Dialog mit den Toten (IV)

Dritter Tag (früher Nachmittag)

Landwirtschaft: gedrosseltes Tempo

Die glorreichen Planzahlen für die Industrie, sowohl der letzten als auch der kommenden 5 Jahre (die etwas bescheidener sind als die erstgenannten: Man verspricht eine 65%ige statt 70%ige Erfüllung, obwohl man vorgibt, von 1951 bis 1955 auf 85% gekommen zu sein; warum also drosselt man jetzt das Tempo?) machen einer großen Verlegenheit und offensichtlichen Zurückhaltung Platz, sobald die Landwirtschaft ins Spiel kommt.

Wie üblich werden keine absoluten, sondern nur relative Zahlen herausgegeben, also solche, die sich auf das Ausgangsjahr der Pläne beziehen.[1] In den vergangenen 5 Jahren waren 3 Jahre der Stagnation und sogar des Rückgangs (besonders in den Schlüsselsektoren: Getreide und Textilrohstoffe) zu verzeichnen. In den beiden letzten Jahren, speziell im letzten, konnte ein gewisser Wiederanstieg festgestellt werden, den man auf „bestimmte Maßnahmen“ zurückführen möchte, während allgemein bekannt ist, dass es sich um ertragreiche Erntejahre handelte, wovon das letzte geradezu außergewöhnlich gut war.

Jedenfalls kann der V. Fünfjahresplan nur mit 29% für Getreide, 9% für Baumwolle, 49% für Leinenfasern prahlen. Ersparen wir uns jede ironische Bemerkung zu den 107% bei Sonnenblumen, wir haben schließlich nicht die Manieren von Leichenfledderern. Bei so viel eindrucksvollem Material sehen wir uns an diesem dritten Tag genötigt, das „Licht der Welt“ zu bitten, sich etwas langsamer zu drehen.

Wenn man diese Zahlen des Fortschritts in Jahresraten ausdrückt, fallen sie viel bescheidener aus als die viel gepriesene Jahresrate der Industrie, die 13,62% erreichte (entgegen den geplanten 12%; während man sich heute nur 10,5% verspricht). In der Tat ergibt die Jahresrate beim Getreide nur 5,22%, beim Leinen 8,30% und bei der Baumwolle 1,73%.

Dabei darf man nicht vergessen, dass das demographische Wachstum bei weit mehr als einem Prozent liegt, so dass die oben genannten Zahlen dementsprechend zu relativieren sind.

Also sprach Chruschtschow; und was prophezeit Bulganin unterdessen?

Die Zahlen sind nicht ganz klar. Die für die Jahre 1956-60 erwartete Zuwachsrate wird nicht angegeben. Eine aber doch äußerst beeindruckende Zahl wird genannt, so dass man unweigerlich… beeindruckt ist: die gesamte Agrarproduktion soll in den 5 Jahren um 70% gesteigert werden, d.h. mit einem Jahresdurchschnittstempo von 11,2%!

Wenn es wahr wäre, dass das russische Proletariat heute über genauso viele Kalorien verfügt wie England und Amerika (laut einer Meldung der „Unità“ vom 28.3.56), müsste 1960 das Jahr der Verdauungsstörungen und Leberkrankheiten werden; davon jedoch im Kapitel über die Verteilung des Konsums.

1960 soll die Bruttogetreideernte – das ist die zentrale Ziffer – auf 11 Milliarden Pud (1 Pud = 16,32 kg) hochgebracht werden; dieser Ertrag „wird es ermöglichen, den zunehmenden Brotbedarf der Bevölkerung zu decken“ [I, S. 155]. Hört man da etwa den historischen Satz „qui’ls mangent de la brioche“[2] heraus? (Auf Fotografien vom polnischen Aufstand in Posen im Sommer 1956 werden Arbeiter mit Schildern gezeigt, auf denen zu lesen ist: „Wir wollen Brot!“, nicht: „Wir wollen Freiheit“...)

Weil der Viehbestand, der im letzten Fünfjahresplan gleich geblieben ist – nachdem er während mehrerer Jahre, sowohl was das Zuchtvieh als auch was die Viehprodukte betrifft, zurückgegangen war (die einzigen ermutigenden Zahlen betreffen die Schweine, ganz ohne Flachs) –, im nächsten Planjahrfünft verdoppelt werden soll, spricht man vom Aufbrechen noch jungfräulichen Bodens im großen Stil, um mehr Viehfutter zu produzieren, besonders Mais, der 4 Milliarden Pud von den insgesamt 11 Milliarden Pud Getreide ausmachen soll (d.h. etwa 650 von 1800 Millionen Doppelzentnern). Das Schlimme an der Sache ist, dass es sich um dasselbe Ziel handelt, das man sich im vorigen V. Fünfjahresplan gesteckt hatte und das nicht im Entferntesten erreicht wurde! Wenn 1960 die versprochenen 70% tatsächlich erreicht würden, müsste diese Erhöhung nicht auf 5, sondern auf 10 Jahre bezogen werden und die jährliche Zuwachsrate würde auf bloße 5,5% sinken. Es ist nicht sehr gewagt vorauszusehen, dass sich die russische Landbevölkerung gegenüber der Aufforderung: „Lauf!“ taub stellen wird.

Die Vorkriegspläne hielten sich an die bescheidene Wachstumsrate von 1,4% pro Jahr. Der V. Fünfjahresplan versprach 8,5% jährlich! Reiner Bluff.

Die heikle Agrarfrage

Unsere Schule hat die Theorie der Agrarfrage immer als die wahre Krönung des genialen Marx’schen Bauwerks angesehen; wir haben oftmals bewiesen, dass wir der klassischen Formulierung Marx’ treu geblieben sind, und dass Lenin die Agrarfrage – These für These und mit unerschütterlicher Orthodoxie, ohne irgendeine Neuerung – in allen Phasen als Grundlage der historischen und sozialen Perspektive in Russland ansah.

Diese glänzende wissenschaftliche Arbeit wird von einer äußerst wichtigen historischen These gekrönt: Die kapitalistische Produktionsweise führte zu der gewaltigen Errungenschaft, dem Menschen den Zugang zu den verschiedensten Manufakturprodukten zu erleichtern, ihm den Konsum von Nahrungsmitteln und Agrarprodukten jedoch relativ dazu zu erschweren.

In der modernen Waren produzierenden bürgerlichen Zivilisation haben die Menschen viel Eisen und wenig Brot. Daher das Schlagwort des großen Agitators Blanqui, der die Proletarier aufforderte, diesen Fluch aufzuheben: „Wer Eisen hat, hat auch Brot!“ Doch erst, wenn die Proletarier damit aufhören, das magische Eisen in der Fabrik zu schmieden und es im Klassenkrieg zu ergreifen wissen. Marx und Lenin verleugneten nicht diese frühe Agitation, sondern erhoben sie vom großherzigen Geist der verzweifelten Revolte zur Wissenschaft der Revolution und Klassendiktatur.

Eben das, was die Redner des 20. Parteitags von sich gaben, zeigt – wenn man es mit Hilfe jenes Marxismus liest, den sie allerdings komplett vergessen haben – ihr Befangensein innerhalb der bürgerlichen Zivilisation.

Marx entwickelte diese großartige Theorie, indem er jenes Dreier-Modell (kein zwei-klassiges!) der bürgerlichen Gesellschaft aufstellte, das von Lenin angenommen und stets verfochten wurde. Die Tatsache, dass Marx seine Entdeckung aufgrund der Untersuchung der englischen Gesellschaft von 1850 machte (die für immer von feudalistischen agrarischen Mischformen befreit zu sein schien), bringt nur Dummköpfe in Verlegenheit. Und Lenin wandte diese Theorie auf mehr als geniale Weise auf das Russland am Anfang des 20. Jahrhunderts an, wo man sich bei jedem Schritt in den Fesseln eines noch fortdauernden Mittelalters bewegte.

Der Grundbesitzer hat per Gesetz das Monopol des Zugangs zu Grund und Boden und streicht dafür die Grundrente ein. Der kapitalistische Unternehmer besitzt das Monopol der Produktionsmittel (das landwirtschaftliche Inventarium, Betriebskapital) in der Agrarindustrie (genau wie in der Manufaktur): er kassiert den Profit. Der Lohnarbeiter (sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Industrie), des Grund und Bodens sowie des Kapitals beraubt, verfügt nur über seine Arbeitskraft und erhält dafür den Lohn.

Alle modernen bürgerlichen Länder sind reich an Mischformen, die von den drei Typen des Modells abweichen. Der Klein- und der Teilpächter sind Zwitter zwischen dem zweiten und dritten Typus: Sie stellen einen Teil des Betriebskapitals sowie ihre persönliche Arbeitsleistung zur Verfügung und erhalten dafür Profit und Lohn, in natura oder in Geld. Der Kleinbauer ist eine Mischung aller drei Typen: Er besitzt Grund und Boden, Betriebskapital und Arbeitskraft, sollte also Rente, Profit und Lohn bekommen. Alles in allem zeigen diese hybriden Formen, dass deren Subjekte unter und nicht über dem Lohnarbeiter stehen.

In der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft ist der Lohnarbeiter all diesen Mischformen himmelweit voraus, weil nur er das magische Potential hat (das Marx ihm sichtbar machte), die Hülle dieser Gesellschaft zu sprengen, während die „Hybriden“ hoffnungslos heute der Konservation, morgen der Konterrevolution anhängen. Marx und Lenin wussten, ohne dass dies das großartige theoretische und programmatische Bauwerk der kommunistischen Partei im Geringsten erschüttert hätte, dass diese Agrarschichten in den vorkapitalistischen Gesellschaften und in den Übergangsperioden zum Kapitalismus – aber nicht später – eine bedeutende revolutionäre Rolle spielen.

Die russische Agrargesellschaft

Wir geben nachstehend eine kurze Beschreibung der heutigen russischen Agrargesellschaft, wobei wir von den genannten unveränderlichen Merkmalen ausgehen. Für eine umfassendere Wiederholung der theoretischen und programmatischen Sichtweise siehe: „Die Agrarfrage“ (Filo 120 bis 134) und „Russia e rivoluzione nella teoria marxista“.

Die Rolle des Grundbesitzers soll dem russischen Staat übertragen worden sein. Das gleiche behauptet man über die Funktion des kapitalistischen Unternehmers. Muss man also davon ausgehen, dass die gesamte Landbevölkerung aus Lohnarbeitern besteht?

Das lässt sich höchstens von einer kleinen Minderheit behaupten, die in den Sowchosen, den kollektiven, vom Staat verwalteten Landbetrieben arbeitet.

Eine kleine (?) Minderheit gehört immer noch zu den kleinbürgerlichen bäuerlichen Mischformen (andere Überbleibsel noch älterer Formen nicht eingerechnet) die – aus Gründen, die anzuführen hier zu weit führen würde – statistisch nicht erfasst werden.

Das Gros ist in Kolchosen organisiert. Der Kolchosbauer hat eine doppelte Gestalt, insofern er einerseits im großen Kollektivbetrieb des Kolchos arbeitet und andererseits seinen eigenen kleinen Familienbetrieb führt.

Vergleichen wir die beiden Momente mit dem klassischen Dreier-Modell:

Grund und Boden sind Eigentum des Staates. Von daher wäre der Kolchosbauer kein Eigentümer, weder als Mitglied des Kollektivs noch als Individuum. Anzumerken ist jedoch, dass eine Unterscheidung der Begriffe Eigentum und Nießbrauch auf konkreter ökonomischer Ebene sinnlos ist. Der Kolchos als Kollektivbetrieb ist der wahre Eigentümer großer Landflächen: Er zahlt keine Landpacht an den Staat und verkauft ihm seine Erzeugnisse. Der Kolchosbauer ist Herr seiner Parzelle: Er verbraucht seine Erzeugnisse selber oder verkauft sie und zahlt weder dem Kolchos noch dem Staat irgendeine Pacht. Aber auch, wenn wir eine solch formale Position außer Acht lassen, sehen wir heute, dass vor und nach dem 20. Parteitag das Wohnhaus der Kolchosfamilie (das vererblich ist) effektives Eigentum derselben ist. Siehe Stalins Schrift: „Ökonomische Probleme“, seine Antwort an Notkin; ferner verweisen wir auf die Verfassung der UdSSR von 1936; siehe die Versprechungen der letzten Redner über die Intensivierung des Wohnungsbaus für die Landbevölkerung durch die Gewährung von Darlehen, die den westlichen Darlehen und besonders dem überaus verbreiteten System der amerikanischen „mortgages“ (Hypotheken) sehr ähnlich sind. Es ist vorauszusehen, dass dieses System, dank des „nacheifernden Wettbewerbs“, über kurz oder lang auf die Städte und auf die Industriearbeiter, die zu stolzen Hausbesitzern gemacht werden sollen, ausgedehnt werden wird. Jedenfalls lässt sich nicht bestreiten, dass der Kolchosbauer die Merkmale des Grundbesitzers trägt.

Zweitens: seine Merkmale als Kapitalist. Wir haben nicht bemerkt, dass der 20. Parteitag Stalin in dieser Frage widersprochen hätte. Der Kolchos hat Kapital (bestehend aus Geräten und verschiedenen Rohstoffen), das dem Betrieb und nicht dem Staat gehört. Nur die großen Maschinen sind Eigentum des Staates, und der Kolchos bezahlt dem Staat dafür eine Miete.[3] Was den Kolchosbauern als Einzelnen betrifft, so ist er Eigentümer des Inventariums (Vieh, Geräte, Samen); man vergleiche nochmals: Verfassung von 1936, ökonomische Schriften Stalins. Eigentümer des landwirtschaftlichen Betriebskapitals zu sein bedeutet, Unternehmer und Nutznießer des Profits zu sein, genau wie der westliche Teilpächter.

Drittens: seine Merkmale als Lohnarbeiter. Ein solcher ist der Kolchosbauer, sobald er sein Hofland verlässt und Tage/Stunden für den Kolchos arbeitet, der sie ihm anrechnet und gutschreibt, bis der Betrieb sein Bruttoprodukt nach einem gewissen Regelwerk aufteilt.

Warum also sollte der Kolchosniki, d.h. der russische Bauer (nehmen wir der Einfachheit halber die Sowchosniki als den von der Kolchoswirtschafterei unterschiedenen Teil der Landbevölkerung), etwas anderes als der bis ins Mark hinein kleinbürgerliche Durchschnittsbauer in den anderen Ländern sein? Was für einen Sinn hat es, von sozialistischem Eigentum zu reden, wenn sowohl der Kolchos als Ganzes als auch die Kolchosfamilie über Eigentum verfügen? Hier kann noch weniger von Sozialismus die Rede sein als in den staatlichen Industriebetrieben, bei denen sich unser Einwand um die Tatsache dreht, dass die Lohnform die Produktion und der Markt die Distribution bestimmt; der marxistische Terminus dafür ist Staatskapitalismus. Was die Landwirtschaft angeht, so kann man nur von den Sowchosen als der erreichten „Stufe“ des Staatskapitalismus sprechen: Die Kolchosen sind halbkapitalistisch, denn die Genossenschaftsform ist nur nach einer Seite hin kapitalistisch: Sie assoziiert die Arbeiter – aber es sind noch keine staatlichen Genossenschaften. Der „Familiencharakter“ beinhaltet eine Mischung von privatem Kapitalismus und einer „unreinen“ Form aus Grundrente, Profit aus dem bereitgestellten Betriebskapital und individueller Arbeitskraft.

Was hatte der 20. Parteitag hierzu zu sagen? Hat er auch hier die Positionen Stalins annulliert?

Eine amerikanische Meldung

Die „Associated Press“ hat am 21. März (am 25. Februar endete der 20. Parteitag) eine Meldung über Russland verbreitet, die wir in der russischen Presse nicht bestätigt fanden, jedoch nachstehend wortwörtlich wiedergeben:

„Die Roten verabreichen den Bauern eine bittere Pille

Der Kreml tritt in die entscheidende Phase seines vor 29 Jahren begonnenen Krieges gegen die russische Bauernschaft. Ziel ist die Umwandlung der gesamten russischen Landbevölkerung in Arbeiter ohne Grund und Boden, in Lohnarbeiter des Staates.

Die Sowjetregierung hat neue Richtlinien an die kollektiven Unternehmen ausgegeben. Die wesentlichen Punkte bestehen in Anweisungen zur drastischen Beschränkung der den Kolchosbauern gehörenden Grundstücke und Privathäuser sowie zur Beschränkung und eventuellen Aufhebung des Rechts der Bauern auf privates Betriebskapital.

Die Kolchosbauern und ihre Familien bilden die große Mehrheit der sowjetischen Landbevölkerung. Sie stellen ungefähr die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Gegenwärtig wird der größte Teil des Landes kollektiv von Kolchosbauern bearbeitet. Die Verteilung der Produkte der Kolchosfelder unterliegt strengster Staatsaufsicht. Ein bedeutender Prozentsatz der Kolchosbauern könnte von dem, was ihnen für die Arbeit auf dem Kollektivfeld vergütet wird, nicht leben und bebaut deshalb ein kleines privates Feld mit einem kleinen Betriebskapital, oftmals aus einer Kuh, einem Schwein und ein paar Hühnern bestehend.

Die neuen kommunistischen Direktiven laufen auf eine drastische Verringerung jener individuellen Parzellen und die Aufhebung des privaten Betriebskapitals hinaus. Zweck ist, die Bauern zu zwingen, entweder ausschließlich auf den Kollektivfeldern zu arbeiten und ganz vom Staat abzuhängen oder das Land zugunsten der Fabrikarbeit in der Stadt zu verlassen. Das ist eine bittere Pille für die russischen Bauern. Letzten Endes kann der Kreml auch auf rohe Gewalt zurückgreifen, um seinen Plan durchzusetzen: Wie zu Zeiten der Stalin’schen Kollektivierung der kleinen Agrarunternehmen, als Millionen von Bauern, deren Korn beschlagnahmt worden war, dem Hungertod preisgegeben wurden, bis die gesamte Bauernschaft unterjocht war. Wahrscheinlich braucht die Regierung diesmal nicht zur Gewalt greifen“.

Diese Meldung lässt zwei schwerwiegende Fragen aufkommen: Plant die russische Regierung tatsächlich eine allgemeine Kollektivierung der Landwirtschaft? Und wenn ja, hätte dieser Plan Aussicht auf Erfolg? Diesen Fragen würde eine dritte folgen, falls, was mehr als zweifelhaft ist, die ersten beiden bejaht würden: Trüge diese Umwandlung sozialistischen Charakter? Es liegt auf der Hand, dass wir dreimal negativ antworten.

Die Preisschere

Aus den Reden des 20. Parteitages lässt sich jedenfalls entnehmen, dass das Verhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft sehr konfus und hinsichtlich der Zukunft sehr ungewiss aussieht.

Obwohl viele Parteitagsredner die im Vergleich zu den bürgerlichen Ländern zu hohen Produktionskosten in der Industrie beklagten, sinken die Preise der industriellen Konsumgüter zweifellos (die 1924 unglaublich hoch waren, als Trotzki die schweren Missstände und die niedrige Leistung in der Industrieproduktion konstatierte). Was sie berechtigt zu behaupten (natürlich mit den üblichen Übertreibungen), dass der durchschnittliche Lebensstandard, auch der städtischen Arbeiter, eine gewisse Steigerung erfahre.

Aber die Einzelhandelspreise der in den staatlichen Läden verkauften Nahrungsmittel konnten nur deshalb niedrig gehalten werden, weil große Belastungen des Staatshaushaltes in Kauf genommen wurden.

Daher tauchen heute zwei Vorschläge auf: Das niedrige Preisniveau im Einzelhandel zu stoppen; und – wie schon durchgeführt – die Großhandelspreise, zu denen der Staat den Kolchosen ihre Produkte en Gros abkauft, zu erhöhen. Gleichzeitig wird Alarm geschlagen, weil die Kosten der vom staatlichen Sowchosnetz erzeugten Produkte zu hoch seien, und deshalb wird beschlossen, dass der dritte Typ landwirtschaftlicher Einrichtungen, nämlich die staatlichen Maschinen- und Traktorenstationen, wirtschaftlich selbständig zu werden hätten, d.h. ihre Existenz soll durch den Verleih der saisonalen Geräteausstattung an die Kolchosen gesichert werden.

Natürlich bleibt das alles nicht ohne Auswirkung auf die Staatswirtschaft und die vom Staat abhängigen städtischen und ländlichen Lohnarbeiter – was sich schlechterdings nicht mit der geplanten Erhöhung des realen Durchschnittslohns vereinbaren lässt.

Der einzige, der aus dieser Klemme als Konsument – und als Sparer, vielleicht auch Kapitalanhäufer (die Akkumulation erlischt nur, wenn das Recht, Gelder für spätere Konsumtion aufzusparen, aufgehoben wird; und nur auf dieser Basis kann der Sozialismus entstehen!) – mit heiler Haut davonkommt, ist das Kolchosmitglied, das sein Arbeitseinkommen durch den direkten Verbrauch aus seinem kleinen Familienbetrieb aufpäppelt.

Der Kongress hat jedoch nichts von irgendwelchen Maßnahmen gegen die Kolchosbauern und ihre wachsende Neigung zu landwirtschaftlichem Besitz verlauten lassen. Abgesehen von der Ausweitung des Wohnungsbaus auf dem Lande, wurde auch nachdrücklich von einer Erhöhung und nicht – wie die amerikanische Presse meldete – Reduzierung des Viehbestands und anderen Inventars gesprochen. Den Kolchosbetrieben wurde wärmstens ans Herz gelegt, ihre Erträge und ihre Gesamtproduktion sowohl in der Bodenbewirtschaftung als auch in der Viehzucht zu steigern, wobei man die üblichen, ebenso wetteifernden wie raren Musterbeispiele anführte.

Eine beschleunigte Überführung der Kolchosen in Sowchosen scheint also offiziell nicht vorgesehen zu sein. Wir finden lediglich eine Bemerkung, wonach sich die Sowchosen ziemlich ausgedehnt und 1955 24,5 Millionen ha gegenüber nur 14,5 Millionen ha im Jahre 1953 unter den Pflug genommen hätten. Was jedoch nicht heißt, dass diese Fläche den Kolchosen abgenommen worden wäre, da hier noch größere Flächen, wie verlautet, neu in Anbau genommen wurden, und – trotz der vielen Zahlen – eine brauchbare Statistik der Bevölkerung und der Verteilung des Bodens fehlt, die uns nur aus sich widersprechenden Angaben bekannt ist und deren genaue Analyse hier nicht vorgenommen werden kann.

Die erwähnten Zahlen beziehen sich auf das Saatland. Während der ersten beiden Fünfjahrespläne hatten sich die Sowchosen stark entwickelt; später gewannen die Kolchosen die Oberhand. 1935 betrug die von den Sowchosen bewirtschaftete Fläche bereits 10 Millionen ha, d.h. kaum weniger als 1953, fast 20 Jahre später. Aus anderer sowjetischer Quelle verlautet jedoch, dass es sich 1938 um 8,5 Millionen ha gehandelt habe.

Die Kolchosform hat also in Russland triumphiert. Immerhin ist der für die Jahre 1953-55 genannte Fortschritt der Sowchosen bemerkenswert. Warum schweigt sich der bis 1960 laufende Plan über eine Ausdehnung der Sowchosen aus? Visiert man nun einen Staatskapitalismus in der Landwirtschaft an oder nicht? Gewiss bewirtschafteten die Kolchosen 1938 bereits mehr als 500 Millionen ha, davon fast zwei Hundert Saatland, während die staatliche Agrarwirtschaft weit dahinter zurückblieb. Nach Angaben der FAO[4] soll 1947 in Russland die insgesamt bebaute Fläche 225 Millionen ha betragen haben. Heute ist sie sehr viel größer, aber das Kolchossystem ist eindeutig der Gewinner – das ist der Punkt.

In der Zeitspanne von 1938-39 kaufte der industrielle Staat 88% des Getreides von den Kolchosen, 11% von seinen Sowchosen und 0,2% von den privaten Unternehmen. Insgesamt waren das, laut Stalin, 40% der Gesamtproduktion.

Historisches zur bewirtschafteten Fläche: 1913 waren es 105 Millionen ha; 1941 137 Millionen ha. Davon entfallen 94 respektive 102 Millionen ha auf Getreide. Chruschtschow gibt zu, dass 1950 die Größe der Getreideanbaufläche im Vergleich zu 1913 gleich geblieben ist: 102,9 Millionen ha; 1955 brachte man es auf 126,4 Millionen ha.

Durch die verbesserten Erträge stieg die gesamte Getreideernte von 800 Millionen Doppelzentnern im Jahre 1913 auf 1200 dz 1937. Eine anderthalbfache Erhöhung in 24 Jahren ergibt gerade mal jährliche 1,7%. Es handelt sich also um dieselbe Rate, mit der die Bevölkerung wächst!

Wenn 1960 die angekündigten 1800 Millionen dz tatsächlich erreicht werden, so bedeutet das, dass man heute bei nur etwa 1050 angelangt ist: Wieso eigentlich spricht man von Fortschritt?

Erinnern wir uns an die Stalin’sche Zielvorgabe, die, bevor der Krieg die russische „Kornkammer“ verwüstete, bei 8 Milliarden Pud (ca. 1300 Millionen dz) lag. Der Rückschritt ist evident!

Der russische Arbeiter ernährt sich heute kraft einer einzigen historischen Tatsache – die zur Hälfte revolutionär im bürgerlichen Sinne und zur Hälfte sub-bürgerlich ist. Lassen wir Pawlowsky, Verfasser von „La Coltura Sovietica“, diese Tatsache aussprechen: „Die Industrialisierung hat dazu geführt, dass die Landwirtschaft der Sowjetunion nicht mehr gezwungen ist, mangels innerer Nachfrage ihre Erzeugnisse auf dem Weltmarkt zu äußerst niedrigen Produzentenpreisen zu verkaufen.“ Die Industrialisierung, und der „Eiserne Vorhang“!

Der russische Arbeiter hat die Revolution gemacht, aber er bezahlt das Brot teurer als der ausländische Kapitalist.

Gleichwohl bedeutet die Bildung nationaler Märkte im asiatisch-feudalen Wirtschaftsraum eine wirkliche Revolution! (siehe: „Dialog mit Stalin“)

Die unlösbare Antithese

Ob die „Agrarpolitik“ des Moskauer Regimes die Richtung des Groß-Kapitalismus oder des kleinen Sub-Kapitalismus einschlagen wird, ist unklar. Diese Unsicherheit drückt zugleich die Unmöglichkeit einer marktwirtschaftlich organisierten und bürgerlichen Gesellschaftsform aus, einen Ausweg aus dem Gegensatz zwischen Landwirtschaft und Industrie zu finden. Im energischen Bericht Mikojans scheint der kleinbürgerliche Weg Vorrang zu genießen, nicht der kühne und „ricardianische“ Weg, der in der Meldung der „Associated Press“ ablesbar ist: Alleinherrschaft des Lohnsystems auf dem Land. Ricardo wollte damals die staatliche Konfiszierung der gesamten Grundrente, somit Reduzierung des bürgerlichen Gesellschaftstypus auf ein zwei-klassiges: Unternehmer und Lohnarbeiter. Marx bewies prophetisch, dass dies innerhalb der Grenzen des Waren produzierenden Kapitalismus – oder anders gesagt, der Marktwirtschaft – eine Utopie war (und bestimmt keinen Sieg für die Proletarier bedeutet hätte, denen so oder so das ganze Gewicht dieser anderen Gesellschaft aufgebürdet worden wäre). In der Tat hat kein einziges bürgerliches Gesetzbuch, auch nicht das russische, je das Eigentumsrecht an Grund und Boden abgeschafft. Unter dieser Voraussetzung kann Russland nicht von der Kolchosform loskommen, worin ein großer Teil des Bodens und des darin angelegten Kapitals zerstückelt ist.

Hier die Worte Mikojans: „Die Hauptsorge“ (lies: nach Stalins Tod) „galt der Beseitigung des Zurückbleibens der Landwirtschaft, der Überwindung der daraus entstandenen Disproportion zwischen der Entwicklung der Industrie und der Landwirtschaft, einer Disproportion, die für unser Land äußerst gefährlich ist und deren weiteres Fortbestehen ein sehr ernstes Hindernis für unsere Entwicklung gewesen wäre.“ Was also tun? „Diese Aufgabe wurde durch eine ganze Reihe von Maßnahmen gelöst wie der Steigerung der materiellen Interessiertheit der Kolchosbauern und der Erschließung von Neuland und Brachland. In zwei Jahren wurden 33 Millionen Hektar neuen Bodens nutzbar gemacht. Hätten wir irgendwann früher von etwas Ähnlichem träumen können?“ [II, S. 90].

Das wovon diese Herren nicht träumen können, ist, den unlösbaren Widerspruch zwischen den beiden Wirtschaftssektoren aufzulösen und gleichzeitig das warenproduzierende Band zwischen Industrie und Landwirtschaft aufrechtzuerhalten.

Mikojan tröstet sich beim Vergleich mit Amerika, wo die Regierung das Problem nicht durch das Aufbrechen neuer Ländereien herbeiführt, sondern dadurch, dass sie 10 Millionen ha Ackerland brach legt, weil zuviel Lebensmittel produziert werden. Er weist darauf hin, dass daran die unlösbaren Widersprüche des Kapitalismus schuld sind. Eine Erklärung, die aus marxistischer Sicht auch für Russland gilt. Wird der nacheifernde Wettbewerb zwischen denen ausgetragen, die mehr säen oder denen, die weniger säen? Ist es nicht rein rhetorisch, wenn Mikojan so tut, als wüsste er den Wettbewerb in seiner radikalsten Form – den um Brachlegung – zu schätzen? „Ein solcher Wettbewerb wäre uns Sowjetmenschen und auch dem amerikanischen Volk mehr nach dem Herzen“ [II, S. 96].

Eselsrevolution

Die „Unità“ vom 10.4.56 informiert uns über einen Appell an die Kolchosbauern, in dem zur Verdoppelung (sic!) der Agrarproduktion innerhalb von drei, gar von zwei Jahren, und für die Ukraine mit ihrer „unbegrenzten“ Fruchtbarkeit, geradezu in einem Jahr aufgerufen wird.

Das ist Wissenschaft der Planwirtschaft – nach einem Rausch durch Wettbewerbs-Whisky. Wie hoch, meint man, soll die Jahresrate sein, die in der Praxis, wie wir sahen, über 1,7% nicht hinauskam? Wurde nach gründlicheren Berechnungen statt der 70% in 5 Jahren nun die Verdoppelung in drei Jahren veranschlagt? Dann hat man also eine durchschnittliche Jahresrate von 26% berechnet: Bei zwei Jahren erhöht sie sich gar auf gut 41%! Und bei einem Jahr wären wir glücklich bei 100% gelandet. Wenn Programme bestehen, wie kann dann ein „Aufruf“ die darin vorgesehene Wachstumsrate nochmals vervierfachen? Indem man die 11,2% des verworrenen VI. Fünfjahresplans mit zwölf multipliziert?

Damit wäre dann auch für 1956 die Verdoppelung der Fleischproduktion garantiert. Man kann daraus nur auf die Vervierfachung des Whiskykonsums schließen (es wäre wenig wetteifernd, von gewöhnlichem Wodka zu sprechen). Wenn man die doppelte Fleischmenge will, muss man den nationalen Viehbestand verdoppeln. Einen solchen Plan kann man höchstens für Kaninchen aufstellen, oder für Mäuse; schon bei Schweinen funktioniert er nicht mehr. Was das Rindvieh anbelangt, so besteht eine Herde außer aus Muttertieren auch aus Bullen, Ochsen und Kälbern. Eine Kuh braucht fast ein Jahr, um ein Kalb auszutragen und gibt etwa ebenso lange Milch. Will man den Viehbestand in einem Jahr vergrößern, muss man, auch wenn man von etwas anderem träumt, innerhalb dieser Grenzen bleiben. Selbst durch künstliche Befruchtung ist nicht viel gewonnen. Um nicht mit Zahlen zu langweilen, merken wir nur an, dass auch der beste Viehzüchter nur eine Möglichkeit hat, die doppelte Fleischmenge zu produzieren: Entweder kauft er im Ausland Vieh auf, oder er schlachtet sein Vieh und… reduziert damit den Viehbestand um 100%!

Eine Viehzucht ersten Ranges gibt es beispielsweise in Holland. 1939 verfügte das Land über 2.817.000 Stück Rindvieh. Die deutschen Besatzer aßen ein gut Teil davon auf und 1948 waren es nur noch 2.222.000 Stück. Bereits 1953 hatte man es wieder auf 2.930.000 gebracht. Unserer Ansicht nach haben sie damit ein technisch nicht zu übertreffendes Tempo vorgelegt: Die Wachstumsrate beträgt 32% in vier Jahren, das macht durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr.

Wie soll man den unglaublichen Unsinn von 26%, 41% und 100% erklären, mit dem uns die Unità bass erstaunt? Doch dieses Wunder erklärt sich (ohne über die in einem Jahr erfolgte wundersame Verdoppelung der Esel in... Italien zu scherzen, die dieses Schmierenblatt bald zuwege bringen wird, während es über die „landwirtschaftliche Revolution“ (!!) der Moskowiter schwätzt) aus dem Wetteifer, selbstverständlich im noblen Wettstreit mit den Yankee-Eseln.

Der Aufruf an die Kolchosbauern könnte an den Ton der von der „Associated Press“ verbreiteten Nachricht erinnern. Rindvieh gibt es in Russland fast genauso viel wie in Holland, und laut „Unità“ gibt es auf dem Land jedenfalls nicht den berühmten Proteinmangel. Vielleicht handelt es sich darum, den Bauern zu drohen, damit sie sich in ihren heiligen bürgerlichen Familienheimen nicht an dem Fleisch satt essen, das das Fabrikproletariat noch nicht einmal von ferne zu Gesicht kriegt. Wenn sie eine solche Drohung wahr machen würden, erhielte der Lohnarbeiter, der über keinen „livestock“[5] und keine Nahrungsreserve verfügt, binnen eines Jahres tatsächlich die doppelte Fleischration. Was würde das bedeuten? Die Schlussfolgerungen sind gewaltig!

Wie Stalin in seiner Polemik gegen Jaroschenko richtig sagt, erzeugt das Privateigentum der Bauern in der hybriden Form der Kolchosen Produktionsverhältnisse und folglich auch Klassenverhältnisse. Das Proletariat der Fabriken und Sowchosen (denen ebenfalls gestattet worden sein soll, kleine Gemüsegärten anzulegen) ist die Klasse, die außer vom Staatskapitalismus auch von einer privilegierten Bauernschaft ausgebeutet wird. Obwohl es, wie wir wissen, nicht nach Fleisch, sondern nach Brot hungert, kann es nicht mehr, wie in den großen Revolutionsjahren (und auch später noch, unter Stalin!) Proviantbataillone aufs Land schicken, um Nahrungsmittel zu beschlagnahmen.

Heutzutage wäre das ein Skandal. Heute, wo man der Diktatur abschwört – und ein Esel wie Nenni könnte nicht darüber schwafeln, es gehe darum, den „Kriegskommunismus“ abzuschaffen, um einer verfassungsmäßigen Demokratie Platz zu machen und dem Staat, und mehr noch der Partei, einen Richterstand in purpurner Toga vorzusetzen!

Was sich angesichts des weltweiten Wettbewerbs erhebt, ist eine niederträchtige, feige, lausige Bauerndemokratie, die sich dem internationalen Großkapitalismus andient und die Haut der heldenhaften russischen und weltweiten Arbeiterklasse zu Markte trägt. Gemeiner noch als 1914 wird diese Klasse von den Gewerkschafts- und Parlamentsführern hinterrücks erledigt, wobei man sich an ihrer Demoralisierung labt. Die Zeit ist noch nicht gekommen, die Karriere dieser Clique in dem Dreck zu ersaufen, in dem sie sich jetzt suhlt: Diese Freude gehört der kommenden Generation.

Was Stalin davon hielt?

Stalin war entschieden für die Erhaltung der Kolchosform, und in seiner Schrift wies er alle Vorschläge einer „Reform“ dieses Systems zurück. Die Genossen Sanina und Wensher hatten die Enteignung der Kolchosen verlangt: „Das kollektivwirtschaftliche Eigentum einfach nationalisieren, es zum allgemeinen Volkseigentum erklären, ähnlich wie es seinerzeit mit dem kapitalistischen“ (man lese: industriellen) „Eigentum gemacht wurde“ [III, S. 87/88]. Stalin war unerbittlich: „Dieser Vorschlag ist völlig falsch und unter keinen Umständen annehmbar.“

Dieser Vorschlag ist derselbe wie in der Meldung der „Associated Press“. Was keineswegs heißt, wir sagen es noch mal, dass der 20. Parteitag den beiden Genossen gegen das „quos ego“[6] Stalins Recht gegeben hätte.

Lesen wir die unvergleichlich simplen Argumente Stalins: „Das kollektivwirtschaftliche Eigentum ist sozialistisches Eigentum“ (siehe weiter oben), „und wir können mit ihm keinesfalls so verfahren wie mit dem kapitalistischen Eigentum.“ Und weiter: „Daraus, dass das kollektivwirtschaftliche Eigentum nicht allgemeines Volkseigentum ist, folgt keinesfalls, dass das kollektivwirtschaftliche Eigentum kein sozialistisches Eigentum ist“ [III, S. 88]. Offensichtlich sind wir hier im Reich des sagenhaften Königs Midas, wo alles, was er berührt, sich in „Sozialismus“ verwandelt. Die Fabrik ist Staatseigentum; das Land der Kolchosen (sowie ihre Maschinen) und die Parzelle der Bauern (sowie ihre mageren Reserven): All dies ist zwar Eigentum, aber aus sozialistischem Gold. Und wir dachten immer, Sozialismus bedeute Eigentum von Niemandem, System des Nicht-Eigentums!

Um die Idee einer Verstaatlichung der Kolchosen abzuschmettern, pontifiziert Stalin (indem er sich erlaubt, Engels zu zitieren), dass die „Überführung des Eigentums einzelner Personen und Gruppen in staatliches Eigentum“ nicht die beste Form der Nationalisierung ist! Und ist dreist genug, als Grund das Absterben des Staates anzuführen! Im „Dialog mit Stalin“ zeigten wir anhand eben jener Engel’schen Kritik der Verstaatlichung (seinerzeit der Eisenbahn durch Bismarck), dass die Formel der Eigentumsübertragung an die Nation, an das Volk oder – immerhin – an die Gesellschaft mit dem sozialistischen Programm nicht das Geringste zu tun hat. Vom marxistischen Standpunkt aus hätte man vom „Eigentum“ des Klassenstaates, des herrschenden und diktierenden Proletariats sprechen können. Aber sie werden gemeinsam absterben: die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen – der politische Staat und die Diktatur – und jegliche Form von Eigentum.

Lässt der 20. Parteitag die Stalin’schen Formeln durchgehen? Ohne Zweifel, er wird sie höchstens noch pro-kapitalistischer ausfeilen.

Anti-marxistischer „Wetteifer“

Eines der längsten und schroffsten Kapitel der „Ökonomischen Probleme“ war der Kritik an Jaroschenko gewidmet. Die nicht-sowjetische Presse berichtet nun, derselbe Jaroschenko habe nach dem 20. Parteitag das Haupt wieder erhoben (er hatte sich angeboten, den Entwurf des Lehrbuchs der politischen Ökonomie abzufassen, was ihm Stalin in seiner wie üblich bäuerlich-groben Art verweigerte). Die „Prawda“ soll nun gemahnt haben, es genüge nicht, in den Chor der Beschimpfungen über Stalin einzufallen, um Beifall zu ernten; und sie hätte Jaroschenkos anti-marxistische Erklärung als „provokatorisch und als gegen die Partei gerichtet“ bezeichnet; zudem soll sie daran erinnert haben, dass Stalin seinerzeit Jaroschenko beschuldigte, den von Lenin verurteilten ökonomischen Anschauungen Bucharins gefolgt zu sein.

Wir würden weder Stalin noch den gestrigen oder heutigen Redakteur der „Prawda“ als Schiedsrichter akzeptieren. Bei jedem Schiedsspruch mindestens vier Fehlentscheidungen.

Die Verurteilung Bucharins durch Lenin bezüglich der Theorie der russischen Wirtschaft und des neuen Programms der bolschewistischen Partei erfolgte im Jahre 1919 und ist in einer Schrift von außerordentlicher Bedeutung veröffentlicht worden,[7] die für uns bei unserer ausführlichen Arbeit über Russland besonders wertvoll war. Stalin ließ Bucharin später, 1938, beseitigen. Aber von 1919 bis 1938 war Bucharin der „große Ökonomist“ Stalins, als es nach dem Tode Lenins darum ging, Trotzki, Sinowjew, Kamenew und andere großartige marxistische Ökonomen mit den allseits bekannten Methoden aus dem Weg zu räumen. Als der nicht minder großartige Bucharin angesichts der theoretischen und politischen Verfallserscheinungen aufwachte, wurde auch er umgebracht und als Marxist beschämt.

Der Name Bucharins bringt also niemanden zum Schweigen. Und wie es in einem süd-italienischen Sprichwort heißt, „sollen sich die Toten und die Lebenden zuerst den eigenen Mund ausspülen“, bevor sie den Namen Bucharins als Symbol der degenerierten Lehre gebrauchen. Der Kuchen muss also zwischen Stalin und Jaroschenko und, nach den Meldungen zu urteilen, zwischen der „Prawda“ (Sprachrohr des 20. Parteitags) und Jaroschenko anders aufgeteilt werden.

Was behauptete Jaroschenko eigentlich? Wie Stalin von der russischen Gesellschaft als einem Spiegelbild des Sozialismus überzeugt, meinte er, man solle nicht mehr von politischer Ökonomie (auch nicht des Sozialismus) sprechen, da es nur eine politische Ökonomie gäbe, und zwar die auf den Kapitalismus anwendbare! Heute, sagte Jaroschenko, sei nur eine „rationelle Organisation der Produktivkräfte“ oder Ähnliches nötig. Dieser Schiene weiter folgend, resümierte er, dass die Produktivkräfte in Russland nicht mehr mit den Produktionsverhältnissen (oder Eigentumsformen) in Widerspruch gerieten, da man hier wohl erstere, nicht aber letztere vorfinde.

Zu Recht erwiderte Stalin, dass in Russland immer noch Produktionsverhältnisse „zwischen Menschen“ existieren und es sich nicht nur um Sachprobleme handele, denn dies sei erst nach der endgültigen Aufhebung der Klassengesellschaft der Fall: Erst dann werden die Menschen nicht mehr Sklaven der ökonomischen Gesetze sein und die Produktion und Verteilung unter rationeller Kontrolle haben. Die Produktionsverhältnisse sind juristisch ausgedrückt Eigentumsformen; in Russland findet man sie als Staatseigentum an den Fabriken und natürlich als Eigentum der Kolchosen und Kolchosbauern vor.

Wenn der Industriearbeiter für seine Arbeitszeit bezahlt wird oder der Kolchosbauer durch Verkauf seiner Bodenprodukte bzw. mit seinem Lohnanteil als Kolchosianer eine Kuh kauft, haben wir es mit „Produktionsverhältnissen“ zu tun, und es war töricht von Jaroschenko, das nicht zu sehen.

Zu Unrecht aber behauptete Stalin, die Gesetze der marxistischen politischen Ökonomie, die den Waren produzierenden Kapitalismus und das Lohnsystem beschreiben, seien in einer sozialistischen Gesellschaft nach wie vor existent.

Es ist leicht, diesen wortgewaltigen Streit zu entscheiden. Beide hatten Unrecht, man braucht nur die richtige marxistische These einzusetzen: Die russische Gesellschaft ist eine warenproduzierende, kapitalistische Klassengesellschaft, und die marxistischen Gesetze der Ökonomie der kapitalistischen Produktionsweise sind hier in Kraft; Marx bewies als erster, dass sie „nicht ewig sind wie die Gesetze der Physik, sondern dazu bestimmt zu vergehen“. So werden die Produktivkräfte und die in krassem Gegensatz zu ihnen stehenden Produktionsverhältnisse oder Eigentumsformen in Russland richtig identifiziert. Ein angeblich erfolgter „Aufbau“ des Sozialismus indes, an den sowohl Stalin als auch Jaroschenko glauben, ist dort aber weit und breit nicht zu identifizieren.

Unter dem Druck seines marxistischen Unterbewusstseins bemühte sich Stalin bei dieser seltsamen Diskussion zu versichern, dass selbst die Bourgeoisie in ihrer Revolution sich der ökonomischen Gesetze bewusst gewesen sei und den industriellen Kapitalismus aufgebaut habe.[8] Damit trug er noch mehr (selbst mit einer gegen Jaroschenko konkret richtig vertretenen These) zur fürchterlichen Verdrehung der Lehre bei, was sogar noch schwerer als die lange Reihe der Ermordeten auf seinem Andenken lasten wird und was sich die Überlebenden seiner Gefolgschaft niemals werden vom Halse schaffen können.

Lenin und Bucharin

Lenin war oft sehr bissig gegenüber Bucharin; und obwohl es gleichermaßen tragische Zeiten für Russland wie auch für die Partei waren, herrschte damals, unter echten Marxisten, eine ganz andere Atmosphäre. Diese Diskussionen haben eine gültige, noch heute wertvolle und – soweit nötig – „aktuelle“ (wenn wir dieses unsympathische Wort gebrauchen wollen) Spur hinterlassen.

Bucharin hatte für den 8. Parteitag der KPR (B) am 19. März 1919 den Bericht über das Programm vorbereitet. Lenin, mit ihm Berichterstatter im Ausschuss, kritisierte den Entwurf Bucharins.

Beeindruckt von den zwei großen Ereignissen – Ausbreitung der imperialistischen Phase des Kapitalismus über die gesamte Welt und Beginn der Diktatur des Proletariats in Russland – stellte Bucharin den von der Partei des Proletariats zu führenden Kampf als ausschließlich gegen diese Form des Kapitalismus gerichtet dar und beschrieb die Struktur, den historischen Prozess und den Sturz des Kapitalismus lediglich den Charakteristiken der monopolistischen Phase folgend, wobei er völlig über den „alten Kapitalismus“ der freien Konkurrenz und des Liberalismus hinwegging.

Die theoretische Berichtigung Lenins ist bei dieser Gelegenheit ein wahres Juwel der Lehre und des Sinns für die Realität.

„Nur nicht zu schnell laufen, Bucharin!“, musste der Lehrer mahnen. Daher viele Jahre später die Kopie des ideologischen Schmarotzers Stalin, der Jaroschenko als bucharinistisch bezeichnete, weil dieser zu früh den vollständigen Kommunismus dort erblickte, wo Stalin lediglich den „Sozialismus“ sah: „Nur nicht laufen, Jaroschenko!“

Vor allem aber klärt Lenin hier einen Punkt, an dem uns besonders liegt: Der Kapitalismus ist immer noch der alte, und der Imperialismus ist keine neue typische Gesellschaftsform, sondern ein Überbau des Kapitalismus. Genauer: Der Imperialismus ist eine auf Aggression und Krieg begründete neue politische Form ein und derselben Produktionsweise: des Kapitalismus, der unverändert bleibt.

In Bezug auf Russland erklärt er Bucharin, dass der Monopol- und Industriekapitalismus noch lange nicht erreicht sei, so sehr man sich das auch wünsche, und erst noch zur freien Konkurrenz und grundlegenden Formen des Kapitalismus hinkommen müsse. Welch revolutionäre Kraft liegt in dieser Beurteilung, die in der grundlegenden Rede vom April 1921 „Über die Naturalsteuer“ (einem anderen Meilenstein der langen revolutionären Bahn und unserer Studien) noch schärfer betont werden wird. Wenn Stalin, Lenin nachäffend, Jaroschenko entgegnet, dass man – zumindest in der Industrie – den imperialistischen Überbau des Kapitalismus nicht erreicht habe, den Bucharin schon 35 Jahre vorher sah, sondern sich mitten im Sozialismus befände, sind beide nur noch zum Kotzen.

Wir haben diese Analyse schon in einer anderen Studie durchgeführt, aber manche Zitate haben eine solche Kraft, dass wir sie hier abermals gegen die schamlosen Figuren anführen, die sich auf dem Kongress so schäbig aufspielten, und dieses Verhalten als „Rückkehr zu Lenin“ ausgaben.

„Nirgendwo in der Welt hat der Monopolkapitalismus ohne freie Konkurrenz in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen existiert und wird er je existieren“ [LW 29, S. 153].

„Wir sagen, dass wir zur Diktatur gekommen sind. Aber man muss wissen: wie. Die Vergangenheit hält uns fest, greift nach uns mit tausend Armen, sie lässt uns keinen Schritt vorwärts machen oder lässt uns diese Schritte so schlecht machen, wie wir es tun“. An den Sozialismus „herangeführt hat uns der Kapitalismus in seinen ursprünglichen Formen der Warenwirtschaft“ [LW 29, S. 154].

Wir sagen noch einmal, dass wir hier nicht die Analyse jener klaren Ausführungen wiedergeben, worin Bucharin auch in einem anderen Punkt berichtigt wird: In der Frage der Selbstbestimmung der Nationen, wobei es, wie Lenin erklärt, um Nationen und nicht um „das Selbstbestimmungsrecht der werktätigen Klassen“ geht! Nein, liebe Freunde der Linken, die ihr gewiss nicht beleidigt seid, mit dem vortrefflichen Marxisten Bucharin verglichen zu werden: der Marxismus ist niemals einfach!

An euch, „Leninisten“!

Lenin kommt in seinen Beweisführungen direkt zum Kern. Auch im fortgeschrittenen Deutschland liegen wir zurück! Warum?

„Man nehme zum Beispiel Deutschland, das Muster eines fortgeschrittenen kapitalistischen Landes, das in der Organisiertheit des Kapitalismus, des Finanzkapitalismus, Amerika übertraf. (...) Man sollte meinen, das wäre ein Muster. Und was geschieht dort? Hat sich das deutsche Proletariat von der Bourgeoisie differenziert? Nein! Wurde doch nur von einigen Großstädten berichtet, dass die Mehrheit der Arbeiter dort gegen die Scheidemänner ist“ (Scheidemann: rechter Sozialdemokrat, Schlächter von Liebknecht und Luxemburg).

Und wie ist das gekommen?“ ruft Lenin, bestrebt, den Extremismus des ungestümen Bucharin zu bremsen. Seine Worte sind eine schallende Ohrfeige mitten ins Gesicht derer, die ihre Rückkehr zu Lenin mit der schleimigen Einladung zur Volksfront, zur „linken“ Mehrheit unter Beweis stellen wollen:

„Durch das Bündnis der Spartakusleute mit den Unabhängigen, den deutschen dreimal verfluchten Menschewiki, die alles durcheinander bringen und das Rätesystem mit der Konstituante verheiraten wollen!“ [LW 29, S. 155/56].

Als Theoretiker zählte Lenin Russland zum Kapitalismus im Anfangsstadium. Als Revolutionär prangerte er gleichzeitig das Bündnis mit den Unabhängigen an, die auf dem II. Kongress der Kommunistischen Internationale auch dementsprechend behandelt wurden. Heute will man sich durch die Entweihung des Stalin’schen Kadavers das Recht erkaufen, den Namen Lenins zu vereinnahmen, während man gleichzeitig in der Sprache jenes Kadavers die russische Wirtschaft auf der Stufe des vollständigen Sozialismus ansiedelt und es in Europa mit Leuten treibt, die noch weiter rechts stehen als die heutigen Scheidemänner, so die Diktatur des Proletariats durch die hündische Unterwürfigkeit gegenüber der bürgerlichen Verfassung prostituierend.

Zu gegebener Zeit wird uns eine Schrift vom Oktober 1919 nützlich sein: „Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats“. Aber auch diesmal können wir es nicht lassen, die folgenden Worte Lenins zu zitieren, die man den „Rückkehrern von Stalin zu Lenin“ mit glühendem Eisen auf die Stirn brennen sollte:

„Vergleichen wir alle Hauptkräfte oder -klassen und ihr durch die Diktatur des Proletariats verändertes Verhältnis zueinander, so sehen wir, wie grenzenlos unsinnig in theoretischer Hinsicht, wie borniert die landläufige, kleinbürgerliche Vorstellung vom ÜBERGANG ZUM SOZIALISMUS ‘ÜBER DIE DEMOKRATIE’ schlechthin ist, die wir bei allen Vertretern der II. Internationale finden“ [LW 30, S. 100].

Die Großschreibung ist von uns, aber die Anführungszeichen bei den Worten „über die Demokratie“ stehen im Original; ihr unsinnigen, bornierten „leninistischen“ Totengräber!

Es ist also gar nicht verwunderlich, wenn diese Renegaten in Russland dem Warenfetisch und im Ausland den liberalen Götzen ergeben sind. Worum es uns hier geht, sind die marxistischen Schlüssel zur Geschichte. Geschenkt dagegen das blöde Gewäsch von Journalisten, die „hier“ die Wahlen und die Gesetzestreue in den Himmel loben, während es sich „dort“ schließlich nur darum handeln soll, einen zu finden, der geschickt genug ist, wieder jene Macht zu ergreifen, die es dem Schnurrbart erlaubte, Chruschtschow zur Weißglut zu bringen, indem er ihm hohnlächelnd zurief: „Tanz Chochól, tanz für mich den Gopák!“[9], wie die „Domenica del Corriere“ zu vermelden wusste.

Noch eine letztes Zitat, das euch endgültig niederwirft:

„Allgemeine Phrasen über Freiheit, Gleichheit und Demokratie sind in Wirklichkeit gleichbedeutend mit der gedankenlosen Wiederholung von Begriffen, die eine Ableitung aus den Verhältnissen der Warenproduktion sind“ [LW 30, S. 101].

Diese Herren aus Moskau mögen sich ruhig den Wahlen stellen! Dass sie ihre Stimmen kriegen werden, wissen all jene, die eben darauf spekulieren. Je mehr Schweinereien sie machen, je eifriger sie Gopák tanzen, umso mehr Stimmen holen sie.

Uns genügt, die Herkunft der „Ableitung“ zu kennen, mit der ihre widerwärtige Livree behaftet ist. Die „unfehlbare Magie“ des marxistischen Determinismus sagt es uns: Aus den Produktionsverhältnissen, die es – Jaroschenko zum Trotz – in Russland nicht nur sehr wohl gibt, sondern die sogar warenproduzierende Verhältnisse sind, weshalb die dirnenhafte Eitelkeit der Wahlkandidaten auch eine leichte, für wenig Geld zu habende Ware ist – viel billiger als die „Stalinpreise“.

Von der Produktion zum Konsum

Als Stalin Jaroschenko überzeugen will, dass auch im sozialistischen System eine wirtschaftliche Buchführung vonnöten ist, führt er die Marx’sche Beweisführung im berühmten Brief über das „Gothaer Programm“ an, worin Marx erklärt, dass in der sozialistischen Produktion vor der individuellen Teilung immer verschiedene Anteile vom Gesamtprodukt abgezogen werden, um den gemeinschaftlichen und öffentlicher Bedarf zu befriedigen – unter anderem den Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel. Damit will Marx jedoch mitnichten sagen, dass die vor der individuellen Teilung notwendigen Abzüge durch den Tausch- und Geldmechanismus und aufgrund der betrieblichen und individuellen Bilanz erfolgen. Er wollte nur die Nichtigkeit der Lassalle’schen und kleinbürgerlichen Formel des „unverkürzten Arbeitsertrags“, der jedem Teilnehmer an der Produktion zukomme, beweisen, und so zeigte er, dass auch in einer nicht-bürgerlichen Wirtschaft durch Abzug vom „Gesamtertrag“ und Gesamtprodukt – nicht mehr eines Individuums oder eines Unternehmens, sondern der Gesellschaft – gewisse gemeinschaftliche Reservefonds zu bilden sind, bevor das Übrige dem gesellschaftlichen Gesamtkonsum zufällt.

Bei der Darlegung dieses abgrundtiefen Unterschieds zwischen dem bürgerlichen und dem sozialistischen Wirtschaftsmechanismus schrieben wir im „Dialog mit Stalin“ und anderswo, dass es nicht darum geht, den von jedem Arbeiter produzierten Mehrwert auf Null zu reduzieren, d.h. die bezahlte notwendige Arbeit mit der geleisteten Gesamtarbeit zusammenfallen zu lassen; das ist eine falsche Aussage über den Sozialismus und lediglich eine unhaltbare Version der noch individualistischen Wirtschaft. Wir verdeutlichten das mit Hilfe der groben Formulierung, dass der Sozialismus keineswegs den Mehrwert aufhebt, vielmehr gerade die notwendige, „bezahlte“ Arbeitszeit auf ein mögliches Minimum und schließlich auf Null herunterzudrücken sucht.

Die quantitative ökonomische Analyse zeigt, dass sich die Frage nicht um eine andere Einkommensverteilung dreht, sondern um die vollständige Vergesellschaftung der gesamten Arbeit und des gesamten Produkts zur gesellschaftlichen Befriedigung aller Bedürfnisse. Bürgerliches Recht und bürgerliche Buchführung, während einer Übergangsphase noch notwendig, werden danach endgültig abgeschafft.

Dieses offenbare, von 95% aller Sozialisten nicht begriffene Resultat deckt sich mit den Marx’schen Aussagen im „Kapital“: Je größer der nationale Reichtum (das Thema, worauf Adam Smith die mächtige Konstruktion der kapitalistischen ökonomischen Wissenschaft aufbaute) und je höher folglich das Nationaleinkommen, desto mehr ist die Arbeiterklasse geschlagen und vom Kapital geknechtet, und desto mehr wird das bei gleicher Arbeitsanstrengung dank Wissenschaft und Technik erhöhte Gesamtprodukt nicht so sehr zum großen Teil von den Kapitalisten persönlich und zum kleinen Teil von der Arbeiterklasse aufgebraucht (was sekundär ist), sondern durch die anarchischen und absurden Verhältnisse der kapitalistischen, individuell geleiteten Warenwirtschaft vergeudet.

Da in Russland das Bourgeois-Kollegium und der Staat in eins fallen, fragt sich, welche Bedeutung das „Lehrbuch der politischen Ökonomie“ (in dem von Stalin und vom 20. Parteitag dafür vorgesehenen Kapitel) der Theorie des Nationaleinkommens beimisst? Wie wird man die Aufteilung zwischen Konsum und neuen Investitionen, um das Kapital zu reproduzieren und die Akkumulation zu erweitern, darstellen?

Gewiss wird dieses Kapitel nicht in der Sprache des Marx’schen Briefs über das „Gothaer Programm“ geschrieben werden, sondern im Stil eines Keynes und der Ökonomen des „welfare“ und der „prosperity“. Die Formel vom weltweiten Wettbewerb, Gipfel der wackligen Konstruktion des 20. Parteitags, bedeutet in wirtschaftlicher Hinsicht nur eines: In beiden Lagern erfolgt das Wettrennen um das Gesamt- oder „Pro Kopf“-Einkommen und um die Marge der produktiven Reinvestitionen, die die Rate des Bevölkerungswachstums übertreffen soll (hier ist die Verbindung zum altersschwachen Malthus!), im krassen Gegensatz zum unmittelbaren sowie historischen Interesse des Proletariats, zur revolutionären Verwirklichung des Weltsozialismus und zur Beseitigung der Klassenknechtschaft.

Törichte und verlorene Herausforderung

Die Herausforderung des VI. Fünfjahresplanes gegenüber dem Westen ist für den Sozialismus nicht nur deshalb defätistisch, weil die Klassengegensätze durch nationale Rivalitäten ersetzt werden und der militärische Kräftezusammenstoß durch den friedlichen Wirtschaftswettbewerb abgelöst wird, sondern weil auf diesem Terrain die Partie schon verloren ist, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat.[10] Und zwar aus drei Gründen.

Bulganin gibt bekannt, das russische „Nationaleinkommen“ werde von 1955 bis 1960 um 60% ansteigen, d.h. jährlich um knapp 10%. Jenseits des Atlantiks sind die Prognosen der „Euphoristen“ wesentlich gemäßigter, obwohl eine streng marxistische Analyse zu zeigen hätte, wie auch dort der Optimismus ziemlich wackelig daher kommt.

Eine Hypothese à la Bulganin hängt von drei Faktoren ab: entsprechende Steigerung des industriellen Bruttoprodukts; entsprechende Steigerung des landwirtschaftlichen Bruttoprodukts; Aufteilung des Nettoprodukts zwischen Konsum und Reinvestition.

Wenn in den russischen Plänen die Reinvestition in Produktionsanlagen ebenfalls als von den Erträgen „Erspartes“ bezeichnet wird, zeigt schon allein dies die gemeinsame Natur der beiden Ökonomien. Im Staatskapitalismus müssten die Unternehmenserträge nicht den einzelnen Betrieben, sondern ganz dem Staat zukommen, womit wir die so merkwürdig anmutende ökonomische Gestalt eines Staates vor uns hätten, der, statt die Ersparnisse der Bürger aufzusaugen, selbst Sparer wäre. So jedenfalls kann nur von Zwangssparen die Rede sein, und nicht vom sozialistischen Verbot jeder privaten, und schlussendlich auch staatlichen Möglichkeit, Geld zu akkumulieren.

Ersparnis und Nutzen

Die Begriffe sind schwierig – die konkreten Zahlen vielleicht weniger. Nun, wie gut wird Russland aus den Startlöchern kommen?

Kein Zweifel, dass die erste Bedingung, d.h. die Erhöhung des industriellen Bruttoprodukts, erfüllt werden kann. Die Wachstumsrate der amerikanischen Wirtschaft liegt bei 5, der russischen bei 11%. Wie viel davon fällt auf den Konsum? Eine Meldung der „Associated Press“ über das in Russland, seinen Satellitenstaaten und Westeuropa erfolgreiche Jahr 1955 gibt uns, nach der Bestätigung der Produktionssteigerung, die Vergleichszahlen über den Verbrauch des Musterprodukts Stahl. In den USA und in Westeuropa würden 40% des Stahls für die Herstellung von Gebrauchsartikeln und im Baugewerbe verwendet, während der Rest an Industrie- und Rüstungsgüter gehe.

In Russland hingegen entfallen 1955 nur 20% (d.h. 9 von insgesamt 45 Millionen Tonnen Stahl) auf die Konsumgüterproduktion und 80% auf Industrie und Rüstung.

Da sich 1960 die Gesamtproduktion auf 68 Millionen Tonnen belaufen soll, könnte Bulganin erwidern, diese Erhöhung von 23 Millionen Tonnen solle nun anders aufgeteilt werden. Das ginge aber nur über einen Weg, den der Abrüstung.

In der Landwirtschaftsproduktion sieht die Sache anders aus: In den USA ist die Steigerung minimal, 0,5%, wie aus einer Studie des „Manchester Guardian“ hervorgeht – was die Kritik Chruschtschows bestätigt. Aber selbst im Russland der Vorkriegsplanungen war die Wachstumsrate mäßig: sie erreichte nicht mehr als 1,4%. Alter Marx, wie du gesagt hast: Im Kapitalismus läuft die Landwirtschaft nicht, im Gegensatz zur Industrie. Oder: Wo uns die Statistik solche Daten liefert, dort blüht und gedeiht der Kapitalismus!

Folglich ist, wie wir schon gesagt haben, die geplante jährliche Erhöhung von 12% während der nächsten 5 Jahre undurchführbar. Und ohne die geplante 70%ige Erhöhung in der Landwirtschaft, bei Ausbleiben der zweiten Bedingung also, bleibt die 60%ige Erhöhung des Nationaleinkommens pure Illusion.

Man kann also nicht mit rosigen Aussichten hinsichtlich der Erhöhung des durchschnittlichen Konsums und Lebensstandards aufwarten.

Die westlichen Ökonomen scheinen Recht zu haben, wenn sie die Rücklagen für Kapitalinvestitionen in Russland viel höher einschätzen als die im Westen. Bis 1950 lag diese Rate in Großbritannien und den USA bei ca. 20%; in Russland mit 38% fast doppelt so hoch. Würde in Italien der „Vanoni-Plan“[11] durchgeführt, müsste eine höhere Rate erreicht werden, doch immer noch nicht so hoch wie die russische.

Dies ist kein Vergleich zwischen Kapitalismus und Sozialismus (in diesem Fall würde der Sozialismus den Kürzeren ziehen), sondern zwischen dem Kapitalismus der hoch entwickelten Länder und dreimal verfluchten Sieger aller hegemonistischen Kriege, und dem Kapitalismus der „Anfänger“, und auch der Länder, die sich nach den militärischen Niederlagen und Verwüstungen ihrer Länder nun wieder aufrichten.

„Volks“konsum

Der zwielichtige Aspekt der „euphorischen“ Theorien besteht darin, beständig nach dem Durchschnittsindex zu schielen; je höher er ist, desto besser soll die Nivellierung des nationalen Einkommens und Konsums funktionieren. Amerikanern und Russen ist da gleichermaßen zu misstrauen. Wie dem auch sei, für einen wahren Marxisten ist die ungerechte Einkommensverteilung die geringste der Niederträchtigkeiten des Kapitalismus; wer das begriffen hat, kann diesem Wettbewerb der Lügen vorläufig gelassen zusehen.

Laut Bulganin, und wenn man der 70%igen Erhöhung der Agrarproduktion Glauben schenkt, wird es – da ein um 60% höheres Nationaleinkommen unterstellt wird – möglich sein, die Reallöhne um 30% und die Einkommen der Kolchosbauern um 40% zu erhöhen. Wir bleiben klar auf dem scharf abgegrenzten kapitalistischen Terrain, wo derjenige, der die reichlich vorhandenen Industrieprodukte herstellt, weniger, und der, der die knappen Nahrungsmittel herstellt, mehr erhält. Wo bleibt da, auch unmittelbar gesehen, die führende Rolle der Arbeiterklasse?

Nach dem, was Chruschtschow sagt, sei innerhalb des V. Fünfjahresplans das Gesamteinkommen um 68% gestiegen, die Arbeiterlöhne um 39% und die Einkommen der Bauern um 50%. Das Verhältnis ist unverändert. Also keine „Wende“ im industriellen Kapitalismus: geizig gegenüber den Arbeitern und relativ „großzügig“ gegenüber den bäuerlichen Kleinbürgern.

Chruschtschow versichert, drei Viertel des Nationaleinkommens dienten dazu, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Blieben also 25% für Investitionen; statt der erwähnten 38% der „Oxford-Ökonomen“. Aber wie kann man es schaffen, mit nur einem Viertel des Nettoprodukts als Investitionsrücklage (noch dazu mittels eines bürokratischen und – wie jüngst kritisiert wurde – kostspieligen Räderwerks), das Bruttoprodukt im folgenden Jahr um 12% zu steigern? Was heißt, den Kapitalwert der Produktionsmittel um ebensoviel (oder, wegen der gesteigerten Produktivität, etwas weniger) zu erhöhen. Das Gesamtprodukt müsste dann ja die Hälfte des Kapitals (im bürgerlichen Sinne) umfassen, was, besonders in Russland, absurd ist. Der kollektive Wahnsinn besteht dort darin, die Investitionen zu lobpreisen und den Konsum mit Füßen zu treten.

Der moderne Zwangsarbeiter

Derselbe Vorbehalt, der gegenüber den Zahlen über die Verbesserung des Konsums gilt, gilt auch für die Versprechungen über die Verminderung der Arbeitszeit.

Es heißt, man müsse bis 1957 warten, um auf 6 Tage à 7 Arbeitsstunden zu kommen, d.h. eine 42 Stundenwoche, oder auf 5 Tage à 8 Stunden, gleich einer 40 Stundenwoche. Abgesehen von starken Zweifeln an den Grundlagen der Berechnung, ist das ein z.B. auch der italienischen Industrie bekanntes Ziel; die Bemerkung über die „nicht existierende Arbeitslosigkeit“ in Russland reicht nicht ganz aus, um die Armseligkeit dieses Ziels zu verbergen.

Die Wonnen der modernen warenproduzierenden Zivilisation, der sozialen Fürsorge und des Kreditwesens (ein anderes Gebiet, auf dem Russland verkündet hat, den Westen nachzuäffen) bestehen darin, die Arbeiterheere, die nie wissen, wie ihnen geschieht, zwischen zwei Extremen hin und her zu werfen: Entweder sind sie beschäftigungslos und frei vor Hunger zu verrecken oder sie sind beschäftigte Sklaven – wobei Vollbeschäftigung identisch ist mit Zwangsbeschäftigung, welche – in dieser nach den Worten der Herren in Moskau durch bloße „Überzeugung“ eroberbar gewordenen Welt – aus der Kriegszeit (in der die Zwangsarbeit mittels Terror durchgesetzt wurde) in die des Friedens hinübergerettet wurde. Ihres abscheulichen Friedens.

Nunmehr können antiker Sklave und Leibeigener den modernen Lohnarbeiter schon von oben herab ansehen. Sicher, sie durften ihren Arbeitsort nicht verlassen, mussten aber auch nicht in den Krieg ziehen. Der moderne Sklave steht andauernd unter dem Alb des Krieges und hat die besten Aussichten, verletzt, getötet, gefangen oder zu Zwangsarbeit herangezogen zu werden. Überdies, während der alte Krieg im Schritttempo auf die Zivilbevölkerung zukam, rast der moderne Krieg auf sie zu. Tausende Kilometer hinter der Front hungert der „Zivilist“, während gewisse moderne Umstände es dem Militär sogar erlauben, es sich diesbezüglich gut gehen zu lassen. In Friedenszeiten indes mästet man den Arbeiter mit statistischer Prosperität und Konsumfreiheit. Auch in dieser Hinsicht träumt der Kreml von wahren Wettbewerbsorgien: Geschäfte ohne Schlangestehen, vielfältiges und verlockendes Warenangebot, Zauber der allerneuesten Mode und des guten oder schlechten Geschmacks. Bald wird man zum Meisterwerk Amerikas kommen: dem Konsumentenkredit. Der Arbeiter – mag er auch die Illusion hegen, durch seine Anteile am Betriebskapital Teilhaber desselben zu sein – ist nicht mehr Besitzer, sondern Schuldner seiner paar Habseligkeiten, und wenn ihm auch seine Wohnung gehört, schuldet er ihren Wert. Es geht ihm also praktisch wie dem Sklaven, der, nachdem er zu Essen bekommen hatte, Schuldner des Nettowerts seiner eigenen Person war.

Dieses amerikanische Kreditsystem, das den Arbeiter durch die Schulden an seinen Arbeitsplatz bindet, wurde schon industrieller Feudalismus genannt. Ein weiterer Schritt in Richtung „wachsender Verelendung“, also Verlust jeglicher wirtschaftlichen „Reserve“. Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve: Es muss erst eine beträchtliche Summe abzahlen, um nackt davonziehen zu können. Womit soll man zahlen, wenn nicht wie dem Shylock[12], mit einem Stück des eigenen Fleisches?

Das Kollier des hohen Lebensstandards und Wohlstands, jenes gemeinsame Ideal beider, in der gegenwärtigen „quantitativen“ Zivilisation miteinander wetteifernden Welten, ist die Kehrseite des Stacheldrahts der Konzentrationslager – gleich welche Flagge dort gehisst wurde.

Hungertanz der Kalorien

Wir sagten bereits: Laut „Unità“ erreicht der Lebensmittelkonsum des russischen Volkes schon heute, nicht erst 1960, das Niveau von 3020 Kalorien, gegenüber den 2340 Italiens, während nur die USA und Großbritannien mit 3100 knapp darüber lägen. Der Russe bekäme 92 Gramm Proteine pro Tag, der Italiener etwa 75. Er würde nur durch die 99 Gramm des Franzosen geschlagen.

Auf dem 20. Parteitag wurden keine Zahlen über den Lebensmittelverbrauch angegeben; allenfalls versicherte man, im letzten Jahrfünft habe sich die Absatzmenge, die durch das Staats- und Genossenschaftshandelsnetz hindurch geht, verdoppelt – aber das ist was ganz anderes als die Konsummenge.

Die Statistik zeigt, dass alle unzureichend ernährten Völker, wie z.B. das italienische, über eine mittlere Ration an Getreide und Zucker verfügen, während es an Fleisch, Milch und Fett mangelt. Solchen Völkern sind Großbritannien, die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Skandinavien und auch Frankreich überlegen, vor allem, weil sie über einen großen Viehbestand verfügen. Länder mit vorwiegend pflanzlicher Ernährung liegen unter 2500 Kalorien.

Die Fleischration hängt, besonders in geschlossenen Ökonomien, von der Anzahl der Rinder, Schweine usw. im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ab.

Beschränken wir uns auf einen Vergleich zwischen den USA, Russland und... Italien.

Rindvieh: USA: 0,66 Stück pro Kopf; Russland: 0,25; Italien: 0,20.

Schweine: USA: 0,34 Stück pro Kopf; Russland: 0,13; Italien: 0,10.

Ein Vergleich der Getreidemengen: Selbst wenn die Produktion (laut Bulganin) auf 1800 Millionen Doppelzentner im Jahre 1960 steigen sollte, haben wir heute, wie schon gesagt, 1050 Millionen dz, d.h. 4,7 dz pro Kopf. USA: 1400 Millionen dz – 9 dz pro Kopf. Italien: 160 Millionen dz – 3,5 dz pro Nase.

Das reicht schon, um festzustellen, dass die russische Ration, obwohl höher als die italienische, doch wesentlich niedriger als die Ration in den USA (oder ähnlichen Ländern) ist. Es ist also nur ein Märchen, wenn die russische Kalorienzahl auf das amerikanische Niveau veranschlagt wird, d.h. über 3000 liegen soll. Da sie in Italien 2340 beträgt, kann sie in Russland allerhöchstens 2500 erreichen, und das auch nur mit viel gutem Willen.

Wie bekannt, schwanken die Angaben zwischen Nord- und Süditalien beträchtlich. Kürzlich wurde dies wieder einmal auf die außerordentlich große Zeugungsfreudigkeit im Süden zurückgeführt. In fünf Jahren bei 12 Millionen Seelen: 891.000 mehr, d.h. 7,5%!

Chruschtschow sagte, dass während des V. Fünfjahresplans die russische Bevölkerung (die Rede ist immer von der gesamten UdSSR) um gut 16.300.000 zugenommen hat. Wenn man davon ausgeht, dass es 1950 202 Millionen Seelen gab, dann ergibt die Zunahme in fünf Jahren acht Prozent, d.h. jährlich 1,5% (wenn, wie jüngst gemeldet (1956), die Bevölkerungszahl nur 200 Millionen betrug, so wäre, das ist heute klar, die Jahreswachstumsrate noch höher).

Für Chruschtschow ist das der Beweis, dass die Russen viel essen! Selbst hier, auf diesem banalen Niveau, gebärdet man sich als Anti-Marxist! Wo’s viele Kinder gibt, gibt’s wenig zu essen. Will Chruschtschow – wenigstens in Sachen Geburtenzuwachs – an die Indizes der Engländer, Amerikaner oder Skandinavier herankommen? In Russland isst man nicht nur wenig, sondern die Rationen werden auch qualitativ kaum besser, da die Agrarproduktion (in Wirklichkeit, und nicht den Prahlereien zufolge) nur schwerlich mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält.

Der russische Hunger ist genauso groß wie der Hunger in Partinico, Venosa und Barletta in Süditalien, auch wenn die Herren der „Unità“ darüber ganz anders, gleichwohl ebenso pharisäerhaft schreiben.

Wieder einmal würden die verachtenswertesten bürgerlichen und konter-revolutionären Staaten bei diesem Wettrennen als erste die Ziellinie überqueren – worauf wir nicht mehr lange warten müssen.

Zahlen und Pazifismus!

Nach dem 20. Parteitag haben die Russen die Zahl ihrer Streitkräfte um mehrere Millionen Mann reduziert. Die Amerikaner haben diese Meldung rüde kommentiert, was unseres Wissens von den Russen nicht quittiert wurde.

In den letzten acht Jahren hat die russische Bevölkerung gewaltig zugenommen, wie vor dem letzten Krieg. Aber in den Jahren 1942, 1943 und 1944 sank die Geburten- und Bevölkerungszahl aufgrund des Gemetzels im Kampf mit den Deutschen rapide. Diese Jahrgänge kommen nun ins wehrpflichtige Alter. Die abfallende Kurve dieser zwischen 1956 und 1960 verfügbaren Sechzehnjährigen wird ihnen schwer zu schaffen machen.

Hier die von der „Rome Daily American“ vom 29.5.1956 angegeben Zahlen, ohne sie jedoch verifizieren zu können: Die Zahl der in Russland geborenen Kinder männlichen Geschlechts ist von 1934 bis 1939 pro Jahr von 1,3 auf 2,4 Millionen gestiegen (wir halten das für stark übertrieben). Sie sank 1940 auf 2.100.000, 1941 auf 1.800.000, 1942 auf 800.000, 1943 und 1944 auf jeweils 300.000. Die Amerikaner sagen: 1960 wird es also nicht nur weniger Soldaten, sondern auch weniger Arbeiter geben.

Wie die genauen Zahlen auch sein mögen, eines steht fest: Russland ist ein kapitalistischer Staat, weil er Millionen von Proletarierleben geopfert hat – was der Übertragung einer ungeheuren Mehrwertmasse an das westliche Kapital entspricht. Der Westen seinerseits sparte Millionen und Abermillionen von Menschenleben – was sich heute zu seinen Gunsten in Milliarden und aber Milliarden von Dollar auswirkt. Hier wurde selbst der verschlagene Stalin geprellt. Nur ein Weltbund der Arbeiter kann mit dieser bluttriefenden „Aktiva“ des abscheulichen internationalen Kapitalismus abrechnen.

Das heutige Russland ist zwar dicht bevölkert, jedoch hauptsächlich von alten Leuten und Kindern. Es kann viel verbrauchen, wenig produzieren, wenig kämpfen.

Und bietet jenen Ländern Frieden an, die der soziale Krieg treffen müsste – mitten ins Herz.

 


[1] Siehe Tabelle B.

[2] Qui’ls mangent de la brioche (frz.): Wenn die Armen kein Brot haben, dann „sollen sie doch Kuchen essen“. Marie-Antoinette (1755-93) zugeschriebener Ausspruch auf die Tatsache hin, dass es in Paris kein Brot gab.

[3] Zwischen dem 20. und 21. Parteitag (1959) wurden eine ganze Reihe weiterer ökonomischer Maßnahmen getroffen. Unter anderem, die Landwirtschaftsmaschinen dem Kolchos zu verkaufen. Stalin hatte sich 7 Jahre zuvor noch dagegen ausgesprochen. Er schrieb: „Mit ihrem Vorschlag, die MTS [Maschinen- und Traktorenstationen] den Kollektivwirtschaften durch Verkauf zu übereignen, machen die Genossen Sanina und Wensher einen Schritt zurück zur Rückständigkeit und versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen“ [III, S. 92].

[4] FAO: Food and Agriculture Organisation, Unterabteilung der UNO.

[5] livestock (engl.): Viehbestand.

 

[6] quos ego (lat.): euch will ich (helfen), Einhalt gebietender Zuruf Neptuns.

[7] Bericht über das Parteiprogramm, LW 29, S. 150 ff.

[8] Siehe: III, Antwort an Notkin, S. 49-50.

[9] Chochól (rus.): „Kleinrusse“, abfällig für Ukrainer. Gopák (rus.): ukrainischer Tanz.

[10] Angesichts einer furchtbaren landwirtschaftlichen Situation wird in selbst sowjetischen Quellen zugegeben [1976], dass „die sowjetischen Landwirte mit der technologisch-wissenschaftlichen Revolution nicht Schritt gehalten haben“. Schon die Nachkriegsperiode zeigt, wie man sich in einem Krisenzyklus windet. Allerdings sind diese Schwankungen keine Merkmale der modernen Epoche der russischen Geschichte. Siehe dazu: Marx an Danielson, 19.2.1881 [MEW 35, S. 155]; Engels an Danielson, 18 6.1892 [MEW 38, S. 363].

Jean Marczewski vergleicht in einem Artikel der „Réalités“ die russische und die amerikanische Produktivität und schlussfolgert, dass der Unterschied im „Agrarsektor ins Auge springt: 5 Millionen amerikanische Landarbeiter, unterstützt von 5 Mio. Traktoren und 36 Mio. Tonnen Düngemittel, ernähren nicht nur 193 Mio. Mitbürger, sondern exportieren auf den Weltmarkt; 47 Mio. russische Bauern (13 Mio. Traktoren und 20 Mio. Tonnen Düngemittel) können nur unter Schwierigkeiten 226 Mio. Menschen ernähren“.

[11] Vanoni-Plan: eine Art Marschall-Plan. Benannt nach dem damaligen italienischen Finanzminister.

[12] Shylock: Geldverleiher in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, der auf der Erfüllung seines im Schuldschein festgelegten Anspruchs auf ein Pfund Fleisch vom Leib des säumigen Schuldners besteht.