Richtlinien zur Wiederherstellung der marxistischen Lehre

1. Der Marxismus ist keine Meinungsäußerung

Aus einleuchtenden Gründen enthält dieser Text nicht die Beweisführung dessen, was er behauptet. Wir haben hier nur klar die Richtung dieser Zeitschrift anzugeben. Es werden nur Aussagen gemacht, die die wesentlichen Grundlagen festlegen und das Ziel haben, unbewusst oder wissentlich hervorgerufene Missverständnisse und Zweideutigkeiten zu verhindern.

Bevor der Leser überzeugt wird, muss ihm deutlich gemacht werden, wo wir stehen. Überzeugungs-, Propaganda- und Einreihungsarbeit kommen später.

Nach der von uns gebrauchten Methode entstehen die Anschauungen nicht durch Propheten, Jünger oder Denker, in deren Köpfen neue Wahrheiten auftauchen, denen dann Heerscharen von Anhängern folgen.

Die Vorgehensweise ist eine ganz andere. Es ist die von einer Avantgarde gesellschaftlicher Gruppen geleistete unpersönliche Arbeit, worin die theoretischen Positionen herausgeschält und deutlich gemacht werden, die die wirklichen und allen gemeinsamen Lebensbedingungen den Einzelnen aufdrängen – und zwar lange, bevor sie sich dessen bewusst werden. Die Methode steht also im Gegensatz zu der, die als Scholastik, Bildung und Aufklärung in Erscheinung tritt.

Es ist weder verwunderlich noch ein Grund zur Klage, wenn die Wiedererrichtung unserer Position heute, in einer Phase theoretischer Verwirrung, die die praktische Zersplitterung widerspiegelt, Anhänger zunächst eher abschreckt als anzieht.

2. In welchem Sinne stellen sich Marxisten auf den Boden einer historischen Tradition?

Bei der Darstellung ihrer Aussagen bezieht sich jede politische Bewegung auf frühere historische Geschehnisse und in bestimmter Hinsicht auf ältere oder jüngere, nationale oder internationale Überlieferungen.

Auch die Bewegung, deren theoretisches Organ diese Zeitschrift ist, bezieht sich auf einen ganz bestimmten Ursprung. Doch im Unterschied zu anderen Bewegungen geht sie weder von einer überweltlichen Quellen zugeschriebenen Offenbarung aus noch erkennt sie die Autorität unveränderlicher Urtexte an, und sie richtet sich auch nicht nach juristischen, philosophischen oder moralischen Glaubenssätzen, in denen Aufschluss über alle Fragen des Daseins zu finden wäre und die dem Denken und Fühlen aller Menschen irgendwie immanent seien.

Um unsere Richtung zu benennen, können wir die Begriffe Marxismus, Sozialismus, Kommunismus, politische Bewegung der proletarischen Klasse, benutzen. Das Schlimme ist, dass all diese Begriffe immer wieder missbraucht wurden. 1917 war die Umbenennung der Partei für Lenin eine der Hauptforderungen, wobei er zum Adjektiv „kommunistisch“ des „Manifest“ von 1848 zurückkehrte. Noch größere Verwirrung schafft heute der ungeheure Missbrauch des Namens durch Parteien, die außerhalb jeder revolutionären Klassenlinie stehen. Explizit auf die Erhaltung der bürgerlichen Institutionen bedachte Bewegungen nennen sich ohne Scheu Arbeiterparteien, und die Bezeichnung „marxistisch“ wird benutzt, um die absurdesten Parteienzusammenschlüsse zu kennzeichnen, wie z.B. den der spanischen antifranquistischen Koalition.

Die historische Linie, auf die wir uns beziehen, ist folgende: das „Manifest der Kommunisten“ von 1848 (genauer: „Manifest der Kommunistischen Partei“, ohne Nennung einer Nation); die klassischen Schriften von Marx und Engels; die klassische Wiederaufrichtung des revolutionären Marxismus gegen alle opportunistischen, zeitgleich mit dem revolutionären Sieg in Russland auftauchenden Abweichungen; die Grundlagentexte Lenins; die Gründungserklärungen der III. Internationale auf dem I. und II. Weltkongress; die von der Linken vertretenen Positionen auf den nach 1922 stattfindenden Kongressen .

Allein auf Italien bezogen, ist die historische Linie an die linke Fraktion der SPI während der Kriegsjahre 1914-18 geknüpft; an die Gründung der KPI im Januar 1921 in Livorno; ihren Parteitag 1922 in Rom; die Positionen ihres bis zum Parteitag 1926 in Lyon vorherrschenden und danach außerhalb der Partei und der KI sowie im Ausland tätigen linken Flügels.

Diese Linie stimmt nicht mit derjenigen der trotzkistischen Bewegung der IV. Internationale überein. Zu spät reagierte Trotzki, und noch später Sinowjew, Kamenew, Bucharin und die anderen russischen Gruppen bolschewistischer Tradition, auf die falsche Taktik, die sie bis 1924 befürwortet hatten, und zu spät sahen sie, dass sich die Abweichungen vertieften, so dass schließlich die politischen Grundsätze der Bewegung umgestoßen wurden. Die Trotzkisten berufen sich heute zwar auf die Wiederherstellung jener Grundsätze, doch haben sie nicht klar und eindeutig jene Faktoren zurückgewiesen, die diese Grundsätze zersetzten und auf das – fälschlich als bolschewistisch und leninistisch bezeichnete – „Herumtaktieren“ zurückzuführen sind.

3. Einordnung der marxistischen dialektischen Methode

Als Grundlage jeder Untersuchung muss – neben der Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomene – die gesamte historische Entwicklung berücksichtigt werden.

Dieses Vorgehen ist viele Male proklamiert worden, doch sehr oft geriet man im Laufe dieser Arbeit auf falsche Bahnen.

Grundlage des Verständnisses ist die Untersuchung der materiellen Mittel, mittels deren die menschlichen Gemeinwesen ihre Bedürfnisse befriedigen, also der Produktivtechnik und, damit einhergehend, der ökonomischen Verhältnisse.

Diese Faktoren bestimmen in den verschiedenen Epochen den Überbau der juristischen, politischen, militärischen Einrichtungen sowie den Charakter der jeweils herrschenden Ideologie.

Diese Methode wird durch die Ausdrücke: historischer Materialismus, dialektischer Materialismus, ökonomischer Determinismus, wissenschaftlicher Sozialismus, kritischer Kommunismus, präzise benannt.

Bei der Darstellung und Erklärung des Gesellschaftlichen ist wichtig, stets die positiven, also die auf Tatsachen und Erfahrungen gestützten Resultate heranzuziehen, und weder Mythen und Götter noch Prinzipien des „Naturrechts“ oder der „Ethik“, wie etwa Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit und andere hohle Abstraktionen einzuschmuggeln. Noch wichtiger ist, diese und andere trügerische Prämissen nicht unbewusst und stillschweigend (infolge der diabolischen Einflüsse der herrschenden Ideologie) fortleben zu lassen, so dass sie just in den heikelsten Momenten und vor entscheidenden Schritten wieder ins Spiel kommen.

Die Überwindung des Widerspruchs zwischen strenger theoretischer Kontinuität und Kohärenz einerseits und der Fähigkeit andererseits, sich den alten, in formellen Ausdrücken und Normen erstarrten Ergebnissen wieder kritisch entgegenzustellen, kann allein die dialektische Methode leisten.

Ihre Anwendung heißt nicht, einer Glaubenslehre anzuhängen oder ein leidenschaftliches Bekenntnis zu einer Schule oder Partei abzulegen.

4. Gegensatz zwischen Produktivkräften und Produktionsweisen

Die Produktivkräfte, die im Wesentlichen aus den in der Produktion tätigen Menschen und ihrem Zusammenwirken bestehen, ferner aus den Arbeitsgeräten und -mitteln, die zu handhaben sie fähig sind, wirken im Rahmen der Produktionsweisen.

Unter diesen Weisen sind die gesellschaftlichen Gliederungen, die Abhängigkeitsverhältnisse zu verstehen, innerhalb deren die produktive und gesellschaftliche Tätigkeit stattfindet. Sie schließen alle hierarchischen Ordnungen (familiäre, militärische, theokratische, politische) ein, ferner den Staat und seine Einrichtungen, das Recht und die diesem Recht Geltung verschaffenden Gerichte, alle ökonomischen und juristischen Regeln und Institutionen, die gegenüber Zuwiderhandlungen oder Überschreitungen äußerst widerstandsfähig sind.

Eine Gesellschaftsform besteht, solange die Produktivkräfte innerhalb bestimmter Produktionsweisen gebannt sind. In bestimmten historischen Augenblicken wird dieses Gleichgewicht erschüttert. Verschiedene Gründe, darunter der technische Fortschritt, das demographische Wachstum, die Ausdehnung des Verkehrs und der Kommunikation steigern die Produktivkräfte. Sie geraten in Konflikt mit den althergebrachten Formen, wollen ihren Rahmen sprengen, und wenn dies gelingt, kommt es zur Revolution: Das Gemeinwesen organisiert sich in neuen ökonomischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnissen, neue Formen verdrängen die alten.

Durch die wissenschaftliche und experimentelle Methode (dieselbe, die die Denker der bürgerlichen Epoche auf die Welt der Naturerscheinungen anwandten – ein Kampf, der den revolutionären sozialen Kampf gegen die theokratischen und absolutistischen Regimes widerspiegelte; doch wagten sie nicht, die gleiche Methode auf die gesellschaftlichen Erscheinungen auszuweiten) findet, gebraucht und verifiziert die marxistische dialektische Vorgehensweise die Lösungen auf der Ebene der großen gesellschaftlichen Phänomene. Die Frage des Verhaltens der Einzelnen leitet sie aus den auf diesem Gebiet gewonnenen Resultaten ab. Alle gegnerischen, religiösen, rechtlichen, philosophischen, ökonomischen Schulen gehen umgekehrt vor, d.h. sie konstruieren das kollektive Verhalten auf der schimärischen Grundlage eines Mythos – eben den des Individuums, gleich, ob es als unsterbliche Seele dargestellt, oder als Rechtssubjekt und Bürger aufgefasst, oder als ewig gleichbleibende Monade des Wirtschaftslebens usw. usf. betrachtet wird (dies heute, wo die Physik über ihre einstmals fruchtbare Hypothese der unteilbaren Materie, der Atome, hinausgegangen ist, die Materie als eine komplexe Gesamtheit kennzeichnet, und diese keineswegs als weiteren Typus unverletzlicher Monaden, sondern als Schnittpunkte der Dynamik aller energetischen Felder ansieht, so dass man schematisch sagen kann: Nicht der Kosmos ist Funktion des Einzelnen, sondern das Einzelne ist Funktion des ganzen Kosmos).

Wer an das Individuum glaubt und von Persönlichkeit, Würde der Person, Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen oder Bürgers redet, sollte von der marxistischen Theorie besser die Finger lassen. In Bewegung gesetzt werden die Menschen nicht durch Meinungen, oder religiöse bzw. politische Überzeugungen, oder überhaupt durch Äußerungen des Denkens, die ihren Willen und ihr Handeln bestimmen. Es sind vielmehr ihre Bedürfnisse, die sie in Bewegung bringen, und wenn diese materiellen Bedürfnisse große Gruppen betreffen, nehmen sie den Charakter von Interessen an. Dann stoßen sie gegen die Schranken, die das gesellschaftliche Milieu und die gesellschaftliche Struktur der Befriedigung dieser Bedürfnisse entgegensetzen, und darauf reagieren sie einzeln oder kollektiv, wobei die Richtung – im großen Durchschnitt – notwendigerweise determiniert ist, also bevor sich das Wechselspiel von Antrieb und Reaktion in den Köpfen als das abgebildet hat, was wir Gefühle, Gedanken, Bewertungen nennen.

Ein Phänomen, das offenkundig äußerst komplex und vielschichtig ist. In einzelnen Fällen mag dem allgemeinen Gesetz widersprochen werden, das dennoch völlig zu Recht besteht.

Jedenfalls hat niemand das Recht, sich Marxist zu nennen, der als Triebkraft des gesellschaftlichen und geschichtlichen Mechanismus das individuelle Bewusstsein, moralische Prinzipien, die Meinungen und Entscheidungen des Einzelnen, des Bürgers, ins Spiel bringt.

5. Klasse, Klassenkampf, Partei

Der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsweisen manifestiert sich als Kampf zwischen den gegensätzliche ökonomische Interessen verfolgenden Klassen. In den Phasen, in denen dieser Kampf seinem Höhepunkt zustrebt, kommt es zum bewaffneten Kampf um die Eroberung der politischen Macht.

Klasse ist im marxistischen Sinn keine nüchterne statistische Definition, sondern eine organisch handelnde Kraft, die dann auftritt, wenn die bloße Übereinstimmung der ökonomischen Bedingungen und Interessen in einen gemeinsamen Kampf mündet, zur gemeinsamen Aktion führt.

In diesen revolutionären Situationen wird die Bewegung von einer Avantgarde oder Vorhut geführt, deren reife und sich auf der Höhe der Zeit befindende Form die politische Klassenpartei ist. Die Gemeinschaft, deren Handeln sich in der Parteiaktion verdichtet, bewegt sich in der Geschichte mit einer Wirksamkeit und realen Dynamik, die innerhalb der engen Sphäre des individuellen Handelns unerreichbar wäre.

Es ist die Partei, die dazu fähig ist, ein theoretisches Bewusstsein von der Entwicklung der Ereignisse zu erobern und infolgedessen – in der durch die produktiven Kräfte und ihre Beziehungen bestimmten Richtung – zu einem Einfluss auf deren Werden kommen kann.

6. Konformismus – Reformismus – Antiformismus

Um die Grundsätze und Richtlinien darzustellen – was wegen der Wechselwirkungen und ungeheuren Komplexität nicht machbar wäre, ohne zu vereinfachenden Schemata zu greifen –, unterscheiden wir drei Grundformen politischer Bewegung, worin sich alle Bewegungen einordnen lassen.

Konformistisch sind die Bewegungen, die dafür kämpfen, die jeweils bestehenden Produktionsformen und Gesellschaftseinrichtungen unversehrt zu erhalten, wobei jede Veränderung ausgeschlossen und sich auf ewige – ob religiöse, philosophische oder rechtliche – Prinzipien berufen wird.

Reformistisch nennen wir die Bewegungen, die zwar nicht die plötzliche und gewaltsame Zertrümmerung der alten Einrichtungen fordern, jedoch merken, dass der Druck der Produktivkräfte zu stark ist, weshalb sie für schrittweise und partielle Veränderungen innerhalb der bestehenden Ordnung eintreten.

Revolutionär (wir werden vorläufig den Begriff: antiformistisch benutzen) sind die Bewegungen, die den Angriff auf die alten Formen proklamieren und durchführen, und sogar, bevor sie die sozialen Merkmale der neuen Ordnung theoretisch formulieren können, darauf hinarbeiten, die alten zu zerbrechen, somit das notwendige Entstehen neuer Formen herausfordern.

Konformismus – Reformismus – Antiformismus

Jede Schematisierung birgt die Gefahr von Fehlschlüssen. Man kann sich fragen, ob die marxistische Dialektik nicht ihrerseits ein künstliches Schema der geschichtlichen Serie der Produktionsweisen errichtet, wenn die gesamte Entwicklung auf eine Abfolge der jeweils zur Herrschaft kommenden Klassen reduziert wird, die zuerst revolutionär auftreten, dann reformistisch werden und schließlich konservativ enden. Der suggestive Terminus für den – mit der proletarischen Klasse und ihrem revolutionären Sieg einhergehenden – Anbruch der klassenlosen Gesellschaft (dem berühmten Abschluss der „Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft“ [MEW 13, S.9]) könnte für eine teleologische und daher metaphysische Konstruktion, wie die spekulativen Ideologien der Vergangenheit, gehalten werden. Hegel, das zeigte Marx ja gerade, brachte sein dialektisches System auf eine „absolute Idee“ herunter, wobei er wieder unbewusst in jene Metaphysik zurückfiel, die er im kritischen Teil seines Werkes (der den bürgerlich-revolutionären Kampf auf der Ebene der Philosophie widerspiegelte) überwunden hatte.

Hegel stellte damit die absurde These auf – und vollendete so das bürgerliche Denken und die klassische Philosophie des deutschen Idealismus –, dass die Geschichte des Handelns und Denkens in seinem vollkommenen System, im Inbegriff des Absoluten, ihren Abschluss findet. Die marxistische Dialektik rechnete mit solch starren Schlussfolgerungen ein für alle Mal ab.

Dennoch scheint Engels in seiner klassischen Darstellung des wissenschaftlichen Sozialismus (als Gegensatz zum Utopismus, der die gesellschaftliche Umgestaltung dem Projekt einer besseren Gesellschaft anvertraute, für das ein Autor oder eine Sekte Überzeugungsarbeit leisten musste und das man nur anzunehmen brauchte) ein allgemeines Gesetz des geschichtlichen Werdegangs zu formulieren, wenn er Aussagen wie: „Es gibt eine Vorwärtsbewegung“ und „Die Welt schreitet voran“ machte. Solch mächtige Propagandaformeln darf man nicht so verstehen, als sei nun endlich ein Rezept gefunden worden, das all die zukünftigen unendlichen Entwicklungsgänge der menschlichen Gesellschaft erfassen würde, ein Rezept, das dann den Platz der üblichen bürgerlichen Abstraktionen von Evolution, Zivilisation, Fortschritt usw. einnehmen würde.

Das großartige dialektische Forschungswerkzeug ist selbst revolutionär. Seine Kraft äußert sich in der schonungslosen Zerstörung der unzähligen theoretischen Systeme, worin sich die jeweils bestehenden Herrschaftsstrukturen der privilegierten Klasse hüllen. Diesen Friedhof gestürzter Idole dürfen wir nicht durch einen neuen Mythos, eine neue Glaubenslehre ersetzen, sondern nur durch den wirklichen Ausdruck eines Systems von Beziehungen zwischen den tatsächlichen Zuständen und ihren wahrscheinlichen Entwicklungen.

Um ein Beispiel zu geben: die genaue marxistische Formulierung ist nicht: Eines Tages wird das Proletariat die Macht ergreifen, das kapitalistische Gesellschaftssystem zerstören und die kommunistische Wirtschaft aufbauen, sondern: Nur durch seine Organisation zur Klasse, also zur politischen Partei, und die bewaffnete Errichtung seiner Diktatur wird das Proletariat die kapitalistische Wirtschaft und das kapitalistische Machtgefüge zerstören können und eine nicht-kapitalistische und nicht-marktwirtschaftliche Ökonomie ermöglichen.

Wissenschaftlich können wir ein anderes Ende der kapitalistischen Gesellschaft nicht ausschließen – wie zum Beispiel eine Rückkehr zur Barbarei, eine durch Kriege ausgelöste globale Katastrophe, die etwa die pathologische Degenerierung der Menschengattung mit sich brächte (die Blinden und die zur radioaktiven Zersetzung ihres Gewebes Verdammten in Hiroshima und Nagasaki gemahnen daran), oder andere heute nicht vorhersehbare Zustände.

7. Wesenszüge der heutigen geschichtlichen Periode

Dialektische Bewertung der früheren und heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen und sozialen Lösungen

Das Kennzeichen der revolutionären kommunistischen Bewegung in dieser von Krämpfen geschüttelten Epoche muss nicht nur die kritische Vernichtung jeder heute auf der Bildfläche erscheinenden konformistischen oder reformistischen Strömungen sein, sondern auch die praktische, oder wie man sagt: taktische Position, nach der es mit solchen Bewegungen kein Zusammengehen mehr geben darf, auch nicht räumlich begrenzt oder zeitlich befristet.

Vor allem muss sie von dem historisch unumkehrbaren Standpunkt ausgehen, dass der Kapitalismus jeden antiformistischen Schwung verloren hat, d.h. ihm nichts mehr von seiner geschichtlichen Mission, die vorkapitalistischen Formen zu zerstören und deren drohende Restauration abzuwehren, zu tun bleibt.

Damit wird (und das ist dialektisch zu verstehen) nicht geleugnet, dass – solange die mächtigen Kräfte des kapitalistischen Werdens, die die globale Transformation in einem unerhörten Tempo vorantrieben, innerhalb jener vorkapitalistischen Verhältnisse wirkten – die proletarische Klasse die Bourgeoisie während dieser Phase auf praktischer Ebene unterstützen konnte und musste, obwohl sie sie auf theoretischer Ebene bereits verurteilte.

Hier liegt ein Hauptunterschied zwischen der metaphysischen und der dialektischen Methode.

Die metaphysische Methode bewertet die gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen und Gliederungen als gut oder schlecht, annehmbar oder verwerflich, je nachdem, wie die Untersuchung ihrer Merkmale aufgrund allgemeiner Prinzipien und Glaubenssätze ausfällt, während die dialektische Methode keine Einrichtung als solche positiv oder negativ bewertet.

Die Dialektik erklärt die Geschichte vielmehr, indem sie jeder Einrichtung zugesteht, in ihrem Zyklus nacheinander revolutionäre, progressive und konservative Aufgaben und Wirkungen gehabt zu haben.

Es geht bei jeder Fragestellung darum, die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Umstände richtig einzuordnen und daraus die Bedeutung des politischen Konflikts, der ihr Ausdruck ist, zu deduzieren.

Metaphysisch ist es, sich aus Prinzip zum Autoritären oder Anarchisten, zum Monarchisten oder Republikaner, zum Aristokraten oder Demokraten zu erklären und in der Polemik auf Glaubenssätze jenseits der jeweiligen geschichtlichen Umstände zurückzugreifen. Schon der alte Plato ging beim ersten systematischen Versuch politischer Wissenschaft über den mystischen Absolutismus ewiger Prinzipien hinaus, und Aristoteles folgte ihm, wenn er bei den drei Regierungsformen (einer – einige – alle) die jeweils guten und schlechten Formen unterschied: Königtum und Tyrannis, Aristokratie und Oligarchie, Volksherrschaft und Demagogie.

Die moderne Analyse, vor allem seit Marx, geht sehr viel tiefer.

In der heutigen historischen Phase jedoch enthalten beinahe alle politischen Propagandaformeln und Erklärungen die fadesten traditionellen Argumente aus den religiösen, juristischen, philosophischen Mystizismen.

Diesem ganzen Chaos von Vorstellungen (Projektionen des Chaos der Interessengegensätze und -verflechtungen in einer verfaulenden Gesellschaft) muss die dialektische Untersuchung der heute bestehenden Kräfteverhältnisse entgegengestellt werden.

Um diese Arbeit beginnen zu können, soll an eine analoge Bewertung, die auf wohlbekannte, den vorhergehenden Epochen angehörende Verhältnisse zurückführt, erinnert werden.

8. Dialektische Bewertung der historischen Formen

a) Ökonomisches Beispiel: Warenproduktion

Gehen wir von den ökonomischen Formen aus und stellen wir zunächst fest, dass es keinen Sinn macht, für eine gemeinschaftliche oder private, individuelle oder genossenschaftliche, für eine Freihandels- oder Monopolwirtschaft Partei zu ergreifen und die von jedem System erworbenen Meriten für den allgemeinen Wohlstand zu rühmen: Damit würde man in eine Utopie zurückfallen, die ja das genaue Gegenteil der marxistischen Dialektik ist.

Bekannt ist das klassische Beispiel des Kommunismus als „Negation der Negation“ bei Engels [MEW 20, S.120 ff]. Die ersten Produktionsformen des Menschengeschlechts waren kommunistisch, dann trat das Privateigentum als ein bei weitem komplexeres und leistungsfähigeres System auf. Von hier aus kehrt die Gesellschaft zum Kommunismus zurück.

Aber das wäre nicht zu verwirklichen, wenn der Urkommunismus nicht vom System des Privateigentums überwunden, geschlagen und zerstört worden wäre. Der Kommunist sieht in dieser ersten Negation einen Nutzen, und nicht einen Schaden. Und wie für die kommunistischen Gemeinwesen, so gilt es für alle anderen ökonomischen Formen: Sklavenhaltertum, Leibeigenschaft, Manufaktur-, Industrie-, Monopolkapitalismus.

Es war eine gewaltige soziale Revolution, als, am Ende der Oberstufe der Barbarei, die Warenwirtschaft historisch in Erscheinung trat, denn dadurch hörten die zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse geeigneten Gegenstände auf direkt vom ursprünglichen Eroberer oder Erzeuger angeeignet und verzehrt zu werden: Sie wurden austauschbar, zunächst innerhalb sich selbst genügender Kreise, in Form des Naturaltausches, und später mittels eines gemeinsamen Geldäquivalents.

Es entstand so die Möglichkeit, dass sich die Menschen verschiedenen Tätigkeiten zuwandten, wodurch sich die Wesenszüge des gesellschaftlichen Lebensprozesses ungeheuer vervielfältigten und erweiterten. Es liegt kein Widerspruch darin, diesen ersten Übergang zu begrüßen und gleichzeitig zu erklären, dass wir heute, nach einer Serie von auf dem Warenprinzip gegründeten Wirtschaftsformen (Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus), zu einer nicht-warenproduzierenden Ökonomie tendieren, und dass die These, wonach außerhalb des Ware-Geld-Tausches keine Produktion machbar wäre, konformistisch und reaktionär ist.

Die Abschaffung der Warenproduktion ist heute, und erst heute, eine reale Forderung, denn die Entfaltung der assoziierten Arbeit und die Konzentration der Produktivkräfte – Ergebnis der letzten Form der Warenproduktion: des Kapitalismus – ermöglicht es, die Schranken niederzureißen, innerhalb deren alle Gebrauchsgüter als Waren zirkulieren und die menschliche Arbeit selbst Ware ist.

Völlig wahnwitzig zu denken, dass ein Jahrhundert vor diesem Stadium die Kritik des Warenproduktionssystems bzw. der Marktwirtschaft auf Grundlage allgemeiner philosophischer, juristischer oder moralischer Begründungen zu leisten gewesen wäre.

b) Soziales Beispiel: die Familie

In dem riesigen Zyklus, in dem die Beziehungen, in denen die Individuen lebten und sich bewegten, immer vielschichtiger und komplizierter wurden, traten nacheinander die verschiedenen Gemeinwesen auf, die das gemeinschaftliche Leben vom tierischen Einzeldasein schieden. Eine Form als gut, die andere als schlecht zu bezeichnen, macht überhaupt keinen Sinn. Sie müssen jede im Zusammenhang des geschichtlichen Werdegangs gesehen werden, der ihnen in den sukzessiven Transformationen und Revolutionen eine wechselnde Rolle zuwies.

Jede dieser Gesellschaftseinrichtungen trat als revolutionäre Errungenschaft in Erscheinung, erfuhr in einem langen historischen Zyklus ihre Entwicklung und Umgestaltung, wurde schließlich zum konformistischen und reaktionären Hindernis.

Die soziale Einrichtung der Familie erscheint, als sich die Bindung zwischen Erzeugern und Nachkommen weit über den Zeitraum der physiologischen Abhängigkeit hinaus ausweitet. Es entsteht die erste Form von Autorität, zuerst der Mutter, dann des Vaters, über die Nachkommen, auch wenn diese schon erwachsen und körperlich selbständig sind. Auch hier haben wir eine Revolution vor uns, denn erstmals wird die Organisierung gemeinschaftlichen Lebens möglich und die Grundlage für die weitere Entwicklung gelegt, die zu den ersten Gesellschafts- und Staatsformen führen wird.

Als das gesellschaftliche Leben in seinen aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen immer komplexer wurde, dehnten sich die durch Autorität und Schutz geprägten Beziehungen weit über die Grenzen der Abstammung und Blutsverwandtschaft hinaus aus. Die neuen, viel breiteren Gemeinwesen, wie dann die ersten Städte, Staaten, die aristokratischen, schließlich bürgerlichen Ordnungen, integrieren die Institution der Familie – allesamt auf der Fetisch-Institution der Erbfolge beruhend – und ordnen sie sich unter.

Als es einer Wirtschaftsform bedarf, die den Funktionsmechanismus der Einzelinteressen überwindet, wird die Familie, mit ihrem zu engen Wirkungskreis, zu einem Hindernis und reaktionären Element der Gesellschaft.

Nachdem sie gezeigt haben, dass schon im kapitalistischen System die vielgerühmte „Heiligkeit“ der Familie verkümmert und zerrissen wurde, bekämpfen die Kommunisten, ohne die einst fortschrittliche Funktion der Familie zu leugnen, sie heute offen und haben das Ziel, sie abzuschaffen,.

c) Politisches Beispiel: Monarchie und Republik

In der Geschichte sehen wir eine komplizierte Wechselfolge einander ablösender Staatsformen, wie die Monarchie und die Republik, und beide hatten in den verschiedenen Epochen sowohl revolutionäre als auch fortschrittliche und dann konservative Wirkungen. Auch wenn sich sagen lässt, dass die kapitalistische Ordnung die dynastischen Regimes wahrscheinlich im Großen und Ganzen beseitigt haben wird, bevor es selbst gestürzt wird, kann man auch über sie nicht absolut urteilen und sie außerhalb von Raum und Zeit stellen. Die ersten Monarchien entstanden als politischer Ausdruck einer materiellen Arbeitsteilung. Während ein Teil des Familienverbandes oder Stammes der Jagd, dem Fischfang, dem rohen Gartenbau, den ersten handwerklichen Tätigkeiten nachging, übernahm ein anderer Teil die Verteidigung gegen andere Gruppen oder Volksstämme bzw. ging selbst auf Raubzug; das Machtprivileg fußte bei den ersten Heerführern und Königen auf dem größeren Risiko, ihr Leben zu lassen. Es handelt sich auch hier um entwickeltere und komplexere Formen, die sonst nicht aufgetreten wären, d.h. um einen der Wege, der die gesellschaftlichen Verhältnisse revolutionierte.

In späteren Phasen ermöglichte die Monarchie die Konstituierung und Entwicklung der breiten nationalen Staatsorganisationen gegen den Föderalismus der Statthalter und Gutsbesitzer, und hatte somit eine erneuernde und reformierende Funktion. Der große monarchistische Reformator mit Anbruch der Neuzeit war Dante.

In jüngster Zeit ist die Monarchie in vielen Ländern eine Regierungsform, die – nicht minder als die Republik – die Macht der Bourgeoisieklasse in einer ihrer drückensten Varianten darstellt.

Republikanische Bewegungen und Parteien können revolutionär aufgetreten sein, andere reformistisch, wieder andere trugen einen klar konservativen Charakter.

Bleiben wir bei verständlichen und einfachen Beispielen. Revolutionär war Brutus, der Tarquinius verjagte; reformistisch die Gracchen, die der aristokratischen Republik einen der Plebs entsprechenden Inhalt zu geben suchten; konformistisch und reaktionär die traditionellen Republikaner, wie Cato und Cicerone, die sich der großen historischen Entwicklung der Expansion des Römischen Reiches samt seinen juristischen und sozialen Formen entgegenstellten. Völlig falsch wird die Frage gestellt, wenn man auf Gemeinplätze wie den Cäsarismus, die Tyrannei, oder andersrum, auf die heiligen Prinzipien der republikanischen Freiheiten und ähnlich rhetorisch-belletristische Argumente zurückgreift.

Wenn wir Beispiele des antiformistischen, reformistischen und konservativen Typus aus der Neuzeit nehmen wollen, genügt es, auf die drei französischen Republiken: 1792, 1848, 1870 zu verweisen.

d) Ideologisches Beispiel: die christliche Religion

Die Krisen der ökonomischen Gesellschaftsformen spiegeln sich nicht nur in den sozialen und politischen Einrichtungen, sondern auch in den Religionen und philosophischen Anschauungen wider. Jede juristische, religiöse oder philosophische Überzeugung muss im Zusammenhang mit der historischen Lage und den gesellschaftlichen Krisen gesehen werden; und sie war jeweils ein revolutionäres, dann fortschrittliches und konservatives Werkzeug.

Die Bewegung, die den Namen Christus trug, war antiformistisch und revolutionär par excellence.

Der der revolutionären Erhebung gegen die Sklaverei im alten Orient entsprechende Lehrsatz war, dass jeder Mensch, gleich welche soziale Stellung er innehatte oder welcher Kaste er zugehörig war, eine unsterbliche Seele göttlichen Ursprungs besitze. Solange die menschliche Person nach Recht und Gesetz als Ware angesehen wurde, Gegenstand des Kaufs und Verkaufs wie das Vieh, und daher die juristisch fixierten Vorrechte des freien Bürgers ausschließlich das Monopol einer Klasse waren, bedeutete das Dogma der Gleichheit aller Gläubigen einen Schlachtruf, der die Grundfesten der theokratischen Ordnung der Juden und der aristokratischen und militärischen Regimes anderer Staaten des Altertums erzittern ließ.

Sehr viel später, nach dem Verschwinden des Sklavenhaltertums, wurde das Christentum anerkannte Staatsreligion. Seinen reformistischen Zyklus durchlebte es im neuzeitlichen Europa, wo es den Kampf gegen die Kirche ausdrückte, die sich allzu sehr den privilegierten herrschenden Schichten zugesellt hatte.

Heute gibt es keine konformistischere Ideologie als das Christentum, das bereits in der Epoche der bürgerlichen Revolution die mächtigste Waffe der Indoktrination und Subordination in Händen des ancien regime war.

Das kolossale kirchliche Netzwerk und die religiöse Beeinflussung – überall längst mit dem kapitalistischen System versöhnt und einig – sind heute gänzlich der Abwehr und Verteidigung gegen die revolutionäre Drohung des Proletariats verpflichtet.

Da sich nun die Vorstellung schon lange festgesetzt hat, dass sich jedes einzelne Individuum, gleich einer Firma, eine Soll- und Habenseite verschaffen kann, ist unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen der alte Wunderglaube, wonach für jeden Einzelnen die moralische Bilanz seines Tuns unwiderruflich über sein Weiterleben im Jenseits entscheidet, nur noch eine Projektion des bürgerlichen Charakters der bestehenden, auf der Privatwirtschaft gegründeten Gesellschaft in die Hirne der Menschen.

Um den Kampf zu führen, der die Fesseln einer auf Privatbetrieben und Privatbilanzen gegründeten Wirtschaft sprengt, muss notwendigerweise eine offen antireligiöse und antichristliche Position eingenommen werden.

9. Der kapitalistische Zyklus

a) Revolutionäre Phase

Die moderne kapitalistische Bourgeoisie hat in den Hauptländern bereits die drei charakteristischen Geschichtsabschnitte hinter sich.

Sie tritt als Klasse offen revolutionär auf und kämpft mit den Waffen in der Hand, um die Formen des feudalen und klerikalen Absolutismus zu zerschlagen, die die Arbeitskraft der Bauern an den Boden und die der Handwerker an das Zunftsystem fesseln.

Die Notwendigkeit, diese Fesseln zu sprengen, fällt mit der Entwicklung der Produktivkräfte zusammen, die mit den modernen technischen Mitteln dahin drängen, die Arbeiter massenhaft zusammenzufassen.

Damit sich die neuen ökonomischen Formen frei entfalten können, müssen die alten Ordnungen gewaltsam niedergeschlagen werden. Die bürgerliche Klasse führt nicht nur den insurrektionellen Kampf, sondern setzt nach ihrem ersten Sieg auch eine eiserne Diktatur ein, um eine Revanche der Monarchisten, Feudalherren und klerikalen Hierarchie im Keim zu ersticken.

Die kapitalistische Klasse tritt als eine antiformistische Kraft in die Geschichte ein und ihre enorme revolutionäre Dynamik treibt sie dazu, alle materiellen und ideellen Hindernisse beiseite zu räumen. Rücksichtslos stoßen ihre Denker die alten Glaubenssätze und religiösen Überzeugungen vom Sockel.

Die Theorien der Autorität von Gottes Gnaden werden durch solche der politischen Gleichheit und Freiheit, der Volkssouveränität, ersetzt und die Notwendigkeit von Vertretungskörperschaften proklamiert, dank deren die Macht, wie behauptet wird, Ausdruck des frei geäußerten Willens der ganzen Gesellschaft sei.

Das demokratische und liberale Prinzip ist in dieser Phase klar revolutionär und antiformistisch, zumal es sich nicht auf friedlichem und legalitärem Wege Bahn bricht, sondern durch Gewalt und revolutionären Terror siegt – gegen Restaurationsversuche wird es durch die Diktatur der siegreichen Klasse geschützt.

b) Evolutionistische und demokratische Phase

Nachdem sich das kapitalistische System gefestigt hat, präsentiert sich die Bourgeoisie, in der zweiten Phase, als Vertreterin der höchsten Entwicklung und des größten Wohlstandes der ganzen Gesellschaft und durchläuft eine relativ ruhige Phase, in der sich die Produktivkräfte entwickeln, die ganze Welt ihrem System unterworfen und das wirtschaftliche Tempo insgesamt intensiviert wird. Es ist dies die progressive und reformistische Phase des kapitalistischen Zyklus.

Der parlamentarische demokratische Mechanismus besteht in dieser zweiten Phase parallel zur reformistischen Ausrichtung, denn der herrschenden Klasse liegt daran zu beweisen, dass ihre Ordnung fähig ist, die Interessen und Forderungen der Arbeiterklasse auszudrücken und darzulegen; ihre Regierungen erklären, sie durch wirtschaftliche und legislative Maßnahmen erfüllen zu können – ohne dass die juristischen Grundlagen des bürgerlichen Systems angetastet würden. Parlamentarismus und Demokratie sind nicht mehr revolutionäre Losungen, sondern nehmen einen reformistischen Inhalt an, der die Entwicklung des Kapitalismus absichern und gewaltsame Zusammenstöße und Ausbrüche des Klassenkampfes abwenden soll.

c) Imperialistische und faschistische Phase

Der Imperialismus ist die dritte Phase. Ihn kennzeichnen die monopolistische Konzentration, das Aufkommen der Syndikate und Kartelle, die zentral gesteuerte Wirtschaftsplanung. Die bürgerliche Ökonomie transformiert sich und verliert die Merkmale des klassischen Liberalismus, der jedem Fabrikherren bei seinen wirtschaftlichen Entscheidungen und Handelsbeziehungen freie Hand ließ. Eine immer strengere Produktions- und Distributionsreglementierung macht sich breit. Die wirtschaftlichen Indizes sind nicht mehr Resultat der freien Konkurrenz, sondern der Einflussnahme zuerst der Unternehmerverbände, dann der Bank- und Finanzkonglomerate, schließlich direkt des Staates. Der politische Staat – nach marxistischer Auffassung ein Ausschuss, der die Interessen der bürgerlichen Klasse verwaltet und sie als Regierungs- und Polizeiorgan schützt – wird mehr und mehr zu einem Organ der Wirtschaftskontrolle und sogar der Wirtschaftsleitung.

Dieser wirtschaftliche Staatsdirigismus kann nur dann mit einem Übergang von der privaten zur kollektiven Wirtschaft verwechselt werden, wenn man vorsätzlich übersieht, dass der bestehende Staatsapparat einzig die Interessen einer Minderheit ausdrückt, und jede in den Schranken der Warenproduktion durchgeführte Verstaatlichung eine wirtschaftliche Konzentration mit sich bringt, die den kapitalistischen Charakter der Ökonomie nicht etwa abschwächt, sondern verstärkt. Wie Lenin in seiner Imperialismus-Kritik klar feststellte, führt die politische Entwicklung der bürgerlichen Parteien in der heutigen Phase zu noch stärkerer Unterdrückung, was im Auftreten der totalitären und faschistischen Regimes seinen Ausdruck findet. Sie sind der modernste politische Typus der bürgerlichen Gesellschaft und breiten sich auf Grund eines Prozesses aus, der auf der ganzen Welt immer deutlicher zutage tritt. Mit dieser politischen Zentralisation geht die absolute Hegemonie weniger sehr mächtiger Staaten auf Kosten der Selbständigkeit der mittleren und kleineren Länder einher.

Das Erscheinen dieser dritten kapitalistischen Phase darf nicht mit einer Rückkehr vorkapitalistischer Institutionen und Formen durcheinandergebracht werden, denn sie ist von einem regelrecht schwindelerregenden Zunehmen der Dynamik in Industrie und Bankwesen begleitet, die die vorbürgerliche Welt weder qualitativ noch quantitativ kannte. Der Kapitalismus weist tatsächlich das demokratische und repräsentative Staatsgerüst von sich und errichtet absolut despotische Staatszentren. In einigen Ländern hat er die Bildung totalitärer Einheitsparteien und hierarchischer Zentralisierung schon theoretisiert und proklamiert; in anderen geht es unweigerlich in dieselbe Richtung, auch wenn er die mittlerweile hohlen demokratischen Losungen weiterhin benutzt.

Der Standpunkt einer genauen Bestimmung des heutigen historischen Prozesses ist folgender: die Phase des Liberalismus und der Demokratie ist abgeschlossen, und demokratische Forderungen, die einst revolutionären, dann progressiven und reformistischen Charakter trugen, sind heute anachronistisch und rein konformistisch.

10. Die proletarische Strategie in der Phase der bürgerlichen Revolution

Parallel zum Zyklus der kapitalistischen Welt verläuft der Zyklus der proletarischen Bewegung.

Mit Beginn der Herausbildung eines großen Industrieproletariats wird die Kritik der bürgerlichen, ökonomischen, juristischen und politischen Proklamationen ausgearbeitet und der Schleier zerrissen, wonach die Bourgeoisieklasse die Menschheit befreie und emanzipiere. Stattdessen hat sie bloß die eigene Klassenherrschaft und Ausbeutung an die Stelle der Herrschaft ihr vorhergegangener Klassen gesetzt. Dennoch mussten die Arbeiter in allen Ländern an der Seite der Bourgeoisie für den Umsturz der feudalen Gesellschaftsordnung kämpfen, fielen aber nicht auf die Einflüsterungen des reaktionären Sozialismus herein, der die Arbeiter mithilfe des Gespenstes des neuen, erbarmungslosen Fabrikherrn zu einem Bündnis mit den monarchistischen und landherrlichen Führungsklassen aufrief.

Auch noch in den Kämpfen, die die jungen kapitalistischen Regimes führten, um die reaktionären Restaurationsversuche zurückzuschlagen, konnte das Proletariat der Bourgeoisie die Hilfe nicht verweigern.

Der erste Akt der Strategie der kaum entstandenen proletarischen Klasse bestand in dem Versuch, den Schwung mitzunehmen, den sie im Kampf an der Seite der Bourgeoisie genommen hatte und antibürgerliche Bewegungen ins Leben zu rufen, um sofort nach der Befreiung von der feudalen Unterdrückung auch die von der kapitalistischen Ausbeutung zu erringen.

Seit der großen französischen Revolution haben wir mit dem „Bund der Gleichen“ und Babeuf die Keimform dieser Strategie. Theoretisch war die Bewegung noch ganz unreif, doch enorm wichtig bleibt die historische Lektion, die die siegreiche jakobinische Bourgeoisie mit ihrer gnadenlosen Repression den Arbeitern erteilte, die sich für sie und ihre Interessen geschlagen hatten. Am Vorabend der revolutionären bürgerlichen und nationalen Welle von 1848 ist die Theorie des Klassenkampfes schon vollständig ausgearbeitet, denn das Verhältnis Bourgeoisie - Proletariat war nun auf europäischer und Weltebene klar und deutlich zutage getreten.

Im „Manifest“ entwirft Marx den Plan, ein Bündnis mit der Bourgeoisie gegen die Parteien der monarchistischen Restauration in Frankreich und des preußischen Konservatismus zu schließen und zugleich die revolutionäre Richtung einzuschlagen, die auf Eroberung der Macht seitens der Proletarierklasse zielt. Auch in diesem Abschnitt der Geschichte werden die Umsturzversuche der Arbeiter unerbittlich niedergeschlagen. Festzuhalten bleibt, dass die dieser Etappe entsprechende Klassenlehre und -strategie klar auf dem historischen Weg liegen, den die marxistische Methode gefunden und vorgezeichnet hat. Die gleiche Lage und die gleiche Bewertung gelten für die Pariser Kommune, womit das französische Proletariat noch einmal – nach dem Sturz Bonapartes und dem Sieg der Republik – die Macht zu erobern suchte und, wenn auch nur für zwei Monate, das erste Beispiel der Klassenregierung war.

Größte Bedeutung hat in dieser Phase das ohne Bedingungen geschlossene Bündnis der Demokraten mit den konservativen Kräften und sogar dem preußischen Heer gegen die Arbeiter, um den ersten Versuch der proletarischen Diktatur zu ersticken.

11. Strömungen der sozialistischen Bewegung in der demokratisch-pazifistischen Phase

In der zweiten Phase, in der wirtschaftliche Reformen und auf breiter Ebene aufgebotene parlamentarische und repräsentative Körperschaften parallel benützt werden, stellt sich für das Proletariat eine Alternative von historischer Tragweite.

Unter dem Gesichtspunkt der Theorie taucht die Frage nach der Auslegung der revolutionären Lehre auf, die sich als Kritik der bürgerlichen Institutionen und ihres ganzen ideologischen Schutzwalls herausgebildet hatte: Wird der Umsturz der kapitalistischen Klassenherrschaft und ihre Ersetzung durch eine neue ökonomische Ordnung durch einen gewaltsamen Zusammenstoß herbeigeführt oder lässt sich dies durch schrittweise Veränderungen und mit Hilfe des legalitären parlamentarischen Mechanismus erreichen?

Unter dem Gesichtspunkt der Praxis taucht die Frage auf, ob die politische Klassenpartei ein Bündnis schließen soll: Zwar nicht mehr mit der Bourgeoisie gegen die Kräfte der vorkapitalistischen Regimes, denn diese gab es gar nicht mehr, aber doch mit dem fortschrittlichen Teil des Bürgertums, der mehr Bereitschaft zeigt, die bestehenden Einrichtungen zu reformieren.

In der idyllischen Periode der kapitalistischen Welt zwischen 1871 und 1914 blühen die revisionistischen Strömungen auf, durch die die marxistische Richtung und die Grundtexte verfälscht werden. Es bildet sich eine neue Strategie, wonach breite gewerkschaftliche und politische Organisationen der Arbeitermassen auf legalem Wege in die bürgerlichen Institutionen eindringen und diese erobern, um so eine schrittweise Umwandlung des ganzen wirtschaftlichen Räderwerks in Angriff nehmen zu können.

In dieser Phase spalten die heftigen Auseinandersetzungen die Arbeiterbewegung in zwei Lager: Auch wenn allgemein das Programm der Insurrektion, um die bürgerliche Macht zu brechen, nicht auf der Tagesordnung steht, trotzen die linken Marxisten energisch der zu weit gehenden Taktik der gewerkschaftlichen und parlamentarischen Arbeitsgemeinschaft, und dem Vorhaben, bürgerliche Regierungen ebenso wie die Teilnahme der sozialistischen Parteien an der Regierung zu unterstützen.

An diesem Punkt gerät die sozialistische Weltbewegung in die schwere Krise, die durch den Ausbruch des I. Weltkrieges und die Tatsache ausgelöst wird, dass große Teile der Gewerkschafts- und Parlamentsführer zur nationalen Arbeitsgemeinschaft übergehen und dem Kriegseintritt ihrer Regierungen zustimmen.

12. Taktik des Proletariats in der Phase des Imperialismus und Faschismus

Die Notwendigkeit, die Produktivkräfte immer weiter zu entwickeln und zugleich verhindern zu müssen, dass sie das Gleichgewicht seiner Einrichtungen zerreißen, zwingt den Kapitalismus in seiner dritten Phase dazu, die liberalen und demokratischen Methoden ad acta zu legen. Im gleichen Maße, wie diese verschwinden, ballen sich staatliche Machtzentren sowohl politischer Herrschafts- als auch wirtschaftlicher Lenkungsorgane zusammen. Auch in dieser Phase muss sich die Arbeiterbewegung zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden.

Auf theoretischer Ebene muss deutlich gemacht werden, dass diese drückendsten Formen der Klassenherrschaft im Kapitalismus die notwendige hochentwickelte und moderne Phase bilden, die er zu durchlaufen hat, um das Ende seines Zyklus’ zu erreichen und seine geschichtlichen Möglichkeiten zu erschöpfen. Es handelt sich nicht um eine zeitweilige Verschärfung des politischen und polizeilichen Vorgehens, nach der die angeblich liberale Toleranz wieder die Oberhand gewinnen könne und auch müsse.

Auf taktischer Ebene ist die Frage, ob das Proletariat dafür kämpfen müsse, dass der Kapitalismus wieder zur Politik der liberalen und demokratischen Zugeständnisse zurückkehre, so falsch wie illusorisch, denn für das weitere Wachstum der kapitalistischen Produktivkräfte (unerlässliche Voraussetzung der sozialistischen Wirtschaft) ist das Milieu der politischen Demokratie entbehrlich geworden.

In der ersten, der revolutionär-bürgerlichen Phase stellte die Geschichte nicht nur die Frage eines gemeinsamen gewaltsamen Vorgehens, sondern löste sie auch, in dem der dritte und vierte Stand kämpfend zusammenwirkten: Das Bündnis zwischen den beiden Klassen war eine notwendige Etappe auf dem Weg zum Sozialismus.

Die gleiche Fragestellung eines gemeinsamen Kampfes zwischen reformistischer Demokratie und sozialistischen Arbeiterparteien war in der zweiten Phase legitim, und wenn die Geschichte nicht der positiven Antwort der revisionistischen und reformistischen Rechten, sondern der von der revolutionären Linken vertretenen negativen Antwort Recht gab, kann erstere dennoch nicht, jedenfalls nicht vor der tödlichen Versumpfung in den Kriegsjahren, als konformistische Bewegung gekennzeichnet werden. Sie war wirklich überzeugt, das Rad der Geschichte langsamer drehen zu müssen und versuchte noch nicht es zurückzudrehen. Dies sei den Bebel, Jaurès und Turati zugestanden.

Historisch ist die Frage eines taktischen Zusammengehens zwischen der proletarischen Klasse und derbürgerlichen Demokratie heute, in der Phase des extrem machtgierigen Imperialismus und grausamer Weltkriege, überholt. Die Frage zu bejahen, stellt nicht mehr eine Alternative, eine Richtung oder Strömung der Arbeiterbewegung dar, sondern belegt nur, völlig ins Lager des konservativen Konformismus übergewechselt zu sein.

Die einzige noch zu stellende, und zu lösende, Alternative ist eine andere: Die Entwicklung der kapitalistischen Welt und ihrer Ordnung setzt sich in zentralistischer, totalitärer und „faschistischer“ Richtung durch, und diese Richtung ist der einzige reformistische Aspekt der bürgerlichen Ordnung und Herrschaft geworden. Soll die proletarische Bewegung also angesichts dessen ihre Kräfte mit dieser Bewegung zusammentun? Soll sie darauf setzen, den Sozialismus im unweigerlichen Vormarsch des kapitalistischen Etatismus sozusagen einschieben zu können, wenn sie dabei hilft, die letzten Widerstände jener der Vergangenheit angehörenden liberalen und liberalistischen Kräfte, der konformistischen Bourgeoisie alten Kalibers, zu brechen?

Oder soll sich die proletarische Bewegung (die schwer getroffen ist und zersplittert wurde, weil sie in den beiden Weltkriegen nicht ihre Selbständigkeit gegenüber der Praxis der Arbeitsgemeinschaft zwischen den Klassen erkämpfen konnte) rekonstituieren, indem sie sich außerhalb einer solchen Vorgehensweise bewegt, wie auch jenseits der Illusion, dass es wieder bürgerliche, auf dem Boden des Gesetzes stehende Institutionen geben werde, in die man legal eindringen könne, oder die durch einen Ansturm der Massen eher verwundbar wären (beides Dinge, die dem Defätismus jeder revolutionären Bewegung gleichermaßen gefährlich sind)?

Die marxistische dialektische Methode lässt uns diese Frage des Bündnisse mit den modernen zentralistischen Formen der Bourgeoisie negativ beantworten, und zwar aus Gründen, die aus den gleichen Gründen hervorgehen, die gestern dazu führten, das Bündnis mit dem Reformismus der demokratischen und pazifistischen Periode zu bekämpfen.

Der Kapitalismus, dialektische Voraussetzung des Sozialismus, bedarf keiner Hilfe mehr, weder um zu entstehen (indem er seine revolutionäre Diktatur errichtet) noch um sich zu entwickeln (durch seine liberalen und demokratischen Gesellschaftseinrichtungen).

In der modernen Phase konzentrieren sich sein wirtschaftlicher Reichtum und seine politische Macht unvermeidlich in monströsen Organen.

Seine Wandlungsfähigkeit und sein Reformismus sichern seine weitere Entwicklung ab und schützen gleichzeitig seine Weiterexistenz.

Die Bewegung der Arbeiterklasse wird nur dann seiner Herrschaft nicht erliegen, wenn sie ihre Hilfe der, wenn auch notwendigen, kapitalistischen Entwicklung verweigert, wenn sie ihre Kräfte jenseits dieser überholten Perspektive reorganisiert, wenn sie die Last der aus der alten Methode stammenden Traditionen abschüttelt und – bereits um eine ganze historische Phase verspätet – ihr taktisches Zusammengehen mit jeder Variante des Reformismus aufkündigt.

13. Russische Revolution - Fehler und Abweichungen der III. Internationale - Involution des russischen, proletarischen Regimes

Gegen Ende des I. Weltkrieges stand das historisch brennendste Problem noch immer auf der Tagesordnung: die Krise des zaristischen Regimes, einer feudalen anachronistischen Staatsstruktur, inmitten einer kapitalistischen Entwicklung.

Seit Jahrzehnten schon war die Position der marxistischen Linken (Lenin, die Bolschewiki) in der strategischen Perspektive fundiert, den Kampf für die proletarische Diktatur gleichzeitig mit dem Kampf aller antizaristischen Kräfte für den Umsturz des Feudalreichs zu führen.

Der Krieg ermöglichte die Verwirklichung dieses großartigen Vorhabens; in der sehr kurzen Zeitspanne von nur 9 Monaten wurde der Übergang von der Macht der Dynastie, der Aristokratie und des Klerus, nach dem Intermezzo einer Übergangsregierung von bürgerlich demokratischen Parteien, zur Diktatur des Proletariats vollzogen.

Die den Klassenkampf, den Kampf um die Macht und die Strategie der Arbeiterrevolution betreffenden Fragen und Kräfteformierungen erhielten durch dieses große Ereignis einen ungeheuren Anschub.

In diesem kurzen Zyklus machte die Strategie und Taktik der proletarischen Partei alle Phasen durch: Kampf an der Seite der Bourgeoisie gegen die alte Ordnung; nach deren Sturz, Kampf gegen die Bourgeoisie selbst, als diese ihre eigene Ordnung zu errichten sucht; Kampf gegen und Bruch mit allen reformistischen und menschewistischen Parteien der Arbeiterbewegung, wodurch das Machtmonopol ausschließlich in die Hände der Arbeiterklasse und der Kommunistischen Partei fiel. Für die Arbeiterbewegung schlug sich dies historisch in einer vernichtenden Niederlage der Revisionisten und jener Strömungen nieder, die zur Arbeitsgemeinschaft mit den bürgerlichen Einrichtungen und Körperschaften bereit waren. In allen Ländern wurden die Arbeiterparteien auf das Terrain des Kampfes um die Macht gedrängt.

Doch es gab eine falsche Auslegung und Anwendung der Theorie, als die russische Strategie und Taktik auf die anderen Länder übertragen wurde, wo durch Regierungskoalitionen ein Regime à la Kerenski installiert werden sollte, dem man dann, in einer als beherzt erscheinenden Wendung, den Todesstoß versetzen wollte.

Man übersah, dass ein solcher Verlauf in Russland aufs engste mit der sehr späten Entstehung des kapitalistischen politischen Staates in Zusammenhang stand, wie er sich in den anderen europäischen Ländern seit Jahrzehnten oder schon Jahrhunderten konsolidiert hatte, und zwar um so stärker, je augenfälliger seine rechtmäßige, parlamentarisch-demokratische Verfassung war.

Man sah nicht, dass die Bündnisse zwischen Bolschewiki und Nicht-Bolschewiki in den Insurrektionen und auch in den Situationen, wo es galt, feudale Restaurationsversuche abzuwehren, das letzte auf historischer Stufenleiter mögliche Beispiel derartiger politischer Kräfteverhältnisse war. Wäre z.B. in Deutschland die Arbeiterrevolution, wie Marx es erwartete, aus der Krise von 1848 hervorgegangen, wäre sie auf taktischer Ebene so wie in Russland verlaufen – während sie 1918-19 nur hätte gelingen können, wenn die revolutionäre Kommunistische Partei stark genug gewesen wäre, den in der Weimarer Republik bestehenden Machtblock aus Kaisertreuen, Bourgeois und Sozialdemokraten in die Knie zu zwingen.

Als es dann mit dem Auftreten des Faschismus in Italien das erste Beispiel einer totalitären bürgerlichen Regierung gab, zeigte sich, dass die internationale kommunistische Bewegung mit der ganz falschen Perspektive – antifaschistisches Kampfbündnis für Freiheit und verfassungsmäßig garantierte Rechte – völlig von der richtigen revolutionären Strategie abgekommen war.

Mussolini und Hitler, die modernsten Reformer der kapitalistischen Ordnung, mit Kornilov oder den Kräften der Restauration und der Heiligen Allianz von 1815 in einen Topf zu werfen, war der größte und verhängnisvollste Fehler in der Bewertung der Situation und verriet die totale Abkehr von der revolutionären Vorgehensweise.

Die imperialistische Phase, für die alle modernen Länder ökonomisch reif sind, wird als faschistische Politik Gestalt annehmen, so wie es sich schon gezeigt hat, und der Reihe nach alle Länder ergreifen, je nach dem Kräfteverhältnis zwischen den Staaten und zwischen den Klassen.

Diese Marschrichtung des Kapitalismus kann wieder als Chance für revolutionäre Angriffe des Proletariats ergriffen werden, nicht jedoch in dem Sinne, die Kräfte der kommunistischen Vorhut um der illusorischen Zielsetzung willen zu formieren und zu verheizen, die Bourgeoisie bei der zwangsläufigen Übertretung ihrer eigenen Gesetze zu stoppen und törichterweise die Forderung nach Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Garantien und des parlamentarischen Systems zu erheben. Der Faschismus muss im Gegenteil als letztes Unterdrückungsinstrument der Bourgeoisie begriffen und akzeptiert und der Kampf außerhalb der Legalität und mit dem Ziel aufgenommen werden, alle Überbaustrukturen der kapitalistischen Macht und seines Staates, wie Polizei, Militär, Bürokratie, Justiz, zu zertrümmern.

14. Heutige Fragestellung der proletarischen Strategie

Historisch definitive Aufkündigung jeder Unterstützung liberal-demokratischer Forderungen - Zurückweisung der These, wonach jene Kräfte zu unterstützen seien, die den Kapitalismus durch seine hochmoderne, monopol-wirtschaftliche, politisch totalitäre und faschistische Phase führen.

Der Übergang der kommunistischen Parteien zur Strategie des großen antifaschistischen Bündnisses – verschärft noch durch die Losung der nationalen Einheit im antideutschen Krieg von 1939-45 –, bestehend aus den Partisanenverbänden, den nationalen Befreiungskomitees, und sogar den schäbigen nationalen Einheits-Regierungen, markiert die zweite verheerende Niederlage der revolutionären Weltbewegung.

Diese kann nicht wiederentstehen, weder was die Theorie noch was die Organisierung und Aktion angeht, ohne dass sie außerhalb jener Politik, und gegen sie, steht, die heute die sozialistischen Parteien und die von Moskau gesteuerten kommunistischen Parteien eint. Die neue Bewegung muss sich auf Richtlinien stützen, die das genaue Gegenteil zu den von den opportunistischen Strömungen verbreiteten Losungen sind. Wie die dialektische Kritik deutlich macht, nehmen diese eine Position ein, die – den Worten nach – für die antifaschistische Weltbewegung stehen will, doch sich gleichzeitig – faktisch – völlig in die sich faschisierende Organisation der Gesellschaft einordnet.

Eine auf Augenhöhe mit der imperialistischen und faschistischen Phase stehende neue revolutionäre Bewegung des Proletariats stützt sich auf folgende Richtlinien:

1.) Negation der Perspektive, laut der die Niederlage Italiens, Deutschlands und Japans den demokratischen Weg wieder freigemacht habe. Behauptung, dass – im Gegenteil – das Ende des Krieges in den Siegerstaaten mit einer faschistisch ausgerichteten und faschistisch vorgehenden Transformation einhergeht, auch und insbesondere unter Regierungsbeteiligung reformistischer und labouristischer Parteien. Zurückweisung der angeblich im Interesse der Arbeiterklasse liegenden Forderung nach einer – illusorischen – Rückkehr zu liberalen Gesellschaftsformen.

2.) Erklärung, dass das russische Regime parallel zur Abkehr von der revolutionären Politik der III. Internationale jeden proletarischen Charakter verloren hat. Mit fortschreitender Involution haben die ökonomischen, sozialen und politischen Formen die bürgerlichen Wesenszüge und Merkmale angenommen. Bewertet wird dieser Prozess nicht als Rückkehr zu prätorianischen Formen autokratischer oder vorbürgerlicher Tyrannei; vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der infolge eines anderen historischen Verlaufs zu jenem modernen Typus gesellschaftlicher Organisation führte, den der Staatskapitalismus in den Ländern totalitärer Regimes (in denen die großen wirtschaftlichen Projekte eindrucksvollen Entwicklungen Bahn brechen und ein hohes imperialistisches Leistungspotential freisetzen) als fortschrittlich ausgibt. Angesichts dieser Lage ist also nicht die Forderung einer Rückkehr Russlands zur parlamentarischen und demokratischen Politik im Innern aufzustellen, die im Übrigen in allen modernen Ländern in Auflösung begriffen ist; die Forderung ist vielmehr, dass auch in Russland die revolutionäre diktatorische kommunistische Partei wieder entstehen muss.

3.) Zurückweisung aller Aufrufe zur Klassen- und Parteieneinheit, die gestern die totalitären Regimes stürzen und die Achsenmächte bekämpfen sollte und heute die durch den Krieg verwüstete kapitalistische Welt wieder, auf dem Boden des Gesetzes stehend, aufbauen soll.

4.) Zurückweisung der Einheitsfronttaktik und -taktiererei, d.h. jener Aufforderung an die angeblich sozialistischen und kommunistischen Parteien – die mittlerweile nichts Proletarisches mehr an sich haben –, aus der Regierungsbeteiligung auszuscheren und die sogenannte proletarische Einheit zu schaffen.

5.) Bis zum Äußersten entschlossener Kampf gegen jeden ideologischen Kreuzzug, der die Arbeiterklasse der verschiedenen Länder im möglichen dritten imperialistischen Krieg in patriotischen Fronten mobilisieren will und sie auffordert, sich in einem als antifaschistisch proklamierten Krieg für ein rotes Russland gegen den angelsächsischen Kapitalismus zu schlagen resp. die westliche Demokratie gegen den stalinistischen Totalitarismus zu verteidigen.

Quelle:

„Tracciato d’impostazione“, Prometeo, Nr. 1, Juli 1946.