VI. EKKI

Zum Beitrag Bucharins und Togliattis

Genossen, in meiner Rede habe ich mich mit den allgemeinen politischen Fragen der Internationale befasst. Verschiedene Redner sind nicht nur auf meine allgemeinen Aussagen eingegangen, sondern haben hier auch ein wenig von den italienischen Fragen gesprochen, die ich fast gar nicht berührt hatte. Ich bin gezwungen, ganz kurz darauf zu antworten.

Sprechen wir zunächst von dem berühmten System, der neuen Theorie der italienischen Linken. Man spricht stets vom „System Bordigas“, von der Theorie Bordigas, Bordigas Metaphysik, und stellt fest, dass ich hier allein dastehe, dass ich stets nur mein eigenes Denken und meine eigene Kritik verteidige. Meine Haltung soll eine absolut persönliche sein. Doch auch wenn erst vor kurzem die „offizielle“ Niederlage der italienischen Linken, über die ich hier noch einige Worte sagen werde, bekanntgegeben wurde, muss ich noch einmal erklären, dass ich die Sitzung hier nicht mit individuellen Geistesprodukten unterhalte, sondern die Ansichten einer Gruppe innerhalb der kommunistischen Bewegung Italiens vertrete. Man könnte meinen, es sei nur eine unbedeutende Gruppe, eine kleine Minderheit; ich glaube jedoch, das ist nicht richtig. Ein Genosse der Linken, ein in Russland lebender Arbeiter, sagte mir vor einigen Tagen sehr interessante Dinge: „Wir spielen gewissermaßen eine internationale Rolle. Denn das italienische Volk ist ein Volk von Emigranten im ökonomischen und sozialen Sinne des Wortes, und seit dem Faschismus auch im politischen Sinne“. Und in der Tat, nach dem Marsch auf Rom sind Tausende guter Genossen in der ganzen Welt zerstreut worden und haben in den verschiedenen Sektionen der KI ihr Bestes getan. Dieser Genosse machte eine naive Äußerung, die ich recht interessant finde: „Uns geht es so ähnlich wie den Juden, und wenn man uns in Italien geschlagen hat, so können wir uns damit trösten, dass auch die Juden nicht in Palästina, sondern an anderen Orten stark sind...“. Es sind jedenfalls nicht ausschließlich persönliche Anschauungen, die ich hier vertrete, sondern sie drücken die Ansichten einer ganzen Gruppe aus.

Sehen wir uns das berühmte System der italienischen Linken an. Auf unserem III. Parteitag in Lyon war die Rede davon, dass es zwischen uns und der Internationale, zwischen uns und dem Marxismus-Leninismus, in verschiedenen grundsätzlichen Fragen, in den Fragen des Wesens und der Rolle der Partei, des Verhältnisses zwischen Parteitätigkeit und allgemeiner Lage, des Verhältnisses zwischen Partei und Masse, prinzipielle Meinungsverschiedenheiten gibt. Ich kann jetzt natürlich nicht wieder auf die großen theoretischen Fragen eingehen. Das ganze Material des italienischen Parteitages liegt vor und daraus ist zu ersehen, was ich bereits in meiner ersten Rede auseinandergesetzt habe: In der Frage der revolutionären Strategie, die dem Übergang von der russischen Revolution zur Weltrevolution Rechnung zu tragen hat, sind wir anderer Meinung als die KI, und daher gibt es in der taktischen Linie sich durchziehende Differenzen. In den programmatischen Fragen, also denen des Wesens und der historischen Rolle der Partei, des Verhältnisses zwischen Partei und Masse, nehmen wir eine vom marxistischen Standpunkte aus vollkommen richtige theoretische Stellung ein. Mehr noch, wir sind der Ansicht, dass gerade unsere Kritiker im Begriff sind, von diesem richtigen Standpunkt abzuweichen. Wenn z.B. Genosse Ercoli[1] von der offiziellen Mehrheit der italienischen Partei hier in der Betriebszellenfrage mit dem Argument kommt, durch die Zellen werde die Verbindung zwischen Partei und Masse verwirklicht und daher seien sie das Haupt- oder sogar einzige Tätigkeitsgebiet unserer Partei, so bin ich der Meinung, dass es sich hier um eine sehr ernste Abweichung handelt. Mittels einer umfassenden und tiefgreifenden Analyse haben wir auf dem Parteitag viele Abweichungen der Parteimehrheit deutlich zu machen versucht. Wenn die gesamte Tätigkeit der Partei auf die Herstellung einer Verbindung mit den Massen gerichtet sein soll, womit alles andere dann von selbst gehe, dann sind wir beim reinsten Menschewismus angelangt. Dass die Verbindung mit den Massen notwendig ist, versteht sich von selbst; dass sie in unserer Partei ein Zentrum finden müssen, um das sie sich sammeln können und das fähig ist, sie bis zum Entscheidungskampf zu führen, ist Teil der Problematik. Es gab Parteien, die zwar die Massen hinter sich hatten, aber sie in die Niederlage führten, weil sie keine wirklich revolutionären Parteien waren.

Es kann nicht geleugnet werden, dass es Situationen gibt, unter deren Wirkung die Massen in eine nicht-kommunistische Politik gedrängt werden. In diesem Fall ist der Grundsatz Ercolis absolut opportunistisch. Wenn die Eroberung der Massen nicht ein Ergebnis, sondern ein höchstes Prinzip ist, von dem ausgegangen wird, so ist das purer Menschewismus. Es genügt nicht festzustellen, dass die Zellen uns die Fühlungnahme mit den breitesten Massen ermöglichen – was noch zu diskutieren wäre –, sondern ob diese Verbindung revolutionär ist. Wenn jede organisatorische Verbindung mit den Massen an und für sich revolutionär sein soll, beweist das nur die Richtigkeit unserer Aussage, nach der die Organisation auf der Betriebszellengrundlage zum Arbeitertümlertum und zum Labourismus führt.

Wenn sich eine Beziehung zwischen der sozialen Basis im engsten Sinne des Wortes und dem politischen Charakter der Partei automatisch herstellen würde, könnte man ebenso gut behaupten, jede Partei sei schon allein deshalb revolutionär, weil sie die Arbeiterklasse organisiert. Und das eben ist Menschewismus. Darum behaupte ich, ohne auf diese Frage näher einzugehen, dass nicht wir den Boden der Theorie von Marx und Lenin verlassen haben.

Genosse Bucharin hat meine Rede in sehr freundschaftlicher und herzlicher Weise kritisiert. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass Genosse Bucharin ein guter Polemiker ist und er hat es auch diesmal wieder so gemacht, wie er es… immer macht. [2] Er stellt meine Ausführungen auf seine altbekannte Art und Weise und im Sinne der seit langem verbreiteten Legende über die Theorien Bordigas dar. Ich behaupte nicht, schön zu sein, aber das Bild, das Bucharin von mir gezeichnet hat, ist hässlich. Er schreibt mir gewisse Formulierungen zu, dann zieht er gegen diese Formulierungen zu Felde und zerpflückt sie. In seiner Rede sprach er von der geplanten Änderung des inneren Regimes der KI. Aber die ihm eigene Methode der Polemik lässt uns diese Aussicht auf Gesundung des inneren Regimes sehr pessimistisch sehen. Genosse Bucharin betreibt hier Agitation. Man betreibt also Agitation nicht nur unter Arbeitern oder auch in der Partei, sondern sogar auf dem Plenum der Erweiterten Exekutive. Gestattet mir auszusprechen, dass es vielleicht leichter ist, unter euch Agitation zu treiben als unter Arbeitern.

Genosse Bucharin vereinfacht die Ansichten. Es verdient große Anerkennung, Anschauungen vereinfachen und in wenigen Worten darstellen zu können. Vereinfachung aber, ohne sich dabei auf bloße Agitation zu beschränken, ist eine sehr schwierige Sache, die nur durch die ernsthafte Teilnahme an der gemeinsamen Arbeit, zu der wir nach Kräften beitragen wollen, erreicht wird.

Vereinfachen ohne Agitationsdemagogie – das ist ein großes revolutionäres Problem. Diese Meister der Vereinfachung sind sehr selten. Fraglos besitzt Genosse Bucharin hervorragende Eigenschaften, deren er sich bedienen sollte, um in diesem Sinne in der Internationale zu wirken. Aber ich glaube nicht, dass wir sehr oft Reden hören durften, in denen große Führer der russischen Revolution dieser Aufgabe wirklich gerecht geworden sind.

Ich will jetzt einige Worte zu gewissen Einwänden des Genossen Bucharin sagen. Er argumentiert wie folgt: Der Widerspruch Bordigas besteht darin, einerseits die These aufzustellen: „Die Revolution ist keine Frage der Organisationsform“, andererseits aber die Thesen über die Bolschewisierung fast nur vom Standpunkt der Organisationsform aus zu behandeln, und für das ganze Problem eine rein organisatorische Änderung zu fordern, nämlich die Umkehrung der berühmten Pyramide. All das stimmt nicht, denn ich habe über die Bolschewisierung unter verschiedenen Gesichtspunkten gesprochen, sie vom theoretischen, historischen und taktischen Standpunkt aus kritisiert. Was zeigt, dass ich die Bolschewisierung nicht einfach als eine Frage der Organisationsform, sondern als eine der politischen Tätigkeit und Taktik der KI begreife. Ferner sollte zugestanden werden, dass sich unsere ganze Opposition auf taktische Fragen bezog, und vor allem nach dieser Seite hin schlagen wir seit langem Lösungen vor, die sich von den Beschlüssen der Weltkongresse unterscheiden. Es ist daher völlig klar, dass es sich bei der Lösung der Frage nicht um eine einfache organisatorische Änderung handelt. Darum erwarten wir, dass uns sowohl durch die Praxis und als auch die Taktik bewiesen wird, tatsächlich eine gesunde revolutionäre Leitung zu haben.

Ein anderes Argument des Genossen Bucharin: Bordiga ist gegen die mechanische Übertragung der russischen Erfahrungen auf andere Länder; aber da er das Spezifische in der Lage der westeuropäischen Länder nicht sieht, macht er sich selbst einer mechanischen Übertragung schuldig. Meine Aussage lautete hingegen: Allgemein sind alle russischen Erfahrungen nützlich, wir dürfen sie nie vergessen, aber sie genügen nicht. Ich weise also die Anwendung der russischen Erfahrungen nicht zurück, behaupte aber, dass die Erfahrungen der russischen Partei nicht alle revolutionären taktischen Fragen zu lösen vermögen. Worin besteht denn der spezifische Charakter der revolutionären Strategie im Westen, den ich nicht sehen soll? Laut Genosse Bucharin hätte ich das Bestehen großer sozialdemokratischer Parteien und Gewerkschaften nicht erwähnt. Nun war aber gerade das der Unterschied, auf den ich eingegangen bin. Um auf den Unterschied zwischen dem Staatsapparat, wie ihn die russische Revolution vor sich hatte, und dem im Westen bestehenden Staatsapparat hinzuweisen, sprach ich von der sehr gefestigten bürgerlich-demokratischen Staatsmaschinerie, die im Westen seit langer Zeit existiert und eine Funktion erfüllt, die die Geschichte der russischen Bewegung nicht kennt. Eine Funktion, die der Bourgeoisie die Möglichkeit gibt, mithilfe der Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei das Proletariat im opportunistischen Sinne zu mobilisieren.

Meine Analyse bezog sich gerade auf diese grundlegende Tatsache der Lage im Westen. Die Möglichkeiten der ideologischen Mobilisierung der Arbeiterklasse in Ländern mit liberalen Traditionen sind sehr viel größer als in Russland, weshalb sich die sozialdemokratischen Organisationen im Westen auch ungleich stärker entwickeln konnten. Genosse Bucharin kann also schlechterdings nicht von einer Widersprüchlichkeit meinerseits, von einer mechanischen Übertragung sprechen. Gewiss, ich bin nicht mit ihm einverstanden, wenn er sagt, dass es aufgrund der russischen Erfahrungen gerade die Taktik der Einheitsfront sei, die in breitestem Umfang im Westen angewandt werden müsse. Ich glaube, die russischen Genossen machen hier einen Fehler. Bestimmte Manöver, die gegenüber den menschewistischen und sozialrevolutionären Parteien, die nicht so fest in den Staatsapparat eingebunden waren, gelingen konnten, bestimmte taktische Schritte können nicht ohne Gefahr auf die westlichen Länder übertragen werden. Sollten wir es dennoch tun, wird uns die bürgerliche Mobilisierung des Proletariats hindern, und wir werden große Enttäuschungen erleben. Ich will jetzt diese Analyse nicht vertiefen, da ich im Übrigen schon in meiner ersten Rede darüber gesprochen habe. Ich will hier nur festhalten, dass es die Widersprüche, von denen Genosse Bucharin sprach, nicht gibt.

Um die taktischen Fragen lösen zu können, brauchen wir mehr als die Bolschewisierung, mehr als die Ansicht, die Lösungen fänden sich, wenn wir nur die Geschichte der bolschewistischen Partei konsultieren würden. Wir brauchen noch weitere Erfahrungen, und diese Erfahrungen muss die KI in der internationalen Bewegung machen.

Es gibt noch einen anderen Einwand. Als ich vom in Russland und im Westen unterschiedlich zu bewertenden Zellenaufbau der Partei sprach, soll ich, wie Bucharin behauptet, gesagt haben, die Frage der politischen Aufgabe, d.h. das Hauptproblem der Machteroberung, sei in Russland von der Geschichte selbst gestellt worden, was im Westen nicht der Fall sei. Genosse Bucharin schreibt mir deshalb eine pessimistische, sozialdemokratische Perspektive zu. Ich habe aber gesagt, dass die ausschließlich im engen Rahmen des Betriebs organisierten Arbeiter Gefahr laufen, die zentrale Frage der Machteroberung zu vergessen. Diese Frage wird die Geschichte auch im Westen stellen, aber die Funktion der Kommunistischen Partei besteht eben gerade darin, dem Proletariat die Mittel zu geben, diese Frage in einem einheitlichen Sinne zu lösen. Die Partei muss Manöver verhindern, mithilfe derer sich die Bourgeoisie retten kann. Sie muss verhindern, in den Labourismus zu verfallen, der schon so oft der Bourgeoisie geholfen hat, ihre Macht zu sichern; die Machtfrage wurde schon gestellt, wir haben aber nicht vermocht, die Situation zu nutzen; mit der Stellung der Frage ist daher das Problem nicht auch schon gelöst. Auch dieser Einwand ist also unberechtigt.

Ich komme zur italienischen Frage. Genosse Ercoli hat meine Kritik an der Taktik gegenüber den Antifaschisten und am Vorschlag des Gegenparlaments als falsch bezeichnet, weil ich der Analyse der Lage nicht Rechnung getragen hätte, die Zentrale der italienischen Partei sich hingegen glücklicherweise auf eine exakte Analyse der neuen Lage stützen konnte. Ich bestehe darauf, dass diese Analyse falsch ist. Wir haben ein Dokument in Händen, das während der Vorbereitung zum Parteitag für hitzige Diskussionen gesorgt hat. Es handelt sich um den Bericht des Genossen Gramsci an die Zentrale, verfasst im September 1924. (Matteotti wurde im Juni getötet.) Dieser Bericht enthält eine vollkommen falsche Perspektive; wenn man ihm glaubt, wäre der Faschismus bereits durch die bürgerliche Opposition geschlagen und die Monarchie selbst hätte ihn auf parlamentarischem Wege liquidiert.

[Ercoli: Wir haben nur den Kompromiss zwischen dem Faschismus und dem Aventin, der tatsächlich zustande gekommen ist, vorausgesehen.]

Ihr habt die Beseitigung Mussolinis vorausgesehen. Das Kräfteverhältnis zwischen Faschismus und Opposition ist vollkommen falsch eingeschätzt worden, und folglich war auch die ganze Analyse der Lage falsch. Wir stehen also einem Fehler in der Perspektive und einem falschen Parteimanöver gegenüber. Man hat nach der These gehandelt: Die Lage ist durch und durch demokratisch. Dieses angebliche Studium der Lage ist wirklich erstaunlich: Wenn die Lage reaktionär ist, kann die Kommunistische Partei nichts tun; ist die Lage demokratisch, dann sind es die kleinbürgerlichen Parteien, die handeln müssen. Somit wird unsere Kommunistische Partei völlig überflüssig.

Ein anderes Argument von Ercoli: Dieses Manöver war richtig, weil es Erfolge gezeitigt hat. Zunächst ist die Kritik, die die Genossen der Linken an der Taktik des Gegenparlamentes übten, bis zu einem gewissen Punkt selbst von den Genossen des Zentrums als richtig bestätigt worden. Man sagt z.B., der Beschluss, ins Parlament zurückzukehren, hätte viel früher gefasst werden müssen und nicht erst nach den Parlamentsferien. Wir sagen mehr: Vom ersten Augenblick an durfte man der bürgerlichen Opposition nicht folgen, weder an ihren Sitzungen teilnehmen noch mit ihr die Parlamentskammer verlassen.

Die Genossen vom Zentrum sagen: Wir haben es richtig gemacht, es gab Erfolge, der Einfluss der Partei ist gestiegen. Die Lage ist aber folgende: Die antifaschistische bürgerliche und halbbürgerliche Opposition ist total untergegangen. In einer solchen Lage hätte die KPI entscheidenden Einfluss gewinnen müssen, vor allem in der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, sie hätte mit ihrer taktischen Linie imstande sein müssen, sich – unabhängig vom Kampf der Politikanten – als „dritter Faktor“ zu behaupten. Der Entwicklungsverlauf wurde jedoch nicht in diesem Sinne ausgenutzt. Der Erfolg, von dem Ercoli spricht, bestand in der Erhöhung der Mitgliederzahl. Gegenwärtig sinkt sie. Dennoch besteht unsere Zentrale darauf, es handele sich nur um einen quantitativen Verlust, während ihr Einfluss zunehme. Ich hingegen sprach von der Rolle der Partei als politischem Faktor. Ich wäre gern optimistisch, doch alles beweist, dass wir nichts gewonnen haben und eine sehr günstige Lage nicht genutzt wurde.

Ich komme zum letzten Punkt: zum innerparteilichen Regime. Wir wurden des Fraktionismus beschuldigt; während der ganzen Vorbereitung zum Parteitag wurde ein Feldzug gegen uns geführt. Gleich zu Beginn des italienischen Parteitages erhob die linke Fraktion Protest gegen die Gültigkeit des Parteitages und verlangte den Entscheid der Internationale. Ich will hier nicht gewisse Polemiken heraufbeschwören, aber ich verlange, dass die Organe der KI bestimmte Fragen prüfen, wie z.B. die unglaublichen Anschuldigungen, die Genosse Ercoli von dieser Tribüne aus gegen die Genossen der Linken vorgebracht hat. Niemals haben wir Parteifunktionäre aufgefordert, die Partei zu verlassen und dafür im „Verständigungsausschuss“ Funktionen zu übernehmen. Wir haben das nie getan, es wäre auch ein großer Fehler gewesen. Das Dokument, auf das sich diese Beschuldigung stützt, ist immer noch nicht vorgelegt worden. Es soll einen Brief an einen Genossen geben, in dem eine solche Aufforderung enthalten sei; man behauptet, dieser Brief existiere. Aber er ist bisher nicht vorgelegt worden. Jetzt erklärt man, der Brief sei irgendwo; wenn es sich allerdings um eine so schwerwiegende Beschuldigung handelt, haben wir das Recht zu verlangen, dass sie bewiesen wird; denn nur dann können wir zeigen, dass diese ganze Behauptung falsch ist. Doch lassen wir das. Hier wurden auch die Aktivitäten der Linken angesprochen. Man sagte z.B., wir seien in den stärksten Ortsverbänden geschlagen worden, die Partei habe in den Bezirken, in denen die Linke über einen starken Einfluss verfügt, Verluste hinnehmen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bezirke, von denen Ercoli sprach, Mailand, Turin und Neapel, sind gerade diejenigen, in denen die linke Fraktion am stärksten ist.

Was die Art und Weise angeht, in der der III. Parteitag vorbereitet wurde, so ist dazu nur zu sagen, dass ein Abstimmungsverfahren ausgeklügelt wurde, demzufolge sogar ich, Bordiga, als Mitglied einer Parteiorganisation, für die Thesen der Zentrale gestimmt habe! Wie hat man das bloß fertiggebracht? Darüber ein anderes Mal. Doch gibt dies eine Vorstellung von dem Wert der Abstimmung, das als Ergebnis des Parteitags vorliegt.

Wir kümmern uns nicht weiter darum. Ich will den Genossen hier nur sagen, dass wir in der Polemik auf dem Parteitag Kritik am Ordinovismus, am ideologischen und politischen Standpunkt der Parteizentrale geübt haben. Wir haben schließlich, angesichts der Tatsache, dass man uns zwingen wollte, in die Zentrale einzutreten, eine eindeutige Erklärung abgegeben.

Ich komme zum Schluss, Genossen. Was das innerparteiliche Regime und das Umkehren der Pyramide betrifft, kann ich hier nicht auf das antworten, was Genosse Bucharin über diese Frage und über die Fraktionen gesagt hat. Aber ich frage: Wird sich in unseren internen Beziehungen eine Änderung vollziehen? Zeigt uns diese Plenarsitzung, dass ein neuer Weg eingeschlagen wird? Während in den Thesen von einem veränderten Parteileben gesprochen wird und hier gesagt wurde, die ideologische Terrorisierung werde aufhören, wecken die Deklarationen der französischen und italienischen Delegierten gewisse Zweifel daran. Wir warten auf die praktische Umsetzung der Erklärungen.

Allerdings glaube ich, dass die Jagd auf den angeblichen Fraktionismus andauern und die gleichen Ergebnisse wie bisher zeitigen wird. Wir sehen das auch an der Art und Weise, in der die deutsche Frage und verschiedene andere Fragen geregelt werden. Ich muss sagen, dass diese Methode der persönlichen Demütigung eine beklagenswerte Methode ist, selbst wenn sie gegenüber gewissen politischen Personen gebraucht wird, die zu Recht heftig kritisiert werden. Es handelt sich jedenfalls um keine revolutionäre Vorgehensweise. Ich denke, die Mehrheit, die jetzt ihre Orthodoxie beweisen will, indem sie sich über die verfolgten Sünder lustig macht, besteht vermutlich aus ehemaligen Oppositionellen, die selbst gedemütigt wurden. Es ist klar, dass diese Methode auch auf Genossen, die nicht nur eine revolutionäre Vergangenheit haben, sondern auch für unseren zukünftigen Kampf wertvoll sind, angewandt wurde und vielleicht angewendet wird. Diese Manie der Selbstzerfleischung muss aufhören, wenn wir wirklich auf die Führung des revolutionären proletarischen Kampfes Anspruch erheben wollen.

Das Schauspiel, das uns diese Plenarsitzung bietet, lässt die Aussichten hinsichtlich der Veränderungen, die in der KI stattfinden sollen, trübe erscheinen. Ich werde daher gegen den vorgelegten Resolutionsentwurf stimmen.

Quelle:

Protokoll des VI. Plenums der Erweiterten Exekutive der KI, S. 283-289; Hamburg, 1926.

„VI Esecutivo allergato dell’IC – Intervento sul rapporto Zinovjev in polemica con il discorso di Bucharin e Togliatti.“

 


[1] Togliatti, Palmiro (1893-1964): Mitbegründer der „Ordine Nuovo“ und 1921 der KPI, Stalinist, Reformist. Nach dem II. Weltkrieg Parteivorsitzender der KPI, verfolgte mit seiner ideologischen Formel „Einheit in der Vielfalt“ den parlamentarischen (und immer schon nationalen) Weg, auf dem er glaubte, Staat und Gesellschaft revolutionieren zu können. Leitete bis zu seinem Tode 1964 die KPI.

[2] In Bucharins Redebeitrag vom 25.2.1926 findet sich auch seine berühmt-berüchtigte Charakterisierung Bordigas: „Genosse Bordiga ist kein Dialektiker, er ist wie ein ruhender Pol in der allgemeinen Bewegung. Er wird immer die gleichen Reden halten, die gleichen Argumente anführen, welchen Weg auch die Weltgeschichte gehen mag“ [Protokoll VI. EKKI, S. 231].