VI. EKKI

Zweite Erklärung

Die Diskussion über den Bericht der Deutschen Kommission ist an einen Punkt angekommen, an dem ich mich gezwungen sehe, eine zweite Erklärung abzugeben, und zwar in sehr klarer Art und Weise, umso mehr, als Genosse Ercoli sagte, der Ton Bordigas sei nach und nach ein wenig aggressiver geworden. Ich erkläre zunächst, dass meiner Ansicht nach tatsächlich eine rechte Gefahr besteht. Genosse Ercoli behauptet, im Verlauf der politischen Diskussionen sei eine exakte Analyse gemacht und festgestellt worden, dass eine rechte Gefahr in Frankreich bestehe. Ich frage mich, ob eine Analyse als ernstzunehmende Anwendung der marxistischen Methode angesehen werden kann, die glaubt, sogar die Adresse der rechten Gefahr angeben zu können; und zwar soll sie am Quai de Jemmapes 96 oder Rue Montmartre 123, d.h., in der „Revolution Prolétarienne“ oder im „Bulletin Communiste“ ihr Lager aufgeschlagen haben. Man wird vielleicht noch hinzufügen, die Sprechzeit der rechten Gefahr sei von 18.oo bis 20.oo Uhr. Die Analyse müsste ganz anders vorgenommen werden. Es gibt eine rechte Gefahr, doch nicht nur in den Resolutionen, sondern vor allem in den Tatsachen und in der politischen Haltung der KI, wie ich bereits in meiner Rede zu den politischen Fragen auseinandergesetzt habe.[1]

Diese Gefahr ist auch in den hier gefassten Resolutionen enthalten: sowohl zur allgemein politischen Frage als auch zu den hier behandelten Fragen der einzelnen Parteien, zur Frage der deutschen wie der französischen Partei. Die Gefahr kommt auch darin zum Ausdruck, dass man hier vor dem Plenum der EKKI die russischen Probleme nicht zur Diskussion gestellt hat. Ich habe in meiner Rede schon darauf hingewiesen, dass die Sektionen der KI, in ihrem jetzigen Zustand, nicht in der Lage sind, sich mit der russischen Frage zu befassen und durch diese Tatsache meine Kritik bestätigt gesehen. Es ist absolut notwendig, dass sich die Internationale mit der zentralen Frage der Beziehung zwischen dem revolutionären Kampf des Weltproletariats und der Politik des Arbeiterstaates bzw. der Kommunistischen Partei in Russland befasst; die KI muss notwendigerweise die Fähigkeit erwerben, diese Fragen zu erörtern.

Wünschenswert ist ein Widerstand von links gegen die rechte Gefahr, ich sage nicht eine Fraktion, aber ein Widerstand der Linken im internationalen Maßstab, wobei ich ganz klar sagen will, dass diese gesunde, nützliche und notwendige Reaktion nicht in Form eines Manövers oder einer Intrige zum Ausdruck gebracht werden kann oder darf. Ich bin mit dem Genossen Ercoli einverstanden, wenn er es für unsinnig hält, dass Genossen, die in der politischen Debatte dem Bericht und den Thesen vorbehaltlos zugestimmt haben, jetzt in letzter Minute, nicht gegen die internationale rechte Abweichung, sondern gegen die Resolution zur deutschen Frage, opponieren. Diese Genossen, die gegen die allgemeine politische Linie keine Einwände haben, gehen manchmal zur Opposition über, weil sie als Gruppen, als Führer oder als Ex-Führer mit den ihre Partei und ihr Land betreffenden Resolutionen unzufrieden sind. Aus diesem Grunde kann ich mich mit ihnen, mit dieser sogenannten ultralinken Opposition, nicht solidarisch erklären. Ich sage das nicht, um die Sympathie der Mehrheit zu gewinnen, der ich gerade die Verantwortung für ein solches System zuschreibe, erst recht nicht, insofern die heutigen Oppositionellen zuvor von dieser Mehrheit als die besten Führer angesehen und unterstützt wurden.

Ich komme zum Schluss: Was speziell die deutsche Frage anbelangt, bin ich der Meinung, dass man die revolutionären deutschen Arbeiter vor zwei falschen Linien warnen muss. Einerseits vor dem sich unter einstimmig angenommenen Deklarationen verbergenden Defätismus und dem Misstrauen in Bezug auf die Internationale und die russische Revolution, andererseits vor dem blinden Optimismus, der jeder Diskussion und jeder Auseinandersetzung aus dem Wege geht, der keine wirkliche Ausnutzung der Erfahrung und keine Mitarbeit der kommunistischen Avantgarde des Proletariats will, sondern quasi religiösen und dogmatischen Standpunkten huldigt. Ich habe auseinandergesetzt, warum dies letztere Verhalten für die Beziehungen zwischen dem Weltproletariat und der russischen Revolution ebenso gefährlich ist wie das erstere. Die russische Partei und Sowjetrussland haben die größte revolutionäre Erfahrung, sie allein haben den revolutionären Sieg erfochten, aber auch die revolutionären Arbeiter Deutschlands haben ihre Erfahrungen. Sie müssen sich ebenso auf die Lehren ihrer Kämpfe und Niederlagen stützen. Man muss es ihrer Tradition und ihrem Klasseninstinkt gestatten, sich zu den rechten Gefahren zu äußern, von denen gerade sie im Verlaufe der letzten Kämpfe hart getroffen waren. Diese Arbeiter-Avantgarde muss klar Stellung beziehen, sowohl zur Taktik der Partei, so wie sie heute in ihren sehr fragwürdigen Manövern gegenüber der Sozialdemokratie und in der berühmt-berüchtigten Kampagne für den Volksentscheid[2] zum Ausdruck kommt, als auch zur allgemeinen Linie der KI und zu den politischen Fragen der KPR, die im Mittelpunkt der Politik der Weltrevolution stehen. Da die russische Revolution die erste große Etappe der Weltrevolution ist, ist sie auch unsere Revolution, ihre Fragen sind auch die unsrigen, jedes Mitglied der revolutionären Internationale hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, an deren Lösung mitzuarbeiten.

Quelle:

Protokoll des VI. Plenums der Erweiterten Exekutive der KI, S. 609-611; Hamburg, 1926.

VI Esecutivo allargato dell’IC – Seconda dichiarazione.

 


[1] Siehe: „1926-02-23 – Zum Bericht der Exekutive“.

[2] Bezieht sich auf den für den Juni 1926 projektierten Volksentscheid zur „Fürstenenteignung“ als gemeinsamer Aktion von SPD, KPD und einem „Ausschuss für Fürstenenteignung“: Das gesamte Vermögen der Fürstenhäuser sollte ohne Entschädigung enteignet werden. Diese „Einheitsfront von oben“ war von der KPD initiiert worden. Alle anderen im Parlament vertretenen Parteien hatten sich dagegen ausgesprochen; der Volksentscheid blieb erfolglos.