Im Faden der Zeit [101]

Dialog mit Stalin

II. Zweiter Tag

Um die Wirtschaft des heutigen Russlands präzise zu definieren, haben wir uns am ersten Tag dieser Auseinandersetzung mit Stalins „Antworten“ auf unsere marxistischen Untersuchungen und Darlegungen hauptsächlich damit befasst, die Unvereinbarkeit von Warenproduktion und sozialistischer Wirtschaft hervorzuheben. Für uns definiert sich jedes System der Warenproduktion in der modernen Welt, einer Welt der assoziierten Arbeit, d.h. der Zusammenfassung der Arbeiter in Produktionsbetrieben, als kapitalistische Wirtschaft.

Kommen wir nun zur Frage der Stadien der sozialistischen Wirtschaft (besser: der sozialistischen Organisation) und der Unterscheidung zwischen unterer und höherer Stufe des Kommunismus. Um von der Definition von „unbeweglichen“ und daher abstrakten Systemen wegzukommen und um uns auf den Boden der Geschichte zu stellen, nehmen wir die zentrale Aussage unserer Doktrin vorweg: Der Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Ökonomie vollzieht sich nicht mit einem Schlag, sondern in einem langen Prozess. Wir müssen also davon ausgehen, dass es für eine ziemlich lange Periode eine Koexistenz von privatwirtschaftlichen und kollektivwirtschaftlichen Sektoren, von kapitalistischen (und vorkapitalistischen) und sozialistischen Bereichen geben kann. Aber wir präzisieren schon jetzt, dass jeder Bereich, jeder Sektor, in dem Waren (einschließlich der menschlichen Arbeitskraft) zirkulieren, ge- und verkauft werden, kapitalistische Ökonomie ist.

In der jetzt verbreiteten und uns inzwischen vorliegenden Schrift erklärt Stalin, dass im russischen Agrarsektor die Warenproduktion bzw. Marktwirtschaft bestehe (er bestätigt ferner die Existenz der Privatwirtschaft, insofern sich auch bestimmte Produktionsmittel in Privatbesitz befinden), und er beteuert, der Industriesektor (Großindustrie) produziere nur dann Waren, wenn Konsumgüter, aber nicht, wenn „Produktionsgüter“ hergestellt werden. Nichtsdestotrotz gibt er sich überzeugt, nicht nur den Sektor der Großindustrie, sondern die gesamte russische Wirtschaft als sozialistisch kennzeichnen zu können, obwohl doch die Warenproduktion auf breiter Ebene fortlebt.

Wir haben auf all dies bereits in unseren Texten geantwortet, die sich mit den grundlegenden Schriften des Marxismus und den Daten der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte befassten; heute müssen wir zur Frage der „ökonomischen Gesetze“, insbesondere des „Wertgesetzes“ übergehen.

Klares und Unklares

Merken wir zunächst an: Um den Einwänden russischer Ökonomen entgegenzutreten, die sich auf Engels beriefen, um klarzustellen, dass man erst dann aus dem Kapitalismus herauskommt, wenn man aus der Warenproduktion herauskommt, dass der Kapitalismus erst dort überwunden wird, wo die Warenproduktion überwunden wird, versucht Stalin lediglich, aus einer einzigen Stelle des „Anti-Dühring“ etwas anderes herauszulesen als drinsteht, wo doch im gesamten Abschnitt „Sozialismus: Theoretisches – Produktion – Verteilung“ Engels die angesprochene These entwickelt – und zwar hervorragend zugeschnitten auf den Stalinisten Dühring.

Die Stelle lautet: „Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten“ [MEW 20, S. 264].

Engels, bemerkt Stalin, habe nicht präzisiert, ob es sich um „sämtliche“ oder nur um „einen Teil“ der Produktionsmittel handelt. Die Unterscheidung mag einem vielleicht, vielleicht auch nicht, besonders schlau vorkommen, vom theoretischen Gesichtspunkt aus ist sie jedenfalls falsch. Allein, so Stalin weiter, die gesellschaftliche Besitzergreifung „sämtlicher“ Produktionsmittel (Klein- und Großindustrie, Landwirtschaft) erlaube es, das System der Warenproduktion „zu beseitigen“. Donnerwetter auch!

Um 1919 haben wir uns mit Lenin (und Stalin) bis zur Erschöpfung darum bemüht, den harten Schädeln der Sozialdemokraten und Anarchisten einzutrichtern, dass die Produktionsmittel nicht an einem Tag und per Handstreich erobert werden können und dass gerade deswegen – und nur deswegen – der Terror, die Diktatur notwendig ist. Und heute sollen neue Lehrbücher der politischen Ökonomie veröffentlicht werden, damit das Unding akzeptiert wird, dass alle Produkte schlagartig an dem Tag ihren Warencharakter verlieren, an dem ein zum Kreml aufgestiegener Funktionär irgendeinem Stalin die Verordnung zur Unterschrift vorlegt, die das letzte Huhn des letzten Mitglieds des letzten Kolchos enteignet.

An einer anderen Stelle spricht Engels von der Besitzergreifung aller Produktionsmittel, weshalb wir uns jetzt anhören müssen, dass man die oben zitierte „Formel von Engels nicht als völlig klar und genau bezeichnen kann“ [Stalin, S. 11].

Beim Barte des Propheten Abraham, das ist starker Tobak! Ausgerechnet Friedrich Engels, der nachdenkliche, ruhige, scharf definierende, kristallklare Friedrich, Meister in der Geduld, einen leckschlagenden Kahn wieder flottzumachen und die historische Lehre wieder gerade zu rücken; dessen Bescheidenheit und Tüchtigkeit unerreichbar sind (hinter dem ungestümen Marx, der mitunter aufgrund seines weiten Blicks und seiner glänzenden Sprache schwer verständlich erscheinen mag, und wegen dieser Stärke vielleicht – vielleicht – leichter zu verfälschen ist); Engels, dessen Sprache so fließend ist und der aus Naturgabe und wissenschaftlicher Disziplin weder ein notwendiges Wort auslässt noch ein überflüssiges hinzufügt: ausgerechnet ihn bezichtigt man des Mangels an Genauigkeit und Klarheit!

Man muss die Dinge an ihren richtigen Platz stellen: Wir sind hier nicht im Organisationsbüro oder im Agitationskomitee, wo du, Ex-Genosse Josef, dir vielleicht einbilden konntest, Engels das Wasser zu reichen. Wir sind hier in der Schule der Prinzipien. Wo ist denn von Besitzergreifung aller Produktionsmittel die Rede? Etwa da, wo es um Waren geht? Niemals. „Die Besitzergreifung aller Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat“, daran erinnert Engels, „seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt“ [MEW 20, S. 262]. Eben weil es für uns nicht mehr eine Sache des Ideals, sondern der Wissenschaft ist, können wir ein „mehr oder weniger“ klar bzw. unklar nicht durchgehen lassen.

Und wenn Engels ein paar Seiten weiter von der Gesellschaft als Herrin sämtlicher Produktionsmittel spricht, so gerade in der Passage, wo er die Gesamtheit der Forderungen behandelt: Denn einzig durch diese Umwälzung wird die Emanzipation aller Individuen erreicht werden. Engels zeigt dann, dass die Aufhebung der Trennung zwischen Stadt und Land, Hand- und Kopfarbeit, der gesellschaftlichen und beruflichen Arbeitsteilung schon von den Utopisten, insbesondere den kühnen Fourier und Owen gefordert wurde (Stalin gibt zwar die ersten beiden Trennungen zu, behauptet aber, wieder theoretisch schwer im Irrtum: „Dieses Problem wurde von den Klassikern des Marxismus nicht behandelt“ [Stalin, S. 28]): Bei beiden soll die Bevölkerung sich in Gruppen von 1600 bis 3000 über das Land verteilen, geistige und körperliche Arbeit unterliegen einem ständigen Wechsel. Engels wirft diesen berechtigten und erhabenen Forderungen einen einzigen Mangel vor: Den fehlenden Beweis (den erst der Marxismus erbrachte) ihrer Realisierung auf der Grundlage des damals erreichten und nunmehr überbordenden Entwicklungsstandes der Produktivkräfte. Den höchsten revolutionären Sieg vorwegnehmend, beschreibt Engels eine „Organisation der Produktion“, in der hinsichtlich der produktiven Arbeit „aus einer Last eine Lust wird“ [MEW 20, S. 274] und erinnert an die geschlossene Beweisführung des 12. Kapitels im I. Band des „Kapital“ über die Zerstörung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und des den Menschen verkrüppelnden Fabrikdespotismus. Weder Stalin noch Malenkow[1] können sich rühmen, diesbezüglich einen Schritt vorwärts getan zu haben. Im Gegenteil: Stachanowismus und Sturmowchina[2] (dialektische Reaktionen von armen, verkrüppelten Opfern auf die Despotie in den mit einem Heiligenschein umgebenen „Schwitzbuden“) sind der Beweis dafür, dass in Richtung des alles erdrückenden Kapitalismus marschiert wird.

Stalin bagatellisiert jene Postulate, indem er sie auf das „Verschwinden des Interessengegensatzes“ zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen körperlich Arbeitenden und dem „leitenden Personal“ reduziert. Es geht aber um was ganz anderes: Um die Abschaffung einer Gesellschaftsorganisation, in der die Aufteilung der Menschen auf diese Sektoren und Funktionen einer strikten Arbeitsteilung gehorcht.

Wo haben diese Passagen Engels’ jemals dazu berechtigt zu sagen, es sei für das gewaltige Bauwerk der zukünftigen Gesellschaft nicht nötig, mit jedem Spatenstich die Warenproduktion zu zerstören, eine Stellung nach der anderen in ihren stinkenden Schützengräben zuzuschaufeln?

Wir können hier natürlich nicht für Stalin die ganzen Kapitel wiedergeben, aber wie üblich zitieren wir die wesentlichen, weil klaren und unmissverständlichen Stellen, die wir ohne Vorbehalt akzeptieren und nicht etwa cum grano salis. Wir wissen aus alter Erfahrung, wie solche Salzkörnchen sich in Berge verwandelt haben.

Engels: „Die Austauschbarkeit von Produkten gleicher gesellschaftlicher Arbeit gegeneinander, also das Wertgesetz, ist das Grundgesetz grade der Warenproduktion, also auch der höchsten Form derselben, der kapitalistischen Produktion“ [MEW 20, S. 291]. Es folgt der berühmte Passus, in dem Dühring vorgehalten wird, dass er sich genauso wie Proudhon die zukünftige Gesellschaft wie eine Marktwirtschaft vorstellt und nicht sieht, wie er damit eine kapitalistische Gesellschaft beschreibt. „Eine Phantasiegesellschaft“, sagt Engels [MEW 20, S. 291]. Immerhin beschreibt Stalin in seiner nicht zu verachtenden Schrift eine reale kapitalistische Gesellschaft.

Marx: „Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben“ [MEW 23, S. 92]. Allein dieser Satz ist ein ganzes revolutionäres Programm. Mit dem zukünftigen Erreichen dieser Form der gesellschaftlichen Organisation, lapidar als Kommunismus bezeichnet, kehrt man zu Robinson zurück, von dem man ausgegangen war. Was heißt das? Robinsons Produkt war keine Ware, sondern ein Gebrauchsgegenstand, da es – of course – noch keinen Tausch gab. Mit Adlerschwingen wird die gesamte Menschheitsgeschichte überflogen: „Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier“ („hier“ heißt: in der kommunistischen Assoziation), „nur gesellschaftlich statt individuell“ [MEW 23, S. 92]. Das einzig notwendige Lehrbuch ist die Fibel, um lesen zu lernen! Und man lese: Das Arbeitsprodukt hört erneut auf, Ware zu sein, wenn die Gesellschaft sozialistisch ist. Dann kommt Marx zur Gegenüberstellung diesesStands der Dinge“ (des Sozialismus) mit der Warenproduktion und zeigt, dass das eine das dialektische, vollkommene, unerbittliche und unversöhnliche Gegenteil des anderen ist.

Gesellschaft und Vaterland

Bevor wir jedoch zur Frage der ökonomischen Gesetze kommen, müssen wir noch einiges zu der Stalinschen Version des von Engels im „Anti-Dühring“ aufgestellten sozialistischen Programms sagen. Dies ist umso notwendiger, als Stalin (in seiner Widerlegung verschiedener russischer Ökonomen) hier von Entstellungen und Revidierungen des klassischen Textes absieht und ganze Passagen zitiert, wobei er in dieser Sache eine vehemente „Parteiverurteilung“ gegen jede Verletzung der Orthodoxie ausspricht.

Immer wieder spricht Engels in seinem grundlegendem Werk von der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft, und vor allem (das unterstreichen wir hundertmal) von Besitzergreifung der Produkte – Produkte, die heute den Produzenten und sogar den Konsumenten beherrschen, so dass aus unserer Sicht der Kapitalismus als System gekennzeichnet werden kann, das nicht allein die Verfügung der Produzenten über die Produktionsmittel, sondern eher noch über die Produkte negiert.

In der Moskauer Paraphrase verschwindet die „Gesellschaft“, stattdessen ist immer wieder von Überführung der Produktionsmittel an den Staat, die Nation und (wenn es darum geht, im Schlussteil der Veranstaltungen die Gemüter zu erregen und die rituellen Ovationen hervorzukitzeln) an das Volk, das sozialistische Vaterland die Rede!

Zieht man die Bilanz der Stalinschen Schilderung, nicht ohne ihr das Verdienst der brutalen Aufrichtigkeit abzusprechen, so erweist sich die Besitzergreifung der Produktionsmittel in Bezug auf den Boden und die großen Ausrüstungsgüter der Agrarwirtschaft als eine rein juristische Frage, da jede ihrer praktischen Folgen schon in den Statuten des Artels[3] oder der letzten sowjetischen Verfassung (die revidiert werden soll) enthalten ist. Man muss sehen, dass jene feierlichen Erklärungen über das rechtmäßige Eigentum nichts mit der ökonomischen Verfügung über die Agrarprodukte, die unter die Kolchosen und einzelnen Kolchosniki aufgeteilt werden, zu tun haben. Faktisch wahr ist die Besitzergreifung durch den Staat nur in der Großindustrie, da der Staat nur hier über die Produkte verfügt, und die verkauft er, soweit es sich um Konsumgüter handelt, wieder. In den kleinen und mittleren Betrieben und in den Handelsunternehmen dagegen gibt es keinerlei Besitzergreifung der Produkte, ja nicht mal der Produktionsmittel, durch den Staat. Dies gilt auch für die Kleinstausstattung der staatlich geförderten Familien- und Parzellenwirtschaft. Trotz der Existenz riesiger Fabriken und gigantischer öffentlicher Bauprojekte leitet und kontrolliert die sich sozialistisch und sowjetisch nennende Republik recht wenig; und sehr wenig wurde wirklich verstaatlicht und nationalisiert. Die Bedeutung des Staatsbesitzes im Verhältnis zur gesamten Wirtschaft ist vielleicht in manchen bürgerlichen Staaten größer.

Wer also, welche Institution, welche Kraft, hält das in Händen, was nach der Revolution der Privathand entrissen wurde? Das Volk, die Nation, das Vaterland? Niemals haben Engels und Marx diese Worte gebraucht. Die Verwandlung des Privateigentums in Staatseigentum „hebt nicht die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf“, stellt Engels fest [MEW 20, S. 260].

Erst wenn die Gesellschaft die Verfügungsgewalt über die Produkte hat, erst dann ist klar, dass sie die Klassengegensätze überwunden hat und eine klassenlose Gesellschaft geworden ist. Aber solange es noch Klassen gibt, wird die Gesellschaft von jener „Klasse allein“ organisiert werden, welche alle Klassen und als dialektische Konsequenz dann auch sich selbst als Klasse aufheben muss. Hier wird an die meisterhafte Erläuterung der Staatslehre angeknüpft, die sich bereits 1847 herauskristallisierte: „Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum“ (Engels zitiert hier Marx). „Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat“ [MEW 20, S. 261]. Erst dann, nur so und nur auf diesem Königsweg ist es die Gesellschaft, die als handelnder Faktor auftritt und endlich über die Produktivkräfte, alle Produkte sowie Ressourcen verfügt.

Aber das Volk, was zum Henker ist das? Ein Mischmasch verschiedener Klassen, ein „Integral“ von Ausbeutern und Sklaven, von Polit- oder Geschäftsprofis und Hungernden bzw. Unterdrückten. Das „Volk“ haben wir bereits vor 1848 den Vereinen für Freiheit und Demokratie, Frieden und Fortschritt überlassen. Mit seinen berüchtigten „Mehrheiten“ ist das Volk nicht Subjekt der Wirtschaftsplanung, sondern nur Objekt von Ausbeutung und Betrug.

Und die Nation? Als Notwendigkeit und Voraussetzung für das Auftreten des Kapitalismus drückt sie dasselbe Gemisch von sozialen Klassen aus, nicht wie „Volk“ im faden, juristischen und philosophischen Sinn, sondern auf geografischer, ethnografischer und linguistischer Ebene. Auch die „Nation“ eignet sich nichts an: In berühmten Passagen verspottete Marx die Ausdrücke „nationaler Reichtum“ und „Nationaleinkommen“ (das eine wichtige Rolle in Stalins Analyse über Russland spielt) und zeigte, dass sich die Nation dann bereichert, wenn der Arbeiter angeschissen ist.

Wenn sich die bürgerlichen Revolutionen und die Durchsetzung der modernen Industrie, die den Feudalismus in Europa und verschiedene andere Systeme in der übrigen Welt verdrängten, nicht im Namen der Bourgeoisie und des Kapitals, sondern gerade im Namen der Völker und Nationen vollziehen mussten, wenn dieses in der marxistischen Auffassung ein revolutionärer und notwendiger Übergang war, dann lässt sich nachvollziehen, wie konsequent die Moskauer Losungen damit übereinstimmen: Das Überbordwerfen der marxistischen Ökonomie und die Abkehr von der proletarischen, revolutionären und internationalistischen „Kategorie“ Gesellschaft (einer Kategorie, die in den klassischen Texten benutzt wird) sowie die Hinwendung zu den der bürgerlichen Ideologie und Propaganda eigenen politischen Kategorien: Volksdemokratie und nationale Unabhängigkeit.

Man muss sich daher nicht wundern, wenn 26 Jahre später die unverschämte Losung wiederholt wird, zu der wir Marxisten alle Brücken abgebrochen haben: das Banner der Bourgeoisie „aufzuheben“.[4] Das Banner, das zu Zeiten eines Cromwell, Washington, Robespierre oder Garibaldi hoch gehalten und dann „über Bord geworfen“ wurde; die Revolution indes wird es auf ihrem Marsch ungerührt im Schlamm liegen lassen – denn ihren Lügen und Mythen von Völkern, Nationen und Vaterländern stellt sie die sozialistische Gesellschaft entgegen.

Gesetz und Theorie

In der Moskauer Debatte kam auch der Vergleich zwischen den Gesetzen der russischen Wirtschaft und den vom Marxismus festgestellten Gesetzen der bürgerlichen Ökonomie zur Sprache. Der nämliche Text schlägt sich dialektisch an zwei Fronten. Einige sagen: „Wenn unsere Wirtschaft bereits sozialistisch wäre, müssten wir nicht mehr deterministisch den Gleisen bestimmter wirtschaftlicher Vorgänge folgen, sondern könnten die Weichen anders stellen: z.B. durch die Nationalisierung der Kolchosen, die Abschaffung des Warenaustausches und der Geldwirtschaft. Wenn ihr uns zeigt, dass das unmöglich ist, lasst uns daraus schlussfolgern, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren Wirtschaft gänzlich kapitalistisch ist. Was bringt es, das Gegenteil vorzutäuschen?“ Im Gegensatz dazu möchten andere die im Marxismus festgelegten, den Sozialismus kennzeichnenden Kriterien ein für alle Mal ad acta legen; Stalin bemüht sich, beiden zu entgegnen. Diese naiven Forscher sind natürlich keine aktiven „politischen“ Elemente: Andernfalls wäre es ein leichtes gewesen, sie durch eine Säuberung unschädlich zu machen. Es handelt sich nur um „Techniker“ und um Experten des Produktionsapparats, durch deren Vermittlung die Zentralregierung erfährt, ob die riesige Maschinerie rund läuft oder ins Stocken gerät; und wenn sie recht hätten, würde es nichts nutzen, sie zum Schweigen zu bringen: die Krise würde sich so oder so zeigen. Die Schwierigkeiten, die heute auftauchen, oder besser gesagt, ans Licht kommen, sind nicht akademischer, kritischer oder gar „parlamentarischer“ Natur – um sich über derartige Nadelstiche hinwegzusetzen, muss kein „großer Mann“ kommen, das könnte auch ein kleiner Polit-Parvenue erledigen. Die Schwierigkeiten sind hingegen real, materiell, sie liegen in den Dingen, nicht in den Köpfen.

Bei der Beantwortung der Einwände muss die Zentralregierung auf zwei Punkten bestehen: Erstens, dass auch in einer sozialistischen Gesellschaft die Menschen ökonomischen Gesetzen zu gehorchen haben, die sich nicht außer Kraft setzen lassen. Zweitens, dass sich diese Gesetze – so sehr sie sich auch im zukünftigen vollständigen Kommunismus samt und sonders von den Gesetzen des Kapitalismus unterscheiden erden – in der sozialistischen Phase teils mit den Gesetzen der kapitalistischen Produktion und Distribution decken, teils sich von ihnen unterscheiden. Und wenn dann die unumstößlich erscheinenden Gesetze festgesetzt sind, darf man sie bei Strafe des Untergangs nicht ignorieren und vor allem darf man ihnen nicht zuwiderhandeln. Soweit Stalin.

Dann taucht eine spezielle, wenngleich wesentliche Frage auf: Gehört auch das Wertgesetz zu diesen Gesetzen, die in der russischen Wirtschaft weiter bestehen? Und wenn ja, ist denn nicht jeder Mechanismus, der dem Wertgesetz gehorcht, Kapitalismus pur? Auf die erste Frage antwortet Stalin: Ja, bei uns ist das Wertgesetz in Kraft, wenn auch nicht überall. Auf die zweite: Nein, nicht jede Wirtschaft, in der das Wertgesetz wirkt, ist kapitalistisch.

In der ganzen, feierlich dargebotenen theoretischen „Abhandlung“ scheint der Aufbau reichlich bruchstückhaft zu sein, und vor allem passt sie den Gegnern des Marxismus gut in den Kram. Diejenigen, die „philosophische“ Waffen einsetzen, werden leichtes Spiel haben, weil die Wirkungen der Naturgesetze und die Auswirkungen der ökonomischen Gesetze auf die Menschengattung gleichgesetzt werden; während die, welche die Waffe der „Ökonomie“ bevorzugen und seit einem Jahrhundert sehnsüchtig auf eine Revanche gegen Marx warten, glauben können, es geschafft zu haben: „Den Gesetzen der wirtschaftlichen Rentabilität und der Konkurrenz gesellschaftlicher Interessen, wie wir sie verstehen, werdet ihr euch niemals entziehen können“.

Man muss zwischen Theorie, Gesetz und Programm unterscheiden. An einer bestimmten Stelle entfährt Stalin der Satz: Marx „ließ sich bekanntlich nicht gern“ (!) „vom Studium der Gesetze der kapitalistischen Produktion ablenken“ [Stalin, S. 82].

Wir haben schon auf der letzten Versammlung im September 1952 in Mailand gezeigt, dass Marx’ Ziel nicht in der sterilen Beschreibung des kapitalistischen „Ist-Zustands“ lag, sondern dass aus jeder Zeile die Forderung und das Programm der Zerschlagung des Kapitalismus in die Augen springen. Es ging uns dabei nicht nur darum, jene alte und fade opportunistische Legende zu zerstören, sondern darum, die dem gesamten Marxschen Werk innewohnende polemische und kämpferische Natur zu zeigen. Daher verliert sich Marx nicht in der Beschreibung des Kapitalismus bzw. „jeweiliger“ Kapitalismen, sondern er beschreibt ein kapitalistisches System, einen abstrakten, jawohl, nicht existenten, jawohl, typischen Kapitalismus, der dennoch den verherrlichenden Hypothesen der bürgerlichen Ökonomen vollkommen entspricht. Wichtig ist allein der Zusammenstoß der beiden Positionen (ein Klassen- und Parteienzusammenstoß, nicht ein banaler Streit unter Intellektuellen), von denen die eine die Permanenz, die Ewigkeit der kapitalistischen Maschinerie beweisen will, wohingegen die andere deren kommenden Tod beweist. Unter diesem Gesichtspunkt lag dem Revolutionär Marx daran zuzugestehen, dass das Räderwerk perfekt zentriert und durch die Wettbewerbsfreiheit, durch das Recht jedes einzelnen, nach denselben Regeln zu produzieren und zu konsumieren, gut geschmiert ist. In der wirklichen Geschichte des Kapitals war es nie so, ist es nicht so, wird es nie so sein, d.h.: Die konkrete Wirklichkeit wäre für unsere Beweisführung sehr viel günstiger. Umso besser. Wenn es, um es kurz zu machen dem Kapitalismus gelungen wäre, noch ein weiteres Jahrhundert mit idyllischer Leichtigkeit durchzuhalten, hätte die Marxsche Beweisführung Schiffbruch erlitten. Sie strahlt jedoch in voller Kraft, da der Kapitalismus zwar fortdauert, doch nur durch Monopolisierung, Unterdrückung, Diktatur und Massaker; und seine ökonomische Entwicklung vollzieht sich genau im Einklang mit den Ergebnissen der Analyse des reinen Typus: Bestätigung unserer Doktrin, Widerlegung der Lakaien des Kapitals.

In diesem Sinne hat Marx sein Leben der Beschreibung des Sozialismus, des Kommunismus gewidmet; hätte es sich lediglich um die Beschreibung des Kapitalismus gehandelt, so hätte er drauf gepfiffen.

Marx untersuchte und entwickelte zwar die „ökonomischen Gesetze“ des Kapitalismus, aber die Methode, in der er dies tat, lässt das System der sozialistischen Charakteristiken voll und ganz und im dialektischen Gegensatz zu ihnen erkennen. Folgt der Sozialismus also diesen Gesetzen? Sind es andere? Und wenn ja, welche?

Einen Augenblick noch. In den Mittelpunkt des marxistischen Bauwerks stellen wir das Programm, als Moment, das sich der nüchternen Untersuchung anschließt. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ [MEW 3, S. 535], „Thesen über Feuerbach“, und jeder gebildete Trottel fügt hinzu: „Jugend“thesen. Aber vor dem Programm, und noch vor der Schilderung der entdeckten Gesetze, muss die Doktrin als Ganzes, das System der „Theorien“, festgelegt werden.

Einige dieser Theorien hat Marx bei seinen Widersachern fix und fertig vorgefunden, z.B. die Werttheorie Ricardos, und auch die Mehrwerttheorie. Diese Theorien (wir wollen nicht behaupten, Stalin habe sie nie gekannt) sind etwas anderes als das von Marx gründlich behandelte „Wertgesetz“ bzw. „Mehrwertgesetz“, die wir hier, um die weniger Erfahrenen unter uns nicht zu verwirren, lieber „Gesetz des Austausches zwischen Äquivalenten“ und „Gesetz über das Verhältnis zwischen Mehrwert- und Profitrate“ nennen wollen.

Wichtig ist, zunächst die Unterscheidung zwischen Theorie und Gesetz klarzustellen, eine Unterscheidung, die auch in den Naturwissenschaften gilt. Theorie ist die Darstellung wirklicher Prozesse und ihrer Zusammenhänge, um das allgemeine Verständnis auf einem bestimmten Gebiet zu erleichtern – Voraussage und Modifikation dieser Vorgänge kommen erst danach. Gesetz ist der genaue Ausdruck einer bestimmten Beziehung zwischen mehreren, insbesondere zwischen zwei Reihen materieller Tatsachen: Eine Beziehung, deren Gültigkeit sich an jedem Punkt verifizieren lässt und erlaubt, unbekannte Verhältnisse zu berechnen (ganz gleich, ihr Philosophen, ob es sich dabei um zukünftige, vergangene oder gegenwärtige handelt. Z.B. kann ich mit Hilfe eines gut erforschten Gesetzes feststellen, wie hoch der Meeresspiegel vor tausend Jahren war; die einzige Differenz, die ich nicht nachprüfen kann, ist, um wie viel mehr eure Dummheit heute zum Himmel stinkt.). Die Theorie ist etwas Allgemeines, das Gesetz etwas genau Abgegrenztes und Besonderes. Die Theorie ist generell qualitativ und dient der Definition gewisser Größen oder Wesen. Das Gesetz ist quantitativ und zielt auf ihre Messung ab.

Ein Beispiel aus der Physik: In der Geschichte der Optik haben sich zwei Lichttheorien mit wechselndem Erfolg abgelöst. Nach der Teilchentheorie besteht die Lichtübertragung in der Bewegung winziger „Körperchen“, während die Wellentheorie dies durch die Schwingung eines ständigen Mediums erklärt. Nun besagt das einfachste Gesetz der Optik, das Reflexionsgesetz, dass der auf einen Spiegel treffende Strahl einen Einfallswinkel bildet, der gleich dem Ausfallswinkel ist. Tausendfach wird dieses Gesetz bestätigt: der Schürzenjäger weiß genau, wo er sich hinstellen muss, wenn er die schöne Nachbarin, die sich vorm Spiegel zurechtmacht, beobachten will: In der Tat ist das Gesetz mit beiden Theorien vereinbar. Es waren andere Erscheinungen und Gesetze, die die Wahl entschieden haben.

Nun, gemäß dem Stalinschen Text soll das „Gesetz über den Austausch von Äquivalenten“ sowohl mit seiner „Theorie“: „In der sozialistischen Ökonomie gibt es Formen der Warenproduktion“ vereinbar sein, als auch mit unserer Theorie, die besagt: „Bestehen Warenproduktion und Massenproduktion, so ist das Kapitalismus“. Das Gesetz lässt sich leicht nachprüfen: Man fahre nach Russland und man wird sehen, dass der Tausch zu bestimmten Preisen in Rubel erfolgt, wie auf jedem beliebigen Markt: Also herrscht das Gesetz des Tausches zwischen Äquivalenten. Um nun zu sehen, welche Theorie die richtige ist, ist es ein bisschen schwieriger. Wir für unseren Teil schlussfolgern: In Russland befindet man sich inmitten des reinen und echten Kapitalismus. Was Stalin angeht, so fabriziert er eine Theorie – eben: Theorien werden erfunden, Gesetze entdeckt – und sagt Vater Marx zum Trotz: Gewisse ökonomische Erscheinungen des Sozialismus gehorchen in der Regel dem Tauschgesetz (Wertgesetz).

Natur und Geschichte

Bevor wir zu dem Punkt kommen – welche Gesetze des Kapitalismus Marx aufstellt, welche den Kapitalismus vom Sozialismus unterscheiden bzw. welche beiden Systemen (eventuell) gemeinsam sind –, müssen wir auf die landläufige Gleichsetzung von Naturgesetzen und gesellschaftlichen Gesetzen hinweisen.

Als Schüler von Marx müssen wir Kämpfer und Polemiker sein; wir dürfen eine solche Frage nicht scholastisch lösen und auf der theoretischen Analogie beider Gebiete bestehen, etwa mit dem „politischen“ Ziel, folgendem Argument auszuweichen: „Nun, wenn die gesellschaftlichen Gesetze nicht so unumstößlich sind wie z.B. das Gravitationsgesetz, dann man los: schmeißen wir einige um“.

Wie könnten wir vergessen, dass der Kampf zwischen dem Riesen Marx und der bezahlten Bande in den Universitäten des Kapitals um den Punkt entbrannte, dass die Gesetze der bürgerlichen Ökonomie „keine Naturgesetze sind“, und wir daher diesen Höllenkreis nicht nur sprengen wollen, sondern auch sprengen können. Es stimmt zwar, dass Stalins Schrift daran erinnert, dass bei Marx die Gesetze der Ökonomie nicht „ewig“ sind, sondern jeweils bestimmten gesellschaftlichen Stufen und Epochen angehören: Sklaventum, Feudalismus, Kapitalismus. Aber Stalin will darauf hinaus, dass „gewisse Gesetze“ allen Epochen gemeinsam sind und also auch im Sozialismus Geltung haben, der demzufolge auch eine eigene „politische Ökonomik“ haben soll. Stalin verspottet Jaroschenko und Bucharin, die gesagt hatten, der politischen Ökonomie folge eine „gesellschaftliche Organisationstechnik“ [Stalin, S. 65]. Schroff erwidert er darauf, diese neue Disziplin, der sich schon pseudo-marxistische und vor der zaristischen Polizei zitternde Ökonomen[5] angenommen hätten, sei in Wirklichkeit eine „Wirtschaftspolitik“ – und als solche lässt er sie gelten [Stalin, S. 74].

Nun gut, ob es im Sozialismus eine Wirtschaftswissenschaft geben wird,[6] werden wir diskutieren, wenn die Dinge erst einmal wieder an ihren richtigen Platz gestellt worden sind; wo es aber noch eine Wirtschaftspolitik gibt (wie es auch unter der Diktatur des Proletariats der Fall ist), gibt es auch rivalisierende Klassen, sind wir noch nicht im Sozialismus. Und wir müssen uns wie Lenin fragen: Wer hat die Macht? Und folglich: Welche Richtung nimmt die ökonomische Entwicklung, die – damit stimmen wir überein – stufenweise vor sich geht? Das werden uns die Gesetze dieser Entwicklung sagen.

Was die allgemeine Frage der Gesetze in Natur und Geschichte betrifft, so wird sie in unseren theoretischen Untersuchungen dort behandelt werden, wo wir den zu erwartenden Angriffen entgegnen, denen der Marxismus – der ja für 999 von 1000 Artikelschreibern seine festen Wohnsitz in Moskau eingerichtet hat – ausgesetzt sein wird: Angriffen hinsichtlich der Stalin’schen Banalisierung der Theorie des historischen Materialismus (das ist eine Theorie und kein Gesetz) und hinsichtlich der Fragen von Determinismus und Wille, Kausalität und Zielsetzung. Der ursprüngliche Inhalt der Marx’schen Position (kaum verstanden und sehr unbequem für Leute, die eine Politik des opportunistischen Erfolgs betreiben) ist immer die des direkten Klassenkampfs und des historischen Antagonismus zwischen den Klassen, ein Kampf, der sich abwechselnd der Schreibmaschine und des Maschinengewehrs bedient – sofern man nicht mehr von „Feder und Schwert“ reden kann. Wir gestehen der Bourgeoisie das Verdienst zu, in ihrem Kampf gegen die alten Klassen die kritisch-wissenschaftliche Methode vorangetrieben und kühn auf dem Gebiet der Natur und dann auf dem der Gesellschaft angewandt zu haben. Sie entdeckte und verkündete Theorien, die heute unsere sind: die Werttheorie (der Wert einer Ware wird von der für ihre Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bestimmt) und die Mehrwerttheorie (der Wert jeder Ware enthält vorgeschossenes Kapital und Mehrwert, also eine Rückerstattung und einen Gewinn). Und triumphierend erklärte die Bourgeoisie dann: „Wenn ihr zugebt“ (und die Wissenschaft wird es ein Jahrhundert später zugeben), „dass dieselben physikalischen Gesetze für den Urnebel wie für unseren heutigen Planeten gelten, so müsst ihr auch zugeben, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse für alle zukünftigen Gesellschaften gelten, da wir einvernehmlich sowohl die Intervention Gottes als auch das reine Denken aus Natur und Gesellschaft verbannen“. Der Marxismus liefert dagegen den wissenschaftlichen Beweis, dass sich im gesellschaftlichen Kosmos ein Zyklus vollzieht, der die kapitalistischen Formen und Gesetze zerstören wird, und dass der zukünftige gesellschaftliche Kosmos anderen Gesetzen folgt. Da es euch nichts ausmacht, wegen innen- und außenpolitischer Zwecke dieses mächtige Bauwerk bis zur Lächerlichkeit umzumodeln und zu banalisieren, tut uns endlich den Gefallen, die Adjektive „marxistisch“, „sozialistisch“ und „kommunistisch“ wegzulassen, und benutzt „ökonomistisch“, „populistisch“, „progressistisch“: das passt dann wie angegossen.

Marx und die Gesetze

Engels erkannte Marx als den Begründer des historischen Materialismus an. Marx erklärte, sein Beitrag in der Anwendung dieser Theorie auf die moderne Welt bestehe nicht darin, den Klassenkampf entdeckt, sondern den Begriff der Diktatur des Proletariats eingeführt zu haben.

So mündet die Theorie im Klassen- und Parteiprogramm, in der Organisation der Arbeiterklasse für den Aufstand und die Machtergreifung. In diese großartige Perspektive reiht sich die Untersuchung der Gesetze des Kapitalismus ein. Zwei wirkliche und grundlegende Gesetze sind im „Kapital“ festgehalten. Im ersten Band das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation, auch als Gesetz der wachsenden Verelendung bekannt (von uns oft behandelt): Mit zunehmender Konzentration des Kapitals wächst die Zahl der Proletarier und „Reservelosen“; wir haben bereits mehrmals erklärt, dass dies nicht unbedingt ein Absinken des Konsumniveaus und realen Lebensstandards der Arbeiter bedeutet. Im zweiten und dritten Band wird das Gesetz der Reproduktion des Kapitals entwickelt (das mit dem Gesetz des tendenziellen Falls der Durchschnittsprofitrate zusammenhängt, worauf wir noch zurückkommen werden): Ein Teil des Produkts und somit der Arbeit, muss von den Kapitalisten zurückgelegt werden, um die Reproduktion der verbrauchten Maschinen, Fabriken usw. (Kapitalgüter bei den Volkswirten) sicherzustellen. Wenn der Kapitalist den für diese Rücklagen bestimmten Anteil erhöht, „investiert“ er, d.h. er erweitert den Bestand an Anlagen und Produktionsmitteln. Marx’ Gesetze über die Aufteilung des gesellschaftlichen Produkts zwischen unmittelbaren Konsum- und Investitionsgütern beweisen, dass solange Warenaustausch und Lohnsystem bestehen, das System Krisen und Revolutionen entgegengeht.

Das erste Gesetz kann sicherlich nicht auf die sozialistische Gesellschaft angewandt werden, denn diese organisiert sich gerade zu dem Zweck, dass die gesellschaftliche Reserve eine individuelle Sicherheit für jeden darstellt, obgleich diese Reserve weder irgendjemandem gehört noch, wie in vorkapitalistischer Zeit, in x kleine Teilchen zerlegt wird. Das zweite Gesetz, sagt uns Stalin, bleibt im Sozialismus weiter bestehen; und er versichert, Marx habe dies vorhergesehen. Der Marxismus stellt lediglich fest (unter anderem in der bekannten Passage der “Kritik des Gothaer Programms“), dass auch im Kommunismus ein gesellschaftlicher Abzug von der individuellen Arbeit stattfinden wird, um die Produktionsanlagen instand zu halten, die öffentlichen Dienste sicherzustellen usw. Dieser Abzug wird keinen Ausbeutungscharakter tragen, gerade weil er nicht mehr marktwirtschaftlich vermittelt werden muss und eben darum wird der gesellschaftliche Reservefonds ein stabiles Gleichgewicht – statt reihenweiser Erschütterungen – herstellen, nämlich zwischen den Produkten, die für die Konsumtion und den Produkten, die als Produktionsmittel in den folgenden Produktionszyklus eingehen.

Der springende Punkt in dem Ganzen ist folgender: Stalin legt das wertvolle Geständnis ab, dass – da in der Staatsindustrie das Wertgesetz in Kraft ist – deren Betriebe auf Grundlage der „wirtschaftlichen Rechnungsführung und der Rentabilität, der Selbstkosten, der Preise und dergleichen“ funktionieren [Stalin, S. 20]. Für „dergleichen“ setzen wir: gewinnbringend. Außerdem erklärt er, das zukünftige Programm bestehe darin, die Produktion der Produktionsmittel zu steigern, soll heißen, dass die „Pläne“ der sowjetischen Regierung zur Industrialisierung des Landes nicht so sehr Konsumgüter für die Bevölkerung vorsehen, sondern vor allem darin bestehen, Maschinen, Agrarwerkzeuge, Traktoren, Dünger usw. zu produzieren und gigantische öffentliche Projekte in Angriff zu nehmen.

Pläne hin, Pläne her: Die kapitalistischen Staaten machen Pläne, die proletarische Diktatur wird Pläne machen. Aber der erste wahre sozialistische Plan (der als unmittelbarer despotischer Eingriff verstanden werden muss, siehe „Manifest“) wird endlich ein Plan sein zur Erhöhung der Produktionskosten, Kürzung des Arbeitstages, Desinvestition von Kapital, quantitative und vor allem qualitative Nivellierung der Konsumtion (die unter der kapitalistischen Anarchie zu neun Zehntel absurde Vergeudung von Produkt ist), weil nur so der „betrieblichen Rentabilität“ und den „rentablen Preisen“ beizukommen sein wird. Also ein Unterproduktionsplan zur drastischen Verringerung des Anteils der Kapitalgüter an der Produktion. Dem Reproduktionsgesetz wird sofort die Luft ausgehen, wenn es die Marxsche „Abteilung II“ (Produktion von Lebensmitteln) endlich schafft, die „Abteilung I“ (Produktion von Produktionsmitteln) knock-out zu schlagen. Jedenfalls hat uns das kapitalistische „Konzert“ schon zu lange das Trommelfell malträtiert.

Die Lebensmittel sind für die Arbeiter, die Produktionsmittel für die Unternehmer. Wenn der Betriebsherr der Arbeiterstaat ist, soll natürlich sofort einzusehen sein, dass die Arbeiter daran interessiert sind „zu investieren“ und 4 von 8 Stunden für die Abteilung I zu schwitzen! Wenn aber Jaroschenko die Kritik an der Schwindel erregenden Zunahme der Produktionsmittel auf die Formel „Primat der Konsumtion statt Primat der Produktion“ verkürzt, wird er ziemlich banal. Nicht minder flach – um den Staatsindustrialismus unter sozialistischem Banner hereinzuschmuggeln – sind Agitationsformeln wie: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ oder „Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“, als wäre es das höchste Ziel der ausgebeuteten Klasse, sich in eigener Regie auszubeuten.

Selbst wenn wir uns nur an die Analyse der Binnenwirtschaft halten, wendet die russische Wirtschaft in Wirklichkeit alle Gesetze des Kapitalismus an. Wie kann sie die Produktion der nicht für den Konsum bestimmten Güter erhöhen, ohne die Menschen zu proletarisieren? Wo soll sie die Menschen hernehmen? Der Verlauf ist der der ursprünglichen Akkumulation, und meistens sind die Mittel genauso grausam wie die, die im „Kapital“ beschrieben werden: Mal trifft es die Kolchosniki, die plötzlich ohne ihre Kuh dastehen; mal die nomadisierenden Hirten Asiens, die ihrer Versunkenheit in den Anblick des Großen Bären entrissen werden; oder die feudalen Leibeigenen in der Mongolei, die von ihrer jahrtausendealten Scholle entwurzelt werden. Die Losung heißt mit Sicherheit: mehr Produktionsgüter, mehr Arbeiter, längere Arbeitszeit, höhere Arbeitsintensität – mit anderen Worten: erweiterte Akkumulation und Reproduktion des Kapitals in einem höllischen Tempo.

Eben das ist die Ehre, die wir, einem Haufen Trotteln zum Trotz, dem „großen Stalin“ erweisen. Gerade in dem Maße, in dem der Prozess der beginnenden Kapitalakkumulation sich vollzieht und die Provinzen des riesigen China, des geheimnisvollen Tibet, des sagenumwobenen Zentralasien (aus dem der europäische Stamm hervorging) erfasst, wird er revolutionär sein und das Rad der Geschichte vorwärts drehen. Aber das ist kein sozialistischer, sondern ein kapitalistischer Prozess. In diesem großen Teil des Globus ist die Glorifizierung der Produktivkraftentwicklung nötig. Stalin sagt ganz richtig, dies sei nicht sein Verdienst, sondern das der ökonomischen Gesetze, die ihm diese „Politik“ aufzwingen. Sein ganzes Unternehmen besteht in einem Etikettenschwindel: auch dies ein klassisches Mittel der Träger der ursprünglichen Akkumulation!

Im Westen hingegen lösen die überbordenden Produktivkräfte schon seit langem eine Flutwelle nach der anderen aus, was die Staaten veranlasst zu unterdrücken, Märkte und Regionen zu verschlingen, Blutbäder und Kriege vorzubereiten. Hier helfen keine Pläne zur Erhöhung der Produktion, sondern hier hilft nur der Plan, eine Bande von Verbrechern zu zerschlagen. Vor allem der Plan, ihre stinkende Fahne der Freiheit und des Parlamentarismus auf den Müll zu schmeißen.

Sozialismus und Kommunismus

Wir werden die ökonomische Argumentation mit einer Synthese der Stadien der zukünftigen Gesellschaft abschließen – ein Thema, bei dem das Stalinsche „Dokument“ (das Wort suchten wir schon die ganze Zeit) einige Verwirrung stiftet. „France Press“ hat Stalin vorgeworfen, die Schrift von Nikolai Bucharin über die ökonomischen Gesetze der Übergangsperiode plagiiert zu haben. Stalin jedoch erwähnt den Text mehrmals und bedient sich sogar einer von Lenin verfassten Kritik[7]. Mit der Vorbereitung des Programms der Komintern (das ein Entwurf blieb) beauftragt, gebührt Bucharin das große Verdienst, das Waren negierende Postulat der sozialistischen Revolution als eine Sache von erstrangiger Bedeutung hervorgehoben zu haben. Er folgte Lenin auch in der Analyse der Transformationsperiode „in Russland“ und der Feststellung, dass unter der Diktatur des Proletariats Formen der Warenproduktion hinzunehmen waren.

Alles klärt sich, wenn man sich vor Augen hält, dass sich diese Untersuchungen von Lenin und Bucharin nicht mit den zwei Stadien der kommunistischen Gesellschaft befassten, von denen Marx spricht und die Lenin in einem wunderbaren Abschnitt von „Staat und Revolution“ erläutert, sondern mit einer Phase, die diesen beiden Stadien noch vorangeht.

Das nachfolgende Schema kann als Zusammenfassung des bestimmt nicht leichten Themas des heutigen „Dialogs“ dienen.

Übergangsstadium: Das Proletariat hat die politische Macht erobert und macht alle nicht-proletarischen Klassen politisch rechtlos, eben weil es diese Klassen nicht auf einen Schlag „abschaffen“ kann. Das bedeutet, der proletarische Staat kontrolliert eine Wirtschaft, in der teilweise, wenn auch in abnehmendem Maße, sowohl eine marktwirtschaftliche Verteilung als auch Formen der privaten Verfügung über Produkte und Produktionsmittel bestehen (seien diese zersplittert oder konzentriert). Die Wirtschaft ist noch nicht sozialistisch, sie ist eine Übergangswirtschaft.

Unteres Stadium des Kommunismus, oder wenn man will, des Sozialismus: Die Gesellschaft verfügt bereits generell über die Produkte, die den Gesellschaftsmitgliedern „kontingentiert“ zugeteilt werden. Diese Funktion erfordert keinen Warenaustausch und kein Geld mehr – man kann Stalins Aussage, nach der der einfache Tausch ohne Geld, aber immer aufgrund des Wertgesetzes, uns dem Kommunismus näher bringen soll, nicht durchgehen lassen: eher handelt es sich um eine Art Rückfall in den Tauschhandel. Die Zuweisung der Produkte erfolgt im Gegenteil vom Zentrum aus, ohne Gegenleistung eines Äquivalents. Beispiel: Wenn eine Malaria-Epidemie ausbricht, wird in der betroffenen Region gratis Chinin verteilt, jedoch nur ein Röhrchen pro Person.

In dieser Phase ist nicht nur eine Arbeitspflicht notwendig, sondern auch die Erfassung der geleisteten Arbeitszeit und deren Bescheinigung – das berühmte „Arbeitszertifikat“, worüber seit einem Jahrhundert so viel diskutiert wird. Die Eigentümlichkeit dieses Scheins ist, dass er nicht in Reserve gehalten werden kann, so dass jeder Versuch, ihn zu akkumulieren, zum entschädigungslosen Verlust eines geleisteten Arbeitsquantums führt. Das Wertgesetz ist begraben.

Engels: „Die Gesellschaft schreibt also unter obigen Voraussetzungen den Produkten auch keine Werte zu“ [MEW 20, S. 288].

Stadium des höheren Kommunismus, was sich bedenkenlos als integraler Sozialismus bezeichnen lässt: Die Arbeitsproduktivität ist derart, dass, abgesehen von pathologischen Fällen, weder Zwang noch Kontingentierung nötig sind, um die Vergeudung von Produkten und menschlicher Energie auszuschließen. Freier Konsum für alle. Beispiel: Die Apotheken verteilen Chinin gratis und ohne Einschränkung. Und wenn einer zehn Röhrchen nehmen würde, um sich zu vergiften? Er wäre offensichtlich genauso dumm wie die Leute, die eine verfaulte bürgerliche Gesellschaft mit dem Sozialismus verwechseln.

In welchem Stadium befindet sich Stalin? In keinem der drei Stadien. Er ist in der Übergangsphase nicht vom Kapitalismus, sondern zum Kapitalismus. Es ist fast ehrenwert und beileibe keine Selbstvergiftung.

Quellen:

„Dialogato con Stalin – Giornata seconda“: Il programma comunista, Nr. 2, Oktober 1952.

* * *

MEW 3: Marx – Thesen über Feuerbach, 1845.

MEW 20: Engels – Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“), 1878.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

 


[1] Malenkow (1902-88): Mitglied des Politbüros. Nach Stalins Tod Ministerpräsident; im Februar 1955 seines Posten enthoben, nach einem misslungenen „Putschversuch“ gegen Chruschtschow vom Juli 1957 als „Parteifeind“ endgültig entmachtet. War danach als Direktor eines Elektrizitätswerkes in Kasachstan tätig.

[2] Stachanow-Bewegung: ein weiterer Versuch die Arbeitsproduktivität zu erhöhen bzw. den Akkordlohn zu etablieren. Für Stalin bereitete sie den „Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus“ vor. Doch schon bald wirkten die Stachanowisten („Helden der Arbeit“) eher hemmend auf die Produktivität, und so wurden sie allmählich als politische Leitfiguren „demontiert“. Siehe auch Trotzki: die Stachanow-Bewegung in „Die verratene Revolution“.

[3] Artel: eine alte Form bäuerlicher, genossenschaftlicher Vereinigung tatarischen Ursprungs; sie diente Stalin als Grundlage der Kolchose.

[4] Die 26 Jahre beziehen sich auf das Jahr 1925. Damals hatte Sinowjew den italienischen Kommunisten die Losung gegeben: „Es lebe die Freiheit!“. 1952 auf dem 19. Parteitag sagte Stalin: „Die Fahne der nationalen Unabhängigkeit und der nationalen Souveränität wurde [von der Bourgeoisie] über Bord geworfen. Es besteht kein Zweifel, dass ihr, die Vertreter der kommunistischen und demokratischen Parteien, diese Fahne wieder aufheben und vorwärts tragen müsst, wenn ihr Patrioten sein wollt, wenn ihr die Führungskraft der Nation werden wollt. Ihr seid die einzigen, die sie aufheben könnt“ [SW 15, S. 190].

[5] Anspielung auf Bucharin und Bogdanow.

[6] Engels: Dass die „Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion alles ist, was in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie übrig bleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen (Deutsch-Französische Jahrbücher) [MEW 1, S. 507]. Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist aber, wie man sieht, erst durch Marx’ ‘Kapital’ möglich geworden“ [MEW 20, S. 288/89].

[7] Lenin: Bemerkungen zu Nikolaj Bucharins „Ökonomik der Transformationsperiode“, 1981.