Im Faden der Zeit [122]

III. Sie, Er und der Andere (die Erde, das Geld und das Kapital)

Ausbeute und Ausbeutung[1]

Die gesamte Untersuchung des kritischen Kommunismus zielt darauf ab, den Ursprung und die Gesetze der Aneignung fremder Arbeit festzustellen, eben des gesellschaftlichen Verhältnisses, worin bestimmte Menschen bzw. Menschengruppen in den historisch aufeinander folgenden Gesellschaften ihr Tagewerk tun, während es andere Menschen und Gruppen gibt, die nicht arbeiten und auf verschiedenerlei Art und Weise das verzehren, was sie nicht erzeugt haben. Hierauf laufen die Untersuchungen über Rente, Zins und Profit hinaus, die nur geschichtliche Aspekte und Momente jener von Menschen auf dem Rücken anderer Menschen abgenommenen Arbeit, d.h. der Mehrarbeit sind, und in jüngerer Zeit als Teile, in die der Mehrwert zerfällt, nachgewiesen wurden. Der gesamte Marxismus ist folglich eine Theorie des Mehrwerts, und im verallgemeinerten Sinn der Mehrarbeit, die sich auf alle Epochen, nicht nur auf die kapitalistische erstreckt, nicht minder daher auch auf die zukünftigen Gesellschaftsformen, worin die Mehrarbeit der „ganzen“ menschlichen Gesellschaft zufällt (Programm des Kommunismus, Programm der proletarischen Revolution).

Daraus ersieht man, was für ein Unsinn es wäre, sich Marxist zu nennen und die Lehre vom Mehrwert zu leugnen bzw. sie nur auf die kapitalistische Produktionsweise anzuwenden.

Bei einer oberflächlichen, die historische Methode außer acht lassenden Untersuchung der Ursprünge der Mehrarbeit kann man leicht dem Irrtum erliegen, das ganze marxistische System gehe aus einer Verurteilung der „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ hervor, so als handele es sich um eine moralische Position, die das genannte Verhältnis aufgrund seines eigentümlichen Wesens jederzeit und überall als Verbrechen brandmarkt, ohne dessen quantitative Ausbreitung wie auch den wirklichen historischen Prozess zu berücksichtigen.

Wie schon an anderer Stelle gesagt, liegt bei der propagandistischen Formel „gegen die Ausbeutung“ der Fehler darin, glauben zu machen, der Kommunismus wolle oder könne die Mehrarbeit abschaffen; im Gegenteil soll die Mehrarbeit so organisiert werden, dass sie nicht einem Einzelnen bzw. nur einem Teil der Gesellschaft anheim fällt – also nach einem Modus, den nur die urkommunistischen „Gentes“ kannten, in denen unabhängig von der Menge, der Zeit, dem Maß der Einzelarbeit gegessen wurde und die gesamte Arbeit für den Stamm geleistete Mehrarbeit war, insofern Mehrarbeit nicht entlohnte Arbeit bedeutet. Der Kommunismus wird verhindern, dass ein Einzelner, ein Teil der Gesellschaft oder auch der Staat dem Arbeitgebenden sagen kann: Du wirst dich nicht ernähren können, wenn du nicht den Teil der Arbeit, für den der gerechte Preis bezahlt wird (notwendige Arbeit), leistest, wann und wo es dir gesagt wird, damit ich an deine Mehrarbeit herankomme.

Bevor Marx die Untersuchung über die Phänomene der Rente, des Zinses und des Profits in die kommunistische Mehrarbeitslehre einordnet, erklärt er sie anhand der Versuche, die die großen Schulen der ökonomischen Wissenschaft zur Erklärung dieser Formen unternahmen. Aber diese Geschichte der Theorien, die Marx geschrieben hat, bevor er seine, unsere Theorie errichtete, hat in der Darstellung ihren Platz nach der unsrigen und ist Abschnitt für Abschnitt mit glänzenden Erläuterungen gespickt, die sämtliche Formen der Mehrarbeit aus unserer Sichtweise erklären, und darüber hinaus – wie auch in anderen Abschnitten des „Kapital“ – mit kraftvollen Passagen durchsetzt, die das revolutionäre Programm und die kommunistische Gesellschaftsform veranschaulichen.

Ernte oder Raub?

Der älteste Begriff ist der des Bodenertrags, insofern die ersten Theoretiker weit davon entfernt waren, sehen zu können, dass dabei keine, wie wir gesehen haben, „kostenlose“ Naturkraft, sondern stets Arbeit von Menschen angewandt wird, die arbeiten, weil sie leben, und die leben, weil sie sich ernähren.

Die zweite Frage ist die des Geldzinses; historisch wird die dritte die des Unternehmerprofits sein.

Wir alle wissen, dass vom „zinstragenden“ [„messo a frutto“] Geld gesprochen wird sowie den Zinsen [frutti] eines Geldkapitals, die einfach durch Verleihung an einen anderen Geldbesitzer entstehen. Weil die „Früchte der Erde“, der Ertrag des Bodens [frutto della terra], aus physischen Gründen jährlich hervorgebracht wird, wird auch der Zins jährlich berechnet, obwohl nichts dagegen spräche, ihn auf irgendeine andere Zeitspanne zu beziehen, in der diese wundertätige Geldquelle zur Verfügung steht. Und in der Tat gründet sich die Theorie vom Zinseszins auf die Vorstellung, die Zinsen am Ende jedes Jahres dem angelegten Kapital hinzuzufügen und wieder mit diesem zu verzinsen. Die Bankkaufleute gehen soweit, mit Hilfe einer Zinstabelle die entsprechenden Bruchteile des Jahreszinses und sogar den Tageszins auszurechnen, doch erst am Jahresende werden sie dem Verleiher gutgeschrieben, bzw. dem Schuldner als Verlust gebucht.

Den Begriff des Zinseszinses extrem angewandt – indem man sich vorstellt, dass das „ruhende“ Geld (ruhend für den Ver-, nicht Entleiher) in jedem Augenblick etwas, wenn auch kaum merklich, an Wert abwirft – kommt man zum „stetigen“ Zins. Hierzu wird die schon genannte kleine Formel der Integralrechnung gebraucht. Merkwürdig mutet nun Folgendes an: Allen scheint klar, dass der auf diese Weise herausgefundene Endbetrag etwas höher ist als der mit der jährlichen (oder wie bei den Immobiliendarlehen halbjährlichen) Zinseszinsmethode berechnete; wenn wir aber nach dem Kapitalwert suchen, der uns, sagen wir bei einem Zinsfuß von 5%, ewig ein jährliches Einkommen sichert (wie es das Dienstmädchen wollte), fänden wir im Fall des stetigen Zinses das gleiche Kapital, wie wenn wir von einer „nachschüssigen“ Rendite ausgehen, d.h. ein Jahr nach der Kapitalanlage anfangen zu rechnen. Wenn wir hingegen annehmen, dass vom Augenblick des Verleihens an schon ein kleiner Wert abgeworfen wird [vorschüssige Rente], dann erhält man den Kapitalwert des angelegten Grundbetrags plus einen Jahresbetrag seines einfachen Zinses. Praktisch stellt eine Lira im Jahr – zu 5% – einen Kapitalwert von 20 Lire dar, aber mit der stetigen, oder „integralen“ Formel sind es 21 Lira.

Ob Petty wohl deshalb in seiner originellen Erklärung der „kapitalisierten Bodenrente“, der ersten Hochzeitsfeier zwischen Madame Erde und Monsieur Geld, von genau 21 Jahren spricht?

Während also die Rente, die der Boden seinem Herrn abwirft, aufgrund der natürlichen Vegetation die materielle Gestalt von wachsenden Früchten und Lebensmitteln annimmt – die gleichen, die jener Einzelarbeiter genießt, der soviel Boden hat, wie er selbst bebauen kann –, hat das Wort „frutto“ auf den Geldzins, insbesondere in seiner zuerst bekannten Form, den Wucherzins, angewandt, einen metaphorischen Beigeschmack und scheint dem leichter missbrauchten Wort „sfruttamento“ [Ausbeutung] gewichen zu sein. Man sagt, dass man den Boden ausbeutet [si sfrutta la terra], aber besser passt der Ausdruck, wenn von Ausbeutung einer Mine gesprochen wird. Letzteres bildet eine Art thesaurierten[2] Reichtum von Mutter Natur, und man braucht keine Integralrechnung, um die Anzahl der Jahre auszurechnen, in denen sie erschöpft sein wird; diese Rechnung (eine einfache Division) pflegt man für die Steinkohle- oder Erdölfelder der gesamten Erdkruste zu machen... Doch eine gute Bebauung des Ackerbodens ist diejenige, die ihn fruchtbar macht, ohne ihn auszubeuten [la fa fruttare, non la sfrutta], d.h. ohne seine Grundlagen anzugreifen oder seine zukünftige Fruchtbarkeit zu zerstören: Eine Sache, die die Rente allmählich sinken ließe und im Gleichschritt damit dem Boden seinen „üblichen kommerziellen Wert“ entziehen oder ihn zumindest stark vermindern würde.

Das italienische Wort „sfruttamento“[3], das wir heutigentags auf den Unternehmensprofit auf Kosten der Arbeiter benutzen, deutet darauf hin, dass jede Theorie der Mehrarbeit von der Lösung der Frage der Grundrente ausgeht.

Dagegen wurzeln das französische Wort „exploitation“ und das deutsche Wort „Ausbeutung“ (von Marx übrigens sehr sparsam benutzt) in „plot“ (Raub) und „Beute“, die die Wahrnehmung zu enthalten scheinen, dass die erste Reichtümer anhäufenden Menschen dies nicht dank der überreichlichen Früchte einer ergiebigen Erde tun konnten, sondern indem sie sich die aus fremder Arbeit stammenden Erzeugnisse aneigneten bzw. sie raubten – wie auch immer, die Produkte gingen in die Hände anderer über.

Die Erde als Ernährerin?

Es waren die Ökonomisten, wie die Physiokraten genannt wurden – eine Schule, die um die Zeit der großen bürgerlichen Revolution entstand –, welche die Quelle des Reichtums in der Natur festsetzten, da sie einzig und allein der Erde die Fähigkeit zusprachen, das Leben der Menschengattung zu erhalten: Die Menschen seien Säuglinge an den unzähligen Brüsten dieser runden, mit unversiegbarer Milch ausgestatteten Amme. Schön, aber wie soll man dann erklären, dass diese Säuglinge, weit davon entfernt, seelenruhig und mit halbgeschlossenen Augen sanft schlummernd an den Brüsten saugend, sich so verdammt schinden müssen, um sich halbwegs durchs Leben zu schlagen?

Marx macht einen Unterschied zwischen der banalen Formulierung dieses Prinzips und der fortgeschrittenen, von den großen französischen Physiokraten Turgot und Quesnay ausgearbeiteten Analyse, die als einzige Quelle des Wertes nicht die Erde, sondern vielmehr die menschliche Arbeit nannte – und zwar die Arbeit der Bodenbebauer. In dieser Analyse sind schon alle Elemente der Funktion des Kapitals enthalten. Die späteren klassischen Ökonomen der siegreichen Industriebourgeoisie haben zu Recht auch der Manufaktur- und Industriearbeit die Fähigkeit der Wertschöpfung zugeschrieben, doch nur, um das Loblied auf das Kapital anzustimmen und dessen Profit zu rechtfertigen: Nichts ist merkwürdig daran, wenn Marx sich ihre Ausgangsthese zu eigen macht und gleichzeitig der physiokratischen These, die den „Parasitismus“ des Industriekapitals herausstellt, große Symphatie entgegenbringt.

Dagegen verhöhnt er die groben Formulierungen dieser Schule, für die er stellvertretend einen deutschen Beamten namens Schmalz anführt. In der Tat verallgemeinert dieser die physiokratische These, nach der die Arbeitertätigkeit dem Produkt nur das hinzufügt, was als Lohn bezahlt wird und keinen Cent mehr:

„’Aller Arbeitslohn (im Durchschnitt) ist dem gleich, was (wiederum im Durchschnitt) ein Mann von der Classe des Arbeiters in der Zeit, in welcher seine Arbeit (wiederum im Durchschnitt) vollendet wird, gewöhnlich zu verbrauchen pflegt’“ [MEW 26.1, S. 401; die Marx’sche Wiedergabe (S. 38) weicht hier vom Original ab].

Da in der Manufakturarbeit zwischen dem, was sie gebe und dem, was sie erhalte, völlige Ausgleichung stattfinde, sei es folglich die Erde, wovon die Nationen lebten:

„’Also bleibt Landrente das einzige Einkommen der Nation, die Natur allein ernährt sie. Gott allein schaffet. Arbeitslohn und Zinsen bringen nur aus einer Hand in die andre, immer in andre Hände, was die Natur an Landrente gegeben hat’“.

„’Das Vermögen der Nation ist die Fähigkeit des Grundbodens, diese Landrente jährlich zu liefern’“.

„’Alle Werth habenden Dinge, wenn man auf die Bestandtheile und die Gründe ihres Werthes zurückgeht – es ist aber vom Tauschwerthe die Rede – sind bloß Naturproducte. Hat Arbeit gleich eine neue Form diesen Dingen zugesetzt, und also ihren Werth erhöhet, so besteht dieser Werth doch nur aus dem zusammen gerechneten Werthe aller der Naturproducte, welche wegen dieses Werthes der neuen Form zerstört, das ist, von dem Arbeiter verzehrt und auf irgendeine Weise verbraucht worden’“.

Ferner:

„’Diese Arbeit’“ (die eigentliche Agrikultur) „’ist also wirklich und sie allein hervorbringend, indem sie selbständige organische Körper schafft. Die zubereitenden Arbeiten verändern bloß vorhandene Körper mechanisch oder chemisch’“. [MEW 26.1, S. 401].

Marx begnügt sich damit, über die Unbedarftheit dieses preußischen Geheimrats zu lächeln, der in seiner „Staatswirtschaftslehre in Briefen“ an einen „teutschen Erbprinzen“ schreibt.

Wie Petty erkennt der große englische Philosoph Locke zwei Formen des Mehrwerts: Grundrente und Zins. Aber er geht schon unmissverständlich davon aus, dass beider Quelle die Arbeit ist, sich von bestimmten Individuen angeeignete fremde Arbeit, insofern sie – Marx sagt es mit eigenen Worten – über Land und Kapital, also die „Bedingungen der Arbeit“ verfügen. Der immer wiederkehrende marxistische Ausdruck der „von der Arbeit und vom Arbeiter losgelösten Bedingungen der Arbeit“ ist nicht im Sinne einer hegelianischen Koketterie zu verstehen, als eine der „These“ gegenüberstehende „Antithese“, die beide in der „Synthese“ aufgehoben würden, sobald sich die Arbeiter die Bedingungen ihrer Arbeit, die ihnen als fremde und feindliche Kräfte gegenüberstehen, zurückerobert hätten. Unter Bedingungen der Arbeit darf man nicht die unmittelbare Umgebung verstehen, in der gearbeitet wird, wie z.B. die Beleuchtung in der Fabrik, das Vorhandensein einer Krankenstation oder einer Kantine, sondern die unerlässlichen Faktoren, d.h. die notwendigen Bedingungen, ohne die nicht gearbeitet werden kann: Also die Räumlichkeiten, Rohstoffe, Anlagen und Maschinen. Nicht arbeiten kann, wem der Zugang zur Fabrik bzw. dem Land verwehrt ist, um Hand an Werkzeuge und Materialien, Saatgut und Dünger zu legen. Anders als der freie Handwerker ist der moderne Lohnarbeiter von all dem durch eine unüberwindliche Schranke getrennt: Die Bedingungen der Arbeit sind materielle und physische Elemente und ihr Gegensatz zur Arbeit ist nicht symbolisch gemeint, sondern verkörpert sich im staatlichen und gesetzlichen Zwang, den staatlichen Machtstrukturen, die jene Verbote sanktionieren und schützen.

Locke urteilt, dass jede Trennung der Arbeit von ihren unentbehrlichen „Bedingungen“ nicht menschlich ist und zu verbieten sei. Für ihn „gehören die Erde und alle niederen Geschöpfe allen Menschen gemeinsam“, doch begründet er das Eigentum damit, dass jeder Mensch ein „Eigentum an seiner eigenen Person“ hat, worauf niemand ein Recht hat als er allein [MEW 26.1, S. 341]. Wenn daher ein Mensch durch seine physischen, persönlichen Kräfte irgendein Produkt aus dem Naturzustand herausbringt und es „mit seiner Arbeit vermischt“, gehört es ihm. Doch im gleichen Atemzug, in dem er sein „Naturgesetz“ aufstellt, begrenzt Locke es auch: Niemand darf sich mehr aneignen als das, was er zum Leben benötigt. Nach Locke war dies im Altertum der Fall, und es müsse verhindert werden, das Eigentum in einer Weise aufzuteilen, dass einige davon ausgeschlossen wären. Im krassen Unterschied zu uns geht er historisch von individuellen Eigentumsanteilen aus und will zu einer Art egalitärer Parzellierung kommen. Aber das Wichtige ist seine Aussage, dass es die Arbeit ist, die den Bodenerzeugnissen und dem Boden selbst Wert gibt, und zwar zu „neunundneunzig Hundertstel“ [MEW 26.1, S. 342].

Rente und Wucher

Mit der Theorie der Amme und der Säuglinge sind wir also fertig. Locke löst jetzt das Problem des Zinses. Er beurteilt das Geld als ein an und für sich „unfruchtbares Ding“; aber angesichts der „ungleichen Verteilung des Bodens“ sind für denjenigen, der kein Land hat oder nicht arbeiten könnte, Geld und Zinsen das Mittel, es einem anderen [etwa einem Pächter] zu „borgen“, wodurch wieder in Geld bzw. Zinsen rückverwandelt wird, was dieser aus einem Teil der Produkte herausschlägt. Die ungleiche Verteilung der Produktionsbedingungen überträgt den Gewinn, der das Arbeitsentgelt eines Mannes sein sollte, in die Tasche eines Dritten, und Marx hebt hervor, wie wichtig dies ist, da Lockes Auffassung

„der klassische Ausdruck der Rechtsvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft im Gegensatz zur feudalen und seine Philosophie überdies der ganzen spätren englischen Ökonomie zur Grundlage aller ihrer Vorstellungen diente“ [MEW 26.1, S. 343].

Beim Morgengrauen des Kapitalismus (im Falle Englands von 1650 bis 1750) entbrennt ein Kampf zwischen Geldleuten und Grundbesitzern, obschon Wucherer und Grundeigentümer oftmals ein und dieselbe Person sind. Durchschnittliche Bodenrente und durchschnittlicher Zinsfuß waren bereits auf dieselbe Stufe gestellt, doch statt die Bodenproduktivität zu verbessern, forderten die Grundherren vom Staat, gegen die Wucherer vorzugehen, denn wenn der Zinsfuß sinkt (und in jener Zeit sank er stark), so erhöht sich der Wert des Bodens, wirft aber nur dieselbe Rente ab. Aber als das Wucherkapital durch das industrielle und kommerzielle Kapital verdrängt wurde, zögerte dieses nicht lange, sich mit dem Grundeigentum zu verbünden, und beide gingen Hand in Hand gegen das Wucherkapital, wie Marx seinerseits hinzufügt.

Marx führt weiter eine bemerkenswerte Passage von Dudley North an, der den Zins so erklärt:

„’Wie der Landmann sein Land verpachtet, so verpachten diese’ (welche ‚Kapital für das Geschäftsleben haben’) ‚ihr Kapital’“ (wie wir anderswo bemerkten, ist „u’ capitalista“ im neapolitanischen Dialekt bloß ein privater Geldverleiher, ein Halsabschneider, oder gewählter ausgedrückt, ein Geldzähler). „’Dies letztere wird Zins genannt, ist aber nur die Rente vom Kapital, wie die andere die vom Boden ist. [...] Ein Grundherr’“ (bürgerlicher Grundeigentümer) „’oder ein Kapitalherr’“ (Geldeigentümer) „’zu sein ist also dasselbe. Der Vorteil des ersteren besteht nur darin, dass sein Mieter den Boden nicht forttragen kann, wie der Mieter des anderen es mit dem Kapital tun kann’“ (auf Deutsch gesagt: er kann sich mit dem Geld davonmachen). „’Und darum soll der Boden einen geringeren Profit abwerfen als das Kapital, das mit dem größeren Risiko verliehen wird’“ [MEW 26.1, S. 345].

Hume, der andere große Philosoph, geht in der Ökonomie weiter als Locke, weil er außer der Grundrente und dem Geldzins auch den Profit sieht, doch nur den aus dem Handel, wobei er sich an die Merkantilisten lehnt, für die der nationale Reichtum dem „Handel mit anderen Ländern“ entspringt: Aber die Schöpfung von neuem Wert macht er nicht im Austausch aus. Bei ihm finden sich schon zwei Theorien vollständig vor: die [Arbeits-]Werttheorie und die des niedrigen Zinsfußes, explizit formuliert:

„’Alles in der Welt wird mit Arbeit gekauft’“ und „’… ist der Zins das wahre Barometer des Staatswesens und sein niedriger Stand ein fast untrügliches Zeichen für die Blüte eines Volkes’“ [MEW 26.1, S. 349 und 351].

Steuart, der um 1767 schrieb, steuert einen dritten Begriff bei: den industriellen Profit. Er kommt dahin, den Preis einer Ware zu bestimmen, indem er drei Posten auflistet: die Materialien; die Zeit, die ein Arbeiter in einem gegebenen Land zur ihrer Verarbeitung aufwendet; den Wert der Existenzmittel, d.h. der notwendigen Ausgaben zur Befriedigung der Bedürfnisse dieses Arbeiters sowie zur Anschaffung seiner Werkzeuge. Einmal den Preis des Produkts berechnet, entsteht für Steuart der industrielle Profit, wenn der Manufakturist das Produkt über diesen „real value“ hinaus verkauft; die Industrie blüht nach ihm erst dann auf, wenn es eine starke Nachfrage gibt.

Wir sind noch nicht bei der marxistischen Formel des Werts angelangt. Für Steuart, merkt Marx an, ist der Profit ein Ergebnis des Konkurrenzmechanismus, insofern dieser nur ein Schwanken um den Wert der Ware bewirkt, der als solcher mehr enthält als die Ausgaben für Rohstoffe und Löhne. Wir sehen, Marx befasst sich wirklich nur mit den größten Physiokraten.

Lichtkegel

Es ist ein wirklich unglücklicher Standpunkt, die marxistische Behandlung einer bestimmten historischen Frage – sagen wir die Produktionstechnik einer prähistorischen Rasse oder das Denken eines Historikers oder Ökonomen – mit einer Abfrage von Allgemeinwissen, wie in den Prüfungsfragen eines Universitätsprofessors, zu verwechseln: ‚Sprechen Sie über die Hochkultur der alten Maya in Mittelamerika...’ oder auch: ‚Halten Sie ein Referat über das soziale Denken bei Kant’. Für uns geht es nie darum, ein weißes Blatt zu schwärzen oder das Regal einer Bibliothek zu füllen, als sei dies ein Selbstzweck. Bei jedem von Marx geschriebenen oder nach seiner Methode rekonstruierten Abschnitt kommt eine lebendige Konfrontation mit den brennenden Problemen der modernen Epoche ans Licht, wird die Gelegenheit ergriffen, das Geheimnis der uns umgebenden Gesellschaft dialektisch zu verstehen und in subversiver Absicht das Programm der zukünftigen Gesellschaft aufzustellen.

Wer z.B. noch nicht auf der Höhe der marxistischen Mehrwerttheorie ist, der wird in der Marx’schen Darstellung der physiokratischen Theorie im zweiten Kapitel des 1. Bandes der „Theorien über den Mehrwert“ eine wertvolle Hilfe finden.

In der Tat waren die Physiokraten die ersten, die zur Analyse des Kapitals mit seinen modernen Verhältnissen gelangten; eine seltsame Geschichte (die den normalen Studiosus, einem Fachmann der Nachschlagewerke, allerdings nicht aus seiner Routinetätigkeit zu reißen vermag), denn sie taten dies, indem sie die Industrie hintenan- und die Landwirtschaft in den Vordergrund stellten. Jeder Trottel einer Agrarsektion der stalinistischen Parteien hätte sogleich die Schlussfolgerung parat: Ah, die Physiokraten sind also Verteidiger der feudalen Ökonomie gegen die kapitalistische Form... „Oh que nenni!“ (Im Französischen ist dies Ausdruck einer starken Verneinung [„Aber nicht doch!“]; hierbei handelt es sich nicht um Nenni, jenen Typ, über den man im „Stato Operaio“ vom Juli/August 1931, sicherlich aus der Feder des heutigen Kumpans Palmiro Togliatti[4], lesen konnte: „Wer bezichtigt die Kommunisten, Verbündete des Faschismus zu sein? Es sind die preußischen Polizeioberen, Henker der Arbeiter, und es ist Herr Pietro Nenni[5], Faschist der ersten Stunde.“)

Es wäre nicht übel, das Marx’sche Kapitel als Broschüre zu drucken und jeden Renegaten hundert Exemplare davon essen zu lassen.

Im Mittelpunkt der marxistischen Analyse der Dynamik des Lohnsystems, wer auch immer derjenige sein mag, der die Löhne zahlt, steht die radikale Unterscheidung zwischen dem Lohn bzw. Preis der Arbeitskraft und dem Wertteil, den diese Arbeitskraft der erzeugten Ware hinzufügt.

Nun, der Physiokrat besteht darauf, dass der Fabrikarbeiter, der beispielsweise einen Motorblock aus einer halben Tonne Gusseisen fertigt, dem Wert des Produkts nur den ihm ausgezahlten Lohn hinzugefügt hat. Und in der Tat sieht er sich dadurch bestätigt, dass der Motorblock nicht mehr als das Roheisen wiegt; er wiegt sogar ein bisschen weniger wegen der „Exkremente“, die bei jeder Verarbeitung anfallen.

Damit der Physiokrat in der Industrie eine Mehrwertschöpfung anerkennt, müsste schon der Erhaltungssatz der Materie verletzt werden. Er hätte die Prahlerei Eisenhowers über die Umwandlung von Milliarden Kilowatt-Stunden und Milliarden Dollar in ein paar hundert Gramm „schweren Wasserstoffs“ abwarten sollen.

Doch im Rahmen der landwirtschaftlichen Produktion beschreibt die physiokratische Schule als erste die Hexerei der Mehrwertproduktion.

„Ihre Darstellungsweise ist natürlich notwendig bestimmt durch ihre allgemeine Auffassung von der Natur des Werts, der bei ihnen nicht“ (jetzt kommt eine jener unschätzbaren Formeln, die der gewöhnliche Leser oder Experte überfliegt, ohne große Augen zu kriegen!) „eine bestimmte gesellschaftliche Daseinsweise der menschlichen Tätigkeit (Arbeit) ist, sondern aus Stoff besteht, aus Erde, Natur und den verschiedenen Modifikationen dieses Stoffs“ [MEW 26.1, S. 14].

Schon oft haben wir, historische Materialisten, erklärt, dass wir eine Ware nicht nach der in ihr enthaltenen Materie bewerten (wie bei einer chemischen, mechanischen oder nuklearen Analyse!), sondern nach den gesellschaftlichen Beziehungen, die zwischen den Menschen, die diese Ware produziert haben, bestehen, oder eher, die geheißen sind, sie zu reproduzieren. Aber immer noch nimmt der offizielle Ökonom die Ware in die Hand, bietet sie nach allen Seiten hin und in den Reklameblättchen feil, schätzt das in ihr enthaltene Quantum Stoff ein und setzt ihren Preis nach dem banalen Kriterium des Begehrs und der Knappheit fest.

Der Text fährt so fort:

„Die Differenz zwischen dem Wert des Arbeitsvermögens und seiner Verwertung – also der Mehrwert, den der Kauf des Arbeitsvermögens seinem Anwender verschafft – erscheint am handgreiflichsten, unwidersprechlichsten von allen Produktionszweigen in der Agrikultur, in der Urproduktion. Die Summe der Lebensmittel, die der Arbeiter jahraus, jahrein verzehrt, oder die Masse Stoff, die er konsumiert, ist geringer als die Summe der Lebensmittel, die er produziert“ [MEW 26.1, S. 14].

Weil diese Differenz in der Industrie nicht auf der Hand liegt, lässt sie sich nicht erkennen, ohne die „Analyse des Werts überhaupt“ zu machen und ihre Natur aufzudecken. Die Physiokraten sahen diese Differenz in der Agrikultur, bestritten sie jedoch für die Industrie: Als produktiv bezeichnen sie allein die Agrikulturarbeit, und als produktive Klasse die Bodenbebauer, als sterile Klasse hingegen die Manufakturarbeiter.

Subsistenz und Fortpflanzung

Bleiben wir einen Moment bei dem ersten und untersten Element der Differenz: dem Wert des Arbeitsvermögens, also dem Preis dieser Arbeitskraft, dem Lohn. Marx:

„Das Minimum des Salairs bildet daher richtig die Achse der physiokratischen Lehre“ [MEW 26.1, S. 13].

Durch einen Exkurs im Exkurs wollen wir die üblichen Konfusionen vermeiden. Um die Existenz des Mehrwerts wie auch das Steigen seiner Masse und seiner Rate zu beweisen, muss der Lohn nicht auf jenem „Minimum“ verbleiben, kein „ehernes Gesetz“ bindet ihn daran – entgegen dem, was Lassalle meinte. Der Lohn bewegt sich zwischen diesem „Minimum“ und dem Maximum, was der gesamte, dem Endprodukt hinzugefügte Wert wäre. Er kann also sehr wohl über diesem Minimum liegen, er kann bloß nicht darunter sinken, da sonst das Gesellschaftssystem infolge der völligen Erschöpfung der verfügbaren gesellschaftlichen Arbeitskraft nicht weiter bestehen könnte.[6]

Der Minimallohn sichert daher die Erhaltung des Arbeitsvermögens. Darunter ist nicht nur die „Reproduktion“ des Arbeiters durch Lebensmittel zu verstehen, sondern auch die geschlechtliche Reproduktion. Mit den folgenden Zitaten über das Geschlechtliche als wesentlich zur Ökonomie, zum „Unterbau“ jeder Gesellschaft gehörig, wird auch das bekräftigt, was wir in unserer Arbeit zur Ökonomie und Rasse ausführten[7].

Dieser Wert „ist gleich der Arbeitszeit, die erheischt ist, um die zur Reproduktion des Arbeitsvermögens notwenigen Lebensmittel zu erzeugen, oder gleich dem Preis der zur Existenz des Arbeiters als Arbeiter notwendigen Lebensmittel“ [MEW 26.1, S. 13].

Im selben Kapitel, weiter unten: Die „Produktivität der Arbeit“ muss mindestens so weit entwickelt sein, dass „die Arbeitszeit eines Mannes“ nicht „nur hinreichte, um ihn selbst am Leben zu erhalten, um seine eignen Lebensmittel zu produzieren und reproduzieren“, sondern die Arbeitskraft muss „mehr als seinen eigenen Wert wiedererzeugen, über die durch seinen Lebensprozess gebotne Bedürftigkeit hinaus produzieren“ können [MEW 26.1, S. 19].

Da alles auf gesellschaftlicher Ebene gefasst wird, handelt es sich nicht um den Lebensprozess des einzelnen Arbeiters, sondern der Arbeiterklasse. Einer der von Marx zuerst untersuchten Autoren stellte die Frage so: Wie viel ist zur Erhaltung des Arbeiters und Zeugung weiterer Arbeiter nötig? Adam Smith, von dem später die Rede sein wird, sagt es sehr treffend:

„Ein Mensch muss immer von seiner Arbeit leben, und sein Lohn muss mindestens zu seiner Erhaltung ausreichen. Er muss meistenteils sogar etwas größer sein, sonst wäre es den Arbeitern nicht möglich, eine Familie zu gründen, wodurch ihr Geschlecht nicht länger als eine Generation existieren könnte“ [MEW 26.1, S. 40].

Natürlich beunruhigt Smith, dass durch eine solch beklagenswerte Lage auch die Klasse der Nicht-Arbeiter verschwinden würde.

Trotz der „reaktionären“ Aversion der Physiokraten gegenüber der Manufaktur standen sie also bei der Entschlüsselung des agrikolen Produktionsprozesses an der Spitze und nannten als erste die drei richtigen Wertbegriffe, die alle dem Wert des Produktes einverleibt sind: konstantes Kapital, Lohnkapital, Mehrwert.

Distribution und Produktion

Wir werden später sehen, welches der genaue, von Marx meisterhaft dargestellte historische „Standort“ der Physiokraten beim Übergang zur bürgerlichen Revolution war. Das Verdienst der Physiokraten ist, den Ursprung der Wertakkumulation in der Sphäre der Produktion fixiert zu haben, womit sie die vorangegangene merkantilistische Schule, die die Quelle der nationalen Bereicherung einzig im Handel sah, hinter sich ließen.

„Bei dem Merkantilsystem ist der Mehrwert nur relativ. Was der eine gewinnt, verliert der andre. Veräußerungsprofit oder Schwanken des Reichtums zwischen verschiedenen Beteiligten. Im Innern eines Landes findet also in der Tat keine Bildung von Mehrwert, das Gesamtkapital betrachtet, statt“ (m.a.W.: die Nation konsumiert im Jahr soviel, wie sie im gleichem Zeitraum produziert hat). „Sie kann nur stattfinden im Verhältnis der einen Nation zu den andren Nationen. [...] Im Gegensatz hierzu – denn das Merkantilsystem leugnet in der Tat die Bildung von absolutem Mehrwert – will die Physiokratie den letztren erklären; das Nettoprodukt. Und da sie am Gebrauchswert festhält, die Agrikultur die einzige Bildnerin desselben“ [MEW 26.1, S. 37/38].

In der Lehre des „Monetar-“ und Merkantilsystems ist das Geld des Kaufmanns die einzige Quelle der relativen Bereicherung: Handelskapital, das in die Warenzirkulation geworfen wird und mit einem höheren Erlös wieder herauskommt: Eine „Parthenogenese“[8] des Geldes – Geld, das Junge wirft.

Im sehr viel höher stehenden System der Physiokratie haben wir die Vereinigung von Erde und Geld: Die grundlegende Erkenntnis besteht darin, dass die Gewinne der beiden Faktoren nicht dem Austausch, sondern der Produktion entspringen (erstmals erscheint das Gesetz der Äquivalenz bei jedwedem Austausch), also der menschlichen Arbeit, allerdings jener besonderen Arbeit, die sozusagen im Schoß der Natur am Werke ist und die Früchte der Erde erzeugt. Dadurch, dass diese Arbeit Ware wird, mit Geld erworben, erzeugt sie eine Mehrarbeit (die nicht mehr die persönliche Unterwerfung des Bauern zum Fundament hat, daher nunmehr der Form nach bürgerlich und nicht mehr feudal), die sich zur Gänze in Grundrente verwandelt. Von der Rente der Grundeigentümer werden die Summen abgezweigt, die dem Geldverleiher in Form der Zinsen sowie dem Industriellen als eine Art höherer Arbeitslohn zufließen – nicht Profit, denn für die Physiokraten erzeugt die Manufakturindustrie keinen Mehrwert: Sie bekommt nur das Geld zurückerstattet, das in dem Prozess aufgebraucht wird, in dem eine bloße Formveränderung des Produkts vor sich geht.

Auf dem Gebiet der Bodenbebauung aber wird die kapitalistische Formel schon voll angewendet; man hat eine besondere Ware – die Arbeitskraft – entdeckt, die allein folgende „Zauberkraft“ besitzt: Jedes Mal, wenn ihr Käufer sie anwendet, kommt ein Gebrauchswert zum Vorschein, der höher als der für sie bezahlte Preis, ihr Tauschwert oder Arbeitslohn ist.

Während also die friedlich gesinnten Physiokraten glaubten, eine glückliche „ménage“ [Ehe] zwischen Erde und Geld gestiftet zu haben, entfesselten sie, ohne es zu merken, den teuflischen Dritten: Das Industriekapital mit seinem Heißhunger nach Mehrarbeit, das seine ehebrecherische Macht durchsetzen und aus der Mehrarbeit (abgepresst einer damals nicht vorstellbaren Zahl von Lohnarbeitern) riesige Differenzen saugen wird – während es für die Grundrente und die Zinsen der Geldanleger nur ein paar Leckerbissen übrig lässt.

„Weil die Agrikulturarbeit als die einzig produktive Arbeit aufgefasst wird, wird die Form des Mehrwerts, die die Agrikulturarbeit von der industriellen Arbeit scheidet, die Grundrente, als die einzige Form des Mehrwerts aufgefasst.

Der eigentliche Profit des Kapitals“ (Obacht! Von der Kritik kommen wir jetzt zu unserer Aussage), „von dem die Grundrente selbst nur ein Abzweiger, existiert bei den Physiokraten daher nicht. Der Profit erscheint ihnen nur als eine Art höherer Arbeitslohn, der von den Grundeigentümern gezahlt wird, den die Kapitalisten als Revenue verzehren (also ebenso in die Kosten ihrer Produktion eingeht wie das Minimum des Salairs bei den gewöhnlichen Arbeitern) und der den Wert des Rohstoffes vermehrt, weil er in die Konsumtionskosten eingeht, die der Kapitalist, [der] Industrielle, verzehrt, während er das Produkt produziert, den Rohstoff in neues Produkt umwandelt“ [MEW 26.1, S. 17].

Dieses neue Produkt wiege exakt die Kosten seiner Produktion auf, weshalb es in der Industrie keine Akkumulation neuer Werte gebe; über die Landrenten hinaus trage nichts zum Total des „Nationalreichtums“ bei.

„Der Mehrwert in der Form des Geldzinses – andre Abzweigung des Profits – wird von einem Teil der Physiokraten, wie dem ältren Mirabeau, daher für naturwidrigen Wucher erklärt. Turgot dagegen leitet seine Berechtigung daher, dass der Geldkapitalist Land, also Grundrente, kaufen könnte [...]. Weil die Agrikulturarbeit die einzig produktive Arbeit ist“, sind „industrieller Profit und Geldzins nur verschiedne Rubriken, worin sich die Grundrente verteilt und zu bestimmten Teilen aus der Hand der Grundeigentümer in die Hand andrer Klassen übergeht“ [MEW 26.1, S. 17/18].

Wir sind zu einer klaren Unterscheidung gekommen. Beim Morgengrauen der kapitalistischen Produktion wird offenbar, dass die gesellschaftliche Bewegung in der Produktion von Mehrwert besteht. Für die Physiokraten ist dieser Mehrwert die Grundrente, von ihr zweigen sich bestimmte Portionen für die Industriellen und Bankiers ab.

Seit Adam Smith finden wir das „ganz Umgekehrte“: Weil die späteren Ökonomen „den industriellen Profit mit Recht“ (wir sind also bei der entsprechenden marxistischen These) „als die Gestalt fassen, worin der Mehrwert ursprünglich vom Kapital angeeignet wird, daher als die ursprüngliche allgemeine Form des Mehrwerts“, stellen sie „Zins und Grundrente nur als Abzweigungen des industriellen Profits“ dar (der Klarheit halber würden wir sagen: des Betriebsprofits, denn auch die Landwirtschaft tritt nun als Unternehmen auf), „der vom industriellen Kapitalisten an verschiedne Klassen, die Mitbesitzer des Mehrwerts sind, distribuiert worden“ [MEW 26.1, S. 18].

Für die Begriffsbestimmung in der Agrarfrage muss also festgehalten werden: In kapitalistischer Epoche ist die Grundrente ein Teil der gesellschaftlichen Mehrarbeit, eine Gegenleistung an den Grundeigentümer für sein Monopol an Grund und Boden.

Zu Beginn des kapitalistischen Zyklus beanspruchen die Grundeigentümer, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen; am Ende, nachdem sie in den Hintergrund abgedrängt wurden, können sie sogar verschwinden, ohne dass das Leben der kapitalistischen, auf dem Lohnverhältnis beruhenden Produktionsweise damit schon beendet wäre.

Quellen:

„Lui, lei e l’altro (la terra, il danaro e il capitale)“: Il programma comunista, Nr. 23, Dezember 1953.

* * *

MEW 26.1: Marx – Theorien über den Mehrwert I, 1862-63

2. Kapitel: die Physiokraten

3. Kapitel: Adam Smith

Beilagen: Locke – North – Hume und Massie

 


[1] frutti e sfruttamento: Im Deutschen ist die etymologische Verbindung zwischen dem italienischen „frutto“, „frutti“ und „sfruttamento“ nicht im Wortstamm offenbar, weshalb verschiedene Wortspiele in diesem Kapitel nicht übertragen werden können.. Es gibt die alten deutschen Ausdrücke „Früchte der Erde“, und auch „Früchte des Geldes“ („frutti di un capitale-denaro“), was aber mit „zinstragend“ wiedergegeben wird. Darin steckt das Substantiv „Ertrag“, wie bei Bodenertrag, Zinsertrag. „Ausbeutung“ geht auf „Beute“ (wie im Text weiter unten angeführt) zurück, und war ein mittelalterlicher Ausdruck für Handel, seit dem 14. Jahrhundert meist auf Krieg und Plünderung bezogen. Es lebt fort in „erbeuten“ und „ausbeuten“, wie auch im Substantiv „Ausbeute“, bzw. Ertrag.

[2] Tesaurieren: Geld oder Edelmetalle horten.

[3] Im Italienischen gibt bei eigenständigen Wörtern das „s“ am Wortanfang das Gegenteil an (z.B. favorevole: günstig – sfavorevole: ungünstig).

[4] Togliatti: Reformist. 1921 Mitbegründer der KPI. Nach dem II. Weltkrieg Parteivorsitzender der KPI, geht unter seiner ideologischen Formel „Einheit in der Vielfalt“ den parlamentarischen Weg, auf dem er glaubt, Staat und Gesellschaft revolutionieren zu können.

[5] Nenni: Musterexemplar eines Opportunisten, 1914 Mitglied der Republikanischen Partei, Kriegsbefürworter, dann bei den Faschisten. 1921 Mitglied der PSI. Führt nach dem II. Weltkrieg die PSI in ein Bündnis mit der KPI („Kumpan“ Togliattis), das er 1956/57 wieder löst, um den Eintritt der PSI in die Mitte-Links Regierung vorzubereiten.

[6] In „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“ (das VI. Kapitel des „Kapital“) schreibt Marx: „Wenn der Mensch sich vor allen andren Tieren durch Schrankenlosigkeit und Dehnbarkeit seiner Bedürfnisse auszeichnet, gibt es andrerseits kein Tier, das seine Bedürfnisse in demselben unglaublichen Grad kontrahieren und sich auf dasselbe Minimum seiner Lebensbedingungen beschränken kann, mit einem Wort, kein Tier, welches dasselbe Talent zum verirländern besitzt. Von einem solchen physischen Minimum der Existenz ist nicht die Rede, wenn es sich vom Wert des Arbeitsvermögens handelt“ (Frankfurt 1969, S. 118).

[7] Rasse und Nation in der marxistischen Theorie (I fattori di razza e nazione nella teoria marxista): Il programma comunista, Nr. 16-20, 1953.

[8] Parthenogenese: Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern (Jungfrauenzeugung).