Die Thesen der Linken (4)[1]

Der historische Verlauf der Klassenbewegung des Proletariats – Kriege und opportunistische Krisen

Das Auftreten der bürgerlichen Ordnung wird von Anfang an von ersten revolutionären Regungen des Proletariats begleitet. Sofort nach seinem Bündnis mit dem revolutionären Dritten Stand, dem er beide Hände gereicht hatte, trat der Vierte Stand, d.h. die Klasse der Arbeiter, in den Vordergrund, in der Erwartung, dass die Versprechen, die die junge Bourgeoisie den Bundesgenossen gemacht hatte, eingelöst würden. Es kam zu ersten Zusammenstößen, und derselbe Terror, den die Bourgeoisie zur Niederschlagung der feudalen Konterrevolution eingesetzt hatte, richtete sich jetzt gegen die ersten Erhebungsversuche der Arbeiter. In der französischen Revolution wurde diese Seite der Geschichte vom „Bund der Gleichen“ (Gracchus Babeuf) aufgeschlagen, der gleich nach dem Schreckensregime eine Bewegung der ökonomischen und sozialen Gleichheit zu errichten suchte, um dann durch die grausame Repression des bürgerlichen Staates erdrückt zu werden.

Doch bei all diesen ersten Bewegungen ist der Klassencharakter noch sehr nebulös. Als geschichtlich isolierte Phänomene traten noch einige Jahrzehnte lang einerseits die Kollisionen zwischen Fabrikherrn und Arbeitern auf (die in Frankreich, England und anderen Ländern auch zu blutigen Zusammenstößen führten), und andererseits die ersten sozialistischen und kommunistischen Systeme, worin eine aus der bürgerlichen Revolution entwickelte Kritik der Gesellschaft umrissen und die Forderung nach einer neuen Gesellschaftsordnung ohne wirtschaftliche Disparitäten aufgestellt wurde.

Die Theoretiker dieser ersten Systeme[2] dachten nicht daran, den geopferten Massen selbst die Aufgabe der Abschaffung der wirtschaftlichen Missstände anzuvertrauen. Da sie weiterhin im metaphysischen Kielwasser der Aufklärung dachten und handelten, glaubten sie, Kraft eines politischen Bewusstseins und einer allgemeinen Moral die führenden Klassen selbst, also Staatsregenten und Monarchen, zur Einsicht zu bringen.

Die Unreife der geschichtlichen und wissenschaftlichen Bedingungen hatte bei diesen ersten sozialistischen Entwürfen sogar eine Apologie der untergegangenen reaktionären und feudalen Formen zur Folge, nur um die Habgier der kapitalistischen Ausbeutung anzuprangern. In den modernsten, wenn auch immer noch unvollständigen und unzureichenden Systemen übernahmen die ersten Sozialisten alle Postulate und Ergebnisse der bürgerlich-demokratischen Revolution, und sie mühten sich, sie in einer historischen Entwicklung zu verankern, um die weiteren Forderungen zum Zuge kommen zu lassen, die die gewaltige und wachsende Kluft zwischen den privilegierten Klassen der Unternehmer und den besitzlosen Arbeitern verkleinern würde.

Neben den beiden Eckpfeilern: materialistische Geschichtsauffassung und Mehrwerttheorie, ist die kritische Überwindung jedes Utopismus einer der Wesenszüge der 1848 im „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Marx und Engels verkündeten neuen Lehre der proletarischen Bewegung. Das Ziel der kommunistischen Gesellschaft erscheint nicht mehr als Entwurf einer neuen Gesellschaftsverfassung, der realisiert wird, weil die Gerechtigkeit und Vollkommenheit seines Aufbaus alle zu überzeugen vermag, sondern dieses Ziel wird selbst Gegenstand und abschließende Entwicklung des ununterbrochenen, die ganze historische Stufenfolge des bürgerlichen Regimes begleitenden Klassenkampfs zwischen Kapitalisten und Arbeitern. Das Auftreten des Sozialismus ist keine Vervollständigung und Ergänzung der liberalen Demokratie, sondern eine neue Geschichtsepoche, die die alte dialektisch negiert und diese nur durch die revolutionäre Insurrektion als Höhepunkt des Klassenkampfes hinter sich lassen wird.

Während so die Grundlagen der kommunistischen Theorie festgelegt werden, tritt an allen Ecken und Enden der kapitalistischen Welt die proletarische Bewegung hervor. Der einzelne Arbeiter, dem die errungene Freiheit, seine Arbeitskraft zu verkaufen, und dem das durch die bürgerliche Revolution erzeugte juristisch und psychologisch bestimmte individualistische Milieu nur die Alternative lässt, sich entweder den Arbeitsbedingungen zu beugen oder elend zugrunde zu gehen, tritt diesem Abhängigkeitsverhältnis – auf praktischer Ebene und bevor er ein theoretisches Bewusstsein davon hat – mit einer neuen Waffe: der ökonomischen Assoziation entgegen. Dem Reich der unbegrenzten individuellen Freiheit – dem ökonomisch die zügellose Konkurrenz entspricht, welche es der Arbeitgeberschaft leicht macht, denjenigen, der sich den Arbeitsbedingungen verweigert, durch einen anderen Hungerleider zu ersetzen – wird die gewerkschaftliche Organisation entgegengestellt. Sie schließt für alle ihre Mitglieder Tarifverträge ab und ist umso schlagkräftiger, je mehr Lohnarbeiter sich in ihren Reihen befinden.

Das theoretische System des bürgerlich-liberalen Rechts lehnt diese neue Form zunächst ab, da es dahin tendiert, zwischen Individuum und Staat keine andere Beziehung als den Mechanismus der Abgeordnetenwahl zuzulassen, die allerdings nicht dazu taugt, eine Waffe der selbständigen Klassenaktion zu werden. In ihrer Kindheitsperiode weist die Bourgeoisie daher die wirtschaftlichen Arbeiterorganisationen zurück, erklärt die Streiks für illegal und schlägt sie gewaltsam nieder.

Doch sehr bald schon, im Übergang zur zweiten, scheinbar ruhigen liberalen Periode, erkannte die Bourgeoisie, dass es ihr zum Vorteil gereichte, die Arbeiterassoziationen zu legalisieren. Sie durch staatliche Maßregeln zu verbieten, trieb das Proletariat nur direkt in den politischen Kampf, so wie auch die Herausbildung seines Klassenbewusstseins dadurch beschleunigt wurde. Das alles zeigte wiederum, dass die gewerkschaftlichen Errungenschaften zwar die Arbeitssituation temporär erträglicher machen, doch nicht die soziale Frage lösen konnten, ohne das Monopol der politischen Macht und der Staatsmacht anzugreifen.

Seit dieser Zeit ist mehr als deutlich, dass die politische Partei der Arbeiterklasse alle Arbeiterunruhen als Hebel nutzen muss, um einen größeren Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Berufsgruppen, den Arbeitern der verschiedenen Städte und Länder, herzustellen. Die Bewegung wird dadurch zu einer einheitlichen Kraft aller Arbeiterschichten gegen die Fundamente der kapitalistischen Institutionen, und die Arbeiter befassen sich zwangsläufig mit den allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen und denen der Landes- und Weltpolitik.

Dieser Übergang von vereinzelten und lokalen Unruhen zur allgemeinen politischen Bewegung des Proletariats tritt sowohl als räumliche, grenzüberschreitende Erweiterung der Basis in Erscheinung als auch als zeitlicher Brückenschlag, insofern das, was am Ende des gesamten Zyklus der Klassenbewegung in der und gegen die bürgerliche Welt verwirklicht werden wird, Richtung und Ziel angibt. Diese Aufgabe erfüllte die I. Arbeiterinternationale, auch wenn sie sich wegen der Unreife der allgemeinen historischen Bedingungen vor viele Hindernisse gestellt sah.

Die Perspektive, die erste proletarische Revolution direkt aus der dritten großen bürgerlichen Revolution 1848 in Deutschland hervorgehen zu lassen, hatte mit der Niederlage der Arbeiterkräfte geendet, genauso wie in anderen Ländern Europas, namentlich in Frankreich. Eben dieselbe Perspektive stellte die Klassenbewegung vor theoretische und organisatorische Unsicherheiten und Schwierigkeiten, weil sich noch bürgerliche Einflüsse geltend machen konnten, die sich zum einen als verworrene aufklärerische und humanistische pseudo-sozialistische Strömungen zeigten, und zum anderen in den Erfolgen der anarchistischen Bewegung zutage traten, welche sich von Anfang an der marxistisch kommunistischen Bewegung entgegengestellt hatte. Der Anarchismus verkündet eine scheinbar radikalere Lösung der Revolutionsfrage, da er in einer einzigen großen Schlacht gleichzeitig Gott, den Fabrikherrn und den Staat abschaffen will. Dieser Auffassung – die deshalb bedeutsam ist, weil in ihr, wie auch in der kommunistischen Theorie, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und somit ohne Staatsgewalt als Ziel gefasst ist – fehlt in Wirklichkeit die richtige, dem Marxismus eigene Bestimmung des historischen Verlaufs, wonach der Umsturz der politischen Macht der Bourgeoisie und die Errichtung des proletarischen Staates die einzigen wirklichen Mittel sind, um die Vernichtung des kapitalistischen ökonomischen Privilegs möglich zu machen, wobei nur die in ihrer klassenbewussten politischen Partei eingegliederten Proletarier die Protagonisten dieses Kampfes sein können. Der Anarchismus hingegen stellt seine Postulate als metaphysische Forderungen „des Menschen“ als solchem auf, sieht in den historischen Perioden, die den weiteren Verlauf bedingen, nur willkürliche, der naturgegebenen Freiheit und Gleichheit des Individuums hinderliche Zwänge: Trotz des Plädoyers für den Gebrauch der Gewalt fällt er so letztendlich doch in die Sterilität der bürgerlichen Ideologismen zurück.

Wenn wir den Prozess auf Weltebene und in groben Zügen betrachten, lässt sich sagen, dass die internationale Bewegung die Krise, die sich in dem Kampf zwischen Marx und Bakunin ausdrückte, ungefähr in der höchsten Phase des zweiten Stadiums des bürgerlich-politischen Zyklus überwindet, d.h. als der Kapitalismus, der jetzt nicht mehr eine feudale Restauration fürchten musste und von der proletarischen Revolution noch nicht ernsthaft bedroht war, das demokratisch-parlamentarische Regime vollständig durchsetzen konnte und für die nächsten Jahrzehnte von großen militärischen Konflikten auf europäischer und internationaler Ebene noch meilenweit entfernt zu sein schien.

In dieser Zeit bildeten starke gewerkschaftliche Organisationen und große sozialistische Parteien mit breiter parlamentarischer Vertretung das Rückgrat der in der II. Internationale reorganisierten Arbeiterbewegung. Obwohl sie sich zur theoretischen Orthodoxie gegenüber den marxistischen Grundsätzen bekennt, schleichen sich immer mehr revisionistische Auffassungen ein, was, fast unmerklich, zur Aufgabe eben dieser Orthodoxie führt.

Nach der revisionistisch-reformistischen Anschauung wird der Kapitalismus zwar der sozialistischen Ökonomie das Feld überlassen müssen, doch bedarf diese Transformation nicht mehr notwendig der revolutionären Katastrophe und des gewaltsamen Klassenzusammenstoßes: Der bürgerliche Staat kann nach und nach vom proletarischen Einfluss durchlöchert werden, so dass sukzessive legale Maßnahmen und soziale Reformen den Charakter der ökonomischen Gesellschaftsorganisation umwandeln. Das größte Augenmerk müsse demnach einerseits auf die unmittelbaren gewerkschaftlichen Forderungen, andererseits auf die Sozialgesetzgebung gerichtet werden, die durch immer mehr sozialistische Delegierte in den bürgerlichen Parlamenten durchgesetzt werden könne. Der rechte Flügel dieser Strömung setzte sich, wenn auch gegen den Widerstand des besten Teils der Sozialisten, offen für das Wahlbündnis mit den linksbürgerlichen Parteien wie auch für die Teilnahme sozialistischer Minister in der Regierung (Possibilismus)[3] ein.

Eine andere revisionistische Strömung, der revolutionäre Syndikalismus, schien die Antwort auf diesen reformistischen Revisionismus zu sein: der gewerkschaftlichen und parlamentarischen „Arbeitsgemeinschaft“ setzte er die „direkte Aktion“ entgegen, vor allem den Generalstreik, der die Expropriation der Kapitalisten erkämpfen sollte. Doch in Wirklichkeit kam auch er vom richtigen Weg ab, sei es, weil er neo-idealistischen und voluntaristischen bürgerlichen Tendenzen entspringt, sei es, weil er glaubte, allein die ökonomischen Organisationen könnten die Aufgabe des proletarischen Emanzipationskampfes erfüllen, wobei die marxistische Formel: „Die politische Partei der Arbeiterklasse und die Diktatur des Proletariats gegen den Staat der Bourgeoisie“ durch die Aussage: „Die Gewerkschaft gegen den Staat“ ersetzt wurde. Die reformistische Entartung hatte bei der syndikalistischen „Linken“ zur Folge, die politische Aktion mit der parlamentarischen Arbeit und Wahlkämpfen zu verwechseln, während es der revolutionäre Kampf ist, der als historisch höchste Form der politischen Aktion, daher Parteiaktion, behauptet werden muss.

In dieser Situation sah sich die proletarische Internationale mit den Problemen des wuchernden Imperialismus und des Kriegs um die Absatzmärkte konfrontiert, denen die der politischen Lehre des Proletariats treu bleibenden revolutionären marxistischen Linken zunehmend Widerstand entgegensetzten.

Ebenso wie sich die in die Irre geführten Revolutionäre im I. Weltkrieg leider auf der Seite der triumphierenden bürgerlichen Reaktionäre wiederfinden sollten, wurde auch der politische Bankrott der II. Internationale offenkundig: Für sie sollte der Kriegsausbruch zwischen den Staaten als der geeignetste Moment für den Generalstreik in allen Ländern und den Angriff auf die bürgerliche Macht ausgenutzt werden; doch fast überall schlossen sich die sozialistischen Parteien der Politik ihrer jeweiligen Regierungen an, und die Losung des Klassenkampfes wurde durch die der nationalen Solidarität ersetzt.

Die Proletarier, die nichts als ihre Ketten zu verlieren haben („Manifest“), hätten angeblich entdeckt – so die Aussagen ihrer Führer –, dass es viele Werte zu verteidigen gelte: die Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes (gemäß der Auffassung, dass die ideologische Mobilisierung der Massen durch die Herrschenden zugleich die Mobilisierung der Massenarbeitskraft für den Krieg rechtfertigt), und den demokratischen Inhalt der bürgerlichen Revolution. Diese kostbaren Errungenschaften würden nun von einem über die Welt gekommenen Phantom bedroht: dem Phantom der Wiederkehr eines despotischen, absolutistischen, theokratischen, feudalen, in den Regimen der Deutschen Reiche verkörperten Mittelalters. Indem sie jede marxistische Bewertung der neuzeitlichen Geschichte auf den Kopf stellte, brachte diese Theorie alle Beweggründe der proletarischen Aktion und Politik auf diese vorgebliche Bedrohung herunter, was auch in Italien Früchte trug; vertreten wurde diese Ideologie durch die sogenannte interventionistische Bewegung, die sich für den Kriegseintritt auf Seiten der Entente stark machte; ihr Anführer war derselbe Mann, der später an der Spitze des faschistischen Regimes stand.[4]

Die Reaktion auf dieses theoretische, organisatorische und politische Desaster drückte sich innerhalb der proletarischen Bewegung in jenen Kräften aus, welche die III. Internationale ins Leben riefen und sich eng um die revolutionäre proletarische Partei Lenins scharrten, die den ersten Sieg des Proletariats im Kampf um die Machteroberung in einem großen Land errungen hatte.

* * *

Zwei Jahrzehnte später und angesichts des zweiten der imperialistischen Kriege stellt sich die Weltlage, die durch noch gewaltigere Mittel zur Indoktrinierung der Arbeiterklasse geprägt ist, als völlig identisch mit der des I. Weltkriegs dar. Auch dieses Mal hat die imperialistische Propaganda auf allen Seiten der Front ein Hirngespinst geschaffen, in dessen Namen die Arbeiter aller Länder von jeglicher Klassenkampfvorstellung abrücken und ihre Kräfte im Namen der nationalen Solidarität mit denen der führenden Staaten zusammentun müsse.

Sowohl Faschisten und Nazis als auch im anderen Lager die Demokraten sind unter derselben Losung ins Feld gezogen: Nicht von Klasse, sondern von Volk ist die Rede, von politischer Einheit aller Parteien und gemeinsamen Kriegsanstrengungen. Alle Lager brachten in Italien die gleiche Losung unter die erwartungsvollen Massen, sowohl vor als auch nach dem 25. Juli 1943, [5] sowohl diesseits als auch jenseits des hin- und herwogenden Frontverlaufs, die die beiden Italien voneinander schied: nationale Einheit, Bündnis aller Klassen, Krieg und Sieg.

Was das Lager der Alliierten betrifft, in dem Italien sich de facto befindet, ist das Phantom von 1914 mit noch größerem Geschick und noch mächtigeren Mitteln der modernen Propagandamaschinerie wieder hervorgeholt worden: Anstelle des von den damaligen Interventionisten gemalten Gruselbildes von Wilhelm II. haben wir heute die nazi-faschistische Achse, und die grotesken Figuren eben desselben Mussolini und den Diktator Hitler, deren psychiatrische Krisen der Motor der Geschichte sein sollen, nicht mehr aber die ökonomischen Interessengegensätze und der Kampf um gesellschaftliche Privilegien.[6]

Das Weltproletariat habe nur die Pflicht, sich ganz auf eine Seite der Front zu stellen: Hüben soll es disziplinierter Soldat sein, drüben defätistischer Revolutionär; und natürlich findet sich hinter der Front dasselbe propagandistische Rüstzeug, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Frage hat eine so tiefreichende Bedeutung, dass ohne die erbarmungslose Zertrümmerung dieses gewaltigen Lügenapparates der politische Kurs des Proletariats nicht wiederhergestellt werden kann.

Zwei Thesen stehen zur Wahl: Die eine besagt, dass die Verteidigung einer Reihe, vom Hirngespinst der faschistischen Reaktion bedrohten Errungenschaften, gemeinsames Erbe aller modernen Menschen unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung sei, und diese Gefahr Grund genug sei, den Klassenkampf und die Revolution zu vertagen. Die andere These beschreibt ein System von Aussagen, auf dessen Grundlage sich die Emanzipationsbewegung des Proletariats schon einige Male erhob, organisierte und in die geschichtliche Aktion stürzte. Wenn sich diese Bewegung noch zu neuen Kämpfen rüsten und wiedererheben kann, dann – national und international – deshalb, weil sie sich von den ideologischen Schemata der „Klassenbündnisse“ löst, die auf der einen Seite mit der Mystik und den Theologien des Vaterlandes und der Blutsgemeinschaft begründet werden, auf der anderen Seite mit denen des Liberalismus „zur innerlichen und äußerlichen Anwendung“, dessen Bewahrer aufgrund ihrer Tradition von Ehrbarkeit und politischer gentilhommerie[7] einige Länder der kapitalistischen Welt seien.

So wie die III. Internationale Lenins auf Grundlage der Kritik des sozialdemokratischen und sozialpatriotischen Opportunismus (der den Bankrott der II. Internationale bewirkt hatte) gegründet wurde und zum großen revolutionären Sieg in Russland geführt hatte, so ist auch die Kritik des Neo-Opportunismus (in den die III. Internationale selbst bis zu ihrer auch offiziellen Liquidierung versank) der erste Schritt in Richtung Wiedererstehung der revolutionären Internationale des Proletariats. Das Phänomen des Neo-Opportunismus hat sich wegen der Schwere und Ausdehnung der aktuellen Krise, die die proletarische Bewegung den ganzen II. Weltkrieges hindurch begleitete, sogar als noch schwerwiegender herausgestellt.

Mit dem Wort „Opportunismus“ sollte in den Jahren zwischen 1914 und 1919 nicht einfach ein moralisches Urteil über den Verrat der Arbeiterführer gefällt werden, die im entscheidenden Moment Losungen ausgaben, die denen der Propaganda der vorhergehenden Jahre diametral entgegengesetzt waren und sich so als Agenten der Bourgeoisie erwiesen. Der Opportunismus ist eine historische und gesellschaftliche Erscheinung, ein Aspekt in der Verteidigung der bürgerlichen Klasse gegen die proletarische Revolution, ja, der Opportunismus der proletarischen Hierarchien ist sogar die Hauptwaffe dieses Abwehrkampfes, ebenso wie der Faschismus die Hauptwaffe der damit engstens verbundenen bürgerlichen Gegenoffensive ist: beide Mittel dienen demselben Zweck und ergänzen sich.

So wie der Kapitalismus in der imperialistischen Phase seine ökonomischen Widersprüche durch ein Kontrollsystem in den Griff zu kriegen und alle sozialen und politischen Handlungen mittels eines gigantischen Staatsapparates durchzuorganisieren sucht, so modifiziert er auch seinen Kampf gegenüber den Arbeiterorganisationen. Hatte die Bourgeoisie sie im ersten Stadium verboten, im zweiten zugelassen, verstand sie im dritten Stadium, dass sie diese Organisationen weder unterdrücken konnte noch sie sich selbständig entwickeln lassen durfte, und so entschloss sich die herrschende Klasse, sie durch alle möglichen Mittel in ihren Staatsapparat zu integrieren. Ein Apparat, der zu Beginn des kapitalistischen Zyklus ein exklusiv politischer Apparat gewesen war, wurde im imperialistischen Stadium zu einem gleichzeitig politischen wie ökonomischen, wobei der Staat der Kapitalisten und Fabrikbesitzer in einen Staat des Kapitals und Besitzes verwandelt wurde. Für die Arbeiterführer baute man in diesem breiten bürokratischen Netzwerk goldene Käfige, und mithilfe der tausend Formen von Schiedsgerichten, Sozialdiensten und Einrichtungen mit der Funktion, ein Gleichgewicht zwischen den Klassen herzustellen oder zu gewährleisten, wurden die Arbeiterführer von der Staatsbürokratie aufgesaugt und hörten auf, von den autonomen Kräften der Bewegung getragen zu sein.

Begreiflich, dass diese Hierarchie, die demagogisch die Sprache des Klassenkampfs und der proletarischen Forderungen gebraucht, zu keinerlei Aktion gegen den bürgerlichen Machtapparat mehr taugt.

Der Opportunismus konkretisiert sich in dem Phänomen, dass die Führungsorgane der Arbeiterklasse in den für die bürgerliche Gesellschaft kritischen Momenten, also genau in jenen, in denen Parolen für entscheidende Kämpfe ausgegeben werden müssten, plötzlich „entdecken“, es sei notwendig, für andere Ziele zu kämpfen, Ziele, die nicht mehr die der Klasse sind, sondern ein Bündnis zwischen den Arbeiterkräften und einem gewissen Teil der Bourgeoisie nötig machten.

Das politische Bewusstsein der Arbeiter stützt sich vor allem auf die Wirkung und Kontinuität der Aktionen ihrer Klassenpartei. Wenn also die Führer, die Propagandisten, ihre Parteipresse, vor entscheidenden Kämpfen urplötzlich eine andere Sprache sprechen – eine Sprache, die durch die erfolgreichen Machenschaften der seitens der Bourgeoisie auf den Plan gerufenen Opportunisten bestimmt wird –, ist die Verwirrung unter den Massen die unvermeidliche Folge, ebenso wie das fast sichere Scheitern jeden Versuchs selbständiger Aktionen.

Vor dem vorwärts stürmenden Proletariat tat sich ein wahrer Abgrund auf, als der Opportunismus der II. Internationale „entdeckte“, dass die Ziele des Sozialismus zurückgestellt werden müssten, um sich jetzt für die nationale Unabhängigkeit und die westliche Demokratie zu schlagen (in Deutschland ging es damals darum, für die Kultur und Zivilisation und gegen die zaristische und asiatische Despotie zu kämpfen). Immerhin beteuerten die opportunistischen Führer, es handele sich nur darum, der Bourgeoisie einen zeitweiligen Waffenstillstand zuzubilligen; wenn der Krieg zu Ende sei, würden Klassenkampf und Internationalismus wieder zu ihrem Recht kommen. Die Geschichte entlarvte dieses Versprechen als Fiktion, denn als das siegreiche Proletariat in Russland und die Proletarier in anderen Ländern den Kampf gegen die bürgerliche Macht aufnahmen, schloss sich der sozialdemokratische Apparat mit den reaktionärsten Bürgerlichen zusammen, um die Revolution niederzuschlagen.

Im II. Weltkrieg gab der Opportunismus, der die III. Internationale – deren Entwicklungsgang am besten mit dem Verlauf in Russland von 1917 bis heute untersucht werden kann – durchdrungen hatte, eine im defätistischen Sinne noch viel weitgehendere Losung als die des klassischen und von Lenin zerschmetterten Opportunismus. Die Neo-Opportunisten planten, der Bourgeoisie einen Burgfrieden zu verschaffen und sogar in den nationalen Regierungen wie auch beim Aufbau neuer internationaler Institutionen direkt mitzuarbeiten, und zwar nicht nur für die Dauer des Krieges und bis zur Zerschlagung des nazistischen Ungeheuers, sondern für eine ganze darauffolgende geschichtliche Periode, deren Ende nicht abzusehen war. Gemeinsam mit allen Organen der bestehenden Ordnung müsse das Weltproletariat den Anfängen der faschistischen Gefahr wehren und beim Wiederaufbau der durch den Krieg verwüsteten – natürlich durch den Krieg der Achsenmächte verwüsteten – kapitalistischen Welt mitarbeiten. Heute ist also noch nicht mal mehr die Rede davon, nach dem Krieg zur selbständigen Klassenaktion zurückzukehren.

Diese Zusammenarbeit beim Wiederaufbau der in der Kriegstragödie in Flammen aufgegangenen kapitalistischen Akkumulation ist in Wahrheit nichts anderes als die grausamste Lohnsklaverei, mit doppelter Auspressung: die, die den normalen Profit erzeugt, plus die, die den ungeheuren Wert des zerstörten Kapitals ersetzt. Diese Phase, gekennzeichnet durch andere Formen der Auspressung als den Blutzoll während des Krieges, wird auf den beherrschten Klassen noch schwerer lasten. Zum anderen wird die neue Weltordnung, die sich der proletarischen Kollaboration vergewissern will – wobei die Arbeiter mit dem Versprechen von Frieden und Sicherheit geködert werden –, das erste Beispiel eines konservativen globalen Gerüstes sein, dazu bestimmt, die ökonomische Unterdrückung zu verewigen und jeden revolutionären Versuch im Keim zu ersticken.

Im politischen Programm der internationalistischen kommunistischen Partei, welche dieselbe Aufgabe hat wie die gegen den Opportunismus kämpfenden Gruppen der II. Internationale in den Jahren 1914 bis 1919, werden die Begriffe und Positionen zu all diesen die moderne Welt bestimmenden Erscheinungen sowie der vor uns stattfindende geschichtliche Wendepunkt als Eckpfeiler einer Anschauungs-, Organisations- und Kampfgrundlage herausgearbeitet werden müssen, dessen Prämisse die Kontinuität zu den Traditionen des revolutionären Marxismus ist.

Dass die Bourgeoisie die Arbeiterklasse für den Kampf um die Realisierung der bürgerlichen Forderungen gewinnen kann, ist der normale Verlauf der Geschichte. Dies vermag sie nicht nur dann, wenn diesen Postulaten historische Bedeutung anhaftet (wie es in Frankreich 1789, in Deutschland 1848, in Russland 1905 und im Februar 1917 der Fall war), sondern sogar dann, wenn es sich um weniger entscheidende Wendepunkte des kapitalistischen Entwicklungsgangs handelt. Kaum haben die proletarischen Phalangen ihre Aufgabe als mächtige Bundesgenossen erfüllt und versuchen, den Schwung, den sie aus den Ereignissen mitgenommen haben, zu nutzen, um eine selbständige Rolle zu spielen, setzt die Bourgeoisie auch schon – ohne ihre ideologisch links stehenden politischen Organisationen auswechseln zu müssen – ihre geballte und eben erst eroberte Staatsmacht ein, um die proletarischen Formationen gewaltsam zu bekämpfen und auseinanderzusprengen (wie in Frankreich 1848 und 1871, in Deutschland 1918, in Russland – erstmals erfolglos – zwischen 1917 und 1920).

Trotz des spektakulären und von Erfolg gekrönten Appells, dem nicht nur die opportunistischen Führer der Arbeiterbewegung, sondern auch die irregeführten und sich aufopfernden Partisanenkämpfer folgten, den Alliierten in ihrem Kampf gegen den Faschismus tatkräftig unter die Arme zu greifen, wird auch nach diesem Krieg – und dies muss die Klassenpartei des Proletariats voraussehen können – eine nicht minder starke Repression als die faschistische gegen jene irregulären bewaffneten Organismen in Gang gesetzt werden (und in der Tat ist dies in vielen „befreiten“ Ländern schon geschehen), die versuchen, eigene und selbständige Ziele zu verwirklichen und die im Kampf gegen die Deutschen und die Faschisten eroberte Macht lokal zu behaupten.

Selbst die Gewerkschaftsbewegung wird kastriert werden, und zwar exakt nach eben der vom Faschismus eingeführten Vorgehensweise, also mittels der rechtlichen Anerkennung der Gewerkschaften, was ja ihre Umwandlung in Organe des bürgerlichen Staates bedeutet. Es wird sich zeigen, dass der Plan, die Arbeiterbewegung zu erschöpfen (ein Plan, der dem reformistischen Revisionismus kennzeichnet: Labourismus in England, Ökonomismus in Russland, reiner Syndikalismus in Frankreich, reformistischer Syndikalismus erst à la Cabrini-Bonomi, dann à la Rigola-D’Aragona in Italien), sich im Wesentlichen mit dem Plan des faschistischen Syndikalismus, mit dem Korporativismus Mussolinis und dem Nationalsozialismus Hitlers deckt. Der einzige Unterschied ist der, dass die reformistische Vorgehensweise einer Phase entsprach, in der die Bourgeoisie nur an die Abwehr der revolutionären Gefahr dachte, während die zweite Methode der Phase entspricht, in der sie infolge des stärker werdenden proletarischen Drucks zur Offensive übergeht. In keinem der beiden Fälle wird sie eingestehen, als Klasse zu handeln; vielmehr wird sie stets erklären, sich an die Erfüllung bestimmter wirtschaftlicher Forderungen der Arbeiterbewegung halten und eine Klassenzusammenarbeit verwirklichen zu wollen.

Die zweite Konstellation ist die faschistische Gegenoffensive, die dadurch, dass sie die Arbeiterbewegung offen und gewaltsam zu eliminieren versucht, deren verhohlen opportunistische Vereinnahmung bzw. staatliche Integration beschleunigt. Da sie sich in der Regel in den besiegten und vom Krieg stark verwüsteten Ländern vorfindet, wird sich das konterrevolutionäre Weltbündnis schwer hüten, die Territorien der Kriegsverlierer sich selbst zu überlassen. Es wird sie hingegen der Aufsicht der global agierenden Bourgeoisie unterstellen und nur unter ihrer Kontrolle und Verwaltung stehende Organisationen zulassen, und zwar erklärtermaßen für lange Zeit, nicht aber, wie behauptet, um das Wiederauftreten rechter Diktaturen, sondern um jede Form sozialen Aufruhrs zu verhindern.[8]

Es werden daher nicht bloß die besiegten, sondern auch die alliierten, von der feindlichen Besatzungsmacht befreiten Länder der Kontrolle unterworfen. Mehr noch, es wird eine Diktatur großer staatlicher Agglomerate geben. Die kleineren Staaten werden kolonisiert werden; weder werden sie eine eigene lebensfähige Wirtschaft noch eine autonome Verwaltung und Innenpolitik haben, und erst recht keine nennenswerten, frei verfügbaren militärischen Kräfte.[9]

Vom spektakulären Schwindel der heuchlerischen Wilson‘schen Ideologien beseelt,[10] bestand in Europa zwischen den beiden Weltkriegen, nach dem Versailler Frieden, eine ähnliche, wenn auch weniger zugespitzte Lage. In den kommunistischen Thesen war damals die Rede von nationaler und kolonialer Unterdrückung parallel zur Klassenunterdrückung in den Metropolen. Heute, wo Amerika keinen Isolationismus mehr vortäuscht, sondern sich in Friedens- wie Kriegszeiten in die Angelegenheiten aller Kontinente einmischt, muss eher von einer staatlichen Unterdrückung gesprochen werden, von einem Vasallentum der kleineren bürgerlichen Staaten im Verhältnis zu ein paar großen imperialen Staatsmonstern, so wie auch die Grundbesitzer und neuen Kapitalisten in den Ländern der farbigen Völker deren Vasallen sind.

Statt einer Welt der Freiheit wird der Krieg eine Welt noch größerer Unterdrückung mit sich gebracht haben. Als das neue faschistische System – Produkt der höchsten imperialistischen Phase der bürgerlichen Ökonomie – die Länder, in denen sich die herkömmliche liberale Lüge noch behaupten konnte und somit ein geschichtlich überholtes Stadium überlebt hatten, politisch erpresste und militärisch herausforderte, blieb dem dahinsiechenden Liberalismus keine Alternative übrig: Entweder würden die faschistischen Länder den Krieg gewinnen oder ihre Gegner, aber nur unter der Bedingung, in die Fußstapfen der politischen Methodologie des Faschismus zu treten. Also kein Konflikt zwischen zwei Ideologien oder zwei Auffassungen des politischen Lebens, sondern notwendiger Prozess einer neuen Form der bürgerlichen Welt, die noch schärfer, noch totalitärer, noch autoritärer und noch entschlossener, ohne Kosten und Mühen zu scheuen, für ihren Machterhalt und gegen die Revolution kämpfen wird.

* * *

Reagierte die Bewegung der Arbeiterklasse schon unzureichend auf die Einflüsterungen der bürgerlichen Propaganda, die ausschließlich darauf gerichtet war, den imperialistischen I. Weltkrieg als Konflikt zwischen zwei Ideologien und als zwei verschiedene Schicksalswege der modernen Welt erscheinen zu lassen, so ist sie der analogen, den II. Weltkrieg verbrämenden Propaganda auf beiden Seiten der Front noch mehr auf den Leim gegangen. Für die Zukunft der revolutionären Internationale ist es unerlässlich, die kritische proletarische Position zur Funktion des Krieges wiederherzustellen.

Die Staaten ziehen nicht in den Krieg, um der Welt soziale und politische Ordnungen aufzuzwingen, die ihren eigenen ähneln: Dies ist eine voluntaristische und teleologische Ansicht, die, wäre sie annehmbar, bedeuten würde, die marxistische Methode ad acta legen zu müssen.

Ohne Frage ist der Krieg, wenn er materialistisch und vom Klassenstandpunkt aus analysiert wird, eine Resultante gesellschaftlicher Ursachen, und sein jeweiliger Ausgang geht als erstrangiger Faktor in die Transformation der Weltgesellschaft ein. Doch wird der Marxismus verleugnet, wenn man glaubt, die Kriege mit dem mageren theoretischen Rüstzeug erklären zu können, das aus ihnen ebenso viele Kreuzzüge macht.

Kriege brechen nicht wegen der Grausamkeit oder infolge der Ambitionen von Führern und Herrschern aus. Jedenfalls muss man sich auf die Seite entweder dieser Erklärung der Geschichte stellen oder auf die, die ihr diametral entgegensteht und dem Marxismus angehört.

Viele der Kriege vor dem Stadium des Imperialismus beschleunigten die revolutionäre Entwicklung der bürgerlichen Epoche, wie es vor allem zwischen 1848 und 1878 der Fall war. Aber auch schon bei den Kriegen der napoleonischen Epoche versagt das philosophisch-ideologische Erklärungsschema kläglich.

England, das sich fast zwei Jahrhunderte vor Frankreich auf den Weg zur kapitalistischen Revolution gemacht hatte, war nach der Französischen Revolution zum Zentrum der antifranzösischen Koalition geworden, die es zusammen mit den feudalen und absolutistischen Mächten Preußen, Österreich und Russland gebildet hatte. Die Erklärung für diesen Kräfteaufmarsch muss in dem besonderen Interesse des englischen Kapitalismus gesucht werden, von der strategischen Position seiner Metropolen für die Erhaltung seines bereits weltweit dominierenden Kolonialreichs zu profitieren, sich also jeder Konstituierung eines Hegemonialstaates auf dem europäischen Festland rigoros in den Weg zu stellen.

Wenn sich das ideologische Schema, dass den militärischen Aufmarsch der Staaten rechtfertigt, als Trugschluss erweist, stellt es sich als nicht minder trügerisch dar, wenn es um die Bedeutung des Sieges der Heiligen Allianz über Frankreich geht, denn trotz dieses Sieges der konservativen Mächte setzten sich bei Siegern wie Besiegten die sozialen und politischen Leitlinien der bürgerlichen Ordnung durch.

Ob Bonapartisten oder preußische Deutschtümler, beide verkündeten gleichermaßen, für Freiheit und Zivilisation zu kämpfen. Mochten nun die einen oder die anderen die Siegespalme davontragen: Der kapitalistische Werdegang war unabwendbar. Die gesellschaftliche, vom Klasseninhalt bestimmte Methode des Marxismus, die mit der vulgären, scholastischen und pharisäischen Ideologie eines „Kreuzzuges“ grundsätzlich inkompatibel ist, erwies sich bei der Erklärung des historischen Übergangs als ungleich überlegener.

Das bürgerliche England konnte im Konflikt von 1859 neutral bleiben,[11] und auch noch in dem von 1870, den die I. Internationale um Marx alternativ als einen den Fortschritt befördernden Krieg gegen den Bonapartismus bzw. als einen Krieg gegen die Unterdrückung des Bismarckismus kennzeichnete – unmittelbar nachdem die Pariser Kommune die Bühne betreten hatte, ging sie jedoch zur klassischen Erklärung des Kräfteverhältnisses der Klassen über. Der englische Kapitalismus passte in jener Phase lediglich darauf auf, dass das zweite napoleonische Kaiserreich nicht zu einem imperialen Zentrum würde, das ihm gefährlich werden könnte.

Als das ökonomische Potential des germanischen Kapitalismus im I. Weltkrieg in ungeahnter Weise zutage trat, riefen die Bourgeoisien Englands und Frankreichs ungeniert die liberal-demokratischen Lügenmärchen gegen die neu heraufziehende Gefahr auf den Plan.

Dasselbe taten die Gegenspieler Deutschlands im II. Weltkrieg, als sie die realen Grundlagen des Zusammenstoßes unter dem imponierenden Arsenal der propagandistischen Rhetorik begruben und jene Art von Argumenten wieder hervorkramten, die – historisch gesehen mehr als abgestanden und muffig – nicht besser als mit dem Wort „Mussolinismus“ bezeichnet werden können.

Die Achsenmächte ihrerseits begründeten ihren großkotzigen Feldzug gegen die sogenannten „Plutokratien“ mit dem realen Umstand, der in Lenins „Imperialismus“ marxistisch genau und zutreffend diagnostiziert wurde, nämlich mit dem grellen Missverhältnis zwischen der Bevölkerungsdichte in den Zentren und der Ausdehnung der Kolonialreiche, aufgrund dessen sich die gesellschaftlichen Bedingungen in Deutschland, Italien und Japan zu denen in Frankreich, England, Amerika und auch Russland antinomisch verhielten. Doch sowohl in ihrer Kriegsführung als auch in ihrer propagandistischen Rhetorik zeigte sich ihre klassenbedingte Befangenheit und ihre Ehr-Furcht vor dem Prinzip des plutokratischen Kapitalismus und dessen gewaltigen Hochburgen England und Amerika, welche, die historische Kontinuität mächtiger Staatsapparate ausdrückend, die letzten von Krämpfen geschüttelten 150 Jahre ohne Brüche überstanden hatten.

Der Nazismus wollte die feindlichen Staatsagglomerate erpressen, indem er sie vor die Wahl stellte: Entweder ihm, den verhassten imperialistischen Konkurrenten, einen angemessenen ausbeutungsfähigen Anteil der Erdkugel zuzugestehen – oder militärisches Desaster. Aber die Kapitalismen Englands (vor allem) und Amerikas ließen die militärischen Rückschläge des Blitzkrieges unbeeindruckt: Sie setzten mit unglaublicher Sicherheit und trotz des hohen Risikos auf ihren schließlichen Sieg. Was die Ausschöpfung des vorhandenen Potentials angeht, ist diese geschichtliche Tatsache eine der erstaunlichsten Leistungen auf dem Lebensweg der Menschheit, und gleichzeitig auch der größte Triumph des Erhaltungsprinzips der bestehenden Verhältnisse und der größte historische Sieg der Reaktion.

Den Erfolg wie eine Mohrrübe vor Augen – und unter Erfolg verstanden die Achsenmächte (und vor allem Deutschland) bloß einen dem Feind auf dem gemeinsamen Boden des faschistischen Weltimperialismus aufgezwungenen Kompromiss –, versuchten sie nicht einmal, wenigstens eine der gegnerischen Festungen, jene Englands, zu stürmen, was vielleicht gelungen wäre, wenn sie – nach Dünkirchen[12] – mit allen Mitteln tief ins Herz der jahrhundertealten Metropole vorgestoßen wären, anstatt zentrifugale Nadelstiche in ganz Europa, Afrika und dann Richtung russischem Osten (um sich ein Pfand für die geschichtliche Erpressung zu sichern) zu setzen. Wie die Hitlers Land regierende ultra-industrielle Bourgeoisie spürte, wäre der Zusammenbruch Englands für den Weltkapitalismus einem Erdrutsch gleichgekommen oder hätte ihn jedenfalls in eine fürchterliche Krise gestürzt, wodurch alle Klassenkräfte und alle vom Imperialismus und vom Krieg zerfleischten Völker in Bewegung gesetzt worden wären,[13] und sich die soziale und politische Ausrichtung des sich noch still verhaltenden russischen Bären möglicherweise gravierend verändert hätte.[14]

Die Propaganda der Achsenmächte machte in der Zeit 1940/41 eine völlige Kehrtwende, als sie die falschtönenden antikapitalistischen Beweggründe nur noch sehr leise von sich gab und auf die Gefahr des Bolschewismus verwies, wobei sie stets auf die Solidarisierung der gegnerischen Bourgeoisien angesichts der revolutionären Folgen eines russischen Sieges setzte. Diese aufgeblasene Propagandasprache trug schließlich das ihre zur Desorientierung der revolutionären proletarischen Kräfte bei, denen wieder einmal beigebracht wurde, die Revolution vom Ausgang des Krieges statt vom Klassenkrieg zu erwarten; sie vermochte hingegen nicht, die oberen Etagen der angelsächsischen Regierungen aus der Fassung zu bringen. Diese verließen sich aufgrund einer richtigen Einschätzung auf das Leistungsvermögen ihrer Wirtschaft und auf die Realität der weltweit existierenden sozialen und politischen Verhältnisse. Ohne jedes Zögern, ohne irgendwelche Rücksichten und ohne Abstriche zu machen, machten sie von totalitären und zentralistischen Methoden mitsamt der überlegenen technischen, politischen und militärischen Leistungsfähigkeit Gebrauch, während sie sechs Jahre lang den militärischen Untergang ihrer Feinde prophezeiten und herbeiführten, deren Besieger, aber auch Testamentsvollstrecker sie werden sollten.

Mit diesen Sieg werden die Grundlagen für die Entwicklung des imperialistisch-faschistischen Stadiums gelegt sein, das in den großen Ländern die Oberhand gewinnen und in einer Konstellation großer Staaten – Herren der eigenen Arbeiterklassen, der „farbigen“ Kolonien und aller kleineren Satellitenstaaten der weißen Rasse – ihr Gravitationszentrum haben wird. Dieser Konstellation wird offenbar auch das neue Russland angehören, während Frankreich außen vor zu bleiben scheint, und der deutsche Kapitalismus – der beim erstaunlichen Experiment der hypermodernen kapitalistischen Form, die Rückwirkungen der bürgerlichen Ökonomie zu kontrollieren und zu beherrschen, am besten abgeschnitten und den vollkommensten Typus des modernen monopolistischen Staates verwirklicht hat –, wird wohl ungeachtet dessen, den Feind mit tausend Verwünschungen bedacht zu haben, einen besseren Platz erhalten als die herrschenden Klassen der kleineren, nicht bloß feindlichen, sondern sogar verbündeten Länder; jener Länder also, für deren angebliche Befreiung von der despotischen Unterjochung dieser barbarische, grausame und verfluchte Krieg als Kreuzzug für eine bessere und erlöste Menschheit ausgerufen wurde.

Auf diese neu zusammengesetzte kapitalistische Welt wird die Bewegung der Arbeiterklasse nur antworten können, wenn sie versteht, dass dieser vergangenen Phase liberaler Toleranz und souveräner Unabhängigkeit der kleinen Nationen keine Träne nachgeweint werden kann und darf, sondern die Geschichte nur einen Weg kennt, um jede Art von Ausbeutung, Tyrannei und Unterdrückung aus der Welt zu schaffen: Den Weg des revolutionären Klassenkampfs, der die Arbeiterklasse in jedem Land, egal ob Herrscher- oder Vasallenstaat, der eigenen Bourgeoisie entgegenstellt, und – bei völliger Selbständigkeit des Denkens, der Organisation, der politischen Haltung und Kampfmethode, und jenseits aller Ländergrenzen, im Frieden wie im Krieg, in (für die philisterhaften Schemata des verräterischen Opportunismus) als normal geltenden oder Ausnahmesituationen, vorhergesehenen oder überraschenden Situationen –, alle proletarischen Kräfte der ganzen Erdkugel in einem einheitlichen Organ vereinigt, das nicht aufhören wird zu kämpfen, bis alle Einrichtungen des Kapitalismus zerstört sind.

Quelle:

„Le tesi della Sinistra: Il corso storico del movimento di classe del proletariato – Guerre e crisi opportunistiche“: Prometeo, Nr. 6, März/April 1947.

 


[1] Zu den Thesen der Linken gehören ebenfalls: (1) „La Russia sovietica dalla rivoluzione ad oggi“, Prometeo, Nr. 1, Juli 1946; (2) „La classe dominante italiana e il suo Stato nazionale“, Prometeo, Nr. 2, August 1946, (5) „Natura, funzione e tattica del partito rivoluzionario della classe operaia“, Prometeo, Nr. 7, Mai 1947, und (6) „Il movimento rivoluzionario operaio e la questione agraria“, Prometeo, Nr. 8 November 1947.

Einzelne Passagen der „Thesen“ wurden schon vor dem Ende des Krieges in Italien verfasst.

[2] Erinnert sei hier neben anderen an Henri de Saint-Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837), Robert Owen (1771-1858).

[3] „Possibilismus“ bezeichnet eine 1882 entstandene reformistische Richtung innerhalb des französischen Sozialismus, die sich mit praktisch erreichbaren Zielen begnügte, heute würden wir sagen: Realpolitik betrieb. Erstmals stellte diese Strömung mit Alexandre Millerand ein Regierungsmitglied im Kabinett von Waldeck-Rousseau (1899-1902). Mit der „parlamentarischen Unterstützung des Kabinetts durch die Sozialisten entstand so etwas wie eine Vorform der Volksfront“ (Christian Riechers).

[4] Gemeint ist natürlich: Mussolini, Benito (1883-1945).

[5] Sturz Mussolinis.

[6] Siehe z.B.: Morelli, Anne – „Die Prinzipien der Kriegspropaganda“, 2004. Morelli greift in diesem kleinen, instruktiven Bändchen auf die Schrift des englischen Pazifisten Arthur Ponsonby: „Falsehood in Wartime“ aus dem Jahre 1928 zurück. Schon damals hatte Ponsonby einige Mechanismen der Kriegspropaganda herausgearbeitet und in zehn „Geboten“ („3. Der Feind hat dämonische Züge – oder „Der Teufel vom Dienst“) systematisch untersucht.

[7] Gentilhomme (frz.): Ehrenmann, Gentleman.

[8] Siehe hierzu u.a.: Ute Schmidt/Tilman Fichter – Der erzwungene Kapitalismus (Klassenkämpfe in den Westzonen 1945-48), Wagenbach, 1971.

[9] Rein zufällig wurde im April 1949 die NATO (im Mai 1955 folgte der Warschauer Pakt) gegründet.

[10] Wilson, Woodrow (1856-1924): 1913-21 der Präsident der USA. Schlug im Januar 1918 ein 14-Punkte-Programm vor, u.a. „Freiheit der Meere“ (gegen die Vorherrschaft Japans und vor allem Englands zur See gerichtet, und für die Öffnung aller Seewege für den amerikanischen Handel), „Internationalisierung der Kolonien“ (gegen die europäischen Großmächte gerichtet), „Völkerbund“ (unter der Dominanz der USA eine „heilige Allianz der Kapitalisten zur Unterdrückung der Arbeiterrevolution“), usw. Siehe: „Leitsätze über die internationale Lage und die Politik der Entente“, Protokoll des I. Kongresses der KI, 1921, S. 53 ff.

[11] Gemeint ist der sardinische Krieg zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Sardinien-Piemont sowie dessen Verbündeten Frankreich um die italienischen Besitzungen der Habsburger.

[12] Im Mai 1940 wurden das Britische Expeditionskorps und Teile der französischen Armee in der Schlacht von Dünkirchen von den Deutschen eingekesselt. Der Vormarsch der deutschen Truppen wurde durch das Oberkommando der Wehrmacht für drei Tage ausgesetzt, so dass die Engländer und Franzosen genug Zeit hatten ihre Truppen nach England zu evakuieren.

[13] Siehe z.B.: Rheinisches Journalistenbüro – „Unsere Opfer zählen nicht“ (Die Dritte Welt im II. Weltkrieg), 2005.

[14] In einem Protokoll des Generals Günther Blumentritt, Feldmarschalls Rundstedts Operationsplaner, werden diesbezügliche Äußerungen Hitlers (nach Dünkirchen) wie folgt wiedergegeben: „Dann sprach er zu unserer Verblüffung bewundernd vom britischen Weltreich, von der Notwendigkeit seiner Existenz und von der Zivilisation, die England der Welt gebracht hatte. (…) Er verglich das britische Empire mit der katholischen Kirche – beide seien wesentliche Elemente der Stabilität der Welt. Er sagte, er wolle von England nichts anderes, als dass es Deutschlands Stellung auf dem Kontinent anerkenne. (…) Er würde England sogar mit Truppen unterstützen, wenn es irgendwo in Schwierigkeiten verwickelt würde. (…).“ Liddell Hart – Geschichte des II. Weltkrieges, S. 114/15, 1972.