V. Kongress der KI

Zur Gewerkschaftstaktik

Genossen! Ich hatte die Absicht, hier nur eine kurze Erklärung abzugeben, aber die Rede des Genossen Semard zwingt mich, etwas näher auf die sehr heikle Frage der gewerkschaftlichen Einheit einzugehen.

Zunächst möchte ich noch einmal betonen, dass die italienische Linke sich stets gegen die Taktik des Austritts aus den gelben Gewerkschaften ausgesprochen hat. In dieser Hinsicht sind wir in Italien auf keine großen Schwierigkeiten gestoßen. Die Probleme, vor denen wir heute bezüglich des Wiederaufbaus der Gewerkschaften stehen, sind schwerwiegender als das Problem der Obstruktion seitens der reformistischen Führer. Wir haben uns stets den – im Übrigen ziemlich unbedeutenden – Tendenzen der sich auf unsere Seite stellenden unabhängigen Gewerkschaften widersetzt, die den Austritt aus der Confederazione Generale del Lavoro[1] befürworteten. In einigen Fällen sahen sich die gelben Gewerkschaften durch unsere Agitation und unsere Kampagnen sogar gezwungen, schon ausgesprochene oder angedrohte Ausschlüsse gegen unsere Genossen wegen ihrer Zellen- und Propagandaarbeit zurückzunehmen.

Dies vorausgeschickt, komme ich zur vom Genossen Semard[2] eröffneten Polemik. Im Wesentlichen beschränkt sich das, was er sagte, auf ein Argument, das in polemischer Hinsicht vielleicht eindrucksvoll, allerdings oberflächlich ist, und etwa wie folgt lautet: Dem Kongress wurde eine neue Frage, die der internationalen Gewerkschaftseinheit vorgelegt. Bordiga ist dagegen; das sollte reichen, um den ganzen Kongress davon zu überzeugen, dass man dafür sein muss.

So sprach Semard, bevor wir überhaupt zu dieser Frage Stellung bezogen haben. Er hat unsere angebliche Aussage zu dieser Frage aus solchen zusammengebastelt, die wir zu anderen Fragen vertreten haben, und die er – wie üblich – unrichtig wiedergegeben hat. Semard sagt: Ihr in Italien seid für die Einheitsfront nur auf gewerkschaftlicher Ebene, die Einheitsfront der Parteien weist ihr zurück. Das heißt, ihr spaltet eure Partei in zwei Stränge: einen Strang, der die Einheitsfront machen soll, weil er in den Gewerkschaften arbeitet, und der andere, der das nicht darf, der nicht das Recht hat, die Taktik der Einheitsfront anzuwenden, weil er nicht in den Gewerkschaften ist. Nun, das ist eben eine ungenaue Wiedergabe unseres Standpunktes, denn auch für politische Organisationen, soweit es sich nicht um Parteien handelt, schließen wir die Einheitsfront nicht aus. Ich werde das näher erläutern, wenn über die Taktik gesprochen wird.

Doch abgesehen davon stelle ich fest, dass es zwei derartige Kategorien oder Stränge in der italienischen Partei so wenig wie in irgendeiner anderen wirklich marxistischen Partei gibt und geben darf. Bei uns ist jedes Parteimitglied gewerkschaftlich tätig; auch ich bin immer wieder, mit Erlaubnis des Genossen Semard, aus meiner „Isolierung“ herausgetreten, um aktiv in der Gewerkschaftsbewegung, an Streiks usw. teilzunehmen. Tatsächlich fällt das Argument des Genossen Semard auf ihn selbst zurück und zeigt, dass selbst die besten Genossen der französischen Partei in der Gewerkschaftsfrage weiterhin Opfer antimarxistischer Vorurteile sind. Sie meinen, dass Parteimitglieder, die nicht Handarbeiter sind, die nicht in der Fabrik arbeiten, sich auch nicht mit Gewerkschaftsfragen befassen dürfen, dass sie hier weder mitarbeiten noch eine Meinung haben dürfen. Dies zeigt, wie stark in unserer französischen Bruderpartei das alte Vorurteil, ja der Fetischismus der Autonomie der Gewerkschaften gegenüber der Partei Fuß gefasst hat. Demnach sollten nur die Mitglieder, die Handarbeiter bzw. überhaupt Arbeiter sind, gewerkschaftlich arbeiten dürfen, während die übrige Partei eine rein politische Organisation zu sein hat; was wiederum bedeutet, mit einem sozialdemokratischem Parteitypus, einem im parlamentarischen Sinne verstandenen Parteitypus zu tun zu haben. Wir sagen hingegen, dass eine marxistische Partei eine spezifische Gewerkschaftspolitik haben muss und sich, wie es in der KPI auch der Fall ist, ein jeder, einschließlich all derer, die keine Handarbeiter sind, mit den Gewerkschaftsangelegenheiten befassen muss. Übrigens ist die KPI gerade die Partei, in der prozentual gesehen die wenigsten Mitglieder Nicht-Handarbeiter oder Bauern sind. Die Argumentation des Genossen Semard ist somit hinfällig.

[Semard: Du legst mir das Gegenteil dessen in den Mund, was ich gesagt habe.]

Du hast ausdrücklich gesagt, unsere Partei müsse aufgrund ihrer Taktik zwangsläufig in zwei Kategorien zerfallen.

[Semard: Ich habe gesagt, sie solle sich nicht teilen!]

Ja klar, du hast gesagt, sie soll sich nicht teilen, aber die Teilung sei die notwendige Konsequenz aus unserer Taktik. Du gehst also von ganz falschen Voraussetzungen aus.

Doch kommen wir zum Kern des Problems, Genosse Semard sagt: Da ihr für die Einheitsfront auf taktischer Ebene seid, müsst ihr auch für ihre Einheit auf organisatorischer Ebene sein. Das sind jedoch zwei völlig verschiedene Dinge.

Die Frage der gewerkschaftlichen Einheit auf Landesebene und innerhalb der nationalen Gewerkschaftszentralen hat sich schon lange gestellt, bevor sich die Internationale mit der Taktik der Einheitsfront befasste. So haben wir z.B. in Italien seit Gründung unser Partei mit der Agitation für die organisatorische Vereinigung aller bestehenden nationalen Gewerkschaften begonnen und es war gerade unsere Partei, die gegen die Zersplitterung der Arbeiter in verschiedene Gewerkschaftsverbände gekämpft hat. Sie ist die einzige Partei Italiens, die keine besondere, keine ihr exklusiv folgende Gewerkschaft geschaffen hat, sondern in allen bestehenden Gewerkschaftsorganisationen der anderen Parteien arbeitet: zwecks organisatorischer Zusammenfassung zu einer einzigen Zentrale.

Bei der ,,Einheitsfront“ geht es um eine ganz andere Frage: nämlich um die der gemeinsamen Aktion respektive um den Vorschlag gemeinsamer Aktionen der verschiedenen Arbeiterorganisationen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. In Italien haben wir keine sechs Monate nach Bildung unserer Partei die Parole der gewerkschaftlichen Einheitsfront ausgegeben, die dann in der „Alleanza del Lavoro“[3] bis zu einem bestimmten Grad verwirklicht wurde. Ich führe dies nur an, um den großen Unterschied zwischen beiden Fragen aufzuzeigen. Für ein näheres Eingehen auf die Einzelheiten fehlt die Zeit, trotzdem dies von größter Bedeutung wäre.

Man kann nicht hierherkommen und uns vor die Alternative stellen: Wenn ihr die Einheitsfront annehmt, müsst ihr auch für die Einheit sein. Aufgrund eines solchen Arguments müssten diejenigen Genossen, die für die Einheitsfront der politischen Parteien eintreten, auch die organische Einheit der politischen Parteien verteidigen. Das ist genau dasselbe. Solche Schlüsse könnte man ziehen... In Wirklichkeit sind diese beiden Probleme durchaus verschiedene und müssen völlig unabhängig voneinander diskutiert werden. Auch das zweite Argument des Genossen Semard ist daher oberflächlich.

Was die Frage einer Fusion der RGI[4] mit der Amsterdamer Internationale[5] betrifft, will ich im Moment bloß sagen, dass es nur einem Kongress der Kommunistischen Internationalen zusteht, darüber zu entscheiden. Wenn auf diesem Kongress in dieser Frage keine Entscheidung gefällt werden soll, kann ein so wichtiger Beschluss an kein anderes Organ übergeben werden, weder an die Profintern noch an die Erweiterte Exekutive oder eine besondere Kommission. Wird die Frage aber hier auf dem Kongress diskutiert, erkläre ich, dass wir uns der Vereinigung der beiden internationalen Gewerkschaftsorganisationen widersetzen werden.[6]

Für unsere Haltung will ich nur einen Grund nennen: Die Bedingungen, die ihr für die Realisierung der Einheit stellen wollt, mögen in praktischer Hinsicht ausreichend sein, aber auf dieser Grundlage wird die Vereinigung nicht zustande kommen, da Amsterdam sie unweigerlich wird zurückweisen müssen. Ihr erwidert: Umso besser, wir haben einen Vorschlag gemacht und Amsterdam lehnt ihn ab; das ist nicht das erste Mal und die reformistischen Arbeiter werden daran sehen, dass wir die Einheit wollen!

Bloß, wenn unser Vorschlag durch die Amsterdamer abgelehnt wird, macht das auf die Arbeiterklasse folgenden Eindruck: Man wird glauben, dass unserer Ansicht nach unsere Gewerkschaftsorganisation keine feste Basis habe und wir versucht hätten, sie aufzulösen; wenn das nicht passiere, dann nur, weil Amsterdam unsere „Avancen“ zurückgewiesen hätte. Das wird unsere Arbeit noch mehr erschweren. Käme die internationale Gewerkschaftseinheit jedoch zustande, dann steht der III. Internationale nichts weiter als ein internationales Propagandabüro für die Gewerkschaftsarbeit zur Seite, ein Propagandabüro in der Art der ,,Gewerkschaftskommissionen“ der französischen Partei, die niemals wirklich marxistische Arbeit geleistet haben, die niemals etwas anderes als ein Büro gewesen sind, die nie auch nur die kleinste schlagkräftige, von der Partei geführte Aktion auf wirtschaftlicher und gewerkschaftlicher Ebene zu organisieren vermochten. Dann wird unsere Internationale tatsächlich nicht viel mehr sein als eine politische Sekte, eine Bewegung, die sich auf ideologische Propaganda beschränkt, die es nicht versteht, direkt und aktiv in die wirtschaftlichen Kämpfe der Massen einzugreifen. Aus diesem Grunde sind wir gegen derartige Vorschläge, auch wenn sie nicht zurückgewiesen werden sollten.

Doch nicht nur das: Es ist hier sehr viel von der Amsterdamer Linken die Rede. Es heißt: Diese Linke muss wegen ihrer Schwankungen kritisiert werden, dennoch ist sie ein wichtiger Faktor, der berücksichtigt werden muss.

Unserer Ansicht nach zeigt dieser Vorschlag zur Wiederherstellung der gewerkschaftlichen Einheit, dass eben bei uns selbst eine ausgesprochen rechte politische Strömung existiert, die gerade dieser Kongress sehen müsste, und deren Bestehen die Internationale am Ende des Kongresses jedenfalls wird konstatieren müssen. In Bezug auf die Taktik der Einheitsfront heißt es, die Illusion einer möglichen Koalition zwischen Kommunisten und der sozialdemokratischen Linken müsse zerstört werden. Es wird nachdrücklich erklärt, die Unterschiede zwischen den rechten und linken Sozialisten seien übertrieben worden, man habe sich getäuscht und sich Illusionen hingegeben, weil die Bedeutung bestimmter Streitpunkte unter den Sozialisten überbewertet worden sei. In einer so heiklen Frage hingegen, wie der des Bestehens der Profintern, die in die Gewerkschaftskämpfe aller Länder die eindeutigen Parolen der Kommunisten hineingetragen hat, heißt es dann: Da innerhalb der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbürokratie, innerhalb der gelben Gewerkschaften, eine linke Strömung existiert, müssen wir uns auf diese Linke beziehen und versuchen, zu einer gemeinsamen Taktik zu kommen; wir müssen die grundlegende Tatsache sehen, dass wir genauso wie diese linke Strömung für die Taktik der Einheit sind.

Unserer Ansicht nach birgt ein solcher Vorschlag dieselben Gefahren wie jene Taktik, gegen die wir stets energisch Protest erhoben haben. In der Frage der Beziehungen zwischen den politischen und den wirtschaftlichen Arbeiterorganisationen haben wir uns auf dem IV. Kongress aus prinzipiellen Gründen einem den revolutionären Syndikalisten gemachten Zugeständnis widersetzt, das in der Forderung bestand, die Statuten der RGI zu ändern und die organische Verbindung zwischen Komintern und RGI aufzugeben. Meiner Ansicht nach war dies eine vom marxistischen Standpunkt aus gesehen grundsätzliche Frage.

Ich sagte damals: Dieses Zugeständnis wird andere nach sich ziehen. So wie heute der anarcho-syn-dikalistischen Linken diese schwerwiegende Konzession zugestanden wird, werden wir morgen gezwungen sein, dasselbe den rechten Gewerkschaftern zuzugestehen; es handelt sich aber um eine gewerkschaftliche Richtung, die, ob in Gestalt der Linken oder Rechten, immer nur dasselbe und immer wiederkehrende antimarxistische Hindernis auf unserm Wege bedeutet. Das deutlichste Beispiel dieser Strömung sehen wir in der französischen Partei. Um diese Gefahr zu bannen, darf die Gewerkschaftsfrage nie so behandelt werden, dass das Eingreifen der Kommunisten und Revolutionäre in die wirtschaftlichen Kämpfe und in den Arbeiterorganisationen abgeschwächt und verwässert wird.

Deshalb zwingt uns die Rede des Genossen Semard, der uns direkt angegriffen hat, gegen den bezüglich der RGI gemachten Vorschlag Stellung zu beziehen und nachdrücklich festzustellen, dass gerade die französische Partei, mit der Hilfe der anderen Sektionen der KI, immer mehr dahin kommen muss, die marxistische Taktik des direkten und mutigen Eingreifens in die Arbeiterkämpfe anzuwenden.

Quellen:

„V Congresso dell’IC – Intervento sulla tattica sindacale“: Lo Stato Operaio, Nr. 29, September 1924.

Protokoll des V. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, S. 898-902; Hamburg, 1924.

 


[1] Confederazione Generale del Lavoro (CGL) = Allgemeine Arbeitsföderation, seinerzeit der größte (reformistische) Gewerkschaftsdachverband in Italien.

[2] Semard, Pierre (1887-1942): Syndikalist, Führer der Eisenbahnergewerkschaft; Generalsekretär der KPF von 1924-29. Er machte loyal alle Kurswechsel mit und gehörte auch nach 1929 dem Politbüro an. 1939 verhaftet und 1942 von den Deutschen erschossen.

[3] Die kommunistische Kampagne für die gewerkschaftliche Einheitsfront, um gegen den Faschismus zu kämpfen und die Klassenfront durch die Koordination der einzelnen Arbeitskämpfe zu verbreitern, führte im Februar 1922 zum Zusammenschluss der in verschiedenen Strömungen gespaltenen Gewerkschaftsorganisationen zu einem Kampfkartell, das sich als „Arbeitsbündnis“ bezeichnete.

[4] Rote Gewerkschafts-Internationale (RGI, russische Abkürzung: „Profintern“): internationaler kommunistischer Gewerkschaftsdachverband, 1921 in Moskau gegründet. Sie entstand als Bündnis von kommunistischen Gewerkschaften, kommunistischen Minderheiten in sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften und zunächst parteiunabhängigen syndikalistischen Gewerkschaften.

[5] Internationaler Gewerkschaftsbund (IGB): dominiert von den sozialdemokratischen Parteien der „Zweieinhalbten Internationale“ mit Hauptsitz in Amsterdam.

[6] Auf der ersten Sitzung der V. Erweiterten Exekutive (EKKI) vom 12.7.1924 wurde eine Resolution zur „Einheit der [internationalen] Gewerkschaftsbewegung“ gegen das Votum der italienischen Linken angenommen. Im Protokoll wird nur kurz vermerkt, dass Bordiga „im Prinzip nicht gegen die Einheit der Gewerkschaftsbewegung sei, aber er könne sich mit den vorgeschlagenen Methoden nicht einverstanden erklären“ [Protokoll, S. 1032].