Dialog mit den Toten (I)

Erster Tag

Hinweis auf die Grundprinzipien

Die jüngsten Debatten des „kommunistischen“ Parteitages der KPdSU, die überall großen Widerhall fanden, sind von grundsätzlicher historischer Bedeutung. Sicherlich geht diese Bedeutung nicht aus dem Wortlaut der Reden hervor, aber ebenso wenig kommt man ihr näher, wenn man annimmt, die Formulierungen seien lediglich rhetorische Manöver, um dunkle Machenschaften zu verschleiern. Die Beziehung zwischen den gehaltenen Reden und dem historischen Unterbau entdeckt man auf ganz andere Weise: Wir haben dazu viel bessere Mittel als ihre, nicht erst seit kurzem ziemlich verwirrten westlichen Anhänger oder ihre ruchlosen, doch mit äußerst dürftigen polemischen und kritischen Waffen ausgerüsteten westlichen Gegner.

Wir halten die Stellung heute für die wenigen, die die früheren Texte unserer unauffälligen, jedoch begründeten und kohärenten Forschung und Darstellung kennen. Andere Ereignisse, die in einem viel größeren Kreis als dem unsrigen Aufsehen zu erregen vermögen, werden folgen und – allerdings ohne viel Aufhebens davon zu machen – weitere Glieder dieser festen, wenn auch heute kaum sichtbaren Kette zusammenschmieden.

Am 1. Februar, 21. April, 22. Mai und 28. September 1952 veröffentlichte Stalin eine Reihe nicht allzu langer Artikel[1], in denen er es für notwendig hielt, in die 1951 in der Partei entstandene ökonomische Auseinandersetzung anlässlich der Vorbereitung des neuen „Lehrbuchs der politischen Ökonomie“, das kürzlich in Westen erschienen ist, einzugreifen. Wir hoffen, dieses Lehrbuch lesen zu können, bevor es aus dem Verkehr gezogen wird. Zweck dieses Lehrbuchs war, die auf die Struktur der heutigen Gesellschaft anzuwendenden ökonomischen Gesetze festzuschreiben, und sie als Gesetze einer sozialistischen Wirtschaft auszugeben. Natürlich sollte auch an die in der heutigen Wirtschaft des internationalen Kapitalismus geltenden Gesetze, die mit den vor einem Jahrhundert erarbeiteten Formulierungen der marxistischen Ökonomie verglichen wurden, erinnert werden.

Im von unserer Bewegung 1953 als Broschüre veröffentlichten „Dialog mit Stalin“ stellten wir fest, dass diese Artikel, die ein falsches Bild der Realität der wirtschaftlichen Prozesse – ob in Russland oder im Westen – geben, auch eine Reihe schwerwiegender theoretischer Fehler enthalten: Die Darstellung ist mit den Grundsätzen der marxistischen Theorie unvereinbar.

Eben zu jener Zeit, vom 5.-15. Oktober 1952, hielt die KPdSU ihren 19. Parteitag ab, auf dem Stalin – wie man sich noch gut erinnern wird – als Führer zwar keine gute Figur machte, aber dafür von allen und in allen Schriften als Inspekteur der gesamten historischen, ökonomischen, politischen und philosophischen Theorie der Partei – offiziell die „Theorie Lenins und Stalins“ genannt – angesehen wurde.

Diese Position wurde von der russischen Partei (und ihren Bruderparteien) bis zum 5. März (dem Todestag Stalins) und auch danach, bis zum heutigen Tag (14.2.56), nicht in Frage gestellt.

Seit November 1954 haben wir in „Il programma comunista“ die Materialien unserer kritischen Sicht über das Russland-Thema, die wir in mehreren Jahrzehnten entwickelt haben, organisch wiedergegeben.[2] Demnach sind die „Stalin’schen“ Positionen auf den Gebiet der Historiografie, Ökonomie, Politik und auch der Philosophie falsch und anti-marxistisch.

Bei all dem sollte – ob von Freund oder Feind – vor allem die Diskussion der marxistischen Ökonomie dieses Dialogs beachtet werden, sowie die vor kurzem veröffentlichte Darstellung der revolutionären Geschichte Russlands, der großen Kämpfe von 1917 und der darauf folgenden glorreichen Jahre, des historischen Aufbaus (durch die Bolschewiken und Lenin) der Entwicklung der sozialen Struktur Russlands, der russischen und weltweiten Revolution[3]; vor allem deshalb, weil diese Darstellungen der so genannten „Theorie des Aufbaus des Sozialismus in einem Land“ als auch dem schändlichen und defätistischen, verfolgungswütigen Handeln der unseligen Anhänger dieser Theorie widersprechen – seit mehr als 30 Jahren.

Nun fand vom 14. bis 25. Februar 1956 der 20. Parteitag der „Partei Stalins“ statt; der dort angeschlagene, geschwollene Ton ist meilenweit von unserer viel einfacheren Sprache entfernt, es ist jedoch auch nicht mehr der des 19. Parteitags, der zu Lebzeiten Stalins gesprochen wurde. Zwar wird immer noch vom „unsterblichen Lenin“ gesprochen, aber von einem „unsterblichen Stalin“ ist keine Rede mehr.

Niemand ist unsterblich für den Marxismus – und niemand ist tot. Das Leben dialogisiert ebenso mit den Verstorbenen wie mit den „Unsterblichen“, wie sie gemeinhin genannt werden. Alle werden antworten! Mit den Toten die Lebenden, und ebenso ihre Nachkommen.

Ideologisches Erdbeben aus den Osten

Die riesige, von der Partei und der Regierung Moskaus aufgebaute Propagandamaschine, die seit 30 Jahren mit übermächtigen Mitteln die ganze Welt mit einer gewaltigen, immer in derselben Schablone hergestellten Literatur voll stopft (auch wenn ein unerbittlicher Index, demgemäß entgleiste Ausgaben aus dem Verkehr gezogen werden, ihr monotones Stampfen hin und wieder unterbricht), unterzieht – wie aus verschiedenen Quellen verlautet – nun plötzlich alles einer Revision und kündigt in allen Wissenszweigen die Herausgabe neuer Texte an, die die alten ersetzen sollen. Nichts wurde ausgelassen: Geschichte und Ökonomie, Philosophie und Politik, Kunst und Biologie, Technologie und Ethnologie...

Hat dieser Kongress mit seiner ungeheuerlichen Abschwörung das Fundament eines neuen Glaubens gelegt, auf dessen Grundsteinen die Säulen einer ganz anderen Konstruktion errichtet werden können, und lässt irgendetwas erwarten, dass ein solch grundlegendes Werk aus dieser Ansammlung historischer Kräfte hervorgehen kann? Das vorliegende Material über den Kongress, das aus verschiedenen Quellen stammt und von allen „Glaubensrichtungen“ interpretiert wurde, veranlasst uns, unwiderruflich mit einem glatten Nein zu antworten.

Ist diese, im Stil eines „Gangs nach Canossa“[4] inszenierte Beichte entsetzlicher und faulig riechender Ketzereien irgendwie imstande, eine Rückkehr zu den orthodoxen, seit langer Zeit mit Füßen getretenen und prostituierten Positionen, eine Reinwaschung von blutigen Schlägen und eine erlösende Taufe herbeizuführen? Nicht im Geringsten. Diese großmütigen Legenden, in denen das Unterbewusstsein frühe historische Umwälzungen Gestalt annehmen ließ, geben uns heute keinerlei Schlüssel in die Hand. Es wird nur eine neue Phase des unheilbaren Übels angekündigt, ein weiterer Schritt zur rettungslosen Verdammnis. Die biedere Aufgeblasenheit, in der man das „mea culpa“[5] der stalinistischen Verblendung herunterbetet und mit Pauken und Trompeten die Rückkehr zu den grandiosen marxistischen und leninistischen Quellen, zu den ursprünglichen historischen Traditionen verkündet, ist nur eine weitere Lästerung in der unwürdigen Kette von Ketzereien, eine neue und, bei Gott, hundert Mal ohnmächtigere als die vorhergehende Beleidigung, die ebenso gewaltig ist, wie der revolutionäre Glaube des Weltproletariats stark ist. Die Lästerungen, die Diffamie, sind die würdige Krönung von 30 Jahren abscheulicher Praktiken, die eine anrüchige Bruderschaft schmutziger und heruntergekommener Priestergestalten zelebriert: Mit unauslöschlichen Flecken aus Lüge und brüderlichem Blut werden sie in die Geschichte der Jahrhunderte eingehen.

Dieses ideologische Erdbeben, das nur Trümmer aufweist und übrig lassen wird – und anderen Kräften die Errichtung neuer Strukturen mit einem ganz anderem Material überlässt –, kann nur durch die Erschütterungen des nicht nur in Russland, sondern in der ganzen Welt bestehenden gesellschaftlichen Unterbaus erklärt werden. Es hat keinen Zweck, dies als eine neue propagandistische Inszenierung ansehen zu wollen (wie es die bürgerliche Idiotie überall zu tun pflegt), um die monströse, jedoch immer noch feste Staatsmacht weiterhin zu stützen; noch vergeblicher wird es sein, nach einem tiefen Atemzug wieder so darüber zu schwätzen (wie die Lakaien in den hinteren Rängen, denen seit Jahren die Brotkrumen vom Tisch des Bonzen-Synedriums[6] zufallen – welches seine Taten unglaublicherweise überlebt hat), als handele es sich um ein Vorspiel zu einem diesmal besser gezielten Schlag, der die geopferten Klassen gegenüber der verdammten heutigen Gesellschaft verteidige. Die Klassenbedeutung der gegenwärtigen Ereignisse ist eine ganz andere; sie wird in nicht ferner Zukunft offenbar werden. Wir setzen dies bei unserer nachfolgenden Untersuchung voraus.

Die „neue“ Formel des Bündnisses zwischen der Klasse der Lohnarbeiter und den Klassen der Kleinbesitzer in der kapitalistischen Welt geht historisch nicht als dritter Weg aus der Antithese zwischen der Diktatur des Proletariats und der Diktatur des Kapitals hervor – wie wir bereits am Ende unserer Abhandlung über die russische Frage festgestellt haben[7]. Sie stößt in das konterrevolutionäre Horn der nicht-lösbaren Antithese und dient somit den Kräften des Weltkapitalismus. Der Stalinismus geht unter, steht aber in unverschleierter Form wieder auf: weltweiter Totalitarismus, der philisterhaft verhasste „Faschismus“ – was für uns kein Grund ist, sich zu empören oder zu entsetzen, sondern die freudige Kunde der revolutionären Lösung ankündigt.

Die entehrten Mittelklassen der heutigen stinkenden Gesellschaft öffnen sich, wie wir schon mehrmals gesehen haben, nur nach rechts, und wer sich ihnen nähert oder sie an sich zieht, ist nur ein Handlanger der Konterrevolution.

Weit davon entfernt, das Ruder mit teuflischer Kraft fest in der Hand zu halten (wie ihre Gevattern aus dem Westen glauben machen wollen), wurde dies auf dem Moskauer Kongress eingestanden – ohne es zu wollen oder zu wissen.

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen“ [MEW 8, S. 115].

Anastas Mikojan, der sich auf dem Kongress extrem links gebärdete, Sie haben gesagt, dass man jetzt nicht in den Zeitungsjahrgängen, sondern in den Archiven fündig werden müsse. Nun, das obige Zitat steht am Anfang eines „Schriftchens“ (wie es der Verfasser, ein armer Emigrant in London, bezeichnete), das im Februar 1852 an die deutsche Zeitschrift „Die Revolution“ gesandt wurde, die in New York einer der Treuesten unserer Schule, Joseph Weydemeyer, herausgab: Eine Schrift, die in den Tagen, in denen sich die Ereignisse abspielten, in einem Zug niedergeschrieben wurde. Es handelt sich um den „18. Brumaire“ von Karl Marx.

Zerrissene Geschichtsbücher

In unseren Arbeiten wurden einige Male die Geschichtsklitterungen hervorgehoben, bei deren Lektüre, nach so vielen Jahren bitterer Erfahrungen, sich nicht nur diejenigen die Augen reiben mussten, die die Ereignisse aus nächster Nähe miterlebt hatten. Wir sind diesen Fälschungen nie mit besonderer Hingabe nachgegangen, dazu ist unser Vertrauen unter der unglaublichen Serie entwürdigender Ohrfeigen, die der heiligen Geschichte der Revolution und ihrer Partei in den vielen Jahrzehnten versetzt wurden, nicht genug ins Wanken geraten, und wir haben uns nie davon überzeugen lassen, dass so viele Söhne der Arbeiterklasse nunmehr auf diesen Himalaja von Kot schwören sollten.

Das Vertrauen von uns wenigen war gerechtfertigt. Das Material dieses Gebirges stürzt unter der gleichen Hand zusammen, die den Gipfel errichtet hat: jedoch mit welchem Gestank!

Den „Kurzen Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“, der zur Erziehung einer ganzen russischen Generation gedient hatte, qualifiziert Chruschtschow in seinem Bericht ab.

Obwohl er nicht zu den Verfassern dieses Textes zählte, begnügte sich der gemäßigte Sekretär damit festzustellen, das jetzige Zentralkomitee habe die Absicht, die ideologische Arbeit zu verbessern, indem man die Werke von Marx, Engels und Lenin verbreite (Grabesstille über den Werken von Stalin!), und dass „im Laufe der vergangenen 17 Jahre hauptsächlich der ‘Kurze Lehrgang’ der Geschichte der Partei die Grundlage unserer Propaganda bildete“, es jedoch notwendig sei, „ein populäres marxistisches Lehrbuch“ (nur Mut!) „über die Parteigeschichte“, ein weiteres über „die Grundlagen des Marxismus-Leninismus“ und noch eins herauszubringen, „das in populärer Form“ (populär oder marxistisch: Als ob euch das Kopfzerbrechen bereiten würde) „die Grundlagen der marxistischen Philosophie behandelt“ [I, S. 114][8].

Mikojan, dessen Rede in der „Unità“ nur in gekürzter Form wiedergegeben wurde, war kategorischer. In der Version der „Unità“ hat er dem „Kurzen Lehrgang“ bloß vorgehalten, die letzten 20 Jahre der Geschichte ignoriert zu haben. Wie wird man diese 20 Jahre gemäß der materialistischen Methode schreiben? Wie wird man die ungeheure Schande von 1939 darstellen? Erst das imperialistische Abkommen mit dem nazistischen Deutschland, dann mit den heute so verachteten plutokratischen Demokratien; die „sale besogne“[9] der außerrussischen Arbeiterparteien, die erst Diener Hitlers und Defätisten (nach der leninschen Theorie!) nur gegenüber dem Imperialismus in Paris, London usw. waren, um sich danach, wie durch Zauberhand, in eifrige Partisanen des anti-deutschen Krieges für die Demokratie zu verwandeln (so dass man beinahe schon den Chauvinisten von 1914 nachtrauert, die seinerzeit von Lenins unerbittlicher Klinge so erbarmungslos gebrandmarkt wurden)? Und wird man den Versuch einer für 1945 geplanten Überrumpelung der Westmächte (wobei man nicht einmal imstande gewesen wäre, dies wirklich in die Tat umzusetzen), den auf dem 18. Parteitag von 1939 kühn angekündigten „doppelten Schlag“[10], dem alleinigen Sündenbock Dschugaschwili in die Schuhe schieben, da man heute zu diesen früheren Alliierten wieder idiotische diplomatische Brücken schlägt? Muss deshalb sein Kopf rollen? Ein Totenschädel genügt nicht, meine Herren.

Doch Mikojan hat noch ganz andere Dinge über die Schandtaten besagter „Geschichte“ gesagt. In einer Meldung der „Associated Press“ heißt es: „Mikojan hat Stalin unter verschiedenen Gesichtspunkten kritisiert: 1.) Er erklärte, dass die Schriften des verstorbenen Premiers die zwei letzten Jahrzehnte ignorierten und verlangte daher neue Lehrbücher über den Kommunismus. 2.) Er griff die von Stalin mit vielen Jahren Verspätung vorgebrachten Verratsbeschuldigungen gegen die einstigen Helden der bolschewistischen Revolution von 1917 an. 3.) Er erklärte, die Außenpolitik Russlands sei nach Stalins Tod 1953 aktiv, flexibel und gemäßigter geworden.“

Was diesen letzten Punkt betrifft, so hat das sicherlich nichts mit einer Rückkehr zur historischen Methode des Marxismus zu tun! Unsere wenigen Leser können bezeugen, dass wir nie – weder nach 1945 noch nach 1953 – an einen nah bevorstehenden Kriegsausbruch zwischen Russland und Amerika geglaubt haben. Doch die historischen Gründe dafür haben überhaupt nichts mit dem Tode Stalins zu tun! Man bekämpft den Mythos der Persönlichkeit nicht, indem man den Blödsinn umkehrt. Wir behandeln hier noch nicht den auch in der „Unità“ veröffentlichten Teil, der die „ökonomischen Schriften“ demoliert – zu Recht, ohne jedoch die logische Konsequenz daraus zu ziehen, die die weiteren Schlussfolgerungen all dieser dreisten Neo-Antistalinisten zunichte macht.

Falschspieler, die Wahrheit kommt ans Licht

Lüften wir jedoch den Schleier jenes „Kurzen Lehrgangs“, dieser grenzenlosen Verfälschung, als ob er eine ernst gemeinte Sache wäre. „Die Geschichte wurde von einer vom ZK der KPdSU beauftragten und von Stalin geleiteten Kommission verfasst, zu der Kalinin, Molotow, Kaganowitsch, Mikojan, Zdanov und Beria gehörten.“ Alle sind auf gute oder schlimme Weise gestorben oder mehr schlecht als recht am Leben. Man spricht heute davon, die 32 Mitglieder des großen Oktober-Komitees „rehabilitiert“ zu haben. Von ihnen sind jedoch nur wenige eines natürlichen Todes gestorben und der einzige Überlebende war der große Tote von 1953, der heute entheiligt wird!

Man atmet etwas auf bei dem Vortrag der hervorragenden Historikerin Pankratowa, die die tiefe Krise hervorhob, unter der die sowjetische Geschichtsschreibung nahezu 30 Jahre lang litt, weil Stalin zahlreiche Themen für „tabu“ erklärt hatte.

Sie stellt eine lange Liste von Ereignissen auf, die entweder verschwiegen oder entstellt werden mussten. Die Geschichte des Bürgerkriegs (1918-20) war zum Beispiel so wiederzugeben, als wäre Trotzki niemals Kriegsminister gewesen. In der Gedenkschrift über die ungarische Kommune von 1919, die nach einem verzweifelten Widerstand blutig unterlag, musste der Name Bela Kuns, ihres großen Führers, verschwiegen werden. Heute rehabilitiert ein offizielles Kommuniqué den Namen dieses unvergleichlichen Genossen, dieses wahren Marxisten und echten revolutionären Helden, der still und bescheiden an den Moskauer Kongressen teilnahm (mitten unter so vielen aufgeblasenen, mit den Sozialverrätern Europas Machenschaften betreibenden Intriganten), so als hätte er mit der bitteren Niederlage der ungarischen Partei, die sich sowohl in der Lehre als auch auf den Barrikaden so erhaben gezeigt hatte, eine Schuld auf sich geladen. Nur weil er im entscheidenden Augenblick, als die kapitalistischen Bestien der russischen Revolution an die Gurgel sprangen, nicht zögerte, alles im (in der Donau-Zitadelle ausgebrochenen) Kampf einzusetzen, gegen den grimmigen Angriff der Söldner der europäischen Bourgeoisie, gegen die giftige Wut aller Renegaten und Sozialverräter (Deutschlands und der Entente), Faschisten und Demokraten. Er wäre nie nach Europa zurückgekehrt, um mit den Henkern des Sozialismus zu verhandeln – nicht einmal auf Befehl Lenins, der große Stücke auf ihn hielt. 1937 zum Volksfeind erklärt, kennt man bis heute nicht den Ort in Sibirien, an den er verschleppt wurde und wo er vor einigen Jahren starb; während man den Tag und den Ort kennt – und dies nur deshalb, weil das Verbrechen außerhalb Russlands geschah –, wo ein jetzt noch lebender, sich als sein Anhänger einschleichender Schurke den Eispickel in den Schädel Trotzkis, Führer des roten Sieges, rammte. Der Mörder kann nun getrost aus der Versenkung hervortreten: Er kann keine Geheimnisse mehr offenbaren.

Betrachten wir einige Angaben der Pankratowa: Es wurde angeordnet, den in der Harvard-Universität aufbewahrten historischen Briefwechsel zwischen Lenin und Trotzki nicht in Russland zu verbreiten; aus allen Bibliotheken und Museen sämtliche Unterlagen über die herausragende Rolle, die die Opfer der großen „Säuberungen“ in der Revolution gespielt hatten, verschwinden zu lassen. 1931 wurde den Historikern Schliapnikow, Jaroslowsky und Popokow befohlen, Trotzki in der „Geschichte des Bürgerkrieges“ als imperialistischen Geheimagenten hinzustellen. Die Pankratowa erhielt den Befehl, die Landung der Alliierten in der Normandie zu bagatellisieren, was zur Folge hatte, dass sie eines ihrer 1946 geschriebenen Werke ändern musste. Stalin ließ sich also 1949 ganz zu Recht zum „Gründer der sowjetischen Geschichtsschreibung“ erklären.

Und schließlich das Erstaunlichste und Verblüffendste – es gibt Dinge, bei denen die Entrüstung keine Grenzen kennt! In die Geschichte der Oktober-Revolution musste das Märchen eingefügt werden, dass Bucharin einen Mordversuch an Lenin unternommen habe! Jener redliche, schlichte, heitere und reine Bucharin, dessen leuchtende Augen wir so oft vor Begeisterung und Freude aufblitzen sahen, wenn der Lehrer, den er wie ein Kind verehrte, die Thesen der Revolution auf den Moskauer Kongressen behandelte. Und bestes gegenseitiges Vertrauen herrschte in den glühendsten Auseinandersetzungen! Wie weit waren sie doch von der verachtenswerten Einstimmigkeit dieser Lakaienbande entfernt!

Laut der Pankratowa hat im Wesentlichen die Reaktion der Historiker dazu beigetragen, diese unwürdigen „Tabus“ zu stürzen. Wenn auch selten, so gehen Wissenschaft und Mut doch manchmal zusammen.

Im „Manifest“ heißt es: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen“ [MEW 4, S. 493]. Die Verteidigung der Wahrheit ist für Marxisten kein ethisches Gebot – physisch gesehen ist sie der Sauerstoff der Revolution.

Mythos und Persönlichkeitskult

Über die Schläge, die dieser gegenwärtigen, wahrhaft konter-revolutionären Pest versetzt werden, können wir uns nur freuen; dieser tödlichen Pest, die sowohl die Rolle (dieses hässliche Wort passt hier) einer überragenden Persönlichkeit mit der ihr gebührenden Verehrung und Dankbarkeit in höchste Höhen erhebt als auch dazu führt, dass man sich auf ideologischer Ebene für die menschliche Person im allgemeinen ereifert und begeistert – die nie so verehrt und bejubelt wird wie in einer historischen Epoche, in der sie wie in einem Mörser massenhaft zu Staub zerstampft wird.

Welche Bedeutung können wir jedoch den Proklamationen Chruschtschows, Mikojans, Molotows, Bulganins und fast aller anderen beimessen?! Es läuft völlig ins Leere, wenn zugestanden und als etwas vollkommen Neues und Außergewöhnliches hingestellt wird, dass der Persönlichkeitskult gegen den Geist von Marx und Lenin verstößt. Gegen ihren Geist? Wer gegenüber diesen Männern von solch ekelhaftem Aberglauben gesprochen oder gar sie selbst damit behelligt hätte, wäre nicht ihren Fingern entkommen, ohne Fetzen der eigenen Reptilienhaut zurückzulassen.

Seit Jahrzehnten bläst uns dieses schmutzige Gesindel die Ohren mit den Heldentaten der Großen, der „ganz Großen“ und der „Allergrößten“ voll, gleich ob es sich um Geister des Guten oder des Bösen handelt: Die nach Art eines Kaleidoskops funktionierende, moderne kapitalistische Gesellschaft würde sich von Zeit zu Zeit von einer kleinen Clique mehr oder minder beschränkter Leuchten in Ordnung bringen lassen – wie von dem gebrechlichen Franklin Delano, dem paranoiden Winston und dem heute seiner Großmanns- und Blutsucht beraubten Josef. Und umgekehrt wurden Millionen von Menschen bis gestern dem Erfolg geopfert, der darin besteht, das Gerippe des sadistischen Adolf zu verbrennen oder den „miles gloriosus“[11] Benito an den Füßen aufzuhängen. Und das, Narren, die ihr an Narrenkult leidet, soll Marxismus sein?

Und nun sollen die kleinen Götzen von den vielen raumfüllenden und beweihräucherten Altären so einfach herabfallen? Unselige, hört zu!

Als Marx 1869 eine Neuauflage seiner schon erwähnten Schrift herausgab, konnte er im Vorwort schreiben: „Der Schlusssatz meiner Schrift: ‘Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern Louis Bonapartes fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen’, hat sich bereits erfüllt“ [MEW 8, S. 560]. 1863 hatte Napoleon III., der Kleine, das Standbild Napoleons I. ersetzen lassen. 1871 ordnete die Pariser Kommune an, die Vendôme-Säule niederzureißen.

Wir werden also erleben, dass die kolossale Statue Dschugaschwilis von den Mauern der so heiß umkämpften Festung Stalingrad herab fällt. Vielleicht wird es ein kleiner Vorteil sein, nicht mehr von den trivialen Szenen hören und lesen zu müssen, in denen einige Schwachköpfe, die unter einer Reihe auf rotem Tuche prangender Köpfe sitzen, die Huldigung serviler Arbeiterdelegationen entgegennehmen – falls es denn stimmt, dass die große Massenversammlung am Ende des Kongresses abgesagt wurde, um das Aufkommen einer Atmosphäre von Schmeicheleien gegenüber den gewählten Führern zu verhindern.

Der Marxismus steht jedoch weit über diesem ekelhaften Gehabe mit den großen Namen, das die Avantgarde-Klasse abstumpft, verblendet und berauscht.

Im selben Vorwort schrieb Marx über die Mode des Cäsarismus, die er missmutig kommen sah: „Schließlich hoffe ich, dass meine Schrift zur Beseitigung der jetzt namentlich in Deutschland“ (von dir, Jerusalem, spricht die Parabel nun!) „landläufigen Schulphrase vom so genannten Cäsarismus beitragen wird. Bei dieser oberflächlichen geschichtlichen Analogie vergisst man die Hauptsache, dass nämlich im alten Rom der Klassenkampf nur innerhalb einer privilegierten Minorität spielte, zwischen den freien Reichen und den freien Armen, während die große produktive Masse der Bevölkerung, die Sklaven, das bloß passive Piedestal für jene Kämpfer bildete. Man vergisst Sismondis bedeutenden Ausspruch: Das römische Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die moderne Gesellschaft“ (wir sind versucht hinzuzufügen: besonders ihre Mittelklassen) „auf Kosten des Proletariats lebt“ [MEW 8, S. 560].

Sind diese lächerlichen Herren, die, kaum dass Stalin erledigt wurde, von einem neuen Marxismus stammeln, den sie jeden Morgen neu schöpfen, schon soweit heruntergekommen, dass sie diesen Worten nur einen Sinn beimessen können, der sich nicht anders denn populär nennen lässt? Wir werden sehen, dass sich unser Verdacht bestätigt!

Unsere Zeit, so lehrt Marx, ist nicht die historische Epoche der individuellen Führung der Gesellschaft, der großen, sich in ihrem Innern abspielenden bürgerlichen Kämpfe. Oder anders gesagt: Die Revolution der Arbeiterklasse kann nicht von Persönlichkeiten geführt werden.

Wir haben oft das Wort Romantik gebraucht, um das Urteil zu bezeichnen, das auf der russischen Revolution aufgrund ihres antifeudalen und somit bürgerlichen Erscheinungsbildes lastete, nämlich in die Fußstapfen der westlichen „Großen Revolutionen“ zu treten. So wie diese von der klassischen Antike die juristische Lehre übernahmen (und dabei den Unterschied vergaßen, dass das lateinische „jus“ nur für die Freien galt, während es die Masse der Sklaven, die alle am Leben erhielt, ausschloss: d.h. sie ließen den von Marx und Sismondi genannten grundsätzlichen Unterschied außer acht), so übernahmen sie auf politischer wie auch literarischer Ebene (qui nous delivrera des Grecs et des Romains?[12]) das starre Schema der Republik, das dem kaiserlichen Cäsarismus wich.

Auf die gewaltigen Fragen der Moskauer Revolution, die auf das wahrhaft mächtige Gerüst des marxistischen Bauwerks von Lenin zurückgehen, wurden mit ungeheuer eindrucksvoller Macht die Schatten der Pariser Revolution projiziert. Man verleumdete den leidenschaftlichen und ungestümen, jedoch keineswegs vom Personalismus befallenen Trotzki des Bonapartismus, und auf schändliche Art erfand man in der Historiografie, er bereite einen neuen Thermidor vor – und das Trotzki, dem glänzenden Theoretiker und Führer des fabelhaften proletarischen, und nur proletarischen Terrors.

Aber ebenso wie die liberale Bourgeoisie – töricht und aus dem Tritt geraten, und nachdem der große Bonaparte (der zu Robespierre vielleicht im gleichen Verhältnis stand wie Cäsar zu Brutus und Alexander der Große zu Leonidas) das einzige Vorbild abgegeben hatte – ihre kollektive revolutionäre Kraft im Cäsarismus und in den Marionetten (als die sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die elenden Missgeburten der Geschichte präsentierten) verbraucht hatte, so spielte auch die russische, an Führern und Lehrern reiche Revolution, vom Namen Stalins berauscht und mit blutigen, seiner Größe dargebrachten Opfern (einer Größe, die niemand, vielleicht auch wir nicht, für so vergänglich gehalten hatte), ihre unerlässliche Farce – mit der Persönlichkeit in der Hauptrolle.

Die bürgerliche Revolution hat überall ihre eigenen Kinder gefressen: Doch war das kein Grund, sie aufzufordern einzuhalten, gleich welcher Nation und Rasse sie war oder noch sein wird. Jedoch wird die Revolution, die endlich eine proletarische und ausschließlich proletarische Revolution sein wird, einen solchen Weg nicht gehen – gleichwohl auch sie die Schlacken mit Feuer und Schwert aus dem Wege räumen wird.

Wir sprachen vorhin von der Ausnahme, die die französische Bourgeoisie in dem großen Korsen hatte. Aber wie viel war auch bei dieser individuellen Größe durch historische Kräfte determiniert? Marx bemerkte in jenem Vorwort: „Oberst Charres eröffnete den Angriff auf den Napoleon-Kultus in seinem Werke über den Feldzug von 1815. Seitdem, und namentlich in den letzten Jahren, hat die französische Literatur mit den Waffen der Geschichtsforschung, der Kritik, der Satire und des Witzes der Napoleon-Legende den Garaus gemacht“ [MEW 8, S. 560]. Und bei anderen Gelegenheiten zitierten wir hierzu den weisen Engels. Heute hat ein junger 40-jähriger Historiker, Jean Savant, in seinen nicht weniger als 15 Werken eine Theorie entwickelt, die der Persönlichkeit Bonapartes jegliche Bedeutung nimmt und in seinen berühmten Taten das Werk dreier hochrangiger Männer erblickt: des politischen Agitators Barras, des Polizisten Fouché, des großen Kapitalisten Ouvard. Nolens volens muss sich die offizielle Wissenschaft in bestimmten Zeiten doch der Macht des Marxismus beugen.

An Ende unseres Exkurses angelangt, fragen wir uns, ob wir uns vor einem Kongress von Marxisten, Zerstörern des Personenkults befinden oder eher vor einer Reihe berufsmäßiger Stiefellecker, die nunmehr, da sie arbeitslos geworden sind, mit der Bildung eines Vereins von Dutzendgenies reagieren.

Unheilbare Rückgratverkrümmung

Die kriecherischen Phrasen des 19. Parteitages sind noch nicht vergessen und die Angelegenheit ist noch zu frisch, als dass sie von Freund und Feind schon abgehakt werden könnte. Der glühendste und vehementeste der heutigen Ikonoklasten, der schon mehrmals erwähnte Mikojan, hat in seinen persönlichen Aufzeichnungen Vermerke solcher Art stehen: „Stalin, der große Architekt des Kommunismus!“ Was noch einmal die magnetische Kraft des augenblicklich tobenden Sturms zeigt: Bis zur Sonne hinauf konnte man Mikojan donnern hören, der Marxismus-Leninisms verurteile die Verherrlichung des Personenkults!

Eine widerliche, freimaurerische Gefühlsduselei, die den „großen Architekten des Weltalls“ nachäfft. Die Bourgeois waren zu große Philister, als dass sie Gott in den Ruhestand versetzt hätten, und so nötigten sie ihm eine Stellung mit festem Gehalt auf. Der Kommunismus hat keine Architekten! Und wenn, so wäre diese Stelle schon seit Jahrhunderten besetzt, seit den Zeiten von Cabet, Campanella, Thomas Moore oder sogar Platon.

Die „Associated Press“ ließ es sich nicht nehmen, die Wandlung unseres abschwörenden Weihrauchkesselschwenkers aufs Korn zu nehmen. Es lohnt, die Geschichte zu erzählen, obgleich das Argument der Urheberschaft von sich widersprechenden Behauptungen für uns belanglos ist, eben weil wir auf der ganzen Linie auf die Rettung der Persönlichkeit verzichten und wissen, wie schnell das Licht vom Ketzer und das Dunkel vom Gläubigen kommen können, wobei es schon reicht, etwas in den falschen Hals gekriegt zu haben.

„Auf dem 19. Parteitag 1952 erklärte Mikojan, dass das Werk Stalins ‘mit seinem Genie sowohl den langen historischen, schon zurückgelegten Weg erhellt, wie auch den, der zu einer immer greifbareren kommunistischen Zukunft führt’. Am Ende seiner Rede von 1952 stieß Mikojan den Ruf ‘Ruhm dem großen Stalin’ aus. Damals bezeichnete er die Werke Stalins auch als einen ‘Schatz von Ideen’ und sagte, dass ‘der Genosse Stalin mit seinen Büchern unser Leben mit dem strahlenden Licht der Wissenschaft erhellt’.“

Für Leute mit derartig robusten Mägen ist Stalin heute nur noch ein Fußabtreter, während Tito als einstiger Bandit mit dem Messer zwischen den Zähnen zum revolutionären Helden aufgerückt ist[13]. Doch Stalin war ein erstklassiger Kämpfer, Illegaler und Organisator: Seine negativen Seiten sind in erschreckender Weise allgemein bekannt, heute, wo man die Stalin-Biografie Trotzkis als nicht einem „Geheimagenten“ geschuldetes Buch in aller Ruhe erwerben kann. Dass er aber ein Theoretiker und Wissenschafter gewesen sei, das sollte keiner glauben – weder heute, noch gestern, noch vorgestern! Wer glaubt denn an eine theoretische und wissenschaftliche Rekonstruktion gerade durch jene Leute, die sich einst von Stalin erleuchten ließen? Löscht das Licht unter seiner Ikone aus, liebe Leute, und geht im Dunkeln zu Bett. Unterlasst es, Lenin und Marx zu loben: Sie könnten aus ihren Gräbern steigen.

Zitieren wir also aus der bürgerlichen Presse, nicht wahr, Towarischtsch Tecoppa[14]? Aufgrund der Anweisung des großen Sekretärs, in den Archiven zu stöbern, blättern wir nun in den Materialsammlungen der „Unità“.

Auf dem 19. Parteitag wurde die Veröffentlichung von 1,5 Millionen Exemplaren der „Probleme des Sozialismus“ von Stalin angekündigt (später werden wir über die gegenwärtige Vernichtung dieses Werkes auf dem 20. Parteitag berichten). Damals behauptete die „Unità“, die „Prawda“ zitierend, es handele sich „um die großartige Entwicklungsphase der marxistisch-leninistischen Ökonomie, die einen ungeheuren Einfluss auf die Entwicklung der sowjetischen Wissenschaft ausüben wird“, die „zum ersten Mal das ökonomische Grundgesetz das Sozialismus formuliert“ (damit war das Wertgesetz und das Gesetz der geometrisch wachsenden Produktion gemeint!), und all dies, „indem auf schöpferische Art die Lehre von Marx, Engels und Lenin weiterentwickelt wurde“ (mit der „schöpferischen Art“, die man jetzt auch Lenin anhängen will, werden wir später noch abrechnen).

Malenkow schloss folgendermaßen: „Unter dem Banner des unsterblichen Lenin“ (zu seinem Glück war er schon tot), „unter der weisen Führung des großen Stalin, vorwärts“, usw.

Molotow tönte noch lauter: „Es lebe die Partei Lenins und Stalins! Möge unser großer Stalin noch lange gesund bleiben! Ruhm dem Genossen Stalin, dem großen Führer der Partei und des Volkes! Es lebe der liebe Stalin!“

Koganowitsch sprach lange über den genialen Führer Stalin, der die Theorie Marx’, Engels’ und Lenins mit neuen Entdeckungen bereichere; über den Führer und Meister Stalin, von seinem genialen theoretischen Werk usw. Was die Rede Mikojans betrifft, so kann man sie ebenfalls in der „Unità“ mit den schon angeführten abgeschmackten Ausdrücken finden.

Zum Glück ist das Übermaß an Rhetorik und ekelhafter Schmeichelei auch dem Erfolg der defätistischen Arbeit an der revolutionären Vorbereitung der Arbeiterklasse abträglich: Wird die Arbeiterklasse in Italien und anderswo nicht einmal angesichts dieser schändlichen Wende die Augen öffnen?

Wir werden trotzdem die Wirkungen dieser – marxistisch zu untersuchenden – Wenden abwarten, die erst morgen eintreten und den langen harten Weg des historischen Anschwellens der roten Flutwelle anzeigen werden.

Und wir werden den Zusammenhang zwischen dem Erdbeben des heutigen Kongresses und den Erklärungen sehen, die die historische Wirklichkeit morgen unausweichlich denjenigen aufzwingen wird, die heute mit beispielloser Kühnheit die Lehren des Meisters Stalin, auf die sie einst geschworen hatten, weit von sich weisen, nämlich jene 1,5 Millionen Exemplare der „Ökonomie“ (die diejenige von Marx und Lenin ersetzte) und die Bände der „Gesammelten Werke“, für die bis heute in Italien geworben wurde und die man jetzt aus dem Verkehr zieht.

Wie wir schon sagten, gehen wir dem Kongress des Geständnisses[15] entgegen. Die Macht der Tatsachen ist eine physische Kraft und sie zwingt sich den Menschen auf, auch wenn sie sich als die Kraft einer Theorie zeigt: Man kann die Theorie während ganzer Zeitabschnitte leugnen, aber am Ende ist man gezwungen, sich doch zu beugen.

Ein großer Wendepunkt wird eintreten, wenn gestanden werden muss, dass die Struktur der russischen Wirtschaft kapitalistisch ist. Die pseudo-wissenschaftliche Ökonomie Stalins wäre dabei nur hinderlich. Man wird den wahren Marxismus dann sogar gut brauchen können, um den Beweis daraus zu ziehen, dass die kapitalistische Struktur Russlands notwendig sei, um die Stabilität der Staatsmacht (von der wir noch sprechen werden) zu retten.

Es wird sich dann auch besser machen zu erwähnen, dass dies schon Trotzki, Sinowjew und viele andere der unsrigen gesagt hatten, bis im Jahre 1926 die Repression zuschlug. Und dann wird man es nicht brauchen können, verbreitet zu haben, sie hätten es als Geheimagenten des Kapitals gesagt.

Dies ist der Grundriss einer objektiven marxistischen Erklärung des 20. Parteitages und der erschreckenden ideologischen Schwäche der auf ihm gehaltenen Reden.

Eisen in den Ärschen

In einer anderen Abhandlung[16] besprachen wir den kürzlichen Widerruf des, von seinem „lieben Stalin“ mit dem Beinamen „Eisenarsch“ bedachten Molotow, der seine Aussage zurücknahm (die ihm wohl in der Eile entschlüpft war, als sich vielleicht einen Augenblick lang seine diplomatischen Backen etwas gelockert hatten), dass in Russland nichts anderes als „die Grundlagen“ des Sozialismus gelegt worden wären, und nicht „der Sozialismus“ errichtet worden sei.

Vorläufig soll er diesen Widerruf neben einigen anderen, wie z.B. seine Unterschätzung der Erhebung der Völker Asiens und Afrikas gegen das Joch des weißen Kolonialismus, bekräftigt haben.

Doch wir hatten Recht, diese offensichtlich einwandfreie These mit den Thesen gleichzusetzen, die während der Auseinandersetzung in der Erweiterten Exekutive in August 1926 zwischen Stalin, Trotzki und Sinowjew auf den Tisch gekommen waren. Sinowjew, seine taktischen Schwankungen der vorhergegangenen Jahre wieder gutmachend, war bei diesem Anlass besonders treffsicher und genau. Stalin leistete damals nur schwachen Widerstand gegen den schlagenden historischen und theoretischen Beweis, dass Lenin niemals die sozialistische Umwandlung (von Aufbau sprach er nie, noch kann der Marxismus davon sprechen) ohne das Eintreten der Arbeiterrevolution im Westen für möglich gehalten hatte. Stalin selbst kam damals auf den militärischen Sieg über die eigene Bourgeoisie und auf die Errichtung der Grundlagen des Sozialismus zu sprechen. Und die Grundlage ist, wie Lenin immer erklärt hat, der in der Industrie verstaatlichte Monopolkapitalismus, und ein Schritt in diese Richtung, ist die bescheidenste Stufe des Kapitalismus, ganz gleich, in welchem Stadium er sich befinden mag – im Gegensatz zur Förderung der kleinen Landwirtschaftsbetriebe und des Kleinhandels,. Ein zentralisierter Staat kann diese Grundlage, wo sie fehlt, legen und so kapitalistische Wirtschaftsformen einführen.[17]

Der Übergang zu sozialistischen Formen ist kein Aufbau, sondern eine Vernichtung der Produktionsverhältnisse, die nur jenseits eines bestimmten quantitativen Niveaus der Produktivkräfte möglich ist; Bulganin wird uns später gestehen, dass dieses Niveau nicht einmal im Jahre 1960 erreicht werden kann.

Die richtige marxistische Formulierung, die nicht zufällig einem Diplomaten vom Schlage Molotows entschlüpft ist, ist seiner Bedeutung als Kämpfer und Studiertem der marxistischen Wissenschaft zu verdanken und geht auf die ersten Zeiten Lenins zurück; 1952 tat er gewiss nicht gut daran, sie der zweifelhaften Lehre Stalins hintanzustellen.

Auf diesem Kongress konnte die Frage nicht unberührt bleiben, doch sie ist noch nicht reif, klar gestellt zu werden. Man wird darüber in einigen Jahren genauso ausführlich reden wie heute über die entstellte Geschichtsschreibung, über die kollektive statt persönliche Führung und über die anderen Fragen, die uns und euch im nächsten Teil erwarten: Die ökonomischen Gesetze, die die gegenwärtige russische Wirtschaft (in der Leicht- und Schwerindustrie, in der Landwirtschaft und im Handel) erklären; sowie die große zentrale Frage, an der sich die Deserteure die Zähne ausbeißen und das Genick brechen werden: Die Frage des internationalen Übergangs der Macht in die Hände des Proletariats und der angeblich neuen Wege dieses Übergangs. Wir haben bereits zwei Generationen von Marxisten überlaufen sehen: Als wir gerade erst dabei waren, die Lehre vom Weg zum Sozialismus wiederzugeben, mussten wir bereits gegen Verkünder neuer Wege ins Feld ziehen (wie 1910 gegen den Volksfrontler Bonomi).

Die Weisung des Kongresses lautet: Unerschütterlich an dem seit 1936 behaupteten Aufbau des Sozialismus in Russland festzuhalten, mag auch der „Wille des Volkes“ in den anderen Ländern deren „innere Angelegenheiten“ dahingehend regeln, kapitalistisch zu bleiben.

In einer späteren Phase wird man verzweifelt die These der „Koexistenz“ – eine weitere anti-leninistische Lästerung – aufrechterhalten. Sie wird sogar zum „Ausdruck der marxistischen Wahrheit“ werden, weil die These vom „sozialistischen Aufbau“ über Bord geworfen sein wird – auf den Haufen der unverkauften Werke Josefs. Und dann wird ein Molotow dem Westen erzählen: Wir koexistieren, weil wir dasselbe aufbauen: Den quantitativ wachsenden Kapitalismus.

Aber dagegen wird sich die Stimme Lenins erheben (allerdings mitnichten auf einem der Kongresse dieser Partei): Gerade deshalb werdet ihr nicht koexistieren, denn die verschiedenen Imperialismen können nur in Richtung Zusammenstoß und Krieg fortschreiten.

Auf schwankendem Boden ließ Chruschtschows Rede hie und da doch einen Schimmer der Erkenntnis durch die Nebelwand dringen, so als er eine Geschäftsachse Washington/Bonn beschrieb und einer Achse London/Paris entgegenstellte. Vielleicht hat der unverbesserliche „Frontmacher“ den Trick eines noch leicht führbaren Kreuzzuges gegen die Reichswehr des verhassten Deutschlands im Visier gehabt, das sich heute noch gewaltiger als nach dem ersten Weltkrieg wieder erhebt. Wir haben jedoch schon erwähnt, dass Lenin seit 1919, als der Kanonendonner des I. Weltkrieges noch nachklang, den imperialistischen Konflikt zwischen den USA und Japan aufzeigte, als hätte er die Einschläge der noch nicht atomaren, gleichwohl schrecklichen Bomben von Pearl Habour vorausgesehen.[18]

Die Revolution wird mit dem noch nicht nahen allgemeinen Krieg zurückkehren. Doch als Lenin diese hellsichtige Lehre umriss, dachte er dabei weniger an die militärische Niederlage, an die verspätete bürgerliche Revolution und an den Aufmarsch des Proletariats in diesem Drama, als vielmehr an die Wiederkehr der von den Verrätern 1914 ruinierten Situation, die 1939 von seinen damaligen Genossen noch mehr ruiniert werden sollte. Er sah die Revolution, die der Mobilmachung und dem Krieg Einhalt gebietet und die die Macht der imperialistischen, kriegslüsternen und blutrünstigen Ungeheuer stürzt.

Schwierig ist es, einen nah bevorstehenden Krieg zu überblicken, falls es dazu kommen wird, dass die ersten Atomraketen abgeschossen werden. Doch womöglich wird es, unter gewissen noch fern liegenden historischen Umständen, nicht soweit kommen. Einer dieser Umstände könnte die Achse Bonn/Washington betreffen, insbesondere dann, wenn die seitens der beiden Atomkriegs-Ministerien des Kreml und des Pentagon befürchtete Einheit des deutschen Proletariats zustande kommt. Wenn jene, aus wenigen Genossen neben Marx und Engels bestehende Partei des schon erwähnten, weit zurückliegenden Jahres 1852 wiedererstehen sollte (wo der gespannte und von den großen Perspektiven von 1848 durchdrungene Blick auf das Wetterleuchten des Krieges am Horizont eines idiotischen Friedens gerichtet war), wird sich das revolutionäre Drama, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts um Russland herum abspielte, in der zweiten Hälfte um Deutschland herum abspielen können.

Vorsichtige Blicke auf den neuen Kurs

Der gegen die Thesen Molotows gewandte Bericht Chruschtschows enthielt, als Gegengewicht zum gemäßigten Ton, eine Behauptung, die die Journalisten mehr gegen Malenkow als gegen Molotow gerichtet ansahen. Malenkow war von der Partei getadelt worden, weil er die Möglichkeit eines Übergangs von der Produktionsmittel- zur Konsumgüterproduktion, bzw. eine Einschränkung der Schwerindustrie zugunsten der Leichtindustrie hatte durchblicken lassen – eine Phase, die, wie die Theorie klar sagt, erst lange nach dem vollständigen Aufbau der industriellen Grundlagen eintreten kann.

Auch Malenkow hat nicht unterlassen, seine Haltung zu berichtigen und formell zurückzuziehen: Weder Molotow noch Malenkow, erst recht nicht Bulganin, wurden oder werden guillotiniert, nicht einmal symbolisch, wie es die Zeitungsschmierer erwarteten und noch erwarten. Der Fall Beria[19] betrifft keine ökonomischen Planungen; er hängt mit der Liquidierung der stalinistischen Periode, in der der gesunde revolutionäre Flügel der russischen Partei diffamiert und hingerichtet wurde, zusammen. Da er sich nicht aufbauende Pläne, sondern die revolutionäre Vernichtung des westlichen Kapitalismus zum Ziel gesetzt hatte, hätte dieser Flügel nie die Schande der Militärbündnisse, der koexistenziellen Umarmung mitgemacht, und sich auch nicht der weltweiten Praxis angeschlossen, sich auf den sozialen Abschaum der Mittelklassen zu stützen –, jedenfalls dort nicht, wo die anti-feudale Revolution (die einzige, in der diese Mittelklassen als Kanonenfutter dienen können) schon längst gemacht und vergessen war. Und heute ist Beria an der Reihe, in der Historiografie als imperialistischer Agent hingestellt zu werden.

Wenn man sie aufmerksam betrachtet, findet man jedoch unter den Formeln Chruschtschows das andere, erst morgen stattfindende „revirement“, das Trotzki, Sinowjew und Bucharin nicht nur als Bannerträger des Kommunismus ehren, sondern auch ihre klare, marxistische, theoretische und wissenschaftliche Größe anerkennen wird, während ihre Mörder und angeblichen Kritiker ihren Schicksal entgegengehen: Der eisernen Umarmung durch die anderen imperialistischen Ungeheuer.

Beim Vergleich mit dem Potenzial der westlichen Länder – die Statistiken werden zeigen, dass Chruschtschow Recht hatte zu sagen, Russland sei noch sehr rückständig – rief der Generalsekretär aus: „Immer mächtiger wird die industrielle Basis, auf die sich der Sozialismus stützt“ [I, S. 8]. Wörtlich genommen ist diese Formel genauso marxistisch wie diejenige Molotows!

Chruschtschow hat mehrmals energisch auf den „Bankrott“ des landwirtschaftlichen Plans und den spärlichen Ertrag der Kolchosproduktion hingewiesen und dabei durchblicken lassen, dass dies den Fortschritt bei der Konsumgüterproduktion verzögere. Behalten wir dies dem ökonomischen Teil vor. Auch hier hat Chruschtschow eher die Richtung Molotows eingeschlagen.

Auch die Formel: Die ökonomische Produktionsfähigkeit in unserem sozialistischen Land festigen, ist gegenüber der Formel des durchgeführten sozialistischen Aufbaus abgeschwächt: Gemäß der ersten ist Russland auf politischer Ebene sozialistisch, gemäß der letzteren in wirtschaftlicher Hinsicht. Beide sind falsch, jedoch theoretisch auseinander zu halten.

„Der materielle Wohlstand und das kulturelle Niveau der Werktätigen müssen ständig angehoben werden“ [I, S. 95]: Das sind keine Formeln, die zu einer sozialistischen Gesellschaft passen!

Das Urteil über Molotow fällt durch seine Kälte auf: „Deshalb würde die Behauptung, dass bei uns erst die Grundlagen des Sozialismus aufgebaut sind, eine Desorientierung der Kommunisten und aller Sowjetmenschen (...) bedeuten“ [I, S. 115]. Gibt es also noch ein Volk, nachdem der Sozialismus mit seinen „Produktionsverhältnissen“ schon „errichtet“ ist, d.h. nachdem nicht einmal mehr das Proletariat existieren sollte?

Aber der Schlag gegen die andere Seite ging noch tiefer: „Bei der Behandlung der Frage nach der Entwicklung des Sozialismus ist manchmal auch ein anderes Extrem zu beobachten. Es gibt bei uns auch solche Funktionäre, die die These vom allmählichen Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus als einen Appell zur unmittelbaren Verwirklichung der Prinzipien der kommunistischen Gesellschaft in der gegenwärtigen Etappe aufgefasst haben. Einige Hitzköpfe haben entschieden, dass der Aufbau des Sozialismus bereits völlig abgeschlossen sei“ (hat der Aufbau nun begonnen oder ist er schon abgeschlossen? Hat man nur die Grundmauern gelegt oder gab es schon das Richtfest?), „und begannen, einen ausführlichen Fahrplan für den Übergang zum Kommunismus zusammenzustellen“ [I, S. 115].

Diese zweite Formel ist außergewöhnlich zaghaft. Selbst im Kapitalismus werden einige wirtschaftliche Aufgaben unter Anwendung der Prinzipien der kommunistischen Ökonomie, d.h. ohne finanzielle Entlohnung durchgeführt (wenn auch zeitlich und räumlich begrenzt): zur Bekämpfung von Epidemien, bei Feuersbrünsten und Überschwemmungen, bei Erdbeben (geologischen!) und sogar bei Kältewellen. Und da soll man in einem sozialistischen Land nicht einmal niesen können, ohne Gegenleistung in Form von Soll und Haben, von Geld und Arbeitszeit?

Noch ein kleiner Schubs und wir sind am Ziel, Generalsekretär, den (honi soit qui mal y pense) man weder heute noch irgendwann sonst zum Objekt eines Kultes machen wird.

 


[1] Es handelt sich um die Artikel, die in „Ökonomische Probleme des Sozialismus“ veröffentlicht wurden, und mit denen Stalin verschiedenen russischen Ökonomen (Notkin, Jaroschenko, Samina, Vensger) antwortete.

[2] Russia e rivoluzione nella teoria marxista; Protokoll der Versammlung von Bologna, Oktober 1954.

[3] Struttura economica e sociale della Russia d’oggi; Protokoll der Versammlungen von Neapel, April 1955 und Genua, August 1955.

[4] Gang nach Canossa: Bittgang, tiefe Demütigung. Burg in Oberitalien. Hier erreichte König Heinrich IV. nach dreitägiger Buße 1077 von Papst Gregor VII. die Lösung vom Bann.

[5] mea culpa (lat.): (durch) meine Schuld! Ausruf aus dem lateinischen Sündenbekenntnis.

[6] Synedrium: der Hohe Rat der Juden in der Antike.

[7] Struttura economica e sociale della Russia d’oggi; Protokoll der Versammlungen von Neapel, April 1955 und Genua, August 1955.

[8] Notation am Ende des Textes.

[9] sale besogne (frz.): Drecksarbeit.

[10] „Wir fürchten keine Drohungen der Aggressoren und sind bereit, auf einen Schlag der Kriegsbrandstifter, die versuchen sollten, die Unantastbarkeit der Sowjetgrenzen zu verletzen, mit einem doppelten Schlag zu antworten“ [IV, S. 16]. So Stalin auf dem 18. Parteitag. Nach der gemeinsam mit den Alliierten erfolgten Niederschlagung Deutschlands sollten – so diese Rechtfertigung – die Westmächte angegriffen werden, um den internationalen Sieg des Sozialismus herbeizuführen.

[11] miles gloriosus (lat.): ruhmrediger Soldat; auch: Aufschneider, Prahlhans.

[12] Qui nous delivrera des Grecs et des Romains? (frz.): Wer wird uns von den Griechen und Römern befreien?

[13] Das wechselnde Urteil über Tito war bis anhin das vielleicht schlagendste Beispiel für die je nach politischer Opportunität erfolgenden Meinungsumschwünge – nicht nur – der Kreml-Herrscher.

[14] Towarischtsch: russische Bezeichnung für Genosse, Genossin. Tecoppa: Symbol der Politiker im „guten alten Italien“ Anfang des 20. Jahrhunderts.

[15] Das „Geständnis“ oder die „Beichte“ meint die Anerkennung dessen, dass der „Sozialismus“ in Russland Kapitalismus ist. Zur Zeit der Abfassung dieser Schrift waren fast alle noch im Propagandakäfig des sozialistischen Russlands gefangen.

[16] „Deretano di piombo“ cervello marxista, il programma comunista, Nr. 19, 1955 – und: Piombo e „deretano di piombo“, il programma comunista, Nr. 20, 1955.

[17] Über die Naturalsteuer; LW 32, S. 341 ff.

[18] Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas; LW 28, S. 441 ff.

[19] Beria, seit 1938 Chef der politischen Polizei. Als Vizepräsident des Ministerrats und Innenministeriums im Juli 1953 (wenige Monate nach Stalins Tod) abgesetzt, angeklagt wegen Hochverrats, 1953 erschossen.