Die Thesen der Linken (3)[1]

Der Angriff des revisionistischen In-Frage-Stellens auf die Grundlagen der revolutionären marxistischen Theorie

Die jüngsten Ereignisse sind von so weitreichender Bedeutung, dass eine Untersuchung, auch seitens der Vorhut der Arbeiterklasse, aller kritischen Positionen hinsichtlich der Entwicklungsmerkmale der modernen Welt vonnöten scheint. Hierüber und über das durch die Kriegsfolgen bedingte Chaos spintisieren die Vertreter der opportunistischen Strömungen – Ausdruck des bürgerlichen Einflusses auf die Theorie des Proletariats –, um, noch vor den physischen Waffen, die proletarischen Waffen der revolutionären Kritik zu zerbrechen.

Sind die grundlegenden kritischen Formulierungen des Marxismus noch gültig, wonach sich das System der modernen Ökonomie und der kapitalistischen bürgerlichen Regierungen (das in der Geschichte eine riesige Parabel beschreibt) auf den Trümmern der feudalen Ordnungen erhebt und gewaltige, durch neue technische Mittel der menschlichen Arbeit verfügbar gemachte Produktivkräfte von den alten Fesseln befreit, diesen Produktivkräften zunächst einen immer stärkeren Rhythmus und eine schrankenlose Expansion in der ganzen uns bekannten Welt zugesteht, doch dann, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe, die gesellschaftlichen, staatlichen und juristischen Organisationsformen für diese kolossalen Kräfte zu eng werden, und das System durch den revolutionären Ausbruch der größten Produktivkraft – der Arbeiterklasse, die eine neue gesellschaftliche Ordnung verwirklichen wird – in eine finale Krise gestürzt wird?

Ist der Weg, auf dem diese Klasse als neuer Protagonist der Geschichte in Erscheinung tritt, jener ihrer Organisierung zur politischen Partei – Trägerin der revolutionären kritischen Theorie, die die der herrschenden Klasse feindlich gegenüberstehenden Kräfte eingliedert und in den Kampf führt, bis zum Klassenkrieg und bis zur Errichtung der proletarischen Diktatur –, die den alten ökonomischen Mechanismus transformieren wird?

Oder zwingen die Ereignisse dazu, wie es von unzähligen Seiten her an allen großen Wendepunkten der Geschichte behauptet wurde – und heute mit mehr Nachdruck als je zuvor –, diesen offen zutage liegenden Antagonismus gesellschaftlicher Kräfte und geschichtlicher Epochen anders zu bewerten, und dem Proletariat, vor allem angesichts des schrecklichen durch den Krieg entfalteten Zerstörungspotentials, andere Perspektiven und andere dringlichere Forderungen als die der definitiven Überwindung des bürgerlichen Systems aufzuzeigen, Perspektiven und Forderungen, die das Proletariat zum Bündnis mit politischen und nationalen Gruppierungen der herrschenden Klasse drängen würden?

In den historischen, den gigantischen militärischen Zusammenstößen vorhergehenden Phasen wurde die Frage natürlich anders formuliert, doch führte sie stets dazu, die klassenbestimmte Zielrichtung der entschlossensten Teile der Arbeiterklasse zu erschüttern.

Mit der Zunahme ihres Reichtums, mit der Vermehrung neuer Bedürfnisse und neuer Mittel, sie zu befriedigen, schien sich die bürgerliche Gesellschaft zu höheren Formen des sogenannten zivilen Lebens aufzuschwingen, und so stellte man – stets um eine Revision der marxistischen revolutionären Diagnose bemüht – die verfängliche Frage, ob nicht, wenn man den blutigen Epilog des Klassenkrieges vermeiden würde, die Herausbildung neuer Kräfte der Arbeitsgesellschaft innerhalb eines allmählichen, ruhigen Niedergangs der bürgerlichen Gesellschaft möglich wäre.

Angesichts dieser neuen und alten In-Frage-Stellungen muss die kritische, der Klassenpartei des Proletariats eigene Position in ihren Wesenszügen wiederbehauptet werden, wobei den Erscheinungen der modernen Zeiten Rechnung zu tragen ist.

Der historische Zyklus der kapitalistischen Ökonomie

Ökonomisches Merkmal der kapitalistischen Produktionsweise ist die assoziierte Arbeit, in welcher der einzelne Arbeiter nicht mehr selbst alle zur Herstellung des Produkts notwendigen Arbeitsschritte durchführt, sondern die Produkte der Reihe nach durch die Hände verschiedener Arbeiter gehen; diese Arbeitsweise findet sich bereits unter den feudalen, halbtheokratischen, monarchischen Regimes vor.

Diesem, aus den neuen Entdeckungen und Erfindungen hervorgegangenen technischen Sachverhalt entspricht im Ökonomischen, dass sich die Manufaktur- und Fabrikproduktion, die mehr Produkte zu niedrigeren Kosten herstellt, gegenüber der Handwerksproduktion durchsetzt; rechtlich gesehen entspricht dem, dass dem Arbeiter nicht mehr das Produkt gehört, das er bis dahin auf dem Markt verkaufen konnte. Derjenige, der die neuen technischen Mittel besitzt und sich zum Eigentümer der Produktionsanlagen und Maschinen macht, die die assoziierte Arbeit erst ermöglichen, wird jetzt auch Besitzer des Produkts, und dem assoziierten Arbeiter zahlt er einen Geldlohn.

Mit der Scheidung der einheitlichen Figur des Handwerkers erscheinen Kapitalisten und Lohnarbeiter auf der Bühne. Doch die Gesetze der alten Feudalgesellschaft lassen die Verallgemeinerung des Prozesses nicht zu, weil die Handwerkstechniken und -gewerbe in reaktionären Strukturen gefangen sind, die industrielle Entwicklung, die die herrschende Klasse der Grundbesitzer bedroht, gebremst wird und dem freien Warenverkehr in und zwischen den Nationen Fesseln angelegt sind.

Aus diesem Konflikt geht die bürgerliche Revolution hervor; sie ist der soziale Krieg, den die Kapitalisten entfesseln und führen, um sich selbst aus der Knechtung und Abhängigkeit von den alten herrschenden Ständen, die Produktivkräfte von den alten Zunftfesseln und ebenso die Masse der Handarbeiter und Kleinbesitzer von der Knechtschaft und den alten Formen zu befreien, denn aus dieser Masse soll das Heer der Lohnarbeiter erwachsen – die frei werden sollen, um ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Dies ist das erste Stadium der bürgerlichen Epoche. Die ökonomische Parole des Kapitalismus ist die der schrankenlosen Freiheit bei allen wirtschaftlichen Unternehmungen, der Abschaffung aller juristischen Fesseln, um jedwede gegen Geld austauschbare Ware, einschließlich der Arbeitskraft, produzieren, kaufen, zirkulieren lassen und verkaufen zu können.

In seiner liberalistischen Phase durchläuft der Kapitalismus in verschiedenen Ländern die ersten Dezennien seiner grandiosen Entwicklung. Die Unternehmen werden zahlreicher und riesenhafter, die Arbeitsheere wachsen beständig an, die produzierten Waren erreichen kolossalen Umfang.

Die Marx‘sche Analyse dieses klassischen Typus der kapitalistischen Ökonomie (ohne jedwede staatliche Zwänge) sowie seinen Entwicklungsgesetzen liefert uns die Erklärung der Überproduktionskrisen, die ein Ergebnis der zügellosen Jagd nach dem Profit sind, und der jähen Rückwirkungen, die – weil es zu viele Waren gibt und die Preise ins Bodenlose fallen – periodische Wellen der Erschütterung im System verursachen, zum Bankrott und Ruin von Unternehmen führen, und Massen von Arbeitern in tiefes Elend stürzen.

Besteht für den Kapitalismus (als gesellschaftlicher Klasse) gegenüber diesen unlösbaren ökonomischen Widersprüchen, innerhalb eines verwickelten historischen Prozesses, voll von mannigfachen Lokalborniertheiten, von Vorstößen und Rückschlägen, von Wellen und Gegenwellen, die Möglichkeit zu reagieren? Nach der klassischen marxistischen Kritik wird die bürgerliche Klasse niemals im Besitz einer klaren Theorie und wissenschaftlichen Erkenntnis der ökonomischen Zukunft sein, und eben aufgrund ihrer Natur und ihres Daseinsgrunds wird sie die von ihr selbst erzeugten übermächtigen Kräfte nicht disziplinieren können, ähnlich dem Zauberlehrling, der die heraufbeschworenen dämonischen Mächte nicht beherrschen konnte.

Doch das darf nicht in scholastischer Manier so verstanden werden, als fehle dem Kapitalismus jede Handhabe, die katastrophalen Folgen (Resultat seiner Bedürfnisse) vorauszusehen oder jedenfalls hinauszuzögern. Er wird nicht aufhören können, immer mehr zu produzieren, und in seiner zweiten Lebensphase wird er seine Aufgabe, die gewaltige Produktionsmaschinerie hochzurüsten, unbehindert erfüllen. Um die immer größer werdende, ihn zu ersticken drohende Produktenmasse verkaufen zu können, wird der Kapitalismus darum kämpfen, seinen Absatzmarkt auf das ganze Erdrund auszudehnen. Somit geht er in sein drittes, imperialistisches Stadium über, das neue ökonomische Erscheinungen und Wirkungen aufweist, die wieder Hand bieten, bestimmte Lösungen für die partiellen und zyklischen Krisen der bürgerlichen Ökonomie zu finden.

Dieses Stadium war Marx natürlich nicht unbekannt, denn die Entwicklung der kapitalistischen Produktion und das Hereinziehen entfernter Absatzgebiete sind ursprüngliche und historisch parallele Phänomene; und gerade die Entdeckung der großen Handels- und Verkehrswege war dialektisch einer der Hauptfaktoren des kapitalistischen Triumphzuges.

Doch die Analyse der Wesensmerkmale dieses dritten Stadiums gab Lenin, in vollkommenem Einklang mit der marxistischen Methode, in seiner klassischen Untersuchung über den „Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus“[2].

Die Merkmale dieses dritten kapitalistischen Stadiums waren schon in der Zeit vor dem I. Weltkrieg offensichtlich und sind danach noch deutlicher hervorgetreten. Das kapitalistische System hat die Glaubenssätze, die ihn in seiner liberalistischen Phase antrieben, einer bedeutsamen Revision unterzogen. Die Expansion der Produktenmasse auf dem Weltmarkt ging mit dem großartigen Versuch einher, die Mechanik der durch die Schwankungen der Verkaufspreise hervorgerufenen Erschütterungen unter Kontrolle zu bringen, bei Strafe des Zusammenbruchs der gewaltigen Produktionsstrukturen. Die Unternehmen kartellieren sich, lassen den ökonomischen Individualismus, die absolute Selbständigkeit der typischen Firma hinter sich, die Kartelle, die „Trusts“ entstehen: Unternehmen, die die gleichen Waren produzieren, schalten sich gleich und treffen strenge Abmachungen, um die Distribution der Waren zu monopolisieren und Preisabsprachen zu treffen.

Und weil der Großteil der Waren zugleich verkauftes Produkt einer Industrie und gekaufter Rohstoff einer anderen ist, tauchen die „vertikalen“ Kartelle auf, die z.B. die Produktion bestimmter Maschinen kontrollieren, indem sie die Preise aller Zwischenprodukte festsetzen, angefangen bei der extraktiven Industrie der Eisenerzförderung. Zur gleichen Zeit entwickelt und konzentriert sich das Bankwesen, das – gestützt auf die mächtigsten Industriekonglomerate jedes Landes – die kleineren Unternehmen kontrolliert bzw. beherrscht und in jedem großen kapitalistischen Land immer enger werdende Kreise einer wahren Finanzoligarchie bildet. Lenin schließt daraus, dass das Finanzkapital einen immer parasitäreren Charakter annehmen wird.

Der Bourgeois beeindruckt nicht mehr als klassischer Industriekapitän, als Organisator und Initiator neuer Kräfte aufgrund der Ressourcen und Geheimnisse neuer Techniken bzw. des Geschicks, moderne Formen assoziierter Arbeit zu verwirklichen, als Gott in seiner Fabrik, wie im ancien régime der Lehnsherr auf seinen Ländereien, als romantischer Schöpfer der Kräfteverschmelzung zwischen dem Produktionsmechanismus, dessen Geheimnis er besitzt, und den Arbeitern, die ihn eher als Führer denn als Herrn sehen.

Auch der Direktor der modernen Fabrik ist ein Lohnempfänger, mehr oder weniger am Gewinn beteiligt, ein vergoldeter Knecht, aber trotzdem ein Knecht. Der moderne Bourgeois ist ein Fachmann nicht der Produktion, sondern der Geschäftemacherei; ein Dividendenempfänger dank eines Aktienpakets an Fabriken, die er wohl nie gesehen hat; ein Mitglied der schäbigen Finanzoligarchie; ein Exporteur nicht mehr von Waren, sondern von Kapitalien und Wertpapieren – Papierbündel, die in seinen Händen den ganzen Erdball kontrollieren.

Vor dem Abgrund stehend, findet die herrschende Klasse – stets den Konkurrenzmechanismen zwischen den Unternehmen unterworfen – in den neuen monopolistischen Strukturen eine Schranke für die Konkurrenz; von den großen Zentren der Geschäftsbanken aus diktiert sie das Schicksal der Einzelunternehmen, setzt die Preise fest, verkauft, wenn sie ihre Ziele damit erreichen kann, auch unter Preis, lässt die Kurse Purzelbäume schlagen, und gibt sich größte Mühe, zentrale Institutionen zur Aufsicht und Bändigung des ökonomischen Handelns zu schaffen, womit die grenzenlose Freiheit, Mythos der ersten kapitalistischen Wirtschaftstheorien, dann doch wieder negiert wird.

Um die Bedeutung dieser extremen Entwicklung des dritten Stadiums des Weltkapitals zu verstehen, muss man sie, wie Lenin, ins Verhältnis zur entsprechenden und parallel laufenden Entwicklung der politischen Kräfte setzen, die Beziehung zwischen monopolistischem Finanzkapital und bürgerlichem Staat feststellen, und den Zusammenhang mit den Tragödien der großen imperialistischen Kriege sowie überhaupt mit der historischen Tendenz der nationalen und sozialen Unterdrückung aufdecken.

Der historische Zyklus der politischen Herrschaft der Bourgeoisie

Parallel zu den Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktionsweise müssen wir auch die der politischen Herrschaftsformen der bürgerlichen Klasse in Augenschein nehmen.

Wie Engels sagt, gibt es, dank Marx, zwei große Entdeckungen, die die Grundlage des wissenschaftlichen Kommunismus bilden. Die erste ist das Mehrwertgesetz, wonach sich die Kapitalakkumulation auf der ständigen Auspressung eines Teils der proletarischen Arbeitskraft gründet. Die zweite ist die Theorie des historischen Materialismus, der in den Produktionsverhältnissen die Ursache der politischen Ereignisse erkennen lässt und gleichzeitig die Erklärung für den gesamten, den verschiedenen Epochen und Gesellschaftsformationen angehörenden Überbau von Meinungen und Ideologien liefert.

Die Begründer der neuen theoretischen Methode treten also nicht im messianischen Gewand der Ideologen auf, die die Geheimnisse neuer Grundsätze aussprechen, welche das gemeine Volk erleuchten und mitreißen sollen. Sie sind vielmehr wissenschaftliche Erforscher der vergangenen historischen Wechselfälle und der wirklichen Struktur der heutigen Gesellschaft; sie suchen ihre Forschung von allen obskurantistichen Einflüsterungen der überlieferten Vorurteile frei zu halten und begründen ein System wissenschaftlicher Gesetze, das den historischen Prozess darstellen und erklären sowie die Umrisse der zukünftigen Entwicklung voraussehen (im theoretischen, nicht mystischen Sinne des Wortes) kann.

In einem Jahrhunderte währenden Kampf bahnte sich die bürgerliche Klasse ihren Weg in der Organisierung der Produktion und Wirtschaft und sorgte dafür, dass die feudalen und theokratischen Schichten aus ihren Herrschaftspositionen in der Staatsregierung verjagt wurden. Der Verlauf dieser gewaltigen Interessenkollision, die von militärischen Zusammenstößen bis hin zum revolutionären entscheidenden Kampf reichte, der die Bourgeoisie an die Hebel der Macht brachte, spiegelte sich auch im Kampf zwischen Ideen und Theorien wider.

Die alte Herrscherschicht hatte ihren theoretischen Überbau auf die Prinzipien der Vorsehung und Autorität errichtet, die darauf gegründete Rechts- und Sittenlehre eignete sich vortrefflich, die von einer Oligarchie von Kriegsherren, Adeligen und Priestern beherrschten Massen zu kontrollieren. Die Quelle der Wahrheit war in alte Tafeln gemeißelt – unzerstörbar und diktiert von (dem menschlichen Verstand nicht zugänglichen) Geistern und Mächten regelten sie das gemeinschaftliche Leben; oder, genauer gesagt, die Wahrheiten waren in alten Schriftrollen von Weisen und Meistern niedergelegt, in die man sich versenken musste, um aus dem Wortlaut der Verse und Abschnitte Aufschluss über alle neuen Fragen des menschlichen Wissens und Tuns zu finden.

Die Waffe der aufkommenden revolutionären Bourgeoisie war die vom modernen philosophischen Denken entwickelte Kritik des Autoritätsprinzips. Kühn zielte sie damit in alle Richtungen, um Zweifel an allen altehrwürdigen Vorstellungen zu säen; sie proklamierte die Herrschaft der menschlichen Vernunft gegen die Autorität der Krone, untergrub das religiöse Dogma, um das feudale Staatsgerüst unterhöhlen zu können, das sich auf die Monarchie aus göttlichem Recht und auf den Klassenzusammenhalt zwischen grundherrlichem Adel und klerikaler Hierarchie stützte.

Die Bourgeoisie schuf so ein neues und modernes ideologisches Gebilde, das sie von universeller, endgültiger Tragweite und als Triumph der Wahrheit gegen die Lüge des religiösen und selbstherrlichen Obskurantismus verstanden wissen wollte. Tatsächlich jedoch, und im Lichte der marxistischen Kritik besehen, war dieses ideologische Rüstzeug nur eine neue Konstruktion, die den neuen Klassenverhältnissen und den neuen Bedürfnissen der an die Macht gekommenen Klassen entsprach.

Auf politischer Ebene richtete sich ihr revolutionärer Sturm gegen die Staatsgewalt, die die Bourgeoisie dann selbst in die Hände nahm, um alle alten Fesseln zu zerbrechen, die die Entfaltung der ökonomischen Kräfte, deren Ausdruck sie war, verhinderten.

Der Kampf war ein Bürgerkrieg, ein Klassenkrieg, zwischen der Weißen Garde des Feudalregimes und der revolutionären bürgerlichen Phalanx.

In der klassischen Erscheinungsform der französischen Revolution machte der Dritte Stand zuerst seine Teilhabe an den gesellschaftlichen Einrichtungen, bis anhin von Aristokratie und Klerus monopolisiert, geltend, doch sehr bald war er darauf aus, die reaktionären Schichten radikal von jeder politischen Einflussnahme auszuschließen.

Eine neue herrschende Minderheit, nämlich die der Manufaktur- und Fabrikeigner und der reichen Kaufleute, löste die alte, auf ihren Vorrechten bedachte Minderheit ab. Dieser wesentliche Aspekt des Übergangs wurde von den Denkern und Parteien der neuen Ordnung realiter nicht offen zugegeben, weil sie ihn selbst nicht verstanden – wenngleich ihr Handeln dem unwiderstehlichen Druck der jetzt mächtig gewordenen Klasseninteressen folgte.

So wie diese Bewegung im physischen Kampf die Kräfte der Masse von Besitzlosen und Arbeitern, dem Vierten Stand, nutzte, so brüstete sie sich damit, von Prinzipien geleitet zu sein, die mit den allgemeinen Interessen aller zusammenfallen; und diese Prinzipien wurden ihrerseits nicht als vergängliche, einer besonderen Wende der gesellschaftlichen Verhältnisse entsprechende Formen dargestellt und erklärt, sondern als absolute, universelle, die Zukunft des Menschengeschlechts bestimmende Werte. Der Aberglaube der alten Mythologien wurde verhöhnt, um im Namen des wissenschaftlichen Zweifels, der freien Kritik und der Vernunft eine neue Mythologie von allgemeinen Ideen und Werten ins Leben zu rufen: Die revolutionären Erklärungen der siegreichen Bourgeoisie sprachen von Menschen- und Bürgerrechten, proklamierten den Anbruch der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Erbe aller Menschen.

Jedenfalls konnte der Vierte Stand, also die große Masse der sowohl den alten als auch neuen Wohlstandsformen der privilegierten Schichten geopferten Arbeiter, weder die Waffen der Kritik besitzen, um die wirkliche Bedeutung des Übergangs zu verstehen, noch der Bourgeoisie in ihrer Sturm- und Drangzeit gegen die alten Machtstellungen seine Unterstützung verweigern.

In jener Phase sah die bürgerliche Politik nicht den geringsten Widerspruch zwischen ihren philosophischen Forderungen nach Gedanken- und Handlungsfreiheit, die für alle gelten sollte, und dem mit allen Mitteln geführten Kampf der Diktatur und des Terrors, um der bewaffneten Revanche des alten Regimes mittels Bürgerkrieg und feindlicher Angriffe von außen die Stirn zu bieten. Der bürgerliche Sansculotte, Atheist und Enzyklopädist sah überhaupt keinen Widerspruch zwischen dem Kreuzzug für die neue Göttin Freiheit und dem systematischen Gebrauch der Guillotine, um seinem Klassenfeind die Freiheit zu nehmen, seine alten Vorrechte zu verteidigen. Das entstehende Proletariat glaubte dem Versprechen der Freiheit für alle und half der Bourgeoisie sogar dabei, die Konterrevolutionäre erbarmungslos zu unterdrücken.

Das erste Stadium der bürgerlich-politischen Herrschaft ist also durch den revolutionären bewaffneten Kampf um die Machteroberung und durch die Klassendiktatur geprägt, um alle Residuen der alten Gesellschaftsordnung auszumerzen und jeden reaktionären Restaurationsversuch zu unterdrücken.

Dieser ersten Phase – mit all ihren Aspekten in den modernen Ländern, mit ihrer Wechselfolge von Operationen seitens der absolutistischen Reaktion und den entsprechenden revolutionären Wellen, denen es schließlich gelang, diese Versuche zu brechen – folgte in der modernen Welt, also den ökonomisch am fortgeschrittensten Ländern, eine zweite und sehr lange Phase, worin über die Schrecken und Auswüchse der Revolution der Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Der zur Macht gekommenen neuen Herrscherklasse, die jetzt fest im Sattel saß, gelang es, das ganze metaphysische Rüstzeug ihrer Ideologismen von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit als vollkommen logische Konsequenz ihrer neuen Weltordnung in Szene zu setzen.

Rein rechtlich gibt es keine Stände mehr, jeder Bürger steht theoretisch im selben Verhältnis zum Staat wie alle anderen und jeder kann die von ihm bevorzugten Vertreter in die Staatsorgane wählen, um seine Meinungen und sogar Interessen zum Ausdruck bringen zu lassen.

Das parlamentarische System der bürgerlichen Demokratie erlebt sein Goldenes Zeitalter und verkündet, dass nach der Durchsetzung der juristischen und politischen Gleichheit jetzt der Weg frei sei, um ohne weitere Zusammenstöße und eine nochmalige Schreckensherrschaft das harmonische Zusammenleben aller Menschen in der besten aller Welten zu verwirklichen.

Diese pyramidale Lüge wurde von der revolutionären proletarischen Kritik über Generationen hinweg bloßgestellt. In der ökonomischen Bewertung der realen Verhältnisse entspricht die politische und juristische Freiheit jener Freiheit, die eigene Arbeitskraft und Energie zu verkaufen – für die meisten Menschen eine grausame Zwangslage, da die einzige Alternative der Hunger ist.

Politisch ist der Staat nicht Ausdruck des Volkswillens, sondern ein Ausschuss für die gemeinschaftlichen Interessen der bürgerlichen Klasse, und der parlamentarische Mechanismus kann gar nicht anders, als sich für diese Interessen stark zu machen.[3]

Philosophisch gesehen ist der Sieg der Vernunft nur eine Täuschung: Auch wenn die Gedankenfreiheit nicht mehr, wie es scheint, die Exkommunikation des Pfaffen und die Überwachung durch die absolutistischen Schergen fürchten muss, so ist sie doch nur eine Illusion, weil die freie Hirntätigkeit durch die verweigerte Möglichkeit und Freiheit, die materiellen und physiologischen, die ganze Dynamik des Individuums bedingenden Bedürfnisse zu befriedigen, noch erbarmungsloser eingeschränkt wird.

Nach den romantischen Vorstellungen der bürgerlichen Literatur dieser idyllischen Periode gab es in jedem Dorf ein „Löschhorn“, den Pfaffen, und eine „Fackel“, den Schulmeister; doch die Lüge der demokratischen Erziehungs- und Bildungsmanie bestand darin, dass man vom Menschen schlechterdings nicht verlangen kann, sich zunächst eine freie und bewusste Meinung zu bilden, und dann die Möglichkeit zu haben, seine Interessen und Triebe zu befriedigen; wissenschaftlich ist es gerade umgekehrt, denn erst muss der Mensch essen, dann kann er denken.

Außer der theoretischen Kritik der proletarischen Revolutionäre verweisen auch die Tatsachen der jüngsten Geschichte dieses Scheinbild der demokratischen Ideologie in den Limbus der toten Gespenster. Während die Kollisionen zwischen den durch gegensätzliche Interessen geteilten Klassen – ungeachtet des Allheilmittels des bürgerlichen Vertretungssystems – nie aufhörten, haben die neuen monopolistischen Wirtschaftsformen des Kapitalismus und die Kämpfe um die koloniale Vorherrschaft die Völker in schwere, tragische Krisen und blutige Gemetzel gestürzt, welche jene in der Epoche des revolutionären Vormarsches der Bourgeoisie bei weiten in den Schatten stellen.

Der Kapitalismus bedurfte nicht nur in seiner Kindheitsperiode der militärischen Gewalt, um sich den Weg in die historische Zukunft zu bahnen, sondern er braucht und erzeugt Gewalt auf jeder seiner Entwicklungsstufen.

Denn je größer das Potential der industriellen Produktion wird, die Arbeitsarmeen wachsen, das kritische Bewusstsein des Proletariats klarer und radikaler wird und seine politischen Organisationen stärker werden, desto rigoroser muss die herrschende Klasseparallel zur Wandlung ihrer ökonomisch-liberalistischen zur staatsinterventionistischen Praxisihre Regierungsmethode der scheinbaren Duldung von Anschauungen und politischen Organisationen zugunsten einer autoritären und totalitären Regierungsmethode aufgeben; darin liegt die allgemeine Bedeutung der heutigen Epoche. Die neue Marschroute der Bourgeoisie bei der Geschäftsführung der Welt ist durch die unbestreitbare Tatsache bestimmt, dass – gerade aufgrund des Fortschritts in Wissenschaft und Technik – die selbständige Initiative Einzelner, die den weniger modernen und komplexeren Gesellschaften angehörte, durch ein immer dichteres, nach und nach über die ganze Erdkugel geworfenes Netz von Beziehungs- und Abhängigkeitsverhältnissen in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit abgelöst wird.

Angefangen von der Kühnheit der ersten Seefahrer bis zu den ebenso waghalsigen wie grausamen Unternehmungen der Kolonisatoren in allen Ecken und Winkeln der Welt hat die Privatinitiative ihre Wundertaten vollbracht und alle Rekorde gebrochen. Nun aber weicht sie vor der Hegemonie der gewaltigen Verflechtung koordinierten Handels in der Produktion und Distribution von Waren, in der Verwaltung der öffentlichen Dienste, in der wissenschaftlichen Forschung auf allen Gebieten zurück.

In einer Gesellschaft, die über Luftverkehr, Rundfunk, Kino, Fernsehen verfügt – alles ausschließlich gesellschaftlich zu nutzende Erfindungen –, sind autonome Initiativen nicht denkbar.

So tendiert auch die Regierungspolitik der Herrschenden, insbesondere seit einigen Dezennien und immer energischer, zu Formen strenger Kontrolle, einheitlicher Führung, einer hierarchisch stark zentralisierten Struktur.

Dieses Stadium und die moderne Politik – ein Überbau (entsprungen aus den ökonomisch monopolistischen und imperialistischen Phänomenen), den Lenin 1916 voraussah, als er sagte, dass die politischen Formen der jüngsten kapitalistischen Phase nur solche der Tyrannei und Unterdrückung sein können – dieses Stadium, das in der modernen Welt die klassische demokratisch-liberale Phase ablöst, ist eben der Faschismus.

Ein riesiger Fehler im wissenschaftlichen und historischen Sinn ist der, diese neue, mit der Zeit sich aufdrängende Politik – die eine unvermeidliche Folge und Bedingung dessen ist, dass das kapitalistische Unterdrückungssystem die Erosion seiner inneren Gegensätze überdauert – mit einer Rückkehr der reaktionären Gesellschaftskräfte der feudalen Schichten zu verwechseln, welche die bürgerlich-demokratische Politik zurückzudrängen drohten, um einer Restauration der despotischen ancien régimes Platz zu machen; wo doch die Bourgeoisie solche feudalen Gesellschaftskräfte auf dem größten Teil des Erdrundes schon seit Jahrhunderten außer Gefecht gesetzt und niedergeworfen hat.

Wen eine solche Einschätzung auch nur im Entferntesten beeindruckt und wer ihre Einflüsterungen und Befürchtungen auch nur im Geringsten teilt, steht nicht auf dem Boden des Kommunismus und der kommunistischen Politik.

Wenn und solange die Revolution des Proletariats den Kapitalismus nicht niederreißt, wird die neue Form, in der das Kapital die Welt organisiert, durch einen Prozess in Erscheinung treten, der mit den banalen und scholastischen Methoden des krittelnden Philisters nicht zu dechiffrieren ist.

Dem Einwand, die Arbeitermacht müsse zuerst in einem fortgeschrittenen industrialisierten Land statt im zaristischen und feudalen Russland erobert werden, ist von marxistischer Seite aus nie Beachtung geschenkt worden, denn die sich ablösenden Klassenzyklen sind eine internationale Sache, eine Sache des weltweiten Kräfteverhältnisses, was sich lokal dort zeigt, wo günstige historische Bedingungen zusammentreffen (Krieg, Niederlage, Lebensverlängerung überalterter Regimes, gute Organisation der revolutionären Partei, usw.).

Noch weniger verwunderlich ist es, wenn die Erscheinungsformen des Übergangs vom Liberalismus zum Faschismus bei den einzelnen Völkern dialektisch in den unterschiedlichsten Abfolgen auftreten, denn es handelt sich hier nicht um einen radikalen Übergang; nicht die herrschende Klasse ist eine andere, sondern nur die Art und Weise, ihre Herrschaft auszuüben.

Unter ökonomischem Gesichtspunkt kann der Faschismus also als ein Versuch zur Selbstkontrolle und -beschränkung des Kapitalismus gekennzeichnet werden; Zweck ist, die kritischsten Punkte der wirtschaftlichen Phänomene durch ein zentralisiertes Regelwerk in den Griff zu kriegen, da sonst die innere Gegensätzlichkeit das System in eine ausweglose Lage brächte.

Unter sozialem Gesichtspunkt kann er als Versuch seitens der mit der Philosophie und Psychologie der absoluten Autonomie und des Individualismus entstandenen Bourgeoisie gekennzeichnet werden, sich ein Klassenbewusstsein zu geben und den sich im Proletariat bedrohlich entwickelnden Klassenkräften eigene politische Gruppierungen und Militärorganisationen entgegenzustellen.

Unter politischem Gesichtspunkt ist der Faschismus das Stadium, in dem die herrschende Klasse die Formeln der liberalen Toleranz für unbrauchbar erklärt, die Einparteienherrschaft proklamiert, und die alten, in der Handhabung des demokratischen Schwindels brandig gewordenen Hierarchien der Kapitallakaien aus dem Weg räumt.

Unter ideologischem Gesichtspunkt schließlich – und hier zeigt sich dann, dass es sich nicht nur nicht um eine Revolution handelt, sondern noch nicht einmal um eine sichere, weltweite und historische Ressource der bürgerlichen Konterrevolution – verzichtet der Faschismus mitnichten darauf, was er auch gar nicht kann, die Fahnen einer Mythologie universeller Werte zu schwenken; die liberalen Postulate der Klassenkollaboration macht er, obgleich er sie dialektisch gewendet hat, zu den seinen: Er redet von Nation, nicht von Klasse, verkündet die rechtliche Gleichheit der Individuen, und gibt sein Staatsgefüge stets als einen auf die gesamte Gesellschaft gestützten Staat aus.

Die Stützpfeiler der neuen bürgerlichen Mythologie sollen also nicht mehr Freiheit, Gleichheit sein, sondern die Nation, das Vaterland, die Rasse, der fast gottgleiche Staat selbst.

Aus jeder theoretischen und philosophischen Verlegenheit sollen dieselben Mittel helfen, mit denen auch der bürgerliche Philister der wirklichen und wissenschaftlichen Demaskierung seines ideologischen Apparates zu entrinnen sucht: Die niemals zu unterdrückenden übermenschlichen Werte des Geistes, die, je nach Vorliebe, entweder dem Kopf des Menschen innewohnen oder von einer für die pharisäischen Rezepte aller Parasiten und aller Unterdrücker wohlgefälligen Gottheit ausströmen.

Auf jeden Fall wird der Kapitalismus – der weiß, dass er vor der Alternative steht: entweder den Vormarsch der revolutionären Klasse auseinanderzusprengen und somit zu verhindern, oder die entscheidende Katastrophe zu erleben – überall das Stadium durchmachen, das ökonomisch durch den Monopolismus und Staatskapitalismus charakterisiert ist, sozial durch den offenen Angriff der Weißen Garden auf die Klassenorganisationen des revolutionären Proletariats, politisch durch die mehr oder minder rasche Knebelung des burlesken Geschreis der buntgescheckten Parteien und Schreiberlinge in den parlamentarischen Kreisen, und ideologisch durch den Einsatz des ganzen Schwindels angeblich universeller Ideen und Investituren höchster Mission.

Dieses dritte bürgerliche Stadium kam erstmals in Italien zur Erscheinung, gewiss nicht aufgrund eines besonderen Entwicklungsganges des italienischen Kapitalismus, sondern aufgrund des Zusammentreffens von auf die italienische Lage einwirkenden geschichtlichen Einflüssen: zwar gewonnener Krieg, doch die Folgen waren dieselben, als wäre er verloren worden; eine durch die hohe Bevölkerungsdichte, den Mangel an Absatzmärkten und die hohe Arbeitslosigkeit bedingte Wirtschaftskrise; der Elan der ausgebeuteten Klassen mit dem Ziel einer selbständigen und radikalen Politik; die relative historische Instabilität des Staatsapparates, etc.

In Deutschland trat dieses Phänomen mit ganz anderer Tragweite zutage. Hier, wo der Kapitalismus (gestützt auf eine mächtige, trotz verlorenem Krieg unversehrte Produktionsstruktur) geradewegs aufs Ziel lossteuerte, es mit den kapitalistischen Rivalen aufzunehmen, die ihn mit einem stählernen Ring – innerhalb dessen der Druck der gegensätzlichen gesellschaftlichen Kräfte einen äußerst hohen Grad erreicht hatte – umschlossen. Hier, wo sich das von Lenin der Welt im Jahre 1919 aufgezeigte Dilemma am unerbittlichsten zeigte: weltweite Organisierung der Wirtschaft seitens des Kapitals oder seitens der Arbeit, unbarmherzige Diktatur der Bourgeoisie oder Diktatur des Proletariats.

So wie Lenin in seiner ökonomischen Diagnose feststellte, dass derjenige ein Reaktionär ist, der den frommen Wunsch hegt, der Monopol- und Staatskapitalismus könne wieder zum liberalen Kapitalismus der ersten klassischen Formen zurückkehren,[4] so muss heute klar gesagt werden, dass derjenige gleichermaßen reaktionär ist, der dem Trugbild anhängt, die liberal-demokratische Regierungsform könne sich wieder gegen die faschistische Diktatur durchsetzen, eine Diktatur, mit der die bürgerlichen Kräfte durch einen frontalen Angriff die selbständigen Klassenorganisationen des Proletariats an einem bestimmten Entwicklungspunkt zermalmen.

Angelpunkt der proletarischen Parteilehre muss die Verurteilung der These sein, wonach, angesichts der faschistischen Periode der bürgerlichen Herrschaft, die Losung der Rückkehr zum parlamentarisch-demokratischen System auszugeben sei. Die revolutionäre Perspektive ist – ganz im Gegenteil – die, dass die totalitäre Phase der Bourgeoisie rasch ihre Kräfte erschöpft und von der revolutionären Welle der Arbeiterklasse überrollt wird. Das Proletariat wird – weit davon entfernt, darüber zu trauern, dass die Chimäre der Freiheit am Ende ist – dazu übergehen, gewaltsam diese Freiheit zu zermalmen, die in der bürgerlichen Welt eben darin besteht, frei besitzen, unterdrücken und ausbeuten zu können; dieses Sinnbild der bürgerlichen Welt, das seit seinem ersten heroischen Auftreten im Feuer der antifeudalen Revolution hochgehalten wird, ebenso wie in der folgenden pazifistischen Ära der liberalen Toleranz, bis es sich in seiner letzten Schlacht zur Verteidigung seiner Institutionen, Privilegien und Ausbeutung als grausames Trugbild erweist.

Der heutige Krieg ist von den Faschisten verloren, aber vom Faschismus gewonnen worden. Trotz breitester Anstimmung des Lobgesangs auf die Demokratie wird die kapitalistische Welt, nachdem sie die Integrität und historische Kontinuität ihrer mächtigsten Staatsformationen auch aus dieser furchtbaren Situation hinüber gerettet hat, eine weitere gewaltige Anstrengung zur Beherrschung der ihnen bedrohlich gegenüberstehenden Kräfte unternehmen und ein immer rigideres Überwachungsorgan schaffen, um die wirtschaftlichen Prozesse zu kontrollieren und eine Autonomie jedweder sozialen und politischen Bewegung, die es wagen könnte, die bestehende Ordnung zu stören, zu paralysieren. So wie die legitimistischen Sieger[5] über Napoleon das Sozial- und Rechtsgefüge des neuen französischen Regimes übernehmen mussten, so werden auch die Sieger über die Faschisten und Nazis in einem mehr oder minder kurzen bzw. eindeutigen Prozess durch ihre Praxis die Notwendigkeit anerkennen (auch wenn sie es mit hohlen Erklärungen abstreiten), die durch den II. imperialistischen Krieg fürchterlich erschütterte Welt mittels autoritärer und totalitärer Regierungsmethoden, die zuerst in den jetzt besiegten Staaten erprobt werden, zu organisieren.

Die grundsätzliche Richtigkeit des hier Gesagten ist weniger das Ergebnis schwieriger, paradox erscheinender kritischer Analysen, vielmehr bestätigt es sich in dem Organisationsaufwand, der jeden Tag zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kontrolle der Welt betrieben wird.

Einst individualistisch, liberalistisch, isolationistisch und national, veranstaltet die Bourgeoisie jetzt ihre internationalen Kongresse; so wie die Heilige Allianz[6] die bürgerliche Revolution durch eine Internationale des Absolutismus zu stoppen versuchte, so sucht die kapitalistische Welt heute ihre Internationale zu gründen, die nur zentralistisch und totalitär ins Leben treten kann.

Die Frage ist, ob diese Internationale ihre wesentliche historische Mission erfüllen kann, die – unter der Parole, eine Wiederkehr des Faschismus abwehren zu wollen – faktisch und immer augenfälliger darin besteht, die revolutionäre Kraft der Internationale des Proletariats zu bezwingen und zu zerschlagen.

Quelle:

„Le tesi della Sinistra (3): L’assalto del dubbio revisionista ai fondamenti della teoria rivoluzionaria marxista – Il ciclo storico dell’economia capitalistica – Il ciclo storico del dominio politico della borghesia“: Prometeo, Nr. 5, Januar/Februar 1947.

 


[1] Zu den „Thesen der Linken“ gehören ebenfalls: (1) „La Russia sovietica dalla rivoluzione ad oggi“, Prometeo, Nr. 1, Juli 1946, und: (2) „La classe dominante italiana e il suo Stato nazionale“, Prometeo, Nr. 2, August 1946.

Einzelne Passagen der „Thesen“ wurden schon vor dem Ende des Krieges in Italien verfasst.

[2] So der ursprüngliche Titel des 1916 geschriebenen „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, LW 22.

[3] „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“ [MEW 4, S. 464].

[4] Siehe hierzu insbesondere die Kritik an Kautsky: „IX. Kritik des Imperialismus“ in LW 22, S. 290 ff.

[5] Als Legitimisten wurden in Frankreich u.a. diejenigen bezeichnet, die weiterhin die Ansprüche des Hauses der Bourbonen als die legitimen Herrscher von Gottes Gnaden unterstützten.

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[6] Heilige Allianz: Bündnis, das die drei Monarchen Russlands, Österreichs und Preußens nach dem endgültigen Sieg über Napoléon Bonaparte am 26. September 1815 in Paris abschlossen. Frankreich trat der Allianz 1818 bei.