Im Faden der Zeit [100]

Dialog mit Stalin

I. Erster Tag

Indem Stalin gut zwei Jahre nach seinem letzten Artikel (jener berühmt-berüchtigten Schrift über die Sprachwissenschaft[1], mit der wir uns nur nebenbei zu befassen hatten, die jedoch eingehend zu behandeln lohnen würde; doch quod differtur[2] …) einen weiteren, etwa 50 Seiten langen Artikel vorlegt, [3] antwortet er auf Themen, die während der letzten 2 Jahre nicht nur in der Reihe „Faden der Zeit“, sondern auch auf den von unserer Bewegung durchgeführten Arbeitstreffen über Theorie und Programm des Marxismus dargelegt und in zusammengefasster bzw. auch ausführlicher Form veröffentlicht wurden.

Womit wir nicht sagen wollen, dass Stalin (oder sein Sekretariat, dessen Netze sich um den ganzen Erdball spannen) dieses Material eingesehen und sich nun an uns gewandt hätte. Wir dürfen nicht glauben, wenn wir wirkliche Marxisten sind, die großen historischen Auseinandersetzungen bedürften personifizierter, sich der verblüfften Menschheit präsentierender Protagonisten – wie wenn ein Engel auf seiner Wolke in die himmlische Posaune bläst, woraufhin der danteske Dämon Barbariccia mit einem Laut antwortet, der „de profundis“, also aus der Tiefe im wahrsten, euch ja bekannten Sinne des Wortes kommt.[4] Oder wie der christliche Paladin und der sarazenische Sultan, die, bevor sie ihre funkelnden Säbel ziehen, sich mit lauter Stimme einander vorstellen, mit der Liste ihrer Vorfahren und siegreichen Turniere herausfordern und sich gegenseitig den Tod schwören.

Das hätte gerade noch gefehlt! Auf der einen Seite der höchste Führer des größten Staates der Erde und des „kommunistischen“ Weltproletariats, auf der anderen Seite ein Niemand, ein Nichts.

In Wirklichkeit nehmen die im Unterbau wirkenden Tatsachen und materiellen Kräfte deterministisch die Diskussion unter sich auf; und diejenigen, die dann den Text diktieren oder in die Tasten hauen, sind ebenso wie jene, die den Vortrag halten, nur bloße Mechanismen, Lautsprecher, die passiv die Wellen in Stimmen umwandeln; und es ist nicht gesagt, dass aus einem 2000 Watt starken Lautsprecher nicht gerade der größte Blödsinn tönt.

Es sind daher dieselben Fragen, die hinsichtlich der Bedeutung sowohl der gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen Russland als auch der internationalen Beziehungen auf ökonomischer, politischer und militärischer Ebene auftauchen; sie drängen sich genauso da oben wie hier unten auf, und sie lassen sich nur klären, wenn sie der Theorie gegenübergestellt werden, die das fasst, was bereits geschehen und bekannt ist, und wenn diese Fragen der Geschichte dieser Theorie gegenübergestellt werden, die vor sehr langer Zeit – die ja unauslöschlich bleibt – eine gemeinsame war.

Wir wissen also sehr wohl, dass Stalins Antwort aus den oberen Kremletagen nicht auf unsere Worte hin erfolgt und nicht an uns adressiert ist. Um die Debatte weiterzuführen, ist es auch gar nicht nötig, dass er unsere theoretischen Organe[5] kennt. Die Dinge und Kräfte – ob groß oder klein, von gestern, heute oder morgen – bleiben die gleichen, trotz der Launen der Symbolik. Als die antike Philosophie „sunt nomina rerum“ schrieb (wörtlich: die Namen gehören den Dingen an), wollte sie damit sagen, dass die Dinge nicht den Namen angehören. In unsere Sprache übersetzt heißt das: das Ding bestimmt den Namen, und nicht umgekehrt. Ihr könnt ruhig auch weiterhin 99 % eurer Arbeit den Namen, Portraits, Epitheta, dem Leben und den Gräbern der großen Männer widmen: Wir werden im Schatten weitermachen, in der Gewissheit, dass bald die Generation kommt, die über euch, ihr berühmten Männer vom großen und ganz kleinen Kaliber, nur lächeln wird.

Die in Stalins Schrift zwischen den Zeilen stehenden Dinge sind aber zu wichtig, als dass wir ihm den Dialog verweigern würden. Aus diesem Grund, und nicht aus einem „á tout seigneur tout honneur“, antworten wir und erwarten den erneuten Einspruch – auch wenn es wieder zwei Jahre dauert, denn Eile (nicht wahr, Ex-Marxist?) haben wir nicht.

Morgen und Gestern

Alle von Stalin behandelten Themen sind Knotenpunkte des Marxismus und fast alle sind alte Nägel, von denen wir hartnäckig verlangten, sie fest einzuschlagen, bevor man sich anmaßt, die Zukunft zu schmieden.

Natürlich beeindruckte das Gros der auf die verschiedenen Lager verteilten politischen „Zuschauer“ nicht das, worauf Stalin auf suggestive Weise zurückkam – zurückkommen musste –, sondern das, was er über eine unsichere Zukunft vorwegnahm. Sich darauf stürzend (denn das ist es, was Aufsehen erregt), haben weder Freund noch Feind ein einziges Wort verstanden und merkwürdige und überzogene Versionen zum Besten gegeben. Die Perspektive – das ist ihre Zwangsvorstellung. Sind die Beobachter ein Haufen von Trotteln, so ist es mit dem Maschinisten nicht besser bestellt: Er, der von seinem hohen Gefängnis, den höchsten Ämtern der Regierungsmacht aus, die Maschine anwirft, befindet sich gerade in einer Position, die ihm am wenigsten erlaubt, um sich herum- und vorauszusehen. Während also alle von den eindrucksvollen Voraussagen in Aufregung versetzt werden, befassen wir uns mit dem, was sich ihm infolge seines Rückblicks aufdrängte (wo ihm nicht durch Bücklinge und viel Wirbel die Sicht versperrt ist). Gemäß dem existentialistischen Credo gehorchen alle dem saudummen Imperativ: sich zu unterhalten, und die politische Presse sorgt eben dann für Unterhaltung, wenn sie die Zukunft enthüllt und von Prophezeiungen berichtet, die ein „großer Name“ sich herabgelassen hat auszusprechen. Diesmal kam etwas Unerwartetes: Nichts von Weltrevolution, nichts von Frieden mehr, doch auch kein „heiliger“ Krieg zwischen Russland und dem Rest der Welt, vielmehr der unvermeidliche Krieg zwischen den kapitalistischen Staaten, zu denen Russland – einstweilen noch – nicht gezählt wird. Für den Marxismus keine Neuigkeit, doch interessant auch für uns, die wir keine besondere Vorliebe für das Politkino hegen, wo es dem Kinogänger ziemlich egal ist, ob das, was er sieht, „wirklich wahr“ ist oder nicht. Und in der Traumwelt des Landes der grenzenlosen Möglichkeiten, der Luxuslokale, der weißen Telefone oder der Umarmung einer makellosen Supervenus aus Zelluloid schwelgend, kehrt der Zuschauer, der kleine Angestellte oder der Lohnsklave, zufrieden in seine Bruchbude zurück, wo er sich an seine durch die Mühen der Arbeit verhärmte Frau heranmacht, falls er sie nicht durch eine Straßenschönheit ersetzt.

Nun, statt auf den Ausgangspunkt – denn der ist wesentlich – haben sich also alle auf den Schluss gestürzt. Man müsste dieser ganzen Schar von Halbidioten, die sich über das „Nachher“ die Köpfe zermartert, Einhalt gebieten und auf das Studium des Vorherzurückstoßen; das wäre viel leichter, aber darauf kommen sie nicht. Obwohl man die aufgeschlagene Seite nicht versteht, widersteht man nicht der Versuchung weiterzublättern, in der Hoffnung, aus der vorherigen doch noch schlau zu werden; so kommt es, dass der Dumme immer dümmer wird.

Wie es auch immer um die Ruhe und Ordnung gebietende Polizei bestellt sein mag, die den Westen so empört (wo die Mittel zur Verblödung und Standardisierung der Schädel zehnmal größer und widerlicher sind): Die Definition des erreichten gesellschaftlichen Stadiums und laufenden ökonomischen Räderwerks ist in Russland eine Frage, die sich von selbst aufdrängt – und zu folgendem Dilemma führt: Sollen wir weiter behaupten, dass die russische Wirtschaft sozialistisch bzw. im ersten Stadium des Kommunismus ist, oder müssen wir zugeben, dass sie trotz Staatsindustrialismus durch das dem Kapitalismus eigene Wertgesetz regiert wird? Stalin scheint die letzte These anzugreifen und die Ökonomen und Betriebsleiter zu bremsen, die es allzu eilig haben, sie anzunehmen. In Wirklichkeit bereitet er das Geständnis[6] vor, das bald folgen und auch im revolutionären Sinn nützlich sein wird. Aber der von der „freien Welt“ organisierte Blödsinn liest daraus die Ankündigung des Übergangs zum höheren Stadium des vollständigen Kommunismus!

Um die Frage in den Vordergrund zu rücken, bedient sich Stalin der klassischen Methode. Es wäre ein Leichtes, auf eine andere Farbe zu setzen, die ihn von jeglicher Verpflichtung gegenüber der Schule Marx’ und Lenins befreit, aber in dieser Phase des Spiels könnte sogar die Bank selbst gesprengt werden. Stattdessen also beginnen wir ab ovo. Gut, uns ist das recht, da wir beim Geschichts-Roulette nichts eingesetzt und von Kindesbeinen an eins gelernt haben: Unsere Sache ist die des Proletariats, das nichts zu verlieren hat.

Stalin erklärt, ein „Lehrbuch der marxistischen Ökonomie“ sei nötig (wir sind im Jahre 1952), und zwar nicht nur für die sowjetische Jugend, sondern auch für die Genossen in anderen Ländern. Also aufgepasst, Unerfahrene und Vergessliche!

In einem solchen Buch ein Kapitel über Lenin und Stalin als Begründer der politischen Ökonomie des Sozialismus einzufügen, hält selbst Stalin für überflüssig, da es nichts Neues bringen würde. Das ist richtig, wenn er damit sagen will, was sowieso bekannt ist: Beide haben sie nicht erfunden, sondern gelernt – Lenin hat das stets hervorgehoben.

Da wir uns nun auf das Gebiet der strengen Terminologie und „Schul“formulierungen begeben, müssen wir vorausschicken, dass uns ein Vorabdruck des Stalinschen Textes vorliegt, den die stalinistischen Zeitungen ihrerseits einer nicht-russischen Presseagentur entnommen haben. Wir werden sobald wie möglich im vollständigen Text nachschlagen.[7]

Ware und Sozialismus

Der Verweis auf die Grundelemente der marxistischen Wirtschaftslehre dient Stalin dazu, über das „System der Warenproduktion im Sozialismus“ zu diskutieren. Wir haben in verschiedenen Texten dargelegt (wobei wir uns davor hüteten, irgendetwas Neues zu sagen), dass jedes System der Warenproduktion ein nicht-sozialistisches System ist; eben dies werden wir bekräftigen. Hätte Stalin (Stalin, immer wieder Stalin; wir befassen uns hier mit einem Artikel, der „in 100 Jahren“ ebenso gut von einer den verblichenen oder diskreditierten Stalin ersetzenden Kommission stammen könnte: Doch der Einfachheit halber ist es nützlich, Namen als Symbole für komplexe Geschehnisse und Zusammenhänge zu benutzen) von einem System der Warenproduktion nach der Eroberung der Macht durch das Proletariat gesprochen, so wäre das noch keine Ungeheuerlichkeit gewesen.

Sich auf Engels beziehend, haben allem Anschein nach einige „Genossen“ in Russland geäußert, dass die Beibehaltung des Systems der Warenproduktion (bzw. des Warencharakters der Produkte) nach der Verstaatlichung der Produktionsmittel bedeute, das kapitalistische Wirtschaftssystem beizubehalten. Stalin ist sicher nicht der Mann, der ihnen theoretisch beweisen könnte, im Unrecht zu sein. Wenn sie aber sagen, falls sie es sagen, man sei in der Lage gewesen, die Warenproduktion zu beseitigen und habe es nur versäumt oder vergessen, dann dürften sie sich irren.

Aber Stalin will beweisen, dass in einem „sozialistischen Land“ (ein Wort, das einer fragwürdigen Schule angehört) die Warenproduktion bestehen kann, und er greift dazu auf die Marxschen Definitionen und ihre klare, wenn auch vielleicht nicht ganz einwandfreie Synthese in einer Propagandabroschüre Lenins[8] zurück.

Mit dieser Thematik, d.h. der Warenproduktion, ihrem Entstehen und ihrer Herrschaft, ihrem eindeutig kapitalistischen Charakter, haben wir uns schon mehrfach beschäftigt.[9] Gemäß Josef Stalin lassen sich innerhalb der Warenproduktion genaue Pläne aufstellen, ohne befürchten zu müssen, dass der schreckliche Mahlstrom der Warenwelt den unvorsichtigen Lotsen mitten in den Strudel hineinzieht und ihn im kapitalistischen Abgrund verschlingt. Sein Artikel jedoch enthüllt (wer ihn als Marxist liest), dass die Strudel immer enger und schneller werden – wie in der Theorie vorausgesehen.

Die Ware, daran erinnert Lenin, ist ein Ding mit einem Doppelcharakter: Es befriedigt irgendein menschliches Bedürfnis und ist gegen ein anderes Ding austauschbar. Und die Zeilen kurz davor sagen schlicht: „In der kapitalistischen Gesellschaft herrscht die Produktion von Waren, und die Marxsche Analyse beginnt daher mit der Analyse der Ware“ [LW 21, S. 48].

Die Ware besitzt also diese beiden Eigenschaften, und sie wird erst dann zur Ware, wenn die zweite Eigenschaft zur ersten hinzukommt. Die erste, der Gebrauchswert, ist selbst für platte Materialisten wie uns, selbst für ein Kind begreifbar. Er ist sinnlich erfahrbar: Einmal an einem Stückchen Zucker geleckt, strecken wir noch einmal die Hand nach einem Zuckerwürfel aus. Aber der Weg ist weit – Marx überfliegt ihn in diesem großartigen Paragrafen –, bis der Zucker einen Tauschwert annimmt und man zum heiklen Problem Stalins kommt, der sich darüber wundert, dass man eine Äquivalenz zwischen Getreide und Baumwolle festlegte [Stalin, S. 21/22].

Marx, Lenin, Stalin und wir wissen sehr wohl, was für ein Höllentanz losgeht, sobald der Tauschwert erscheint. Wie sagte Lenin? Da, wo die bürgerlichen Ökonomen Verhältnisse zwischen Dingen sahen, entdeckte Marx Verhältnisse zwischen Menschen! Was beweisen denn die drei Bände des „Kapital“ von Marx und die knapp 50 Seiten Lenins? Ganz einfach. Wo die landläufige Ökonomie die perfekte Äquivalenz im Austausch sieht, sehen wir nicht mehr austauschbare Dinge, sondern Menschen in einer gesellschaftlichen Bewegung, sehen wir nicht mehr die Äquivalenz, sondern den Beschiss. Karl Marx spricht von einem Spuk, der der Ware diesen wunderlichen und beim ersten Blick unverständlichen Charakter gibt. Lenin, wie jeden anderen Marxisten, hätte das kalte Grausen gepackt bei der Vorstellung, man könne Waren produzieren und austauschen und dabei gleichzeitig das ihnen innewohnende Teufelchen durch Exorzismus austreiben. Glaubt Stalin das denn? Oder will er uns nur sagen, dass das Teufelchen stärker als er selbst ist?

So wie sich die Gespenster der mittelalterlichen Ritter an der Cromwell’schen Revolution rächten, indem sie nach bürgerlicher Manier die den Landlords überlassenen Burgen heimsuchten, so rennt der Kobold-Fetisch der Ware unaufhaltsam durch die Säle des Kreml, und hinter dem Wortschwall, der aus den Lautsprechern des 19. Parteitages tönt, kann man hämisches Lachen hören.[10].

Als er feststellen will, dass Warenproduktion und Kapitalismus nicht absolut identisch sind, bedient sich Stalin wieder unserer Methode. Dem geschichtlichen Verlauf rückwärts folgend, weist er wie Marx darauf hin, dass in bestimmten Gesellschaftsformen (Sklavenhalterordnung, Feudalismus, usw.) die Warenproduktion existierte, „jedoch nicht zum Kapitalismus geführt hat“ [Stalin, S. 16]. Das ist tatsächlich das, was Marx in einer Passage seines geschichtlichen Abrisses sagt, aber er hat es ganz anders entwickelt und mit einem ganz anderen Ziel. Der bürgerliche Ökonom behauptet, das System der Warenproduktion sei der einzig mögliche Mechanismus, um die Produktion mit der Konsumtion zu verbinden – er weiß nur allzu gut, dass, solange dieser Mechanismus in Kraft ist, das Kapital die Welt weiter beherrschen wird. Marx entgegnet darauf: Wir werden sehen, wohin die historische Entwicklung tendiert; zunächst einmal zwinge ich euch, die unwiderlegbaren Fakten der Vergangenheit anzuerkennen: Es war nicht immer die Warenproduktion, die dafür Sorge trug, dass dem Konsumenten das Arbeitsprodukt zugeführt wurde. Als Beispiele erwähnt er die auf das Sammeln und den unmittelbaren Konsum gegründeten Urgesellschaften, die antiken Formen der Familie und des Stammes, das feudale System des direkten Konsums innerhalb sich selbst genügender Kreise, in denen die Produkte keine Warenform annehmen mussten. Mit der Entwicklung und Komplexität der Technik und der Bedürfnisse entstehen Sektoren, die zuerst durch den Tauschhandel, danach durch den eigentlichen Handel versorgt werden. Was beweist, dass die Warenproduktion, das gilt auch für das Privateigentum, weder „natürlich“ noch, wie der Bourgeois behauptet, permanent und ewig ist. Das späte Erscheinen der Warenproduktion (des Systems der Warenproduktion, wie Stalin sagt) und ihr Bestehen am Rande anderer Produktionsweisen dienen Marx eben dazu zu zeigen, dass die Warenproduktion, nachdem sie universell geworden ist, kaum das sich das kapitalistische Produktionssystem ausgebreitet hatte, zusammen mit demselben untergehen muss.

Es würde zu lang dauern, wollten wir die gegen Proudhon, Lassalle, Rodbertus und zig andere gerichteten Marxschen Passagen anführen, die jedweden Versuch anprangern, die Warenproduktion mit der sozialistischen Emanzipation des Proletariats zu versöhnen.

Für Lenin ist das der Eckstein des Marxismus. Es wäre recht schwierig, ihn mit der aktuellen These Stalins in Einklang zu bringen: „Es fragt sich, warum sollte die Warenproduktion nicht auch für eine bestimmte Periode unserer sozialistischen Gesellschaft dienen“ [Stalin, S. 16], oder: „Die Warenproduktion führt nur in dem Fall zum Kapitalismus, wenn die Produktionsmittel sich in den Händen privater Interessen befinden und der Arbeiter, der darüber nicht verfügt, gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen“ [Stalin, S. 15]. Diese Hypothese ist natürlich unsinnig; in der marxistischen Analyse lässt eben jegliches Vorhandensein einer Masse von Waren darauf schließen, dass reservelose Proletarier ihre Arbeitskraft verkaufen mussten. Gab es in der Vergangenheit eine auf einige Zweige begrenzte Warenproduktion, dann nicht, weil die Arbeitskraft wie heute „freiwillig“ verkauft, sondern versklavten Gefangenen oder in persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen stehenden Leibeigenen mit Waffengewalt abgepresst wurde.

Müssen wir noch einmal die zwei ersten Zeilen des „Kapital“ zitieren? „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‘ungeheure Warensammlung’“ [MEW 23, S. 49].

Die russische Wirtschaft

Nachdem der Text mehr oder weniger geschickt demonstriert hat, den Quellen des Marxismus Respekt zu zollen, geht er zur Frage der heutigen russischen Wirtschaft über. Es gilt, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die festgestellt haben wollen, dass das System der Warenproduktion unvermeidlich zur Restaurierung des Kapitalismus führt – und daher auch uns, die wir deutlicher sagen: Die Warenproduktion sichert ihr Fortleben eben inmitten des Kapitalismus.

In der bemerkenswerten Schrift findet man folgende Zugeständnisse in Bezug auf die russische Wirtschaft: Wenn auch die Großbetriebe verstaatlicht sind, so sind die kleinen und mittleren Betriebe jedoch nicht enteignet: Im Gegenteil, dies „käme einem Verbrechen gleich“. Anzustreben sei vielmehr ihre Entwicklung hin zu Produktionsgenossenschaften.

Gegenwärtig gibt es in Russland zwei Sektoren der Warenproduktion: Einerseits die staatliche, „volkseigene“ Produktion. In den Staatsunternehmen sind die Produktionsmittel und die Produktion selbst, daher die Produkte, nationales Eigentum. Wie simpel: In Italien gehören die Tabakmanufakturen und also auch die von ihnen verkauften Zigaretten dem Staat. Berechtigt dies jedoch schon zu der Behauptung, man befände sich in einer Phase der „Beseitigung des Systems der Lohnarbeit“ und die betreffenden Arbeiter wären nicht „gezwungen“, ihre Arbeitskraft zu verkaufen? Bestimmt nicht.

Kommen wir zum anderen Sektor: die Landwirtschaft. In den Kolchosen, sagt die Broschüre, sind Boden und Maschinen Staatseigentum, aber die Produkte der Arbeit gehören nicht dem Staat, sondern dem Kolchos. Und dieser trennt sich nur von ihnen, weil sie Waren sind, die sich gegen andere Waren, derer man bedarf, tauschen lassen. Zwischen dem ländlichen Kolchos und der Stadt gibt es keine Verbindung, die nicht dem Austausch gehorchen würde. „Darum sind Warenproduktion und Warenumlauf bei uns gegenwärtig eine ebensolche Notwendigkeit, wie sie es beispielsweise vor 30 Jahren waren“ [Stalin, S. 17].

Lassen wir im Augenblick das Argument über die weit entfernt bestehende Möglichkeit beiseite, diese Situation zu überwinden. Festzuhalten bleibt, dass sich noch nicht einmal sagen lässt, was Lenin 1922 sagte: Wir haben die politische Macht in Händen und militärisch halten wir durch, aber in der Wirtschaft müssen wir auf die rein kapitalistische Form der Warenproduktion zurückgreifen. Korollar dieser Konstatierung war: Unterbrechen wir für einige Zeit die Errichtung der sozialistischen Wirtschaft, wir werden nach der europäischen Revolution darauf zurückkommen. Ganz anders dagegen die heutigen Korollarien.

Man versucht nicht mal mehr, eine These wie die folgende aufzustellen: Beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus bleiben gewisse Sektoren der Produktion noch für eine Weile der Warenproduktion unterworfen.

Man sagt indes schlicht und ergreifend: alles ist Ware; es gibt keinen anderen wirtschaftlichen Rahmen als den des Warentausches und folglich auch des Kaufs der Arbeitskraft, auch nicht in den staatlichen Großbetrieben. In der Tat, woher kriegt der Fabrikarbeiter denn seine Lebensmittel? Der Kolchos verkauft sie ihm vermittels der privaten Händler; lieber noch verkauft er sie an den Staat, von dem er Werkzeuge, Düngemittel usw. bezieht; der Arbeiter hat sich die Lebensmittel dann in den staatlichen Läden gegen harte Rubel zu besorgen. Kann denn der Staat die Erzeugnisse, über die er als Eigentümer verfügt, nicht direkt an seine Arbeiter verteilen? Sicherlich nicht, denn der Arbeiter (vor allem der russische) konsumiert keine Traktoren, Fahrzeuge, Lokomotiven, geschweige denn... Kanonen und Maschinengewehre. Und Kleidung und Möbel werden selbstverständlich in den vom Staat nicht angetasteten kleinen und mittleren Betrieben hergestellt.

Der Staat kann also den von ihm abhängigen Arbeitern nichts anderes als einen Geldlohn geben, womit diese dann das kaufen, was sie wollen (bürgerliche Umschreibung für: das Wenige, was sie kaufen können). Dass der lohnverteilende Unternehmer der Staat ist, der als „ideeller“ oder „rechtmäßiger“ Repräsentant der Arbeiterklasse dasteht, hat nicht das geringste zu sagen, solange er nicht einmal beginnen konnte, außerhalb des Mechanismus der Warenproduktion irgend etwas mengenmäßig Relevantes zu verteilen.

Anarchie und Despotismus

Stalin kommt auf einige marxistische Ziele zu sprechen, die wir immer wieder aus der Vergessenheit hervorgeholt haben: Verringerung des Abstandes bzw. Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land; Überwindung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; drastische Reduzierung (auf 5 oder 6 Stunden als Sofortmaßnahme) des Arbeitstages, als einzigem Mittel, um die Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu beseitigen und die Überreste der bürgerlichen Ideologie auszuradieren.

Auf der Versammlung vom Juli 1952 in Rom beschäftigten wir uns mit dem Thema des 12. Kapitels des „Kapital“: „Teilung der Arbeit und Manufaktur“, für Manufaktur lies Betrieb. Es wurde gezeigt: Um aus dem Kapitalismus herauszukommen, muss zusammen mit dem System der Warenproduktion die gesellschaftliche Arbeitsteilung – von der auch Stalin spricht – und ebenfalls die technische bzw. betriebliche Arbeitsteilung zerstört werden, die zur Verrohung des Arbeiters führt und die Ursache des Fabrikdespotismus ist. Die zwei Achsen des bürgerlichen Systems sind die gesellschaftliche Anarchie und der Fabrikdespotismus. Bei Stalin lässt sich noch das Bemühen erkennen, gegen erstere zu kämpfen, über letzteren deckt er den Mantel des Schweigens. Aber nichts im heutigen Russland bewegt sich in Richtung der programmatischen Ziele, weder den von Stalin genannten noch denen, über die sowieso kein Wort verloren wird.

Wenn eine, heute wie morgen unüberwindliche Schranke zwischen Staatsbetrieb und Kolchos runtergelassen wird, die nur kurz hochgeht, damit das Geschäft „zum gegenseitigen Vorteil“ gemacht werden kann, was soll dann Stadt und Land einander näher bringen, was die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen Arbeitern und Bauern verringern, was den Arbeiter von der Notwendigkeit befreien, zu viele Arbeitsstunden für ein wenig Geld bzw. ein paar Lebensmittel zu verkaufen und ihm daher die Möglichkeit geben, der kapitalistischen Tradition das Wissenschafts- und Kulturmonopol streitig zu machen?

Wir haben hier also nicht nur nicht die erste Phase des Sozialismus vor uns, sondern noch nicht einmal einen vollständigen Staatskapitalismus, d.h. eine Wirtschaft, in der – obschon alle Produkte Waren sind und gegen Geld zirkulieren – der Staat über jedes Erzeugnis verfügt; eine Form also, in der der Staat alle Äquivalenzverhältnisse, einschließlich der Arbeitskraft, zentral festlegen kann. Auch ein solcher Staat könnte von der Arbeiterklasse weder ökonomisch/politisch kontrolliert noch erobert werden und würde im Dienst des anonymen und im Verborgenen operierenden Kapitals funktionieren. Aber Russland ist davon sowieso weit entfernt: Was es dort gibt, ist nur der nach der antifeudalen Revolution entstandene Staatsindustrialismus[11]. Dank staatlicher Investitionen in umfangreiche öffentliche Projekte ermöglichte dieses System die rasche Entwicklung und Ausbreitung der Industrie und des Kapitalismus, beschleunigte die bürgerliche Umwandlung der Landwirtschaft und des Agrarrechts. Aber die „kollektivwirtschaftlichen“ Agrarbetriebe haben nichts staatliches, geschweige denn sozialistisches an sich: Sie sind auf dem Niveau von Genossenschaften, wie sie um die Jahrhundertwende in der italienischen Po-Ebene existierten und die auf gepachtetem oder (oft aus Staatsbesitz) gekauftem Land produzierten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass in den Kolchosen zweifellos hundertmal mehr geklaut wird als in jenen bescheidenen, aber ehrlichen Genossenschaften – aber das wird Stalin, hoch oben im Kreml, nicht zu Ohren kommen.

Der industrielle Staat muss den Kauf der Lebensmittel auf dem „freien Markt“ aushandeln, womit sich Arbeitslohn und Arbeitszeit auf dem gleichen Niveau wie in der kapitalistischen Privatindustrie befinden. Was die ökonomische Entwicklung anbelangt, lässt sich sagen, dass beispielsweise Amerika dem vollständigen Staatskapitalismus näher ist als Russland: Schließlich muss der russische Arbeiter vielleicht drei Fünftel seines Lohns für landwirtschaftliche Produkte ausgeben, während der amerikanische Arbeiter denselben Anteil für Industrieprodukte ausgibt; sogar die Nahrungsmittel bekommt er zum großen Teil von der Industrie in Konservendosen geliefert – das arme Schwein.

Staat und Rückzug

An diesem Punkt stellt sich eine andere wichtige Frage. Das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Industrie verbleibt auf einem gänzlich bürgerlichen Niveau, mag der unaufhaltsame Fortschritt in der Industrie auch noch so beachtlich sein. Stalin gesteht, dass nicht mal zukünftig Eingriffe in dieses Verhältnis erwartet werden können, die auf einen größeren Staatsdirigismus, von Sozialismus ganz zu schweigen, hinauslaufen würden.

Auch dieser Rückzieher verbirgt sich geschickt hinter der marxistischen Lehre. Was können wir denn machen? Die Kolchosen brutal enteignen? Dazu müsste man von der Staatsgewalt Gebrauch machen. Und gerade hier bringt Stalin die Abschaffung des Staates wieder ins Spiel, die er bei anderer Gelegenheit zum Alteisen werfen wollte, wobei er damals eine Miene aufsetzte, als wollte er sagen: „Ihr macht nur Spaß, nicht wahr Jungs?“.

Selbstverständlich ist die These unhaltbar, nach der ein Arbeiterstaat den Rückzug antreten könne – wenn doch der gesamte Agrarsektor noch warenwirtschaftlich und privat organisiert ist. Denn selbst wenn man einen Moment lang die vorher bestrittene These von der Existenz der Warenproduktion im Sozialismus durchgehen lassen würde, ließe sie sich noch immer nicht von der anderen These trennen: Solange die Warenproduktion nicht überall beseitigt worden ist, kann von Abschaffung des Staates keine Rede sein.

Bleibt nur zu schlussfolgern, dass das fundamentale Verhältnis zwischen Stadt und Land (das sich im Laufe einer dramatischen Entwicklung von jahrtausendealten asiatischen und feudalen Formen befreite) dort ganz genauso gelöst wird, wie es der Kapitalismus vorsieht und was mit den klassischen, in den bürgerlichen Ländern seit jeher benutzen Worten ausgedrückt wird: Den Warenaustausch zwischen Industrie- und Agrarprodukten vernünftig regeln. Dieses System „erfordert also eine gewaltige Steigerung“ der Industrieproduktion [Stalin, S. 95]. Na also! Wenn man einen Augenblick vom zurechtphantasierten Staat absieht – eine geradezu „liberale“ Lösung.

* * *

Die Frage des Verhältnisses zwischen Landwirtschaft und Industrie wurde durch das Eingestehen der Ohnmacht beantwortet, etwas anderes tun zu können als zu industrialisieren und die Produktion zu steigern, also auf Kosten der Arbeiter. Es stellen sich nun, wie gesagt, die anderen großen Fragen des Verhältnisses zwischen Staat und Betrieb sowie der Unternehmen untereinander.

Für Stalin stellte sich das so dar: Besteht das in der kapitalistischen Produktion geltende Wertgesetz auch in Russland? Gilt es auch für die staatliche Großindustrie? Dieses Gesetz bestimmt, dass der Warenaustausch immer zwischen Äquivalenten erfolgt: Jenem Schein von „Freiheit, Gleichheit und Bentham[12], den Marx zerstörte, als er zeigte, dass der Kapitalismus nicht um des Produkts, sondern um des Profits willen produziert. Herrschaft und Beherrschung der ökonomischen Gesetze – zwischen diesen beiden Klippen laviert Stalins „Manifest“ hin und her und bestätigt so unsere These: In seiner mächtigsten Form ordnet sich das Kapital den Staat unter, auch wenn der Staat als juristischer Alleininhaber aller Unternehmen erscheint.

Am zweiten Tag, oh Scheherazade[13], werden wir euch davon erzählen, und am dritten Tag vom Weltmarkt und vom Krieg.

Quellen:

„Dialogato con Stalin – Giornata prima“: Il programma comunista, Nr. 1, Oktober 1952.

* * *

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

LW 21: Lenin – Karl Marx (Kurzer biografischer Abriss mit einer Darlegung des Marxismus), 1914.

 


[1] Bezieht sich auf Stalin: „Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft“, 1950. Die Kritik erfolgte in „Rasse und Nation in der marxistischen Theorie“ (I fattori di razza e nazione nella teoria marxista), Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

[2] Quod differtur, non aufertur (lat.): aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

[3] Stalin: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“, September 1952.

[4] Barbariccia: „Sudelbart“, einer der Teufelsnamen in Dantes „Göttlicher Komödie“: „Hölle“, 21. Gesang, wo es im Vers 139 heißt: „und der gebrauchte seinen Hintern als Trompete“.

De profundis (lat.): Anfang des oft vertonten 130. Psalms: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“. Er wird auch „der sechste Bußpsalm“ genannt. Es ist das traditionelle Totengebet der katholischen Kirche.

[5] Das theoretische Organ der kommunistischen Linken in Italien nannte sich seit 1945 „Battaglia comunista“; nach der Spaltung im Jahre 1951 wurde das Organ jener Strömung, der Amadeo Bordiga angehörte, „Il programma comunista“ genannt.

[6] Geständnis (confessione): Bordiga will damit sagen, dass die ökonomische und soziale Struktur Russlands die russischen Politiker zwingen wird zuzugeben (die vorliegende Arbeit datiert von 1952), dass der „Sozialismus“ in Russland nichts anderes als Kapitalismus ist, auch wenn sie es nicht explizit formulieren.

[7] Alle mit „Stalin“ gekennzeichneten Zitate sind aus: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“. 1952.

[8] Lenin: „Karl Marx“. LW 21, S. 31 ff.

[9] Siehe u.a.: Filo 92, „Im Strudel der kapitalistischen Anarchie“; Battaglia comunista, Nr. 9, Mai 1952, wo das Marx’sche Kapitel: „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ zur Grundlage genommen wird.

[10] Der 19. Parteitag der KPdSU fand im Oktober 1952 statt, fiel also mit der hier behandelten ökonomischen Debatte zusammen.

[11] Staatsindustrialismus heißt hier, dass der Staat Eigentümer der Industrie ist, die er auch leitet und verwaltet, während die Landwirtschaft fast gar nicht davon berührt wird (außer der kleine Teil der Sowchosen). Für Lenin war der Staatskapitalismus das höchste Ziel, das sich die Diktatur des Proletariats in Erwartung der internationalen Revolution setzen konnte. Er sollte als Hebel für die Transformation der Landwirtschaft dienen, die auf dem Niveau der Kleinproduktion und dem der patriarchalen Naturalproduktion verharrte. Die stalinistische Konterrevolution behielt die staatliche Leitung und das staatliche Eigentumsrecht an der Industrie bei (ohne das deshalb private Unternehmensformen ausgeschlossen gewesen wären), doch in der Landwirtschaft befestigte sie, in Form des Kolchos, eine Produktionsweise, die sogar weit unterhalb der staatskapitalistischen Stufe steht.

[12] Siehe: MEW 23. S. 189/90 und S. 636-39.

[13] Anspielung auf die Schlusssequenz jedes Märchens aus „Tausendundeine Nacht“. Scheherazade ist der Name der Erzählerin. Durch ihre Erzählung fesselt die kluge Scheherezade einen König, der vorhat sie umzubringen. Sie spinnt die Märchen von Nacht zu Nacht weiter, durch 1001 Nächte, und erreicht, dass ihr das Leben geschenkt wird.