| 1956-03-03 - Dialog mit den Toten (5) |
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Dialog mit den Toten (V)Dritter Tag (später Nachmittag)Prinzipielle FragenWir kommen jetzt zu den großen Fragen der gegenwärtigen Geschichte: internationale Politik, Krieg und Frieden.
Auf dem 20. Parteitag verkündete Chruschtschow unter allgemeiner Zustimmung, „einige prinzipielle Fragen" klären zu müssen. Sieh mal einer an, man gibt sogar zu, dass es noch prinzipielle Fragen gibt, wo doch der Slogan im vom Kreml geleiteten monströsen Apparat seit etlichen Jahren lautet: „Schluss damit, theoretische Fragen unter die Massen zu tragen!" Den Massen legt man Momentaufnahmen der Situation, „konkrete Fragen" vor, wobei dem durchaus nicht entgegensteht, wenn es dem Augenblickserfolg dient, wieder „Prinzipien" herbeizuschaffen, vielleicht von Marx, Engels und Lenin, aber genauso von Robespierre, von Christus, von... Cavour, Garibaldi oder dem Papst. Einzige Bedingung ist, dass derartige Notbehelfe der öffentlichen Meinung schmeicheln und das Wohlwollen der Bürger finden...
Diese prinzipiellen Fragen wurden gegenüber der vorherigen Stalin'schen Periode und dem 19. Parteitag auf einer neuen Ebene in Szene gesetzt, und dies könnte im gewissen Sinne auch zugestanden werden. Was wir jedenfalls bestreiten ist, dass der „neue Kurs" (aus Erfahrung ist diese Formel ganz und gar suspekt) in Richtung der Grundsätze geht, denen Marx, Lenin, der Bolschewismus und die Kommunistische Internationale folgten.
Dieser neue Kurs tut nichts anderes als immerhin noch einen auf dem Papier stehenden Rest von Grundsätzen zu zerfetzen, wozu man sich „unter Stalin" noch nicht hatte durchringen können - so bewerten wir klar und deutlich den 20. Parteitag.
Wir denken, dies hinsichtlich der dritten Frage Chruschtschows unter Beweis gestellt zu haben: die Übergangsformen der verschiedenen Länder zum Sozialismus. Keine einzige Seite des Marxismus-Leninismus ist hier gerettet worden. Selbst wenn man noch nicht zu sagen gewagt hat (das wird erst der 21. Parteitag tun), dass die gewaltsame und diktatorische Form des Übergangs von nun an „unterbunden" ist, behauptet man doch ohne große Umschweife, in der Regel ginge der Weg heute „über die Demokratie", jedenfalls in allen Ländern, mit denen Moskau diplomatische Beziehungen unterhält.
Das Korollar zu diesem Schritt bestand denn auch darin, ungeniert die Liquidierung des Kominform1 bekannt zu geben - nachdem man zuvor, 1943, als man sich der sozial-patriotischen Politik für den Krieg anschloss und damit das historische Werk Lenins gegen die Kriegs-Ja-Sager von 1914 zerstörte, die von ihm gegründete Kommunistische Internationale liquidiert hatte. Genauso wird heute die nach dem I. Weltkrieg vollzogene Spaltung zwischen der Sozialdemokratie und dem Weltkommunismus zurückgenommen und der Einheit in den schlechtesten Zeiten der II. Internationale, was heißt der Klassenkollaboration auf Weltebene, nachgetrauert. Man sagt wirklich, infolge „der Veränderungen in der internationalen Lage" bestehe die Aufgabe darin, die „Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden und die Einheit der Arbeiterklasse zu stärken, um den Kampf für den Frieden und den Sozialismus erfolgreich führen zu können". Dieses neue Ziel ist aber nicht, wie es den Anschein haben könnte, das Werden einer einzigen Partei der Arbeiterklasse; es besteht vielmehr darin, diese Klasse in einer breiten nationalen und sozialen Front friedliebender Mittelklassen zu ersäufen. Unterwerfung der kommunistischen Bewegung unter einer Front breiter Volksschichten ist eine historische Formel, die, wir sagen es noch einmal, nur einen einzigen Inhalt haben kann: die Unterwerfung der gesamten Gesellschaft unter den Großkapitalismus.
Wohlgemerkt: Natürlich kann jemand, irgendjemand, die Meinung vertreten, die „Veränderungen in der historischen Weltlage" zwischen 1919 und 1956 müssten zu ganz anderen Schlussfolgerungen und Perspektiven führen als denjenigen, die damals den internationalen kommunistischen Kampf bestimmten und leiteten.
Wir wollen hier und jetzt nicht den Beweis vertiefen, dass stattdessen nichts anderes als die absolute Bestätigung der damaligen kommunistischen Position daraus abzuleiten ist.
Unsere Absicht ist vorerst nur, das Existenzrecht jener zu negieren - in der Zukunft wird dies statt mit Worten mit nackter Gewalt bewiesen werden -, die diese neue Richtung mit den oben erwähnten Situationsveränderungen begründen, ohne gleichzeitig zu sagen, dass sie das historische Bauwerk von Marx und Lenin für falsch und antiquiert halten - und zwar nicht nur, was die letzten 40 Jahre betrifft, sondern überhaupt. Koexistenz ohne KriegAußer der Frage des Übergangs zum Sozialismus behandelt Chruschtschow noch zwei andere wichtige Fragen: „Über die friedliche Koexistenz der zwei Systeme" und „Über die Möglichkeit der Verhütung von Kriegen in der gegenwärtigen Epoche". Sehen wir, ob diese Fragen eine Neuerung enthalten, und in welcher Richtung. Das Neue ist schnell gesagt: Außer Marx und Lenin hat man sogar Stalin abgeschworen.
Wir berichteten bereits von der Position des Kongresses, was die „Nicht-Einmischung" des sowjetischen Staates (und folglich die Nichteinmischung der auf diesem Kongress tagenden Partei) in die „inneren politischen Angelegenheiten" anderer Länder betrifft; und vom seltsamen Anspruch des Staates, der Partei und des Parteitags, auch weiterhin den Kapitalismus in jenen Ländern durch den Sozialismus ersetzen zu wollen, dies zu „wünschen", doch ohne sich dabei „die Hände schmutzig zu machen". Leider hat diese absolut defätistische Haltung bei den internationalen Arbeitermassen auch weiterhin Kredit, denn die gesamte öffentliche Meinung und bürgerliche Propaganda bestärken diesen Glauben dadurch, dass sie nach wie vor den eigenen Schrecken vor dem Kommunismus hinter der Agitationskampagne gegen die Moskauer Politik verstecken. Dieses Spiel werden sie noch eine ganze Weile treiben. Zu einer Klärung der Verhältnisse werden weitere Kongresse dieser Sorte jedenfalls nicht beitragen können, sondern nur neue und den Interessen und Konfliktlinien des Imperialismus entgegenstehende Kräfteformierungen.
An diesem Punkt ist es notwendig, die historische Entwicklung der Frage der Koexistenz oder geradezu des Zusammenlebens aufzuzeigen (niemand ist so blind zu behaupten, die beiden Staatengruppen könnten weiter gehen und sich dabei „ignorieren").
Koexistenz bedeutet heute in der Tat nicht nur: Abwenden von Kriegen zwischen Klassen und Staaten, weltweiter Frieden, Entwaffnung der revolutionären Kräfte und sogar der Partisanenverbände, sondern vor allem: wirtschaftliche, soziale und politische Zusammenarbeit.
Historisch gesehen ging diese Frage aus einer anderen hervor, über die heute kein Wort mehr verloren wird und bei der man so tut, als stehe sie „außer Frage" - obwohl sie die einzig wichtige Frage ist: Wir stellen sie inmitten des allgemeinen Schweigens, aber in der Erwartung, dass in einigen Jahren beide Lager laut und vernehmlich darüber streiten werden. Es ist die Frage des Sozialismus in einem Land.
Müssen ein Land mit einem sozialistischen System und ein Land mit einem kapitalistischen System zwangsläufig gegeneinander Krieg führen? Bevor wir zu dieser merkwürdigen Frage Stellung nehmen, muss man sehen, ob sich eine solche historische Situation, nämlich die Existenz zweier Systeme, überhaupt entwickeln kann, bzw. ob sie heute bereits eingetreten ist.
Diese Frage hat sich in drei Etappen entwickelt: Dezember 1926, auf der Erweiterten Exekutive der KI in Moskau (7. Sitzung); 1939, auf dem 18. Parteitag der KPdSU, am Vorabend des II. Weltkrieges; 1952, auf dem 19. Parteitag, vor dem Tode Stalins. Die Wende des Jahres 1926Die erste Diskussion spiegelt einen entscheidenden Zeitpunkt wider.2 Die große Organisation, die den russischen Staat aufrecht erhält, gibt ihre Anstrengungen hinsichtlich der proletarischen Weltrevolution auf und stellt sich zwei Aufgaben: Innere und äußere Selbstverteidigung durch bewaffnete Streitkräfte; eine Wirtschaftspolitik, die von den Anhängern der schließlich siegreichen These „Aufbau des Sozialismus" genannt wird.
Es gab damals zwei richtige Thesen, und die Geschichte bestätigte beide: In den kapitalistischen Ländern ist die Revolution „vertagt" worden - der militärische Angriff dieser Länder gegen Russland ist möglich, und wahrscheinlich.
Die These Stalins und damals auch Bucharins: Wenn wir die Macht halten, kann die russische Wirtschaft in ein „sozialistisches System" überführt werden - auch wenn die Situation noch lange durch die Passivität des internationalen Proletariats und Aktivität der kapitalistischen Staaten gekennzeichnet bleibt.
Außergewöhnlich kraftvoll war der Gegenbeweis von Trotzki, Sinowjew und Kamenew, den wir auch heute noch eines äußerst aufmerksamen Studiums für würdig halten. Klar und unanfechtbar legten sie die Lehre von Marx und Lenin in folgenden Punkten dar: 1. Weltweit erscheint und entwickelt sich der Kapitalismus unterschiedlich in Zeit und Wachstumstempo. 2. Dasselbe gilt daher für die Formierung der proletarischen Klasse und ihrer politischen und revolutionären Kraft. 3. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat kann nicht nur in einem einzigen Land, sondern sogar noch in einem industriell wenig entwickelten Land erfolgen, während entwickelte Länder der Macht des Kapitalismus unterworfen bleiben. 4. Die Existenz von Ländern, in denen die politische proletarische Revolution bereits stattgefunden hat und das Proletariat an der Macht ist, beschleunigt den revolutionären Kampf in allen anderen Ländern außerordentlich. 5. In der aufsteigenden Phase dieses revolutionären Kampfes können die bewaffneten Kräfte der proletarischen Staaten sowohl zwecks Verteidigung als auch zwecks Angriff intervenieren. 6. In einer Pause der Bürger- und Staatenkriege kann ein allein stehendes proletarisches Land nur die Schritte „in Richtung" Sozialismus unternehmen, die seiner wirtschaftlichen Entwicklung entsprechen und durch sie determiniert sind. 7. Handelt es sich um eines der großen entwickelten Länder, so würde es vor der vollkommenen Transformation in eine sozialistische Wirtschaft - was theoretisch nicht unmöglich ist - zu einem allgemeinen Bürger- und Staatenkrieg kommen. 8. Handelt es sich, wie im Falle Russlands, um ein soeben aus dem Feudalismus herausgetretenes Land, so wird es nach dem politischen Sieg des Proletariats keine anderen Schritte tun können, als die „Grundlagen" des Sozialismus zu verwirklichen, d.h. die Industrialisierung zu forcieren. Es wird folgendes Programm aufstellen: Die politische Revolution im Ausland erwarten und darauf hinarbeiten, und im Innern den Staatskapitalismus auf warenproduzierender Basis aufbauen.
Ohne die Weltrevolution war - und ist - der Sozialismus in Russland unmöglich.
Diese Position haben wir absichtlich so kurz und bündig zusammengefasst. Das Bemerkenswerte auf jener Sitzung im Jahr 1926 war der Beweis, dass niemand bis 1924 anderer Ansicht gewesen war; die falsche Auslegung von ein oder zwei Zitaten Lenins wurde vereitelt und gezeigt, dass auch Stalin und Bucharin sich bis dahin immer in diesem Sinne geäußert hatten.
Um unsere Beweisführung nicht zu unterbrechen, kommen wir jetzt nicht auf den ökonomischen Teil der damaligen Diskussion zurück. Heute ist es wesentlich leichter als damals zu beweisen, dass die russische Gesellschaft kapitalistisch ist. Bis zum Eingeständnis dessen ist es nicht mehr weit hin.
Während Chruschtschow heute von der „Lenin'schen" Theorie der friedlichen Koexistenz redet, stellen wir nicht nur fest, dass der Aufbau des Sozialismus allein in Russland niemals eine Lenin'sche Theorie war, sondern zudem, dass die des Friedens zwischen den zwei Systemen - bis 1926 - auch keine Stalin'sche oder Bucharin'sche Theorie war.
In den schwachen Reden des kaltblütigen Stalins und in denen des hitzigen Bucharins kommt das klar zum Ausdruck. Eine einzige Passage von Bucharin: „Das ewige Nebeneinanderbestehen von proletarischen Organisationen und kapitalistischen Staaten ist ebenfalls eine Utopie. Ein solches Nebeneinander ist eine vorübergehende Erscheinung. Das versteht sich von selbst. Deshalb ist in der Perspektive ein bewaffneter Kampf zwischen uns und den Kapitalisten unvermeidlich. Ich erkläre kategorisch, der Endsieg des Sozialismus ist der Sieg der Weltrevolution oder zumindest der Sieg des Proletariats in allen ausschlaggebenden Zentren der kapitalistischen Welt" [V, S. 461].
Dies im Jahre 1926; heute liebäugelt man mit dem „nicht ausschlaggebenden", dem wohl „nebensächlichen" Kapitalisten „Onkel Sam"!
Diese Worte Bucharins waren marxistisch. Er war nur zu ungestüm, noch länger auf die Durchsetzung des Sozialismus im weiten Russland - bei einer derartig absoluten Macht in Händen - zu warten. Er bezahlte dann das Recht, ein großer und wahrer revolutionärer Kommunist genannt zu werden, mit dem Leben.
Sogar Stalin ist einiges zu danken, wenn es stimmt, dass er umgebracht wurde. Wir werden gleich sehen. Feuerschein am Vorabend des KriegesAm 10. März 1939 verliest Stalin seinen Bericht auf dem 18. Parteitag der KPdSU in Moskau. In dem von 1926 bis 1939 dauernden Kampf hatten die Verfechter des „aufgebauten Sozialismus" in Russland einen blutigen Sieg davongetragen. Nicht nur Sinowjew und Kamenew, sondern auch Bucharin waren ermordet worden; der aus Russland geflüchtete Trotzki hatte nicht mehr lange zu leben. Ohne seinen durch endlose Phrasen geprägten Stil abgelegt zu haben, zeigt sich ihr Feind (ein nicht blöder, sondern starrsinniger Mann, der eine große Gelegenheit verpasste zu zeigen, wie Starrsinn eine revolutionäre Tugend sein kann) völlig sicher, dass sie nicht mehr aus ihren geschlossenen oder noch offenen Gräbern sprechen werden: „(...) die Säuberung der Sowjetorganisationen von Spionen, Mördern und Schädlingen vom Schlage eines Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Jakir, Tuchatschewski, Rosenholz, Bucharin und anderen Scheusalen", die „vor dem Ausland auf dem Bauche krochen" [IV, S. 35], ist abgeschlossen. Aber wie dachte Stalin damals über die Koexistenz und den Krieg? Nun, in jener Rede Stalins ist der Krieg gewiss, nahe und unvermeidlich.
Das Häuflein ehrloser Speichellecker von damals, heute darum bemüht, die Figur Stalins zu demolieren, besteht auf der Behauptung, er sei noch wenige Stunden vor der deutschen Offensive von 1941 völlig ahnungslos gewesen. Demnach war also die deutsch-russische Umarmung von 1939 voller Vertrauen und der hinterlistige Schlag gegen den Freund ging dann von deutscher Seite aus? Diese Pfuscher machen die Dialektik der Geschichte zu einem stinkenden Fußlappen. So gewaltige Kräfte setzen sich nicht aufgrund dunkler, tags zuvor ausgeklügelter Machenschaften in Bewegung! Wir müssen uns an das Dokument halten, in dem Stalin sechs Monate vor Hitlers Einmarsch in Polen zeigt, eine klare Vorstellung gehabt zu haben. Es ist schon merkwürdig, mit welcher Unverfrorenheit gerade diejenigen heute Stalin abwerten, die auf seiner Perspektive die Politik der gesamten Kriegs- und Nachkriegszeit aufbauten!
Stalin beschreibt die Manöver des Weltimperialismus als mit Gewissheit auf die Auslösung eines Krieges gerichtet. Er sagt ausdrücklich: „Der neue imperialistische Krieg wurde zur Tatsache" [IV, S. 10]. Die kapitalistischen Länder fürchten ihn jedoch, da er „zum Sieg der Revolution in einem oder in mehreren Ländern führen könnte" [IV, S. 12]. Stalin beruft sich also noch auf die Lenin'sche Theorie des Imperialismus.
Was dagegen seltsam ist und kritisiert werden müsste (von Seiten der Marxisten und nicht der Prinzipienlosen, die Stalin damals umringten), ist die von Stalin eingeführte Unterscheidung zwischen „aggressiven" und „demokratischen" Staaten, worauf sich später die defätistische Politik des Antifaschismus und der Befreiung gründen wird.
Für ihn verbergen die „aggressiven Staaten Deutschland, Italien und Japan" hinter dem berühmten „Antikomintern-Pakt" ihre Absicht, die „demokratischen Staaten England, Frankreich und Amerika" anzugreifen. Er geißelt sogar die Nachgiebigkeit (in München) angesichts der Anmaßungen Hitlers! Nach nebulösen Andeutungen über die Friedensbereitschaft Russlands brandmarkt er die „Pilatus"-Politik der „Nichteinmischung" in den Krieg. Was Russland anbetrifft, so bereitet es sich auf den Krieg vor: „Niemand glaubt mehr den salbungsvollen Reden, dass die Münchner Zugeständnisse an die Aggressoren und das Münchner Abkommen eine neue Ära, eine Ära der ‘Befriedung', eingeleitet hätten" [IV, S. 15]. Wie dem auch sei, „wir fürchten keine Drohungen der Aggressoren und sind bereit, auf einen Schlag der Kriegsbrandstifter, die versuchen sollten, die Unantastbarkeit der Sowjetgrenzen zu verletzen, mit einem doppelten Schlag zu antworten" [IV, S. 16].
Wir Marxisten sind weit entfernt von einer „Aggressions-Theorie" und davon, kriegerische und friedliebend-demokratische Länder voneinander zu unterscheiden; eine Unterscheidung, die die wahre Lehre von Marx und Lenin über den Krieg, dem Kind bürgerlicher Produktionsverhältnisse (das es keineswegs nötig hat, von Verbrechern „gewollt" worden zu sein), verschleiert,
Allerdings können wir nicht verschweigen, dass die heutige Rederei über friedliche Koexistenz und Vermeidbarkeit des Krieges weitaus degenerierter und ekelhafter ist, als es die Reden am Vorabend des II. Weltkrieges waren.
Wenn auch das doppelte Spiel des Bündnisses (zuerst mit den Aggressoren, dann mit den friedliebenden Ländern) eine weitere Meisterleistung in der Abschaffung der Prinzipien ist, heißt das durchaus nicht, die heutige Art und Weise, das Drama von Danzig bis Stalingrad darzustellen, sei weniger dünkelhaft und suspekt. Für uns ist es ebenso Verrat, die bewaffnete Hand Hitlers zu schütteln, wie die von Churchill und Roosevelt; beide Male der gleiche Kniefall einer bereits kapitalistisch gewordenen Macht vor den Imperativen des Imperialismus; aber auch der gleiche Gehorsam vor den stärkeren Kräften des Determinismus, denen sich die internationale Politik beugen muss, welche, wie die Einfaltspinsel und Scharlatane behaupten, den schwachen und zittrigen Händen der „wenigen Großen" anvertraut sei. Das Testament StalinsDie Biographie der Person Stalin berührt uns nicht mehr als die jedes anderen fern- oder nahe stehenden Feindes oder Freundes. Wir bedienen uns ihrer nur als historischem Mittel, um das Terrain von der neuen Lüge zu säubern, die nicht minder schäbig ist als diejenige, die aus unseren großen, in den russischen Säuberungen hingemetzelten Brüdern „Scheusale" machte: Die neue Lüge, dass, während man sich -vergeblich - der an den Namen Stalin gebundenen Verantwortung zu entledigen sucht, die tatsächliche Rückkehr zu den ruhmreichen Zeiten bevorstehe, in denen die Lehre von Marx und Lenin zum maßlosen Schrecken der kapitalistischen Welt in unvergängliche Höhen gehoben wurde.
In Stalins Schrift über die „ökonomischen Probleme" sahen wir, wie die These des imperialistischen Kriegs - dem nur die Zerschlagung des Kapitalismus ein Ende bereiten kann - noch aufrecht erhalten zu werden schien, wenn auch mit offenbar zwielichtigen Zugeständnissen an die Koexistenz und den Pazifismus.
Heute wird diese Schrift verworfen, aber weshalb eigentlich? Sicher nicht, weil man auch nur den leisesten Zweifel am „bereits aufgebauten Sozialismus" der sowjetischen Wirtschaft hegt oder die Geltung von Marktgesetzen im vollständigen Sozialismus für verrückt und falsch hält. Verurteilt wird einzig und allein die Behauptung Stalins, derzufolge schon damals eine Steigerung der westlichen kapitalistischen Produktion auszuschließen gewesen sei. Heute sehen wir, dass auch folgende These verdammt wird: „Der Imperialismus und die Krise münden in einen dritten Weltkrieg".
Eine wirtschaftliche und politische Katastrophe der bürgerlichen Welt erwarten und dann nicht eintreffen sehen, ist für Revolutionäre eine „felix culpa"3. Oftmals haben die Krisen und die Katastrophen Marx' und Engels' Hoffnungen nicht erfüllt. Und oft waren sie über den Ausgang der vorausgesagten internationalen Kriege enttäuscht.
1926 zielte die erste Verleumdungskampagne darauf ab, die späteren „Scheusale" unter der Anklage des Pessimismus zu ersticken, weil sie die Stabilisierung des Kapitalismus theoretisiert hatten. Weswegen sich sogar ein Togliatti über einen Trotzki zu mokieren traute.
In der vorhin erwähnten Rede erklärt Stalin den Krieg vom September 1939 mit der sichtbaren Krise der Weltproduktion, die sich, nach der Krise von 1929-32 und der darauf folgenden kräftigen Wiederbelebung, dann im Jahr 1937 deutlich abgezeichnet hatte; ein Jahr, in dem nur in Russland die Produktion nicht sank.
Der letzte Irrtum Stalins bestand 1952 darin, eine wirtschaftliche Depression im Westen zu erwarten, während ein unvorhersehbarer „Boom" eintraf - angesichts dessen die Chruschtschows und Bulganins durch die Welt ziehen und botmäßige Kniefälle machen; dieser Irrtum ist jedenfalls die kleinste seiner Schandtaten. Was einmal mehr zeigt, dass die Schüler den Lehrer haushoch überflügelt haben.
Wenn sich aber die Kurve der Akkumulation nach unten geneigt hätte, wäre dann der kalte Krieg in einen offenen Konflikt übergegangen? Vielleicht hätte das endlich zur Hoffnung auf eine Niederlage Englands oder Amerikas berechtigt, oder beider Mächte, die durch ihre seit zwei Jahrhunderten andauernden Siege die Zukunft der Menschheit paralysieren.
Vorläufig klettert die Kurve nach oben (und nicht allein in Russland, wie damals die Indexziffern Stalins anlässlich des Planübergangs zwischen 1937 und 1938 zeigen wollten). Von daher die dreckige pazifistische und rührselige Idylle, der sich der Generalstab des 20. Parteitags mit zehnmal schlimmeren Lästerungen des Marxismus-Leninismus hingegeben hat.
Wiederholen wir die Sätze Stalins, die wir im „Dialog mit Stalin" anführten: „Um die Unvermeidlichkeit der Kriege zu beseitigen, muss der Imperialismus vernichtet werden" [III, S. 38]. Mit dieser drastischen Folgerung beendet Stalin eine scharfe Polemik gegen „manche Genossen", die „behaupten, dass infolge der Entwicklung der neuen internationalen Bedingungen nach dem zweiten Weltkrieg Kriege zwischen den kapitalistischen Ländern nicht mehr unvermeidlich seien". Stalin widersetzt sich nicht nur dieser These à la Chruschtschow, sondern auch der anderen, wonach „die Gegensätze zwischen dem Lager des Sozialismus und dem Lager des Kapitalismus stärker seien als die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern" [III, S. 33].
Und nun werden wir sehen, warum der 20. Parteitag das einbalsamierte Haupt Stalins vom kalten Leichnam trennt und heute auf goldenem Tablett nach London trägt - und morgen, nach den Präsidentschaftswahlen, zweifelsohne auch nach New York.
„Daraus folgt aber, dass die Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern bestehen bleibt. Man sagt, Lenins These, dass der Imperialismus unvermeidlich Kriege hervorruft, müsse als veraltet angesehen werden, da gegenwärtig mächtige Volkskräfte herangewachsen sind, die zur Verteidigung des Friedens, gegen einen neuen Weltkrieg auftreten. Das ist falsch" [III, S. 37].
Das war falsch, und das ist falsch. Nämlich das, was Chruschtschow sagt: „Aber eine verhängnisvolle Unvermeidbarkeit der Kriege gibt es nicht. Heute existieren mächtige, gesellschaftliche und politische Kräfte", d.h. „die Weltfriedensbewegung" [I, S. 34]. Dies und ähnliches hätte noch nicht existiert, als „ein marxistisch-leninistischer Leitsatz ausgearbeitet wurde, demgemäß Kriege unvermeidlich sind, so lange es den Imperialismus gibt" [I, S. 33].
Ein Leitsatz, ihr Elenden? Der Leitsatz, ohne den Marxismus und Leninismus nichts wären. Folglich: Hoch lebe Stalin?Im „Dialog mit Stalin" wiesen wir auf die großen Schwächen seiner Darlegung hin. Er hielt es noch nicht für opportun, das über Bord zu werfen, was, wie gesagt, die These Lenins ist und nicht eine These Lenins. Er wollte jedoch erklären, warum man sich seit einigen Jahren von der Möglichkeit der damals bereits ersonnenen „Koexistenz" überzeugt gab. Womit er die These Bucharins, und seine eigene, über den unvermeidbaren Krieg zwischen den beiden Systemen vorerst verwerfen wollte, um deutlich zu machen, dass stattdessen die Wahrscheinlichkeit des Krieges zwischen den kapitalistischen Staaten größer sei. Durchaus folgerichtig erinnerte er dabei an seine Position aus dem Jahre 1939: Warum, fragte er, bekämpfen sich die kapitalistischen Länder zuerst untereinander, bevor sie über uns herfallen? Stalin zeigte noch einige Schimmer jener Dialektik, gegenüber der der 20. Parteitag mit völliger Blindheit geschlagen ist: Es ist ein unaufhörliches Hinabgleiten in die Finsternis, die Dämmerung, die Nacht, die über die großen, historischen Oktobertage hereinbricht. Und es ist das müde Auge Stalins, das die letzten Strahlen wahrnimmt. Die westlichen Staaten haben, so sagte er, dem deutschen Kapitalismus nach der Katastrophe von 1918 wieder auf die Beine geholfen, um ihn gegen die russische Revolution hetzen zu können. Und obschon er wie 1939 die rhetorische Unterscheidung zwischen Friedensstiftern und Aggressoren machte, identifizierte er 1952 doch das treibende Motiv jener deutschen Revanche als ökonomisch bedingt, erklärte sie also, wie Lenin, mit fehlenden Absatzmärkten und nicht mit Hilfe der Geschichtskriminologie gewisser Schwachköpfe.
Dass dieser in der Praxis beinharte Mann theoretisch schwach war, wurde schon von der unübertrefflichen Feder Trotzkis hervorgehoben.
Die gebrechliche Konstruktion Stalins enthielt in der Tat bereits alle Elemente des weiteren konter-revolutionären Abstiegs (der 20. Parteitag, der Stalin mit Schmach überhäuft, kommt schließlich ganz unten an). Vor vier Jahren konnten wir die Gründe seiner theoretischen Schwäche klar aufzeigen. Stalin musste sich von jeglichem Überrest des naiven Bucharin'schen Dranges zum heiligen revolutionären Krieg frei machen. Aufrechterhalten blieb immerhin die Aussage, dass der Krieg unvermeidlich aus dem Imperialismus hervorgeht, der so als Feind ausgemacht war. Und doch bahnte er der völligen Entstellung der Lenin'schen „Theorie des revolutionären Defätismus" den Weg, indem er sagte, die „gegenwärtige Friedensbewegung", der er zuvor noch kriegsaufschiebende bzw. kriegsverhütende Wirkung zuerkannt hatte, unterscheide sich von der Bewegung während des ersten Weltkrieges für die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, „da diese Bewegung weiterging und sozialistische Ziele verfolgte" [III, S. 37].
Diese These war weder Fisch noch Fleisch. Die These von Marx gegen die bürgerlichen „Friedens- und Freiheitsbewegungen" von 1848 war identisch mit der Lenins gegen die kriegseifrigen Sozialisten von 1914. Wir negieren, dass es ein Ziel Frieden getrennt vom Ziel Sozialismus, der Emanzipation der Arbeiterklasse, gibt. Wir erwarten eher die Revolution vom Krieg, als den Frieden vom Kapitalismus. Wir kennen keinen anderen Weg, „den Krieg zu Grabe zu tragen", als die Vernichtung des bürgerlichen Systems.
Stalin allerdings trennt eine Bewegung für den Frieden von der Aktion für den Sozialismus und hält den Frieden, wenn auch nicht definitiv, für erreichbar, bevor der Sozialismus siegt. Chruschtschow und die Seinen sind nun ganz tief gesunken: Sie wollen den Frieden ohne Sozialismus. Eine ebenso idiotische wie unmögliche Forderung.
Gestern wie heute löst sich diese totale Zwickmühle, dieser Schwindel, sofort durch unsere Position auf. Russland ist genauso kapitalistisch wie die westlichen Staaten, und der Krieg wird auch zwischen Russland und anderen Staaten stattfinden. Stalin sah den Krieg schon vor der Tür stehen und zog es vor, nicht als erster loszuschlagen; er hoffte, mit Hilfe einer Volksbewegung abwarten zu können, damit sich die Dinge wie 1939 entwickeln würden. Also versicherte er den bürgerlichen Staaten, die Gegensätze zwischen ihnen seien stärker und zwingender als zwischen den beiden Systemen: Er wünschte ihnen interne Krisen und externe Kriege. Eine letzte Illusion. Die heutigen Herren glauben nicht mehr an die inneren Krisen des Kapitalismus und zwischen den Kapitalismen: Sie haben nicht mehr den leisesten Schimmer von dem, was Stalin immerhin noch zu sehen für nötig hielt. Daher ihr Angebot, sich jeder Störung zu enthalten, und „die Vermeidbarkeit der Kriege kraft des Volkswillens oder des Bewusstseins und der Überzeugung der ganzen Welt" zur ewig gültigen Regel zu machen. Sie entledigen sich zynisch der letzten Schamgefühle, für die der harte Schädel eines Josef Stalin immerhin noch empfänglich war.
Menschliche Größe oder Nichtigkeit, Hartherzigkeit oder Feinfühligkeit haben damit nichts zu tun. In der Tat irrte Stalin und sah nicht, dass der III. Weltkrieg noch weit entfernt war; er handelte, als stünde er kurz bevor. Genauso wenig wie er glauben seine Jünger und Nachfolger an die Revolution, die dem Krieg überall Einhalt gebieten kann, und so leben sie in den Tag hinein, im langen, abscheulichen bürgerlichen Frieden, von dem uns vielleicht noch zwanzig Jahre bevorstehen. Konkurrenz und WettbewerbIn seiner mächtigen prophetischen Rede von 1926 hielt sich Trotzki auf einem so hohen Niveau, dass ihm das Wort abgeschnitten wurde. Später brachte er diesen Aufbau vielleicht nicht genauso brillant zu Ende, so bewundernswert diese Schriften auch sein mögen. Er insistierte auf anderen Aspekten des russischen Dramas: der Habgier der Staats- und Parteibürokratie, der Grausamkeit Stalins - alles kleine Dinge im Vergleich zu den Themen, die er 1926 angeschnitten hatte.
Um die Bedingungen, an die die „eine" These Lenins gebunden ist, loszuwerden, verleugnet der elende Chruschtschow heute die letzten Lichtstrahlen des Marxismus, die ihn sowieso nie erreicht haben, und sagt, 1914 seien wirtschaftliche Faktoren wirksam gewesen, 1956 aber spielten auch andere, moralische und Willensfaktoren eine Rolle. „Der Krieg ist nicht nur eine ökonomische Erscheinung. Bei der Frage, ob der Krieg sein wird oder nicht" (was für eine Frage!?), „haben das Verhältnis der Klassenkräfte, der politischen Kräfte, die Organisiertheit und der bewusste Wille der Menschen eine große Bedeutung" [I, S. 33].
In welch entsetzliches Wirrwarr sind wir geraten, um von Stalin zu Marx zurückzukehren?! Stalin drang mit dem Flammenwerfer in die Bibliothek ein, aber einige Zeilen konnte man bei dem Licht noch lesen; die verschiedenen Chruschtschows stürmen wie Stiere hinein, denen man, um die Gefahr zu bannen, dass sie vielleicht doch lesen gelernt haben, nach dem Löschen der Lichter noch die Augen verbindet.
„Zufällig sind wir Marxisten" kann man sie auch auf Tausende Kilometer Entfernung sagen hören, und haben wir etwa nicht dementsprechend auf der einen Seite die „ökonomischen Faktoren", auf der anderen Seite - in beeindruckender Reihenfolge - die Klassenverhältnisse, die politischen und organisatorischen Kräfte, das Bewusstsein, den Willen genannt?! Und dann... beginnt der „nacheifernde Wettbewerb" unter diesen Faktoren und Kräften und man hört ein lautes „Sie sind dran, meine Herren", während Marschall Bulganin, mit seinem fotogensten Lächeln, den Startschuss gibt - oder was?!
Als armer Dummkopf, wie wir es nun mal alle sind, brachte Trotzki die Diskussion auf die gegenwärtigen „ökonomischen Faktoren" zurück. Er war großartig. Ihr könnt nichts anderes tun, sagte er, als den Übergang von unserer vorkapitalistischen zur warenproduzierenden Gesellschaft zu entwickeln, euch dem kapitalistischen Modell zu nähern. Je mehr Schritte ihr dahin macht, desto unwiderstehlicher wird dessen Einfluss auf euch sein. Der Krieg ist nicht sein einziges Mittel, euch zu unterjochen. Entweder wir schaffen es, den Kapitalismus aus seinen Schlupflöchern im Westen zu verjagen, oder er wird hier sein, um es mit uns aufzunehmen. Weder militärisch noch ökonomisch können sich die beiden Lager entwickeln, ohne sich in die Quere zu kommen. Mit einem weiten Blick in die Zukunft antwortete der Riese der Geschichtslehre auf manch idiotische Unterbrechung: Mehr als alle glaube ich an die Weltrevolution, aber es kann sein, dass wir, sehen wir den Dingen ins Auge, sogar fünfzig Jahre durchhalten müssen. Bedingung dafür ist, dass wir in der ganzen Zeit die Verwirklichung der sozialistischen Wirtschaft in Russland nicht vom Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsform im Westen trennen.
Mit der Internationalität des Austausches, den der Kapitalismus überall herbeigeführt hat und in dessen Strudel wir mit hineingerissen werden, setzt sich, wie Trotzki damals mit den Worten der unantastbaren Doktrin lehrte, auch der Internationalismus durch. Die Illusion, außerhalb dieses Strudels zu bleiben, wird nichts nutzen. Als man ihm das Wort abschnitt, konnte er sich nicht wehren. Er verließ die Rednertribüne zum letzten Mal mit den Worten: Diese Frage wird noch auf den Tagungen unserer Internationale auftauchen... Auch wenn er tot ist, vermögen wir dem „Dialog" noch zu folgen, mit dem sein überlegener Geist die Chruschtschows schon vorab widerlegte. Märkte und HandelKoexistenz bedeutet „Nicht-Krieg"; kann jedoch nicht bedeuten: Nicht-Kontakt, Nicht-Austausch. Trotzki hat dies richtig gesehen und die Geschichte bestätigt es.
Zur Zeit Stalins galt die Formel der zwei Weltmärkte. Wir bewiesen, dass sie falsch ist und stellten sie als vermeintliches Bestehen zweier Halb-Weltmärkte richtig. Die Perspektive Stalins war so naiv wie kühn. „Von der Hälfte der Welt abgeschnitten, erstickt der Kapitalismus im Westen im Überfluss seiner Produkte und zerfleischt sich selbst in immer grimmigeren Kriegen; und wir, wir bleiben, wir setzen unseren Weg fort". Aber wer ist „wir"? Die andere Hälfte des Kapitalismus, nur lebenskräftiger als erstere?
Heute verwirft man energisch die hohle Theorie zweier sich selbst genügender Märkte: Das „sozialistische Vaterland" lässt nicht nur den Schleier fallen, sondern löst auch ganz entschieden den Gürtel. Es begräbt mit Stalin auch die letzten Drohungen, nach der Aufforderung zum Tanz ein tödliches Eisen unter dem Rock hervorzuziehen.
Hören wir hierzu den Ökonomen vom Dienst, Mikojan: „Wir sind der festen Überzeugung, dass eine dauerhafte, friedliche Koexistenz undenkbar ist ohne Handel" (die Hervorhebung ist von Mikojan!), „der auch nach der Bildung der zwei Weltmärkte hierfür eine gute Grundlage bietet. Das Bestehen von zwei Weltmärkten, des sozialistischen und des kapitalistischen, schließt einen gegenseitig vorteilhaften, entwickelten Handel zwischen allen Ländern nicht aus, sondern setzt ihn sogar voraus. Das richtige Verständnis für diese Frage ist sowohl von grundsätzlicher Bedeutung vom Standpunkt der Koexistenz zweier Welten als auch von praktischer wirtschaftlicher Bedeutung." Vermeiden wir Hervorhebungen und Ausrufezeichen unsererseits angesichts dieser schludrigen und verantwortungslosen Formulierungen, die das Bild eines selbstgefälligen Mannes zeichnen, der sich auf dünnem Eis bewegt. Weiter hören wir: „Wir gehen davon aus, dass unser Handel mit den kapitalistischen Ländern für beide Seiten vorteilhaft ist (...). Das ist durch die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung selbst bedingt, durch die allgemein bekannte Tatsache, dass es nicht für alle Länder gleichermaßen vorteilhaft ist, alle Arten von Gütern zu produzieren" [II, S. 101].
Hat sich Mikojan je Gedanken darüber gemacht, wird sich einer von tausend „Unità"-Lesern je Gedanken darüber machen, dass im sozialistischen System (abgesehen davon, dass es darin keinen Handel und keinen Markt gibt), wenn nicht die technische Arbeitsteilung in der Produktion, so doch gewiss die berufliche und betriebliche, sowie die regionale und nationale Arbeitsteilung der Gesellschaft überwunden sein muss? Dass all diese Formen mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen verhaftet sind, vor allem damit, dass „produzieren vorteilhaft sein muss"? Vorteil und Kapitalprofit sind identische Ausdrücke.
Diese ganze Kritik übten wir seinerzeit an der noch vorsichtigen Vorstellung Stalins über den Handel bzw. den Vergleich der beiden Systeme. Wir zeigten auch, dass die bürgerlichen Ökonomen liberaler Schule dem Zusammentreffen der beiden Produktionen auf denselben Absatzmärkten beistimmten und den größten Profitmacher zum Sieger krönen würden4. Kann es noch Zweifel an der totalen Bedeutungslosigkeit des Arguments geben, in Russland seien „die Ausbeuter vernichtet" und es gäbe dort „keine Bourgeois mehr", wenn man einmal zugestanden hat, dass anonyme und daher um so heißhungrige Kapitalien durch die internationalen Kanäle ungehindert jede Grenze passieren? Austausch von KapitalienDiese Flut fürchterlicher Zugeständnisse, um die Beziehungen zwischen den angeblich zwei Wirtschaftssystemen immer mehr zu vertiefen, zeigt, dass das Manövrieren mit der „Koexistenz" und dem „Wettbewerb" einen rein ökonomischen Inhalt hat, und alle Prahlereien über die Überlegenheit des eigenen Systems, die den weltweiten Massen ins „Bewusstsein" dringe und so den Druck der „Volksmeinung" erzeuge, ändern hieran absolut nichts! Wenn man bei diesen „Interferenzen", die man an den Grenzen zwischen beiden entgegengesetzten und heterogenen Systemen festgestellt haben will, deren inneres Aussehen berücksichtigt, so ist nur eine Schlussfolgerung möglich. Diese Umarmung, zu der - wie immer als Alternative zum gewaltsamen Konflikt - die Überzeugung der Völker geführt haben soll, ist ganz einfach eine Umarmung zweier identischer Systeme. Sie ist nichts anderes als eine Etappe der abgeschmackten Forderung nach Liberalisierung des Welthandels - Lieblingswort aller „Wirtschaftsunternehmer". Auch in diesen Tagen fordert man in amerikanischen Geschäftskreisen die Aufhebung der Einfuhrsperren für ausländische Produkte; wenn wir wollen, so argumentieren sie, dass zum Beispiel die Japaner bei uns Rohbaumwolle kaufen, müssen wir ihnen erlauben, durch den Verkauf ihrer billigen Baumwollartikel bei uns „Dollars zu verdienen". In dem „zu zweit verdienen", der Formel Mikojans und des 20. Parteitags, kann man den gesamten Kapitalismus ablesen, selbst wenn man Marx kaum buchstabieren kann.
Gewisse Leute werden bei solchen Aussichten plötzlich sehr eifrig: „Man muss in Russland auch einen Kapitalmarkt schaffen." Es muss also erlaubt sein, aus Russland „sozialistisches" Kapital zu exportieren und ebenso... kapitalistisches Kapital zu importieren. Auch das hat Mikojan auf dem Kerbholz, und man kann demnach ruhig glauben, Chruschtschow und Bulganin hätten bei zwei Tassen Tee Elisabeth II. von England zwei Milliarden Golddollar angeboten, sei es auch nur als Anzahlung, für Wareneinkäufe.
Sobald solch gigantische Kapitalexporte Tatsache geworden sein werden, wird man natürlich sagen, es handele sich nicht mehr um die von Lenin beschriebene charakteristische Erscheinung des grausamen Imperialismus: „Ja, ja, damals war die Zeit der gemeinen, rohen ökonomischen Faktoren: Heute ist alles ganz anders, da gibt es moralische Werte, den Anreiz, sich zum gegenseitigen Vorteil zu messen". Und das allgemeine Bewusstsein dieser reizvollen und freundlichen Zeiten gestattet auch nicht mehr die alten Machenschaften, um sich gegenseitig zu bescheißen: „Der Krieg ist vermeidbar".
Eine Welt, die mit einem Netz von Waren- und Kapitalbörsen umspannt ist, als sozialistisch oder halb-sozialistisch zu bezeichnen, ist unsinnig. Aber noch absurder ist es, sie als eine Welt darzustellen, in der das möglich sein soll, was Lenin ausgeschlossen hatte: Trotz des Fortlebens des Kapitalismus den Ausbruch eines dritten Weltkrieges - um des Friedens willen - zu verhindern.
1947 hätten die USA das Monopol am Kapitalmarkt gehabt, aber heute nicht mehr (genauso wenig wie das Atomwaffenmonopol - das sagt der Amerikaner Lippmann). Daher falle es den USA immer schwerer, als Gegenleistung für ihre Wirtschaftshilfe militärische oder politische Vereinbarungen einzufordern.
Gut, wir sind also mitten im schönsten Idyll. In der Tat fällt es den Russen sehr leicht, als Gegenleistung für zwei Milliarden Dollar ein kleines Lächeln Ihrer Allergnädigsten Britischen Majestät einzufordern. Ja, der Krieg ist vermeidbarFür uns, das ist klar, ist die Lenin'sche Lehre über den Krieg - die eben die nach dem französisch-preußischen Krieg und der Pariser Kommune historisch entstandene Marx'sche Lehre ist - nach wie vor und vollständig in Kraft. Die Phase der revolutionären Kriege für eine liberale und nationalstaatliche Gliederung war abgeschlossen: Von nun an sind alle nationalen Armeen „eins gegenüber dem Proletariat"!
Bereits ab 1848 hatte Marx all die pazifistisch-humanistischen Ideologien beiseite gefegt, die ein Ende der Kriege durch die „allgemeine Einsicht" in deren Nutzlosigkeit in Aussicht stellten. In den Jahren 1848 bis 1871 war noch eine Reihe von Kriegen nützlich aufgrund des - von Mazzini, Blanc, Kossuth und anderen selbst unbegriffenen - bürgerlichen Radikalismus. Der Krieg zwischen Nationen wird nicht mit dem Weltfrieden enden, sondern mit der über-nationalen Klassenrevolution.
Sogar die Marxisten der II. Internationale hatten aufrichtig geglaubt, dass das Weltproletariat den Krieg verhindern könne - was Lenin ihnen ein ganzes Jahrzehnt lang widerlegte. Aber selbst in dieser idyllischen und entwicklungsträchtigen Periode, in der die Sozialisten überall in den Parlamenten Zulauf bekamen, dachten nicht einmal die überzeugtesten Reformisten daran, den Krieg mittels Einsicht und „moralischer" Kräfte aufhalten zu können. Den Krieg verhindern, hieß für die II. Internationale: Durch einen unbefristeten nationalen Generalstreik die allgemeine Mobilmachung auf allen Seiten der Grenzen zu verhindern und, die Macht in Händen, im vereinten Europa den Sozialismus zu errichten.
Als Lenin festlegte, dass die imperialistische Stufe des Kapitalismus zum Krieg führen muss, glaubte er noch nicht an eine sukzessive Reihe von Weltkriegen, sondern erwartete, dass das Proletariat, wenigstens in Europa, sich mit Beginn des I. Weltkriegs erheben und ihn stoppen würde. Seine Formel war: „Den imperialistischen Krieg in den Bürgerkrieg verwandeln". Aber die Formel war alternierend: Entweder der Nationenkrieg beginnt und greift um sich, oder in jeder Nation bricht der Bürgerkrieg aus, die Bourgeoisien werden gestürzt und der Krieg wird nicht „ausgelöst".
Die große Leninsche Gelegenheit war vertan, als 1914 alle oder fast alle Arbeiterparteien nicht nur nicht die Werften, die Eisenbahnen und die Streitkräfte blockierten, sondern mit der eigenen Nation in den Krieg marschierten. Die russische Revolution entstand aus der Summe zweier besonderer Bedingungen: Dem Überleben eines feudalen Regimes und der Kette der militärischen Niederlagen. Verurteilung und Niederlage der sozialverräterischen Parteien, Reorganisation des Proletariats in Europa, Niederschlagung der imperialistischen sowohl siegreichen als auch besiegten Bourgeoisien: Ein Zyklus schlug fehl, der in zu kurzer Zeit hätte durchlaufen werden müssen. Und so blieb die russische Revolution allein.
Beim Ausbruch des II. Weltkrieges gab es keinerlei Widerstand der arbeitenden Klassen und es schloss sich ihm auch keine Revolution an. Den imperialistischen Ungeheuern stellten sich keine proletarischen Parteien in den Weg: Die nach 1914 entstandenen kommunistischen Parteien waren in den zwanzig Jahren zwischen den beiden Kriegen völlig entartet, und ihre größte verlorene Schlacht war die, die ihnen durch die Stalin'schen Repressionen beigebracht worden war.
Diejenigen, die auch heute noch die These Lenins hochhalten, sagen: Nachdem sich auch in den besiegten Ländern von neuem die Bedingungen imperialistischen Charakters gebildet haben, wird nach einem gewissen Zyklus der Krieg wieder auftreten, mit einer einzigen Alternative (völlig undenkbar, wenn er bereits heute ausbrechen würde): dass die proletarische Revolution ihn im Keime erstickt.
Aus diesem dritten Krieg würde die Revolution hervorgehen, wenn vor seinem Ausbruch, der allem Anschein nach noch ziemlich fern liegt, die Klassenbewegung wiederentstanden wäre. Die erste Voraussetzung für dieses schwer zu erreichende Resultat ist, dass der angeblich sozialistische Charakter Russlands nicht mehr zur Debatte steht.
Auf die These des 20. Parteitags zur heutigen Vermeidbarkeit des Krieges antworten wir nicht, er sei absolut unvermeidbar. Vielmehr kann er nicht von einer theoretisch unklaren Bewegung von Proletariern und armen sowie mittleren Klassen vermieden werden, die der Krieg wie ein Wirbelsturm hinwegfegen würde, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der allgemeine Krieg ist also historisch gesehen vermeidbar, aber nur unter der Bedingung, ihm stellt sich eine Bewegung der reinen Lohnarbeiterklasse entgegen, die den Krieg erwartet, nicht um ihn durch den Frieden zu ersetzen, sondern um den alten, durch den Krieg neu geborenen, abscheulichen Kapitalismus zu zertrümmern. Trostloser UtopismusKurz und gut: Die auf dem 20. Parteitag formulierten historischen Ziele eines stabilen Friedens in einer kapitalistischen Welt (schlimm wäre es, von einer halb kapitalistischen, halb sozialistischen zu sprechen!) und der „Wahl" zwischen Kapitalismus und Sozialismus, die aufgrund des vom allgemeinen Bewusstsein beurteilten vergleichenden Wettbewerbs getroffen wird, bedeutet gegenüber Lenin einen kolossalen Rückschritt, noch weit hinter dem zurück, den Stalin schon getan hat, der, als er starb, dem verwirrten und mehr denn je bewusst- und willenlosen Weltproletariat noch die Hoffnung ließ, dass bei einem wiederaufflammenden Weltbrand die Rote Armee die kapitalistischen Grenzen zu überrollen suchen würde, um die Welt in der Sprache der Bomben und Kanonen zu überzeugen. Ein letzter Überrest von Marxismus, wenn auch bereits verdüstert durch die Entstellung der ökonomischen Lehren, war noch in dieser leeren Hoffnung der Arbeiter, die vergeblich murmelten: Und der Schnurrbart wird doch kommen!
Der freie Fall vom 19. zum 20. Parteitag landet bei einer Auffassung des historischen Kampfes, die, die Offenbarungen der Neuzeit und die von neuen Situationen eingegebenen „Schöpfungen" zum Vorwand nehmend, auf dem Niveau der vom „Manifest" denkbar weit entferntesten Zeit liegt und sich im Nebel der Utopie verliert.
Die Vorstellung, die Welt entscheide sich infolge der Gegenüberstellung zweier ökonomischer Gesellschaftsmodelle, indem sie diese künstlichen „Modelle" der lebenden Menschheit danach beurteilt, welche den größeren materiellen Wohlstand mit allem Drum und Dran bietet, um sich dann an einer dieser Formen zu orientieren, lässt sich nur mit den ersten Versuchen des utopischen Sozialismus vergleichen. Der Riesenunterschied: Der utopische Sozialismus war seinerzeit ein kühner Vorgriff auf historische Zukunftsforderungen, während er heute das Ergebnis eines enormen Rückschritts und Zurückweichens ist.
In der Tat haben Marx und Engels ohne jede Missachtung über die Utopisten geschrieben, über manche von ihnen, wie Saint Simon, Fourier, Owen, sogar mit wahrer Bewunderung.
Nichtsdestotrotz beruht das gesamte theoretische Bauwerk, auf dem sich der europäische Sozialismus Ende des 19. Jahrhunderts und der russische Kommunismus von Plechanow und Lenin entwickelten, auf zwei Säulen: der Kritik des sozialistischen Utopismus und der Kritik der bürgerlichen Demokratie, der Demokratie überhaupt, wie Lenin sagt.
Es gab zwei Wege der Überzeugung und des Wetteiferns. Die alten Utopisten, wie Cabet, meinten, alle würden nach einem Besuch der Ikarien und der Phalanstere5 zu Sozialisten werden; die vom Rausch der Aufklärung des 19. Jahrhunderts Trunkenen schwörten, durch die rechtmäßige Stimmabgabe des souveränen Volkes egalitäre Gerechtigkeit und soziale Freiheit zu erlangen, erwachsend als Korollar der friedlichen Zivilisation aus der „glorious revolution"6, die die bürgerliche Klasse im Namen jener Prinzipien geführt hatte.
Es waren dies zwei große Bauwerke der Geschichte, über deren edle Trümmer die Sozialisten der vorhergehenden Generationen hinweg gestiegen sind, um zum wissenschaftlichen Determinismus eines Marx' zu kommen und, an der Seite Lenins, seine Theorie der neuen Revolution und Diktatur einzulösen.
Diktatur - oder Überzeugung. Aut - aut7. Diktiert wird denen, deren Einverständnis einzuholen man weder Zeit noch Mittel hat. Und je länger der verfaulende Kapitalismus in der Geschichte weiterlebt, desto mehr kann sein Ende nur mit dem Mittel der Gewalt herbeigeführt werden.
Die Vernunft in ihren damals wirklich lebendigen und verlockenden Formen hat uns an die Hand genommen und dies begreifen lassen. Während die Bourgeoisie der Vernunft Altäre baute, wagten bereits die glorreichen Vorläufer des „Bunds der Gleichen", ihr die Gewalt entgegenzustellen.
Unter den neuesten Lügen einer Rückkehr zu Marx und Lenin gibt es nun in den Verlautbarungen des russischen Kongresses also noch einen Schandfleck. Nicht nur den Übergang zum Kommunismus mittels der Demokratie, sondern gar mittels der Utopie.
Auf dem 20. Parteitag wurde auch das „Manifest" von 1848 zerrissen. In dem Kapitel über „sozialistische und kommunistische Literatur" ist die Trennung des modernen Kampfes der Arbeiter vom Utopismus besiegelt. Wir können hier nicht die diesbezüglichen theoretischen Texte von Marx und Engels wiedergeben. Einige Sätze genügen, in denen der naive Trugschluss der Utopisten nachgezeichnet wird.
„Man braucht ihr System ja nur zu verstehen, um es als den bestmöglichen Plan der bestmöglichen Gesellschaft anzuerkennen. Sie verwerfen daher alle politische, namentlich alle revolutionäre Aktion, sie wollen ihr Ziel auf friedlichem Weg erreichen und versuchen, durch kleine, natürlich fehlgeschlagene Experimente" (wir konzedieren, dass das russische ein großes Experiment war, den... Kapitalismus aufzubauen), „durch die Macht des Beispiels dem neuen gesellschaftlichen Evangelium Bahn zu brechen" [MEW 4, S. 490].
Jedes Mal wenn wir diese „Zukunftsforscher" auf frischer Tat ertappen, schwätzen sie - und bürgen somit für Verrat und Abschwörung - von neuesten Ergebnissen, die bislang unbekannte Formen geschichtlicher Übergänge schöpferisch geschmiedet hätten, und stets begründen sie die Revision der für überholt gehaltenen Formeln mit den „veränderten Situationen". Diese Herren werden unweigerlich auch für überholt gehalten werden, man wird sie des blamablen Konservatismus, der vermoderten Reaktion überführen. Mit euren Ergebnissen, die die Liebhaber der „neuesten Neuigkeit" so ergriffen haben, pflegt ihr Herren des 20. Parteitags eine Kultur, die vor vielleicht 120 Jahren „aktuell" war; lasst uns eure neuesten Erfindungen: Koexistenz, Nacheiferung, Wettbewerb, an den Schandpfahl der reaktionären, trügerischen und feindlichen Ideologien nageln, denn sie blockieren die Fruchtbarkeit der lebendigen Geschichte durch „Sterilität". Die Geburt des Konter-OktobersVom ganzen Anti-Stalinismus, den der 20. Parteitag der Welt vorführte, bleiben nur die recht fragwürdigen Punkte übrig, die wir bereits zu Beginn behandelt haben: der „Personenkult" und die „Manipulation der Geschichtsschreibung". Was den Rest angeht, ist man nur den Hang hinunter geglitten, der schon Stalin zum Verhängnis wurde - man ist nur noch weiter abgerutscht. Aber auch bei den zwei erwähnten Punkten ist die Berichtigung alles andere als im orthodoxen Sinne vorgenommen worden, und wir müssen noch einmal darauf zurückkommen, bevor wir die Grabrede auf die immer in demselben Sumpf Untergegangenen zu Ende bringen.
Man erklärt, Stalin habe gelogen, als er die trotzkistischen „Scheusale" als „Agenten ausländischer Mächte" hinstellte. Sie waren es also nicht. Aber was waren sie dann? Die Rehabilitierung ist ein Hilfsmittel für individuelle Einzelfälle bei moralisch-rechtlichen Urteilen, nie aber Korrektur von historisch-kritischen Urteilen.
Laut den heutigen sowjetischen Zeitschriften (wie die Unità vom 15.4.1956 berichtet), bestand das Unrecht Stalins nicht darin, gelogen zu haben (man kann in der Tat nicht theoretisieren, dass Revolutionäre unter keinen Umständen lügen dürfen), sondern darin, mit seinen grässlichen Verleumdungen den „ideologischen Kampf" gegen den „Trotzkismus" erschwert zu haben.
Auch hierin ist Stalin ein konsequenterer „Marxist" als seine heutigen Verbesserer! Was bedeutet ideologischer Kampf? Für Marxisten gibt es keinen ideologischen Kampf ohne politischen Kampf, und der leitet sich aus dem Kräfteverhältnis der Klassen ab. Da sich also die große Ausrottung, nicht einiger „Scheusale", sondern einer breiten Schicht von Mitgliedern der bolschewistischen Partei, nicht mit vom Ausland gedungenen Agenten erklären lässt, muss sie schon mit dem Zusammenstoß sozialer Kräfte erklärt werden. Stalin sagte das einzige, was er sagen konnte, um nicht zugeben zu müssen, dass der Heckenschütze der konter-revolutionären Bewegung niemand anderer als er selbst war - samt seiner Gefolgschaft; da völlig klar war, dass er es nicht mit einer Erhebung gegen die Staatsmacht zu tun hatte, musste er von Spionage, Attentaten und Sabotage im großen Stil reden. Es ist also unrichtig, wenn gesagt wird: „Die These Stalins, nach der sich der Klassenkampf jedes Mal verschärft, wenn das sozialistische Land einen Schritt vorwärts macht, hat sich als Irrtum erwiesen. Diese These, aufgestellt im Jahre 1937, als die Klassengegensätze bereits aufgehoben waren, führte zu den ungerechtfertigten Unterdrückungen."
Sagen wir es zum x-ten Mal: Stalin log noch nicht so anti-marxistisch wie seine Nachfolger. In der Tat handelte es sich um eine Phase des Klassenkampfs, in der das Gros der Partei und ihre Führung, mit Stalin, den Sieg davontrug.
Wie sollte sonst erklärlich sein, was die von der „Unità" zitierte russische Zeitung schreibt: „Die Trotzkisten und andere vertraten die Interessen der Widerstand leistenden Ausbeuterklassen und die Tendenzen der kleinbürgerlichen Schichten des Volkes"?
Die 1934 und 1937 Niedergemetzelten vertraten die Interessen der internationalen proletarischen Klasse gegen die Politik der Loslösung des russischen Staates vom Kampf des Weltproletariats, kaschiert mit der Lüge vom Aufbau des Sozialismus. In all ihren Erklärungen, oder dem, was davon übrig blieb (und nach der Unterdrückung sorgfältig verborgen wurde) sowie in den Reden von 1926 verfechten sie die Linie Lenins, wonach die proletarische Diktatur einen langwierigen Kampf gegen die inneren kleinbürgerlichen Klassenkräfte zu führen habe, die vom vielschichtigen Einfluss des internationalen Kapitalismus unterstützt werden. Hier liegt für den Marxismus die ganze zu lösende Streitfrage.
Es war die Frage der großen Wende, die Umkehrung des revolutionären Kampfes in Russland. Dieses mächtige Ereignis, das im historischen Unterbau der Gesellschaft ausbrach, kann nicht, ohne dass der Marxismus zusammenbricht, mit einem Schurkenstreich, einem Irrtum oder einem Versehen der Person Stalin erklärt werden. Der Kampf war der, der er war: Ein Klassenkampf in seiner ideologischen und in seiner gewaltsamen Form. Der Leichnam Stalins kann sich nicht gegen die Rolle wehren, die er spielen soll. Aber dieselbe Rolle kommt auch seinen Totengräbern vom 20. Parteitag zu, die sich schwer davor hüten, heute die damals Ermordeten ideologisch, oder genauer, theoretisch, zu rechtfertigen.
Die dem Toten und den Lebenden gemeinsame Rolle ist die der kapitalistischen Konterrevolution.
Gerade die Konterrevolution ist „schöpferisch", und an ihr lassen sich im Laufe der Geschichte immer neue und unerwartete Erscheinungsformen entdecken. Nach dieser Seite hin haben wir viel gelernt, in diesem halben Jahrhundert, das voll von Verrat am sozialistischen Proletariat war.
Es ist die Revolution, die wahr ist, die nach wir vor dieselbe ist, die im Verlauf des riesigen historischen Brückenschlags so abschließen wird, wie sie begonnen hat und wo sie versprochen hat zu enden: Dort, wo sie mit vielleicht vielen der Lebenden, aber bestimmt mit den Kommenden, wie auch mit den Toten (die wussten, dass sie bestimmt kommen wird, dass sie bestimmt nicht trügt) eine Verabredung hat. Im Lichte der Theorie wird sie, als etwas Geschautes, etwas Lebendiges, bereits erwartet.
1 Das Kominform (Kommunistisches Informationsbüro) wurde im September 1947 mitten im Kalten Krieg gegründet und im April 1956 aufgelöst. 2 Rückzug und Untergang der bolschewistischen Revolution. Erster Teil der Versammlung in Turin vom Mai 1956. 3 felix culpa (lat.): glückliche Schuld. Ein Fehler, aus dem Gutes erwächst. 4 Siehe: „F-102, Dialog mit Stalin (III)", Kapitel: „Rate und Masse". 5 Ikarien: so benannte Cabet sein utopistisches Phantasieland und später eine kommunistische Kolonie in Amerika. Phalanstere: der Name der von Fourier geplanten gesellschaftlichen Paläste. Siehe: MEW 4, S. 491.
6 So nennt die bürgerliche Geschichtsschreibung die Revolution in Großbritannien von 1688, die die „grundherrlichen und kapitalistischen Plusmacher zur Herrschaft" (Marx) brachte.
7 aut - aut (grch.): entweder - oder. |

