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März 2017

 

Mit dem Brief Amadeo Bordigas an Karl Korsch schließen wir die Dokumentation der historischen Linie der italienischen kommunistischen Linken – der Sinistra – vor allem der ersten Jahre der III. Internationale bis 1926 ab.

Für das Verständnis historischer Wendepunkte, Ereignisse oder Zyklen reicht das Lesen offizieller Proklamationen und Resolutionen sicherlich nicht aus, notwendig ist immer das Studium der konkreten Tatsachen, die Konfrontation theoretischer Thesen mit den materiellen Verhältnissen. Und die bürgerlich-kapitalistische Okkupation der Hirne, die alles theoretische und historische Verstehen bis ins Mark korrumpiert hat, scheint keinerlei Raum mehr für selbständige Untersuchungen gelassen zu haben, während der marxistische Mainstream mit seiner ebenfalls offiziösen Geschichtsschreibung, der Klitterung der Geschehnisse und opportunistischen Verdrehung und Verfälschung nicht genehmer Ereignisse bzw. Bewegungen, die revolutionäre Verwirrung vervollständigt hat. In beiden Fällen geht unsere Geschichte in ihrer heute diktierten Auslegung verloren. Die Kämpfe und Auseinandersetzungen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, das Ringen um die kommunistischen Richtlinien und die richtige Taktik, die Stellungen und das Verhalten der sozialistischen und kommunistischen Parteien im jeweils eigenen Land und auf den Weltkongressen, überhaupt die Bedeutung des letzten revolutionären Zyklus‘ und seine Lehren sind so kaum noch zu begreifen und analytisch zu durchdringen, zumal auch noch wichtige Prozesse und Akteure totgeschwiegen und weggelogen werden. Und so ist – nicht nur – eine so wichtige Strömung wie die der italienischen Linkskommunisten durch die gehirnwaschende Konterrevolution denunziert und politisch ausgerottet worden, mit dem Resultat, dass es heute ein Leichtes ist, diese kommunistische Bewegung zu ignorieren bzw. als irrelevant und unzeitgemäß abzutun, ohne sich mit ihrem praktischem Verhalten und theoretischen Aussagen auch nur halbwegs befasst zu haben – eigentlich gibt es sie gar nicht.

Dieser italienischen kommunistischen Linken ist es einerseits nie, auch nicht in späteren Jahren, in den Sinn gekommen, das historische Schwergewicht der Oktoberrevolution zu leugnen, die faktisch, und die Bolschewiki mit Lenin theoretisch, die reformistischen und revisionistischen Bewegungen, die im Allgemeinen sicherlich ernsthaft, aber eben Schritt für Schritt, mittels Reformen und Errungenschaften zum Sozialismus gelangen wollten, krachend widerlegt hat. Die russische Revolution hatte unmissverständlich und „glänzend“ die marxistische Theorie bestätigt, nach der wir zum Kommunismus nicht auf evolutionärem, sondern allein auf revolutionärem Wege kommen – die sozialdemokratische Politik war damit, jedenfalls historisch, erledigt, oder wie mal jemand sagte, taugte schon damals nicht mal mehr als Kinderschreck.

Auf einer anderen Seite sah die internationale Linke mit Bordiga bereits um 1920 klar, sozusagen durch den roten Schleier der Begeisterung für die Revolution hindurch, dass die russischen Erfahrungen nicht einfach auf die entwickelten Länder im Westen, mit ihrem durch die parlamentarischen und demokratischen Traditionen „prostituierten Boden“ übertragen werden können.

Nach der Gründung der III. Internationale im März 1919, also nach der faktischen Überwindung der alten sozialdemokratischen Politik, deren Vertreter als Vaterlandsverteidiger ihren Bankrott erklärt hatten, drängte es die allermeisten auch nicht-kommunistischen Bewegungen und Parteien, der Komintern beizutreten, denn der Nimbus der russischen Revolution und Lenins besaß magnetische Kräfte; viele Arbeiter wären ihnen damals nicht gefolgt, hätten sie sich gegen die russische Revolution gestellt. Die Sinistra wandte sich vehement gegen die zentristische und reformistische Präsenz auf jener Bühne, auf der die kommunistische Weltpartei geschmiedet werden sollte. Sie teilte weder die Auffassungen bestimmter Strömungen, wonach die elementare Spontaneität der Arbeiterbewegung noch die, wonach der revolutionäre Wille der Arbeiterparteien die Revolution „schaffen“ bzw. hervorrufen könnten, sondern sah die Funktion der kommunistischen Partei darin, kraft der marxistischen proletarischen Lehre das Proletariat auf die Revolution vorzubereiten, es durch seine Kämpfe hindurch zu leiten und nach dem Sturz der bürgerlichen Herrschaft als sein Organ die Diktatur solange auszuüben, bis das kommunistische Gemeinwesen „geworden“ ist. Eine Funktion, die nicht nur die erodierte sozialdemokratische Parteienpraxis und -theorie ausschloss, sondern auch verlangte, dass die kommunistischen Parteien den Ballast nicht eindeutig auf dem Boden des kommunistischen Programms stehender Arbeiterparteien und Gruppierungen abwarfen.

Eine der ersten taktischen Fragen, an denen diese prinzipielle Problematik deutlich zutage trat, betraf die Auseinandersetzung (in den ersten Jahren konnte man noch sagen: „und bestes gegenseitiges Vertrauen herrschte in den glühendsten Auseinandersetzungen“) um die Frage des Parlamentarismus. Die Linke glaubte nicht an die Möglichkeit, die es z.B. in der besonderen russischen Situation gegeben hatte, einer revolutionären Ausnutzung der Parlamentsbühne. Vielmehr legte sie auch in diesem Punkt genau, und schematisch, fest, in welchen historischen Stadien und unter welchen Bedingungen die parlamentarische Tätigkeit zu Agitations- und Propagandazwecken genutzt werden muss und wann diese Tätigkeit Schaden anrichtet und nur den Effekt hat, die revolutionären Kräfte zu verschleißen. Ohne prinzipiell, also ohne jede historische Rücksicht antiparlamentarisch gesinnt zu sein, wie die Anarchisten, Syndikalisten oder KAPDisten, sah die Sinistra in der Wahl- und Parlamentstätigkeit eine Ablenkung von der revolutionären Vorbereitungsarbeit und verurteilte die Illusionen eines friedlichen Weges zur Befreiung sowie einer demokratischen Lösung der Klassenkonflikte. Amadeo Bordiga erblickte in dieser Praxis noch etwas, das auszumerzen für ihn eine Aufgabe der Kommunisten war: nämlich dass damit der Passivität der Arbeiter Vorschub geleistet wurde.

Nun hat bekanntlich das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den entwickelten Ländern Westeuropas, vor allem in Deutschland, auf das damals alle Augen gerichtet waren, zur Involution der russischen Revolution und kommunistischen Weltbewegung und zu dem, was wir die Stalinisierung der marxistischen Lehre und Arbeiterbewegung nennen, geführt. Ein Prozess, dessen konterrevolutionäre Lektionen unverzichtbar sind, um in einem neuen revolutionären Zyklus nicht voraussetzungslos dazustehen: Das Verhältnis zwischen Partei und Klasse, die Taktik hinsichtlich der Gewerkschaften und anderer Massenbewegungen, des Parlamentarismus, der Einheitsfront und Arbeiterregierung, die Frage taktischer Bündnisse usw. – all das sind Fragen, deren Problematik statt durch hohle politische Statements gegenstandslos gemacht zu werden, im Gegenteil erkennbar zu machen ist.

Die in keiner Weise korrumpierbare Kompromisslosigkeit der Linkskommunisten konnte natürlich nicht den „Gang der Dinge“ hindern, nicht verhindern, dass das Proletariat seit nunmehr fast 100 Jahren in der schlimmsten aller Konterrevolutionen kollabiert – nackt und bloß, ohne seine Theorie: Aber dieses kolossal schwierige, und absolute Genauigkeit und Strenge erfordernde Erbe wurde heil und unversehrt bewahrt – kein Erbe, um das man sich reißt, weil selbst bzw. weil gerade die Häuptlinge der Massenbewegungen und populistische Intellektuelle mit für „alle leicht verständlichen“ Dummheiten hausieren gehen, während just „die ungebildete und analphabetische Klasse die schwierigste Theorie besitzen und handhaben muss“ (Bordiga). Die Linke hat diesen großen Zyklus, in dem sie aktiver Teil war, nach dem II. Weltkrieg theoretisch aufgearbeitet und begonnen, Bilanz zu ziehen. Wenn sie die im Marxismus implizit enthaltenen Lösungen namentlich in Hinsicht der Klassen- und Revolutionstheorie explizit formuliert hat, dann war sie dazu sicher deshalb fähig, weil sie einige Jahrzehnte zuvor auch „instinktiv“ entsprechend gehandelt hatte – übrigens, in bestimmten Situationen ist der Instinkt ein zuverlässiger Indikator und „Vorläufer“ gesellschaftlicher Erdbeben und dem Intellekt oftmals überlegen. Es handelt sich bei der „Aufarbeitung“ mitnichten darum zu „erzählen“, wie das alles denn damals war …, sondern es geht darum, den „Faden“ wieder aufzunehmen, praktisch, theoretisch, denn nur die Rekonstruktion des „Alten“ in neuer Form lässt ja Erkenntnis überhaupt zu.

Laut der programmatischen Hauptthese der kommunistischen Linken gipfelt die proletarische Lehre in der Parteifrage. Unter allen möglichen Aspekten, von allen möglichen Seiten her, ganz materialistisch, ohne Rückfälle in idealistische Sichtweisen hämmert Bordiga immer wieder die Notwendigkeit der Partei als physischer Kraft ein. So wie er sich gegen einen sozialistischen Fortschrittsfetisch wandte, in dem der Kommunismus als quantitativ veränderter Kapitalismus verstanden ist, als ein „es besser machen wollen“ statt zerstören zu müssen (wo es dann, ungeachtet verbaler Radikalität, auch keinen Begriff vom notwendigen Bruch gibt – das gehört alles noch zur Apologie des Kapitals), so wendet er sich gegen die metaphysische Auffassung, worin das Proletariat als unmittelbarer Antagonismus zum Kapital begriffen wird, als a priori revolutionär allein aufgrund seiner ökonomischen, qualvollen Stellung: Und in einer solchen Sicht ist dann – das kommt davon – die Enttäuschung des berühmten Liebhabers über die passive und mittlerweile auch für tot erklärte Arbeiterbewegung ganz folgerichtig.

Bevor wir die Reden und Schriften aus den 20er Jahren ins Netz gestellt haben, hatten wir bereits hauptsächlich politische Fragen behandelnde Arbeiten aus den 40er bis 60er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlicht. Daran wollen wir in der kommenden Zeit wieder, soweit es die immer mehr Zeit klauenden Alltagsnahkämpfe zulassen, anknüpfen. Es sind also, wie weiter oben erwähnt, die Schriften der 2. Nachkriegszeit, in denen Bordiga, sich auf die großen revolutionären Erfahrungen der ersten Nachkriegszeit und die Lektionen der folgenden Konterrevolution stützend, alle Fragen noch einmal stellt und theoretisch noch strenger und radikaler darlegt und löst wie eh schon. Eine These wie „Das schlimmste Produkt des Faschismus ist der Antifaschismus“ konnte auch vor 50 Jahren schon wohl nurmehr als provokativ aufgefasst werden: Würde das, was in der letzten Nachkriegszeit als linke Politik und antikapitalistischer Widerstand dastand und -steht, schonungslos auf den Prüfstand gestellt bzw. in die Zange ernsthafter Arbeit genommen, wäre das Spiel des Antifaschismus als Garant der herrschenden Ordnung und des bürgerlichen Status Quo wohl längst durchkreuzt.

Die die politischen Fragen und Positionen behandelnden Arbeiten dieser zweiten Nachkriegszeit wollen wir noch um eine Studie ergänzen (immer wieder die Parteifrage!), die sich mit den verschiedenen „Ersatz“organisationen der proletarischen Partei befasst: „Die Grundlagen des revolutionären Kommunismus in der Lehre und Geschichte des internationalen proletarischen Kampfes“, bevor wir dann zu den eher ökonomischen Fragen kommen wollen: „Proprietà e capitale“ (Eigentum und Kapital) wird diesbezüglich die erste Schrift sein, die wir neu ins Deutsche zu bringen versuchen. Daneben werden wir noch andere, bereits übersetzte, aber noch zu überarbeitende Untersuchungen herausbringen.

Mai 2014