Interview mit Amadeo Bordiga

1) Im November 1917 nahmen Sie in Florenz an einem geheimen Treffen der „revolutionär-kompromiss-losen“ Strömung[1] der Sozialistischen Partei teil. Sie drängten die Sozialisten auf dieser Tagung, die militärische Krise auszunutzen, was hieß, die Waffen zu ergreifen und der Bourgeoisie die entscheidende Schlacht zu liefern. Wie wurde dies aufgenommen? War Ihrer Ansicht nach damals die revolutionäre Situation in Italien schon reif?

Ja, ich war in Florenz, im November 1917, auf der geheimen Tagung der „revolutionär-kompromiss-losen“ Fraktion, die seit 1914 als Mehrheit die SPI führte. Der Parteivorstand war über diese Zusammenkunft informiert, er hatte sie nicht missbilligt und ebenfalls Vertreter entsandt.

Es war jene Versammlung, auf der ich Antonio Gramsci kennenlernte, der meinen Erläuterungen sehr aufmerksam folgte. Ich hatte damals den Eindruck, und ich habe ihn auch heute noch, dass er, mit seinem wachen Verstand, meine radikalen marxistischen Thesen, die er das erste Mal zu hören schien, einerseits billigte und teilte, andererseits eine feine, präzise und polemische Kritik andeutete, wie sie schon aus den Meinungsverschiedenheiten hervorgegangen war, die sich in der von mir geleiteten Wochenzeitschrift „Il Soviet“ und seiner Turiner Zeitschrift „L’Ordine Nuovo“ gezeigt hatten. Der Dissens war explizit formuliert, seit wir in einem kurzen Artikel zur Erstausgabe der Turiner Zeitschrift eine Grußbotschaft übersandt hatten, worin wir feststellten, dass ihre ausgesprochene Neigung zum Konkreten eine gradualistische Tendenz aufwies, die nach unserer Auffassung mit Sicherheit zu Konzessionen gegenüber einem neuen Reformismus und auch rechtem Opportunismus führen würde.

Meine Rekonstruktion des Kräfteverhältnisses bezog sich auch damals nicht allein auf Italien, sondern auf ganz Europa. Natürlich verurteilte ich aufs schärfste die Politik der französischen, deutschen etc. Parteien, denn sie hatten die marxistische Lehre des Klassenkampfes offen verraten, als sie zur unheilvollen Politik der Nationalen Einheit, der Heiligen Allianz[2] und der Unterstützung der seitens ihrer Regierungen geführten Kriege übergegangen waren. Diese Verurteilung basierte auf der erbarmungslosen Denunziation des falschen Kriteriums, mit dem der Beitritt unseres geschworenen Feindes, des italienischen Militärinterventionismus, zum Krieg der Entente gegen die Achsenmächte ideologisch gerechtfertigt wurde. Grundpfeiler unserer Position war, dass wir die Heuchelei der Kriegshetzer zurückwiesen, die ihre Vorliebe für den demokratisch-parlamentarischen Typus bürgerlicher Ordnungen gegenüber den törichterweise feudal, autokratisch und reaktionär genannten Regimes in Berlin und Wien demonstrierten, wobei über das Moskauer Regime höfliches Schweigen gewahrt wurde. In Übereinstimmung mit meiner schon seit einigen Jahren entwickelten Aktivität in der Bewegung legte ich die Marx-Engels’sche Kritik dar, die zeigte, wie blödsinnig jene Perspektive war, die vom militärischen Sieg der Entente ein zukünftig demokratisches Europa erwartete.

Ich betone noch einmal, dass meine damalige Position mit dem zusammenfiel, was Lenin als revolutionären Defätismus und Zurückweisung der Vaterlandsverteidigung kennzeichnete. Ich legte die großartige Perspektive dar, nach der die proletarische Revolution dort hätte siegen können, wo die Streitkräfte des jeweiligen bürgerlichen Staates durch die der feindlichen Staaten militärisch geschlagen worden wären; eine Prophezeiung, die die Geschichte im Russland des Jahres 1917 bestätigt hat. Ich bestätige also, in Florenz vorgebracht zu haben, die militärischen Misserfolge des monarchistischen und bürgerlichen Italiens auszunutzen, um der Klassenrevolution Auftrieb zu geben.

Obschon die auf der Versammlung Anwesenden, die bereits damals die Linke der SPI bildeten, dem klar zugestimmt hatten, entsprach diese Position nicht der damaligen Politik der Parteiführung, die an der unglücklichen Formel Lazzaris[3] „Weder mitmachen noch sabotieren“ festhielt. Für uns war das Verdienst der SPI, der Kriegspolitik der Regierung das Mitmachen verweigert, ihr also weder das Vertrauen ausgesprochen noch die Kriegskredite bewilligt zu haben, keinesfalls ausreichend. Eine solche Linie konnte sich nicht zur Sabotage weiterentwickeln, d.h. zu dem, was Lenin dann „Umwandlung des Staatenkrieges in den Bürgerkrieg“ nannte. Die von mir befürwortete Perspektive war also, genau gesprochen, nicht die, dass in Italien die Bedingungen bereits reif seien, um die Macht der besitzenden Klassen bewaffnet anzugreifen, sondern jene Perspektive, die einen längeren Atem verlangte und durch den Verlauf der historischen Ereignisse auch bestätigt wurde, dass nämlich, im Rahmen des europäischen Krieges der revolutionäre Zusammenstoß an der dazu geeigneten Front („dem schwächsten Glied der Kette“ – Lenin) zum Ausbruch gebracht werden könnte und müsste, und der Funke unweigerlich auf die anderen Länder überspringen würde. Das erwähnte zwielichtige Verdienst der SPI, sich gleichermaßen der Zustimmung zum Krieg als auch seiner revolutionären Sabotage verweigert zu haben, sollte – zum Zeitpunkt der Gründung einer neuen Internationale, die das schäbige Ende der II. Internationale aufwog (eine, Sache, die ich im Namen der linken Sozialisten auf dem Parteitag in Rom im Februar 1917 ausdrücklich in Aussicht gestellt hatte) – Serrati[4] und seinen Anhängern noch immer als Vorwand dienen, als sie sich dem Ausschluss der rechten (in Wirklichkeit sozialdemokratischen und auch sozialchauvinistischen) Reformisten widersetzten. Das wird auch dadurch deutlich, dass es der SPI als Verbrechen galt, den einzigen strategischen Weg einzuschlagen, der (seit Lenin, gerade nach Russland zurückgekehrt, seine klassischen Aprilthesen formuliert hatte) den theoretischen Voraussagen und historischen Zielsetzungen des revolutionären Marxismus entsprach. Historisch steht also fest, dass, wenn in Florenz ein Beschluss hätte gefasst werden müssen, sich die Versammelten zweifellos der mutigen These angeschlossen hätten, die Kriegspolitik des kapitalistischen Staates mit allen Mitteln zu durchkreuzen. Da das Ergebnis einer solchen Basisbefragung für die Parteiorgane bindend gewesen wäre, hätten – wäre die Bewegung intakt gewesen – gemäß meinem Vorschlag die notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden müssen. Aber man konnte diesbezüglich nicht auf den Parteivorstand setzen, der sich bereits kompromittiert hatte, sowohl durch die Weigerung, im Mai 1915 den damals von uns geforderten nationalen Generalstreik gegen die Mobilmachung auszurufen als auch durch die erbärmliche Formel des “Weder mitmachen noch sabotieren“; ferner auch durch die Tatsache, gerade in dieser entscheidenen Phase des Krieges geduldet zu haben, dass die sozialistische Parlamentsfraktion ihrem Anführer Turati folgte, der die Losung der Vaterlandsverteidigung mit dem Ausspruch: „La patria è sul Grappa“[5] ausgegeben hatte – ein Verhalten, dass sich von dem der französischen und „teutschen“ Sozialverräter mitnichten unterschied.

2) Im Jahre 1919 wurde Italien durch gewalttätige Demonstrationen erschüttert. Weshalb erwachte, trotz der sozialistischen Propagandatätigkeit und der numerischen Stärke der Partei, keine revolutionäre Volksbewegung? Waren die Massen bereit und fähig zum Kampf? Woran fehlte es, um die revolutionäre Losung zum Entscheidungskampf auszugeben?

Nachdem der Krieg mit dem gerühmten, tatsächlich aber an Ergebnissen mageren Sieg von Vittorio Veneto[6] vorbei war, verschlimmerte sich im ganzen Land die durch Not und wirtschaftliche Krisen gekennzeichnete Lage, die, wie jeder auch nicht-radikale Sozialist weiß, die Arbeiterschichten auch in sogenannten Friedenszeiten niederdrückt, sich jedoch durch die Kriegsfolgen ungeheuer verschlimmert. Es fängt an mit dem gewaltsamen Herausreißen der Arbeiter aus ihrer vertrauten Umgebung, worin sie ihre produktive, allerdings spärlich entlohnte Arbeit verrichten, und endet damit, dass sie zusammen mit ihren Familien in tiefste Not geraten. Da ja selbst die Partei das kollektive historische Bewusstsein auf breiter Front verloren hatte, konnte die unvermeidliche und flächendeckende Unzufriedenheit bei den Arbeitermassen nicht zur Folge haben, jenes Bewusstsein wiederzugewinnen; die Reaktion auf die Nachkriegssituation bestand vielmehr in der Rückkehr zu Forderungen und Rebellionen für unmittelbare, ökonomische Verbesserungen, etwas, was zwar den Boden unter den Füßen der Bourgeois erzittern ließ, aber nicht schon deswegen in den Proletariern das notwendige Potenzial weckte, um den bewaffneten Kampf für den Sieg ihrer Diktatur aufzunehmen.

Wenn wir die Umstände heute präzise formulieren wollen, lässt sich nicht sagen, 1919 sei Italien für die sozialistische Revolution reif gewesen, sondern eher Folgendes: Nach dem Ende des I. Weltkrieges hätten sich die Arbeiterparteien an die Spitze einer offensiven Bewegung setzen können, die jedoch ausblieb, weil diese Parteien ihr eigenes theoretisches Vermögen und das ihnen eigene Zukunftsbild der historischen Kämpfe, die die kapitalistische Ära abschließen, verraten hatten. Es war damals also der wirkliche Moment und entscheidende Wendepunkt, um die proletarische und sozialistische Bewegung wieder aufzurichten, indem ihre wahren theoretischen, programmatischen und strategischen Grundlagen wiederhergestellt werden. Dieser Aufgabe wandten sich Lenin und die Kommunistische Internationale (KI) ohne Zögern zu, und mit ihnen die Linke der italienischen Bewegung, die alle Voraussetzungen erfüllte, und noch immer erfüllt, um der historischen Linie der mit dem „Manifest“ von 1848 begonnenen antikapitalistischen Weltrevolution folgen zu können.

3) Auf dem 16. Parteitag der Sozialistischen Partei in Bologna, im Oktober 1919, traten Sie als Führer der sogenannten „wahlboykottistischen“ Fraktion auf, die gegen die Teilnahme an Wahlen eintrat, um sich auf das revolutionäre Vorhaben zu konzentrieren. Weshalb waren Ihrer Meinung nach beide Richtschnuren nicht miteinander vereinbar? Und weshalb war die von Ihnen vertretene Linie vorzuziehen?

Auf dem 16. Parteitag, der Anfang Oktober 1919 in Bologna stattfand, zeichnete sich die kommunistische wahlboykottistische Fraktion (die gleich nach dem Ende des Krieges in Europa, im Dezember 1918, in Neapel ihre Parteizeitung „Il Soviet“ gegründet hatte) gegenüber den anderen Strömungen nicht nur durch die Absicht aus, nicht an den allgemeinen politischen Wahlen und dem nachfolgenden Parlament teilzunehmen, sondern auch, weil sie die einzige war, die für die auf dem Gründungskongress der III. Internationale aufgestellten Leitsätze, worin die großartige historische Erfahrung der Oktoberrevolution zum Ausdruck kam, entschieden eintrat. Einer der Hauptleitsätze dieses Kongresses, der im März desselben Jahres in Moskau stattgefunden hatte, betraf die politische Machtergreifung, allerdings nicht mittels demokratischer bürgerlicher Formen, sondern durch die revolutionäre Diktatur des Proletariats und seiner marxistischen Klassenpartei. Doch die Perspektive einer großen Wahlkampagne und des vorhersehbaren Wahlerfolgs unserer Partei, die sich als einzige dem blutigen und verheerendem Krieg wirklich entgegengestellt hatte, wiesen wir zurück, weil dies nur bewirken konnte, die Spannung in den italienischen Massen abzulenken, die eine Folge des ungeheuren Blutzolls auf den Schlachtfeldern ebenso wie der ernsten wirtschaftlichen Krise war, die die Situation in der Nachkriegszeit kennzeichnete. Sie stand also in klarem Widerspruch zu jeder Möglichkeit und Hoffnung, diese Spannung, diese diffuse Unzufriedenheit und verbreitete Unruhe in die einzige Richtung zu lenken, die, wie die Ereignisse selbst uns gerade lehrten, in den sozialistischen und revolutionären Weg einmünden konnte, und zwar nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa. Diese grundsätzlichen Thesen, die unserer Bewegung der wahlboykottistischen Fraktion bereits als Leitlinien galten, konnten gegenüber den anderen Strömungen nicht vorgebracht und durchgesetzt werden, denn diese begnügten sich mit dem voraussichtlich großen Wahlerfolg, der der Partei mit Hilfe parlamentarischer Manöver erlauben würde, bestimmte Maßnahmen durchzubringen, die die Nöte lindern und die gespannten Erwartungen der arbeitenden Massen hätte erfüllen können. Dies aber bedeutete, die in der damaligen Lage positiven Aspekte definitiv zunichte zu machen und den einzigen Weg zu versperren, auf dem die ganze Bewegung der ausgebeuteten Klassen Druck hätte ausüben können; der Wiederaufnahme des wahren revolutionären Bewusstseins der Arbeiterklasse und ihrer Partei waren damit große Steine in den Weg gelegt worden. In der Tat verurteilten die rechten Reformisten diese lebenswichtigen kommunistischen Thesen; und die große, sich „maximalistisch“ nennende Strömung[7] konnte sich, auch wenn sie nicht rundheraus jene Prinzipien von sich wies, nicht vorstellen, diese ein präzises historisches Programm bildenden Grundsätze nicht nur in der Partei überhaupt, sondern auch in jedem ihrer Organe sowie bei jedem ihrer Mitglieder und Kämpfer durchzusetzen, da ja in Fällen klarer Opposition der Ausschluss aus den Reihen der Partei hätte erfolgen müssen. Nur auf einem solchen Wege jedoch hätte eine neue internationale Bewegung wiederentstehen können, die nicht unweigerlich Gefahr lief, die schreckliche Katastrophe vom August 1914 wiederzuerleben, und nur auf diesem Wege konnte die ansteckende Krankheit des sozialdemokratischen Opportunismus kuriert werden.

Seit dem Parteitag in Bologna hatte die boykottistische Fraktion die Forderung nach der Spaltung der Sozialistischen Partei erhoben. Eben wegen der bedeutenden Zahl ihrer eingeschriebenen Mitglieder als vermutlich zukünftigen Wählern verleitete die Forderung zur Einheit die Anhänger der Wahltaktik zu einem schwerwiegenden Irrtum: Dass es nämlich in Richtung Sozialismus gehen könne, obwohl man den Einsatz von Gewalt und bewaffneten Kräfte ablehnt, nicht minder wie die großartige Maßregel der Diktatur, deren Kernpunkt es ist, allen nicht aus Arbeitern gebildeten Schichten der Bevölkerung jedes Wahl- und demokratische Recht (wie auch das, sich frei zu organisieren und Propaganda zu machen) vorzuenthalten.

An dieser Stelle scheint es mir angebracht, an gewisse dem Parteitag vorhergehende Vorgänge zu erinnern, die mir selbst nach so langer Zeit noch von wirklicher historischer Bedeutung zu sein scheinen. Die Hauptthese unserer Fraktion war nicht die des Antiparlamentarismus, sondern eben die der Spaltung der Partei, wobei die revolutionären Kommunisten auf der einen Seite stünden, und auf der anderen Seite die Anhänger des „revisionieren wir“ (schon vor dem I. Weltkrieg von Bernstein angekündigt), nämlich jene Marx’schen Prinzipien, die die unvermeidliche katastrophische Explosion und den Gegensatz und Zusammenstoß der antagonistischen sozialen Klassen zum Gegenstand haben. Um die Probe aufs Exempel zu machen, unterbreiteten wir den Führern der maximalistischen Fraktion, zu denen Serrati, Lazzari und Gramsci zählten, einen präzisen Vorschlag, der den von ihrer Seite vorbereiteten Text durch einen einzigen, klar antirevisionistisch ausgerichteten Text ersetzen sollte. Darin hätten wir akzeptiert, auf den Boykott der Parlamentstätigkeit zu verzichten, während sie unserer Grundthese der Spaltung der Partei hätten zustimmen müssen. Unseren Vorschlag lehnten die Maximalisten unzweideutig ab. Ich möchte hier daran erinnern, dass Lenin kurz danach, als er „Der ‘linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ schrieb, erklärte, einige Nummern des „Il Soviet“ erhalten und gelesen zu haben und unsere Bewegung als einzige in Italien anzuerkennen, die die Notwendigkeit der Spaltung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten verstanden habe.[8]

4) Auf dem 2. Kongress der KI 1920 stand Ihre „wahlboykottistische“ These gegen die Lenins nach „Beteiligung am Parlamentarismus“. Seine Ansicht wurde von den meisten geteilt und die Internationale beschloss die Beteiligung der SPI am Parlament. Halten Sie den Beschluss auch heute noch für einen Fehler? Obwohl der Wahlausgang 1921 ein großer Erfolg für die Sozialistische Partei war?

Zum 2. Kongress der KI im Juni 1920 sandte die SPI, die sich seit Bologna als der KI bereits formell angeschlossene Sektion verstand, eine mit beschließender Stimme ausgestattete Delegation, der Serrati, Bombacci, Graziadei und Polano (für den Jugendverband) angehörten. Außerdem reisten in dem nämlichen Sonderzug Vertreter der Gewerkschaft (D’Aragona und Colombino), des Genossenschaftsverbandes (Pavirani) und einige andere mit, die aber nicht zur Teilnahme am Kongress berufen waren. Was mich als Vertreter der „wahlboykottistischen“ Fraktion betrifft, der nicht zu den Delegierten der Partei gehörte, war meine Teilnahme von Lenin selbst gewünscht und organisiert worden – vermittelst seines Beauftragten in Italien namens Heller (unter uns Chiarini genannt), der mehrmals nach Neapel kam, um meine Reise (die nicht reibungslos verlief, was aber zu berichten hier nicht nötig ist), die über den Brenner, Berlin, Kopenhagen, Stockholm, Helsingfors und Reval nach Leningrad führte, vorzubereiten. Ich war von der ersten Sitzung an dabei, in der Lenin eine denkwürdige Rede hielt. Aufgrund meiner besonderen Lage nahm ich an allen folgenden Arbeitssitzungen mit nur beratender Stimme teil. In Moskau, genauer vom Exekutiv-Komitee (EKKI) und seinem Präsidenten Sinowjew wurde sogleich entschieden, dass ich als Koreferent in der Frage über den Parlamentarismus sprechen sollte, die, mit dem Hauptreferenten Bucharin bereits auf der Tagesordnung stand. Zunächst fand jedoch die andere wichtige Diskussion über die Beitrittsbedingungen für die Parteien statt, die der KI angehören wollten. Das Ergebnis dieser nicht einmütigen Diskussion waren die berühmten „21 Punkte“, die an eine Kommission, der auch ich angehörte, überwiesen wurden; ich erhielt so die Möglichkeit, den von Lenin aufgestellten strengen 21. Punkt zu unterstreichen, der vorsah, die Programme der einzelnen Parteien zu prüfen und für die italienische Partei, die zum Teil noch an das sozialdemokratische Programm von Genua aus dem Jahre 1882 gebunden war, von größter Bedeutung war. Über dieses Thema sprach ich auch auf dem Plenum, wobei meine Anschauung im scharfen Widerspruch zu der der anderen Italiener und der Rechten stand. Die Parlamentarismusdiskussion wurde von Bucharin eröffnet, der seinen Thesenentwurf erläuterte; danach stellte ich meinen, gegen die Parlamentsbeteiligung gerichteten Thesenentwurf vor. Der Standpunkt Bucharins wurde von einer Erklärung Trotzkis unterstützt, andere folgten und auch Lenin kritisierte offen meine Thesen und ihre Begründungen. In einer jüngeren Ausgabe der Marseiller Zeitschrift „Programme Communiste“ habe ich mich bemüht, die Worte Lenins zu diesem Thema richtig wiederzugeben. Er sagte u.a., wenn es eine wesentliche Aufgabe der revolutionären Partei sei, die Bewegungen und Manöver der feindlichen Mächte vorauszusehen, dann könne auf einen so wertvollen Beobachtungsposten, wie ihn das Parlament darstelle, nicht verzichtet werden, weil darin die ganze zukünftige Politik der jeweiligen Staaten historisch antizipiert werde; seine Ausführungen waren wie immer sehr kraftvoll.

Auf dem Kongress stimmte die große Mehrheit für die Teilnahme an den Parlamentswahlen, was für alle nationalen sozialistischen und kommunistischen Parteien, und nicht nur für die italienische Partei (wie es die Fragestellung nahe legt), bindend war. An den Wahlen 1921 nahm nicht nur die Sozialistische Partei Italiens teil – der nichts lieber war –, sondern auch die kurz nach dem Moskauer Kongress gegründete Kommunistische Partei.

Jener Wahlerfolg war für die revolutionäre Bewegung von keinerlei Nutzen, wie es nach der Bucharin-Lenin’schen Linie, die sich vom Einzug ins Parlament eine revolutionäre Wirkung versprach, hätte sein müssen. Damals widersetzte ich mich dieser These und würde das auch heute wieder tun; vor allem nach der langen historischen Erfahrung, besonders in Deutschland, wo die Aufstände im Frühjahr 1921 und Herbst 1923 scheiterten und der von Moskau verfolgten Strategie Unrecht gaben. Wenn ich noch einmal auf den Moskauer Kongress zurückkomme, sollte ich vielleicht noch sagen, dass ich selbst nicht wenige Delegierte aufforderte, meinen Thesen nicht ihre Stimmen zu geben, da sie sich der Wahltätigkeit mit Argumenten widersetzten, die nicht marxistisch waren, sondern sich aus einer Schwäche und Sympathie für anarchistische und syndikalistische Methoden speisten, die auch schon damals in Deutschland, England, Holland und den USA Anhänger hatten. Wie ich schon sagte, war in der Abstimmung über die Beitrittsbedingungen festgelegt worden, dass alle Reformisten und ebenso die von Lenin als „zentristisch“ benannte Richtung (in Deutschland etwa die Anhänger Kautskys, in Italien diejenigen Serratis bzw. die Maximalisten) aus unseren Reihen auszuschließen sind.

5) Sie, Ingenieur Bordiga, verlangten als erster, seit 1917, den Ausschluss aller rechten, sogenannten reformistischen Strömungen. 1920 kam die Debatte vor die KI, die diesen Ausschluss auch beschloss. Wieso wurde dieser Beschluss dann nicht in die Tat umgesetzt? Wie schwer wog diese Tatsache bei der Gründung der Kommunistischen Partei Italiens?

Die Nicht-Durchsetzung des Beschlusses ist eben dem Widerstand und der Verschleppungstaktik der Maximalisten anzulasten, die ihr zahlenmäßiges Übergewicht in der Partei und somit auch auf dem sozialistischen Parteitag in Italien, auf dem die in Moskau festgelegten Leitlinien nur zum Teil angenommen wurden, ausnutzen konnten. Die Tatsache war insofern positiv, als die neue Kommunistische Partei ohne reformistische und zentristisch-maximalistische Elemente gegründet werden konnte.

6) Ihr Auftreten auf jenem 2. Kongress in Moskau ließ den Eindruck entstehen, dass „Bordiga, ohne es auszusprechen, den Einfluss des sowjetischen Staates auf die kommunistischen Parteien, die Neigung zu Zugeständnissen, die Demagogie, fürchtete und vor allem dachte, das bäuerliche Russland sei nicht in der Lage, die internationale Arbeiterbewegung zu führen“. Stimmt diese Interpretation?

Diese Vorbehalte, die einer Schrift Victor Serges entnommen sind, bildeten in der Tat einen Teil meiner Haltung. Ich denke noch immer, dass es ernste Schwierigkeiten in der Moskauer Führung gab, was in der Stalin’schen Ära, nach Lenins Tod im Januar 1924, weitreichende Folgen hatte. Wie sich im weiteren Dissens der folgenden Jahre zeigte, ließ sich die Moskauer Strategie nicht immer von der wirklichen revolutionären Dynamik leiten, die dem kommunistischen Weltproletariat entsprochen hätte; vielmehr war sie Einflüssen unterworfen, die sich aus den Interessen eines mächtigen, auf sozial bäuerlicher und somit, nach Lenins eigenen Worten, „kleinbürgerlicher“ Basis gegründeten Staatskörpers ableiten. Wenn daher diese Bedenken auf dem 2. Kongress durchschimmerten (wie z.B. in meiner letzten Wortmeldung nach Lenins Kritik), zeigt dies nur, dass unsere Strömung als erste die Gefahr einer Degenerierung der III. Internationale befürchtete und aussprach.

7) 1920 erreichte der landesweite Aufruhr mit den Fabrikbesetzungen den Höhepunkt; eine Episode, die die Anstrengungen und Hoffnungen der kommunistischen Gruppe in Turin, der von Gramsci initiierten „L’Ordine Nuovo“, erfüllte. Waren auch Sie überzeugt, dass dieser Weg zur Revolution führen würde? Was trennte Sie zu dieser Zeit von Gramsci?

Mit den berühmten Fabrikbesetzungen erreichte die Arbeiterbewegung im Herbst 1920 ihren Höhepunkt; das war nach der Rückkehr der italienischen Delegierten, die an dem 2. Kongress der KI teilgenommen hatten. Die Frage nach dem revolutionären Verlauf jener Bewegung war in der Sicht beider Gruppen, der um L’Ordine Nuovo und der um Il Soviet, unterschiedlich, ja sogar gegensätzlich. In der Kritik an die Turiner schrieb der Il Soviet damals: „Die Fabrik einnehmen oder die Macht ergreifen?“, Prinzipielle Argumente vorbringend, leugneten wir, dass sich die kommunistische Revolution mittels der Eroberung der Betriebe und der wirtschaftlich-technischen Leitung seitens der Belegschaft einleiten ließe, wie Gramsci meinte. Unserer Auffassung nach sollten die politischen Arbeiterkräfte zum Angriff auf die Polizeipräsidien und staatlichen Präfekturen übergehen, um die große aufständische Bewegung anzubahnen, die schließlich, vermittelst des Aufrufs zum nationalen Generalstreik die politische Diktatur des Proletariats herbeiführen sollte. Eine Perspektive, die der geschickte und nicht dumme Führer der italienischen Bourgeoisie, Giovanni Giolitti[9], offensichtlich intuitiv erfasste. Giolitti ignorierte die Forderungen der Industriellen, wonach die Fabriken mittels der Staatsgewalt geräumt und ihren juristischen Eigentümern zurück gegeben werden sollten. Dass sich die Industrieanlagen in Händen der Besetzer befanden, war für ihn gleichbedeutend damit, ihnen eine völlig unwirksame Waffe zu überlassen, um die Macht und Privilegien der kapitalistischen Minderheit bedrohen oder stürzen zu können, zum anderen hätte die Leitung der Produktionsmittel seitens der Arbeiter auch nicht die Tür zu einem nicht-privaten Regime gesellschaftlicher Produktion geöffnet. Unsere taktische Linie war die, der Arbeiterpartei den Einfluss und die Kontrolle über die traditionellen Gewerkschaftsorganisationen zu sichern und nicht schon die Kontrolle über die Fabrikräte und Abteilungsleitungen, wie es der Ordinovismus vorsah. Das trennte mich zu jener Zeit ganz klar von Gramsci; und ich ging nie davon aus, dass die Besetzung der Fabriken uns der sozialistischen Revolution näher bringen könnte.

8) 1920 wurde in Imola die kommunistische Fraktion der SPI gegründet. Welche Ziele verfolgte sie? War zu diesem Zeitpunkt die Spaltung schon beschlossene Sache?

Im Herbst 1920 fand in Imola eine Versammlung der Kommunisten statt, die vorbehaltlos alle Beschlüsse des 2. Weltkongresses annahm, darunter auch die Beitrittsbedingungen zur KI und demzufolge den Ausschluss der Reformisten aus der Partei. Anwesend war die „Ordine Nuovo“-Gruppe, ebenso wie die um „Il Soviet“, die öffentlich ankündigte, die „wahlboykottistische“ Fraktion aufzulösen, sich nicht gegen die Wahltätigkeit zu stellen und diese Frage auf dem bevorstehenden Parteitag der SPI nicht mehr vorzubringen – gleichwohl wir nicht ausschlossen, sie künftigen Kongressen der KI wieder vorzulegen, nachdem die Bucharin-Lenin’sche Linie für eine revolutionäre Ausnützung des Parlaments praktische Erfahrungen geliefert haben würde. Die Gründung der „kommunistischen Fraktion“ der SPI wurde unter Zustimmung aller Delegierten aus Turin, Neapel, Mailand und anderen Städten beschlossen. Das Ziel dieser neuen Organisation war gewiss nicht, die Stimmenmehrheit auf dem Parteitag in Livorno zu erringen, sondern das Gerüst einer wirklichen Kommunistischen Partei zu errichten, was nur durch eine klare Spaltung zu bewerkstelligen war: Auf der einen Seite diejenigen, die die Beitrittsbedingungen vollständig akzeptierten und praktisch durchführten, auf der anderen Seite die, die das nicht taten, denn es war völlig klar, dass die zahlenmäßig stärkere maximalistische Richtung den Ausschluss Turatis und Genossen nicht beschließen würde. Das Organ der kommunistischen Fraktion sollte „Il Comunista“, mit Sitz in Mailand, sein. Bruno Fortichiari und ich wurden mit den diesbezüglichen Aufgaben betraut. Ich erinnere mich gut daran, vor Livorno mit Serrati zusammengetroffen zu sein; ich machte ihm gegenüber kein Geheimnis daraus, dass wir dabei waren, die Kommunistische Partei Italiens zu organisieren – und nicht etwa einen Mehrheitserfolg auf dem sozialistischen Parteitag vorzubereiten. Die Frage des Ausschlusses der Reformisten war auf dem Moskauer Kongress bereits entschieden worden, es ging nur noch darum, diszipliniert den Beschluss in die Tat umzusetzen, indem man alle Brücken sowohl zu ihnen als auch zu den Maximalisten abbrach – gleich, wie die Abstimmung in Livorno ausgehen würde. Auf dem Kongress in Imola war also bereits beschlossen worden, dass, wenn wir der Abstimmung als Minderheit unterlägen, alle Kommunisten der Fraktion den Parteitag und die SPI verlassen würden, um, ohne noch mehr Zeit zu verlieren, die neue KP in Italien als Sektion der KI zu gründen.

9) Livorno steht für die Spaltung des Sozialismus und die Bildung der Kommunistischen Partei in Italien. Warum traten Sie und die anderen Kommunisten so entschlossen für den Bruch ein? Wie glaubwürdig war Ihrer Meinung nach der Einwand, dass die Spaltung die Volksfront noch weiter schwächen würde?

Wie aus all dem, was ich sagte, schon hervorging, bedeutete die Spaltung für alle Kommunisten der Fraktion, einen festen Grundpfeiler zu haben; die Trennung von den Reformisten und maximalistischen Zentristen hieß, dass in Bezug auf die revolutionäre Perspektive alles zu gewinnen war, während der numerisch größeren Stärke, die die Lage vor Livorno kennzeichnete, nicht nachzuweinen war. Das Argument, die Einheitsfront (die wir als strategische Waffe stets ablehnten) habe vor der Spaltung eine breitere Basis gehabt, war schon demagogisch von allen Einheitsfrontlern wie Serrati vorgebracht und von allen Befürwortern der Spaltung – von Lenin bis zu uns – entsprechend behandelt und definitiv zurückgewiesen worden, denn allein die Existenz der wirklichen Kommunistischen Parteien konnte dem revolutionären Sieg in Italien und Europa den Weg bahnen. Wir zögerten also nicht im Geringsten, den Bruch vorzubereiten und durchzusetzen und ich bin sehr froh und auch stolz, die unwiderrufliche Erklärung im Namen aller Kommunisten, die für den Antrag von Imola gestimmt hatten, verlesen zu haben; wir alle verließen daraufhin den sozialistischen Parteitag in Livorno und versammelten uns im Hof des Theaters San Marco, wo die KP Italiens gegründet wurde. In der Tat war die Entschlossenheit zum Bruch nicht bei allen gleich stark. Der Abgeordnete Roberto sprach rührende Abschiedsworte und wünschte eine baldige Wiedervereinigung aller Kräfte; ferner ist zu sagen, dass meine offenkundige Missbilligung solcher nostalgischen Gefühle von Gramsci nicht geteilt wurde: Wie ein Augenzeuge, Giovanni Germanetto[10], in seinen Memoiren berichtet, soll sich Antonio während der Versammlung im Hof des San Marco im Bühnenraum, den Rücken dem Tisch der Vorsitzenden zugewandt, aufgehalten haben und erregt auf und ab gegangen sein, so, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, seiner Bestürzung Ausdruck verleihend. Andererseits dachte in diesem Moment keiner von uns, dass die proletarische Aktion gegen den Kapitalismus und seine reaktionären Kräfte von der neuen Partei einer amorphen und zwielichtigen „Volksfront“ übertragen werden könnte, einem Block also, in dem proletarische und mehr oder minder kleinbürgerliche Richtungen zusammenarbeiteten. Natürlich dachte das auch Gramsci zu dieser Zeit nicht, obwohl der Faschismus bereits aufgetreten war. In einer solchen Front muss es notwendig ein Organ oder Komitee geben, dessen Disziplin sich die radikale, wirklich revolutionäre Partei hätte fügen müssen, so dass ihr unvermeidlich die Hände gebunden gewesen wären. Vor einer solch defätistischen Situation sind wir stets, damals wie in der post-faschistischen Phase, zurückgeschreckt.

10) Seit 1921 baute die Kommunistische Partei ihre klandestine militärische Organisation auf. Zur gleichen Zeit widersetzten Sie sich hartnäckig der Forderung – was viele für einen Fehler hielten –, sich die „Arditi del popolo“[11], die landesweit stark organisiert waren, zunutze zu machen. Der sich 1921 in Deutschland aufhaltende Vittorio Ambrosio[12] bot an, sich an die Spitze dieser Bewegung zu setzen und den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Warum lehnten Sie das ab? Gab es hierfür politische Gründe oder lag es an der „Person“, die den Vorschlag machte?

Auf dem Gründungskongress der KP Italiens wurde ein (aus 15 Mitgliedern bestehendes) Zentralkomitee ernannt, welches eine Exekutive einsetzte: Außer mir Grieco, der auch der wahlboykottistischen Fraktion angehört hatte, Terracini aus Turin, der vielleicht nicht als Vollblut-Ordinovist bezeichnet werden kann, dann Bruno Fortichiari und Luigi Repossi aus Mailand. Ihren Sitz hatte die Exekutive zunächst in Mailand, dann an verschiedenen offiziellen sowie geheimen Orten in Rom. Luigi Repossi wurde das Gewerkschaftsbüro anvertraut, das alle von der Partei gebildeten Gruppen in die Arbeiterorganisationen eingliederte. Fortichiari leitete den illegalen militärischen Apparat, dem die bewaffneten Abteilungen aller Ortsgruppen und Landesverbände der Partei und des Jugendverbandes angegliedert waren. Dieses Netz, deren Adressen geheim waren, hatte auch die Aufgabe, die verschlüsselte Korrespondenz mit den kommunistischen Zentralen sowohl inner- als auch außerhalb Italiens aufrechtzuerhalten und bestimmte Kodes für den telegraphischen Verkehr zu benutzen, wobei das System der illegalen Anschriften in- und außerhalb Italiens streng geheim zu halten war.

Am Hauptsitz kümmerten sich Grieco und ich um die allgemeine Korrespondenz und die Richtlinien für die Redaktionen der drei täglich erscheinenden Parteizeitungen: der „Ordine Nuovo“ in Turin, „Il Lavoratore“ in Triest, und einige Monate später „Il Comunista“ in Rom, die zuvor 14-tägig in Mailand erschien; ferner gab es in verschiedenen Städten von der Exekutive streng kontrollierte Wochenzeitungen.

Noch bevor der Feldherr Ambrosio und die „Arditi del popolo“ ihre berühmte Unternehmung starteten, musste die Parteizentrale interne wie öffentliche Anweisungen geben, um ein Stadium zu beenden, in dem die interne Organisationsdisziplin gefährdet war (was durch die ersten schwerwiegenden Gewalttaten der faschistischen Sturmtruppen provoziert wurde). Arbeiterorganismen und -parteien, die aus Prinzip gegen den Einsatz von Gewalt und beseelt vom „sozialen Frieden“ waren, hatten den unglaublichen Vorschlag eines „Friedenspaktes“ mit den Zentren und Führern der faschistischen Bewegung lanciert. Die kommunistische Parteiführung, die seit damals auf die ernste Gefahr jeglichen Pazifismus auf der Ebene des sozialen und bürgerlichen Widerstandes aufmerksam geworden war, erfüllte ihre Pflicht, indem sie den fraglichen Pakt öffentlich desavouierte. Sie gab intern die Anweisung, dass keine kommunistische Organisation derartig verfängliche Friedensvorschläge annehmen oder auch nur dulden dürfe, auch nicht auf lokaler Ebene. Weniger in meinem Namen als in dem jener Kämpfer, die den theoretischen und taktischen Traditionen treu ergeben sind (was heißt, nicht nur im Namen der wenigen Überlebenden der alten Generationen, sondern auch in dem zahlreicher junger Hinzugekommener), kann ich heute sagen, dass sich die damalige Antwort auf das Problem der Arditi in unsere historische Linie einreiht. Wir haben hier nicht nur keinen Fehler einzugestehen, sondern eben unsere Tradition wahrend, erinnere ich daran, dass wir etwas später auch die Beteiligung an den nationalen Befreiungskomitees ablehnten, ebenso wie das Partisanentum und die verschiedenen „Volksfronten“ traurigen Angedenkens, die während des II. Weltkrieges auch in Frankreich, Spanien und anderen Ländern Schaden anrichteten.

Nicht nur aus formellen, sondern vor allem aus tiefgehenden inhaltlichen Gründen zogen wir Ambrosios Vorschlag überhaupt nicht in Betracht. Tatsächlich hat das Wort „arditi“ genau dieselbe Bedeutung wie zu der Zeit, als Nationalisten und Faschisten die Freischärler so bezeichneten. Diese neuen Truppenverbände auf den abgenutzten Mythos „Volk“ zu beziehen, heißt, in den alten anti-marxistischen Fehler zurückzufallen, die gesellschaftlichen Klassen durcheinander zu mischen, statt ihren Gegensatz zu unterstreichen, etwas, wovor Marx, Engels und Lenin stets gewarnt hatten, bevor sich die furchtbaren revisionistischen Verwirrungen manifestierten. Wenn wir nun von den Personen reden wollen, die sehr viel weniger interessieren als die grundsätzlichen Fragen, so ist zu sagen, dass Ambrosio 1921 nicht in Deutschland war, sondern sich nach Wien begeben hatte; und wir wollten nicht riskieren, dass er bei unseren Freunden, oder gar unserem Hauptfeind, als Abgesandter oder Führer der italienischen kommunistischen Partei auftritt. Das Parteizentrum musste auch dafür Sorge tragen, dass unsere Basis den Ambrosio, oder seinen Generalstab, nicht mit der spezifischen Organisation verwechselt, die gerade von unserer Partei aufgebaut wurde. Und schließlich durften wir auch nicht Gefahr laufen, dass unsere Ortsgruppen die wenigen, an geheimen Plätzen deponierten Waffen Ambrosio und den Seinen zur Verfügung stellen. Weiter hatte die Führung einer revolutionären Partei wie der unseren die Pflicht, einer unerfreulichen Konsequenz einen Riegel vorzuschieben, dass nämlich ein Mann vom Schlage Ambrosios außerhalb Italiens die unvorsichtigerweise ihm übertragenen Befugnisse um bestimmter Vorteile willen an die Gegner verkauft oder damit schachert, oder dass er einen neuen Friedenspakt mit den die italienischen Massen stets niederdrückenden Faschisten initiiert.

11) Als Führer der Kommunistischen Partei wurden Sie beschuldigt, den Faschismus unterschätzt zu haben, weil Sie ihn für eine bürgerliche Erscheinung wie schon andere vorher hielten, und ihn deshalb 1921 nicht energisch bekämpft zu haben, als es noch möglich war, ihn zu schlagen. Warum ging es vor allem gegen die Sozialisten, Maximalisten, Reformisten: alles potentielle Bündnispartner gegen den Faschismus?

Unsere Strömung hat immer die These negiert, nach der dem Faschismus ein aus der kommunistischen, maximalistischen und reformistischen Partei gebildeter Block entgegengestellt werden könne. Diese Tatsache beziehe ich nicht nur auf das Jahr 1921, wie die Frage zu Unrecht suggeriert; aus unseren Stellungnahmen in, vor und nach Livorno geht dies auch klar hervor. Wir haben die anderen (aus der Spaltung zuerst von Livorno, dann von Mailand hervorgehenden) Parteien stets als die gefährlichsten Feinde angesehen, denn der Einfluss, den sie besaßen, stand klar im Gegensatz zu jeder revolutionären Vorbereitung. Diese Position lässt sich in den Schlussfolgerungen, die wir auf den Parteitagen in Rom 1922 und Lyon 1926 zogen, nachlesen. Um zu zeigen, dass diese Position noch älter ist, erinnere ich an den Parteitag in Bologna 1919, wo wir uns auf die Ansicht Lenins beriefen, der, in einem Telegramm an die Führer der siegreichen ungarischen Revolution, den schweren Fehler kritisiert hatte, der darin bestand, die ungarischen Sozialisten zur Regierungsbeteiligung aufzurufen, worin er den Grund für das Scheitern der Revolution sah. Es musste also allen klar sein, dass die italienischen Kommunisten jedes Bündnis mit den Sozialisten ablehnten, sei es während des Kampfes um die Machteroberung, wie auch nach einem möglichen Erfolg in diesem Kampf. Wenn wir zur Bewertung des historischen Phänomens des Faschismus kommen, könnte ich mich auf drei Beiträge auf den Moskauer Kongressen der Jahre 1922, 1924 und 1926 beziehen. Den Faschismus halten wir nur für eine der Formen, worin der kapitalistische bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet, wobei diese Form, wenn es für die herrschenden Klassen vorteilhafter zu sein verspricht, mit der der liberalen Demokratie (also dem Parlamentarismus) abwechselt, die in bestimmten historischen Phasen auch eher geeignet ist, die Interessen der privilegierten Schichten zu wahren. Für die Politik der starken Hand und repressiven und polizeilichen Übergriffe gibt es gerade auch in Italien Vorbilder, die für sich sprechen: Die an die Namen Crispi[13], Pelloux[14] und viele andere geknüpften Episoden, in denen es dem bürgerlichen Staat oblag, die gerühmten Rechte der Propaganda- und Versammlungsfreiheit mit Füßen zu treten. Die geschichtlich älteren, ebenfalls blutigen Beispiele dieser Methode zur Unterdrückung der unteren Klassen zeigen also, dass das Rezept nicht von den Faschisten oder Mussolini erfunden oder eingeführt wurde, sondern sehr viel älter ist. Die oben erwähnten Reden können in den Protokollen der Weltkongresse nachgelesen werden, und sie werden von unserer Strömung sicherlich noch einmal publiziert. Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrarbourgeoisie und Rentenempfängern aus Grund- oder Immobilienbesitz und auf der anderen Seite Industrie- und Handelsbourgoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten und auch klerikalen Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen (auch laizistisch genannten) Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, indem sie für die Erhaltung aller gesellschaftlichen Formen der Privatwirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im Geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr. 1 nicht im Faschismus oder gar Mussolini ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der Antifaschismus darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit und Niedertracht. Der Antifaschismus hatte einem giftspeienden Ungeheuer historisches Leben eingehaucht: Nämlich dem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und ihrer Nutznießer umfasst, von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen und Laizisten.

12) Die letzten großen Streiks gab es im August 1922, vor dem „Marsch auf Rom“. War zu diesem Zeitpunkt, wo der Faschismus bereits an der Schwelle zur Macht stand, der Streik eine taugliche Waffe, um der Situation zu begegnen? Und hielten Sie die Revolution noch für möglich?

Der letzte gewaltsame Zusammenstoß zwischen proletarischen Gruppen und faschistischen, staatlich massiv unterstützten Banden war in der Tat der große Streik vom August 22. Die Kommunistische Partei hatte sowohl in ihrer Propagandaarbeit als auch auf den internationalen Kongressen schon klar ausgesprochen, dass sie die Strategie des Bündnisses zwischen verschiedenen politischen Parteien für falsch hielt und für die gewerkschaftliche Einheitsfront, die Objekt ernster Meinungsverschiedenheiten war, eintrat. Wir lehnten also jede politische Front- oder Blockbildung ab, denn die daran beteiligten Parteien wären zur Disziplin gegenüber einem zwangsläufig damit einhergehenden höchsten Befehlsorgan verpflichtet gewesen; unsere Parteikräfte hätten so gezwungen sein können, auch in eine Richtung zu arbeiten, die im deutlichen Gegensatz zu den programmatischen, unserer Theorie impliziten Zielen stand – eine Sache, die für uns völlig inakzeptabel war. Eine politische Einheitsfront hätte zu einem ja schon zurückgewiesenen Bündnis mit Reformisten und Maximalisten geführt. Die gewerkschaftliche Einheitsfront dagegen hätte große Gewerkschaftsverbände wie die CGL (Allgemeiner Gewerkschaftsbund), die USI (Union der italienischen Syndikalisten), die vor dem Krieg gegen den Kriegseintritt Italiens gekämpft hatte, und die starke Eisenbahnergewerkschaft umfasst: Die organisatorische und propagandistische Arbeit für diese gewerkschaftliche Einheitsfront, der wir den Namen Alleanza del Lavoro (Arbeitsbündnis) gaben, war 1922 bereits weit fortgeschritten. Während der politische Block als parlamentarische Koalition zur sogenannten Arbeiterregierung (einer Sache, der wir, auch in Moskau, energisch entgegentraten) führen musste, hätte die gewerkschaftliche Front die originär revolutionären und marxistischen Methoden des Streiks und des bewaffneten Bürgerkriegs benutzen können, um die Macht der Bourgeoisie, damals in Händen der Faschisten, zu stürzen.

Kommen wir kurz zur Chronik jener bewegten Zeiten zurück. Während die rechten und opportunistischen Gruppen Druck ausübten, um das von uns abgelehnte Parteienbündnis zustande zu kriegen, startete die Eisenbahnergewerkschaft eine Initiative und berief eine Versammlung von Vertretern aller Parteien und Gewerkschaften in Bologna ein. Zu dieser etwas suspekten Versammlung sandten wir keinen Repräsentanten der Partei, sondern einen Genossen, der die Leitung der uns angehörenden gewerkschaftlichen Kräfte innehatte. Er überbrachte uns die erstaunliche Nachricht, dass die größte Gewerkschaft, der Allgemeine Gewerkschaftsbund, erklärt hatte, über kein geeignetes Kommunikationsnetz zu verfügen, um an alle Arbeitskammern[15] das Startsignal für den Generalstreik zu geben. Angesichts dieser desaströsen Haltung bot unser Genosse gemäß den Anweisungen des kommunistischen Exekutivorgans an, mit unserem illegalen Netz für die Verbreitung des Streikaufrufs, den der Gewerkschaftsbund formulieren sollte, zu sorgen. Der Gewerkschaftsbund und die anderen Versammelten nahmen unser Angebot wohlweislich an, da der Streik sonst nicht von nicht-kommunistischer Seite aus hätte organisiert werden können. Das Kommunikationsnetz unserer Partei und unserer Gewerkschaftsgruppen aufbietend, um den Streik mit allen Mitteln durchzuführen, gelangte der offizielle Streikaufruf so bis in den letzten Winkel des Landes.

Kurz darauf nahm die Streikbewegung in ganz Italien starke und militante Formen an und den natürlich drastischen Maßnahmen der gegnerischen Kräfte wurde massiver Widerstand entgegengesetzt. Einige Einheiten von Carabinieri-Regimentern wurden nach Ancona geschickt; bei Bari warfen mehrere Zerstörer der Kriegsmarine ihre Anker. Die die Innenstädte besetzt haltenden Arbeiterkräfte reagierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden offensiven Mitteln und vollständiger Arbeitsniederlegung, so dass der Zugverkehr, für die militärischen Bewegungen der Streit- und Polizeikräfte unentbehrlich, lahmgelegt wurde. In Parma befanden sich auf der einen Seite des Flusses die Arbeiterviertel in Aufruhr (bekanntlich ist Parma durch den Fluss desselben Namens geteilt). Die faschistischen Kräfte, die zur Niederschlagung der Revolte entsandt worden waren, standen unter dem Befehl des berühmten Mitglieds des Viererrats, Italo Balbo[16]. In jüngerer Zeit ist daran erinnert worden, dass die mutigen Arbeiter von Parma zur Zeit seiner Atlantiküberquerungen Anfang der 1930er Jahre mit Riesenlettern die bissige Apostrophe auf die Flussdeiche schrieben: „Balbo, du hast den Atlantik überquert, doch nicht den Parma“. Der wenige Meter breite Strom hatte gereicht, die arbeiterfeindlichen Kräfte aufzuhalten. Dies und anderes zeigt, dass die Streikbewegung damals nicht nur möglich, sondern auch sehr schlagkräftig war. Die Faschisten konnten trotz staatlicher und bewaffneter Unterstützung nicht den proletarischen Ansturm schwächen. Und als im Oktober desselben Jahres für den Marsch auf Rom mobilisiert wurde, kamen sie nicht aufgrund eines militärischen Erfolges durch, sondern dank eines Kompromisses, mit Hilfe dessen der künftige Duce, in schwarzem Rock und Zylinder, ganz in Ruhe zum ersehnten Thronsaal des Quirinals[17] gelangen konnte. Er war so in der Lage, die befürchtete Verhängung des Belagerungszustandes zu umgehen, von dem ja der König, gegen den Willen seiner Generäle, Abstand genommen hatte. Auf diesem gar nicht rühmlichen Wege wurden die Arbeiterrevolution wie auch die angebliche Revolution der Schwarzhemden durch mefitische[18] Manöver von ausgesprochen parlamentarischem Charakter erstickt.

13) Ende 1922, auf dem 4. Kongress der KI, sagten Sie gegen die Mehrheit, gegen Sinowjew und selbst Lenin, es sei falsch und überdies von keinerlei Nutzen, sich mit den Sozialisten zu vereinigen, um die Bildung einer Koalitionsregierung ins Visier zu nehmen. Wie erklären Sie dieses negative Präjudiz, als die Maximalisten sich bereits von den Reformisten getrennt hatten?

Es stimmt, dass zu dieser Zeit (Dezember 1922), als die Faschisten schon die Macht übernommen hatten, sich die Sozialistische Partei (die in Livorno die Mehrheit errungen hatte) ihrerseits in die maximalistische und reformistische gespalten hatte; auf dem Parteitag in Mailand war eine dritte Strömung aufgetreten, die sogenannten Terzinternationalisten, welche mittels Vereinigung mit der Kommunistischen Partei in die III. Internationale einzutreten beabsichtigten. Es stimmt auch, dass die linken Kommunisten die von Moskau befürwortete Vereinigung sowohl mit den Maximalisten als auch den, übrigens wenig zahlreichen „Terzinis“[19], wie wir sie damals nannten, ablehnten. Auch die Positionen dieser Fraktion, in der unter anderem auch Serrati war, standen im Widerspruch zu den Resolutionen des 2. Kongresses und den Leitsätzen zur Taktik der KI (einschließlich jener, mit denen wir nicht einverstanden waren, wie im Fall der Parlamentarismus-Frage, sowie den Leitsätzen zur Gewerkschaftsfrage, zur Agrarfrage und zur Nationalitäten- und Kolonialfrage, mit denen wir uns stets völlig einverstanden erklärt hatten). Man braucht nur an die von der SPI eingenommene Haltung bezüglich des berüchtigten „Friedenspaktes“[20] mit den Faschisten zu erinnern, oder an die späteren Situationen, bis zum August 1922, das ist oben ja schon ausgeführt worden. Auf keinen Fall wollten wir dem Drängen der russischen Genossen nachgeben, in dem berühmten „Vereinigungskomitee“ mit den „Terzinis“ zusammenzuarbeiten, was auch beinhaltete, den bevorstehenden Wahlkampf gemeinsam zu führen. Zur Enttäuschung der russischen Genossen, unter ihnen Sinowjew und Lenin, sahen wir in einer solchen Vereinigung keinerlei Zunahme an Kraft und Einfluss für unsere Partei, weder damals noch heute, weder qualitativ noch quantitativ, nicht mal in Hinsicht einer besseren Verteidigung gegen die Schläge der Reaktion.

14) Ihrer „wahlboykottistischen“ Position wurde, was die Taktik bezüglich der Tagespolitik angeht, vorgeworfen, die Partei zu Trägheit und Unbeweglichkeit geführt zu haben. Warum waren Sie, Ingenieur Bordiga, immer gegen jegliche Aktion der Einheitsfront oder des Parteienbündnisses gegen den Faschismus? Wie bewerten Sie die von den antifaschistischen Parteien 1923 und 24 entwickelte Tätigkeit?

Der von mir und großen Teilen der Partei vertretene „Wahlboykottismus“ bedeutete nicht Verzicht auf tagespolitische Tätigkeit, sondern auf eine ihrer technischen und praktischen Formen, also Wahltätigkeit und Parlamentarismus, und zwar, weil dies die ganze Energie und Dynamik der Partei absorbiert und abgezogen und damit lebenswichtigere Formen der politischen Klassenpartei lahm gelegt hätte, die viel wichtiger sind, wie der offene und auch militante Kampf gegen die regulären und irregulären Verbände, die die kapitalistische Ordnung verteidigen. Der Wahlboykottismus stellte daher ein wirkliches Gegengift gegen eben die Unbeweglichkeit dar. Denn gefördert worden wäre diese gerade durch eine Bündnispolitik mit anderen Parteien – darunter solchen, zu denen wir die materiellen Verbindungen auf organisatorischem Gebiet gekappt hatten, welche nur in pathologischer Form eines Bündnisses hätten wieder aufleben können –, und das wäre nicht mal von unseren Anhängern und Parteigenossen verstanden worden. Zum Beweis dessen, dass von der Basis unserer Organe noch starker Widerwille bestand, sich auf Wahl- oder parlamentarische Manöver einzulassen, will ich in Erinnerung rufen, dass ich zu Beginn des Jahres 1921 in unserer Parteipresse einen Artikel veröffentlichen musste, der die Forderung verschiedener Basisorganisationen für unannehmbar erklärte, nämlich ein internes Hilfsmittel zu finden, um bei unserer Ablehnung jener Taktik bleiben zu können, ohne die Pflicht zur Disziplin gegenüber den Beschlüssen der KI zu verletzen.

Die von den sogenannten antifaschistischen Parteien entwickelte Aktivität in den Jahren 1923 und 24, besonders nach der Ermordung Matteottis[21], wurde von mir und sehr vielen anderen Genossen offen missbilligt, denn sie schuf die Grundlagen für eine Arbeitsgemeinschaft zwischen der Arbeiterbewegung und anderen ideologisch eindeutig bürgerlich orientierten Parteien. So wurde hier das vorweg genommen, was heute die Struktur der italienischen Regierung ausmachen sollte, und worin sich die KP Italiens (die seit ihren großen Anfängen mit der Spaltung von Livorno und dem hartnäckigen Kampf gegen jede Form bindender Kompromisse extrem heruntergekommen war) kopfüber stürzte, und zwar im Namen der „Demokratie für Italien und Europa“, was völlig antimarxistisch und antiproletarisch ist.

Für den linken Flügel der Partei sprechend riet ich A. Gramsci zum Verlassen der Kommunisten aus dem Schein-Parlament des Aventin[22]; somit wurde es möglich, von der Bühne der Abgeordnetenkammer aus einige mutige und die Massen zum Kampf aufrufende Reden zu halten, die Mussolini zur Weißglut brachten: Ich erinnere hier nur an die Reden (die auch heute noch in den Parlamentsakten aufzufinden sind) der Abgeordneten Grieco und Repossi, in denen der wilden Hetze der faschistischen Abgeordneten gegenüber eine klare Sprache gesprochen wurde. Die kommunistischen Abgeordneten Grieco und Repossi wurden physisch angegriffen und aus dem Saal geworfen.

15) Sie, Ingenieur Bordiga, nahmen am 5. Kongress der KI 1924 in Moskau teil, wo Sie ausführlich über den Faschismus in Italien sprachen. Welche Anschauung prägte diesen Bericht? Wie beurteilen Sie den Faschismus ökonomisch, sozial und politisch?

Auf dem 5. Kongress gab ich einen ausführlichen Bericht über den italienischen Faschismus, wobei ich die auf dem 4. Kongress (der kurz nach dem Marsch auf Rom stattgefunden hatte) entwickelten Argumente wieder aufnahm. Ich zog damals die Formulierung der „politischen Komödie“ derjenigen des „Staatsstreiches“ vor, insofern die Schwarzhemden die bewaffnete Staatsgewalt (die den real bestehenden Belagerungszustand nicht zu nutzen verstanden hatte) nicht militärisch geschlagen hatten: Mussolinis „Marsch auf Rom“ bestand darin, die Strecke Mailand-Rom bequem im Schlafwagen zurückzulegen, um im Quirinal mit König Vittorio zusammenzutreffen. Die soziale Basis des Faschismus lässt sich nicht nur, wie Gramsci sagte, in der Klasse der Landeigentümer ausmachen, sondern umfasst ebenso die modernen industriellen Klassen; und die Mitglieder der faschistischen Partei rekrutierten sich nicht nur aus den reichen, sondern auch aus den Mittelschichten, wie Akademikern, Handwerkern und Studenten.

16) Aus welchen ideologischen und praktischen Gründen lehnten Sie es ab, 1924 als kommunistischer Abgeordneter zu kandidieren? Welche Folgen hatte dies innerhalb der Kommunistischen Partei?

Meine Nicht-Kandidatur hatte weniger – aus meiner wahlboykottistischen Position klar zu ersehende – theoretische Gründe als ein handfestes praktisches Motiv. Die Aufstellung der kommunistischen Kandidaten erfolgte nicht aufgrund persönlicher Initiative und Bewerbung, sondern ein eigens dazu bestimmter Ausschuss der Partei wählte diese aus, und wie die Dinge lagen, hatte er nicht vor, mich aufzustellen. Es handelte sich also nicht um eine formal ausgesprochene Ablehnung meinerseits, auch wenn mir die Nichtnominierung keineswegs unangenehm war. Der Partei erwuchs daraus kein besonderer Schaden – auch wenn die Zentristen der Parteiführung einwandten, dadurch einen Parlamentssitz zu verlieren, denn sie meinten, dass ich aufgrund meiner Bekanntheit und rednerischen Fähigkeiten in irgendeinen Wahlkreis gewählt werden würde.

17) Was sprach, nachdem die kommunistischen Abgeordneten den Aventin verlassen hatten, für den Wiedereintritt in die Abgeordnetenkammer?

Wie ich schon in der Antwort auf die 14. Frage erklärt habe, bedeutete die Aventin-Politik eine völlige Unterwerfung unter die bürgerlich-faschistische Reaktion. Diese Tatsache gibt unserer vorhin schon erwähnten historischen Voraussage Recht, wonach die verhängnisvollste Wirkung des Faschismus im Auftreten des anti-faschistischen Blocks besteht, dessen doppelzüngige Politik nur dazu führen konnte, die Zukunft dieser unseligen italienischen Gesellschaft zu beherrschen und zu ersticken. Heute muss man feststellen, dass sich diese Voraussage leider als zutreffend erwiesen hat.

18) Weshalb lehnten Sie auch die Vizepräsidentschaft der Internationale ab, die Ihnen auf Vorschlag der sowjetischen Delegation angeboten worden war? Was hätte eine solche Wahl für Sie mit sich gebracht und welche Folgen hätte dies für die kommunistische Partei gehabt?

Die mir durch Sinowjew angetragene Vizepräsidentschaft lehnte ich sofort ab, vor allem, weil ich nicht darauf verzichten konnte, meinen Kampf gegen die Bündnis- und Einheitsfrontpolitik fortzuführen, die von Sinowjew befürwortet wurde und der ich mich auf den vorherigen Kongressen widersetzt hatte. Ferner kannte ich die internen Geschehnisse der russischen Partei gut genug, um zu sehen, dass auch Sinowjew seiner Ämter enthoben werden würde, um durch Bucharin, der die Stalin’sche Politik streng befolgte, ersetzt zu werden. Aufgrund meiner Arbeit in Moskau und nach einer lebhaften Diskussion zwischen Stalin und mir bei der italienischen Kommission[23] war ich damals vielleicht der einzige, der ahnte, dass die Stalin’sche Repression Sinowjew und Kamenew die gleiche Behandlung angedeihen lassen würde wie zuvor Trotzki. Sinowjew und Kamenew solidarisierten sich im November 1926 wieder mit Trotzki, als in der Erweiterten Exekutive über die verderbliche Formel des „Sozialismus in einem Land“ gestritten wurde. Ich sah schon früh, und bevor mir die Vizepräsidentschaft angeboten wurde, dass diese Frage das heikle Terrain des verzweifelten Kampfes sein würde, der den Absturz der Kommunistischen Internationale in den Abgrund eines neuen und schlimmeren Opportunismus, der unserer Strömung drohte, abzuwehren suchte.

19) Wie erklärt sich die ideologische Übereinstimmung, die 1925 Gramsci an einen Liberalen wie Gobetti – auf der gemeinsamen Grundlage des antifaschistischen Kampfes – band?

Was das Verhältnis zwischen Gramsci und Gobetti[24], den Leiter der Zeitschrift „Rivoluzione Liberale“ angeht, kann ich sagen, dass ich mich einmal persönlich an Gramsci wandte, um ihn zu bitten, mir eine vollständige Reihe der von Gobetti geleiteten Zeitung zu besorgen. Ich wollte eine sorgfältige Analyse und gründliche Kritik vom Standpunkt der revolutionären Kommunisten aus entwickeln. Antonio ahnte, dass es meine Absicht war zu zeigen, dass jede Verständigung mit einem erklärten Liberalen, wie Gobetti, für eine gemeinsame Kampagne gegen den Faschismus unmöglich und gefährlich war. Mit seinem schönsten Lächeln antwortete er sofort: „Tu das nicht Amadeo, ich bin es, der dich darum bittet“. Ich gebe zu, mich seiner stillen, so freundschaftlichen Aufforderung gefügt und niemals das geschrieben zu haben, was im Journalistenjargon als „Verriss“ des absurden revolutionären Liberalismus hätte bezeichnet werden müssen. Die Neigung Gramscis, mit Gobetti zusammenzuarbeiten, lässt sich nur dadurch erklären, dass er sich irrigerweise folgender Taktik anschloss: In Hinsicht auf die Perspektive einer italienischen Regierungsbildung dachte er, dass sich mit jeglichem Gegner und Kritiker Mussolinis Bande knüpfen lassen müssten, Überlegungen, vor denen ich damals wie heute einen heiligen Schrecken hatte. Wir waren nicht nur Genossen; mit Gramsci, der meine ganze Bewunderung hatte, verband mich auch eine innige Freundschaft. Unser letztes Zusammensein in einem, man kann wohl sagen, Parteienmilieu geht auf das Jahr 1926 zurück, als wir mit anderen auf die Insel Ustica verbannt wurden. In jener Zeit boten Antonio und ich uns jedes Mal, wenn eine Frage zur Diskussion gestellt wurde, die unsere Grundsätze und Bewegungen betraf, in stillem Einvernehmen an, den anderen die jeweils zur Diskussion stehende Anschauung der gegnerischen Seite zu einem bestimmten Thema darzulegen. So war sicher gestellt, dass jeder von uns beiden die Widersprüche zum Denken des anderen und seiner Strömung scharf machen und nicht irgendwie abschwächen wollte. Die Darstellung endete in der Regel damit, dass wir uns gegenseitig bestätigten, die Gesamtauffassung des anderen gut vorgetragen zu haben. Es handelte sich ganz deutlich um zwei Geschichtsauffassungen, die nicht miteinander vereinbar waren: Diejenige Gramscis nahm klar die Linie des antifaschistischen Parteienbündnisses vorweg, während meine sich dieser Linie äußerst energisch entgegenstellte.

20) Auf dem Parteitag in Lyon, Anfang 1926, ging die Führung der Italienischen Kommunistischen Partei an Gramsci über, während Sie in der Minderheit waren. Was war an dieser Niederlage geplant und beabsichtigt? Stimmt es, dass der Dissens zu Gramsci vor allem auf seiner Bewertung der Lage in Italien beruhte?

Auf dem illegalen Kongress in Lyon unterlagen wir von der Linken im Februar 1926 der vorherrschenden zentristischen Richtung Gramscis und Togliattis[25]. Es war keine (auch nicht im Sinne der übrigens von uns nie anerkannten internen Parteidemokratie) klare und deutliche Niederlage – wir erkannten sie also weder an noch akzeptierten wir sie. Die angebliche Basisbefragung wurde mit Hilfe eines zumindest suspekten und zweifelhaften Prozederes durchgeführt. Alle Mitglieder, die weder für die Richtlinien des Zentrums noch die der Linken gestimmt hatten (auf mein Betreiben hin war, aus Gründen der Parteidisziplin, der berühmte „Verständigungsausschuss“[26] aufgelöst worden: eine Gruppe von Führern der linken Strömung hatte diesen Ausschuss gebildet, der seitens der Zentrale, unter der falschen Anschuldigung des Fraktionismus und der Parteienspaltung, sofort eine scharfe Verwarnung erhielt; im Parteiorgan „Stato Operaio“ war dennoch die Position der Linken im Laufe des Jahres 1925 in Artikeln und Resolutionen sehr deutlich gemacht worden), alle Stimmenthaltungen also wurden auf ausdrücklichen Beschluss der Zentrale ihr selbst zugeschlagen, als Ja-Stimme ihrer Tätigkeit und ihres Parteiprogramms. Es muss nicht gesagt werden, dass unsere Forderung, die KI darüber entscheiden zu lassen, in Moskau auf taube Ohren stieß, so dass der Sieg den Zentristen und Stalinisten zufiel, und die Leitung der italienischen Sektion Gramsci, Togliatti und ihren Freunden übertragen wurde. Unserem berechtigten Einwand, dass eine angeblich demokratisch durchgeführte Befragung keinen Sinn habe, da die Parteiorganisation ihre Ortsversammlungen und Landesparteitage unter dem fürchterlichem Druck der virulenten faschistischen Diktatur abhielt, wurde keinerlei Bedeutung beigemessen.

Der Dissens mit Gramsci beruhte also nicht so sehr, wie ich schon dargelegt habe, auf der Bewertung der Situation in Italien als vielmehr auf der Bewertung der möglichen kurzfristigen Entwicklungen. Wir teilten keinesfalls die Ansicht der Gramsci-Anhänger, wonach – wenn der Faschismus infolge einer innenpolitischen Krise oder der internationalen Verwicklungen des Krieges erst einmal gestürzt sei – ein Block der verschiedensten anti-faschistischen Parteien eine demokratisch verfasste Regierung bilden könne, die das geschwächte und schlecht geführte Italien wieder unter Kontrolle bekommen sollte.

21) In den ersten Lebensjahren der Kommunistischen Partei gab es zwischen Ihnen und Gramsci eine bemerkenswerte politische Übereinstimmung; nach 1922 jedoch begannen Sie, uneins zu werden und der Streit gipfelte 1930 im Ausschluss aus der Partei. Was waren die Hauptpunkte in diesem Streit? Und was die Gründe für den Ausschluss?

Gramsci und ich waren uns in jener Periode einig, in der die Organisation der kommunistischen Fraktion innerhalb der alten Sozialistischen Partei auf den Weg gebracht wurde und auch noch danach, als es darum ging, den auf den ersten Kongressen der KI festgelegten Leitsätzen zu folgen, d.h. die Spaltung der SPI herbeizuführen und die KPI zu gründen. Unsere Konvergenz bestand darin, den historischen Verlauf der II. Internationale gleich zu bewerten, in deren Innern sich, wie man damals sagte, „zwei Seelen“ herausgebildet hatten: eine revolutionäre und eine reformistische bzw. gradualistische. Beide dachten wir, die Lösung dieses Widerspruchs könne nur durch die Trennung der alten Parteikämpfer in zwei verschiedene Strömungen erfolgen.

1922 erwartete ich infolge dieser organisatorischen Spaltung eine Phase des offenen Kampfes zwischen den beiden Parteien: derjenigen, die der Perspektive der revolutionären Katastrophe, mit dem Zusammenbruch der kapitalistischen gesellschaftlichen Einrichtungen einhergehend, folgte, und der anderen, die es durch legale Mittel, die das bürgerliche Regime durchaus auch seinen Gegnern zugestand, für möglich hielt, es – gewaltlos und ohne Blut zu vergießen – im Laufe einer langen Entwicklung und durch schrittweise Veränderungen seines inneren Gefüges zu reformieren. Gramsci hingegen erwartete nicht den offenen Kampf zwischen den beiden Strömungen, sondern begann, auf eine Dynamik zu setzen, die das Entstehen neuer Klassenparteien aus der Zersetzung der alten bewirken sollte. Es lag auf der Hand, dass jede der beiden aus der Spaltung hervorgehenden Parteien mit einer im Vergleich zu früher geringeren Anzahl von Mitgliedern und Kräften rechnen musste, weshalb er anfing, die Auffassung zu akzeptieren, es sei opportun, die beiden Flügel in einer gemeinsamen Aktionsfront, in der sowohl legale wie illegale Mittel angewendet werden sollten, strukturell wieder zusammenzufassen.

Diese historische Formel, die ich immer und überall als töricht zurückwies, wurde in dem nicht sehr eleganten Satz ausgedrückt: “Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Gramsci meinte also, dass wir eine sehr viel stärkere Partei hätten, wenn wir ein Bündnis mit der SPI oder auch ihrem starken linken Flügel (wie Moskau vorschlug) eingehen würden. Meiner Ansicht nach zeigt dies nur, dass Moskau seit damals ernsthaft vom revolutionären, von Marx und Lenin vorgezeichneten Weg abwich. Im historischen Fortgang der Episoden (die den Kontext bildeten, der die Fragen und Antworten hervorbrachte) waren viele Streitpunkte zwischen Gramsci und mir bereits deutlich geworden. Ich möchte dazu sagen, dass diese ihren Ursprung in Wirklichkeit in einem einzigen Dissens hinsichtlich des Verständnisses der Theorie haben – ich könnte auch sagen, der Philosophie, die die Flamme der Klassenrevolution entzündet. Dies sagte ich Gramsci auf dem Lyoner Kongress, auf dem wir beide etwa siebenstündige Reden hielten, in denen wir unsere Lösungen zu den Fragen in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen und zu vielen Problemstellungen darlegten. Am Schluss dieser Darlegungen der Programme erklärte ich, mich an Antonio wendend, dass man nicht das Recht habe, sich Marxist oder historischer Materialist zu nennen, bloß weil man als Rüstzeug der Partei einzelne Leitsätze annimmt, die sich etwa auf die gewerkschaftliche oder wirtschaftliche Aktion, oder die parlamentarische Taktik oder auf ethnische, religiöse oder kulturelle Fragen beziehen; sondern dass man sich zu Recht erst dann um eine politische Fahne sammelt, wenn man ein und dieselbe Auffassung vom Kosmos, der Geschichte und der Aufgabe des Menschen in ihr teilt. Seither ist viel Zeit vergangen, doch ich erinnere mich gut daran, dass Antonio den von mir formulierten Schlussfolgerungen zustimmte und sogar zugab, sich dieser grundsätzlichen Wahrheit zum ersten Male bewußt zu sein. Doch ich habe die Chronik der Beziehungen zwischen Gramsci und mir nicht gegeben, um damit den Grund meines Parteiausschlusses, also auch des Ausschlusses aus der KI im Jahre 1930, anzugeben. Zu dieser Zeit wurde ich auch aus der Verbannung entlassen, und die einzige Information über das Vorgehen gegen mich musste ich der bürgerlichen Presse entnehmen, in der geschrieben stand, der Grund meines Ausschlusses sei die Weigerung, einer Einladung zum Moskauer Kongress Folge zu leisten. Ich verfügte nicht über die Kommunikationsmittel, um mich zu verteidigen; jedenfalls erklärte ich und wiederhole es hier, dass weder die Moskauer Zentrale noch die der italienischen Partei mit einer solchen Aufforderung an mich herangetreten waren. Hätte ich die Einladung bekommen und wäre es praktisch möglich gewesen ihr nachzukommen, hätte ich sie abgelehnt, ebenso wie ich es in Lyon, im Einverständnis mit all meinen Genossen der Linken, abgelehnt hatte, zum Führungskader der italienischen Partei zu gehören.

Am 6. Weltkongress 1928 in Moskau nahm ich nicht teil. Ich erfuhr später, dass, auf Betreiben Stalins, eine neue politische Taktik, Sozialfaschismus genannt, befürwortet worden war, d.h. sowohl die faschistischen als auch sozialdemokratischen Parteien wurden zu Gegnern Moskaus und des Kommunismus erklärt und die Taktik einer Front mit den Sozialisten gegen die Faschisten somit verworfen. In rückblickenden Auseinandersetzungen in der offiziellen kommunistischen Presse konnte man später lesen, dass diese Taktik von der italienischen Linken bereits vor längerer Zeit antizipiert worden war. So steht in einem meiner Artikel von 1921 etwa: „Faschisten und Sozialdemokraten sind nur zwei Seiten ein und desselben zukünftigen Feindes.“

22) Sie wurden beschuldigt, nicht flexibel zu sein, unfähig, die Aktion den Umständen anzupassen, „zur Sektenbildung neigend“. Wie antworten Sie auf solche Einwände Lenins und anderer?

Wenn eine geschichtliche Beurteilung meiner Eigenschaften und Eignungen nach so langer Zeit zuverlässig wäre, würde ich heute sagen, dass ich die Bezeichnung des „Sektierers“ gern annehme; ferner bestätige ich, niemals flexibel gewesen zu sein, ebenso wie ich nicht fähig war, mir aufgrund immer wieder veränderter Situationen und Kräfteverhältnisse ein „elastisches“ Vorgehen einreden zu lassen. Die Anschuldigung, sektiererisch und zu wenig flexibel zu sein, bekam ich oft zu hören, aber sie haben mich nie vom Weg, von dem ich überzeugt und nicht abzubringen war, abweichen lassen. Die Anschuldigungen sind auf den Moskauer Kongressen nie von Lenin vorgebracht worden, sondern von seinen sklavischen Nachahmern, die vielleicht willens, aber doch sehr weit davon entfernt waren, den wirklichen Inhalt seines Denkens zu erfassen. Ich glaube, dies in meiner Schrift über den „Linken Radikalismus“ Lenins sowie über die falschen Überlegungen, die die späteren Renegaten darüber anstellten, richtig erläutert zu haben. Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer „Sekte“ annimmt statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. An die Stelle der unflexiblen Ernsthaftigkeit, der der revolutionäre Kämpfer verpflichtet ist, tritt so eine Reihe akrobatischer Verrenkungen oder wie man zu sagen pflegt: jäher Meinungsänderungen – was nichts weiter als eine beleidigende Parodie auf das Andenken Lenins ist, da man den Respekt vor der „Elastizität“ von Manövern mit einer solchen Reihe erbärmlicher Umschwünge verwechselt, die nur schwache und stumpfe Schüler gewagt haben, Lenin zuzuschreiben.

23) Eine andere Beschuldigung, die Sie Ihr ganzes Leben lang begleitet hat, ist die, den politischen Kampf als abstrakten gesehen zu haben, denn Sie hatten eine Denkweise, die als „theoretischer Schematismus“ bezeichnet wird. Dies habe dazu geführt, schwere Fehler zu begehen. Inwieweit erkennen Sie diese Analyse heute als berechtigt an? Oder weisen Sie sie völlig zurück?

Ich weise diese angebliche Analyse zurück, auf die sich die Frage bezieht und deren Formulierungen meiner Denkweise und meiner Parteinahme im politischen und sozialen Kampf nicht entsprechen, auch objektiv sind sie nicht richtig. Wenn man sich einer Klassenbewegung oder der Theorie, mit der Karl Marx sie ausrüstete, anschließt, lassen sich – um die Dynamik des Kampfes und des Klassenantagonismus wiederzugeben – die gegeneinander kämpfenden Klassen nicht auf konkrete Kategorien zurückführen, sondern müssen als abstrakte Begriffe, die sich auf erfahrbare soziale Tatsachen beziehen, dargestellt werden. Den Imperativ des Abstrakten aufgegeben und durch jenen einfachen und leicht handhabbaren des Konkreten ersetzt zu haben, stellt den verhängnisvollen Fehler derer dar, die sich (indem sie marxistisch gesprochen zu „Verrätern“ ihrer eigenen Klasse oder wie Lenin sagt, zu „Berufsrevolutionären“ wurden) als Führungskader der proletarischen Bewegung zur Verfügung stellten. Dass ich mich von Anfang an und aus Gründen, die notwendig dem physischen Leben der Bewegung und der ihr Hauptgerüst bildenden Propaganda- und Agitation inhärent sind, auf der festen Position des Abstrakten verbarrikadiert habe, ist, so glaube ich, mein wirkliches Verdienst, wenn ich mir denn eines zuerkennen soll. Weiter glaube ich, dass diejenigen, die den Mund mit dem tückischen Begriff des Konkreten voll nahmen, den Weg des Opportunismus (deren Welle uns 1914 fortriss) eingeschlagen haben, womit sie diesem Ungeheuer der menschlichen Geschichte und revolutionären Kraft noch einmal viel Zeit gaben, sein erbärmliches Leben weiter zu fristen. Nach diesen klaren Abgrenzungen kann ich, scheint mir, zu Recht sagen, dass ein zwischen den Spitzen und der Basis fest übertragener und immer wieder übertragener theoretischer Schematismus ein unersetzliches Merkmal im Leben der Kommunisten Partei bildet und somit der richtige Weg war, dem man folgen musste, um gegen die Degenerierungen der revolutionären Weltbewegung zu kämpfen; ich bin stolz, diesem Ziel mein nicht allzu kurzes Leben geweiht zu haben.

Quelle:

„Una intervista ad Amadeo Bordiga”: Storia Contemporanea, Nr. 3, September 1973.[27]

 


[1] Die revolutionär-kompromisslose Fraktion („frazione intransigente-rivoluzionaria“) der Sozialistischen Partei Italiens (SPI) hatte sich gebildet, nachdem auf den Parteitagen in Rom 1906, Florenz 1908 und Mailand 1910 die Reformisten die Oberhand behalten hatten.

[2] Bordiga benutzt hier den historischen Begriff der Heiligen Allianz, der den Bund der konterrevolutionären Mächte gegen alle damals fortschrittlichen Bewegungen in Europa bezeichnete. Im September 1815 auf Initiative des Zaren Alexander I. von den Siegern über Napoleon geschaffen, gehörten ihm fast alle europäischen Staaten an, deren Monarchen sich zur gegenseitigen Unterstützung bei der Unterdrückung von Revolutionen verpflichteten, wo immer sie ausbrechen sollten.

[3] Lazzari, Costantino (1857-1927) gehörte als politischer Sekretär der SPI ihrem rechten reformistischen Flügel an; nach 1917 Gegner der Bolschewiken; richtet sich auf dem Parteitag 1919 offen gegen eine auf die Revolution abzielende Taktik.

[4] Serrati, Giacinto (1876-1926): Chefredakteur des Zentralorgans der SPI, des „Avanti“. 1918 beim Kongress in Bologna Führer der maximalistischen Fraktion der SPI. Bildete nach Livorno die „terzinternationalistische“ Fraktion („Terzini“).

[5] Turati, Filippo (1857-1932): Mitbegründer der SPI und einer der Führer ihres reformistischen Flügels, hatte angesichts des militärischen Desasters im Oktober 1917, als Italien am Rande der Kapitulation stand, verkündet, die sozialistische Arbeiterschaft müsse in der Stunde der Gefahr allen Groll gegen die Regierung zurückstellen und im Kampf gegen den äußeren Feind das Vaterland und mit ihm die Freiheit retten. Bis zum Oktober 1917 war der Krieg Italien-Österreich und später Italien-Deutschland vor allem ein Stellungs- und Zermürbungskrieg gewesen. Als die österreichischen und deutschen Truppen im Oktober die Front bei Caporetto durchbrachen und in die venetische Ebene vordrangen, prägte Turati die populäre Losung: „Das Vaterland ist auf dem Grappa“ (Grappa: nein, kein Schnaps, sondern ein Berg in den Venezianer Alpen).

[6] Vittorio Veneto ist eine Stadt im Nordosten Italiens. Ende Oktober 1918 fand hier die gleichnamige Schlacht statt, die schließlich zum Waffenstillstand vom 4. November 1918 führte. In Italien gilt die Schlacht heute als Inbegriff des Sieges Italiens im Ersten Weltkrieg.

[7] Die Maximalisten, mit ihrem Anführer Serrati, weigerten sich, die Reformisten aus der Partei auszuschließen, was eine der Bedingungen für den Beitritt zur Kommunistischen Internationale war. Der Forderung der KI nach „Ausnützung des Parlaments“ kamen sie, wie hier ja auch dargestellt wird, natürlich nach.

[8] Siehe: LW 31, S. 100-01 und die Fußnote Seite 51.

[9] Giolitti, Giovanni (1842-1928): mehrfach Ministerpräsident, Innenminister und Finanzminister Italiens. Sein Einfluss auf die italienische Politik war so erheblich, dass die Periode vor dem I. Weltkrieg als età giolittiana (Ära Giolitti) bezeichnet wird.

[10] Germanetto, Giovanni (1885-1959): Politiker der KPI, Gewerkschafter, Stalinist. Gemeint ist sein autobiografisch gefärbtes Buch „Memorie di un barbiere“ (er war Friseur), auf deutsch als „Genosse Kupferbart“ 1930 erschienen.

[11] Arditi del popolo (Sturmabteilungen; „ardito“ = kühn, mutig): dieser überparteilicher Wehrverband entstand Mitte 1921, dessen erklärtes Ziel darin lag, gegen den Faschismus die Legalität wiederherzustellen. Die Parteiführung der KPI verbot ihren Mitgliedern die Teilnahme; wenig später bildete sie eine eigene Militärorganisation.

[12] Ambrosio, Vittorio (1879-1958): italienischer General, ab 1943 Generalsstabchef der italienischen Armee.

[13] Crispi, Francesco (1819-1901): von 1887 mit zwei Unterbrechungen bis 1896 Ministerpräsident. Crispi regierte angesichts einer zerstrittenen und von Skandalen geschwächten Opposition autoritär und unterdrückte vor allem die Arbeiter. Seine Innenpolitik war von Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen geprägt. Außenpolitisch orientierte Crispi sich am Deutschen Reich und propagierte eine entschlossene Kolonialpolitik.

[14] Pelloux, Luigi (1839-1924): General und Politiker. Ging in den 1890er Jahren hart gegen die revolutionären Bewegungen im Süden des Landes vor.

[15] Arbeitskammern waren keine staatlichen Arbeitsämter, sondern regionale Arbeitsvermittlungsstellen der jeweiligen Gewerkschaft sowie Sitz der Basisorganisationen, die die Arbeiter der verschiedenen Gewerkschaften auf Stadt- und Provinzebene zusammenfassten.

[16] Balbo, Italo (1896-1940): Luftwaffenminister; bereits beim „Marsch auf Rom“ war er einer der Parteiführer der Schwarzhemden, 1924 wurde er Chef der faschistischen Miliz. „Berühmtheit“ erlangte er dank seiner Atlantiküberquerungen mit großen Flugzeugformationen.

[17] Quirinal: bis 1946 Residenz der italienischen Könige und heute Amtssitz des Staatspräsidenten.

[18] mefitisch: nach der altitalienischen Göttin Mephitis, der Beherrscherin erstickender Dünste.

[19] Terzini: eine Fraktion innerhalb der SPI, die „Drittinternationalisten“. Im August 1923 wurden die Terzini unter Serrati aus der SPI ausgeschlossen. Ein Jahr später im August 1924 wurden sie auf Drängen der KI mit der KPI „verschmolzen“.

[20] Friedenspakt: Anfang August unterzeichneten Maximalisten und Reformisten der SPI und die mit ihnen traditionell verbundenen CGL-Vertreter mit den Faschisten jenen makabren Friedenspakt, der dadurch, dass er die daran beteiligten Parteien zur Versöhnung und Entwaffnung verpflichtete und auf die Wiederherstellung des Normalzustandes abzielte, die in dieser Zeit anwachsenden Widerstandsaktionen des Proletariats sabotierte.

[21] Matteotti, Giacomo (1885-1924): Generalsekretär der SPI. Seine Ermordung Anfang Juni 1924 durch Mussolinis Faschisten stürzte das Regime in eine tiefe Legitimationskrise. Die antifaschistische Opposition zeigte sich außerstande, diese Krise zu nutzen.

[22] Nach der Ermordung Matteottis schloss sich die zu diesem Zeitpunkt bereits unter Gramscis Führung stehende KPI der Linie der zentristischen Parteiführung, die aus dem Fall Matteotti eine juristische und moralische Frage machte, an und verließ zusammen mit den antifaschistischen Parteien das Parlament, um sich „auf den Aventin“ zurückzuziehen (in Anlehnung an plebejische Protestdemonstrationen auf dem Aventin-Hügel im alten Rom). Einen Aufruf zum Generalstreik hatten die demokratischen Parteien und die Gewerkschaften abgelehnt, woraus die damalige KPI nicht den Schluss zog, die Arbeiter um eine selbständige kommunistische Partei zu sammeln. Die KPI wiederholte nur ihren Streikaufruf, den sie mit dem konterrevolutionären Vorschlag verband, dem „Aventin“ den Charakter eines wirklichen „Gegenparlaments“ zu geben.

[23] Es handelt sich um eine Diskussion bei der EKKI (Erweiterte Exekutive der KI) im Februar 1926 vor der italienischen Kommission, in der Bordiga Josef Stalin offen angriff. Er stellte ihm u.a. die Frage, ob er die Lage in Russland und die innerparteilichen Fragen der KPdSU in Verbindung mit der internationalen Arbeiterbewegung sehe, was Stalin sehr aufbrachte. Doch Bordiga rang ihm schließlich das die russische Zukunft („Sozialismus allein in Russland“, während laut dem Marxismus noch nicht einmal der Kapitalismus in nur einem Land „aufgebaut“ werden kann) betreffende Eingeständnis ab, dass die Diskussion der russischen Fragen in den anderen Parteien bzw. der EKKI „unerwünscht“ sei, während im Gegensatz dazu für Bordiga diese Fragen die Proletarier aller Länder angingen.

Siehe: „1926-02-22 – Versammlung der italienischen Delegation mit Stalin“.

[24] Gobetti, Piero (1901-1926): linksliberaler Publizist und Vordenker des Antifaschismus, unterhielt enge Beziehungen zu Gramsci. Gobetti forderte die Erneuerung der Politik und Kultur in dem Sinne, die alte herrschende Klasse durch eine „erneuerte“ auszuwechseln.

[25] Togliatti, Palmiro (1893-1964): Mitbegründer der „Ordine Nuovo“ und 1921 der KPI, Stalinist, Reformist. Nach dem II. Weltkrieg Parteivorsitzender der KPI, verfolgte mit seiner ideologischen Formel „Einheit in der Vielfalt“ den parlamentarischen (und immer schon nationalen) Weg, auf dem er glaubte, Staat und Gesellschaft revolutionieren zu können. Leitete bis zu seinem Tode 1964 die KPI.

[26] Der Verständigungsausschuss („Comitato d’Intesa“), der Ende April 1925 tätig wird, war der Versuch, das infolge der Restrukturierung der KPI (Ablösung der linken durch die zentristische Parteiführung) auftretende Opponieren seitens der Linken zu bündeln und den notwendigen innerparteilichen Klärungsprozess im Hinblick auf den Parteitag 1926 in Lyon zu organisieren. Der Feldzug der Zentristen gegen die linken Thesen und Schlussfolgerungen fand seinen Abschluss in der Anordnung des KI-Präsidiums, die die Linke des Fraktionismus und der Spaltungsabsicht bezichtigte, den Ausschuss aufzulösen (Mitte Juli).

[27] Dieses schriftliche Interview führte Edek Osser im Sommer 1970 mit Bordiga – wenige Monate vor seinem Tod.