Alter Maulwurf

1956-03-03 - Dialog mit den Toten (2) Drucken E-Mail

Dialog mit den Toten (II)

Zweiter Tag

Altpapierkult

Wir werden die Richtungsänderungen Moskaus noch öfter auf die Negation, auf die absolute Unvereinbarkeit mit den Säulen des Kommunismus zurückführen müssen. Vorläufig reicht es, sich die Abgedroschenheit dieses Papierumlaufs anzusehen, mit dem man tatsächlich glaubt, den heutigen Erdstoß überstehen zu können, weil man die große Welt-Baracke weiterhin notdürftig abstützt. Falls dies gelingt, wird es ganz anderen und genau erkennbaren Faktoren zuzuschreiben sein.

 

Mit einem Schlag schafft man das „Stalin'sche Material" bis in den letzten Winkel hinein aus dem Weg. Es wird, Zeile für Zeile, durch die Literatur des 20. Parteitages ersetzt: Als Produkt vieler Väter noch unzusammenhängender als die „wissenschaftlichen" und wirklich jämmerlichen Ausgeburten des „einzigen" Stalin. Die Schreiberlinge würden sagen: „Der Papierkorb des Jahrhunderts". Wir sagen: „Die größte Wegwerfaktion der Geschichte". Millionen und Abermillionen Rubel zum bloßen Altpapierwert. Milliardenkosten für den Druck in alle Sprachen; Rotationsmaschinen, deren Geschwindigkeit dem Rhythmus unseres Atomzeitalters würdig ist - und dem Zeitalter der Esel.

 

Selbst die mittelalterliche Scholastik ging nicht so weit, als sie die Autoren (darunter so manche in der schwarzen Soutane) verdammte und zusammen mit ihren Büchern verbrannte, die wahrscheinlichen oder zukünftigen Leser exkommunizierte und den Gläubigen auferlegte, Vergebung für die Ketzerei und die Weihung der geschändeten, vom Teufel bestiegenen Kanzeln und Lehrstühle durch das millionenfache Herunterleiern von Gebeten zu erflehen.

 

Die Scholastik, eine weitaus respektablere historische Phase als die gegenwärtige, besaß die Rechtfertigung, in ihrer organischen Lehre der menschlichen Erkenntnis und Handlung vollkommen konsequent zu sein. Nach dieser Lehre werden die Massen vom Gewissen gelenkt, das den Einwirkungen der „propaganda fide"1 zugänglich ist, wenn die vom höchsten Wesen berufene Organisation die Gebote und das Licht der Gnade ausdrückt.

 

Das moderne, kritisch-bürgerliche Denken (das trotz unaufhörlicher Blamage auf der ganzen Linie immer noch nicht das Feld räumt) lehnte das „Höchste Wesen", die Gnade und die Lehre der Unfehlbarkeit ab, ohne etwas wirklich anderes zu fordern: Es verlangte einfach einen Ersatz als Anleitung für das menschliche Handeln, was heißt, es hielt die Menschen am Kopf fest, es begeisterte sie für die Druckmaschine, für die Schulpflicht, für Bücher mit hoher Auflage und - schlimm für sie - für die Überschwemmung durch Gazetten; es begeisterte sie für die Fackel des Schulmeisters statt für das Löschhorn des Priesters. Man sieht das ganz richtig, wenn man dieses „den Kopf des Bürgers festhalten" als in Wirklichkeit am dialektischen, wenn auch skurrilen Gegensatz festhalten, bezeichnet.2

 

Wir Sozialisten der vergangenen Zeiten machten einen großen Fehler, als wir unsere Bewegung mit einer neuen „propaganda fide" verwechselten und nicht begriffen, dass der marxistische Kämpfer nicht mehr derjenige ist, der zu überzeugen und lehren weiß, sondern einer, der aus den Tatsachen lernt, die dem Kopf des Menschen vorauseilen, während derselbe sie seit Jahrtausenden schwankend einzuholen versucht.

 

In seiner reifsten Bedeutung hat der Determinismus nichts mit Passivität zu tun, sondern stellt klar, dass der Mensch handelt, bevor er handeln wollte, und dass er will, bevor er weiß, warum er will, da sein Kopf das letzte und unsicherste seiner Glieder ist. Den besten Gebrauch, den eine Gruppe von Menschen von ihrem Kopf machen kann, ist, den historischen Moment vorauszusehen, in dem sie - alles andere als Passivität! - zum ersten Mal mit dem Kopf voraus in den Strudel der Aktion und Schlacht geschleudert werden.

 

Die Besserwisser und Superaktivisten mit ihren unerschöpflichen Möglichkeiten, die in jeder Klemme alle nur denkbaren Manöver mit Cleverness und Erfolg handhaben, sehen wir seit Jahrzehnten mit unerschrockenem Gesicht auf miserable Weise vorangehen, aber le cul le premier3.

 

Ihnen zum Trotz ziehen wir wieder die unvergleichlichen, zerknitterten Schmähschriften zu Rate, die uns seit einem Jahrhundert anleiten. Jene Herren geben eine Kostprobe von „ihrer Rückkehr zum Marxismus", wenn sie von einem auf den anderen Tag, auf einen Pfiff ihres „Gegen-Chefs", ihr gesamtes gedrucktes Rüstzeug auf dem Gebiet der historischen, ökonomischen, politischen und philosophischen Kritik auswechseln, überzeugt davon, so das Gesicht der Welt ihrem Willen gemäß zu verändern.

 

Eben weil wir nicht erst heute gelernt haben, den Personenkult zu meiden, werden wir, so oft es uns angebracht scheint, im Werk Stalins nachschlagen, wobei wir dieses keinen Pfifferling höher einschätzen als die mit Narrheiten überquellende Blütenlese des Parteitags.

Eingestandene Wenden

Am ersten Tag unseres „Dialogs" haben wir zwei Aspekte der Streichungen und Neufassungen der Dogmen untersucht, die auf diesem modernen Konzil, nicht von Nicäa oder Trient4, sondern dem von Moskau, vorgenommen wurden. Vor allem aber fällt uns das falsche Credo auf den Wecker, wonach „die heutige russische Wirtschaft eine sozialistische Struktur hat", und das bis jetzt noch nicht über Bord geworfen wurde; nicht anders wie das törichte Credo Stalins: „In der sozialistischen Ökonomie herrscht das Gesetz des Äquivalententausches (oder: das Wertgesetz) vor"; in dieser Hinsicht ist der Stand der Dinge immer noch derselbe.

 

Auf die ökonomischen Fragen, die von Mikojan in seiner Rede näher erörtert wurden, werden wir später eingehen. Wir haben bis jetzt von den abgeänderten Positionen zur Historiografie und zur Persönlichkeit gehört, von denen schon in der Rede des Generalsekretärs gesprochen wurde und die in anderen Reden ausführlich behandelt wurden.

 

Die erste Änderung besteht darin, alle Verratsbezichtigungen gegen die anti-stalinistischen Bolschewiki, die in den schändlichen „Säuberungen" beseitigt wurden, als Verleumdung zurückzunehmen. Doch die Toten bleiben tot, und das Massaker an ihnen ist und bleibt die Vernichtung der revolutionären Arbeitervorhut. Dieser Fehler der „Historiografie" kann nicht durch eine Rehabilitation einfach beseitigt werden (wir legen Wert darauf, von diesen Leuten „Verräter" und „faschistische Banditen" genannt zu werden und haben einen heiligen Schrecken davor, von ihnen rehabilitiert zu werden!). Der „Fehler" wird an dem Tag ans - historische - Licht kommen, an dem die Richtigkeit der marxistischen Position dieser mächtigen Bewegung (aus der Tausende von erprobten Kämpfern in der seit damals offenbaren Konterrevolution hingerichtet wurden) offen zutage treten wird, nämlich dann, wenn zugegeben werden muss, dass die ökonomische Struktur der russischen Gesellschaft keine sozialistische ist. Dies wird heute noch nicht gänzlich eingestanden. Doch die Stunde wird kommen.

 

Die zweite bisher untersuchte Wendung betrifft die Verurteilung des Personenkults, um die sie ebenfalls nicht umhin kamen, die jedoch der marxistischen Auffassung mitnichten entspricht. Der Mythos Stalin wird mit Hilfe der schrägen Interpretation aus dem Weg geschafft, er sei von Stalin selbst geschaffen worden, und der Aussage, statt eines Führers sei eine „kollektive" Staats- und Parteiführung einzusetzen. Auch hier ist die neue Position haltlos und beinhaltet keine Lösung des Verhältnisses Partei/Klasse: Wenn es einem Mann möglich wäre, eine ganze Gemeinschaft dem Mythos seiner persönlichen Macht zu unterwerfen, dann würde es sich nicht um den Fehler eines unfähigen Marxisten handeln - wohl aber um einen entscheidenden historischen Beweis gegen den Marxismus.

 

Da die Rede Chruschtschows als erste verbreitet wurde, fiel seine Stellungnahme über die Aufgabe der kommunistischen Parteien (besser wäre von an Moskau gebundene Parteien zu sprechen - es sind nur wenige, die jene Bezeichnung nicht abgelegt haben) in den Ländern „jenseits des Eisernen Vorhangs" mehr auf als die beiden oben erwähnten Änderungen (die erst später für Aufregung sorgten). Unser Programm, sagte Chruschtschow, sieht in allen Ländern den Anbruch der kommunistischen Gesellschaft vor; wir haben keinesfalls darauf verzichtet (dies wird man erst viel später tun); was jedoch den historischen Prozess betrifft, der von der kapitalistischen Gesellschaft zum Kommunismus führt, so sind wir nicht der Ansicht, dass er notwendigerweise den Bürgerkrieg, die Anwendung von Gewalt, die Diktatur des Proletariats durchmachen muss (worauf Lenin 1917 bestanden hatte; Chruschtschow meldete auch dazu Vorbehalte an); wir glauben, sagte er, es gibt andere, je nach Land verschiedene Wege. Auch der Weg über eine Parlamentsmehrheit sei möglich und die Parteien müssten in diesem Kampf nicht nur die Unterstützung der Lohnarbeiter nutzen, sondern auch das Bündnis zwischen der Arbeiterschaft und den Mittelklassen, den Konsens des Volkes, aller gebildeten Menschen und derjenigen guten Willens. Er schloss aber nicht aus, in gewissen Situationen, statt den friedlichen Weg zu beschreiten oder bei dessen Blockierung von Seiten des Kapitalismus, auf den Bürgerkrieg zurückzugreifen.

 

Diese grobschlächtigen Äußerungen sind ursächlich auf die Notwendigkeit zurückzuführen, sich an die bekannten Richtlinien der internationalen Politik zu halten: Koexistenz mit den kapitalistischen Ländern, Vermeidbarkeit eines Krieges mit ihnen.

 

Wir stehen hier nicht vor einer tief greifenden Wende gegenüber der Haltung Stalins, es ging somit nicht um eine sensationelle Änderung, wie beim Humbug über den Verrat und die Führung durch nur eine Person. Hier ging es schlicht darum, die Maske fallen zu lassen und zuzugeben, dass man im Ausland dieselbe Politik verfolgen wird, die die sozialdemokratischen und kleinbürgerlichen Parteien seit je betreiben, während ja mit den ersten beiden Punkten die Abkehr von den früheren Fehlern und Abweichungen und damit die Rückkehr zum orthodoxen Marxismus-Leninismus beteuert werden sollte.

 

Damit wurden logischerweise das Zusammenfallen des neuen und des alten Opportunismus und ihr Komplizentum zur Rettung der bürgerlichen Ordnung bestätigt. Aber wir Marxisten begnügen uns weder damit festzustellen, dass die erste und zweite Welle des Opportunismus dieselben sind, noch geht es um die vorschnelle Folgerung, dass westlicher und östlicher Kapitalismus keinerlei Unterschiede aufwiesen. Die historischen Wege der beiden Opportunismen sind verschieden (der zweite ist viel schlimmer), und verschieden sind auch die Wege, die der Kapitalismus in den beiden Lagern eingeschlagen hat; die Revolution wird ihn besiegen, auf verschiedene, aber in keinem der beiden Fälle auf friedliche Weise.

 

Ist also dieses Geständnis Chruschtschows vielleicht neu? Dazu müssen wir noch einmal die Fragen des Weges zur Macht und der Klassenmacht ins Auge fassen, wobei wir natürlich das wiederholen, was wir immer gesagt haben.

Zusammenstoß der Kräfte in der Welt von 1956

Weist die menschliche Gesellschaft in ihrer Geschichte eine Reihe von Zusammenstößen und Konflikten auf, so entgeht sie einem solchem Schicksal in der heutigen trüben Lage sicher auch nicht. Und der Untersuchung dieser These konnte der Kongress nicht entgehen. Nach Meinung aller Kongressteilnehmer sind der soziale und politische Kampf in den Ländern jenseits der russischen Grenze und des „Eisernen Vorhangs" sowie die „Innenpolitik" der „kapitalistischen" Länder nicht das einzige Problem. Da ist auch das der russischen Politik, und wir wissen, wie Chruschtschow und Genossen darauf antworten: Es gibt keine Klassen und keinen Klassenkampf, völlige Eintracht herrscht zwischen Volk und sozialistischer Regierung. Wir stellen dieser Behauptung unsere Analyse der russischen ökonomischen und sozialen Struktur entgegen. In der verdrehten Vorstellung der von Stalin Bekehrten (zu allem bekehrt, außer zu Marx und Lenin) gibt es in Russland und den Bruderländern keinen Zusammenstoß mehr zwischen Staat und Gesellschaft (im Engels'schen Sinne), so etwas gebe es nur im Westen, wo ein Klassenkampf (doch auch dieser bloß in einem platten Sinne) stattfinde.

 

Nachdem die Staaten glücklich in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, taucht das Problem des zwischenstaatlichen Kräfteverhältnisses auf, und zwar gibt es hier drei Aspekte: 1) Beziehungen zwischen Staaten unterschiedlicher Blöcke; 2) Beziehungen zwischen Staaten innerhalb des östlichen Blocks; 3) Beziehungen zwischen Staaten innerhalb des westlichen Blocks.

 

Wir stehen hier inmitten der Probleme, die wir im „Dialog mit Stalin" behandelten. Ökonomisch: Ein einziger oder ein doppelter Weltmarkt? Politisch: Frieden oder Krieg? Diese Frage gilt auch für den 2. und 3. Fall, d.h. innerhalb der homogenen Staatengruppen.

 

Die Änderungen, scheint es, liegen hier. Wie schon auf dem 19. Parteitag wurde die Koexistenz im Sinne des „Nicht-Krieges" und das Verbot der „Einmischung in die inneren Angelegenheiten" auch auf dem 20. bestätigt. Im Gegensatz zu Stalin, der dazu Vorbehalte hatte, akzeptierte der 20. Parteitag ganz klar den wirtschaftlichen Wettbewerb bzw. Vergleich auf einem einzigen Weltmarkt (gemäß der strengen Beweisführung eines bürgerlichen Ökonomen ist dies gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass die Wirtschaft im östlichen und westlichen Block die gleiche warenproduzierende und kapitalistische Struktur hat5). War dieser Kongress, wie behauptet, eine marxistische Akademie oder hat er nicht vielmehr das Idol Stalin gestürzt, um den Forderungen der Industrie- und Handelskammer des globalen Kapitalismus zu genügen?

 

Was die Beziehungen der Staaten innerhalb der östlichen Gruppe betrifft, werden Rivalitäten als Ding der Unmöglichkeit bezeichnet und die nach außen bekundete Freundschaft ist an Herzlichkeit kaum zu überbieten. Aber wie können warmherzige Gesten bei so kaltblütigen Tieren glaubhaft sein? Wer wird wen in aller Freundschaft anschmieren und übervorteilen? Vielleicht ist einer der Gründe für die Demontage Stalins darin zu sehen, dass man sich von Asien her auf den Schlips getreten fühlte, wo die Rolle des Satelliten, scheint's, nicht so ergeben gespielt wird wie in Europa.

 

Was die dritte Frage, den Zusammenstoß zwischen den westlichen Staaten angeht, jenen Rivalen, die sich freundschaftlich in die Zange nehmen, wird auch hier eine Änderung der Position angezeigt. Jedoch, verehrte Delegierte des 20. Parteitages, hier war Stalin, der „ci devant"6 Stern am Himmel der Wissenschaft (ihr stinkt meilenweit nach bürgerlichem Jakobinertum), noch eher Leninist als ihr! Bei ihm blieb der Krieg zwischen den Staaten des kapitalistischen Imperialismus im Westen immerhin noch unvermeidbar. Und die flammende Fahne der sozialen Revolution, auch wenn damals schon eine Vogelscheuche aus ihr gemacht worden war, war erst zur Hälfte eingeholt.

 

Wir haben Chruschtschows beachtenswerte Prophezeiung über die inneren Beziehungen des Westens bestätigt, obwohl er eher von Zusammenstößen zwischen „Geschäftsachsen" als zwischen „Kriegsachsen" sprach. Aber ohne Frage hat dieser werte Herr weitere Segel der mit dem Gespenst des Krieges verbundenen revolutionären Drohung gerefft sowie das Hauptsegel zu drei Viertel eingeholt.

 

Wer wird von diesen unsicheren Seeleuten übrig bleiben, um das Schiff zu steuern, wenn erst der „große Sturm" wieder erbarmungslos bläst? Spielt ruhig noch eine Weile mit eurem (nach „Coty" duftenden) Zyklon „Marianne"7, Führer des neo-bürgerlichen Russland.

 

Wir beschäftigen uns einstweilen mit dem klassischen Problem der Macht in einem kapitalistischen Land und fassen eure neo-geborenen „schöpferischen" Theorien mit der Zange an: Sie stinken nach Verwesung.

Zuerst das Ziel, dann die Mittel

Wie zu erwarten, tat die internationale kapitalistische Presse erstaunt: „Wie, nach diesem Kurs der allgemeinen Entspannung, ist das erste, was Chruschtschow sagt, seine Partei sei nach wie vor in jedem Land für den Sozialismus und Kommunismus? Kein heißer oder kalter Krieg mehr, aber weiterhin Propaganda für die Revolution innerhalb jener Länder, mit denen ehrliche freundschaftliche Beziehungen gepflegt werden?" Dieses Spiel wird von beiden Seiten noch viele, viele Jahre betrieben werden: hübsches Scheingefecht.

 

Wo bist du, Trotzki, der du proklamiertest, dass mit dem polnischen Krieg - obwohl du ihn aufgrund deiner militärischen Kenntnisse für überstürzt hieltest - die proletarische Revolution ins Herz des bürgerlichen Europa getragen werden sollte? Es ist eine ganz besondere Manier, in der sich Chruschtschow noch immer als Kommunist ausgibt. Er regt sich über die ausländischen Bourgeois auf, die einen Widerspruch darin sehen wollen, sich einerseits für die friedliche Koexistenz auszusprechen und andererseits den Kommunismus - wo auch immer - im Programm zu haben. Laut seinen Äußerungen bringen „die Ideologen der Bourgeoisie (...) bewusst Fragen des ideologischen Kampfes mit den Fragen der Beziehungen zwischen Staaten durcheinander", hingegen bestätige die „große Lehre des Marxismus-Leninismus", dass „die Errichtung einer neuen Gesellschaftsordnung in diesem oder jenem Lande eine innere Angelegenheit der Völker dieser Länder ist" [I, S. 32].

 

Alles was Chruschtschow zugibt, ist, dass die Kommunisten den Kapitalismus nicht unterstützen! Und das scheint den bürgerlichen Schreiberlingen die Sprache eines donnernden Zeus zu sein? Doch er hatte noch hinzugefügt, dass sich die Kommunisten nicht in die inneren Angelegenheiten der kapitalistischen Länder einmischen. Sag mal, Karl Marx, worin hast du dich eigentlich im Jahre 1850 eingemischt? Hast du schlafend darauf gewartet, dass der Staat Israel gegründet würde, dem einzigen, über dessen Angelegenheiten du hättest bezichtigt werden können zu „pontifizieren"8? Aber wo hat dann der Skythe9 die „große Lehre" erlernt? Stand sie schon Adam auf der Stirn geschrieben? Aber lassen wir diese Perlen.

 

In unserer Einfalt verstehen wir seine Rede wie folgt: „In Russland bin ich nicht nur ein ideologischer, sondern auch ein aufbauender" (ein hübsches neumodisches Wort, um das, wie in -zig anderen Fällen, auf beiden Seiten des Vorhangs und in der gleichen hochstaplerischen Manier, gewetteifert wird) „Kommunist; aber im Ausland bin ich ein ideologischer Kommunist, Punktum." Im Zuge der Koexistenz kommt nunmehr auch der gegenseitige Tourismus auf: Der Yankee-Tourist wird beim Anblick der ziemlich gesalzenen Hotelrechnung ausrufen: „Bezahlen? Was denn? Bei euch in Russland bin ich zwar Kapitalist, aber ein rein ideologischer."

 

Begnügen wir uns also mit dem ideologischen Kommunismus, doch betrachten wir ihn einen Moment lang bei Licht. Über den Sozialismus wissen wir schon genug aus unserem Gespräch mit dem großen Schnurrbart10: Er gründe sich auf den marktwirtschaftlichen Warenaustausch. Es bleibt jetzt nichts anderes zu tun als abzuwarten, bis die „Ideologen" ihren Kommunismus aufgebaut haben, gemäß der großen Lehre von... Fourier/Owen. Bis dahin wird er vom Sekretär-Ideologen wie folgt erklärt: Der Kommunismus... wird eine Gesellschaftsordnung sein... in der jeder Mensch mit Begeisterung je nach seinen Fähigkeiten arbeiten und je nach seinen Bedürfnissen IM TAUSCH GEGEN SEINE ARBEIT entlohnt wird.

 

Aber das ist ja die „große Lehre" des Krämerladens an der Ecke! Der Austausch von Arbeit gegen Konsumgüter besteht weiterhin. Die russische Gesellschaft führt Buch über jeden Einzelnen und denkt nicht im Traum daran, das zu tun, was die moderne Gesellschaft bereits in begrenzten Bereichen tut: Arbeit entgegennehmen und Güter bzw. Dienste zur Befriedigung der Bedürfnisse verteilen (auch wenn jemand, der dessen bedarf, keine adäquate Arbeit dafür gibt) - ohne sich noch damit aufzuhalten, eine Warengleichung aufzustellen! Wenn Chruschtschows Ziel ideologisch so einfach ist, vielleicht taugen dann auch seine krummen und zwielichtigen Wege, es zu erreichen!

Die Gewalt als Mittel

Zu Recht sagte Chruschtschow: „Unsere Feinde lieben es, uns Leninisten immer und in allen Fällen als Anhänger der Gewalt darzustellen" [I, S. 35]. Für uns ist die Gewalt nicht das Element, das den revolutionären Marxisten gegenüber dem Nicht-Marxisten „diskriminiert"11. Man kann nicht Anhänger der Gewalt sein, weil sie kein Ziel, sondern ein Mittel, ein Übergang ist. Die kommunistische Gesellschaft wird keinen Austausch mehr kennen und nur unter dieser Voraussetzung schließlich auch keine Gewalt. Denn erst dann ist die Gesellschaft nicht mehr in Klassen geteilt.

 

Es gibt jedoch - und das ist der springende Punkt - Anhänger der Nicht-Gewaltanwendung, die folgendes sagen: „Ideologisch gesehen bin ich für die Emanzipation des Proletariats, aber wenn dazu Gewalt notwendig ist, verzichte ich lieber darauf." Wer das sagt, ist kein Marxist: Jeder „unmittelbare" Pazifist wird vom Marxismus abgewiesen. Und Lenin bekämpfte, sich an Marx haltend, diejenigen, die aus Prinzip Kriegsgegner sind, unabhängig davon, zu welcher Zeit und wo der Krieg stattfindet. Im ersten Teil von „Struttura della Russia"12 haben wir diese Frage ausführlich behandelt.

 

Aber ebenso verurteilt der Marxismus folgende uralte Thesen: „Der Bürgerkrieg ist gerechtfertigt als Mittel der Emanzipation vom feudalistischen und despotischen Regime und sobald die eroberte persönliche Freiheit und die Demokratie gefährdet sind; solange die Demokratie jedoch respektiert wird, muss der politische Kampf friedlich sein."

 

Nicht weniger verurteilt er folgende These: „Seit der Pariser Kommune, oder zumindest seit der Gründung der II. Internationale verwandelt sich die bürgerliche Gesellschaft graduell in eine sozialistische, und zwar ohne zu Gewalt greifen zu müssen; dies dank der Maßnahmen, die das Proletariat mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts treffen wird, das seine Partei zur Macht führt."

 

Dies sind schon keine moralischen, philosophischen oder „ideologischen" Thesen mehr, sondern ausgesprochen historische. Lenin selbst hat die lang und breit diskutierten Zweifel über Äußerungen von Marx und Engels geklärt: Die Version, nach der man bis 1865 glaubte, in England sei ein friedlicher Sieg des Proletariats möglich, und Engels habe kurz vor seinem Tode dasselbe in Bezug auf Deutschland für möglich gehalten.13 Theoretisch kann der Fall eintreten, dass eine Bourgeoisie unter für sie ungünstigen Umständen die politische Macht an eine Partei mit sozialistischem Programm abtritt, aber der gewaltsame Zusammenstoß wird sofort danach ausbrechen. Lenin bemerkt, dass Marx (in einem Brief nach einer Konferenz 1872 in Holland) auch in England die Möglichkeit einer „Abdankung" der Bourgeoisie ausschloss und dass Engels in seinem so heftig diskutierten Vorwort lediglich befürwortete, im Deutschland von 1890 der Regierung die Initiative des Konflikts zu überlassen.

 

Was wir hier in Bezug auf das Mittel Gewalt vertreten, gilt auch für die Mittel Aufstand und Bürgerkrieg. Theoretisch sind sie nicht in allen Fällen denkbar und wünschenswert. Ihr Einsatz hat historische Grenzen.

 

Lenin und alle radikalen Marxisten erkannten, dass, nach dem klassischen Zyklus von 1848 bis 1871, in einem zweiten europäischen Zyklus (zu Beginn der imperialistischen Phase) diese Grenzen wieder auftraten, und sie bewiesen, dass sie mit dem Ausbruch des I. Weltkriegs in allen entwickelten Ländern gesprengt waren.

 

Laut Chruschtschow sind diese historischen Voraussetzungen heute nicht mehr gegeben und daher könne der Fall eintreten, in denen das Proletariat die Macht ohne Gewaltanwendung und ohne Bürgerkrieg ergreifen kann.

 

Vor allem bestreiten wir die Einschätzung der Lage, die man zur Begründung heranzieht: „In der ganzen Welt sind die Kräfte des Sozialismus und der Demokratie unermesslich gewachsen" [I, S. 36]. Falsch. Als Lenin seine historische Theorie aufstellte, war ganz Europa bereits parlamentarisch und die Anhänger der sozialistischen Parteien in allen Ländern sehr zahlreich. Der ökonomische Imperialismus (gemäß der Lehre von Marx und Lenin) hat danach die politisch totalitären Formen hervorgebracht, die militärisch, aber nicht als Gesellschaftstypus des hyper-entwickelten Kapitalismus selbst, geschlagen wurden. Warum spricht denn Chruschtschow in demselben Bericht von der Gefahr, die der Demokratie in Amerika, England, Frankreich, Deutschland usw. drohe, deren Regierungen, gestern noch Verbündete, heute zumeist als faschistische Banditen dargestellt werden? Oder ist das noch der Stalin'sche Ton?

 

Demnach zählen also die beiden fürchterlichen Kriege nach der „idyllischen Periode" von 1890-1910 nicht?

 

Das mächtige Lager der Länder des Sozialismus zählt mehr als 900 Millionen Menschen." Den Sozialismus (und die Demokratie, auf die wir pfeifen) als neue Form in diesem Lager haben wir bestritten. Doch nur ein Blinder kann leugnen, dass eine historische Novität diese 900 Millionen Menschen in Bewegung gesetzt hat. Und wie? Dank Gewalt und Bürgerkrieg. Einer dieser beiden Begriffe genügt, um auszuschließen, dass sich der Rest der Welt still und leise und ohne Kanonendonner umwälzen ließe.

 

Was die „große Anziehungskraft" und die „Ideen, die immer mehr zum beherrschenden Faktor im Bewusstsein werden" anbelangt, so schenken wir sie... der neo-marxistischen Philosophie.

 

Nehmen wir einen Augenblick lang das an, was wir oben bestritten haben: Räumen wir zu rein dialektischen Zwecken ein, dass in irgendeinem Land der Kapitalismus aus Scham vor seiner Vergangenheit, aus christlicher Ergebenheit, aus Altersschwäche, aus „fair play", aus allen Gründen, die unserem Sekretär belieben, das Ruder aus der Hand gebe; dass er es los lasse mit dem Schrei: Teufel auch, wir haben uns in einem friedlichen Wettbewerb gemessen, ich gebe mich geschlagen, ihr seid mir überlegen: Ich erkenne an, dass ihr... kapitalistischer seid als ich!

Der Stein der Weisen

Nehmen wir also einen Augenblick lang an, das Proletariat ergreife die politische Macht „sine effusione sanguinis"14, ohne Gewalt, ohne Aufstand, ohne Putsch, ohne Blanquismus, ohne Insurrektion. Chruschtschow soll Recht haben: all dies sind keine diskriminierenden Elemente.

 

Jedoch ein anderes Element, das EINZIGE und UNERSETZLICHE, blieb auf dem 20. Parteitag UNERWÄHNT: die DIKTATUR DES PROLETARIATS.

 

Etwas hat sich in der großen Lehre von Marx und Lenin zwischen 1848 und 1917 nicht geändert, obwohl in der Zwischenzeit die bürgerliche Welt ein viertel Jahrhundert lang in Milch und Honig schwamm.

 

Sollte es sich denn danach geändert haben? In der Zeit, in der zwei Kriege den ganzen Erdball in Brand setzten? In der Zeit des größten revolutionären Sieges der Geschichte, der Oktoberrevolution, in der weitaus länger und weitaus mehr Waffen eingesetzt wurden als während der epischen Revolution von 1793, die den heldenhaften Ruf der bürgerlichen „Carmagnole"15: „Vive le son, vive le son - Vive le son du canon!" erschallen ließ? In der Zeit der blutigen Niederschlagung nicht nur der Kommune von Berlin, Budapest und München (nach dem I. Weltkrieg), sondern auch von Warschau und nochmals Berlin nach dem II. Weltkrieg? In der Zeit der Hinrichtung der Kommune von Lenin, Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Radek; von Dutzenden und Aberdutzenden anderer hervorragender Lehrer des Marxismus; von Hunderten und Aberhunderten von Unteroffizieren und Veteranen des Bolschewismus; von Tausenden und Abertausenden Soldaten der Arbeiterklasse, Kindern des glorreichen, wirklichen Krieges des russischen Proletariats? In der Zeit, in der die Entartung den europäischen Proletariern die gleichfalls blutige, doch bürgerliche Maske des falschen Partisanenkampfes wider das Gemetzel der kapitalistischen Diktatur in Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien, in den Balkanländern und anderswo aufsetzte? In der Zeit des 40 Jahre langen Bürgerkriegs in China, in der sich riesige Heere abwechselnd vom äußersten Norden zum äußersten Süden wälzten? In der Zeit, in der sich Hunderte von Kämpfen in 8 oder 10 bluttriefenden Kolonialreichen abspielten, wo die Taten der demokratischen Europäer die der reaktionärsten Regimes in den Schatten stellten und in einer unsagbaren Reihe aufeinander folgten: Vom belgischen Blutbad an den Schwarzen im Kongo (noch vor 1914, als über die belgischen Märtyrer Tränen vergossen wurden) bis zu der kürzlichen Verbannung des zypriotischen Erzbischofs Makarios durch die Engländer? Vom Rest ganz zu schweigen.

 

Alles, was sich zwischen 1848 und 1917 auf der Geschichtsbühne abgespielt hatte, war eine Jugendromanze im Vergleich zu den kannibalischen Wechselfällen, die sich in der Welt ereigneten, seit das ungeheure Beispiel der Oktoberdiktatur die kapitalistische Welt des Mammons so herausgefordert hat, dass sie um ihr Lebens kämpfen muss.

 

Obwohl dieser Kongress neben den neuen Wegen bzw. Abwegen und den hoch gepriesenen, nicht enden wollenden, den Marxismus erweiternden Entdeckungen des Öfteren zugab, dass es einige unantastbare Prinzipien gibt, gefährdet er das Prinzip der Prinzipien, ohne das wir Millionen Revolutionäre, von gestern, heute und morgen, vom Letzten bis zum Ersten, nicht existieren könnten.

 

Der neue Schlachtruf der Partei, die gegen die von Krämpfen geschüttelte Welt von 1848 ihr Manifest erhob, dreht sich um den Übergang zum Sozialismus, worüber auf dem 20. Parteitag auf so blödsinnige Weise gesprochen wurde.

 

„All diese sozialen Maßregeln" (die die Knoten der bürgerlichen Unterdrückung lösen) setzen „die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse" voraus (nachdem es sich als politische Partei organisiert hat) und „es kann dies natürlich zunächst nur geschehen vermittelst DESPOTISCHER Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse" [MEW 4, S. 481].

Despotismus oder Überzeugungskraft, meine Herren?!

 

Das „Manifest" schweigt (auf der zitierten Seite) über den bewaffneten Aufstand. Es handelt sich um mehr als um einen Sklavenaufstand. Es sind unpersönliche Produktivkräfte, die sich erheben: Die Expropriation der Expropriateure ist die Lösung einer wissenschaftlichen Gleichung. An dieser Stelle hört man im „Manifest" keinen Kanonendonner. Aber die Diktatur legt ihre eiserne Faust auf den Feind, selbst wenn er besiegt, gefangen und eingesperrt ist.

 

Im Epos auf die Niederlage des Pariser Proletariats von 1848 hörte man den Schlachtruf widerhallen: Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse! Er hallte wider, weil, wie es schon hundertmal geschehen ist und wohl noch geschehen wird, der sich gegen die Rechte erhebende Mittelstand nach dem Sieg den vertrauensvollen Vormarsch, den friedfertigen, naiven „wetteifernden Vergleich" des Proletariats in dessen Blut ertränkte. Gegen diese Träger des bürgerlichen Systems, deren „historische Trägheitskraft" sie zu Henkern der sozialistischen Revolution verdammt, erhebt sich der Ruf, wie er sich schon 1831 erhoben hatte und wie er sich von neuem mit dem gleichen unglücklichen Heroismus 1871 erheben wird: Diktatur der Arbeiterklasse! Grabesstille bei den anderen Schichten des Volkes! Nicht nur bei den „patrons" und den „banquiers", sondern auch bei den schmutzigen, wucherischen „épiciers" in den Straßen von Paris!16 Grabesstille auch bei „Jacques Bonhomme" (dem französischen Bauern) mit seinem „bas de laine", seinem mit bürgerlichem Gold gefüllten Strumpf.

 

Viele Jahre später, nach der Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die deutschen Sozialisten, ruft Engels, angeblich Gegner der Insurrektion, aus: „Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen wie die Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats" [MEW 22, S. 199]. Auch im Falle einer abdankenden und wehrlosen Bourgeoisie (mag sie auch an der Seite eines Chruschtschow stehen!) werden Geiseln genommen, und die Diktatur des Proletariats wird unter gegebenen Umständen davon Gebrauch machen, wie 1871 in Paris während des Todesröchelns der wie Löwen kämpfenden Kommunarden davon Gebrauch gemacht wurde - und wie in der Apologie der revolutionären Gewalt vor der Geschichte davon Gebrauch gemacht wurde, die Karl Marx den Henkern ins Gesicht schleuderte.

Das Wesentliche bei Marx-Lenin

Zur zweiten, 1918 geschriebenen Ausgabe von „Staat und Revolution", fügte Lenin einige Stellen eines Briefs von Marx an den Genossen Weydemeyer hinzu, weil er der Ansicht war, dass es Marx in diesen Worten gelungen ist, „mit erstaunlicher Prägnanz erstens den Haupt- und Grundunterschied seiner Lehre von der Lehre der führenden und tiefsten Denker der Bourgeoisie und zweitens das Wesen seiner Lehre vom Staat zum Ausdruck zu bringen" [LW 25, S. 424].

 

Wir haben zugestanden, dass das Wesentliche nicht in der Anwendung von Gewalt im Bürgerkrieg und Aufstand zu finden ist, d.h. dass es einen historischen Fall geben kann, in dem der Klassenkampf auf unblutige Weise gelöst wird. Jedoch das ursprüngliche, wesentliche Merkmal der „großen Lehre von Marx und Lenin" ist nicht einmal der Klassenkampf, sondern die Diktatur und die Vernichtung des Staates. Wer könnte dies besser als Lenin sagen?

 

„Im Jahre 1907 veröffentlichte Mehring in der ‘Neuen Zeit' Auszüge aus einem Brief von Marx an Weydemeyer vom 5. März 1852. In diesem Brief findet sich unter anderen folgende bemerkenswerte Betrachtung:

‘Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt'" (gewisse neuere Grüppchen glauben, nebenbei bemerkt, im Klassenkampf sei bereits das ganze Bild des Kommunismus enthalten und erliegen so einem uralten Irrtum). „'Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, dass die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist'" (eine These, die die Nicht-Ewigkeit der Klassen betrifft: Es gab Formen der menschlichen Gesellschaft ohne Klassen und wird sie geben); „'2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet'" [LW 25, S. 423/24].

 

Nachdem Lenin von wesentlicher, grundlegender und radikaler Lehre gesprochen hat, leitet er daraus den „Prüfstein" für das „wirkliche Verstehen und Anerkennen" des Marxismus ab und fügt hinzu: „Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfs auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt".

 

Glasklar ist, dass alle Wege eines angeblichen Übergangs zum Sozialismus, die die Anerkennung des Klassenkampfs nicht auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats ausdehnen, den Opportunismus kennzeichnen, gegen den Lenin in jenen Jahren einen theoretischen und praktischen Kampf führte, und dass dies ein für alle Phasen und alle Revolutionen gültiges Grundprinzip ist. Diese ursprüngliche Entdeckung des Marxismus ist keine „schöpferische Errungenschaft" der geschichtlichen Erfahrung, über die so viel geschwätzt wurde. Marx formulierte dieses Prinzip, als die Geschichte noch gar keine Diktatur des Proletariats gesehen hatte und noch weniger eine Aufhebung der Klassen. Und kurz nachdem die erste stabile Diktatur eindrucksvoll gesiegt hatte (nachdem Engels die Kommune von Paris als erstes historisches Beispiel einer proletarischen Diktatur genannt hatte), sich aber gleichzeitig noch gegen heftige feindliche Angriffe wehren musste und lange vor einem - nach wie vor fernen - historischen Beispiel der Klassen- und Staatsaufhebung, formulierte Lenin die Diktatur des Proletariats als unwiderrufliches Prinzip.

 

Behaupte wer will, dass die Lehren der Geschichte Marx widerlegt und bewiesen hätten, dass sich die Produktionsformen ohne Diktatur entwickeln könnten. Aber völlig haltlos ist es, wenn Moskau von einer Rückkehr zur Lehre von Marx und Lenin (die sich übrigens im Abstand von 70 Jahren über den „diskriminierenden Charakter" der gemeinsamen Theorie einig waren) spricht und eine Form des Klassenkampfes anerkennt, der sich auf Weltebene als friedliche Koexistenz und nacheifernder Wettbewerb sowie in einigen Ländern als „ideologischer Kampf" und parlamentarische Staatseroberung entfalte.

 

Denn, und das ist das Wesentliche, wenn Ihr sagt, dass Ihr in einigen Ländern (die sich dann weltweit auf nur zwei beschränken würden: Frankreich und Italien) die Macht im Rahmen bestehender Legalität zu erobern hofft (auch wenn Ihr für den Fall, dass euch das Staatsruder nach einem Wahlsieg verfassungswidrigerweise nicht übergeben werden sollte, den bewaffneten Kampf nicht ausschließt), sagt Ihr damit noch lange nicht - Ihr negiert es vielmehr sowohl theoretisch als auch praktisch -, dass Ihr den alten Staatsapparat vernichten werdet, genauso wie Ihr einen späteren parlamentarischen Machtverlust nicht aus schließt, da Ihr es unterlassen wollt, den nicht-arbeitenden Klassen jegliches politische Recht abzusprechen: das aber wäre ja die Diktatur des Proletariats.

Nach der Eroberung der Macht

Ein anderes, nicht weniger fiktives Zugeständnis als das der Machtergreifung ohne Insurrektion, ist, dass Ihr, wie an einigen Stellen zu lesen ist, nach der Machteroberung durch das „Volk" eine stabile Machtausübung anstrebt, d.h. Ihr verpflichtet euch, diese Stabilität mit Gewalt zu verteidigen, falls euch die Stimmenmehrheit fehlen sollte; es ist leicht zu sehen, dass es unmöglich ist, eine solche Verpflichtung zu halten und daher einzugehen.

 

Wir ziehen diese absurden Zugeständnisse und Annahmen sofort wieder zurück. Der Leser braucht nicht zu fürchten, wir seien auch nur im Geringsten davon überzeugt, es hinsichtlich der „Ziele" mit wahren Sozialisten und Kommunisten zu tun zu haben, die bloß in der Wahl „der Mittel" unglaubliche Böcke schössen. Schon allein die Bezeichnung des „Übergangs zum Sozialismus" ist blanker Unsinn. Der Ausdruck „Übergang" eignet sich für das, was der elegante moderne Jargon (der jungen Herren, denen Lenin Ohrfeigen versetzte) mit flirten bezeichnet: Tretet zurück, ihr miesen Charmeure! Die Revolution ist Zusammenstoß, Aufprall, Explosion - eine fruchtbare blutige Bresche in der Geschichte!

 

Wir hatten also unterstellt, eine „sozialistische" Regierung sei „verfassungsgemäß" an die Macht gelangt, indem sich „die werktätige Bauernschaft, die Intelligenz und alle patriotischen Kräfte" um die Arbeiterklasse scharen. Wird die auf eine solche Mehrheit gestützte Regierung die Macht halten bzw. überhaupt je erobern können, wenn sie sagt: „Wir werden nicht zulassen, dass spätere Wahlen uns die Macht wieder nehmen; wir wollen die Macht halten und wir werden die Wahlen abschaffen, bzw. sie in der Weise abhalten, wie es heute alle Gangster machen: Ihr könnt frei wählen, aber nur zugunsten der Regierung"?

 

Was werden die Bauern, die Intellektuellen, die patriotischen Kräfte dazu sagen (lies für Italien: die Linkskatholiken, besser die Zentrumslinke)? Wahrscheinlich würden sie - vom „Legalismus um jeden Preis" durchdrungen - sogar zu den Waffen greifen, sofern sich in der Geschichte der Fall einer Rechtsdiktatur vor oder nach dem siegreichen Ausgang einer Volkswahl wiederholen sollte. Aber sie werden es bestimmt nicht für eine proletarische Diktatur tun, die die heiligen Garantien abschaffen würde, im Namen derer man den ganzen Spuk inszeniert hätte. Aber was werden die wahren, revolutionären und marxistischen Proletarier dazu sagen? Nichts, weil sie nicht dabei sein werden, denn sonst wäre die Hypothese der monströsen Volksfront erst gar nicht auf's Tapet gekommen.

 

Chruschtschow vermeidet also tunlichst das anstößige Wort „Diktatur". Er spricht in der überarbeiteten Auflage von der „politischen Führung durch die Arbeiterklasse mit ihrem Vortrupp an der Spitze". Ein Widerhall der Marx-Übersetzer, die die revolutionäre Diktatur des Proletariats durch „Kritik" des Proletariats ersetzen.

 

In der Tat geht er soweit zu behaupten: „In den Ländern, in denen der Kapitalismus noch stark ist, wo sich in seinen Händen ein gewaltiger Militär- und Polizeiapparat befindet, ist ein ernsthafter Widerstand der reaktionären" (?) „Kräfte unvermeidlich." In diesen „Ausnahmeländern" lässt er gelten, dass „sich dort der Übergang zum Sozialismus unter den Bedingungen eines scharfen Klassenkampfes, eines revolutionären Kampfes vollziehen" wird [I, S. 37].

 

Wir haben es also zur Anerkennung des Klassenkampfes in einigen besonderen Fällen gebracht, jedoch nicht zur Anerkennung der Diktatur nach der Machteroberung. Das ist, was Lenin „Marx zu einem Dutzendliberalen herabsetzen" nennt. Auch der konservativste liberale Jurist ist dafür, dass die Bürger zur Gewalt greifen, wenn eines ihrer verfassungsmäßigen Rechte verletzt wird. Es ist uns also erst dann gestattet, ernsthaft gegen die reaktionären Kräfte zu kämpfen, wenn wir ihnen nachgewiesen haben, nicht im Besitz der parlamentarischen Mehrheit zu sein!

 

Wir wollen hier weder wiederholen, dass es unmöglich ist, das Parlament zu Klassenzwecken auszunutzen, noch wollen wir den Chruschtschow/Togliattis erklären, dass ihre Methode sie enttäuschen wird. Wir wissen sehr wohl, dass sie so sprechen müssen und warum sie so sprechen müssen. Sie sind Orgelpfeifen, aus denen der Wille tönt, das Proletariat nicht zur Macht kommen zu lassen - und falls es unter ihnen welche geben sollte, die nicht wissen, was sie sagen, so ändert das auch nichts.

 

Wichtig ist nur eine Sache: Diese Aufsehen erregende Abkehr vom Stalinismus kann jedenfalls mittels der Schlussfolgerungen aus dem internationalen Kräftespiel und dem innerhalb der russischen Gesellschaft erklärt werden; wir sind gerade dabei, das zu tun; aber man kann diese Kehrtwende nicht einmal dem Einfältigsten als eine Rückkehr zur Lehre von Marx und Lenin weismachen.

 

Die schon allein unter „literarischen" Gesichtspunkten unbeholfenen und schludrigen Formulierungen des 20. Kongresses enthalten die unverhohlene Ablehnung des Kernpunktes der Lehre, auf die sich berufen wird: „Die Diktatur als Übergang zur Aufhebung der Klassen", was heißt: die Diktatur nach der Machtergreifung. Die These, wonach sie die Macht kampflos erobern, könnte sogar stimmen, denn die bürgerliche Ordnung hätte dann ja keinen Anlass einzugreifen.

Leninisten à la Kautsky

Wenn wir Lenin selbst sprechen lassen, so wie er nach dem 20. Parteitag gesprochen hätte, ist die Antwort auf diese gerühmte Neufassung des Leninismus nicht schwer.

 

Natürlich haben diese Herren jede Menge Lenin-Zitate bei der Hand. Der Passus, auf den sich die Rede Chruschtschows stützt - der das generelle Schema sukzessiver, im vorhinein festgesetzter Phasen, die sich in allen Ländern in gleicher Weise einstellen müssen, als falsche Anwendung des historischen Materialismus ansieht -, ist wie üblich getrennt vom ganzen Gedankengang des Verfassers zitiert. Lenin schrieb dies in offener Polemik mit den Rechtssozialisten, die im Namen Marx' idiotischerweise festgelegt hatten, dass sich Russland und mit ihm sein Proletariat und die bolschewistische Partei nicht rühren dürften, da die russische Revolution, das zeige der historische Materialismus schlagend, erst nach allen anderen europäischen Revolutionen proletarisch sein könne; sie müsse, solange die russische Wirtschaft nicht auf der Entwicklungsstufe Westeuropas angekommen sei, unter der Leitung der Bourgeoisie bleiben. Auch wir führen seit 40 Jahren den Kampf gegen die absurde Idee, dass die russische Revolution aus „ökonomisch-deterministischen" Gründen einen demokratischen und nicht-diktatorischen Charakter hätte haben sollen. In unserer Studie über Russland17 analysierten wir, Abschnitt für Abschnitt, die Schriften Lenins, in denen diese Theorie der russischen Revolution durch eine wirkliche Meisterleistung an kohärenter Kontinuität seit Beginn des Jahrhunderts formuliert ist. Lenin kann man nicht einfach mit zwei Zahlen zitieren: Band und Seite. Nicht wir sind es, die Chruschtschow dies sagen (wir sind nur bildlich gesehen seine Gesprächspartner), sondern Lenin selbst, und zwar in seiner Schrift „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky".

 

Kautsky meinte, die ganze Aufregung um die Frage der Diktatur des Proletariats rühre von einem „Wörtchen" her, das Marx einmal geschrieben habe. Mit Hilfe einer Vertrauen heischenden Reihe von Zitaten versuchte Kautsky, die fundamentale Bedeutung dieses Marx'schen Begriffs seines Inhalts zu berauben und ihn als einen unglücklich gewählten Ausdruck hinzustellen. Darum trägt das Gesicht dieses Theoretikers - der Marx lange Zeit gegen die Rechtsrevisionisten verteidigt hatte, und dessen Werke, neben denen Plechanows, Lenin als Vorbild gedient hatten - auch noch im Jenseits das unauslöschliche Mal des Peitschenschlags Wladimirs, dessen Hieb damals vielen ungerecht und grausam erschien.

 

„Erstens, diese berühmten Ausführungen von Marx, die das Fazit aus seiner ganzen revolutionären Lehre ziehen, als ein ‘Wort' oder gar als ein ‘Wörtchen' zu bezeichnen heißt den Marxismus zu verhöhnen, heißt ihn völlig verleugnen. Man darf nicht vergessen, dass Kautsky Marx nahezu auswendig kennt, dass er, nach allen seinen Veröffentlichungen zu urteilen, im Schreibtisch oder im Kopf eine Reihe hölzerner Kästchen hat, in denen alles von Marx Geschriebene aufs genaueste und bequemste zum Zitieren geordnet ist. Kautsky muss unbedingt wissen, dass sowohl Marx als auch Engels in Briefen wie in ihren Publikationen wiederholt von der Diktatur des Proletariats gesprochen haben, sowohl vor als auch besonders nach der Kommune. Kautsky muss wissen, dass die FormelDiktatur des Proletariats' lediglich die historisch konkretere und wissenschaftlich genauere Darlegung der Aufgabe des Proletariats ist, die bürgerliche Staatsmaschineriezu zerbrechen', einer Aufgabe, von der sowohl Marx als auch Engels unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus der Revolution von 1848 und noch mehr aus der Revolution von 1871 vierzig Jahre lang, von 1852 bis 1891, gesprochen haben.

(...) Seit Kriegsbeginn hat es Kautsky, immer rascher fortschreitend, in dieser Kunst, Marxist in Worten und Lakai der Bourgeoisie in der Tat zu sein, bis zur Virtuosität gebracht" [LW 28, S. 231/232].

 

Die Redner des 20. Parteitags verfügten über ein wohl weit besseres Kästchen mit den Werken Lenins als dasjenige Kautskys mit den Werken Marx'; vielleicht ist es sogar elektronisch, um ihren Neid zu besänftigen, der in allen Reden über die oft närrische amerikanische Technik durchscheint. Sie haben also die damalige Virtuosität in der Kunst, Marxisten-Leninisten „in Worten und Lakai der Bourgeoisie in der Tat zu sein", weit übertroffen.

 

Kautsky erklärte das Wörtchen folgendermaßen: „Diktatur bedeutet Aufhebung der Demokratie". Lenin beweist in einer langen historischen Analyse, dass man letzten Endes jede Art von Demokratie aufheben wird: Mit der Aufhebung der Klassen und des Staates wird das Wort seines Sinnes beraubt und vergessen werden.

 

Mit wissenschaftlicher Strenge berichtigt Lenin den widerlichen „Liberalismus" Kautskys: „Diktatur bedeutet nicht unbedingt die Aufhebung der Demokratie für die Klasse, die diese Diktatur über die anderen Klassen ausübt; sie bedeutet aber unbedingt die Aufhebung der Demokratie (oder ihre äußerst wesentliche Einschränkung, was auch eine Form der Aufhebung ist) für die Klasse, über welche oder gegen welche die Diktatur ausgeübt wird" [LW 28, S. 233].

 

Das ist eindeutig und gilt in der modernen Epoche für die beide Diktaturen: die bürgerliche und die proletarische. Hört ihr nicht Togliatti/Chruschtschow zur Bourgeoisie sagen: „Nachdem wir dich mittels der Demokratie gestürzt haben, werden wir die Diktatur ausüben, aber wenn du die Demokratie unterdrückst, solange wir in der Minderheit sind, bist du eine reaktionäre Kraft"?

Die Szene zu dritt

Alle Zitate Lenins, deren wahrer Sinn verdreht wird, beziehen sich nicht auf den Kapitalismus der modernen westlichen Länder, sondern auf jene Räume und Zeiten, in denen sich drei Kräfte bekämpfen: Feudalismus, Bourgeoisie und Proletariat. Dann gibt es tatsächlich mehrere Wege des Übergangs zum Sozialismus in einem Land: Bei der „Szene zu zweit" indes besteht das historische Problem einzig im Sieg der sozialistischen Revolution über die entwickelte kapitalistische Gesellschaft. Die Romanze des einzelnen nationalen Staates muss jedoch notwendigerweise dann geschrieben werden, wenn das feudale System seinem Ende entgegengeht und sich ein nationales Staatszentrum herausbildet. Hier gibt es eine Brücke für den Übergang zum Sozialismus und hier, und nur hier, gibt es effektiv mehrere Übergangsformen mit dieser oder jener Art Demokratie, mit dieser oder jener Form der Diktatur des Proletariats.

 

Nachdem Lenin in der erwähnten Schrift die Diktatur im Allgemeinen wissenschaftlich definiert hat, umreißt er die Diktatur des Proletariats: „Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die erobert wurde und aufrechterhalten wird durch die Gewalt des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie, eine Macht, die an keine Gesetze gebunden ist" [LW 28, S. 234].

 

Wie schmecken euch diese Zitronen, ihr Intellektuellen, Patrioten und anderen Kleingeister?

 

Später bezieht sich Lenin auf die Szene zu dritt und erinnert daran, dass vor 1905 alle Marxisten in Russland die kommende Revolution als eine bürgerliche definierten: Die Menschewiki folgerten daraus eine Politik der Verständigung mit der Bourgeoisie. Die Bolschewiki sahen den Kampf des Proletariats im Bündnis mit den Bauern zuerst gegen den Feudalismus und danach gegen die Bourgeoisie vorher. Kautsky beruft sich auf die soziale Rückständigkeit Russlands, um, wie Lenin sarkastisch bemerkt, „aus diesem neuen Gedanken" den alten Schluss zu ziehen, „dass man in einer bürgerlichen Revolution nicht weiter gehen dürfe als die Bourgeoisie". Und er fügt hinzu: „Und das ungeachtet alles dessen, was Marx und Engels beim Vergleich der bürgerlichen Revolution von 1789 bis 1793 in Frankreich mit der bürgerlichen Revolution von 1848 in Deutschland gesagt haben!" [LW 28, S. 296].

 

Der Unterschied zwischen den „Leninisten" des 20. Parteitags und dem Leninismus ist folgender: Lenin und die Geschichte bewiesen, dass das Proletariat, um die bürgerliche Revolution zu Ende zu führen, nicht auf die Diktatur verzichten kann, bei Strafe der Niederlage. Die „Leninisten" behaupten nun, in den rein proletarischen Revolutionen - wo es nicht mehr darum geht, den Feudalismus, sondern einzig den Kapitalismus zu stürzen - müsse das Proletariat auf die Diktatur verzichten.

 

Sie stellen die Insurrektion als unwesentlich dar, beseitigen in jedwedem Fall die Diktatur und streichen sogar das „Wörtchen" aus. Und das sind Leninisten? Lassen wir noch einmal Lenin sprechen (nicht nur zu Kautsky): „Wollte Kautsky ernsthaft und ehrlich argumentieren, so würde er sich fragen: Gibt es historische Gesetze, die für die Revolutionen gelten und keine Ausnahmen kennen? Die Antwort würde lauten: Nein, solche Gesetze gibt es nicht. Solche Gesetze haben nur das Typische im Auge, das, was Marx einmal als das ‘Ideale' im Sinne eines durchschnittlichen, normalen, typischen Kapitalismus bezeichnet hat" [LW. 28, S. 236].

 

(An den Rand unseres alten „Kautsky"-Exemplares hatten wir hier vermerkt: diese Stelle bei Marx nachschlagen. Wir haben eine ganze Reihe solcher Stellen im (nur in kleiner Auflage erschienenen) Bericht der Versammlung von Mailand über die „Invarianz" des Marxismus und der früheren revolutionären Klassentheorien angegeben; sie wurden übrigens auch wieder bei der Frage des bürgerlichen „Gesellschaftsmodells" in den Texten zur „Agrarfrage" angeführt18)

 

Das historische Gesetz der Diktatur ist also von der Gesamtheit unserer Theorie untrennbar. Gegen jeden Versuch es zu fälschen, formuliert Lenin es klipp und klar so: „Die proletarische Revolution ist unmöglich ohne gewaltsame Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie und ohne ihre Ersetzung durch eine neue" [LW 28, S. 236].

Zurücknahme der Zugeständnisse

Nachdem wir die theoretischen Fälschungen aufgedeckt haben - die viel schlimmer sind als die ökonomischen, die wir in den Schriften Stalins sahen -, können wir unsere zugestandenen historischen Annahmen wieder „zurücknehmen" und uns den nicht weniger Aufsehen erregenden Geschichtsfälschungen zuwenden.

 

Ebenso wie Chruschtschow suchte auch Kautsky darüber zu spintisieren, dass Marx und Engels in England und Amerika (Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts) eine Ausnahme gesehen hatten. Die Antwort Lenins ist grundlegend. Die Notwendigkeit der Diktatur ist vor allem an das Vorhandensein „eines stehenden Heeres und einer Bürokratie" gebunden. Eben diese Formen gab es damals in beiden Ländern nicht. „Heute dagegen" (1918) „gibt es sie, sowohl in England als auch in Amerika" [LW 28, S. 237].

 

Hat Herr Chruschtschow etwa Meldungen darüber erhalten, dass diese Formen in den beiden Ländern wieder verschwunden sind? Hatten er und die Seinen sowie ihr Lehrer Stalin diese monströsen Einrichtungen klar vor Augen, als sie den englischen und amerikanischen Staat als Bündnispartner bzw. „kalte" Krieger behandelten?

 

Hier müssen wir der merkwürdigen Schilderung einer modernen Welt, die von Demokratie und Sozialismus nur so strotze, noch einen Schlag versetzen.

 

Der Opportunismus, der die Diktatur leugnet und den Marxismus verleugnet, führte schon beizeiten das Argument ins Feld, das Kautsky unglaublicherweise von seinem langjährigen Gegner Bernstein abschrieb: Von der Epoche, in der das Proletariat die Umwälzung der Gesellschaft auf gewaltsamen Wege suchte, sind wir zur Epoche der möglichen friedlichen Umwälzung übergegangen!

 

Haben Chruschtschow, und verschiedene andere mit ihm, im Jahre 1956 eine andere historische Lektüre bemüht, um die Welt dermaßen in Erstaunen zu versetzen? Sie, die mit dem Kästchen von Lenin-Zitaten, wie Kautsky mit dem von Marx, ausgestattet sind?

 

Just aus diesem Kästchen lässt sich die Antwort entnehmen - und möge dies der Welt blödsinniger Konsumenten von Neuigkeiten eine Lehre sein.

 

„Der ‘Historiker' Kautsky verfälscht die Geschichte so schamlos, dass er die Hauptsache ‘vergisst', nämlich dass sich der vormonopolistische Kapitalismus - dessen Höhepunkt gerade in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts fällt - eben kraft seiner grundlegenden ökonomischen Eigenschaften, die in England und Amerika besonders typisch zum Ausdruck kamen, durch verhältnismäßig große Friedfertigkeit und Freiheitsliebe auszeichnete. Der Imperialismus dagegen, d.h. der monopolistische Kapitalismus, der erst im 20. Jahrhundert seine volle Reife erlangt hat, zeichnet sich kraft seiner grundlegenden ökonomischen Eigenschaften durch sehr geringe Friedfertigkeit und Freiheitsliebe und sehr große, überall wahrzunehmende Entwicklung des Militarismus aus. Das bei der Beurteilung der Frage, inwieweit eine friedliche oder eine gewaltsame Umwälzung typisch oder wahrscheinlich ist, ‘nicht bemerken' heißt zu einem gewöhnlichen Lakaien der Bourgeoisie herabsinken" [LW 28, S. 237/38].

 

Dies reicht schon, um aus dem lächerlichen „Übergang zum Sozialismus", der sich mal in diesem, mal in jenem Land vollziehen soll, die Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Die Geschichtsfälschung wurde lange vor Stalin erfunden und ist alles andere als verschwunden, nachdem man ihn seines Ruhmes beraubt hat.

 

Für Marx und Lenin ist die Diktatur ein allgemeines Gesetz. Und mit ihr der Terror, ein anderes sündhaftes Wort, das man lieber meidet. Und doch benutzte Engels in seinem „Italienischen Republikanischen Almanach" dieses andere „Wörtchen", das auf dem 20. Parteitag ebenfalls vergessen wurde: „Und die siegreiche Partei muss, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen" [MEW 18, S. 308]. (1874: es ging dabei darum, die Anarchisten zu widerlegen, die schon eine Stunde nach dem Sieg die Waffen niederlegen wollten.)

 

Für den Marxismus-Leninismus ist die Notwendigkeit der Diktatur nach der Eroberung der politischen Macht fundamental. Vielleicht hätten gerade die russischen Umstände eine Ausnahme hiervon erlauben können. Die, wie Chruschtschow sich ausdrückt, „welthistorische" Bedeutung der Oktoberrevolution besteht jedoch in der grandiosen Tatsache, dass sich gerade in Russland die Diktatur historisch aufdrängte. Morgen wird sie sich daher überall und ohne Ausnahme aufzwingen.

 

Auf dem 20. Parteitag ist der demokratische Weg zur Macht zum Grundgesetz geworden, wie schon für die schlimmsten, noch übrig gebliebenen Sozialdemokraten. Eine Ausnahme lässt man dort gelten, wo der Kapitalismus über einengewaltigen Militär und Polizeiapparat" verfügt.

 

Handelt es sich um eine Ausnahme? Gibt es denn heute Länder ohne Bürokratie, ohne Militarismus und ohne Polizeiapparat? Betreffs der beiden einzigen modernen Länder, wo diese „Maßregel" der parlamentarischen Mehrheit erprobt werden könnte, Frankreich und Italien, kann man bei den algerischen Rebellen und bei den Tagelöhnern von Venosa und Barletta19 über diese Apparate Auskunft bekommen. Weniger zeitraubend ist es, die Kreml-Presse zu lesen.

 

Der Optimismus, der die Kautsky'sche Perspektive einer (von Lenin längst begrabenen) „friedlichen Umwälzung" wieder auferstehen lässt, gründet sich ganz auf die Länder des Ostens, der Volksdemokratie, des Sozialismus.

 

Dann sind das also die Länder, wo es keine Heere von Beamten, Militärs und Polizisten gibt? Offensichtlich dünkt dem Generalsekretär, diese Institutionen würden nicht mehr so genannt, weil sie doch den Zweigstellen seiner Zentrale unterstehen. Da Chruschtschow den Publikumsgeschmack an dramatischen Versionen der politischen Ereignisse genau kennt, hofft er, glaubhaft machen zu können, dass die Heere verschwunden sind, seit dem Generalissimus Stalin der bürgerliche Tod und dem Henker Beria der Galgen beschieden wurden.

 

Wird die Geschichte über die heutigen „Führer der russischen Avantgarde" andere und bessere Dinge schreiben können als über jene beiden Gestalten? Wird sie den Knoten tatsächlich durchhauen, der die beiden so lange Jahre an die nämliche Rolle gebunden hat?

 

 

1 propaganda fide (lat.): Glaubensverbreitung. Geht zurück auf Papst Gregor XV., der 1622 ein Gremium zur Missionierung gründete.

 

2 Siehe hierzu auch den „Anti-Dühring", 3. Abschnitt: Sozialismus, MEW 20, S. 239-248.

3 le cul le premier (frz.): mit dem Arsch voran.

 

4 In Nicäa (Iznik) fand 325 das 1. Ökumenische Konzil statt: das allgemeine Konzil der Bischöfe wurde als unfehlbar festgelegt. In Trient tagte von 1545-63 das 19. allgemeine Konzil, das die katholische Kirche nach der Reformation erneuern sollte.

5 Siehe: „Klassischer Kapitalismus, romantischer Sozialismus" („Capitalismo classico, socialismo romantico"); Il programma comunista, Nr. 2, 1953.

 

6 ci devant (frz.): der Gestrige.

 

7 Coty: berühmte Parfümmarke; Marianne: Name eines zu der Zeit wütenden Hurrikans.

8 pontifizieren: Pontifikalamt zelebrieren, dem Bischof vorbehalten, der die (fast allen unverständlichen, da lateinischen) Liturgien, Glaubenslehren, herunterleiert. Hier im Sinne von: zu richten, zu entscheiden. Pontifex (lat.): röm. Oberpriester.

 

9 Skythen: Sammelbezeichnung für die Nomadenstämme der eurasischen Steppe im 1. Jahrtausend. v.u.Z. Anspielung auf Chruschtschows Herkunft: Er ist Ukrainer.

 

10 Bezieht sich auf den „Dialog mit Stalin" („Dialogato con Stalin"), Il programma comunista, Nr. 1-4, 1952.

11 „diskriminieren" hier im Sinne von „trennen, absondern".

 

12 „Struttura economica e sociale della Russia d'oggi"; Il programma comunista, 1955.

 

13 „Staat und Revolution", LW 25, S. 428. Siehe auch: Engels' Brief an Kautsky vom 1.4.1895: „Zu meinem Erstaunen sehe ich heute im ‘Vorwärts' einen Auszug aus meiner ‘Einleitung' ohne mein Vorwissen abgedruckt und derartig zurechtgestutzt, dass ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand même [unter allen Umständen] dastehe." Und an Lafargue vom 3.4.1895: „Liebknecht hat mir gerade einen schönen Streich gespielt. Er hat meiner Einleitung zu den Artikeln von Marx über Frankreich von 1848 bis 1850 alles das entnommen, was ihm dazu dienen konnte, die um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik zu stutzen, die es ihm seit einiger Zeit, besonders in diesem Augenblick zu predigen beliebt, wo man in Berlin Ausnahmegesetze vorbereitet. Diese Taktik aber predige ich nur für das heutige Deutschland, und dann noch mit erheblicher Vorbehalten. Für Frankreich, Belgien, Italien, Österreich eignet sich diese Taktik in ihrer Gesamtheit nicht, und für Deutschland kann sie schon morgen unanwendbar werden" [MEW 39, S. 452 + 458].

14 sine effusione sanguinis (lat.): ohne Blutvergießen.

 

15 Carmagnole: frz. Revolutionslied von 1792: Es lebe der Klang der Kanonen.

16 patron (frz.): Chef. banquier (frz.): Bankier. ipicier (frz.): Krämer, Händler.

17Russia e rivoluzione nella teoria marxista"; Il programma comunista, Nr. 21, 1954 und Nr. 8, 1955.

18 „Die historische Invarianz des Marxismus" (La invarianza storica del marxismo); Mailand, 1952.

Und: „Filo-124: Die Agrarfrage weiter verfolgend" und „Filo-134: Nach der Kodifizierung des Agrarmarxismus": Il programma comunista, Nr. 2 und Nr. 12, 1954.

19 Venosa und Barletta: dort fanden 1955-56 militante Unruhen von Tagelöhnern und Arbeitern statt, die von permanenter Arbeitslosigkeit betroffen waren.