Dialog mit den Toten (III)

Dritter Tag (Vormittag)

Bilanz einer Etappe

Beim Heraufdämmern eines neuen Tages blickt der Arbeiter gewöhnlich auf seine vollbrachte Arbeit zurück, bevor er sein neues Tagewerk aufnimmt. Im Zeitalter des Kapitalismus interessiert ihn weder die eine noch das andere im Geringsten. Dies geschah nur im Zeitalter des Urkommunismus und noch zu Zeiten der auf der freien individuellen Arbeit beruhenden Produktionsweise; Produktionsformen, die schon lange mitsamt ihren bewundernswerten Seiten untergegangen sind oder, wo es noch Überbleibsel gibt, in Bälde untergehen werden. In den heutigen Welten – der östlichen und der westlichen, die sehr darum bemüht sind, sich als Gegensatz darzustellen – ist allen Menschen diese süße Freude versagt: Sie werden immer mehr zu passiven Rädchen einer ungeheuren Produktionsmaschinerie, deren Geheimnis ihnen völlig entgeht.

Im nicht-warenproduzierenden Kommunismus wird es der Gesellschaft möglich sein, „ein wunderbares Geschäft“ zu machen; denn jeden Morgen, nachdem sich die Erde einmal behäbig um sich selbst gedreht hat, kann man sie sagen hören: „Verkünde wer will, dass er heute dem Sozialprodukt nichts hinzufügen will. Ich bin damit einverstanden, so wie ich mit dem einverstanden bin, der seine Mühe verzehnfachen will: beide werden mit dem gleichen Recht an der gemeinsamen Tafel sitzen.“ Erst dann werden wir von keiner Seite mehr die widerlichen Lobeshymnen an das falsche Ideal der „Freiheit“ hören müssen.

Zusammen mit den Vorwegnahmen und Bekräftigungen, die die unerlässlichen Zutaten sind, um so eine Mahlzeit zu verdauen, erledigten wir am ersten Tag die eingestandene falsche Geschichtsschreibung sowie den diskreditierten Persönlichkeitskult, den wir seit Jahren gemeinhin als „Theorie des Battilocchio“ abhandeln (denn der „Battilocchio“ ist eine dürre und schlotterige Gestalt, die alle anderen überragt, weil sie genauso lang wie dumm ist)[1]. Am zweiten Tag haben wir den „Übergang zum Sozialismus“ und seine viel gepriesenen neuen Wege demaskiert: Im Wesentlichen handelt es sich um den verfassungsmäßigen, sozial-pazifistischen und parlamentarischen Weg.

Bevor wir uns im ersten Abschnitt des dritten Tages dem Problem der Ökonomie (Theorie des Kapitalismus – Theorie des Sozialismus) und im darauf folgenden Abschnitt den Fragen des Weltimperialismus und des Krieges zuwenden, wollen wir kurz innehalten, um zu zeigen, dass die Grundpfeiler, auf die der jüngste Kongress in Moskau sein Gebäude errichtet hat, krumm und schief sind und willkürlich aufgestellt wurden, so dass man mit Gewissheit sagen kann, dass auf ihnen nichts „Stabiles“ ruhen wird.

Überlassen wir es den Bourgeois aller Couleur, die Bedeutung der so unerwarteten Proklamationen zu suchen, um herauszufinden, was die Kommunisten (!) in den nächsten Jahren auf internationaler wie nationaler Ebene wohl tun werden. Unsere offensichtlich genauso unbekannte wie allein dastehende Forschung zielt nur darauf ab, aus dem Notstand, der diese neuen Formulierungen diktiert hat, die Bestätigung für unsere Erklärung der gegenwärtigen historischen Ereignisse abzuleiten, womit die Positionen dieser Leute von gestern und heute, von 1924 bis 1956, samt und sonders widerlegt werden. Unter anderem ziehen wir die Schlussfolgerung, dass die ganze bürgerliche Angst vor den Machenschaften Moskaus nicht nur überflüssig, sondern auch vollkommen geheuchelt ist.

Geschichte und Geschichtsschreibungen

Gleichwohl lässt sich nicht bestreiten, dass die Literatur des 20. Parteitags (genauso wie die, die sich danach zwangsläufig aufdrängen wird) wertvolles Material für eine kritische marxistisch-historische Untersuchung liefert, welche sich im Zuge der Demolierung der stalinistischen Degenerierung und der poststalinistischen Super-Degenerierung als immer schlagender erweisen wird. Wenn wir jene Literatur, der es an Zusammenhang und innerer Geschlossenheit mangelt, als System, als neue Grundlage betrachten, sehen wir bloß Verdrehungen, Risse und Brüche; es ist das katastrophale Ergebnis einer Reihe erbärmlicher Flickschustereien.

Wir beendeten den zweiten Tag mit der Frage, wie die Geschichte zwischen Stalin und denjenigen unterscheiden kann, die heute sein Werk so lautstark verurteilen, seine großen Lügen entlarven und, nachdem sie ihn jahrzehntelang „Meister jener, die durch Wissen berühmt“[2] genannt hatten, ihn nun (zu Recht) theoretischer Fehler bezichtigen, die wahrhaftig der „Eselsklasse“ würdig sind.

Und tatsächlich wird die Unterscheidung einfach dadurch deutlich, dass schlagartig eine „Historiographie“ fabriziert wird, die nicht weniger falsch ist wie die verurteilte; und dass Anweisungen an die riesige Propagandamaschine gegeben werden, die mit derselben Übermacht ausgestattet ist wie jene, die Stalins Lügen aufrechterhalten konnte. Dessen Lügen jedoch werden heute unter den erstaunten Augen der Welt aus der Geschichte getilgt.

Welche geschichtliche Fälschung könnte größer sein als die, glauben zu machen, Marx und Lenin hätten für möglich gehalten, das Prinzip der Diktatur des Proletariats „zurückzuziehen“, und das nicht nur in Situationen wie nach 1850, sondern auch nach 1900, im Zeitalter des zur Konzentration, d.h. zum Imperialismus vorgerückten Kapitalismus?

Welch Fälschung könnte größer sein als die, Lenin die „Theorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land“ unterzuschieben, und zwar just in dem Moment, in dem man die Fälschung zugibt, nach der Leo Trotzki und Grigori Sinowjew Agenten des ausländischen Imperialismus gewesen wären – wo doch gerade diese beiden Theoretiker, auf dem Höhepunkt ihrer theoretischen Reife während der Sitzung der Erweiterten Exekutive im Herbst 1926, den noch jungen und mächtigen Stalin einen Esel genannt und ihm bewiesen hatten, dass weder Lenin noch die anderen, noch Stalin selbst von dieser Theorie vor 1924 gesprochen hatten?

Und wo doch gerade, um diesen Kampf zu gewinnen, diese beiden großen Genossen – schon im Frühjahr 1926, als sich beide nach dem Kampf von 1924 (in dem Sinowjew, ebenso wie 1926 der andere Morituro[3] Bucharin, Stalin unterstützt hatte) noch nicht wieder einander genähert hatten, schon in jenem Frühjahr hatten nur die Vertreter der kommunistischen italienischen Linken zum Erstaunen selbst der Bolschewiki gesagt, dass Trotzki, Sinowjew und Kamenew auf derselben Seite der Barrikade stünden (welch armselige Formulierung, um mit Hilfe des personellen Schlüssels die Politik zu enthüllen!) –, zusammen mit vielen anderen verfolgt und zum Schluss liquidiert wurden? Durch Stalin? Mitnichten! Durch die Theorie des Aufbaus des Sozialismus in Russland, durch das Lügengespinst, vermittelst dessen diese Gesellschaft sich noch immer als nicht-kapitalistisch ausgeben kann.

Und welch größere Fälschung kann man sich vorstellen als diejenige, die (laut Mikojan und all der anderen) Lenin die Urheberschaft der ekelhaften Stalin’schen Theorie der Koexistenz zuschreibt? Diese erbärmliche Theorie, die in der vom Stapel gelassenen Ausgabe des 20. Parteitags noch weiter bis zur schäbigsten Abweichung degeneriert.

Man hat also nur eine Phase der Geschichtsschreibung abgeschlossen, um eine neue, und wie die Zukunft zeigen wird, viel schlimmere einzuleiten.

Parlamentarismus gleich Personalismus

Der nach dem festen Stalin’schen Mechanismus funktionierende Korpus des 20. Parteitags soll plötzlich das widerliche Gewand des personellen Servilismus abgestreift haben: Aber auf welche Weise? Laut Aussage irgendeiner Zeitung sollen sich alle Beifall klatschend erhoben haben, als das Präsidium in den von 1350 Teilnehmern besetzten Saal eintrat. Chruschtschow bat mit lauter Stimme, vom Applaus abzusehen: „Wir sind hier unter Kommunisten, die Herren seid ihr, Genossen Abgeordnete!“ Wenn dieser Ausspruch wahr ist, ist es niedrigster amerikanischer Demokratismus: der Abgeordnete als Diener jedweden Bürgers!

Unter Kommunisten würde es weder Herren noch Diener geben. Jedenfalls soll dieser auf schwankendem Boden sich aufrecht haltende Korpus vor dem Mythos der Persönlichkeit die Nase gerümpft haben. Wie kommt’s dann, bemerkt der nicht ganz dumme Journalist, dass die Rede Chruschtschows laut offiziellem Bericht 23 mal von „lebhaftem“, 6 mal von „stürmischem“ und 35 mal von „anhaltendem“, schließlich von „stürmischem, anhaltendem Beifall, der in Ovationen übergeht“, unterbrochen wurde?

Aber derselbe Korpus hat ebenso entschlossen wie begeistert verkündet, der Weg zum Sozialismus führe (nach der Modekollektion des Jahres 1956) über das Parlament. Was in der Feinschmeckerversion des Analphabeten Nenni „die Einhaltung der demokratischen Legalität, wie in der Verfassung festgelegt, einschließt, gleich ob man in der Opposition ist oder die Mehrheit hat“. Marx ist somit endgültig zu Grabe getragen. Marx ist tot und begraben – Marx, der im „Achtzehnten Brumaire“ den Ruf „Vive la constitution“ mit „A bas la revolution“ gleichsetzte.

Nenni und Togliatti – beide gleichermaßen Analphabeten des Marxismus, wenn auch letzterer nicht völlig – finden Gefallen an der Aussage, das Proletariat behalte sich auf alle Fälle die Aktion auf der Straße vor, wenn die Demokratie gefährdet sein sollte. Die gefällige Formel Nennis heißt: „Gegen die Bedrohung des demokratischen Lebens und der demokratischen Institutionen von Seiten des Kapitalismus“. Da diese Leute sicher sind, dass die Demokratie ewig währt, sichern sie dem Kapitalismus Ewigkeit zu: In Wirklichkeit sind diese beiden „Ewigkeiten“ gleichermaßen Lästerung und Verrat. Die beiden Herren und mit ihnen der 20. Parteitag schwören jedoch, dies sei kein Reformismus. Der Reformismus unterscheidet sich aber von diesem Zeug nur aus einem Grunde: er war nämlich einst ernst gemeint. Was die Erklärung angeht, sie würden zu den Waffen eilen, sobald die demokratische Freiheit in Gefahr gerate, so hörten wir diese Absicht schon von Bissolati und Turati (durchaus glaubwürdigen Menschen), zu Zeiten, als Togliatti die Schule der bürgerlichen Philosophie besuchte und Nenni vom „Agrarverein“ als Journalist besoldet wurde.

Das Parlament ist also das „Prinzip“ und die Gewalt ein verzweifelter Ausweg, den man sich nur offen hält, um dieses Prinzip zu retten, wenn es von jemandem bedroht wird. Nun gut! Man sollte aber den Blödsinn nicht bis zum Exzess treiben, indem man hinzufügt, dass derjenige, der droht, mit dem Parlamentarismus aufzuräumen (während das Proletariat kastriert ist), der Kapitalismus ist, der ihn selbst ins Leben rief. Und offen sagt, dass man kämpfe, um das Parlament zu retten und nicht, um das Kapital zu stürzen!

Wir haben nicht die Absicht, auf diesen Punkt zurückzukommen: Wir wollen nur – als weiteren Beweis für den brüchigen Boden, auf dem die Füße der 1350 zittern, während die Hände Beifall klatschen – den krassen Widerspruch in der Haltung hervorheben, die einerseits den Personalismus abkanzelt und andererseits das Wahlsystem hochjubelt. Wie will man denn Stimmen kriegen (und diese Leute haben sie noch einzuheimsen), wenn nicht mit Hilfe des elementaren Mittels der Begeisterung für den Politiker? Wie will man denn die Welle der Sympathie für die Symbole der Volksfront und der Einheit aller Werktätigen (so oder so ähnlich nennt man’s wohl?) aufrechterhalten, wenn nicht durch die mit den üblichen Mitteln in der Masse (die sich in der Herde der „Redlichen“, der Gutwilligen und dergleichen auflöst und amorph wird) hervorgerufene Schwärmerei für die Heldentaten des nicht mal mittelmäßigen menschlichen Materials nationaler, provinzieller oder dörflerischer Provenienz.

Entgegen aller Absichtserklärungen wird also auf die Waffe der Geschichtsfälschung genauso wenig verzichtet wie auf das Hauptmittel der Anbetung der Persönlichkeiten, die von einem eigens dafür geschaffenen Werbeapparat, der den Wählern die Namen schwachsinniger Kandidaten in die Ohren bläst, in den Mittelpunkt des Geschehens katapultiert werden.

Nur auf eines verzichtet man tatsächlich, was nicht besonders überrascht: auf die Revolution. Musste man dazu mit der Tradition Stalins brechen? Hat man deshalb seine groben ökonomischen Fehler rot angestrichen? Und sind sie wirklich angestrichen worden? Und wenn ja, wie hat man sie korrigiert?

Überbau und wirtschaftliche Basis

Es ist klar, dass für die Presse und die Parteien der bestehenden Ordnung die ganze Frage darin besteht, durch welchen Modus man dem Problem der „Thronfolge“ in post-revolutionären Regimes abhelfen kann. In der Regel kommt der Cäsarismus auf – dieser idiotische Begriff, der schon Karl Marx in gerechten Zorn versetzte, wie wir bereits am ersten Tag erwähnten. Jener Cäsarismus, der uns nach den Musterexemplaren des 19. Jahrhunderts – an deren Spitze der mit Beinamen, wie Boustrafa, Scapin, Badinguet, reich bedachte Napoleon III. stand – im 20. Jahrhundert eine prächtige Sammlung neuer Figuren auf der Suche nach ihrem Plutarch[4] bescherte: Hitler, Mussolini, Franco, Tito, Peron, Pavelich, Horthy und andere, schon Vergessene. Über allen Stalin, dessen Sturz vom Zenit des Ruhmes zum Nadir des Vergessens wirklich abgrundtief erscheint... Mörder des Lebens und der Ehre von Genossen, Schafskopf auf dem Altar der Wissenschaft, Generalissimus nur der Niederlagen – es wird nicht lange dauern, bis man auch ihn nur beim Spottnamen rufen wird.

All diese Leute, und nicht weniger die sich der demokratischen Frömmelei gewachsen zeigenden „Kapazitäten“, machen unseres Erachtens nicht die Geschichte. Das Gewicht ihres subjektiven Machtwillens, der alle so blendet, ist für uns Marxisten belanglos. Der Wechsel von Glanz und Finsternis, dem sie heute alle unterworfen sind, bekräftigt bloß unsere Auffassung: Ob im Guten oder im Bösen – nicht sie sind die Ursache der Ereignisse; sie sind nur deren passives Resultat.

Der von uns gebrauchte Schlüssel liegt anderswo: Im Gang der Dinge, deren Basis die Ökonomie, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse sind; es ist deren Entwicklung, die uns wieder mal die Theatercoups des 20. Parteitags erklären muss.

Der materielle Unterbau ließ den Kongress so sprechen, wie er gesprochen hat; in seinem Schoß wirken Kräfte, die ihn gezwungen haben, das zu sagen, was gesagt wurde. Die wirklichen Verhältnisse des Unterbaus sind jedoch ganz andere als diejenigen, die in den Parteitagsschriften theoretisiert und verkündet wurden.

Besonders beeindruckt hat jedenfalls, was der Kongress auf ökonomischem Gebiet an den theoretischen Konstruktionen Stalins „abzuändern“ gezwungen war; denn noch einen Monat vor dem Parteitag waren sie von der gesamten kommunistischen russischen Partei, von der russischen Regierung und von allen Bruderparteien für allgemeingültig gehalten worden.

Wir verweisen hierzu auf unseren Kommentar zu der Abhandlung Stalins über die „Ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR“[5]. Darin hoben wir die Fehler hervor, die sich sowohl auf die in der russischen Wirtschaft geltend gemachten Gesetze als auch auf die in der westlichen Wirtschaft angewandten Gesetze beziehen.

Wir müssen gleich klarstellen, dass diese groben Fehler heute nur flach und ohne logischen Zusammenhang denunziert werden, selbst von Mikojan, der sich am meisten damit beschäftigt hatte, dessen Rede jedoch in der italienischen Presse (wie erwartet) nicht in ihrem vollen Wortlaut wiedergegeben wurde. Ferner sind die angezeigten Fehler weder die, die tatsächlich berichtigt werden müssen, noch bedeutet deren Korrektur eine Rückkehr zu den klassischen Formulierungen von Marx, Engels und Lenin.

Was die nicht streng ökonomischen Deduktionen bezüglich des Verlaufs des westlichen Kapitalismus, des Weltmarkts, des Imperialismus und des Krieges angeht, sind alle Korrekturen der Stalin’schen Thesen weitere konter-revolutionäre Schritte und entfernen sich immer mehr von Marx und Lenin.

1953 dialogisierten wir mit dem lebenden Stalin und überführten ihn der Lästerung des Marxismus.

1956 wirft der 20. Parteitag die Schrift des nunmehr toten Stalin über Bord und stürzt seine Statue vom Piedestal herab. Die philisterhafte Rechtfertigung ist, es gehe darum, die Verleumdung des Marxismus-Leninismus wiedergutzumachen. Der aus der theoretisch-politischen Wende hervorgehende Beweis ist das genaue Gegenteil davon: Man verurteilt Stalin, weil er nicht genug gelästert hat. Die Autorität Stalins, für uns seit langem hinfällig, ist heute vernichtet. Die Autorität Marx’ und Lenins wird jedoch erst dann wieder hergestellt sein, wenn die heutigen üblen und dreisten Restauratoren aus der Welt geschaffen sind.

Damals trug Stalin wider Willen dazu bei, und heute besorgen sie es selbst – mit einem Material, das wir gewillt und berechtigt sind zu gebrauchen.

Die Kritik Mikojans

Aus dem, was in Sachen Ökonomie gesagt wurde, geht weder direkt noch indirekt hervor, dass etwas an den Thesen Stalins über die russische Wirtschaft „zurückgenommen“ worden wäre; schon gar nicht, was die folgenden, von uns schon widerlegten Thesen betrifft: Die russische Wirtschaft ist die einer sozialistischen GesellschaftIn der sozialistischen Gesellschaft bestehen weiterhin die Warenproduktion und das Wertgesetz.

Wir haben im Gegenteil schon gesehen, dass Chruschtschow die Verurteilung der im Grunde annehmbaren These Molotows: In Russland realisiert man den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus, erneut bekräftigt.

Wir müssen noch mal kurz abschweifen und unterstreichen, dass die Umwandlung der Formel „Aufbau der (industriellen) Grundlagen“ in „Aufbau des Sozialismus“ der nicht weniger perfiden Umwandlung der (was den ökonomischen Unterbau betrifft) „Schritte zum Sozialismus“ (Lenin) in „Übergang zum Sozialismus“ (Chruschtschow) entspricht.

Wir haben eine dokumentarische Darstellung der außerordentlich organischen Positionen Lenins während der russischen Revolution gegeben, die von Mikojan auf fragwürdige Weise vorgetragen wurden: Seinen Aussagen zufolge habe Lenin alle paar Monate die Perspektive des revolutionären Verlaufs geändert; aber er habe immer Recht gehabt! Wir antworteten in unserer langen Analyse[6], dass niemand, weder Lenin noch Jehovah, immer Recht haben; Lenin aber gerade deshalb schrecklich Recht hatte, weil er selbst in den späteren, tragischsten Situationen seine unvergleichliche Lehre über den Verlauf der Revolution in Russland niemals änderte.

Der präzise Ausdruck der Schritte zum Sozialismus und der Erarbeitung der industriellen Grundlagen des Sozialismus hat bei Lenin, solange er lebte, wie auch bei Trotzki und Sinowjew, bis sie ermordet wurden, wissenschaftliche Bedeutung.

In der anti-feudalistischen Revolution ist es Aufgabe des Proletariats, eine Reihe von Schritten zum Sozialismus zu tun, die von der Bourgeoisie und den Opportunisten gefürchtet werden. Eine erste Reihe von Schritten macht das Proletariat zusammen mit den armen Bauern, wenn von der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zur demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern übergegangen wird. Das Proletariat macht weitere Schritte, indem es die kapitalistische Staatsindustrie (als letzte Stufe) organisiert und die Diktatur der rein proletarischen Partei gegen jede andere Partei oder Klasse ausübt. Mit Sozialismus in Russland hat das noch nichts zu tun: Der wird nach der internationalen Revolution kommen, die die Zwischenstufen zwischen Demokratie und Diktatur schon überwunden hat.

Es wird dann in Europa (oder Amerika) und Russland nicht mehr darum gehen aufzubauen, sondern zu zerstören. All die glühenden Aufrufe Lenins, die Arbeit aufzunehmen und zu organisieren, den Arbeitsertrag und die Produktionsleistung zu steigern, waren starke Antriebe für die Schritte zum Sozialismus, zur Festigung der sozialistischen Grundlagen. Dabei handelte es sich weder um die ungenaue ökonomische Formel: Aufbau des Sozialismus, noch um die fehlerhafte historische Formel: Übergang zum Sozialismus.

Zwei mächtige, voneinander nicht zu trennende Zerstörungskräfte führen zum Sozialismus: die Revolution und die Diktatur. Wenn diese beiden Kräfte die fortgeschrittenen Industrieländer mit eisernem Griff umklammern und wenn sie genügend zerstört und das Übel an der Wurzel ausgerissen haben, wird der Sozialismus von alleine „übergehen“, von selbst kommen.

Dem Marxismus vollkommen fremd, rein stalinistisch und sub-stalinistisch ist nachstehende Schlussfolgerung Mikojans: „Hierbei ist es sehr wichtig, Lenins Meinung festzuhalten, dass auch in Fällen, in denen das Proletariat gezwungen ist, Gewalt anzuwenden, die organisatorische, schöpferische, nicht aber die zerstörerische Arbeit die grundlegende und ständige Eigenschaft der Revolution und die Vorbedingung ihrer Siege ist“ [II, S. 106].

Ein derart historisch haltloser und hohler Begriff der Revolution steht dem Marxismus viel ferner als der der klassischen Reformisten. Die Turatis, Bebels und sogar die Bernsteins hätten ihn mit den gleichen Argumenten von sich gewiesen, mit denen sie die Thesen der Mazzinis, der Webbs, der Malons und der De Amicis beiseite fegten.

Stalins blaue Flecken

Welche wesentlichen Punkte der Ökonomie Stalins erregten Anstoß? Was Mikojan so aufbrachte, betrifft die Lehre über die Entwicklung des heutigen Kapitalismus. Ansonsten steht uns nur eine sehr allgemeine Aussage zur Verfügung: „Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass auch einige andere Thesen in denÖkonomischen Problemen’, wenn man sie genau betrachtet, von unseren Wirtschaftswissenschaftlern gründlich erforscht und vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus überprüft werden müssen“ [II, S. 117]. Welche anderen Thesen? Und in welchem Sinne sollen sie korrigiert werden, gemäß dem Marxismus-Leninismus oder nicht doch gemäß jener neuen Irrlehren, zu denen – glaubt man dem großspurigen Gerede dieser Stümper – Marx und Lenin diejenigen ermächtigt hätten, die reiche, fruchtbare und unvorhersehbare Kenntnisse über neue zukünftige Situationen hätten. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat jeder Opportunismus, in mehr oder weniger gleichen Worten, solchen Blödsinn verzapft, doch dies ist mit Sicherheit der größte.

Das sagt uns weder Mikojan noch der 20. Parteitag. Das werden wir dann lesen, wenn die Forderung des Redners in die Tat umgesetzt worden ist: „Aber es wäre falsch zu verschweigen, dass die Abschnitte des ‘Lehrbuchs’ über die gegenwärtige Entwicklungsetappe des Kapitalismus, insbesondere über den Charakter und die Periodizität der zyklischen Krisen, sowie die Fragen der politischen Ökonomie des Sozialismus eines weiteren, gründlichen Studiums und einer Überarbeitung bedürfen“ [II, S. 118].

Über die Ökonomie des Sozialismus können wir also nur mit dem toten Stalin dialogisieren; wir werden dieses Thema kurz streifen. Was den Verlauf des Kapitalismus betrifft, können wir von Mikojan hören, worin er Stalin berichtigt, und ob er es so tut, wie wir es taten.

„Dem Marxismus-Leninismus ist die Theorie von der absoluten Stagnation des Kapitalismus fremd. Man soll nicht glauben, dass mit der allgemeinen Krise des Kapitalismus die Zunahme der Produktion und der technische Fortschritt in den kapitalistischen Ländern aufhört“ [II, S. 116].

Dieser scharfen Verurteilung folgt die Frage: „Sind heute oder morgen ein technischer Fortschritt und eine Zunahme der Produktion in den kapitalistischen Ländern möglich?“

Und danach kommt die speziell an Stalin gerichtete Rüge: „Bei der Analyse des Standes der Ökonomik des modernen Kapitalismus kann uns der bekannte Ausspruch Stalins in den ‘Ökonomischen Problemen des Sozialismus in der UdSSR’ hinsichtlich der USA, Englands und Frankreichs, wonach infolge der Aufspaltung des Weltmarktes ‘der Umfang der Produktion in diesen Ländern zurückgehen wird’, wohl kaum helfen und dürfte kaum richtig sein. Diese Behauptung erklärt nicht die komplizierten und widerspruchsvollen Erscheinungen des modernen Kapitalismus und die Tatsache, dass die kapitalistische Produktion nach dem Kriege in vielen Ländern zugenommen hat“ [II, S. 116/117].

Das also wirft man Stalin vor. Er schrieb das im Jahre 1952, als die amerikanische Wirtschaft gegenüber den segensreichen Jahren des Korea-Krieges einen Rückschlag erlitt. Er sah den Zeitpunkt nahe, an dem die russische Produktionsleistung die stärksten Industrieländer einholen würde – ein Zeitpunkt, der auch nach den Angaben des 20. Parteitags und den Voraussagen Bulganins bezüglich des bis 1960 gehenden VI. Fünfjahresplans, noch sehr fern liegt. In der Zwischenzeit ist auch Westdeutschland aus den Startlöchern gekommen und es scheint, als käme es zuerst ins Ziel. Und in den ersten Jahren nach dem Tode Stalins sind die amerikanischen Produktionszahlen sowie das Nationaleinkommen wieder gestiegen und erreichten 1955 einen nie dagewesenen Höhepunkt. Nun, wie geht ihr damit um?

Die Eselsgesetze Stalins

Stalin hatte in der Tat aus der Aufspaltung des Weltmarkts in zwei Teile und aus dem die kapitalistischen Groß-Staaten treffenden Verlust von Absatzmärkten in Asien, Afrika und Europa gefolgert, dass sich ihre Absatzbedingungen verschlechtern würden und die Produktion der Betriebe zurückgehe. Und er hatte hinzugefügt: „Gerade im Zerfall des Weltmarktes besteht die eigentliche Zuspitzung der allgemeinen Krise des kapitalistischen Weltsystems.“

In dieser Schrift – wie in vielen anderen, für deren Flachheit er verantwortlich ist, wie z.B. die über den Materialismus[7] – gibt sich Stalin überzeugt, dass sich die Lehre der Partei im Laufe der Geschichte entwickelt und einige ihrer Bestandteile über Bord geworfen und durch andere ersetzt werden müssen (was diesen Punkt angeht, ist das Sündenregister des 20. Parteitags viel länger als seins), dass diesen Verbesserungen und Änderungen der Prinzipien ein Pontifex maximus[8] vorstehen müsse – und zwar er selbst (wegen der durch den wissenschaftlichen Bankrott hervorgerufenen Verlegenheit möchte der Kongress den zweiten Punkt gerne streichen, aber die vorgeschlagenen Mittel, um den Mängeln der ideologischen Arbeit abzuhelfen, sind total unzureichend).

Bei dieser Gelegenheit nimmt Stalin die Axt zur Hand und fällt ganze Kapitel der Schriften Lenins, Marx’ und (dies ist wirklich erheiternd)... seiner eigenen!

Er erklärt tatsächlich seine eigene Theorie, die er „vor dem zweiten Weltkrieg (...) über die relative Stabilität der Märkte in der Periode der allgemeinen Krise des Kapitalismus“ [III, S. 33] aufgestellt hatte, als nicht haltbar. Da diese merkwürdige und unnütze These vom Verfasser selbst aus dem Weg geräumt wurde, und da sie leeres Geschwätz ist und wie gewöhnlich bekannte und fest verwurzelte Begriffe falsch benutzt, müssen wir hier keine mehr Zeit damit verlieren.

Gleichzeitig mit seiner These beseitigte er die These Lenins vom Frühjahr 1916, „wonach der Kapitalismus trotz seiner Fäulnis ‘im Großen und Ganzen unvergleichlich schneller wächst als früher’“ [III, S. 33] (der Leser achte auf den Ausdruck: im Großen und Ganzen).

Nun, diese These steht im Zentrum des Marxismus, und es war reiner Wahnsinn, auch nur daran zu denken, sie ausradieren zu können. Der marxistische Begriff vom Zusammenbruch des Kapitalismus bedeutet nicht, dass dieser eine Periode der Akkumulation durchläuft und dann eine, in der ihm von alleine die Luft ausgeht. Das war die These der pazifistischen Revisionisten. Für Marx wächst der Kapitalismus grenzen- und maßlos an; die Kurve des weltweiten, kapitalistischen Potentials hat keinen langsamen Anstieg mit einer darauf folgenden Verlangsamung und einem sanften Abfall; sie steigt im Gegenteil bis zu einer plötzlichen, ungeheuren Explosion an, die jede Verlaufsregel des „historischen Diagramms“ bricht und das Zeitalter der kapitalistischen Produktionsform beschließt.[9] In dieser revolutionären Zeitenwende bricht der politische Apparat des kapitalistischen Staates in Trümmer, worauf sich ein anderer, proletarischer erhebt, der seinerseits im Laufe der Entwicklung abstirbt und sich am Ende ganz auflöst. So wie Stalin eigenmächtig das Gesetz vom Absterben des Staates aus dem Marxismus tilgte (ein Gebot der Notwendigkeit, da sich sein Staat aufblähte, statt in sich zusammenzufallen, eben weil er kapitalistisch ist), so pflanzte er – zur Rechtfertigung des Verzichts seiner Partei auf die soziale Revolution und den revolutionären Krieg – die nichts sagende These vom „Absterben des Kapitalismus“ in ihn hinein. Der hütete sich jedoch davor abzusterben.

Nun war der Weg für den Pontifex und sein priesterliches Gefolge frei, eine andere Lehre zu streichen: diesmal eine von Marx. Es handelt sich um den gleichen Fehler und man kann davon ausgehen, dass Mikojan, wenn er mit uns dialogisiert hätte, gehört hätte, was wir im ersten „Dialog“ dem Toten abgestritten hatten. „Man sagt, das Gesetz der Durchschnittsprofitrate sei das ökonomische Grundgesetz des modernen Kapitalismus. Das stimmt nicht“ [III, S. 39]. Also sprach Stalin, und änderte das Gesetz in das der Realisierung des Maximalprofits um – wirklich verblüffend.

Wir löschten den Flammenwerfer

An dieser Stelle des „Dialogs mit Stalin“ konnten wir es uns nicht verkneifen zu schreiben: „Wird dem Flammenwerfer in der Bibliothek kein Einhalt geboten, wird nicht mal sein Schnurrbart verschont bleiben.“ Bezüglich der gesamten ökonomischen Beweisführung müssen wir auf den „Dialog mit Stalin“ verweisen: Dort haben wir sie, versteht sich, auf polemischer Ebene und wie immer als Verteidiger altbekannter und unantastbarer Gesetze umrissen, und nicht etwa als Wegbereiter neuer Lehren, wissenschaftlicher Abhandlungen oder Leitfäden.

Damals zitterten alle vor dem „Schnurrbart“. Vielleicht würden wir jenen spöttischen Satz heute nicht schreiben, wo die Gemälde mit dem Schnurrbart darauf überall ins Feuer geworfen werden – von verachtenswerten, zynischen, dem schändlichen Prinzipienhandel verfallenen Säuberern. Dieser Handel war von Marx in seiner erbarmungslosen „Kritik des Gothaer Programms“[10] gebrandmarkt worden.

Wir bewiesen, dass das Marx’sche Gesetz das des „tendenziellen Falls der Profitrate“ ist; dass es zunächst einmal durch den gesamten Verlauf der kapitalistischen Produktionsweise, einschließlich der modernen monopolistischen und imperialistischen Phase, nach dem I. und II. Weltkrieg bestätigt wurde; und dass es, richtig verstanden und auf die von der Weltwirtschaft gelieferten Daten angewandt, zusammenfällt mit: Erhöhung der Mehrwertrate (die Auspressungsrate der Arbeiterklasse), beständige Zunahme der Produkten-, Mehrwert- und der Profitmasse, denn die in die Produktion investierte und akkumulierte Kapitalmasse steigt so gewaltig an, dass – bei fortschreitend sinkender Profitrate – der Umfang des Gesamtprofits immer gigantischer wird.

Stalin kolportierte das künstliche Gesetz des „Maximalprofits“, um nachweisen zu können, dass das Proletariat wegen der übermäßig großen Profite der Kapitalisten (die es in Russland ja nicht gebe) ins Elend sinke. Wir mussten wieder das marxistische Gesetz der wachsenden Verelendung richtig stellen, und zwar mit Argumenten, die weit über das zaghafte Argument Stalins über die Arbeitslosigkeit (sprich: industrielle Reservearmee) hinausgingen, wobei er, wie gehabt, deren Nicht-Existenz in Russland rühmte; ferner war noch einmal klarzustellen, dass trotz dieses Gesetzes das Nationaleinkommen, das Pro-Kopf Einkommen und der Lebensstandard (nicht nur des Durchschnittsbürgers, sondern des Durchschnittsarbeiters) im Laufe des Kapitalismus zunimmt.

Nichtsdestotrotz bleiben die ursprünglichen und unveränderlichen Lehren des Marxismus (die nicht nur die Pontifexe, sondern auch die Konzilien zum Schweigen bringen) über die Krisen und die Endkatastrophe bestehen, denn sie sind aus einem ganz anderem Guss als die zerbrechlichen Statuen der Diktatoren und aus einem ganz anderem Stahl als die Geldschränke der Akkumulation.

Unsere Schlussfolgerung war: Die Aufgabe der sozialistischen Revolution ist nicht, weiterhin das Wettrennen um die Produktionserhöhung zu organisieren, sondern auf der Basis der hoch entwickelten Technik und Arbeitsproduktivität – statt die Produktion zu steigern – die Arbeitszeit, Arbeitsanstrengung und Arbeitsqual drastisch zu reduzieren.

Die marxistische Polemik könnte, wie wir nachwiesen, den Prahlereien der amerikanischen Wirtschaftswissenschaft über den Verlauf des erreichten Wohlstands (der auf einer Überhitzung des Konsums basiert und zur Folge hat, dass die Indexziffern des Konsums proportional zur Warenüberschwemmung verlaufen) kaum standhalten, wenn sie sich auf die Dummheiten Stalins über die Aufteilung des Produkts zwischen Konsum und Investition stützen wollte.

Ein anderer eitler Fetisch: die Technik

Fraglich ist, ob sich die Veranstalter des 20. Parteitags mit ihrer auf Sand gebauten Kritik in einer besseren Lage befinden – allesamt verstrickt in ihre plumpe Ideologie des Vergleichs, des Wettbewerbs, des Wetteiferns, der unsäglichen Überzeugungsfreudigkeit und Gefangene ihrer Vorliebe, die halb der kapitalistischen, halb der „sozialistischen“ Organisation der Produktion gilt. Der Wohlstand eines jeden Landes zeigt sich also, nachdem die Kapazitäten und Fakultäten der Universitäten konsultiert, die Meinungen der Fachleute gehört, die Techniker durch Schnellkurse mobilisiert, Studienreisen ins Ausland unternommen wurden und ähnliche Dinge. Nachdem der Moskauer Kongress auf dieses erbärmliche Niveau herabgesunken ist, ist es leicht, aus dem Geschwätz dieser Zwerge den lächerlichen Minderwertigkeitskomplex herauszuhören, den sie gegenüber den unbefangenen, versoffenen Rohlingen aus Übersee haben.

Nach den Reden Mikojans zu urteilen, funktioniert bei den Russen gar nichts: weder Wissenschaften, noch Universitäten, Laboratorien, Forschungsinstitute oder Statistiken. Alles muss im mühsamen Anrennen gegen die Wunderwerke Amerikas wieder von vorn aufgebaut werden. Dieser defätistische Gemütszustand trifft mit der Verblödung eines allabendlichen Fernsehpublikums zusammen, das die Imitation amerikanischer Quizsendungen – worin das kulturelle Niveau abgestumpfter Kandidaten mit Geldpreisen belohnt wird – mit Begeisterung aufnimmt.

Stalin hatte, immer auf Grundlage seiner Theorie des Maximalprofits, unglaubliche Sachen von sich gegeben: Er behauptete, der Kapitalismus habe die Tendenz, nicht nur der Quantität nach, sondern auch der Qualität nach, immer unproduktiver zu werden, was außerdem dazu führe, die Arbeitssklaverei der ersten Lohnbetriebe wiedereinzuführen, falls dies (und er begriff nicht die Absurdität dieser ökonomischen Unterstellung) dem Kapitalismus größere Profite einbringen würde. Er schrieb: „Der Kapitalismus ist für neue Technik, wenn sie ihm Höchstprofit verheißt. Der Kapitalismus ist gegen die neue Technik und für den Übergang zur Handarbeit“ (?!), „wenn ihm die neue Technik nicht mehr Höchstprofite verheißt“ (oder erlaubt?) [III, S. 41]. Dann trete der „technische Stillstand des Kapitalismus“ ein. Die banale Auffassung eines personifizierten Kapitalismus, der seine Berechnungen anstellt und nach eigenem Gutdünken die ökonomischen Gesetze verzerrt, gefällt nun nicht mehr, nicht etwa, weil man damit den Marxismus mit Füßen tritt, sondern weil Moskau die Argumente ausgehen – angesichts der mechanischen und mechanistischen Gigantomanie, angesichts der Höhe der amerikanischen „Automation“ und der unaufhörlichen In-Umlauf-Setzung von immer raffinierteren Erzeugnissen und technischen Lockmitteln auf dem Weltmarkt.

Alle Redner haben deshalb die westlichen Methoden der technischen Ausrüstung und Perfektion beschworen, weil sie auf jeden Fall das zu erreichende Optimum darstellen würden; dabei ist es nicht einmal erlaubt, auch nur daran zu denken, dass man vielleicht auf manchen Gebieten aus Klassengründen oder wegen der Wirkung ökonomischer Gesetze nicht von ihnen lernen sollte. In dem zwischen Russland und Amerika begonnen Wettrennen habe Amerika den Vorteil eines fliegenden Starts gehabt und nur, wenn man sich an seine Fersen hefte, könne die Sache noch gut gehen.

Das stimmt, allerdings nicht, weil Stalins so verwirrt war, die dem Maximalprofit gehorchende kapitalistische Technik gering zu schätzen, sondern weil beide Seiten dasselbe Ziel haben: Ausbau des industriellen Kapitalismus, Beschleunigung der Akkumulation, Steigerung des Produktionsvolumens; und, wie wir im „Dialog mit Stalin“ immer wieder hervorhoben, der im Osten beschrittene Weg ist derselbe, den der Westen mit einem Vorsprung von fast hundert Jahren schon eingeschlagen hat.

Die Russen sind also auf dieselbe Formel gekommen: Immer verlockendere Waren für den Käufer auf den Markt zu bringen, ihn zu immer höherem Konsum anzuspornen – denn auch hier gilt die bürgerliche Formel: der Konsum ist das Mittel, die Produktion der Zweck.

Das mumifizierte Missgebilde der Warenproduktion

Die vom Kongress an der Stalin’schen Ökonomie geübte Kritik beschränkt sich auf den den Kapitalismus beschreibenden Teil, und gewissermaßen auf die Verteidigung des Kapitalismus vor der Anklage, aus Profitgründen die Möglichkeiten der Wissenschaft und die Leistungsfähigkeit der Produktionstechnik zu vernachlässigen.

Aber abgesehen davon, die marxistischen Gesetze der kapitalistischen Ökonomie revolutioniert zu haben, hatte Stalin in dem beanstandeten Buch auch die Gesetze der sozialistischen Ökonomie schlecht behandelt, und dies rief unsere erste und schwerwiegendste Gegenrede im „Dialog mit Stalin“ hervor.

Wir hatten erwartet, dass der 20. Parteitag mit seinem gewaltigen Wortschwall diese brennenden Fragen erörtern würde. Nichts, aber auch gar nichts, was zur Annahme hätte berechtigen können, dass die von uns gebrandmarkte halsbrecherische Stalin’sche „Warenproduktion“ im Geringsten berichtigt worden wäre. Im Gegenteil: Der warenproduzierende Charakter der russischen Ökonomie wird in zahlreichen Darstellungen der wirtschaftlichen Fortschritte Russlands und in der Präsentation neuer Programme und Planungen bis zum Gehtnichtmehr unterstrichen. Und da man nicht einmal den Ton der Stalin’schen Formulierung über die sozialistische Gesellschaft, das sozialistische Land und den vollendeten Aufbau des Sozialismus geändert hat, muss man annehmen, dass Stalins ökonomische Lieblingsformel aufrechterhalten bleibt: „In der sozialistischen Wirtschaft sind die Produkte Waren, und die Konsumgüter werden gegen Bezahlung erworben.“

Laut Stalin herrscht in der sozialistischen Ökonomie der Äquivalententausch vor, also das Wertgesetz. Wir müssen die unzähligen Zitate von Marx, Engels und Lenin nicht noch einmal wiederholen, mit denen wir nachwiesen, dass den Sozialismus, auch der untersten Stufe, keine Warenproduktion kennzeichnet und dass man sich, solange Waren produziert und konsumiert werden, innerhalb der genau abgesteckten sozialen und historischen Grenzen des Kapitalismus bewegt: Jedes Mal, wenn Löhne ausbezahlt werden, ist auch die Arbeitskraft Ware, und die sophistische Argumentation Stalins – der Lohnverteiler sei der proletarische Staat – ändert daran überhaupt nichts. Nach der richtigen These ist der Staat dann proletarisch, wenn sein Eingreifen in die Ökonomie die Lohnform einschränkt und schließlich aufhebt – statt sie auszudehnen. Es gibt jedoch ein historisches Stadium in einigen Gesellschaften (wie der russischen, die vom Pre-Kapitalismus ausgegangen ist), in denen der proletarische Staat Lohnbetriebe errichtet (Schritte zum Sozialismus): Aber dann gibt dieser Staat das, was Kapitalismus ist, nicht als Sozialismus aus und nennt die Dinge bei ihrem Namen, wie es Trotzki und Sinowjew im Jahre 1926 verlangten.

Der Kongress schweigt dazu. Aber hinter diesem Schweigen, das ist offensichtlich, verbirgt sich schlimmster Stalinismus!

Ein anderes Gesetz, das Stalin auf den Sozialismus anwendet, ist jenes, wonach die Produktenmasse in geometrischer Proportion anwächst. Wir sagen: Dies ist das Gesetz des Kapitalismus, und zwar das Gesetz der Akkumulation, das im Widerspruch zum sozialistischen Plan steht: Abbremsen der Produktensteigerung und Verringerung der Arbeitszeit. Auch hier genügt ein flüchtiger Blick auf den vom Kongress vorgelegten neuen Fünfjahresplan (wie bei den vorhergegangenen), der zeigt, auf wirtschaftlichem Gebiet ein eingefleischter Stalinist geblieben zu sein.

Nachdem Stalin sein neues Gesetz des Kapitalismus, das des Maximalprofits, erlassen hat, legt er in seinen Schlussfolgerungen das „grundlegende Gesetz der sozialistischen Ökonomie“ folgendermaßen fest: „Sicherung der maximalen Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft durch ununterbrochenes Wachstum und stetige Vervollkommnung der sozialistischen Produktion auf Basis der höchstentwickelten Technik“ [III, S. 41].

Dieses Gesetz, das Stalin dem von ihm erfundenen Gesetz der maximalen Profitrate schroff gegenüberstellt, sagt nichts über die Senkung der Arbeitmühe. Der 20. Parteitag hat nicht zu verstehen gegeben, ob auch dieser Teil der ökonomischen Formeln in den „Problemen“ einer Revision unterzogen werden soll und ob dies im Sinne des Marxismus-Leninismus geschehen wird. Über diese Fragen kann nur der vorgelegte Fünfjahresplan aufklären, bzw. die Indexziffern, die bis 1960 erreicht werden sollen.

Nirgends ist also etwas davon zu sehen, dass die hanebüchenen ökonomischen Fehler Stalins im marxistischen Sinne beseitigt worden sind, oder dass sie in Zukunft in neuen ökonomischen Studien beseitigt werden sollen. Diese wären von Grund auf neu zu schreiben: Mikojan hat nicht begriffen, wie ungeheuerlich es ist zu sagen, die statistischen Erhebungen des mächtigen, staatlichen Verwaltungsapparates blieben weit hinter denen zurück, die Marx und Lenin seinerzeit mit ihren bescheidenen persönlichen Mitteln und in tiefster Armut ausarbeiteten, aber gleichwohl zu besseren Resultaten geführt hatten. Kann sich ein sozialistischer Staat ein größeres Armutszeugnis ausstellen?

Auch hier bleibt also festzuhalten, dass trotz der Stalin beigebrachten theoretischen Schlappe alles beim Alten bleibt und es sich nicht um die viel zitierte Rückkehr zum Marxismus-Leninismus handelt; dass man vielmehr auf die Stalin’sche Niederlage noch eins draufgibt, nur um den von den großen Lehrern vorgezeichneten Weg der revolutionären Doktrin allseits noch mehr zu verbiegen!

Die historische Reihenfolge und ihre Ziele sind im Wesentlichen folgende:

Lenin stellt den allgemeinen Kampf des Proletariats aller Länder an die erste Stelle, um den Kapitalismus, der sterben wird, niederzuringen.

Stalin – erste Phase: Errichtung des russischen Staats, ohne auf den Krieg mit dem Westen, der überrumpelt werden soll, zu verzichten.

Stalin – zweite Phase: produktive, technische und kulturelle Überholung des Westens, der unterliegend zerfallen wird.

Stalins Henker: friedlicher Wettlauf mit dem westlichen Kapitalismus, den man als überlegen und existenzberechtigt anerkennt.

Der Wettlauf um die Akkumulation

Nicht das Aufflammen des Klassenkampfes und des Gegensatzes zwischen Produktivkräften und gesellschaftlichen Verhältnissen soll also über das Schicksal des Kapitalismus entscheiden, sondern – auf Basis des „Vergleichs“ der östlichen und westlichen Produktionsdaten und ihrer Wachstumsraten – die Überzeugung „Ihrer Majestät der öffentlichen Meinung“ eines jeden einzelnen Landes der Welt. Folglich gründet sich alles auf den Vergleich von Zahlen und Daten.

Während Bulganin bei Vorlegung des nächsten Fünfjahresplans die für 1960 vorgesehene Lage umriss, stellte Chruschtschow in seiner Eröffnungsrede einen Vergleich zwischen den verschiedenen Ländern nach den Angaben von 1955 an.[11] Er hat weder die absoluten Zahlen der Industrieproduktion noch die Indizes Pro-Kopf angegeben, d.h. die Zahlen, die man erhält, wenn erstere durch die Einwohnerzahl des jeweiligen Landes dividiert werden.

Er gab nur das Verhältnis zwischen der heutigen Produktion und der von 1929 an, d.h. nach 25 Jahren und fünf Fünfjahresplänen, wobei er die Produktion eines jeden Landes von 1929 auf den Index 100 festsetzte. Eindruck schinden ließ sich mit der Aussage, dass in Russland der heutige Index bei gut 2000 liegt (d.h. die Industrialisierung circa 20-mal so groß ist), während in den westlichen Ländern der Index 10-mal niedriger ist, also um 200 schwankt, d.h. sich nur verdoppelt hat.

Hier dreht sich alles um das wundersame Stalin’sche Gesetz der geometrischen Proportion, angeblich das Gesetz „des Sozialismus“, aber tatsächlich nur das Gesetz des Kapitalismus der erweiterten Akkumulation, das Versicherungsgesetz jeder bürgerlichen Buchhaltung, das in den Zinseszinstabellen abgelesen werden kann: Will ich ein Kapital (d.h. ein Einkommen bzw. Produkt) in 25 Jahren verdoppeln, genügt es, wenn jedes Jahr nicht 4% (wie es bei der arithmetischen Folge der Fall ist), sondern circa 3% dazukommen. Nach 25 Jahren besitze ich nicht 175, sondern aufgrund der Zinseszinsen 200.

Um in 25 Jahren nicht das Doppelte, sondern das 20-fache der Ausgangszahl zu erhalten, muss das jährliche Wachstum bei knapp 13% liegen (und nicht 76%, wie aus einer dilettantischen Rechnung hervorgehen könnte). Das ganze Resultat besteht also darin, dass in Russland die Akkumulationsrate 3- oder 4-mal höher ist als in den entwickelteren kapitalistischen Ländern.

Man will einen lächerlichen demagogischen Effekt erzielen, indem man versucht, glaubhaft zu machen, der „Sozialismus“ beschleunige die Produktion gegenüber dem Kapitalismus dreimal so schnell, vermehre somit Wohlstand und Glück der Menschen ebenfalls um das Dreifache. Man braucht den Sozialismus daher bloß noch einzuführen – was ganz einfach durch freie Wahlen freier Völker und freier Bürger aller Klassen zu bewerkstelligen ist.

Was ein ökonomischer und marxistischer Schwachsinn sondergleichen ist, den nicht einmal Josef Stalin gewagt hätte zu schreiben.

Das Alter des Kapitalismus

Der entstehende Kapitalismus akkumuliert in einem schnellen, der entwickelte Kapitalismus in einem langsamen Rhythmus. Historisch gesehen nimmt die Akkumulationsrate (wie die Durchschnittsprofitrate) ab; dennoch wächst die Masse des Produkts, des Kapitals, des Einkommens, des Profits, und (um mit Lenin zu sprechen) ebenso die Weltmacht des Kapitals. Mit dem Sozialismus sinkt diese Rate auf ein Minimum, und theoretisch, wenn nicht auf Null, so doch auf die Rate des jährlichen Bevölkerungswachstums (in den demografisch am stärksten wachsenden Ländern liegt sie bei circa 1%). Das sind die marxistischen Schlussfolgerungen.

Sicherlich trat der Kapitalismus lange vor 1929 in Russland auf. 1929 jedoch, nach dem I. Weltkrieg und den Jahren des Bürgerkriegs, wurde die Industrialisierung auf staatliche Initiative hin, also von der Sowjetmacht, wieder aufgenommen.

Als 1936 die Verfassung angenommen wurde, erklärte Moskau, die Industrie sei 7-mal stärker als vor dem Krieg im Jahre 1913. Da in den heute auf dem 20. Parteitag bekannt gegebenen Daten der Index von 1937 – bei einem Index von 100 für das Jahr 1929 – 429 ist, folgt daraus: Die russische Wirtschaft war 1929 nur wenig stärker als 1914, gut anderthalbmal so stark.

Wenn man also für alle Länder von 1913 ausgeht, erstreckt sich die betreffende Periode auf 42 Jahre, in denen die Zuwachsrate der westlichen kapitalistischen Länder ungefähr gleich blieb, d.h. bei 4% lag, während die russische im Durchschnitt nur noch auf 7,5% kommt. Wahrscheinlich entspricht dies der Rate, die schon der... Zar erreicht hatte.

Wenn wir die ersten 40 Jahre des Kapitalismus, z.B. in England und Frankreich (gegen Ende des 17. und 18. Jahrhunderts) nähmen, würden wir einen Index finden, der nicht unter dem russischen von 7,5% liegt und sogar die 13% der Fünfjahrespläne übertrifft.

Die Regel ist also, dass ein Land, das gerade aus dem Feudalismus herausgetreten ist, ein viel rascheres Industrialisierungstempo vorlegt als ein schon seit langem kapitalistisches Land. Wenn dieses Industrialisierungstempo proportional zum Wohlstand wäre – in Wirklichkeit ist es proportional zur Ausbeutung und Arbeitsqual der Lohnarbeiter –, wäre das Wettrennen, von dem geschwätzt wird, nicht erst vom kapitalistischen, sondern schon vom feudalistischen System gewonnen worden: Dies jedenfalls ist weder ein ökonomisches, noch ein historisches Paradoxon – es sei denn, man hält unsere heimischen Analphabeten (Nenni & Co) für maßgebend.

Wir können also feststellen, dass Russland nicht nur historisch, sondern auch wirtschaftlich gesehen ein noch wenig industrialisiertes Land ist. Deshalb rennt es, nicht um den Ruhm des Sozialismus zu mehren, sondern um den westlichen Ländern nachzueifern, aufgrund also der normalen Konkurrenz zwischen den nationalen Kapitalismen, die einer nach dem anderen der imperialistischen Agonie anheim fallen.

Die Indexziffern Pro-Kopf

Nehmen wir an, in Russland bliebe die im Jahre 1955 erreichte Wachstumsrate bis 1960 die gleiche, und nehmen wir weiter an, die momentan günstige Konjunktur in Amerika und Westeuropa bekäme einen Dämpfer, so als gäbe es nur dort Kapitalismus und folglich nur dort „Krisen“, die in Russland durch den schon errichteten „Sozialismus“ abgeschafft wären.

Laut Bulganin würde Russland dann 593 Millionen Tonnen Steinkohle gegenüber den 222 Großbritanniens und den 465 der USA produzieren. Es würde hier also den ersten Platz einnehmen. Und das in absoluten Zahlen. (Siehe Tabelle C.)

Aber, so haben die super-kapitalistischen Moskauer Planer gemahnt, wir müssen wetteifern, bis wir die westlichen Indizes „Pro-Kopf“ überflügelt haben. Beziehen wir also die (heutigen) 220 Millionen Einwohner Russlands, die 50 Englands und die 160 der USA mit ein. Die Reihenfolge der Indizes wäre folgende: England 4,4 Tonnen pro Einwohner, USA 2,9 Tonnen und Russland 2,7. Wenn nicht die Stalin’sche Formel ein Wunder tut, wird Russland 1960 immer noch Schlusslicht sein. Heute dagegen ist die Reihenfolge: England 4,4 T, USA 2,9 T, Russland 1,8 T.

Also lauf, kapitalistisches, industrielles Russland!

Nehmen wir den elektrischen Strom. 1960: USA 612 Milliarden Kilowatt, Russland 320, England 77. Pro Einwohner: USA 3,8 kW, England 1,54 kW, Russland 1,45 kW. Also absolute wie relative Unterlegenheit. Heute jedoch sieht das Verhältnis so aus: USA 3,8 kW, England 1,54 kW, Russland 0,77 kW.

Also lauf, Russland!

Aber ein noch beweiskräftigerer Index ist der des Stahls, seiner Majestät des Stahls, der Krieg und Frieden, Leicht- und Schwerindustrie, Innen- und Außenarchitektur beherrscht; obwohl man ihn nicht essen kann. Laut Fünfjahresplan soll Russland 1960 68 Millionen Tonnen erreichen (gegenüber den 45 von 1955), England 20, die USA 106. Pro-Kopf: USA 0,66 T, England 0,40 T und Russland 0,31 T (gegenüber den heutigen 0,20).

Also lauf, Russland, iss weniger und produziere mehr!

Bei all diesen Zahlen sind wir von der Hypothese ausgegangen – bei der guten Meinung, die Bulganin und Chruschtschow von Russland haben, aber der schlechten, die Stalin vom Westen hatte (was auf dem 20. Parteitag zugunsten der kapitalistischen Industrie korrigiert wurde!) –, dass in den kommenden 5 Jahren im Westen die Produktion und im Osten das Bevölkerungswachstum stagniert.

Chruschtschow hat daran erinnert, dass eine neue Figur die Bühne betreten hat: Das Bonner Deutschland, das in raschem Tempo seine Industrie wieder aufgebaut hat, vermittels einer Technik und einem Know-how, vor denen Russen und Amerikaner nur den Hut ziehen können. Bevölkerungszahl: 52 Millionen (wovon 8 aus dem Osten und dem Ausland immigriert sind). Stahlproduktion 1955: 20 Millionen Tonnen. Index Pro-Kopf: knapp 0,4 – wie in England. Die Wachstumsrate ist nicht so niedrig wie in England, sondern gleich hoch wie in Russland! Also Zahlen ersten Ranges, absolut wie relativ, sowohl was Masse als auch Wachstumstempo betrifft.

Heute, wie auch 1960, würde eine industrielle Achse USA/Westdeutschland, einer Achse Russland/England/Frankreich überlegen sein. Nach diesen Meistern kommt Japan.

Mit den Besiegten oder mit den Siegern?

Ein weiteres Gesetz: Die im Kriege besiegten Industriestaaten beginnen ihrerseits um die Wette zu laufen, während die Sieger langsam vorangehen. Mit jugendlicher Reproduktionskraft regeneriert der gigantische kapitalistische Polyp seine Fangarme überall dort, wo sie ihm abgeschnitten wurden.

Entnehmen wir der Tabelle A die Zuwachsraten der Industrieproduktion (als jährlichen Durchschnitt der letzten 5 Jahre).

Amerikas Produktion steigt langsam um 4,25% im Jahr an. Englands noch langsamer: 3,41%. Das im Krieg schwer malträtierte Frankreich kommt auf 6,32%. Besiegte Sieger.

Das militärisch besiegte, industriell schlecht ausgerüstete Italien erreicht schon 9,36%. Japan und Deutschland, die am Boden lagen, gehen genauso schnell wie Russland voran, d.h. mit einem beeindruckenden jährlichen Wachstum von 15,75% resp. 12,72%. Mit 15% pro Jahr erreicht man in 5 Jahren nicht 75%, sondern 100%. In der Tat ist das Volumen der russischen Industrieproduktion in der Tabelle A von 1082 auf 2049 geklettert (d.h. von 100 auf 189), das deutsche von 117 auf 213 (von 100 auf 182) und das japanische von 115 auf 239 (von 100 auf 207!). Sind das vielleicht Wunder des Sozialismus?! Nimmt sich Bulganin solche Wunder vielleicht für den nächsten Plan vor (bzw. erwartet er sie), mit seiner 65%igen Steigerung von 100 auf 165, d.h. mit der bescheidenen Zuwachsrate von 10,5%? In den Plänen der Vorkriegszeit schwankte dieselbe Rate zwischen 10,5% und 13% (die für die fünf Jahre 1950-55 angegebenen Zahlen unterscheiden sich nur wenig von den Zahlen für die neun Jahre zwischen 1946-55).

Das Abbremsen der Investitionen in der Industrie, im Zusammenhang mit der Verurteilung Stalins, könnte – lässt man die Propagandalügen mal außer Acht – als sozialistische Maßnahme erscheinen, sofern es auf eine Verbesserung des katastrophalen Lebensstandards zielen würde (ein Gebiet, auf dem Russland dem Westen hoffnungslos unterlegen ist). Aber in Wirklichkeit handelt es sich bloß darum, einerseits dem proletarischen Druck nachzugeben, andererseits die militärische Unterlegenheit gegenüber dem imperialistischen Westen zu beklagen.

Was den ersten Punkt betrifft, so werden wir dazu im nächsten Kapitel etwas zur Landwirtschaft und zum Konsum sagen. Und in den Wirtschaftsreden des 20. Parteitags dick unterstreichen, dass sich hinter dem Motto „Rückkehr zur marxistischen Ökonomie“ eine neidische Ehrerbietung vor der amerikanischen Nationalökonomie, vor dem modernen Keynes und (wie sich beweisen lässt) vor dem prä-marxistischen Höhlenbewohner Malthus verbirgt.

Die Gesetze des historischen Materialismus (mit denen auf den Schreibtischen der „Battilocchi“ nicht mehr einfach herumgespielt werden kann) zwingen die Ideologie, sich dem gesellschaftlichen Unterbau zu beugen, auch wenn versucht wird, sich mit Hilfe der vorgebrachten und serienweise zum Vertrieb in alle Welt fabrizierten Argumenten dagegen zu stemmen Dies sind die wirklichen Geständnisse – nicht jene, die man von den Angeklagten der Säuberungsprozesse erhielt und deren bestialische Erpressung man heute auf so schmutzige Art zurücknimmt. Bürgerliche Gesellschaft, Parteitage mit bürgerlicher Attitüde, bürgerliche Wirtschaftslehre. Nein, selbstverständlich nicht im klassischen Sinne, sondern im vulgären, neo-vulgären und super-vulgären Sinne des Wortes, wie Marx mit unübertrefflicher Verachtung zu sagen pflegte.

 


[1] „Weshalb nennen wir die Theorie der ‘großen Männer’ die Theorie des ‘battilocchio’? Der battilocchio ist ein Typ, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und gleichzeitig seine absolute Hohlheit offenbart“. „Il battilocchio della storia”; il programma comunista, Nr. 7, 1953.

[2] Dante: „Die Göttliche Komödie“, Die Hölle, 4. Gesang, Vers 131.

[3] Anspielung auf die Gladiatoren im römischen Reich, die, bevor sie in der Arena kämpfen mussten, den Satz zu sprechen hatten: „Ave, Cäsar, morituri te salutant“ (Heil dir, Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich).

[4] Plutarch: grch. Philosoph und Historiker. Bekannt für seine 44 vergleichenden Biographien berühmter Griechen und Römer.

[5] Dialog mit Stalin; Il programma comunista, Nr. 1-4, 1953.

[6] Struttura economica e sociale della Russia d’oggi; Protokoll der Versammlungen von Neapel, April 1955 und Genua, August 1955.

[7] Es handelt sich um: „Über dialektischen und historischen Materialismus“ in „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) - Kurzer Lehrgang“, 1938. Kapitel IV, Seite 131-165, von Stalin verfasst.

[8] Pontifex maximus: (lat.) oberster Brückenbauer; bezeichnete ursprünglich den obersten Wächter des altrömischen Götterkults und ging später auf die römischen Kaiser und schließlich auf die Päpste über.

[9] Siehe: „Die Umkehrung der Praxis in der marxistischen Theorie“; Rom 1951.

[10] MEW 19, S.14.

[11] Siehe Tabelle A im Anhang.