [Petty, Sir William, 1623-1687, „Begründer der modernen politischen Ökonomie, einer der genialsten und originellsten ökonomischen Forscher“, sagt Marx] „vom ‚natürlichen Wert des frei verkäuflichen Bodens‘. Nun, sein Vorgehen ist hier wirklich von besonderer Art: Er fragt sich, wie viel Jahresrenten der Boden wert ist, in anderen Worten, wie viel Geld, nach dem aktuellen Wert, der Käufer bereit ist vorzuschießen. Petty sagt, diese Jahre entsprechen der Lebensdauer, die ein Mann von 50 Jahren, einer von 28 und ein anderer von 7 Jahren, also Großvater, Vater und Sohn gleichzeitig Aussicht haben zu leben – an eine fernere Nachkommenschaft braucht nicht gedacht zu werden. Die drei Leben werden im damaligen England auf 21 Jahre geschätzt, folglich beläuft sich der Wert des Landes auf 21 Jahresrenten“ [„Stregoneria della rendita fondiaria“: Il programma comunista, Nr. 22, Dezember 1953. Auf dieser Seite unter Rubrik „Filo del tempo“, 1953-12-04 – Hexerei der Grundrente; es handelt sich um das zweite Kapitel einer Textreihe zur Agrarfrage, die den Titel trägt: „Niemals wird die Ware den Hunger des Menschen stillen“].