Gewalt und Diktatur im Klassenkampf

I. Kinetische und potenzielle Gewalt

1.

In der Geschichte der menschlichen Gemeinschaften spricht man dann von offener Anwendung physischer Gewalt, wenn Kämpfe und Zusammenstöße zwischen Einzelnen oder Gruppen in irgendeiner Form zur physischen Verletzung oder Vernichtung von Individuen führen.

 

Sobald dieser Aspekt im gesellschaftlichen Leben zutage tritt, bewirkt dies Missfallens- bzw. Beifallsbekundungen, die den banalsten Inhalt der geschichtlich auftretenden und das Denken der Gemeinschaften beherrschenden Mystiken ausmachen.

 

Doch selbst die unterschiedlichsten Meinungen sind sich darin einig, dass die Gewalt nicht nur ein äußerst wichtiges Element in der sozialen Dynamik ist, sondern ein wesentlicher, wenn nicht sogar entscheidender Faktor beim Wechsel von einer Gesellschaftsform zur anderen.

 

Wenn man sich all die Konfessionen und Philosophien ansieht, die apriorisch entweder dem Kult der Gewalt, des Übermenschen, des auserwählten Volkes oder umgekehrt des Gewaltverzichts und des Pazifismus‘ anhängen, muss man – um nicht in Rhetorik und Metaphysik zu verfallen – auf die materiellen Verhältnisse zurückgehen, die die physische Gewalt begründen, und man muss deren grundlegende Rolle in allen Gesellschaftsformationen anerkennen, auch wenn sie nur latent – als Druck, als Drohung, als militärische Aufrüstung – in Erscheinung tritt, denn sie hat weitreichende historische Wirkungen, auch schon vor ihrem offenen Einsatz, also sine effusione sanguinis[1].

2.

Das moderne, durch eine gigantische Entwicklung der Produktivkräfte und der kapitalistischen Ökonomie gekennzeichnete Zeitalter war von einer grundlegenden Erweiterung in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis begleitet, die wir mit den Namen Galileis und Newtons verbinden.

 

In der aristotelischen und scholastischen Physik waren irdische Mechanik und Himmelsmechanik zwei vollkommen getrennte und sogar metaphysisch entgegengesetzte Erscheinungssphären. Später aber sah man, dass diese beiden Gebiete in Wirklichkeit identisch und mit denselben theoretischen Mitteln zu untersuchen und darzustellen sind.

 

Man verstand so zum ersten Mal, dass die Kraft, mit der ein auf dem Boden liegender Körper auf diesen Boden drückt oder auf die Hand, die diesen Körper hält, nicht nur dieselbe Kraft ist, die diesen Körper in Bewegung setzt, wenn man ihn fallen lässt, sondern auch dieselbe, die die Bewegungen der Gestirne im Weltall untereinander verbindet, ihre scheinbar unwandelbaren Umlaufbahnen und ihr mögliches Ineinanderstürzen bestimmt.

 

Es handelt sich hierbei nicht um eine rein qualitative und philosophische, sondern um eine wissenschaftliche und praktische Wesensgleichheit, denn Berechnungen der gleichen Art können dazu dienen, das Schwungrad einer Maschine zu konzipieren oder z.B. das Gewicht und die Umlaufgeschwindigkeit des Mondes festzustellen.

 

Wie eine marxistisch geführte Untersuchung der Erkenntnistheorie nachweisen würde, bestehen die großen Meilensteine in der Erkenntnis nicht darin, mittels neuer Enthüllungen ewige und unwiderrufliche Wahrheiten aufzustellen, denn es wird immer wieder, und auf allen Gebieten, ungeheure Entwicklungen und große wissenschaftliche und mathematische Darstellungen der Phänomene geben. Die wirklichen Errungenschaften bestehen vielmehr darin, dass definitiv die alten Denkweisen zerstört werden, wie z.B. die geheimnisvolle Macht der Tradition, die unser Bewusstsein daran hindert, sich ein Bild von den wirklichen Zusammenhängen der Dinge zu machen.

 

So hat die Wissenschaft allein auf dem Gebiet der Mechanik Entdeckungen gemacht, und wird sie auch weiterhin machen, die über die Aussagen und Formeln von Galilei und Newton hinausgehen, wobei als historisches Ergebnis bleibt, das Hindernis der aristotelischen Thesen beseitigt zu haben, wonach konzentrisch um die Weltmitte angeordnete ideale Himmelssphären zwei unvereinbare Welten schieden: unsere Erdenwelt der Verderbnis und des elenden endlichen Lebens, und die Himmelswelt in eisig strahlender Unveränderlichkeit. Eine Anschauung, von der in den ethischen und mystischen Konstruktionen des Christentums weidlich Gebrauch gemacht wurde und die geeignet war, die Verhältnisse einer Welt widerzuspiegeln, die auf den Vorrechten der Aristokratien beruhte.

 

Die Gleichsetzung der mechanischen Tatsachen unseres unmittelbaren Erfahrungsbereiches mit den kosmischen Tatsachen ermöglichte dann auch festzustellen, dass die Energie eines Körpers die gleiche ist, wenn er sich im Verhältnis zu uns und zu seiner unmittelbaren Umgebung bewegt, wie auch wenn der Körper dem Anschein nach ruht.

 

Diese beiden Begriffe – potenzielle bzw. Lageenergie und kinetische bzw. Bewegungsenergie – durchlaufen in ihrer Anwendung auf die Materie immer komplexere Auslegungen. In den Formeln der klassischen Physik erscheinen die Quantitäten von Materie und Energie noch als unveränderlich. Heute wissen wir, dass sie sich durch einen ständigen Austausch, dessen Aktionsradius das ganze Universum erfasst, ineinander transformieren; nichtsdestoweniger lassen sich nach wie vor, solange keine subatomaren Energieformen im Spiel sind, Bauwerke und Maschinen im menschlichen Maßstab anhand der klassischen Formeln berechnen und bauen.

 

Dass die potenziellen Ressourcen und kinetischen Erscheinungen der Energie auf ein- und denselben Nenner gebracht wurden, bleibt also ein historisch entscheidender Schritt in der Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis, eine Erkenntnis, die nunmehr jedem Menschen der Moderne geläufig ist. Das Wasser, das hinter einem hohen Staudamm ruht, scheint unbeweglich und tot. Wenn man aber die Röhren zu einer tieferliegenden Turbine öffnet, dann setzt es sich in Bewegung und liefert uns Triebkraft. Wir kennen die Beschaffenheit dieser Kraft, noch bevor wir die Schleusen öffnen: Sie hängt von der Wassermasse und der Höhe der Staumauer ab. Es handelt sich also um Lageenergie. Wenn das Wasser strömt und sich bewegt, äußert sich dieselbe Energie als Bewegungsenergie, als kinetische Energie.

 

So weiß heute schon ein Kind, dass sich zwischen zwei harmlosen und kalten Drähten des Stromnetzes nichts rührt, solange wir sie nicht anfassen. Werden sie aber durch einen Leiter verbunden, strömen Funken, Wärme und Licht, und ist der Leiter gar unser Körper, spüren wir einen Stromschlag in unseren Muskeln und Nerven.

 

Die zwei harmlosen Drähte bergen ein bestimmtes Potential, tragen eine bestimmte Spannung. Wehe, man verwandelt diese Energie in kinetische. Heute weiß jeder Analphabet, was die Sieben Weisen Griechenlands und die alten Kirchenväter völlig verwirrt hätte.

3.

Wenn wir vom Gebiet der mechanischen Phänomene zu dem der Lebewesen kommen, stoßen wir bei den viel komplexeren biophysikalischen und biochemischen Phänomenen und Umwandlungen – die Geburt, Ernährung, Wachstum, Bewegung und Reproduktion des Tieres bedingen – wieder auf die Anwendung von Körperkraft, sowohl im Kampf gegen die Umwelt als auch gegen Lebewesen derselben oder einer anderen Gattung.

 

In diesen physischen Aufeinandertreffen und brutalen Zusammenstößen werden Körperteile und Gewebe der Tiere verletzt und zerrissen, was in ernsten Fällen tödlich enden kann.

 

Gewöhnlich denkt man erst an Gewalt, wenn der Gebrauch von Körperkraft eines Tieres ein anderes verletzt. Werden sie durch Erdrutsche oder Orkane getötet, sehen wir hier gemeinhin keine Gewalt, sondern nur dann, wenn – klassisches Beispiel – der Wolf das Lamm verspeist oder er mit einem Artgenossen aneinandergerät, der seinen Anteil an der Beute fordert.

 

Im Laufe der Zeit gleitet diese einfache Sichtweise in moralische und mystische Anschauungen ab. Man hasst den Wolf und beweint das Lämmchen. Aber als Mahlzeit für die Menschen wird die Tötung und Zubereitung desselben Lämmchens dann doch gutgeheißen werden, während man sich andererseits über die Kannibalen entsetzt. Die Menschen werden Mörder verurteilen, doch Krieger verehren; alles Fälle – sei es auch nur wegen der unendlichen literarischen Bandbreite –, in denen lebendiges Fleisch verletzt wird, worunter gar, ginge es nach unseren mit den verschiedensten Lehren gewappneten Moralpredigern, der chirurgische Eingriff in ein Krebsgeschwür fallen könnte.

 

In der anfänglichen Vorstellungswelt der Menschen wurden die mechanischen Naturphänomene selbst vor den Richterstuhl geführt und, aus naivem Anthropomorphismus[2], moralische Kriterien an sie angelegt.

 

Liebe und Hass werden zu Urkräften der Dinge: Wenn Steine auf die Erde fielen und Wasser zum Meer floss, wenn Luft und Feuer zum Himmel aufstiegen, so weil jedes Element sein Gleiches und seine Bleibe suchte und seinem Gegenteil floh.

 

Wenn in einem auf den Kopf gestellten Rohr Wasser oder Quecksilber nicht fielen, so deshalb, weil die Natur die Leere verabscheute. Als Torricelli das barometrische Vakuum schuf, konnte das Gewicht der Luft bestimmt werden. Auch die Luft war also schwer und drückte mit einer solchen Gewalt nach unten, dass sie uns am Boden zerquetschen würde, wären wir nicht von ihr umgeben und durchdrungen. Offenbar liebte die Luft ihr Gegenteil und man hätte sie eigentlich wegen Nichterfüllung ihrer ehelichen Pflichten verurteilen müssen.

 

Voluntarismus und Moralismus führten die Menschen mehr oder weniger auf fast allen Gebieten dazu, an die gleichen Torheiten zu glauben.

 

Kommen wir auf das Tier zurück, das mit seiner Körperkraft gewaltsam gegen die Widrigkeiten der Natur oder für die Befriedigung seiner Bedürfnisse kämpft, lassen dabei aber die bürgerlich-darwinistische Platte vom Kampf ums Dasein, von der natürlichen Auslese sowie andere Litaneien beiseite. Wir wollen unterstreichen, dass auch hier Antrieb und Auswirkung des Krafteinsatzes sowohl potenziell bzw. virtuell, als auch kinetisch bzw. aktuell auftreten können.

 

Nicht nur wird das Tier, das die Gefahren des Feuers, des Eises und der Überschwemmung erfahren hat, auf erste Anzeichen hin und bevor es sich ihnen stellen muss, zu fliehen lernen: Auch die Gewalt zwischen zwei Kreaturen wird meistens Wirkung zeigen, ohne sich physisch manifestieren zu müssen. Ein wilder Hund wird dem Löwen das getötete Reh nicht streitig machen, wohl wissend, dass ihm dasselbe Los beschieden wäre. Oft erstarrt das Beutetier vor Schreck, noch bevor das Raubtier zubeißt, manchmal genügt schon sein Blick, um die Beute zu lähmen und damit nicht nur am Kampf, sondern sogar an der Flucht zu hindern.

 

In all diesen Fällen hat der offenbar Stärkere eine potenzielle Wirkung, die Kraft muss nicht tatsächlich eingesetzt werden.

 

Sollte sich unser Moralapostel dazu äußern müssen, so glauben wir nicht, dass er das Raubtier freisprechen würde, nur weil sich dessen Opfer freiwillig hat auffressen lassen.

4.

In den ursprünglichen Gemeinwesen verdichtete sich nach und nach das Geflecht der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse und der Mittel, sie zu befriedigen sowie die infolge der Differenzierung der Sprache gegebene Möglichkeit zu kommunizieren, brachten Beziehungen und Entwicklungen hervor, die im Tierreich höchstens ansatzweise bestanden.

 

Noch bevor von einer wirklichen Produktion von Gebrauchsgegenständen die Rede sein kann, die die lebensnotwendigen Bedürfnisse stillen können, teilen sich die Mitglieder der ersten Horden nach Aufgaben und Fähigkeiten, um wild wachsende Nahrung zu sammeln, Fische zu fangen, zu jagen, die ersten primitiven Behausungen zu bauen und Nahrung zuzubereiten.

 

Die Umrisse einer organisierten Gesellschaft zeichnen sich ab und das Ordnungs- und Autoritätsprinzip entsteht.

 

Es ist nicht mehr allein die Körperkraft, durch die die physisch und auch mental stärksten Individuen den anderen Stammesmitgliedern Grenzen hinsichtlich dessen setzen, wie sie ihre Zeit verwenden, welche Tagesmühen sie auf sich nehmen und wie sie die erworbenen Gebrauchsgegenstände genießen bzw. gebrauchen. Gewisse Normen werden fixiert, denen sich die Gemeinschaft fügt und die respektiert werden, ohne dass jedes Mal physischer Zwang ausgeübt werden müsste: Es reicht, dem Zuwiderhandelnden mit einer drakonischen Strafe und im schlimmsten Fall mit dem Tode zu drohen.

 

Wollte sich jemand, von seiner urwüchsigen Tierhaftigkeit getrieben, diesen Zwängen entziehen, musste er es mit dem Häuptling in einem Kampf Mann gegen Mann aufnehmen und wohl auch mit den anderen Stammesangehörigen, die aufgefordert waren, sich auf die Seite des Häuptlings zu stellen; oder aber er hätte aus der Gemeinschaft fliehen müssen, dann aber wäre er gezwungen gewesen, seine materiellen Bedürfnisse allein und mit viel größeren Risiken behaftet zu befriedigen, als dies in der Gemeinschaft der Fall war, die, so primitiv auch immer, den Vorteil der kollektiv organisierten Tätigkeit bot.

 

Das Menschentier beginnt seinen Zyklus zu durchlaufen, der weder gleichförmig und harmonisch Schritt für Schritt abläuft noch von Krisen und Rückfällen frei ist, aber im Großen und Ganzen unaufhaltsam. Vom Urzustand unbegrenzter Freiheit und totaler Unabhängigkeit des Einzelnen führt er zur wachsenden Unterordnung unter ein immer dichteres Geflecht von Bindungen, die den Charakter und den Namen von Ordnung, Autorität und Recht tragen.

 

Allgemein tendiert die Evolution zur numerischen Abnahme der Fälle, in denen Gewalt zwischen Menschen in kinetischer Form als Kampf, als körperliche Strafe oder Hinrichtung zutage tritt – gleichzeitig nehmen jene Fälle zu, in denen die Anordnungen der Autorität ohne Widerstand befolgt werden, weil der Betroffene aus Erfahrung weiß, dass es für ihn besser ist, sich ihnen zu fügen.

 

Eine einfache Schematisierung und Idealisierung dieses Prozesses führt zu einer abstrakten Konstruktion, die lediglich das Spiel zweier Faktoren berücksichtigt: den Einzelnen und das Gemeinwesen; wobei einfach angenommen wird, dass jeder Einzelne im gleichen Verhältnis zur Gemeinschaft steht: Wir haben hier die illusorische Perspektive des „Gesellschaftsvertrages“ vor uns. Theoretisiert wird darin der Weg einer menschlichen Gesellschaft, entweder gelenkt von einem nachsichtigen Gott, der das Drama glücklich ausgehen lässt, oder gelenkt von einem erlösenden Geist, der eigentlich noch mysteriöser ist und sich irgendwie im Kopf eines jeden Menschen befindet und seinem Denken, Fühlen und Verhalten innewohnt. Dieser Weg führt zu einem idyllischen Gleichgewicht, zu einer Ordnung der Gleichheit, wo ein jeder in den vollen Genuss der reichen Früchte der kollektiven Arbeit kommt, während andererseits jeder völlig frei seine Entscheidungen trifft.

 

Der dialektische Materialismus unterstreicht dagegen wissenschaftlich die Rolle der Gewalt und ihre Wirkungen, sowohl wenn die Gewalt offen auftritt, wie in den Völker- und Klassenkriegen, wie auch wenn sie potenziell eingesetzt wird, um das Räderwerk des Autoritätsapparates – des Rechts, der herrschenden Ordnung und der bewaffneten Macht – funktionsfähig zu halten; er führt ihre Beweggründe und das Ausmaß ihres Einsatzes auf die Lebensverhältnisse der Menschen zurück, die von der Notwendigkeit und den Möglichkeiten angetrieben werden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

 

Blickt man auf die menschliche Vorgeschichte zurück und analysiert die Maßregeln, durch die sich die Menschen ihre Lebensmittel sowie ihre ersten, primitiven Hilfsmittel, Waffen und Werkzeuge beschafften (mit denen das Menschentier seine Gliedmaßen verlängert, um auf äußere Gegenstände einzuwirken), lassen sich bei den Einzelnen und in der Gemeinschaft insgesamt ganz unterschiedliche Beziehungen und Vermittlerpositionen feststellen, was eine Aufgabenteilung in verschiedene Gruppen mit sich bringt, mit jeweils bestimmten Befugnissen und Funktionen. Und eben diese Untersuchung liefert den Schlüssel zur Frage der Gewalt.

 

Was gewöhnlich Zivilisation genannt wird, hat folgenden grundsätzlichen Wesenszug: Der Stärkere verzehrt mehr als der Schwächere. Solange wir im Reich der Tiere bleiben, könnte man sagen, dass die sogenannte Natur in der Sicht der bürgerlichen Theorien alles aufs Beste geregelt hat, weil mehr Muskeln mit einem größeren Magen und somit mit mehr Nahrung einhergehen. Dann aber richtet der Stärkere die Dinge so ein, dass der Schwächere mehr arbeitet als er selbst. Weigert sich der Schwächere zuzusehen, wie der andere mehr isst und weniger, wenn überhaupt, arbeitet, halten ihn die überlegenen Kräfte nieder und er bekommt eine dritte Plage, nämlich Prügel, zu spüren.

 

Kennzeichnendes Element der Zivilisation ist, wie gesagt, dass sich dieses einfache Verhältnis in allen Bereichen des gemeinschaftlichen Lebens unzählige Male reproduziert, ohne dass es notwendig wäre, Zwang in aktueller bzw. kinetischer Form auszuüben.

 

Der Formierung der Menschen in Gruppen, deren Lebenslage so verschieden ist, liegt anfänglich eine Aufgabenteilung zugrunde, die in ihren vielfältigen Erscheinungsformen dem Individuum, der Familie, der Gruppe oder der bevorrechteten Klasse einen Respekt verschaffen, der zunächst dem realen Nutzen für alle geschuldet ist, mit der Zeit aber zu einer Unterwerfungshaltung gegenüber diesen Individuen und Gruppen führt. Im Laufe der Zeit verfestigt sich diese Haltung und wird Bestandteil der Tradition, denn auch die Gesellschaftsformen haben ihre Trägheit, analog zur physischen Welt, und neigen dazu, immer dieselben Umlaufbahnen zu beschreiben, dieselben Verhältnisse zu verewigen – bis übergeordnete Störfaktoren eintreten.

 

Auch der marxistisch ungeschulte Leser wird bemerkt haben, dass wir diese Darstellung der Kürze halber im Rahmen einiger schematischer Hinweise halten. Fahren wir also fort. Als der minus habens[3] erstmals seinen Ausbeuter nicht mehr dazu „nötigte“, die Befolgung seiner Anweisungen mit Gewalt durchzusetzen, sondern gelernt hatte nachzusprechen, dass Auflehnung eine große Sünde sei, weil sie die Regeln und Verordnungen, von denen das Heil aller abhing, gefährdeten, zu diesem Zeitpunkt entstand – alle Achtung! – das Recht.

 

Mag der erste König ein mutiger Jäger und ein großer Krieger gewesen sein, der oftmals sein Leben einsetzte und sein Blut vergoss, um seinen Stamm zu verteidigen; mag der erste Priester ein weiser Forscher gewesen sein, der zum Nutzen des Allgemeinwohls und der Heilkunst Naturgeheimnisse entdeckte; mag der erste Herr über Sklaven oder Arbeiter ein tatkräftiger Organisator gewesen sein, der fähig war, die Arbeit so anzuleiten, dass Ackerbau und erste Technologien größere Frucht trugen – allein die anfängliche Anerkennung dieser nützlichen Funktionen erlaubte es, Autoritäts- und Machtstrukturen zu errichten, was es wiederum denen, die an der Spitze der neuen und effizienteren Gesellschaftsformen standen, leicht machte, einen großen Teil des Produktionszuwachses für sich selbst abzuzweigen.

 

Zunächst zwang der Mensch die Tiere unter ein solches Verhältnis. Das wilde Rind konnte erst nach harten Kämpfen und unter Aufopferung der kühnsten Tierbändiger unterjocht werden. Später ist keine aktuelle Gewalt mehr nötig, damit das Tier den Nacken beugt. Seine gewaltige Kraft verzehnfacht die Getreidemenge seines Herrn, und das Rind erhält einen Teil davon, um auch morgen noch dieselbe Kraft zu haben.

 

Bald wird der entwickelte homo sapiens dieses Verhältnis auch bei seinesgleichen einführen, die Sklaverei tritt auf. Der unterlegene Gegner einer persönlichen oder kollektiven Auseinandersetzung bzw. der geschundene und verwundete Kriegsgefangene wird mit weiterer Gewalt unter den gleichen Tarifvertrag wie das Rind gezwungen. Anfangs rebelliert er, kann aber den Unterdrücker selten überwältigen oder ihm entfliehen. Auf die Dauer wird es zur Normalität, dass der Sklave, obwohl er, wie der Ochse, dem Herrn an Körperkraft überlegen ist, die Unterordnung erleidet und wie das Rindvieh schuftet, allerdings eine viel größere Bandbreite von Arbeiten und Diensten leistend.

 

Im Laufe der Jahrhunderte bildet dieses System seine eigene Ideologie heraus, es wird theoretisiert. Der Priester rechtfertigt es im Namen der Götter, der Richter sanktioniert die Übertretungen mit Hilfe von Strafgesetzen. Doch gibt es einen Unterschied des unterdrückten Menschen gegenüber dem Arbeitstier, er hat Letzterem voraus, spontan die Theorie nachplappern zu können, wonach das Pflugziehen gut für ihn sei, eine gesunde und zivilisierte Freude, eine Erfüllung göttlichen Willens und heiliger Gesetzespflichten; auch vermag der Ochse sein Einverständnis nicht durch Abgabe eines Wahlzettels kundzutun.

 

Unsere Abhandlung über diesen elementaren Gegenstand soll folgendes Ergebnis festhalten: Zum grundlegenden Faktor physischer Kraft und Gewalt – und zwar nicht nur im aktuellen Zustand, als Gewalt an menschlichen Leibern, sondern auch und vor allem im potenziellen Zustand, ohne Kampfgetöse und Blutvergießen – gehört auch die Summe ihrer Wirkungen.

 

Wir werden jetzt die Jahrtausende überspringen und davon absehen, die Untersuchung der historischen Serie der Produktionsverhältnisse, der Klassenprivilegien und politischen Mächte zu wiederholen, um uns vielmehr auf die gegenwärtige, kapitalistische Gesellschaft zu konzentrieren und das genannte Ergebnis und Kriterium auf sie anzuwenden.

 

Nur so lässt sich die ungeheure Irreführung bekämpfen, die heute in Gang gesetzt wurde; es ist eine weltweite Regie, die die ideologische Unterjochung der Massen unter das verhängnisvolle Diktat der herrschenden Minderheiten bewerkstelligt. Ihr wesentlicher Trick dabei sind die berühmten „Gräueltaten“: Ins grelle Rampenlicht gezerrt (und obendrein noch verstärkt durch erhebliche Tatsachenfälschungen) werden alle Episoden physischer Knechtung, in denen, bedingt durch die Kräfteverhältnisse, soziale Gewalt entfesselt wird, in denen geschlagen, geschossen, getötet und (als Gipfel der Exzesse, nachdem die Kampagne zur Verblödung der Welt so überwältigende Erfolge gehabt hatte) mit Atombomben massakriert wird. In Wirklichkeit aber belegen den qualitativ und quantitativ ersten Platz in der Rangordnung der Gewalt die unzähligen und nicht hell beleuchteten Fälle, in denen sich die Repression, deren Ergebnis auch hier Elend, Leid, massenhafte Vernichtung von Menschenleben ist, ohne Widerstand, ohne Zusammenstöße und, wie wir eingangs sagten, sine effusione sanguinis vollzieht. Und zwar auch an Orten und in Zeiten scheinbaren sozialen Friedens – etwas, was die professionellen Stiefellecker der geschriebenen und gesprochenen Propaganda als Verwirklichung der Zivilisation, der Ordnung und der Freiheit feiern.

 

Die Gegenüberstellung des Stellenwerts beider Faktoren: der aktuellen und der latenten Gewalt, wird zeigen, dass letztere trotz aller Heuchelei und der ewigen Jagd nach Skandalen überwiegt. Und allein auf dieser Grundlage lassen sich eine Theorie formulieren und ein Kampf führen, die die Grenzen der heutigen Welt der Ausbeutung und Unterdrückung zu sprengen imstande sind.

II. Die bürgerliche Revolution

5.

Da es hier zu weit führen würde, die vorkapitalistischen Gesellschaftsformen zu untersuchen, werden wir uns auf einen Vergleich zwischen der Welt des ancien régime, die der großen Revolution voranging, und der kapitalistischen Welt, in der wir zu unserem besonderen Vergnügen leben, beschränken. Wir wollen nun versuchen, die „Dosierung“ der Gewalt unter den Menschen zu erforschen – der aktuellen, die sich in Schlägen und körperlichen Verletzungen ausdrückt, und der latenten, die den Unterdrückten allein durch angedrohte, aber nicht vollzogene Sanktionen den Willen der Unterdrücker aufzwingt.

 

Gemäß eines ersten und wohlbekannten Weltbildes ist die bürgerliche Revolution, die die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aufstellte (die ihren Ausdruck vor allem in den demokratisch-parlamentarischen Institutionen finden), eine genauso universelle wie nicht zu übertreffende Errungenschaft: Sie hätte, erstens, die Gesellschaft von der alten Knechtschaft befreit und ihr die Freuden einer neuen Welt eröffnet, d.h. die Lebensbedingungen aller ihrer Mitglieder wesentlich verbessert; und zweitens mache sie weitere große gesellschaftliche Zusammenstöße, also solche, die einen gewaltsamen Umsturz der Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnisse herbeiführen, unnötig.

 

Ein zweites Weltbild, das die Wonnen des bürgerlichen Systems weniger naiv und unverschämt apologisiert, gesteht zu, dass weiterhin große soziale Unterschiede und eine tiefe ökonomische Ausbeutung bestehen und weitere Transformationen der Gesellschaft mehr oder minder plötzlich bzw. schrittweise vollzogen werden müssten. Die Vertreter dieser Anschauung bestehen aber darauf, dass die Errungenschaften der Revolution, die die Kapitalisten ans Ruder brachte, dennoch auch für alle anderen Klassen einen wesentlichen Vorteil brächten, da diese Klassen ein unschätzbares Gut erhalten hätten, nämlich die bürgerlichen und gesetzlich verankerten Freiheiten. Es ginge also nur darum, den bereits eingeschlagenen Weg weiterzugehen und, nach dem Despotismus und der Ausbeutung, noch übrigbleibende Formen von Unterdrückung auszumerzen, dabei jedoch die grundlegenden Errungenschaften gut festzuhalten. Dieses abgenutzte Schema wird uns in allen möglichen Varianten aufgetischt: Entweder von der Spitze der Machtpyramide aus, wenn sich irgendein Roosevelt bemüßigt fühlt, den altbekannten, literarisch besungenen Freiheiten die neuen Freiheiten der Befreiung der Menschen „von Not und Furcht“[4] zuzugesellen (und das in einem Augenblick, wo eine Kriegskatastrophe noch nie dagewesener Gewalt die Zahl der ausgerotteten und hungernden Menschen ins Unermessliche steigerte), oder auch von der Basis, wenn irgendein Einfaltspinsel des volkstümlichen Politikantentums den alten Mischmasch von Demokratie und Sozialismus in neue Worte packt und von sozialen Freiheiten redet, die den bereits nicht mehr rückgängig zu machenden politischen Freiheiten hinzugefügt werden müssten.

 

Es ist wohl nicht nötig, zu sagen, dass die marxistische Dechiffrierung des geschichtlichen Prozesses, der zum Sieg des Kapitalismus führte, mit keiner dieser beiden Auffassungen etwas gemein hat.

 

Marx hat nicht nur niemals gesagt, dass der Grad an Ausbeutung, Unterdrückung und Zwang in der kapitalistischen Gesellschaft kleiner sei als in der feudalen bzw. agrarisch-handwerklichen Gesellschaft, vielmehr hat er explizit das Gegenteil bewiesen.

 

Um schwerwiegende Missverständnisse zu vermeiden, fügen wir gleich hinzu: Wenn Marx den Kampf des Proletariats an der Seite der revolutionären Bourgeoisie gegen Monarchie, Adel und Klerus als historisch geboten aufzeigte; wenn Marx den „reaktionären Sozialismus“ bekämpfte, der die Arbeiter vor der grausamen Ausbeutung in den Manufakturen und Fabriken der Kapitalisten warnte und dagegen ein Bündnis des Proletariats mit den herrschenden feudalen Schichten setzte; und wenn der orthodoxe linke Flügel des Marxismus verstand, dass die Strategie des Proletariats in der ersten, nachrevolutionären Phase der Bourgeoisie in einem festen Bündnis mit der jungen Jakobinerbourgeoisie bestehen musste, dann gingen diese klaren, klassischen Positionen keineswegs von der Prämisse aus, das neue Wirtschaftssystem würde weniger ausbeuten und unterdrücken als sein Vorgänger.

 

Diese Positionen sind indes ein Ergebnis der dialektischen Geschichtsauffassung; der Marxismus erklärt die Abfolge der Ereignisse mit den durch die Produktivkräfte determinierten Prozessen, denn diese Kräfte entwickeln sich und erschließen stets neue Ressourcen, wodurch die herrschenden Institutionen und Machtapparate in die Ecke gedrängt und deren krisen- und katastrophenhafte Verläufe verursacht werden.

 

Wenn also die revolutionären Sozialisten seit mehr als einem Jahrhundert die Siege des modernen Kapitalismus und dessen eindrucksvolle, weltweite Ausbreitung verfolgen und darin nützliche materielle Bedingungen für das gesellschaftliche Werden erblicken, so deshalb, weil die wesentlichen Merkmale des Kapitalismus – wie die Konzentration der Produktivkräfte (Maschinen und Menschen) in riesigen Produktionseinheiten, die Verwandlung aller Gebrauchsgüter in Waren, die Verflechtung aller Volkswirtschaften zu einer Weltwirtschaft – der einzige Weg sind, der zur kommunistischen Gesellschaft (nach weiteren gewaltigen Bürgerkriegen) führen wird. Das bleibt ebenso so wahr wie notwendig, obwohl wir genau wissen, dass die moderne, kapitalistische Industriegesellschaft schlimmer und grausamer ist als ihre Vorgängerin.

 

Eine von der bürgerlichen Ideologie geformte und im Mystizismus der romantischen Periode der demokratisch-liberalen Revolutionen genährte Mentalität kann diese Schlussfolgerung gewiss nur schwerlich verdauen. Werden an diese These sentimentale, literarische und rhetorische Kriterien angelegt, wird sie den vernünftigen Menschen nur empören können, der uns sein ganzes verworrenes Wissen über die Bosheiten des alten Despotismus, die Autodafés, die Heilige Inquisition, die Fronarbeit, das Recht des Monarchen und selbst des kleinsten Despoten über Leben und Tod, das jus primae noctis[5], usw. an den Kopf wirft, um uns zu beweisen, dass die vorbürgerlichen Gesellschaften Schauplatz alltäglicher und unzähliger Gewaltexzesse waren und ihre Institutionen von Blut nur so trieften.

 

Gehen wir aber wissenschaftlich und rein statistisch an die Untersuchung heran und fragen uns, wie viel nicht-bezahlte Arbeit ausgepresst wird, um die Privilegierten in den Genuss des produzierten Reichtums zu bringen, wie viel Elend es in den untersten Schichten der Gesellschaft gibt, wie viele Menschenleben infolge der wirtschaftlichen Mühsal, ferner durch Krisen und Konflikte – ob es sich nun um Streitigkeiten unter Fürsten oder Baronen handelt, oder um Bürgerkriege oder militärische Zusammenstöße zwischen Staaten – geopfert und zugrunde gerichtet werden, wird die schlechteste Bilanz auf das Konto der bürgerlichen, demokratisch-parlamentarischen Gesellschaft gehen.

 

Dem empörten Vorwurf, die Kommunisten wollten das Eigentum abschaffen, entgegnete Marx – und das ist fundamental wichtig –, einer der grundlegenden Aspekte der gesellschaftlichen kapitalistischen Revolution bestehe ja gerade in der gewaltsamen, unmenschlichen Enteignung der Kleinproduzenten.

 

Bevor die großen Manufakturen und mechanisierten Fabriken auftauchten, bestand eine wirkliche technische und wirtschaftliche Bindung des (einzelnen bzw. mit seiner Familie und einigen Gesellen arbeitenden) Produzenten zu seinen Werkzeugen und Arbeitsprodukten. Die juristischen Verhältnisse räumten ihm ein unbegrenztes Eigentumsrecht an seinen paar Werkzeugen und den in seiner Werkstatt hergestellten Produkten ein. Der Kapitalismus sprengte dieses patriarchalische und fast idyllische System und brachte den geschickten und fleißigen Handwerker um seinen bescheidenen Besitz, um ihn als mittellosen Habenichts ins Zuchthaus des modernen bürgerlichen Betriebs zu pferchen. Während sich diese Umwälzung vollzieht, oft mit brutaler Gewalt und immer unter dem Druck unwiderstehlicher ökonomischer Kräfte, werden die bürgerlichen Ideologen den juristischen Gesichtspunkt dieser Sache als Sieg der Freiheit bejubeln, die den werktätigen Bürger von den Fesseln der mittelalterlichen Gilde und Zunftordnung befreit und ihn zu einem freien Menschen in einem freien Staat gemacht habe.

 

So wie dieser Prozess die Manufakturproduktion in ihrer ganzen Breite betraf, so stellte er sich in der Landwirtschaft für den Marxismus nicht anders dar. Die feudale Leibeigenschaft zwang zwar den Bodenbebauer, einen großen Teil seiner Produkte an die herrschenden adligen und kirchlichen Schichten abzutreten, die produktionstechnische Bindung des Leibeigenen zum Boden selbst und zu einem Teil seiner Produkte blieb jedoch unangetastet, was ihm in gewisser Weise ein sicheres und ruhiges Leben gewährte, zumal die Bevölkerungsdichte noch spärlich und die Handelsbeziehungen mit den Städten begrenzt waren.

 

Die kapitalistische Revolution zerstörte diese Verhältnisse. Sie behauptete, den leibeigenen Bauern von einer Reihe von Übergriffen befreit zu haben. Tatsächlich aber wurde der Leibeigene entweder zum reinen Lohnarbeiter, der das Schicksal der industriellen Sklavenschar teilte, oder in einen betriebswirtschaftlichen Leiter bzw. im juristischen Sinn Eigentümer einer kleinen Parzelle verwandelt, der vom kapitalistischen Wucherer, vom Steuereintreiber oder von der Geldentwertung erpresst wurde.

 

Es würde den Rahmen dieser Schrift sprengen, auf die Einzelheiten einzugehen, doch die bisherige Betrachtung dürfte auch denjenigen genügen, die vorgeben, zum ersten Mal zu hören, dass für Marx die neue, bürgerliche Gesellschaft noch niederträchtiger ist als die feudale.

 

Der wesentliche Punkt, den man festhalten muss, ist folgender: Das entscheidende Kriterium, eine historische Entwicklung zu unterstützen oder zu bekämpfen, besteht nicht in der hohlen und rein belletristischen Einschätzung, ob mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit erreicht und verwirklicht werden. Im Gegenteil, die wirkliche Frage stellt sich völlig anders: Wird die neue Lage die Verbreitung und Potenzierung der gesellschaftlichen Produktivkräfte ermöglichen und vorantreiben? Der Kräfte also, die unerlässliche Voraussetzung für eine zukünftige Gesellschaftsorganisation sind, die die menschliche Tätigkeit viel nutzbringender wird anwenden können und die Konsumtionsmittel für alle zur Verfügung stellt.

 

Es war nicht nur nützlich, sondern unerlässlich, dass die Bourgeoisie den Bürgerkrieg gegen die institutionellen Hindernisse führte, die der Entstehung der großen Fabriken und einer modernen Landwirtschaft im Wege standen. Im Verhältnis dazu zählt es wenig, dass die erste und unmittelbare, und im größeren historischen Rahmen vergängliche Folge darin bestand, die Ketten der sozialen Ungleichheit und Ausbeutung der Arbeitskraft noch schwerer und verhasster zu machen.

6.

Die Kritik des wissenschaftlichen Sozialismus hat deutlich gemacht, dass die große, vom Kapital verwirklichte gesellschaftliche Transformation – eine Transformation, die historisch reif war und ihrerseits großartige Entwicklungen in ihrem Schoße trägt – keineswegs als radikale Emanzipation der großen Massen oder als bedeutende Hebung ihres Lebensstandards definiert werden kann. Die Umwandlung der Institutionen betrifft einzig die Art und Weise, in der sich die kleine privilegierte und herrschende Minderheit formiert und organisiert hat.

 

Die Mitglieder der vorbürgerlichen bevorrechteten Klassen waren auf Grundlage einer engmaschigen Hierarchie fest miteinander verbunden. Die großen Prälaten gehörten zum geordneten und äußerst festgefügten Netz der Kirche, die Adligen, die auch die höchsten zivilen und militärischen Beamten stellten, waren im Feudalsystem, an dessen Spitze der Monarch stand, ihrem Range nach eingegliedert.

 

In der neuen Gesellschaftsform hingegen – wobei wir hier natürlich nur (alle sonstigen wichtigen Unterschiede, was die Nationen und die historischen Phasen angeht, beiseite lassend) von der ersten, klassischen Phase der bürgerlichen Gesellschaft sprechen, die sich auf eine unbegrenzte Produktions- und Handelsfreiheit gründete – sind die Mitglieder der oberen und privilegierten Schicht fast gänzlich frei von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen, insofern jeder Kapitalist seine Unternehmungen und Geschäfte ohne irgendwelche Verpflichtungen gegenüber seinen Klassenbrüdern und Konkurrenten betreiben kann. Diese technische und soziale Umwälzung drückt sich in der Ideologie als historische Wende von einer Welt der Autorität zu einer Welt der Freiheit aus.

 

Es ist aber klar, dass diese Errungenschaft, dieser aufsehenerregende Szenenwechsel, nicht die Gesamtheit der Gesellschaft zur Bühne hat, sondern das kleine Podium, auf dem sich die Reichen bewegen, die Kategorie der vollen Bäuche, flankiert vom engen Kreis ihrer Agenten und Helfershelfer: Politiker, Publizisten, Priester, Professoren, hohe Beamte und dergleichen.

 

Nicht, dass die große Masse der halbleeren Bäuche bei diesem großen Drama keine Rolle spielte – in diesem Kampf bringt sie vielmehr Opfer von Fleisch und Blut –, nur hat sie an den Vorteilen, die diese Veränderung mit sich bringt, keinen Anteil.

 

Die Eroberung der Freiheit im rechtlichen Sinn, in allen Verfassungen als höchstes Gut aller Bürger verkündet, betrifft also nicht die Mehrheit, die noch mehr ausgebeutet und ausgehungert wird als zuvor, sondern ist „innere Angelegenheit“ einer Minderheit. Anhand dieses Kriteriums sind alle historischen und aktuellen Fragen zu lösen, bei denen das abgeschmackte Postulat von Freiheit und Demokratie wieder auftaucht.

 

Da das Gehirn bei leerem Bauch nicht arbeiten kann, zeigt die materialistische These auf der Ebene des Individuums, dass das theoretische Recht, frei zu denken und die eigenen Gedanken frei zu äußern, realiter nur für diejenigen gilt, die auch die Möglichkeit zu einer solch höheren Tätigkeit haben. Zwar lässt sich nicht Wenigen durchaus absprechen, auch die Fähigkeit dazu zu haben, doch fest steht, dass diese Möglichkeit der Masse der halbleeren Bäuche verwehrt bleibt.

 

Nach dieser grobgeschnitzten These kommen normalerweise die Anwürfe gegen den platten und scheußlichen Materialismus, der, weil er nur das Wirtschaftliche und das Essen im Kopf habe, nichts von der hohen Sphäre geistigen Lebens wisse, ebenso wenig wie von der Befriedigung, die es bedeute, wenn der Mensch seinen Verstand gebrauche, sich der bürgerlichen Freiheiten erfreue und sein Bürgerrecht wahrnehme, zur Wahlurne zu schreiten.

 

Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch einmal – denn hier werden beileibe keine Neuigkeiten ausgebreitet, sondern nur unsere altbekannten Theorien anhand neuer Tatsachen verifiziert – die wirkliche Bedeutung der marxistischen Auffassung des ökonomischen Determinismus richtigstellen. Eine verbreitete Entstellung, die schwieriger zu heilen ist als die Krätze, betrachtet das Problem in jener kleinkarierten Manier, wonach jedes Individuum dazu neige, in Politik, Philosophie und Religion jene Ansichten zu vertreten, die direkt seiner ökonomischen Stellung entsprächen und sich zwangsläufig aus seinen Interessen und Bedürfnissen ergeben würden. Demnach ist der Großgrundbesitzer ein frommer Mann, ein Reaktionär und politisch rechtsstehend; der bürgerliche Geschäftsmann konservativ in Wirtschaftssachen, aber nicht selten – zumindest bis gestern – politisch und philosophisch linksliberal; der Mittelstandsbürger mehr oder minder demokratisch; der Arbeiter schließlich materialistisch, sozialistisch und revolutionär.

 

Ein solcher Marxismus – als kleine Gebrauchsanweisung für demokratische Kleinbürger – ist sehr praktisch, um die baldige Übernahme der repräsentativen und exekutiven Organe, und dann auch des Reichtums und des Kapitals, durch die ökonomisch unterdrückten Arbeiter zu verheißen, da diese ja die große Mehrheit des Volkes ausmachen. Und natürlich soll sich ein solches Jahrmarktskarussell umso schneller drehen können, je mehr das Pendel der Meinungen, Glaubensbekenntnisse und politischen Gruppierungen nach links ausschlage, wofür es wiederum ein Patentrezept gebe, nämlich Blockbildung und Vermischung mit dem ganzen Sumpf der Mittelschichten, die, wie es heißt, immer fortschrittlicher würden, bis sie sich schließlich gegen die Politik und die Privilegien der oberen Klassen auflehnten.

 

Der Marxismus hat mit dieser traurigen Karikatur aber auch rein gar nichts zu tun. Wenn er vom ideologischen, politischen und religiösen Überbau spricht, der aus der materiellen Basis und den Produktionsverhältnissen erwächst, legt er ein Gesetz und eine Arbeitsmethode auf allgemein-gesellschaftlichem Maßstab fest. Um die Bedeutung der Ideologien zu klären, die bei einem unter einer bestimmten Ordnung und in einer bestimmten Zeit lebenden Volk vorherrschen, müssen wir vom Stand der Produktivkräfte, von der Verteilung der Güter und Produkte, von den Klassenverhältnissen zwischen privilegierten Gruppen und der Gesamtheit der Produzenten ausgehen.

 

Um es kurz und in einfachen Worten auszudrücken: Das Gesetz des ökonomischen Determinismus besagt, dass in jeder Epoche diejenigen Gedanken herrschen und diejenige politische, philosophische und religiöse Anschauung am meisten Einfluss ausübt, die den Interessen der herrschenden Minderheit entspricht.[6] So haben die Priester und Gelehrten der alten orientalischen Völker den Despotismus und das Menschenopfer apologisiert, die der heidnischen Völker die Wohltat und Gerechtigkeit der Sklaverei bewiesen, die der Christen das Eigentum und die Monarchie gerühmt, und die des demokratischen und aufgeklärten Zeitalters die wirtschaftlichen und juristischen, dem Kapitalismus entsprechenden Verhältnisse gepriesen.

 

Jedes Mal, wenn eine Gesellschafts- und Produktionsform in die Krise gerät, wenn sich im Bereich der Technik und Produktion Kräfte zusammenballen, die diese Form zu sprengen drohen, brechen die Klassenzusammenstöße schärfer aus und spiegeln sich auch in der Entstehung neuer, oppositioneller und revolutionärer Lehren wider, die von den herrschenden Institutionen verurteilt und bekämpft werden. Kennzeichnend für die Krise ist der immer kleinere Personenkreis, der vom bestehenden Regime profitiert. Deshalb aber setzt sich die revolutionäre Theorie noch lange nicht in der gesamten Masse durch, sondern nur in einer Minderheit, einer Avantgarde, zu der sogar Individuen der herrschenden Klasse überlaufen. Aufgrund der historischen Trägheitskraft und der ungeheuren Mittel zur Meinungsmacherei, über die jede herrschende Klasse verfügt, nehmen die Massen erst im Laufe einer langen Periode, nach dem Sturz der alten Machtstrukturen, eine andere Ideologie, Philosophie und Religion an. Obschon also die herrschenden Meinungen – sowohl innerhalb der Massen, die deren Opfer, als auch innerhalb der oberen Schichten, die deren Träger sind – mit ihrem furchtbaren reaktionären Beharrungsvermögen nur immer wieder die alten und überkommenen Gebote und Verordnungen herunterbeten, muss doch Folgendes klar festgehalten werden: Eine Revolution ist erst dann wirklich reif, wenn die Produktionsordnung real und physisch so unhaltbar geworden ist, dass sie sogar den materiellen Interessen breiter Schichten der privilegierten Klasse zuwiderläuft.

 

So brach etwa das Sklavenhaltertum trotz des ideologischen und materiellen Widerstandes definitiv zusammen, als sich zeigte, dass die Ausbeutung der Sklavenarbeit nicht mehr ergiebig und für die Latifundienbesitzer nicht einträglich genug war.

 

Kurz und knapp gesagt: Die Emanzipation einer unterdrückten Klasse vollzieht sich nicht zuerst im Geist und dann im Leib, sondern sie muss den Leib vor dem Geist befreien.

 

Nun sind die Kräfte zur Täuschung und Desinformation der Meinungen im Interesse der privilegierten Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft sehr viel mächtiger als in den vorbürgerlichen Gesellschaften. Schule, Presse, öffentliche Rede, Rundfunk, Film, Einrichtungen jeder Art sind Mittel, die hundert Mal wirksamer sind als die, die den Gesellschaften vergangener Jahrhunderte zur Verfügung standen. Im Kapitalverhältnis sind Gedanken Waren und werden entsprechend erzeugt; Anlagen und Geldmittel werden bereitgestellt, um sie in Serie zu fertigen. So wie es in Deutschland und Italien ein Propagandaministerium bzw. ein Ministerium für Volksbildung gab, so richtete Großbritannien gleich zu Kriegsbeginn das Informationsministerium ein, um das ganze Nachrichtenwesen zu monopolisieren und in bestimmte Bahnen zu lenken. Bereits nach dem I. Weltkrieg gab es ein weltweites Monopol der englischen Nachrichtenagenturen, heute liegt dieses Monopol natürlich auf der anderen Seite des Ozeans. Solange der Kriegsverlauf zugunsten der Deutschen verlief, erreichte die englische Tagesproduktion an Desinformationen und Lügen einen Umfang, der die faschistischen Organisationen geradezu vor Neid erblassen ließ. Bloß ein Beispiel: Zur Zeit der militärisch gesehen erstaunlichen Operationen zur Eroberung Norwegens innerhalb von 48 Stunden ließ der englische Rundfunk in allen Einzelheiten eine verheerende Niederlage der deutschen Flotte im Skagerrak verlauten!

 

Dieser gesellschaftliche Faktor der zentral gesteuerten Manipulierung des Denkens darf mitnichten unterbewertet werden; das fängt bei den Falschmeldungen an und setzt sich fort bis zur schon vorab fix und fertig fabrizierten Meinung bzw. Kritik (im heutigen Nachrichtenwesen liegen die Fassungen eines Ereignisses schon ausgearbeitet vor, noch bevor es sich abgespielt hat, und wenn es auch scheint, dass einer der Informationsträger recht gehabt hat, handelt es sich gleichwohl um eine Lüge; es ist mithin das Ereignis, das die Interessen dieses oder jenes Staates, dieser oder jener Partei zu bedienen hat). Dieser Faktor reiht sich also in die Gesamtheit der latenten Gewalt ein, d.h. in die unzählige Reihe jener Gewaltakte, die nicht den Charakter eines mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzten Diktats tragen, dennoch Ergebnis und Entfaltung wirklicher Kräfte sind, aufgrund derer eine reale Situation völlig verzerrt und verdreht wird.

 

Obwohl der moderne, bürgerlich-demokratische Gesellschaftstypus mit der Entfesselung „kinetischer“ Polizei- und Kriegsgewalt nicht spaßt und auch unter diesem Gesichtspunkt die ominösen alten Herrschaftsformen weit in den Schatten stellt, steigert er auch die Anwendung virtueller Gewalt auf ein derart gewaltiges Ausmaß (vergleichbar nur mit dem Massenausstoß in der Produktion und der Konzentration des Reichtums), dass Teile der Masse, mögen die Meinungen und Glaubensbekenntnisse dem Anschein nach noch so frei gewählt sein, als Agenten gegen ihre eigenen objektiven Interessen auftreten und theoretische Rechtfertigungen für gesellschaftliche Verhältnisse und Handlungen übernehmen, die sie in Wirklichkeit ins Elend stürzen, wenn nicht gar vernichten.

 

Die Umwälzung der vorbürgerlichen zu den heutigen Gesellschaftsformen hat also den Repressions- und Zwangsfaktor sowohl quantitativ wie auch qualitativ verstärkt, nicht etwa abgemildert; und wenn Marxisten aus schon genannten Gründen dafür eintraten, diese historische Umwälzung radikal und vollständig durchzuführen, ist dies mitnichten ein Widerspruch oder eine Relativierung dieser grundlegenden Bewertung.

 

Nur wenn wir diese Kriterien anlegen, lässt sich die heute aktuell gewordene Frage einer Neugestaltung und -organisierung der bürgerlichen Verwaltungs- und Regierungsformen, die das Auftreten totalitärer und faschistischer Regimes begleiten, beurteilen und dechiffrieren.

 

Eine solche „Erneuerung“ besteht nicht in einer Ablösung der herrschenden Klasse, und noch weniger beinhaltet sie einen revolutionären Bruch in der Produktionsweise. Umso mehr müssen bei der kritischen Untersuchung die banalen Irrtümer vermieden werden, die den bekannten und hier widerlegten Abweichungen vom Marxismus entsprechend dazu verleiten können, der demokratisch-parlamentarischen Phase bzw. ihren Spielarten eine geringere Intensität und Dichte der Klassengewalt zuzuschreiben. Doch selbst, wenn dies stimmen würde – es würde nicht ausreichen, um die demokratische Phase zu befürworten und zu verteidigen. Wofür es dialektische Gründe gibt, die wir bei der Beurteilung früherer Wenden erläuterten. Und die Untersuchung dieses Punktes wird auch zeigen können, dass man aufpassen muss, damit nicht allein die entfesselte Gewalt ins Visier genommen wird, sondern vielmehr auch das ganze Ausmaß der latenten Gewalt, die das Leben und die Dynamik der Gesellschaft durchdringt; denn nur dann lässt sich vermeiden, der heuchlerischen Methode und stickigen Atmosphäre der liberalen Demokratie in die Falle zu gehen – und sei es auch durch die Hintertür oder indem man sie relativiert.

III. Die bürgerliche Herrschaft

7.

In dieser Arbeit untersuchen wir die Tragweite der Gewaltanwendung in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Dabei unterscheiden wir zwischen offener Gewalt bis hin zum Blutbad und den Zwangsmechanismen, die infolge von Strafandrohungen bzw. eben durch die Bereitschaft des Opfers, den ihm vorgeschriebenen Regeln zu folgen, durchgesetzt werden, ohne bei den betroffenen Personen oder Gruppen physischen Widerstand hervorzurufen.

 

Im ersten Teil stellten wir die beiden Formen vor, in denen die Energie in Natur und Gesellschaft in Erscheinung tritt: die aktuelle, kinetische oder Bewegungsenergie, die mit dem Zusammenstoß und Gewaltausbruch unterschiedlichster Träger freigesetzt wird; und die latente, potenzielle oder Lageenergie, die, auch wenn sie sich nicht in Gewaltausbrüchen äußert, eine enorm wichtige Funktion im Zusammenspiel von Ereignissen und Verhältnissen innehat.

 

Wir stellten diese Formen sowohl auf physikalischem als auch auf biologischem und dann sozialem Gebiet einander gegenüber und illustrierten sie mit kurzen Schlaglichtern auf den Verlauf der historischen Epochen. Zur heutigen, bürgerlich-kapitalistischen Periode kommend zeigten wir dann im zweiten Teil, dass Macht und Gewalt in den ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen zwischen den einzelnen Individuen und vor allem zwischen den Klassen nicht nur eine riesige und entscheidende Rolle spielen, sondern auch – wenn man denn von einer messbaren Größe sprechen kann – viel häufiger und breiter eingesetzt werden, als dies in den vorhergehenden Epochen und in den vorkapitalistischen Gesellschaftsformen der Fall war.

 

In einer breiter angelegten Untersuchung wäre es möglich, ein sozio-ökonomisches Maß anzugeben, wenn man die Wertsumme der ausgepressten Arbeitskraft der produzierenden und arbeitenden Klassen zugunsten der privilegierten Klassen in Zahlen ausdrücken würde. In der modernen Gesellschaft nimmt der Anteil der Individuen und Gruppen, die in einem geschlossenen Wirtschaftskreislauf leben und ohne Beziehungen zur Außenwelt Selbstversorger sind, ständig ab. Dafür steigt die Zahl der Menschen steil an, die auf fremde Rechnung schuften und deren Anstrengung nur zu einem Teil entlohnt wird. Die Schere zeigt sich auch zwischen dem Lebensstandard der großen Masse der Werktätigen und dem Lebensstandard der besitzenden Klassen. Was zählt, ist in der Tat nicht die Existenz eines oder mehrerer, in Luxus schwelgender großer Herrscher, sondern die Masse an Reichtum, die eine gesellschaftliche Minderheit zu allen möglichen verschwenderischen Zwecken verwenden kann, während die Mehrheit kaum mehr als das Allernotwendigste zum Leben hat.

 

Da sich unser Thema mehr mit der politischen als der ökonomischen Seite der Frage befasst, müssen wir in Bezug auf das kapitalistische Privilegien- und Herrschaftssystem nach dem Verhältnis zwischen dem Gebrauch roher Gewalt und dem Einsatz latenter Gewalt fragen, das bewirkt, dass sich die Unterdrückten den bestehenden Sitten, Normen und Gesetzen beugen, ohne sie zu brechen oder dagegen aufzubegehren.

 

Dieses Verhältnis sieht immer wieder anders aus, je nachdem, in welchen Ländern der Kapitalismus wann Einzug gehalten hat und in welcher Phase er sich befindet. Es gibt Beispiele für neutrale und fast idyllische Zonen, wo die Staatsmacht in höchsten Tönen gerühmt und von den Staatsbürgern nicht in Frage gestellt wird, der Polizeiapparat verhältnismäßig klein ist und selbst die sozialen Interessenkonflikte zwischen Arbeitern und Arbeitgebern mit friedlichen Mitteln beigelegt werden. Solche schweizerischen Zustände werden allerdings zu immer kleineren Oasen, denen ein nur kurzes Leben beschieden ist.

 

In seiner Kindheitsphase konnte das Kapital seine Stellungen nicht ohne offene und blutige Kämpfe erobern, denn die von den Staatsapparaten der alten Regimes angelegten Fesseln waren nur mit roher Gewalt zu sprengen. Seine Ausbreitung in den außereuropäischen Kontinenten verlief mit den kolonialen Feldzügen und Eroberungs- und Raubkriegen nicht minder blutig, da sich seine gesellschaftliche Organisationsform ohne die Massaker an den indigenen Völkern nicht hätte durchsetzen können. Manchmal wurden gar ganze Völker ausgerottet, was in den vorbürgerlichen Zivilisationen niemals vorgekommen war.

 

Im Allgemeinen folgte dieser gewaltsamen Entstehungs- und Durchsetzungsphase des Kapitalismus eine Zwischenperiode, die zwar beständig von sozialen Zusammenstößen, vom repressiven und brutalen Vorgehen gegen die Klassenbewegungen und von Kriegen zwischen Staaten unterbrochen wurde, aber nicht die ganze bewohnte Welt in den Mahlstrom riss. Diese Entwicklungsphase taugte deshalb bestens für die liberale und demokratische Apologie der bürgerlichen Regimes, worin ein Weltbild gemalt wurde, in dem sich – abgesehen von Ausnahmen und pathologischen Fällen – die Beziehungen zwischen den Einzelnen und den Gruppen mit einem Höchstmaß an Ordnung, Frieden, spontanem Konsens und gutem Einvernehmen gestalten ließen.

 

Dazu eine kurze Nebenbemerkung. Spricht man von den „Ausnahmen“ der kolonialen und nationalen Kriege, der Revolten, der Erhebungen, der Repressionen, die auch in den ruhigsten und reibungslosesten Phasen der bürgerlichen Geschichte das Terrain offen entfesselter Gewalt sind, muss man auch den technischen Aspekt einbeziehen, der tatsächlich die Bezeichnung progressiv verdient: Blutvergießen und Opferzahl nehmen im Vergleich zu den Krisen der Vergangenheit tendenziell zu. In der Tat läuft der Progress bei den Produktionsmitteln mit der Potenzierung immer grausamerer Angriffs- und Zerstörungswaffen parallel. Die Lücken, die die Prätorianer mit ihren Schwertern unter die Meuterer gegen Cäsar zu reißen vermochten, waren harmlos im Vergleich zu dem, was das Maschinengewehr gegen die Rebellen des modernen Zeitalters anzurichten vermag.

 

Wichtig ist, deutlich zu machen, dass die Klassengewalt auch in langen Phasen unblutiger kapitalistischer Herrschaft mitnichten verschwindet und ihre potenzielle Wirkung gegen mögliche jähe Ausbrüche Einzelner, organisierter Gruppen oder Parteien der bestimmende Faktor für die Sicherung der Privilegien und Institutionen der herrschenden Klasse ist. Wie bereits erwähnt, gehört nicht nur der Staatsapparat mit den Polizei- und Streitkräften (auch wenn diese nur Gewehr bei Fuß stehen) zur manifesten Klassengewalt, sondern ebenso die ganze Maschinerie der ideologischen Mobilisierung, die die bürgerliche Ausbeutung legitimieren soll: Schule, Presse, Kirche und all die anderen Mittel der Meinungsmache. Diese Epoche scheinbarer Ruhe wird nur zuweilen durch harmlose Demonstrationen der Arbeiterorganisationen gestört, und der brave Bürger kann sich nach dem 1.-Mai-Umzug als Dichter betätigen: „Dank Gott und Polizei, ging auch dies an uns vorbei“. Sobald aber in den sozialen Unruhen das Murren drohender zu vernehmen ist, führt der bürgerliche Staat seine Macht durch Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Ordnung vor. Ein Fachausdruck der Polizei drückt die latente Gewaltanwendung sehr plastisch aus: Polizei und Armee stehen in „Bereitschaft“. Es finden also noch keine Straßenschlachten statt, aber wenn die bürgerliche Ordnung und das Eigentumsrecht bedroht würden, kämen die bewaffneten Bereitschaftskräfte aus ihren Kasernen, um das Feuer zu eröffnen.

 

Die revolutionäre Kritik, die sich nicht durch den Schein von Zivilisation und ungetrübtem Gleichgewicht der bürgerlichen Ordnung blenden lässt, hat seinerzeit festgestellt, dass auch in den demokratischsten aller Republiken „die moderne Staatsgewalt nur ein Ausschuss ist, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“ [MEW 4, S. 464]. Womit auch entschieden mit den hirnigen Vorstellungen aufgeräumt wurde, wonach seit der Zertrümmerung des alten feudalen, klerikalen und autokratischen Staates dank der parlamentarischen Demokratie eine Staatsform entstanden sei, in der alle Gesellschaftsmitglieder, welches ihre ökonomische Stellung auch immer sei, vor Unheil bewahrt würden und mit gleichen Rechten vertreten wären. Der politische Staat, auch und vor allem der demokratisch-parlamentarische Staat, ist ein Unterdrückungswerkzeug. Er lässt sich recht treffend mit einem Speicher der Herrschaftsenergie der ökonomisch privilegierten Klasse vergleichen, der in Zeiten, in denen die soziale Revolte nicht zu explodieren droht, im potenziellen Zustand verharrt, der aber, sobald es im gesellschaftlichen Untergrund zu brodeln beginnt, vor allem in Form von Polizeirepression und blutiger Gewalt geöffnet wird.

 

Das ist der Sinn der klassischen Untersuchungen von Marx und Engels über das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staat bzw. Gesellschaftsklassen und Staat. Alle Versuche, diese kardinalen Punkte der proletarischen Klassenlehre aus den Angeln zu heben, scheiterten an der Wiederherstellung der revolutionären Positionen durch Lenin, Trotzki und die Kommunistische Internationale unmittelbar nach dem I. Weltkrieg.

 

So wie es in der Naturwissenschaften keinen Sinn macht, ein bestimmtes Energiepotential festzustellen, wenn man nicht zugleich ihre kinetische Freisetzung für bestimmte Situationen voraussagen kann, so hätte auch die marxistische Definition über das Wesen des bürgerlichen Staates keinen Sinn, wenn man nicht sicher wüsste, dass das Kapital in einer zugespitzten Situation alle verfügbaren Kräfte und Mittel gegen das Hervorbrechen der proletarischen Revolution einsetzt.

 

Zum anderen ist die Konzentration und Potenzierung der im Staatsapparat vorhandenen Energien nur die politische Entsprechung der marxistischen These über die wachsende Verelendung einerseits, die Akkumulation und Konzentration des Kapitals andererseits. Und in der Tat: Als die trügerisch friedvolle Phase des kapitalistischen Zeitalters mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 zum Abschluss kam, ging die Entwicklung in Richtung des wirtschaftlichen Monopolismus, und der Staat griff aktiv in das Wirtschaftsleben und die sozialen Kämpfe ein. Gerade die klassische Untersuchung Lenins[7] machte deutlich, dass der politische Staat der Bourgeoisie immer entschiedener die Form einer straffen Herrschafts- und Repressionsgewalt annimmt. Wir haben bereits in anderen Veröffentlichungen dieser Zeitschrift festgehalten, dass die dritte und modernste Phase des Kapitalismus in der Ökonomie als monopolistisch und planwirtschaftlich-dirigistisch und in der Politik als totalitär und faschistisch zu definieren ist.

 

Als die ersten faschistischen Regimes auftraten, fasste eine kurzsichtige und flache Interpretation dies so auf, als würden die sogenannten parlamentarischen und verfassungsmäßigen Garantien beschnitten oder abgeschafft. In Wirklichkeit handelte es sich, zunächst nur in bestimmten Ländern, ganz einfach um den Übergang der politischen Herrschaftsenergie vom latenten zum kinetischen Zustand.

 

Klar zu sehen war für jeden Anhänger der marxistischen Perspektive (von denjenigen, die die Theorie ihrer revolutionären Kraft berauben wollten, als „Zusammenbruchstheorie“ bezeichnet), dass die wachsende Zuspitzung des Klassenantagonismus den Gegensatz der ökonomischen Interessen auf die Ebene des revolutionären Angriffs der Arbeiterorganisationen auf die kapitalistische Zitadelle verlagern würde, und der Staat dann auch seine Kanonen abdecken und bis zum Äußersten kämpfen würde, um seine Macht zu sichern.

 

In bestimmten Ländern und in bestimmten Situationen, wie z.B. 1922 in Italien und 1933 in Deutschland, wurden die sozialen Spannungen, das instabile Wirtschaftsgefüge und, infolge des Ausgangs des I. Weltkrieges, die Staatskrisen so akut, dass die herrschende Klasse den unvermeidlichen Augenblick kommen sah, wo die demokratische Lügenpropaganda abgewirtschaftet haben würde und damit gerechnet werden musste, dass die Krise durch den gewaltsamen Zusammenstoß der antagonistischen Klassen gelöst würde.

 

Was sich dann ereignete, wurde treffend als Offensive des Kapitals bezeichnet. Die Bourgeoisie, deren ökonomischer Ausbeutungsmechanismus zu voller Reife entwickelt war und die bis anhin im Schutz eines trügerischen Gerechtigkeits- und Versöhnlichkeitsgehabes ihrer parlamentarischen Institutionen geschlummert zu haben schien – und gleichzeitig historisch eine beachtliche strategische Reife aufwies –, zögerte nicht länger und schritt zur Tat, wohlbedenkend, dass es günstiger für sie wäre, aus ihren Bastionen vorzurücken und einen Angriff zur Zerstörung der damaligen Arbeiterstellungen und -organisationen zu starten als ihre eigene Festung, den Staat, gegen den Angriff der Revolution (die nach Marx und Lenin den Staat nicht erobern, sondern mit äußerster Konsequenz in Stücke schlagen wird) verteidigen zu müssen.

 

Es war also nur die Vorwegnahme einer Situation, die in der revolutionären Perspektive klar vorhergesehen wurde, insofern die marxistischen Kommunisten nie davon ausgegangen waren, ihr Programm ohne den entscheidenden Zusammenstoß zwischen den antagonistischen Klassenkräften verwirklichen zu können, und insofern alle Untersuchungen über den jüngsten Verlauf des Kapitalismus und des Aufblähens seiner monströsen Staatsinstitutionen zu einer gigantischen Maschinerie klar erkennen ließen, dass diese Entwicklung unabwendbar war.

 

Der große Fehler in der strategischen und taktischen Einschätzung, der den Sieg der Konterrevolution begünstigte, bestand darin, diesen Riesenschritt des Kapitalismus vom Terrain der demokratischen Heuchelei auf das des offenen Kräftemessens zu beklagen, die Richtung umkehren zu wollen, und auf die neue Situation nicht mit der Forderung nach Zerschlagung der kapitalistischen Macht zu reagieren, sondern mit dem so dummen wie feigen Ansinnen, diese Macht möge sich besinnen und solle doch die Güte haben (was es den feigherzigen, komödiantischen politischen Führern auch leichter machen würde), ihre blankgezogenen Waffen wieder einzustecken und zu ihrer hohlen und überholten Position der Mobilisierung ohne Krieg, zu den gefälligen Seiten der vorhergehenden Periode zurückkehren.

 

Der Irrtum bestand darin, sich darüber zu wundern und darüber zu jammern, bzw. es zu bedauern, dass die Bourgeoisie ihre totalitäre Diktatur ohne Maskerade verwirklichte, wo wir doch nur zu gut wussten, dass diese Diktatur schon immer da war, dass der Staatsapparat immer – ob latent oder offen – die spezifische Funktion hatte, Macht und Privilegien der bürgerlichen Minderheit zu sichern, zu bewahren und mit Zähnen und Klauen gegen die Revolution zu verteidigen. Der Irrtum bestand darin, das bürgerlich-demokratische Milieu dem faschistischen Milieu vorzuziehen – wodurch sich die Kampflinie von der Forderung der proletarischen Machteroberung zu der einer illusorischen Wiederherstellung demokratischer Regierungsformen verschob.

 

Der verhängnisvolle Irrtum bestand darin, nicht zu begreifen, dass der proletarische Vormarsch am so viele Jahrzehnte erwarteten Vorabend der Revolution auf jeden Fall einen polizeilich und militärisch abwehrbereiten Staat vor sich haben würde, und dass eine derartige Situation als Schritt nach vorn zu bewerten war statt als Rückschritt im Vergleich zu den Jahren scheinbaren sozialen Friedens und geringer Kampflust des Proletariats. Der Schaden, der den revolutionären Kräften und der Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft beigebracht wurde, war nicht dadurch bedingt, dass die faschistisch organisierte Bourgeoisie bei der Verteidigung ihrer Privilegien mächtiger und schlagkräftiger dastand als die noch demokratisch organisierte Bourgeoisie. Macht und Klassenenergie sind in beiden Fällen gleich: In der demokratischen Phase handelt es sich eben um potenzielle Energie – die Kanonenrohre sind noch abgedeckt. In der faschistischen Phase tritt die Energie im kinetischen Zustand in Erscheinung, die Hülle wird entfernt, der Schuss abgefeuert. Die Verräter des Proletariats richteten an das Ausbeuter- und Unterdrückerkapital die defätistische und idiotische Forderung, die trügerische Hülle wieder über das Rohr zu streifen. Dadurch wird aber die Wirkungskraft von Unterdrückung und Ausbeutung nicht gemindert, sondern durch das wieder aufgefrischte Hilfsmittel des legalitären Betrugs nur noch vergrößert.

 

Da es nur albern wäre, den eigenen Feind darum zu bitten, die Waffen niederzulegen, muss man mit Freude die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass er in einer für ihn kritischen Lage seine Waffen aufdeckt, denn so wird es weniger schwer sein, sich ihnen zu stellen und sie zu zerbrechen.

 

Im Lebenszyklus der Bourgeoisie ist die offene Diktatur des Kapitals folglich eine ebenso unvermeidliche wie vorausgesehene Phase – ohne sie aufgeboten zu haben, wird das Kapital nicht sterben. Ein Kampf, der diesen offenen Ausbruch antagonistischer Klassenenergien verhindern will, und eine hohle Propaganda und Phrasendrescherei, die sich von einem dummen prinzipiellen Horror vor der Diktatur leiten lässt, bedeuten, ausschließlich zu Gunsten des Überlebens des kapitalistischen Regimes, zu Gunsten einer Fortdauer der Knechtung und Unterdrückung der Arbeiterklasse zu arbeiten.

8.

Eine weitere, wohlbegründete Schlussfolgerung – die dazu taugt, alle Gänse der bürgerlichen Linken aufgeregt schnattern zu lassen – ist, dass beim Vergleich zwischen den beiden kapitalistischen Phasen von Demokratie und Totalitarismus die Summe der Klassenunterdrückung in der ersten höher ist, wobei unbestritten bleibt, dass die herrschende Klasse immer die Form wählt, die ihre Macht am besten zu sichern imstande ist. Der Faschismus setzt zweifellos mehr öffentliche Gewalt und auch blutige Repression ein, und diese Seite der Anwendung kinetischer Energie betrifft natürlich auch die wenigen echten Führer und revolutionären Kader der Arbeiterbewegung. Vor allem aber beunruhigt sie ernsthaft eine Schicht von halbbürgerlichen Berufspolitikern, die sich als progressiv und arbeiterfreundlich aufspielen, doch tatsächlich nichts anderes als die für die parlamentarische Komödie ausgebildete Miliz der Unternehmer sind; und diejenigen, die es nicht schaffen, rechtzeitig Stil und Livree zu wechseln, kriegen einen Fußtritt, weshalb aus ihrer Ecke dann das größte Geschrei kommt.

 

Was die Masse der Arbeiterklasse betrifft, so wird sie in faschistischen Regimes auch weiterhin wie eh und je ökonomisch ausgepresst; und auch die Vorhut – sobald sie sich inmitten der Klasse zum Angriff gegen die bestehende Ordnung formiert und den richtigen anti-legalen Aktionsweg einschlägt – wird weiterhin wie eh und je unter den bürgerlich-demokratischen Regierungen verfolgt, wofür es zig Beispiele gibt, etwa das republikanische Frankreich 1848 und 1871, oder das sozialdemokratische Deutschland 1919, usw.

 

Doch führt die neue, planwirtschaftlich-dirigistische Methode kapitalistischer Wirtschaftsführung, die – im Vergleich zum klassischen uneingeschränkten Freihandel – eine Form von Selbstbeschränkung des Kapitalismus beinhaltet, zu einer Nivellierung in der Auspressung des Mehrwerts um einen durchschnittlichen Wert. Die von den Rechtssozialisten jahrzehntelang geforderten reformistischen Linderungsmaßnahmen werden nun eingesetzt, wodurch die schlimmsten und extremsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung abgemildert werden, gleichzeitig wird die Sozialfürsorge ausgebaut. Das alles soll den Zusammenstoß zwischen den Klassen hinausschieben und die Gegensätze in der kapitalistischen Produktion abflachen, was aber nicht erreicht werden kann, wenn es nicht einigermaßen gelingt, gegen die revolutionäre Vorhut mit nackter Gewalt vorzugehen und gleichzeitig die dringendsten Bedürfnisse der Massen zu befriedigen. Diese beiden Aspekte des historischen Dramas, das wir erleben, bedingen sich wechselseitig; zu Recht sagte der alte Churchill zu den Labouristen: Ohne einen Polizeistaat werdet ihr keine Staatswirtschaft errichten können. Mehr Interventionen, mehr Regeln, mehr Kontrolle, mehr Polizeischergen. Faschismus heißt, soziale Reformen durch offene staatliche Repression zu vervollständigen. Nicht alle faschistischen Regimes waren diesem Anspruch gewachsen, doch der deutsche Nationalsozialismus etwa, der bei der Ausschaltung seiner Gegner bis zum Äußersten ging, realisierte einen durchschnittlich sehr hohen Lebensstandard und schuf einen vom technischen Standpunkt her ausgezeichneten Verwaltungsapparat; und als aufgrund des Krieges Einschränkungen angeordnet wurden, wurden auch die besitzenden Klassen in einem nicht erwarteten Ausmaß belastet.

 

Wenn also die bürgerliche Klassenunterdrückung in der totalitären Phase den Anteil des kinetischen Gewalteinsatzes gegenüber dem potenziellen vergrößert, so heißt das nicht, dass der Druck auf das Proletariat insgesamt zunimmt – er vermindert sich sogar. Die entscheidende Krise des Klassenkampfes wird eben deswegen historisch aufgeschoben.

 

Die Klassenkollaboration ist der Tod der revolutionären Kräfte. Demokratie ist Klassenkollaboration mit viel Geschwätz, Faschismus ist nackte Klassenkollaboration. Wir stecken mitten drin in dieser historischen Phase. Die Wiederaufnahme des Kampfes wird aus einer weiteren, sich dialektisch daraus entwickelnden Phase hervorgehen; vorläufig soll nur festgehalten werden, dass dies nicht die Folge einer Formierung der Arbeiterklasse für die Rückkehr des Liberalismus sein kann, von dem sie nichts zu erwarten hat, nicht einmal relativ.

9.

Diese Arbeit bezieht sich vor allem auf den Einsatz von Gewalt und Diktatur auf Seiten der herrschenden Klassen; nicht ausführlich behandelt wurde die Anwendung dieser Energien auf Seiten des Proletariats im Kampf um die Machteroberung und während der Machtausübung, ein wichtiger, der weiteren Arbeit vorbehaltener Punkt. Aber bleiben wir noch bei den Formen der bürgerlichen Diktatur, um Folgendes zu präzisieren: Wenn wir von faschistischer, totalitärer und diktatorischer Herrschaft des Kapitalismus sprechen, beziehen wir uns stets auf kollektive Aktionen und Strukturen. Keine besondere historische Bedeutung messen wir den Diktatoren bei, die von ihren Anbetern wie ihren Gegnern (mit dem gleichen Ergebnis) in Szene gesetzt werden, um ihnen öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

Im Zuge des II. Weltkrieges waren dann zwei der „großen Männer“ nicht mehr auf dem Schauplatz präsent: Roosevelt und Churchill. Am wesentlichen Ablauf der Ereignisse hat das nichts geändert. Reden wir nicht vom Beispiel Italiens, wo Faschismus und Antifaschismus viel Lächerliches boten (bei jeder Innovation sieht der Prototyp immer etwas lächerlich aus, wie die ersten, nun im Museum zu bestaunenden Automobile im Vergleich zu modernen Serienfahrzeugen); als Person war Hitler im gewaltigen nazistischen Machtapparat ein überflüssiger Faktor; zu gegebener Zeit wird das sowjetische Regime bestens ohne Stalin auskommen; die andere beachtliche Zusammenballung von Energie, der Machtapparat Japans, beruhte auf Kasten und Klassen ohne „Führerpersönlichkeit“, ohne „Führer".

 

Der alles mit sich reißenden Flut von Lügen, die heute die öffentliche Meinung überschwemmt, kann man nur entkommen, wenn man den Fetisch des Individuums erbarmungslos bekämpft – d.h. nicht nur jenen, schon längst als kleines Licht angesehenen Protagonisten, den man den Mann auf der Straße, den kleinen Mann oder Irgendjemanden nennt, sondern auch den Fetisch des brillanten, im Scheinwerferlicht stehenden, in lichte Höhen gehobenen Individuums, des Führers, des Großen.

 

Und dass wir in einer Zeit der Regierung durch das Volk leben, glauben nicht einmal mehr die Dümmsten.

 

Doch sind wir auch nicht in der Hand von ein paar großen Männern: Wir sind in der Gewalt weniger großer Klassenungeheuer, den größten Staaten der Welt, Unterdrückungsmaschinen, deren Übermacht schwer auf allen und allem lastet. Deren keineswegs im Geheimen vorangetriebene Akkumulation potenzieller Energie kündigt schon die Entfaltung gewaltiger kinetischer Zerstörungskräfte an, die, sobald die Wahrung der bestehenden Ordnung es erfordert, von jedwedem Regime, gleich welcher Farbe, eingesetzt werden, und zwar ohne jedes Zögern und ohne jede bürgerlich-moralische oder gesetzliche Skrupel gegenüber jenen ideellen Grundsätzen, von denen die schäbige, scheinheilige und käufliche Propagandamaschine von morgens bis abends schwatzt.

IV. Proletarischer Klassenkampf und Gewalt

10.

Die drei ersten Teile dieser Schrift befassten sich kurz mit der geschichtlichen Entwicklung der Klassenkämpfe bis zum Auftreten der bürgerlichen Gesellschaft; wir bezogen uns hierbei auf die marxistische Auffassung zu dieser Frage, die schon seit langem ausgearbeitet vorliegt, jedoch ständig Gegenstand von Abweichungen und Verwirrungen ist.

 

Zwecks einer klaren Darstellung unterschieden wir grundlegend zwischen der Energie im potenziellen bzw. virtuellen Zustand, die noch zurückgehalten wird, und der Energie im aktuellen bzw. kinetischen Zustand, die in Bewegung ist und die verschiedensten Erscheinungsformen erzeugt. Wir haben kurz die Bedeutung dieser Unterscheidung in der Physik angesprochen, anschließend haben wir sie in groben Zügen auf die Phänomene des organischen Lebens und der menschlichen Gesellschaft erweitert.

 

Es stellte sich dann die Frage, wann man auf Gewalt und Zwang in den gesellschaftlichen Erscheinungen schließen muss, wobei wir darauf bestanden, dass nicht nur hinsichtlich brutaler physischer Aktionen davon gesprochen werden kann, wenn also Menschen gekettet, geschlagen und getötet werden, sondern genauso, wenn das Handeln der Individuen einfach durch die Androhung von Gewalt erzwungen wird – auf einem viel breiteren Wirkungsfeld also. Dieser Zwang geht unweigerlich mit den ersten Formen gemeinschaftlicher produktiver Tätigkeit und somit der civis und polis einher, der zivilen und politischen Gesellschaft. Er ist ein unerlässliches Element im geschichtlichen Ablauf, in der Wechselfolge von Institutionen und Klassen, wobei es nicht darum geht, Zwang zu verurteilen oder zu verherrlichen, sondern ihn im Zeitablauf und in den verschiedenen Situationen erkennen und seine Rolle einschätzen zu können.

 

Im zweiten Teil haben wir die feudale und die bürgerliche, kapitalistische Gesellschaft einander gegenübergestellt und die sicherlich nicht neue These nachgewiesen, wonach der Kapitalismus, der eine grundlegende Wende in der Entwicklung der Produktionstechnik und der Volkswirtschaft bedeutete, keineswegs eine Verminderung beim Einsatz physischer Kraft, öffentlicher Gewalt und gesellschaftlicher Knechtung mit sich brachte.

 

Die kapitalistische Produktionsweise ist für Marx die mit den größten Widersprüchen behaftete Gesellschaftsformation, die die Geschichte je hervorgebracht hat. In ihrer Entstehung und Entwicklung sowie in ihrem Widerstand gegen den eigenen Untergang erzeugt sie ein bis anhin unbekanntes Höchstmaß an Ausbeutung, Verfolgung und Leiden. Qualitativ und quantitativ, potenziell und dem Umfang, der Schärfe und Breite nach, und – um es in moralisierend-literarische Ausdrücke zu übersetzen, die nicht die unsrigen sind – der Grausamkeit und Unersättlichkeit nach ist dies eine Spitzenleistung, die die Massen, Völker und Rassen in allen Ecken und Winkeln dieser Erde am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

 

Im dritten Teil gingen wir einerseits auf die liberal-demokratischen und andererseits die faschistisch-totalitären Formen der bürgerlichen Herrschaft ein, wobei die Illusion zerstört wurde, dass unter den erstgenannten Formen die Unterdrückung geringer und die Bewegungsfreiheit größer seien. Der oberflächlichen Sichtweise, die nur auf den nackten Gewalteinsatz starrt, hielten wir entgegen, wie das tatsächliche Gewaltpotential der modernen Staatsapparate zu bewerten ist, nämlich fähig und bereit zu sein, jedem revolutionären antagonistischen Angriff zu widerstehen. Es ist leicht einzusehen, wie blind und platt die Ansicht ist, die heute jubelnd kundtut, die zwei Weltkriege hätten die Kräfte der Reaktion und Tyrannei zurückgeschlagen, während das kapitalistische System seine Macht in Wirklichkeit mehr als verdoppelt hat und sich in riesigen Staatsungeheuern sowie im heute stattfindendem Aufbau des weltweiten „Leviathan“[8] zusammenballt. Der Beweis dessen wird sich zwar nicht in den Verlautbarungen des politischen Komödiantentums unserer Tage finden lassen, wo Juristen, Schreiberlinge und Redekünstler ihre früheren, und heute verurteilten Kollegen in den besiegten Achsenmächten in Sachen Infamie noch übertreffen, sondern in einer wissenschaftlichen Berechnung der Finanz-, Militär- und Polizeikräfte, in der Messung der schwindelerregenden Akkumulation und Konzentration des privaten oder öffentlichen, jedenfalls immer bürgerlichen Kapitals.

 

Im Vergleich zu 1914, 1919, 1922, 1933 und 1943 ist die kapitalistische Herrschaft des Jahres 1947 noch erdrückender (und das immer mehr) sowohl in der ökonomischen Ausbeutung als auch in der politischen Knechtung der arbeitenden Massen und all derer sowie all dessen, was sich ihr in den Weg stellt; und dies trifft, nach der totalitären Niederschlagung der Staatsapparate Deutschlands und Japans, gerade auf die großen Siegerstaaten zu. Und es trifft genauso, und nicht minder, auch auf den italienischen Staat zu: geschlagen, verlacht, abhängig, käuflich und nach allen Richtungen hin verhökert; heute dennoch mit mehr Polizei gewappnet, totalitärer als unter Giolitti[9] oder Mussolini, und möglicherweise noch totalitärer, wenn er aus De Gasperis[10] Händen in die der „linken“ Parteien käme.

 

Nach diesem kurzen Überblick wollen wir die Frage des Einsatzes physischer Kräfte und allgemeiner Gewalt im Kampf der revolutionären Klasse unseres Zeitalters, des modernen Proletariats, untersuchen.

11.

Das Vorgehen im Klassenkampf ist im Laufe etwa eines Jahrhunderts von vielen und so verschiedenen Bewegungen und Schulen verbal angenommen worden, dass die gegensätzlichsten Auslegungen in heftigen Polemiken aufeinanderstießen – Spiegelbild der Wechselfolgen und historischen Wendepunkte des Kapitalismus und der von ihm erzeugten Antagonismen.

 

Die Auseinandersetzung fand am Ende des I. Weltkrieges und mit Beginn der russischen Revolution in geradezu klassischer Weise ein Ende: Lenin, Trotzki und die Gruppen der Linken, die sich in der Kommunistischen Internationale zusammengeschlossen hatten, klärten die Fragen der Gewalt, der Machteroberung, des Staates und der Diktatur in einer Form, dass sie auf theoretischem und programmatischem Gebiet mit Recht als das letzte Wort gelten.

 

Auf der anderen Seite standen die unzähligen Verfälschungen des sozialdemokratischen Opportunismus. Wir brauchen hier nicht wiederzugeben, wie diese widerlegt wurden, es wird aber nützlich sein, an bestimmte Punkte zu erinnern, die unsere Auffassung deutlich machen werden. Denn in der Arbeiterbewegung tauchen heute viele der damals systematisch widerlegten Positionen, die für immer erledigt schienen, in fast identischer Form wieder auf.

 

Der Revisionismus behauptete das Scheitern der marxistischen Voraussage des revolutionären Zusammenstoßes zwischen dem Proletariat und den Festungen der bürgerlichen Macht. Einerseits unterstellte er – wozu Schriften, vor allem ein bekanntes Vorwort und ein bekannter Brief Engels’ verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen wurden[11] –, dass die Fortschritte in der Militärtechnik alle Erfolgsaussichten eines bewaffneten Aufstands zunichte gemacht hätten, und andererseits, dass das Fortschreiten in der Gewerkschaftsbewegung und der parlamentarischen Parteitätigkeit eine baldige Machteroberung mit gesetzlichen und friedlichen Mitteln erwarten ließe.

 

Man wollte in den Reihen der Arbeiterklasse die Überzeugung verbreiten, dass die Macht der kapitalistischen Klasse nicht mit Gewalt zerschlagen werden könne, doch könne der Sozialismus sehr wohl verwirklicht werden, nachdem die staatlichen Exekutivorgane – mittels der Mehrheit der parlamentarischen Institutionen – erobert worden seien.

 

Die linken Marxisten wurden bezichtigt, die Gewalt anzubeten, aus einem Mittel einen Zweck zu machen, sie beinahe sadistisch auch dann heraufzubeschwören, wo man sie sich „sparen“ und dasselbe Ziel auf friedlichem Weg erreichen könne.

 

Doch die historischen Ereignisse sprachen eine deutliche Sprache und entlarvten sehr bald den Inhalt dieser Polemik, der weniger in einer Mystik des gewaltlosen Widerstands als vielmehr in der Apologie der Prinzipien der bürgerlichen Ordnung bestand.

 

Nachdem die Revolution in Leningrad den Widerstand der zaristischen Ordnung wie auch der russischen Bourgeoisie mit den Waffen in der Hand überrannt hatte, wurde das Argument, man könne die Macht nicht mit Waffengewalt erobern, in die Aufforderung umgemünzt, man solle es nicht, auch wenn man es könne. Dies wurde mit der idiotischen Propagierung eines allgemeinen Humanismus und Sozialpazifismus verbrämt – wobei zwar das Mittel der Gewalt für den Sieg der proletarischen Revolution verworfen, doch die von der Bourgeoisie in ihren historischen Revolutionen ausgeübte Gewalt mitnichten verleugnet wurde, auch nicht in ihren extremsten terroristischen Formen. Nicht nur das, in allen für die sozialistische Bewegung entscheidenden Situationen behauptete die Rechte, die bei allen strittigen Beschlüssen die Vorschläge zur direkten Aktion durchkreuzte, für andere Ziele durchaus vom Mittel des Aufstands Gebrauch machen zu wollen. Im Mai 1915 zum Beispiel stellten sich die reformistischen Sozialisten in Italien gegen den Vorschlag, die Mobilmachung mit dem Generalstreik zu beantworten. Abgesehen von einer taktischen Beurteilung des Kräfteverhältnisses führten sie ideologische und politische Argumente ins Feld: Wenn Italien jedoch an deutsch-österreichischer Seite in den Krieg eintreten würde ..., ja dann würden sie das Volk zum Aufstand aufrufen.

 

Ebenso sind die Theoretisierer der „Ausnutzung“ legaler und demokratischer Wege stets bereit zu erklären, die Volksgewalt sei dann legitim und notwendig, wenn von oben versucht würde, die verfassungsmäßigen Garantien abzuschaffen. Warum dann der Fortschritt in der Militärtechnik plötzlich kein unüberwindliches Hindernis mehr sein soll; warum die herrschende Klasse im Falle einer friedlichen Eroberung der Macht nicht auf militärische Mittel zurückgreifen wird, um ihre Macht zu wahren; wie das Proletariat in allen diesen Situationen das zuvor als Klasseninstrument verworfene und verurteilte Mittel der allgemeinen Gewalt dann auf einmal doch erfolgreich einsetzen kann – auf all diese Fragen hatten die Sozialdemokraten nichts zu sagen, denn sonst wäre klar geworden, dass sie nur Handlanger der bürgerlichen Machtsicherung sind.

 

Ihre taktischen Losungen insgesamt lassen sich in der Tat nur mit einer eindeutig anti-marxistischen Apologetik der bürgerlichen Ordnung vereinbaren, einer Apologetik, die Grundlage der Politik all derjenigen Parteien ist, die aus der verstümmelten proletarischen Strategie, der des Antifaschismus, hervorgingen. Für sie haben Gewalt und Bürgerkrieg mit der bürgerlichen Revolution und der Beseitigung der feudalen und despotischen Ordnungen ein Ende gefunden. Die Eroberung der politischen Freiheiten hat laut ihnen ein Zeitalter friedlicher und zivilisierter Kämpfe eingeleitet, so dass nun alle anderen Forderungen – ökonomische und soziale Gleichheit usw. – ohne weitere gewaltsame Konflikte durchgesetzt werden könnten.

 

Von der geschichtlichen Bewegung des modernen Proletariats und vom Sozialismus bleibt bei dieser unsäglichen Fälschung nichts übrig: Nichts vom radikalsten Kampf der Geschichte, nichts von der bis auf die Grundfesten gehenden Zerstörung einer ganzen Welt mit ihrer ökonomischen Ordnung, ihrer juristischen und politischen Struktur, ihren Ideologien, in denen alle Lügen, die in der Kette sich ablösender Unterdrückungssysteme weitergegeben wurden, bestehen geblieben sind und noch immer unsere Luft verpesten.

 

Der Sozialismus wird so zu einer Sache, die den vermeintlichen juristischen und Verfassungsrechten – mit denen der Kapitalismus die Gesellschaft erleuchtet und bereichert hätte – verschwommene soziale Forderungen hinzufügt, kraft derer das kapitalistische System vervollkommnet werden soll.

 

An die Stelle der großartigen antagonistischen Perspektive von Marx – der den „unterirdisch“ wachsenden, unwiderstehlichen Druck untersuchte, der die Zwangsjacke der bürgerlichen Formen ebenso zerreißen muss wie die geologischen Beben die Erdkruste aufbrechen – treten so die demagogischen Phrasen eines Roosevelt, der die schwachbrüstige Aufzählung bürgerlicher Freiheiten mit der „Freiheit von Not und Furcht“ ergänzt, oder eines Pacelli[12], der, nachdem er das ewige Prinzip des Eigentums in der modernen kapitalistischen Form erneut gesegnet hat, den Abgrund zwischen Massenelend und gigantischer Akkumulation von Reichtum bitterlich beklagt.

 

In der Lenin‘schen Rekonstruktion des Marxismus wird der Begriff des Staates wieder richtig bestimmt: als eine Maschinerie, mit der eine Gesellschaftsklasse andere Klassen niederhält.[13] Diese Bestimmung behält ihre volle Gültigkeit, vor allem für den modernen bürgerlichen Staat der parlamentarischen Demokratie. An der marxistischen Aussage, wonach die proletarische Klassenmacht die Staatsmaschinerie nicht einfach „in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen“ kann [MEW 17, S. 336], wurde – was die Rekonstruktion krönt – kein Komma verändert: Der Staat wird nicht erobert, sondern zerbrochen, zerschlagen, zertrümmert.

 

Der proletarische Kampf ist kein Kampf innerhalb des Staates und seiner Institutionen, sondern ein Kampf, der von außen gegen diesen Staat und all seine Organe geführt wird.

 

Der proletarische Kampf hat nicht das Ziel, den Staat wie eine Festung, als Standort eines siegreichen Heeres, in Besitz zu nehmen oder zu erobern; das Ziel ist vielmehr, die staatlichen Bollwerke und Befestigungsanlagen dem Erdboden gleichzumachen.

 

Nach dieser Zerstörungsaufgabe wird jedoch ein politischer Staat bestehen müssen – und zwar in einer neuen Form –, worin sich die proletarische Klassenmacht organisieren muss, um den Einsatz der allgemeinen Gewalt so zu lenken, dass die Privilegien des Kapitals ausgemerzt und die von ihren Fesseln befreiten Produktivkräfte in neuen, kommunistischen Formen – nicht privat und nicht warenproduzierend – organisiert werden.

 

Deshalb spricht man präzise auch von Machteroberung und versteht darunter keine legale und friedliche, sondern eine gewaltsame, bewaffnete, revolutionäre Machtergreifung. Und richtig spricht man auch vom Übergang der Macht aus den Händen der Bourgeoisie in die des Proletariats, weil Macht in unserer Theorie nicht nur die auf den Alb der Vergangenheit gestützten und auf die Autorität und das Gesetz gegründeten statischen Verhältnisse meint, sondern auch die auf das Werden gerichtete, die Dämme und Hindernisse fortreißende Dynamik der physischen Gewalt. Von Eroberung des Staates oder Übergang des Staates aus den Händen einer Klasse in die einer anderen zu sprechen ist dagegen unscharf, denn Bedingung für den Sieg der zuvor unterdrückten Klasse ist, dass der Staat der zuvor herrschenden Klasse zertrümmert, verschwunden ist. Wird dieser grundlegende Punkt des Marxismus vergessen, führt dies direktemang in den schlimmsten Konservatismus. Was ebenso für die geringsten Zugeständnisse gilt, wie z.B. wenn behauptet wird, eine Machtübernahme könne im Rahmen eines parlamentarischen Wechsels (mag dieser auch von Straßenkämpfen und kriegerischen Konflikten zwischen Staaten begleitet sein) vor sich gehen. In solchen Kompromisshaltungen steckt der Glaube, der Staatsapparat sei eine für gegensätzliche soziale Inhalte offene Form; er stehe somit über den Klassen und ihren historischen Zusammenstoß, ein Glaube, der auf die Ehrfurcht vor der Legalität und die Rechtfertigung der bestehenden Ordnung hinausläuft.

 

Es handelt sich hier nicht einfach um einen theoretischen Fehler in der Einschätzung des Kräfteverhältnisses, sondern um einen wirklichen geschichtlichen Verfallsprozess, der sich vor unseren Augen abspielte und die vormals kommunistischen Parteien auf die schiefe Bahn geraten ließ. Als diese den Thesen Lenins den Rücken kehrten, landeten sie bei der Koalition mit den sozialdemokratischen Verrätern, bei der „Arbeiterregierung“, bei der demokratischen Regierung, d.h. bei der direkten Kollaboration mit der Bourgeoisie und im Dienste der Bourgeoisie.

 

Neben der glasklaren These der Zerschlagung des Staates hat Lenin auch die These der Errichtung des proletarischen Staates wiederhergestellt, was den Anarchisten gar nicht gefiel; sie forderten zwar auch die Zerschlagung des Staates, hegten aber die Illusion, dass, nachdem die bürgerliche Staatsmacht zerbrochen sei, eine Form von allgemeiner Gewalt, folglich auch von politischem Staat, nicht mehr nötig sein würde. Da jedoch die private Wirtschaft nicht unmittelbar in eine sozialistische transformiert werden kann, kann auch die nicht-arbeitende Klasse nicht sogleich abgeschafft werden, was auch nicht erreicht würde, wenn man die Individuen dieser Klasse physisch eliminiert. Für die wohl nicht kurze Zeit, in der die immer mehr schrumpfenden kapitalistischen Wirtschaftsformen fortdauern, muss der revolutionär organisierte Staat funktionsfähig bleiben, was bedeutet (wie Lenin unverblümt sagte), Soldaten, Polizeikräfte und Gefängnisse zu brauchen.

 

Wenn der privatwirtschaftlich organisierte Bereich immer mehr eingeschränkt wird, reduziert sich in stets steigendem Maße auch die Notwendigkeit, politischen Zwang auszuüben, und der Staat tendiert dahin, allmählich abzusterben.

 

Die hier schematisch wiederholten Punkte machen hinreichend deutlich, dass weniger der glänzende polemische Feldzug, der die Widersacher des Marxismus der Lächerlichkeit preisgab und erledigte, als vielmehr das größte Ereignis in der Geschichte des Klassenkampfes zur Folge hatte, die klassischen Thesen Marx’ und Engels’, des kommunistischen Manifests, der Lehren aus der Niederlage der Kommune, vollkommen klar hervortreten zu lassen – nämlich die Eroberung der politischen Macht, die Diktatur des Proletariats, den despotischen Eingriff in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, schließlich das Absterben des Staates. Wenn wir nun zu Recht von der Bestätigung der theoretischen Ausarbeitung durch die historischen Ereignisse sprechen, scheinen wir dieses Recht nicht mehr zu haben, wenn vom Absterben des Staates die Rede ist, denn der Prozess der Aushöhlung, des Absterbens, des Einschlafens (wie Engels sagt) des Staates ist noch nicht – weder in Russland noch anderswo – empirisch verifiziert worden. Es ist eine ernste und schwierige Frage, denn in der Dialektik wird nichts definitiv durch eine mehr oder weniger brillante Wortfolge bewiesen: Die Schlussfolgerungen gründen sich ausschließlich auf Tatsachen.

 

Die bürgerlichen Staaten blähen sich, ganz gleich, unter welchem meteorologischen und ideologischen Klima, unübersehbar und riesenhaft auf, und jener Staat, den ein mächtiger Propagandaapparat als Arbeiterstaat ausgibt, dehnt seine Organisationen und Funktionen auf bürokratischer, juristischer, polizeilicher und militärischer Ebene grenzenlos aus.

 

Es wundert daher nicht, wenn die Voraussage, dass der Staat nach Erfüllung seiner entscheidenden Aufgabe im Klassenkampf absterben und verschwinden wird, verbreitet auf Skepsis stößt.

 

Normalerweise heißt es dann: „Da könnt Ihr lange warten, ihr Verkünder der roten Diktatur; Staat bleibt Staat; und sein Apparat wird sich davor hüten abzusterben, vielmehr wird er wie ein Tumor im Körper der Gesellschaft wuchern, ihr ganzes Gewebe zerfressen, bis er sie zerstört hat“. Diese übliche Sichtweise ist Wasser auf die Mühlen aller ideologischen Formeln des Individualismus, Liberalismus und Anarchismus, wie schließlich auch aller alten und jungen Mixturen, die sich des Marxismus genauso wie des Liberalismus bedienen und uns von „sozialistischen“ Ideologien zu überzeugen suchen, die auf nichts Geringerem als der Person und ihrer völligen Selbstbestimmung beruhen.

 

Es ist schon merkwürdig, dass auch die Reaktion der wenigen kommunistischen Gruppen auf den opportunistischen Niedergang der Parteien der aufgelösten Moskauer Internationale in dieser Hinsicht schwankend und unentschlossen ist. Ihr Kampf gegen die erdrückende Zentralisation des stalinistischen Bürokratenapparates lässt sie in eine Position hineinschlittern, in der die von Lenin wiederhergestellten, grundsätzlichen Positionen des Marxismus in Frage gestellt werden und vertreten wird, Lenin und mit ihm alle revolutionären Kommunisten der großartigen Periode von 1917-20 hätten den Fehler gemacht, den Staat zu vergöttern.

 

Es soll deutlich gesagt werden, dass die marxistische Linke Italiens, die diese Zeitschrift herausgibt, nicht schwankt und nichts zurücknimmt: sie weist jegliche Revision des grundlegenden Prinzips von Marx und Lenin – wonach die Revolution ein im wahrsten Sinne des Wortes gewaltsamer Prozess ist, eine höchst autoritäre, totalitäre und zentralistische Sache – streng zurück.[14]

 

Unsere Verurteilung der stalinistischen Linie besteht nicht in jener abstrakten, akademischen und formal-rechtlichen Kritik, dem Bürokratismus, dem Dirigismus und der despotischen Autorität zu viel Raum gegeben zu haben, sondern in einer grundsätzlich anderen Bewertung der in Russland und in der Welt vor sich gehenden ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen, wobei wir das monströse Wachstum der Staatsmaschinerien nicht als Erbsünde dieser Entwicklung, sondern als deren unvermeidliche Folge ansehen.

 

Abgesehen davon, dass in Bezug auf die Diktatur des Proletariats Einwände geltend gemacht werden, die auf abstrakte und verschwommene Moralvorstellungen zurückgehen, laut denen der Einzelne oder eine Gruppe nicht durch eine höhere Macht unterdrückt und gebeugt werden dürfe, basieren diese Einwände auf der gewiss sehr wichtigen Unterscheidung zwischen dem Begriff der Klassendiktatur gegen eine andere Klasse und dem Begriff der Organisations- und Machtverhältnisse, in denen der revolutionäre Staat innerhalb der siegreichen Arbeiterklasse Gestalt annimmt. Dies ist der eigentliche Punkt in der vorliegenden Arbeit, die sich, nachdem die Begriffe wieder richtig bestimmt wurden, sicherlich nicht anmaßt zu behaupten, diese Fragen erschöpfend behandelt zu haben – das macht letztlich immer die Geschichte selbst (wie sie auch bei der Frage der Notwendigkeit der Gewalt für die Machteroberung das letzte Wort schon gesprochen hat). Aufgabe der Partei als Denkschule und Kampforganisation ist vielmehr zu vermeiden, die Antwort darauf zu suchen, indem man – ohne es zu merken – auf Argumente zurückgreift, die von den Ideologien und somit von den Klasseninteressen des Gegners suggeriert werden.

 

Die Diktatur ist also der zweite und dialektische Aspekt der revolutionären Kraft. In der ersten Phase, der Phase der Machteroberung, agiert diese Kraft von unten und bündelt alle Energien, um den seit langem bestehenden Staatsapparat zu zerbrechen. Ist der stürmische Angriff von Erfolg gekrönt, agiert diese selbe Kraft in umgekehrter Richtung, von oben, und übt dann eine Macht aus, die einem vollständig neugebildeten Staatsorganismus anvertraut wird, der noch stärker und entschlossener und, wenn nötig, noch unerbittlicher und terroristischer als der besiegte Staat auftritt.

 

Sowohl das empörte Gezeter gegen die Zielsetzung der Diktatur, die heute auch von den Vertretern des mit eiserner Faust regierenden russischen Regimes scheinheilig verleugnet wird, als auch das Geschrei, wonach der Machtlüsternheit und damit den Privilegien des bürokratischen Personals (welches sich zu einer neuen Herrscherklasse oder -kaste zusammenballe) unmöglich Einhalt geboten werden könne, passt zum bornierten und metaphysischen Weltbild derjenigen, die Gesellschaft und Staat für abstrakte Erscheinungen halten und nicht imstande sind, den Schlüssel des Problems in der Untersuchung der ökonomischen Sphäre sowie der aus Klassenkonflikten hervorgehenden Umwälzung der jeweiligen Verhältnisse zu suchen.

 

Es ist daher ziemlich banal, unseren marxistischen Begriff von der Diktatur mit der platten Vorstellung von Tyrannei, Despotismus und Autokratie durcheinander zu werfen. Die Diktatur des Proletariats wird mit persönlicher Macht verwechselt, und so werden – infolge desselben bornierten Denkens – Hitler, Mussolini, Stalin und ... Lenin verteufelt.

 

Der Marxismus weist – das muss man im Kopf behalten – die Behauptung zurück, wonach die Staatsapparate vom Willen dieser modernen Führer gelenkt werden. Sie sind nur Bauern auf dem Schachbrett der Geschichte, die von Kräften gelenkt werden, denen sie sich nicht entziehen können.

 

Wir haben schon oftmals festgestellt, dass, wenn sich die bürgerlichen Ideologen über Franco oder Tito entrüsten, bzw. über die Regierungsmethoden jener Staaten, in denen diese Figuren als Führer gelten, sie auch vor der Apologie der Diktatur und des Terrors, zu denen die Bourgeoisie nach ihrer Machteroberung griff, zurückschrecken müssten. Doch kein vernünftiger Historiker bezeichnet Giuseppe Garibaldi, der 1860 Diktator von Neapel war, als politischen Kriminellen; Garibaldi wird vielmehr als Muster an Menschlichkeit verehrt.

 

Die Diktatur des Proletariats findet ihren Ausdruck keineswegs in der Macht eines Menschen, mag er auch außergewöhnliche persönliche Fähigkeiten haben. Ist ihr handelndes Subjekt dann eine politische Partei, die im Namen der Arbeiterklasse handelt? Auf diese Frage antworten wir heute wie schon vor dreißig Jahren mit einem unbedingten Ja.

 

Da nicht zu bestreiten ist, dass die Parteien, die sich als Vertreter der Arbeiterklasse begriffen, tiefe Krisen durchgemacht und sich wiederholt zersplittert und gespalten haben, impliziert unser entschiedenes Ja die Frage, ob und aufgrund welcher Kriterien eine Partei tatsächlich revolutionär genannt werden kann, was wiederum die Frage nach dem Band aufwirft, das die breite Klassenbasis mit dem kleineren und genau abgegrenzten Parteiorganismus vereint.

 

Will man diese Frage beantworten, darf man den spezifischen Charakter der proletarischen Diktatur nicht aus den Augen verlieren, der, bevor er in der historischen Konkretisierung seine positiven Aspekte zeigen wird, sich zunächst, wie stets bei unserer Methode, nur negativ formulieren lässt.

 

Die Diktatur ist jenes Regime, in dem die besiegte Klasse, die ja physisch weiterbesteht und numerisch einen beachtlichen Teil der Gesellschaft ausmacht, gewaltsam niedergehalten und von allen staatlichen Funktionen fern gehalten wird. Weiter wird sie durch Koalitions-, Propaganda- und Presseverbot rigoros daran gehindert, eine Wiedereroberung der Macht auch nur zu versuchen.

 

Es ist nicht nötig, im Voraus festzulegen, wer sie, und zwar für eine ganze Weile, mit eisernem Griff am Boden halten wird: die Verwirklichung des geschichtlichen Kampfes selbst wird das zeigen. Vorausgesetzt, die uns feindliche Klasse befindet sich in jener Lage der gesellschaftlichen Ohnmacht und erleidet, bevor sie als Klasse verschwindet, ihren bürgerlichen Tod[15], kann das handelnde Subjekt einstweilen sein: Entweder a) die gesamte siegreiche gesellschaftliche Mehrheit (eine völlig unrealisierbare Hypothese), b) ein Teil dieser Mehrheit, oder c) eine festgefügte Avantgardegruppe (selbst wenn zahlenmäßig in der Minderheit), oder schließlich d), während einer kurzen Periode, eine Person allein (eine andere extreme Hypothese, die nur einmal in der Geschichte nah davorstand verwirklicht zu werden, nämlich als Lenin im April 1917, allein gegen das ganze Zentralkomitee und die alten Bolschewiki, aus der Entwicklung der Ereignisse die neuen Linien der Geschichte der Partei und der Revolution herauslas und in seinen Thesen festhielt, genauso wie er im November die Konstituierende Versammlung durch die roten Soldaten auflösen ließ).

 

Die marxistische Methode beruht weder auf Offenbarung noch auf Prophetie noch auf akademischen Studien, sondern erwirbt zunächst die Kenntnis der Richtung, in die die geschichtlichen Kräfte wirken, indem ihre Verhältnisse und die Konfliktlinien herausgearbeitet werden. Später – da theoretische Untersuchung und praktischer Kampf Hand in Hand gehen – bestimmt sie die Merkmale des Auftretens dieser Kräfte sowie den Einsatz der geeigneten Mittel.

 

Die Pariser Kommune machte deutlich, dass das Proletariat den alten Staat nicht in Besitz nehmen kann, sondern zertrümmern muss, und dass das Kampfmittel der bewaffnete Aufstand und nicht der legale Weg ist.

 

Die Niederlage der Kommune und später der Sieg der Oktoberrevolution zeigten, dass eine neue Form von repressiver Gewalt errichtet werden muss, dessen „Geheimnis“ darin besteht, der besiegten Klasse und all ihren buntgescheckten Parteien das politische Überleben zu verweigern.

 

Dieses grundlegende Geheimnis wurde der Geschichte entlockt (um die Darlegung zu erleichtern, erlauben wir uns, mit diesem Ausdruck zu „kokettieren“), womit wir aber noch nicht die gesamte Physiologie und Dynamik des neu hervorgetretenen Organismus untersucht und geklärt haben; leider ist von einem äußerst schwierigen Punkt noch zu sprechen: dem seiner Krankheiten.

 

Wie auch immer seine repräsentativen, exekutiven, judikativen und bürokratischen Strukturen aussehen werden – negativ unterscheidet sich unser Staat maßgeblich durch das soziale Merkmal, die von ihrem Thron gestoßene Klasse aus allen staatlichen Körperschaften auszuschließen, während der bürgerliche Staat proklamiert hatte, in seinen Institutionen seien alle Gesellschaftsschichten vertreten.

 

Unsere Bestimmung wird der geschlagenen Bourgeoisie sicher nicht neu sein und auch nicht unsinnig erscheinen. Als sie es nämlich schaffte, den Staat der bevorrechteten Stände, den Adel und den Klerus in die Luft zu sprengen, sah sie ein, dass es ein Fehler gewesen war, sich mit der Forderung zu begnügen, als Dritter Stand im Staatsapparat präsent zu sein. Im Konvent und während der Schreckenszeit verjagte sie die „Ehemaligen“ von den Schalthebeln der Macht, und da die Privilegien des Adels und des Klerus eher auf juristischen Vorrechten als auf Produktionsmechanismen beruhten, konnte sie diese Privilegien ziemlich schnell zerstören, so dass auch Pfaffen und Aristokraten rasch einfache Bürgern waren. Es fiel ihr also nicht schwer, die diktatorische Phase in kurzer Zeit abzuschließen.

 

Nachdem wir die spezifischen Merkmale der Diktatur des Proletariats als historischer Gesellschaftsform benannt haben, werden wir uns im folgenden, abschließenden Teil dieser Untersuchung den Beziehungen zwischen ihren verschiedenen Organen zuwenden: Klassenpartei, Arbeiterräte, Gewerkschaften, Betriebsräte.

 

Es handelt sich mit anderen Worten um die Frage der sogenannten proletarischen Demokratie (der Ausdruck wurde in der III. Internationale benutzt, es wäre aber besser, ihn abzulegen), die errichtet werden sollte, nachdem die Diktatur des Proletariats die bürgerliche Demokratie historisch begraben hat.

V. Russische Degenerierung und Diktatur

12.

Die diffizile Frage einer Degenerierung proletarischer Macht kann in groben Zügen wie folgt umrissen werden: Die proletarische Klasse erobert in einem riesigen Land mittels des bewaffneten Aufstands die Macht, und unter dem Druck der Klassendiktatur ist jeder Versuch zur Einflussnahme seitens der besiegten Klassen zum Scheitern verurteilt. In den anderen Ländern hat die Arbeiterklasse jedoch entweder nicht die Kraft zum revolutionären Angriff oder ihr Versuch dazu wird niedergeschlagen, die Macht bleibt dort in Händen der Bourgeoisie, Produktions- und Verkehrsverhältnisse spielen sich weiterhin im Rahmen des den Weltmarkt völlig beherrschenden Kapitalismus ab.

 

In dem Land der Revolution hält die Diktatur auf politischer und militärischer Ebene jedem Versuch eines Gegenangriffs stand. In wenigen Jahren beendet sie siegreich den Bürgerkrieg, und der Kapitalismus im Ausland leitet keine großangelegten Operationen in die Wege, um sie niederzuwerfen.

 

Innerhalb des neuen politischen und administrativen Apparates kommt es jedoch zu einem Degenerierungsprozess, es bildet sich eine privilegierte Schicht heraus, die die Ämter und Pfründe der bürokratischen Strukturen monopolisiert; verbal hingegen proklamiert sie auch weiterhin, die Interessen der breiten Arbeitermassen zu vertreten und zu verteidigen. Der jenen politischen Strukturen verhafteten revolutionären Arbeiterbewegung in den anderen Ländern gelingt nicht nur kein weiterer Umsturz, sondern die Richtung ihres eigenen Kampfes wird auch durch andere, nicht-revolutionäre Ziele immer mehr verfälscht und erstickt.

 

Angesichts dieses gewaltigen Problems in der Geschichte des Klassenkampfes taucht die ernste Frage auf: Wie konnte oder könnte dieser doppelte Ruin verhindert werden? Die Frage ist jedoch falsch gestellt. Nach der richtigen deterministischen Methode handelt es sich darum, die wirklichen Wesenszüge und Gesetze dieses Verfallsprozesses zu analysieren, um festzustellen, wann und woran die Voraussetzungen erkennbar sind, die einen revolutionären Prozess erwarten lassen, der vor einem solchem pathologischen Rückfall gefeit ist.

 

Uns geht es hier nicht darum, diejenigen zu widerlegen, die die Tatsache der Degenerierung abstreiten und behaupten, in Russland gäbe es eine wahre und wirkliche revolutionäre Arbeitermacht, die ökonomischen Formen tendierten zum Kommunismus und zusammen mit den Bruderparteien würde am Sturz des Weltkapitalismus gearbeitet.

 

Und wir gehen auch nicht der sozio-ökonomischen Seite des Problems auf den Grund, denn dies würde eine detaillierte Analyse des russischen Produktions- und Distributionsmechanismus und der Beziehungen zu den anderen kapitalistischen Ökonomien voraussetzen.

 

Hier, am Schluss dieser Darstellung über die Fragen der Macht und Gewalt in der Geschichte wollen wir vielmehr jenen kritischen Einwänden begegnen, denen zufolge die repressiv-bürokratische Degenerierung eine direkte Folge davon sei, die Glaubenssätze und Kriterien der demokratischen Wahlmechanismen verletzt und vergewaltigt zu haben.

 

Dieser Einwand hat zwei Aspekte, doch der weniger radikale, auf den wir weiter unten zu sprechen kommen, ist tückischer. Der erste Aspekt ist rein bürgerlicher Natur und steht in direktem Zusammenhang mit der gesamten weltweiten Diffamierungskampagne gegen die russische Revolution. Der Feldzug begann schon in den ersten Jahren des Kampfes, und alle Liberalen, Demokraten und Sozialdemokraten der Welt beteiligten sich daran, denn ihr Schrecken vor der mutigen theoretischen Proklamation der revolutionären Diktatur war nicht geringer als der vor ihrer Verwirklichung.

 

Diesen Aspekt des demokratischen Klagelieds halten wir, wie nach dem hier bereits Entwickelten deutlich geworden sein wird, für überwunden, auch wenn dessen Bekämpfung nach wie vor von erstrangiger Bedeutung bleibt, vor allem heute, wo gerade die mit dem in Russland herrschenden Regime verbandelten Parteien die konformistische Forderung der „reinen Demokratie“ (die spöttische Bezeichnung stammt von Lenin)[16] auf ihre Fahnen schreiben: Sie verfechten somit das dialektische Gegenteil, die vollständige Negation der revolutionären, in den klassischen kommunistischen Texten dargelegten Positionen. Das russische Regime seinerseits entwickelt sich immer mehr zu einem ungeheuer straffen und totalitären Polizeiregime, woran auch die unrühmlichen und gefährlichen Anpassungen des formalen Rechts an den bürgerlich-demokratischen Mechanismus nichts ändern.

 

Die Kritik an der Demokratie in all ihren bisher bekannten historischen Formen kann also gar nicht beharrlich genug sein. Sie war immer die innere Organisationsform einer neuen oder alten Unterdrückerklasse, ein neues oder altes unmittelbares Verfahren, um die inneren Angelegenheiten unter Ausbeuterindividuen oder -gruppen zu regeln; und in den spezifisch bürgerlichen Revolutionen schuf sie die geeignete und unverzichtbare Atmosphäre für das gute Gedeihen des Kapitalismus.

 

Die Demokratien der Alten beruhten auf Wahlprinzipien, Versammlungen, Parlamenten oder Konzilen, und dienten, unter dem Deckmantel, das Wohl aller und die Verallgemeinerung der geistigen oder materiellen Errungenschaften anzustreben, in Wahrheit dazu, den Glaubenseiferern, Sklaven, Heloten die Ausbeutung aufzuzwingen, ebenso wie den unterjochten, weil weniger fortgeschrittenen oder weniger kriegerischen Völkern, also riesigen Menschenmassen, die aus dem Tempel, vom Senat, von der Polis und den Comitia[17] ausgeschlossen waren.

 

In den verschiedenartigen und banalen Egalitätstheorien entziffern wir die objektive Tatsache: die Abmachung, das Einvernehmen, die Konspiration unter den Elementen der privilegierten Minderheit zum Schaden der unteren Klassen. Die zeitgemäße, auf den Heiligen Chartas der englischen, amerikanischen und französischen Revolution begründete Form von Demokratie ist grundsätzlich nicht anders zu bewerten; sie ist eine Technik der besten politischen Bedingungen zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeiter. Die Bourgeoisie ersetzte das alte System der feudalen Unterdrückung, unter dem sie selbst erstickte, doch der Zweck blieb derselbe; die Ausbeutung geht zwar in neuer und anderer Form vor sich, ist aber weder geringer noch schwächer geworden.

 

Fundamental wichtig in diesem Zusammenhang ist die Bewertung der heutigen, totalitären Phase des Kapitalismus, in der das Milieu antiliberal und antidemokratisch ist und die parlamentarischen Formen, die ihre historische Funktion erfüllt haben, tendenziell ausgedient haben. Aus dieser korrekten Bewertung folgt notwendig, dass jede Forderung nach Wiederherstellung der bürgerlichen Demokratie die Klasseninteressen des Proletariats sabotiert, reaktionär und eben „anti-fortschrittlich“ ist.

13.

Es wird Zeit, zum zweiten Aspekt des demokratischen Einwandes zu kommen, der, wie schon erwähnt, doppelzüngiger ist. Er lehnt sich nicht mehr an die Lehrsätze einer klassenübergreifenden oder über den Klassen stehenden Demokratie an und besagt im Wesentlichen Folgendes: Es ist richtig, die proletarische Diktatur zu errichten und der besiegten bürgerlichen Minderheit keinerlei Rechte zuzugestehen. Doch wir sahen in Russland, dass, als die Bourgeois erst einmal entrechtet waren, der Staat degenerierte, und zwar weil die Regeln der Demokratie nicht respektiert und eingehalten wurden. Wäre in den proletarischen Basisorganisationen – den Räten, Gewerkschaften, der politischen Partei – eine wirkliche Mehrheitswahl durchgeführt und so jeder Beschluss dem Resultat „wirklich freier“ Abstimmungen überlassen worden, dann wären wir automatisch auf dem revolutionären Weg geblieben und hätten den allgemeinen Niedergang sowie die Gefahr der erdrückenden Vorherrschaft der „stalinistischen Clique“ abwehren können.

 

Grundlage dieser verbreiteten Sichtweise ist: Jedes Individuum sei gleichermaßen, allein infolge seiner ökonomischen Stellung (d.h. bestimmter, mit anderen gemeinsamer Produktionsverhältnisse) in der Lage, ein klares „Klassenbewusstsein“ zu erlangen, ein Verständnis des Ganzen also, das die Interessen, den historischen Weg und die Zukunft seiner Klasse einschließt. Doch ist dies eine falsche Auffassung des marxistischen Determinismus, denn wenn das Bewusstsein auch durch die ökonomische Stellung geprägt wird, folgt es ihr doch erst mit großer Verzögerung und hat einen viel engeren Wirkungskreis als sie. Zum Beispiel erfüllten die Bourgeois, Händler, Bankiers oder kleinen Fabrikanten Jahrhunderte hindurch wichtige ökonomische Aufgaben, bevor sich ein geschichtliches Bewusstsein der bürgerlichen Klasse herausbildete; ihre Mentalität war lange die von Dienern und Gehilfen der Feudalherren, bis sich allmählich eine revolutionäre Ideologie und Tendenz zeigte und sich kühne Minderheiten zu organisieren begannen, die die Macht zu erobern versuchten.

 

Die Versuche waren dann mit den großen demokratischen Revolutionen von Erfolg gekrönt, und so wie einige Aristokraten für die Revolution gekämpft hatten, gab es umgekehrt viele Bourgeois, deren Denken wie auch praktisches Handeln den allgemeinen Interessen ihrer Klasse zuwiderlief und die sich auf die Seite der konterrevolutionären Parteien stellten.

 

Auf ähnliche Weise bilden sich die Ansichten und das Bewusstsein des Arbeiters zwar infolge der Wirkung seiner materiellen Arbeits- und Lebensbedingungen, aber eben auch im kapitalistischen Milieu der ganzen althergebrachten konservativen Ideologie.

 

Diese konservative Einflussnahme wird immer mächtiger und wir brauchen nicht noch einmal anzuführen, über welche Mittel der mit modernster Technik ausgerüstete Propagandaapparat verfügt, ebenso wie die zentralisierten Interventionen ins Wirtschaftsleben mit einer unendlichen Bandbreite von Reformen und Maßnahmen, die die sekundären Interessen der Arbeiter zu befriedigen suchen und nicht selten auch einen konkreten Einfluss auf ihren Arbeitsalltag ausüben.

 

Hinsichtlich der rohen und ungebildeten Masse konnten sich die alten, aristokratisch-feudalen Regimes auf die Kirche als Garantin einer fügsamen Untertanenmentalität stützen; auf die entstehende Bourgeoisie hingegen wirkten sie vor allem mittels der von ihr monopolisierten Schule und Bildung ein. Die junge Bourgeoisie hatte daher einen gewaltigen ideologischen Kampf zu führen, der in der Literatur als Kampf um Gedankenfreiheit erscheint, während es sich in Wahrheit um den Überbau eines erbitterten Kampfes gegen jene organisierte Kraft handelte, die zur Strecke gebracht werden musste.

 

Dem Weltkapitalismus stehen heute nicht bloß Kirche und Schule zu Diensten, sondern auch tausend andere Mittel ideologischer Meinungsmache und sogenannter Bewusstseinsbildung. Im Fabrizieren von Lug und Trug hat er die alten Regimes qualitativ und quantitativ weit übertroffen, nicht nur in dem Sinne, die widersinnigsten Lehren und Mythen zu verbreiten, sondern nicht zuletzt auch im präjudiziellen Sinne einer völligen Desinformation über die unzähligen Ereignisse des so modernen wie verworrenen Lebens.

 

Wenn wir nun trotz dieses ausgezeichneten Rüstzeugs der uns feindlichen Klasse stets vertreten haben, dass sich in den Reihen der unterdrückten Klasse eine antagonistische Ideologie und Theorie den Weg bahnt, die in dem Maße klarer wird und sich verbreitet, wie die ökonomische Entwicklung selbst die Widersprüche zwischen den Produktivkräften zuspitzt und es dementsprechend zu immer schärferen Zusammenstößen zwischen den Klasseninteressen kommen muss, dann gründet sich diese Perspektive sicher nicht auf die Aussage, aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit müssten die Meinungen und Auffassungen der Proletarier auch allgemeine Geltung haben, da deren Summe ein viel größeres Gewicht auf die Waage brächte als die ihrer Gegner.

 

Wir sehen diese Klarheit, dieses Bewusstsein nicht in der amorphen Vereinigung von Einzelnen verwirklicht, sondern in aus der Mitte der undifferenzierten Masse hervorgehenden Organisationen, in Organismen und Formationen, in denen Minderheiten – die in der historischen Kontinuität der Arbeiterbewegung stehen und international eng miteinander verbunden sind – die Aufgabe, den Kampf zu leiten, übernehmen; das Gros der Massen nimmt seinerseits aus ökonomischen Beweggründen an diesem Kampf teil, lange bevor es die in der Partei verdichtete Kraft und Klarheit des Bewusstseins erreicht.

 

Deshalb ist auch durchaus denkbar, dass eine (übrigens kaum zu realisierende) demokratische Abstimmung unter der gesamten Arbeitermasse zu einem konterrevolutionären Ergebnis führt, selbst wenn die Lage für einen Vormarsch, für einen Kampf unter der Leitung der revolutionären Vorhut spricht. Sogar ein allgemein politischer und mit der Machteroberung abschließender Kampf beseitigt nicht unmittelbar all jene vielfältigen überkommenen Einflüsse der bürgerlichen Ideologien; nicht nur, weil diese Einflüsse in der gesamten Gesellschaftsstruktur des siegreichen Landes noch geraume Zeit fortleben, sondern auch, weil sie weiterhin, von außen her, von jenseits der Grenzen, durch die massive Entfaltung all der bereits erwähnten, hochmodernen Mittel wirksam werden.

 

Selbst der große Vorteil, mittels der neuen Staatsmaschinerie das ganze Netzwerk der früheren ideologischen Zentren, wie Kirche, Schule und unzähliger anderer Organismen zerschlagen und alle großen Meinungsmacher, wie Presse, Radio, Theater usw. zentral kontrollieren zu können, reicht nicht aus, wenn nicht eine sozio-ökonomische Voraussetzung dazu kommt, nämlich bei der Ausmerzung der bürgerlichen Produktionsformen rasche und positive Fortschritte zu erzielen. Lenin wusste sehr genau, was die Notwendigkeit, den kleinbäuerlichen Familienbetrieb fortleben und in einem gewissen Sinne aufblühen zu lassen, mit sich bringen würde: ein Terrain für die egoistische, marktwirtschaftlich geprägte bürgerliche Mentalität und die defätistische Propaganda der Popen, kurz und gut, eine Spielwiese für unzählige Formen konterrevolutionären Aberglaubens. Doch die damaligen Kräfteverhältnisse ließen keine andere Wahl, und nur die Stärkung und Festigung der bewaffneten Kräfte des Industrieproletariats konnte den revolutionären Schwung der Bauern gegen die Fesseln des feudalen Agrarregimes nutzen und zugleich die Gefahr einer Jacquerie[18] der mittleren Schicht der Bauernschaft abwehren, wie es dann auch im Bürgerkrieg gegen Denikin und Koltschak geschah.

 

Die falsche Position jener, die in der Arbeiterschaft oder deren Organisationen das demokratische Mehrheitsprinzip einführen wollen, beruht daher auf einem falschen Verständnis des marxistischen Determinismus.

 

Wir haben schon weiter oben den Unterschied aufgezeigt zwischen der falschen These, wonach sich in jeder Epoche die gegensätzlichen Interessen der Klassen in gegensätzlichen Theorien der Klassenmitglieder spiegeln, und der richtigen These, wonach in jeder Epoche die beherrschte Klasse dazu neigt, sich zum den Interessen der herrschenden Klasse entsprechenden theoretischen System zu bekennen. Sklave im Fleische, Sklave im Geiste. Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber.

 

So ist es auch bezüglich des Bewusstseins falsch, die deterministische Reihenfolge wie folgt zu setzen: Einfluss ökonomischer Ursachen – Klassenbewusstsein – Klassenkampf. Die Reihenfolge ist hingegen: bestimmende ökonomische Ursachen – Klassenkampf – Klassenbewusstsein. Das Bewusstsein kommt zum Schluss und im Allgemein erst nach dem schließlichen Sieg. Das ökonomische Bedürfnis bündelt den Druck und die Kraftanspannung all derjenigen, die durch die von einer bestimmten Produktionsweise kristallisierten Formen unterdrückt und erstickt werden; sie reagieren, schlagen um sich und wagen den Sturm auf die Festungen des Systems; im Laufe dieser Zusammenstöße und Kämpfe verstehen sie immer besser deren allgemeine Bedingungen, die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Kampfes, und das Programm der kämpfenden Klasse schält sich deutlich heraus.

 

Seit Jahrzehnten wird uns entgegnet, eine Revolution der Unbewussten zu wollen.

 

Wir könnten antworten, dass es uns überhaupt nicht verdrießt, wenn die Schläge auch von denen versetzt werden, die sich des Kampfausgangs noch nicht bewusst sind, Hauptsache, die Revolution zertrümmert den Berg von Niedertracht und Schäbigkeit, den das bürgerliche Regime errichtet hat, und zerbricht den Höllenkreis seiner Institutionen, die das Leben der Arbeitermassen erdrücken und aussaugen.

 

Allerdings haben wir Marxisten der Linken stets die Bedeutung, die die Theorie in der Arbeiterbewegung spielt, klar und unmissverständlich hervorgehoben, und vor allem die Prinzipienlosigkeit bzw. den Prinzipienverrat seitens der rechten Opportunisten angeprangert. Wir haben immer wieder gesagt, dass die marxistische Aussage vom Proletariat als Erben der klassischen modernen Philosophie gültig bleibt. Was meint diese Aussage? Vor der gesellschaftlichen Revolution gab es, parallel zum Kampf der Bürgerlichen, Wucherer, Kolonisatoren und Kaufmänner, den Angriff der kritischen Methode auf das kirchliche Dogma und die Ideologien der auf göttlichem Recht gegründeten Autorität sowie eine scheinbar in der Naturphilosophie vollendete Revolution.[19] Dies war so, weil das Geflecht der scholastischen und theokratischen Theoreme des Mittelalters eine der ersten Formen war, die zerbrochen werden musste, um den kapitalistischen Produktionskräften freie Bahn für ihre stürmische Entwicklung zu geben. Nach ihrem sozialen und politischen Sieg konservativ geworden, hatte die Bourgeoisie dann kein Interesse mehr daran, die Waffen der Kritik, die sie gegen „den Trug“ des christlichen Schöpfungsmythos gebraucht hatte, nunmehr auf die viel drückenderen Fragen der Gesellschaftsordnung anzuwenden. Diese zweite Aufgabe bei der Herausbildung theoretischen Bewusstseins musste eine neue Klasse übernehmen, die durch ihr materielles Interesse dazu gezwungen war, ihrerseits die Lügen des bürgerlichen Systems zu entlarven. In der kraftvollen dialektischen Auffassung von Marx war es die vile multitude[20] – im Mittelalter von jeglicher Kultur ausgeschlossen –, die durch die liberale Revolution, wie es schien, eine juristische Gleichheit erlangt hatte: die Klasse der ungebildeten und fast unwissenden Handarbeiter der großen Industrie.

 

Der Schlüssel zu unserer Auffassung liegt darin, dass für uns der Träger dieser Aufgabe nicht die einzelne Person mit ihren engen Grenzen ist, und wir nur allzu gut wissen, dass die Individuen der kämpfenden Masse normalerweise nicht im Besitz des theoretischen Zukunftsbildes sein können. Eine solche Prämisse zu setzen wäre so illusorisch wie konterrevolutionär. Diese Aufgabe ist auch keinen auserwählten Menschen oder Menschheitserlösern anvertraut, sondern einem Organismus, einem Mechanismus, der inmitten der Massen Gestalt annimmt: Die Individuen agieren dabei wie Zellen eines Gewebes und erfüllen eine Funktion, die überhaupt erst durch das Geflecht dieser Beziehungen ermöglicht wird. Dieser Organismus, dieses System, dieses komplexe Ganze, in dem jedes Element eine spezifische Funktion hat (ähnlich dem Organismus eines Lebewesens, in dem äußerst komplizierte Gewebe-, Netz-, Gefäßstrukturen etc. zusammenwirken), ist der Klassenorganismus: die Partei, die in bestimmter Hinsicht die Klasse als solche erst setzt und sie befähigt, ihre Geschichte zu machen.

 

Dieser ganze Prozess spiegelt sich in den Individuen, die statistisch gesehen derselben Klasse angehören, sehr unterschiedlich wider. Um es konkreter auszudrücken: Es wird uns nicht in Erstaunen versetzen, wenn sich – unter bestimmten Umständen – Arbeiter finden, die revolutionär und klassenbewusst sind, und gleichzeitig Arbeiter, die noch gänzlich den konservativen politischen Einflüssen erliegen und sogar die Reihen des Klassengegners verstärken, ferner Arbeiter, die noch den opportunistischen Strömungen der Bewegung folgen, etc.

 

Und selbst dann, wenn ernstlich eine statistische Erhebung darüber möglich wäre, wie viele Arbeiter jeweils in welchen Reihen zu finden sind, selbst dann würden wir daraus nicht automatisch irgendwelche Schlüsse ziehen können.

14.

Da leider feststeht, dass die Klassenpartei vor und nach der Machteroberung in ihrer Funktion als revolutionäres Werkzeug degenerieren kann, müssen wir nach den Ursachen für dieses soziale Krankheitsphänomen und den geeigneten Gegenmitteln fragen. Aus den oben genannten Gründen vertrauen wir allerdings nicht darauf, eine Gewähr für die Richtungsbestimmung der Partei in Abstimmungen und Wahlen zu suchen, die entweder unter allen Parteimitgliedern oder eben unter allen Mitgliedern der wirtschaftlichen Vereinigungen, wie Gewerkschaften und Betriebsräten, oder auch politischen Vertretungsorganen, wie Sowjets oder Arbeiterräten, durchzuführen sind.

 

Die Geschichte der Arbeiterbewegung hat empirisch schon gezeigt, dass derartige Vorgehensweisen niemals zu guten Ergebnissen geführt haben und auch keinen einzigen der verheerenden Siege des Opportunismus vereiteln konnten. In allen Richtungskämpfen, die sich vor dem I. Weltkrieg in den traditionellen sozialistischen Parteien abspielten, führten die rechten Revisionisten gegen die linken Marxisten stets das Argument an, dass ihre Beziehungen zu breiten Schichten der Arbeiterklasse besser seien als es in den engen Führungskreisen der Partei der Fall sein konnte.

 

Der Opportunismus stützte sich in der Tat vor allem auf die parlamentarischen Führer, die unter dem Vorwand, von allen Arbeitern (deren Zahl ja die der Parteimitglieder, die die politische Richtung festlegten, bei weitem übertreffe) gewählt worden zu sein, die politischen Richtlinien der Partei verletzten und für die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien freie Hand forderten. Die Gewerkschaftsführer, die auf ökonomischer Ebene dieselbe Kollaborationspraxis wie die Parlamentarier auf politischer Ebene verfolgten, widersetzten sich der Parteidisziplin mit dem gleichen schwachen Argument, nämlich alle gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu vertreten – ebenfalls viel zahlreicher als die Parteikämpfer. Bei ihrem Vorhaben, ein Bündnis mit dem Kapitalismus einzugehen, das in der Zustimmung zum I. Weltkrieg gipfelte, zeigten die possibilistischen Parlamentarier und Gewerkschaftsbonzen keine Skrupel, die Gruppen, die in den Reihen der Partei eine korrekte Klassenpolitik verfolgten, im Namen eines demonstrativen Operaismus bzw. Labourismus lächerlich zu machen und als „Intellektuelle“ oder auch als „Nichtproletarier“ abzukanzeln.

 

Dass die direkte Vertretung der Arbeiter kein Mittel ist, um radikale, linke Lösungen und die genaue Einhaltung der revolutionären Linie zu gewährleisten, zeigt auch die Geschichte des Syndikalismus vom Sorel’schen Typus. Da die sozialdemokratischen Parteien immer mehr die direkte Aktion und die Klassengewalt aufgaben, erschien der Anarchosyndikalismus zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Augen so mancher Arbeiter als wirkliche Alternative zur Verkommenheit der Parteien. Die marxistischen Gruppen, die dann beim leninistischen Aufbau der Kommunistischen Internationale zusammenkommen sollten, kritisierten und verurteilten diese scheinbar radikale Richtung Sorels und warfen dem Anarchosyndikalisten zu Recht vor, das Kriterium preiszugeben, wonach die Klasse ihre Einheit wahren muss, die ermöglicht, die Begrenztheit der einzelnen Berufsgruppen und wirtschaftlichen Tagesforderungen zu überwinden. Diese Preisgabe führt zu dem Ergebnis, trotz Anwendung von Gewalt in den gewerkschaftlichen Tageskämpfen die revolutionäre Position des Marxismus zu verleugnen, wonach jeder Klassenkampf ein politischer Kampf und die Partei dessen unentbehrliches Organ ist.

 

Dass auch der revolutionäre Syndikalismus in der Krise des I. Weltkriegs Schiffbruch erlitt und die Reihen der Sozialpatrioten der jeweiligen Länder vergrößerte, bestätigte die Richtigkeit der theoretischen Kritik.

 

Was in der hier vorliegenden Frage die praktischen Erfahrungen angeht, die aus dem Parteikampf in der Periode unmittelbar nach der Machteroberung resultieren, sind es die wichtigsten Ereignisse der russischen Revolution, die am meisten Klarheit bringen.

 

Wir bestreiten, dass der verheerende Abstieg von der revolutionären Politik Lenins zur heutigen stalinistischen Linie ursächlich auf eine überzogene Vormachtstellung der Partei und ihres Zentralkomitees gegenüber anderen Arbeiterorganisationen zurückzuführen sei; ebenso bestreiten wir die illusorische Auffassung, wonach der ganze Degenerationsprozess hätte aufgehalten werden können, wenn man, um Funktionsträger zu ernennen oder wichtige politische Beschlüsse des proletarischen Staates zu fassen, auf Abstimmungen dieser oder jener „Basisorganisation“ zurückgegriffen hätte. Doch macht diese Frage keinen Sinn, ohne den sozial-ökonomischen Zusammenhang zu sehen, worin die verschiedenen Organisationen vor der Aufgabe standen, die alte Wirtschaftsordnung zu zerstören und eine neue zu errichten.

 

Natürlich waren und sind die Gewerkschaften für lange Zeit ein Kampfterrain, um die revolutionären Kräfte wachsen zu lassen. Doch ist dies erfolgreich nur möglich, wenn die Klassenpartei in den Gewerkschaften tätig ist, um die Kämpfe um die unmittelbaren Tagesinteressen auf die Ebene der historischen Klasseninteressen zu heben. Denn die Berufs-, und dann die Industriegewerkschaften stoßen in dem Maße an ihre Grenzen, wie es Interessenunterschiede zwischen den verschiedenen Berufen und Gruppen von Arbeitern gibt. An noch engere Grenzen stoßen sie in ihren Aktionen im Laufe der drei Phasen, die der Kapitalismus sukzessive aufweist: erst Koalitions- und Streikverbot, dann Duldung der autonomen Gewerkschaftsorganisationen und schließlich deren Vereinnahmung und Integration ins bürgerliche System.

 

Nicht mal unter dem Regime einer gefestigten Diktatur des Proletariats kann die Gewerkschaft als Organismus gedacht werden, der die Arbeiterinteressen grundlegend und dauerhaft vertritt. Auch in dieser Phase können Interessenkonflikte unter verschiedenen Arbeitergruppen fortdauern, doch grundsätzlich brauchen die Arbeiter die Gewerkschaften nur so lange, wie die Arbeitermacht noch gezwungen ist, die Anwesenheit von Arbeitgebern in bestimmten Produktionssektoren zuzulassen; in dem Maße aber, wie diese allmählich verschwinden, verliert auch der Gewerkschaftskampf seinen ureigensten Sinn. Unser Begriff vom Sozialismus ist nicht, an die Stelle des privaten Arbeitgebers den staatlichen zu setzen. Doch solange in der Transformationsphase ein solches Verhältnis besteht, lässt sich im höchsten Interesse der revolutionären Politik nicht festlegen, die ökonomischen Forderungen der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter müssten grundsätzlich und immer zu Lasten des staatlichen Arbeitgebers erfüllt werden.

 

Wir haben, ohne diese wichtige Untersuchung hier weiterzuführen, wohl deutlich gemacht, warum wir Linkskommunisten nicht die Ansicht teilen, eine Stimmenmehrheit der gewerkschaftlich organisierten Masse müsse Einfluss auf die revolutionäre Politik haben.

 

Kommen wir zur Frage der Fabrik- und Betriebsräte. Anfangs für viel radikaler als die Gewerkschaft gehalten – was heute die allen politischen Strömungen, einschließlich der faschistischen, gemeinsame Ansicht ist –, sollte diese ökonomische Organisationsform mit der Zeit ihre revolutionäre Dynamik immer mehr verlieren. Die Konzeption vom Betriebsrat als Organ, das zunächst an der Produktionskontrolle, dann an der Produktionsverwaltung mitwirkt, um schließlich den ganzen Produktionsapparat, Betrieb für Betrieb, zu erobern, erwies sich als rein kollaborationistisch und als Mittel, nicht anders als die alte Gewerkschafterei, die Kanalisierung der Massen in den homogen geführten und zentralen Entscheidungskampf zu sabotieren. Die Polemik über diese Konzeption spiegelte sich in den jungen kommunistischen Parteien wider, als sich die Bolschewiki gezwungen sahen, einschneidende und oft drastische Maßnahmen gegen die Versuche der wirtschaftlichen und technischen Selbstverwaltung der russischen Arbeiter zu ergreifen. Eine solche Autonomie war nicht nur mit der Einführung eines wirklichen sozialistischen Planes unvereinbar, sondern drohte auch (worauf es die Konterrevolutionäre abgesehen hatten) die Leistungskraft des russischen Produktionsapparates ernsthaft in Gefahr zu bringen. Der Betriebsrat kann tatsächlich, mehr noch als die Gewerkschaft, nur als Träger sehr beschränkter Interessen gelten, die leicht in Konflikt mit den allgemeinen Klasseninteressen geraten können.

 

Auch der Betriebsrat ist also kein wirklicher Basisorganismus des proletarischen Regimes. Wenn in bestimmten Sektoren der Produktion und Zirkulation die kommunistische Ökonomie existiert, die Phase also weit hinter uns liegen wird, in der es zunächst nur darum gehen musste, das industrielle Unternehmertum wie auch die staatliche Betriebsführung außer Gefecht zu setzen, wird es eben gerade dieser Wirtschaftstypus der voneinander unabhängigen Betriebe sein, der als nächstes untergehen muss. Wenn die marktwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse überwunden sind, wird der Einzelbetrieb lediglich ein technischer Knotenpunkt des großen, planmäßig betriebenen und rationell geleiteten Gesamtnetzes sein; die Betriebe werden keine Bilanzen mehr führen, folglich keine Betriebe mehr sein, denn zugleich wird auch der Produzent kein Lohnarbeiter mehr sein. Die Betriebsräte stoßen daher wie die Gewerkschaften auf natürliche Grenzen; sie können nur vorübergehend das Terrain sein, auf dem die Kampflust und Fähigkeit der Arbeiterklasse geschult wird, bis zur Verwirklichung ihres höchsten Ziels zu kämpfen. Aus all diesen Gründen können die Betriebsräte nicht die Instanz sein, die kontrollieren soll, ob die Partei, die im Besitz der Staatsmacht ist, vom historischen Weg des Proletariats abgewichen ist oder nicht.

 

Wir wollen jetzt noch auf die Organisationen zu sprechen kommen, die durch die Oktoberrevolution den Schauplatz betraten: die Arbeiter- und Bauernräte und in der ersten Phase auch die Soldatenräte.

 

Gegenüber dem Repräsentativsystem der bürgerlichen Mächte stelle, so wird gesagt, das Rätesystem einen neuen Typus von Arbeitervertretung dar. Ausgehend vom kleinsten Dorf werden die Vertreter in die nächst höhere Ebene entsandt, was sich – von unten nach oben – bis zur staatlichen Ebene fortsetzt; dieses System zeichnet sich nicht nur dadurch aus, alle Mitglieder der alten besitzenden Klasse auszuschließen, d.h. organisatorischer Ausdruck der proletarischen Diktatur zu sein, sondern auch dadurch, keine Gewaltenteilung – repräsentative, exekutive und auch, zumindest theoretisch, judikative – zu kennen. Es handele sich folglich um ein perfektes demokratisches Räderwerk innerhalb der Klasse, dessen Entdeckung das bekannte Vertretungssystem des bürgerlichen Liberalismus, das Parlament, verblassen lasse.

 

Doch seitdem der Sozialismus die utopische Phase hinter sich gelassen hat, weiß jeder Marxist, dass das Ersinnen einer Verfassungs- bzw. Organisationsformel nicht reicht, um die großen Gesellschaftsformen und historischen Epochen zu kennzeichnen. Verfassungen sind vergängliche Widerspiegelungen von Kräfteverhältnissen und entspringen nicht universellen Prinzipien, auf die sich die dem Staat eigene Organisationsform zurückführen ließe.

 

Ihrer Basis nach sind die Räte wirkliche Klassenorgane und nicht, wie man glauben könnte, korporative oder berufliche Vertretungsorganismen, so dass sie auch nicht unter der Beschränktheit der rein wirtschaftlichen Organisationen leiden. Ihre Bedeutung liegt für uns vor allem darin, Kampforganisationen zu sein; was sie vermögen, ist nicht an starren Organisationsmodellen, sondern an der Geschichte ihrer wirklichen Entwicklung abzulesen.

 

Einer der bedeutsamsten Momente der Revolution war, als sich die Sowjets nach der Wahl für die demokratische Konstituierende Versammlung (ihr dialektischer Gegensatz) gegen sie erhoben und die bolschewistische Macht – mit der genialen historischen Losung: „Alle Macht den Sowjets“ – die parlamentarische Versammlung auseinander jagte. Dennoch lässt sich damit nicht der Standpunkt begründen, mit einer solchen, auf Abstimmungen basierenden Klassenvertretung (abgesehen von dem Hin- und Herschwanken aufgrund ihrer heterogenen Zusammensetzung, was wir hier nicht genauer nachzeichnen können) habe man in jeder Lage des schwierigen revolutionären Kampfes nach innen wie nach außen das passende und geeignete Mittel an der Hand, um allen Schwierigkeiten und sogar einer konterrevolutionären Degenerierung zu begegnen.

 

Aufgrund eben des gesamten Zyklus’, den auch diese Organismen durchlaufen (und der, auch im günstigsten Fall, zusammen mit dem Absterben des Staates abgeschlossen wird), muss festgehalten werden, dass das Sowjetsystem ein mächtiges revolutionäres Instrument sein kann, aber ebenso auch unter konterrevolutionären Einfluss geraten kann; gegen diese Gefahr sehen wir letztendlich keine irgendwie immunisierende Organisationsformel, sondern allein die nationale und internationale Entwicklung des sozialen Kräfteverhältnisses.

 

Uns könnte nun entgegen gehalten werden (weil wir die Überlegenheit der revolutionären politischen Partei, in der ja nur ein Teil der Klasse vertreten ist, über alle anderen Organisationsformen feststellen), dass wir die Partei für ewig halten, und sie gar das von Engels vorausgesagte Absterben des Staates überdauere.

 

Wir wollen jetzt nicht auf die Frage der zukünftigen Transformation der Partei eingehen, die zu einem einfachen Forschungsorgan wird und mit den großen Organismen wissenschaftlicher Untersuchung in der kommunistischen Gesellschaft zusammenfällt, analog zum Staat, der verschwindet und zugleich zu einem großen und immer planmäßiger vorgehenden Verwaltungsorgan wird.

                                                                                               

Das spezifische Merkmal der Partei ist Resultat ihrer organischen Natur: Man tritt ihr nicht aufgrund einer „konstitutionellen“ Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft bei und niemand wird automatisch Parteimitglied, weil er Arbeiter, Wähler, Bürger oder sonst was ist.

 

Der Parteibeitritt erfolgt, würden Juristen sagen, aus „freiem Entschluss“ des Einzelnen. Wir Marxisten sagen: Man schließt sich ihr immer auf Grund von – aus den Verhältnissen des gesellschaftlichen Milieus resultierenden – determinierten Umständen an, und zwar Umständen, die ganz allgemein im Zusammenhang mit den universellen Merkmalen der Klassenpartei stehen: ihrer Präsenz in allen Teilen der Welt, ihrer Vereinigung aus Lohnarbeitern aller Berufe bzw. Betriebe und prinzipiell auch aus Nichtarbeitern, der Kontinuität ihrer Arbeit in den aufeinanderfolgenden Phasen: Propaganda, Organisation, physischer Kampf, Machteroberung, Verwirklichung einer neuen Gesellschaft. Und schließlich: Die politische Partei ist von allen Arbeiterorganisationen diejenige, die am wenigsten an die Einschränkung durch Strukturen und Funktionen gebunden ist, in deren Poren sich klassenfremde Einflüsse – die Keime der opportunistischen Krankheit – breit machen können. Und da, wie wir oftmals sagten, diese Gefahr natürlich auch für die Partei besteht, schlussfolgern wir, dass wir diese Gefahr nicht abwehren werden, indem wir uns anderen Klassenorganisationen unterordnen: eine Unterordnung, die oft in unredlicher Absicht, manchmal aber auch naiv gefordert wird, weil die große Zahl von Arbeitern in solchen Organisationen dies anzuraten scheint.

15.

Unsere Art und Weise, die Frage der Degenerierung zu untersuchen, erstreckt sich auch auf die wohlbekannte Forderung nach einem demokratischen Parteileben, vermittels dessen die Fehler der Zentralkomitees (leider ließen sich viele und verheerende Beispiele anführen) zu vermeiden oder wieder gutzumachen seien, wenn man sich, was wir schon kennen, nach der Mehrheit richten würde.

 

Die Ursachen für den Niedergang der kommunistischen Parteien liegen nach unserer Auffassung nicht darin, dass die Parteibasis bei den zentral gefassten Beschlüssen auf den Kongressen und Versammlungen nicht mitzureden hatte.

 

An vielen historischen Wendepunkten wurden die Parteikämpfer durch die Führungszentrale im konterrevolutionären Sinne überrollt, wobei selbst brutalste staatliche Zwangsmittel eingesetzt wurden. Doch all das war nicht die Ursache, sondern die unweigerliche Folge der Verkommenheit der Partei, ihres Zurückweichens vor den Kräften der konterrevolutionären Einflüsse.

 

Die Position der kommunistischen Linken Italiens zu dem, was wir die „Frage der revolutionären Bürgschaften“ nennen könnten, stellt vor allem fest, dass es keine verfassungsmäßigen oder vertraglichen Garantien gibt – gleichwohl es für die Partei, anders als bei den anderen untersuchten Organisationen, charakteristisch ist, eine vertragliche Grundlage zu haben – wir benutzen den Ausdruck natürlich weder im Sinne von Winkeladvokaten noch eines J.J. Rousseau. Grundlage der Beziehung zwischen Partei und Parteiaktiven ist eine Verpflichtung: Wir verstehen darunter, um den uns unsympathischen Begriff „vertraglich“ zu vermeiden, einfach eine dialektische Beziehung: Sie ist doppelt, besteht aus einem doppelten Fließen in die jeweils umgekehrte Richtung – vom Zentrum zur Basis, von der Basis zum Zentrum. Entsprechen die vom Zentrum geleiteten Kämpfe und Aktionen dem, was sich zur Aufgabe gesetzt wurde, werden auch die Reaktionen der Basis „gesund“ sein.

 

Folglich besteht die berühmte Frage der Disziplin darin, der Basis bestimmte und klar festgelegte Grenzen zu setzen, die wiederum den Handlungsrahmen der Führung widerspiegeln. Wir haben deshalb immer gesagt, dass die Führung nicht berechtigt ist, an wichtigen Wendepunkten in der politischen Lage neue Prinzipien, neue Formeln oder neue Aktionsregeln zu entdecken, zu erfinden und anzuordnen. Die Geschichte des opportunistischen Verrats liest sich wie eine Chronik derartiger Überraschungscoups. Da die Partei kein spontan und mechanisch funktionierender Organismus ist, zeigen sich bei Ausbruch solcher Krisen interne Kämpfe, Fraktionsbildungen und Spaltungen, die unter diesen Umständen einen heilsamen Prozess einleiten, wie das Fieber, das den Organismus von der Krankheit befreit. Was jedoch nicht umgekehrt heißen darf, solche Erscheinungen „konstitutionell“ zuzulassen, zu ermutigen oder zu dulden.

 

Doch lassen sich andererseits die opportunistischen Krisen und die entsprechende Reaktion der Fraktionsbildung nicht durch Regeln oder Rezepte verhindern. Wir haben jedoch die Erfahrung aus vielen Jahrzehnten des proletarischen Kampfes, die einige Bedingungen erkennen lassen, Bedingungen, die unsere Bewegung unermüdlich untersuchen, verteidigen und praktisch umsetzen muss. Wir wollen zum Schluss die wichtigsten benennen:

 

1.) Die Partei muss die marxistische Theorie, die durch die geschichtliche Entwicklung immer wieder bestätigt wurde, mit größter Klarheit und Kontinuität behaupten und verteidigen; prinzipielle Erklärungen, die auch nur teilweise im Widerspruch zu ihren theoretischen Grundlagen stehen, sind untersagt.

 

2.) Die Partei muss in jeder Lage ihren vollständigen programmatischen Inhalt hinsichtlich des ökonomischen, sozialen und politischen Werdens offen proklamieren, vor allem hinsichtlich der Machtfrage, der bewaffneten Machteroberung, der diktatorischen Machtausübung.

Bevor Diktaturen degenerierten und die privilegierte Stellung eines engen Kreises von Bürokraten und Prätorianern daraus erwuchs, gab es immer wieder ideologische Proklamationen zu hören, verbrämt mit populistischen Formulierungen bald demokratischer, bald nationalistischer Natur und mit dem Anspruch, dem Willen des ganzen Volkes gemäß zu handeln. Die revolutionäre Partei erklärt dagegen offen ihre Absicht, den Staat und seine Institutionen zerbrechen und die besiegte Klasse unter dem despotischen Druck der Diktatur niederzuhalten zu wollen, wobei sie nicht verschweigt, dass nur eine vorgeschrittene Minderheit der unterdrückten Klasse dahin gelangt, diese Kampferfordernisse zu erfassen.

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen“ [MEW 4, S. 494]. Diejenigen, die sich rühmen, ihre Absichten eben deshalb zu erreichen, weil sie dieselben geschickt verbergen, verleugnen nur den Kommunismus.

 

3.) Die Partei muss im organisatorischen Sinne äußerste Strenge wahren: Sie lehnt es ab, ihre Reihen durch Kompromisse mit Gruppen und Grüppchen zu vergrößern oder, noch ärger, zu schachern, indem sie den angeblichen Führern Zugeständnisse macht, um dadurch deren Basis an sich zu ziehen.

 

4.) Die Partei muss für ein klares historisches Verständnis des antagonistischen Charakters des Kampfes arbeiten. Die Kommunisten beanspruchen die Initiative zum Angriff auf eine ganze Welt von Ordnungen und Traditionen, sie wissen, dass sie für alle Privilegierten eine Gefahr darstellen, sie rufen die Massen zum offensiven Kampf auf und nicht zur Verteidigung gegen den drohenden Verlust der gerühmten, in der kapitalistischen Welt errungenen Vorteile und Fortschritte. Die Kommunisten geben ihre Partei keinem Kuhhandel preis, um als Notnagel zu dienen, wenn eine Sache, die nicht die ihre ist, und Ziele, die nicht die ihren sind, wie Freiheit, Vaterland, Demokratie und ähnliche Flausen, verteidigt werden sollen.

„Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten“ [MEW 4, S. 493].

 

5.) Die Kommunisten verzichten auf die ganze Palette taktischer Hilfsmittel, zu denen unter dem Vorwand gegriffen wurde, dass sich so breite Massen rascher um das revolutionäre Programm scharen würden. Solche Hilfsmittel sind der politische Kompromiss, das Bündnis mit anderen Parteien, die Einheitsfront, verschiedene Ersatzformeln für die Diktatur des Proletariats, wie Arbeiter- und Bauernregierung, Volksregierung, fortschrittliche Demokratie.

 

Gerade in der Anwendung dieser taktischen Mittel machen die Kommunisten eine der Hauptbedingungen für die Zersetzung der proletarischen Bewegung und die Involution der Sowjetmacht aus, und sie sehen in denjenigen, die die opportunistische Seuche der stalinistischen Bewegung beklagen und gleichzeitig jenes taktische Arsenal bewahren wollen, noch schlimmere Gegner als in den Stalinisten selbst.

VI. Nachwort

Die obige Arbeit hatte die Fragen der Anwendung physischer Kräfte und materieller Gewalt in den gesellschaftlichen Verhältnissen und des Charakters der revolutionären Diktatur zum Gegenstand. Es ging nicht eigentlich um die Fragen der Partei- und Klassenorganisierung, doch wurde deren Behandlung im Schlussteil unumgänglich, als wir nach den Gründen für die Degenerierung der Diktatur fragten, weil viele die entscheidenden Gründe dafür in der internen Organisierung und fehlenden demokratischen Praxis im Leben der Partei und den anderen Klassenorganen ausmachen.

 

Bei der Widerlegung dieser These haben wir allerdings versäumt, an eine wichtige Auseinandersetzung zu erinnern, die 1924-25 in der Kommunistischen Internationale stattfand und die Umorganisierung der kommunistischen Parteien auf Grundlage von Betriebszellen betraf. Die italienische Linke stellte sich seinerzeit entschieden und fast allein dagegen und verfocht die Position, die alte Basis der territorialen Organisationseinheiten beizubehalten.

 

Diese Position wurde damals gründlich diskutiert, doch der Kernpunkt war folgender: Wenn die organische Funktion der Partei, die darin von keiner anderen Organisation ersetzt werden kann, darin besteht, die einzelnen wirtschaftlichen, beruflichen und lokalen Kämpfe zum proletarischen Klassenkampf auf sozialer und politischer Ebene zu verallgemeinern, dann ist eine Organisationseinheit, die nur Arbeiter des gleichen Berufes und desselben Betriebes umfasst, einer solchen Aufgabe nicht ernsthaft gewachsen. Denn die Betriebszelle wird nur begrenzte und betriebliche Forderungen vertreten; die einheitlichen Parteidirektiven können nur als fremde, von oben kommende Sache angesehen werden; ein Kader wird mit den Mitgliedern der Basis nie auf der gleichen Ebene zusammenkommen, weil er in gewisser Hinsicht nicht als Teil der Partei wahrgenommen wird, insofern er keinem Betrieb angehört.

 

In den Ortsgruppen dagegen stehen die Arbeiter der verschiedensten Berufe und Betriebe von vornherein auf demselben Boden, und somit auch alle anderen Mitglieder, die strenggenommen aus nicht-proletarischen Gesellschaftsschichten kommen und deren Mitgliedschaft die Partei erklärtermaßen zulässt; sie werden auf jeden Fall aufgenommen und bleiben, falls nötig, für längere Zeit Kandidaten, bevor sie Aufgaben in der Organisation übernehmen können.

 

Wir zeigten damals, dass die Betriebszellenstruktur entgegen der Absicht, die Partei mit den Arbeitermassen aufs engste zu verbinden, die opportunistischen und demagogischen Mängel des rechten Operaismus bzw. Labourismus aufwies und die Parteikader der Parteibasis entgegenstellte, was eine wirkliche Karikatur des Lenin’schen Begriffs der Berufsrevolutionäre war.

 

Dadurch, dass die Anschauung der Linken hinsichtlich der Parteiorganisation das törichte, der bürgerlichen Demokratie nachgeahmte Kriterium des Majoritätsprinzips durch ein höheres, dialektisches Kriterium ersetzt, wobei alles auf die feste Bindung zwischen den Parteikämpfern und -führern ankommt, die vor der schweren Aufgabe stehen, die Kontinuität von Theorie, Programm und Taktik zu wahren, und dadurch, dass diese Anschauung jede demagogische Anbiederung an zu breite und deshalb leicht zu manipulierende Schichten der Arbeiterklasse verwirft, ist sie tatsächlich die einzige, die einer Verbeamtisierung der Kader vorzubeugen vermag und in der Lage ist zu vermeiden, dass die Basis von ihnen überrollt wird, was stets auf eine Rückkehr der verheerenden Einflüsse der feindlichen Klasse hinausläuft.

 

 

 

Quellen:

„Forza, violenza, dittatura nella lotta di classe“: Prometeo, Nr. 2, 4, 5, 8, 9, 10; 1946/47/48.

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MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 17: Marx – Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871.

 

 

 

 


[1] sine effusione sanguinis (lat.): ohne Blutvergießen.

[2] Anthropomorphismus (grch.): das Zusprechen menschlicher Eigenschaften auf Tiere, Götter, Naturgewalten etc. (Vermenschlichung).

[3] minus habens (lat.): der Mittellose, der Arme.

[4] Dritte und vierte Freiheit der „vier Freiheiten“, von Roosevelt 1941 zur ideologischen Kriegsvorbereitung formuliert.

[5] jus primae noctis: Im Mittelalter nahmen sich die Feudalherren das „Recht der ersten Nacht“, das Recht also, die Bräute ihrer abhängigen Bauern in der Hochzeitsnacht zu entjungfern. In „die Lage der arbeitenden Klasse in England“ berichtet Engels, dass dieser bestialische „Brauch“ bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts von den Fabrikherren übernommen wurde [MEW 2, S. 373].

[6] In „die deutsche Ideologie“ heißt es: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht“ [MEW 3, S. 46].

[7] „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, 1916 in LW 22.

[8] Leviathan: Symbol für den allmächtigen Staat, Titel einer staatstheoretischen Schrift (1651) von Thomas Hobbes.

 

[9] Giolitti, Giovanni (1842-1928): mehrfach Ministerpräsident, Innenminister und Finanzminister Italiens. Sein Einfluss auf die italienische Politik war so erheblich, dass die Periode vor dem I. Weltkrieg als età giolittiana (Ära Giolitti) bezeichnet wird. Von den Kommunisten in der Zeit revolutionärer Erhebungen nach dem I. Weltkrieg als die „letzte ernsthafte Stütze der Bourgeoisie“ bezeichnet.

 

[10] Gasperi, Alcide De (1881-1954): italienischer christlich-demokratischer Politiker, führte nach dem II. Weltkrieg eine „antifaschistische Allparteienregierung“ an, worin die SPI und die KPI, die sich ja beide zum Antifaschismus bekannten, ausgeschlossen waren; machte sich maßgeblich für die Westintegration Italiens, den Nato-Beitritt und die Europäische Gemeinschaft stark.

[11] Bezieht sich auf die Engels’sche Einleitung von 1895 zu „Klassenkämpfe in Frankreich“ [MEW 22, S. 509], die von der Parteileitung der Sozialdemokraten mit dem Hintergedanken „zurechtgestutzt“ wurde, Engels als einen „friedfertigen Anbeter der Gesetzlichkeit quand même [unter allen Umständen]“ [MEW 39, S. 452] dastehen zu lassen; siehe auch den Brief an Paul Lafargue vom 3. April 1895 [MEW39, S. 458]. Obwohl die vollständige Fassung Kautsky, Bernstein u.a. bekannt war, wurde sie nicht nur nicht publiziert, sondern die verstümmelte Version als Engels’ politisches Vermächtnis, in dem er seine früheren Positionen revidiert, ausgegeben.

[12] Pacelli, Eugenio (1876-1958): bürgerlicher Name von Pius XII., von 1939 bis 1958 Papst.

 

[13] Siehe: Lenin – Staat und Revolution, 1917; LW 25.

[14] Siehe: Engels – Von der Autorität, 1874; MEW 18.

[15] Bürgerlicher Tod: juristischer Begriff, der nicht nur die Ehr- und Rechtlosigkeit eines Verurteilten bezeichnet, sondern auch den Verlust der Rechtsfähigkeit einschließt; im Kirchenrecht entspricht dem die Exkommunikation.

[16] Siehe: Lenin – Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, 1918; LW 28.

 

[17] Comitia (lat.): im antiken Rom die Bezeichnung für eine Volksversammlung (deutsch: Komitien).

[18] Jacquerie: Aufstand der Bauern im Frankreich des 14. Jahrhunderts. Der Name Jacquerie leitet sich ab vom Spottnamen Jacques Bonhomme, den die Edelleute den Bauern gaben.

[19] Engels weist in „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen Philosophie“ darauf hin, dass die sogenannte Naturphilosophie früher die Aufgabe hatte, ein Gesamtbild der Naturzusammenhänge zu liefern: „Sie konnte dies nur, indem sie die noch unbekannten wirklichen Zusammenhänge durch ideelle, phantastische ersetzte, die fehlenden Tatsachen durch Gedankenbilder ergänzte, die wirklichen Lücken der bloßen Einbildung ausfüllte. (…) heute ist die Naturphilosophie endgültig beseitigt“ [MEW 21, S. 295].

 

[20] vile multitude: die schofle Menge, der Pöbel, so nannte die Bourgeoisie in der französischen Revolution die Masse der Bevölkerung. Siehe: MEW 17: Der Bürgerkrieg in Frankreich.