Kommunismus und menschliche Erkenntnis

Einleitung zu einer Darstellung der marxistischen Anschauung über die Wissenschaft der Geschichte, des Menschen und der Natur

Im Anschluss an die „Gründzüge der marxistischen Wirtschaftslehre“[1], die den 1. Band des „Kapital“ erläuterten und kommentierten, veröffentlichten wir in unserer Zeitschrift „Prometeo“ den Artikel: „Zur dialektischen Methode“, als Übergang zu einer neuen Reihe, die das darlegen soll, was man „die philosophische Seite des Marxismus“ nennen kann.

Der Marxismus stellt die Frage der Philosophie in einer ihm eigenen Weise und in diesem Sinne entzieht er sich dem Versuch, in die verschiedenen Philosophien eingeordnet zu werden – sei es in eine geschichtlichen Reihenfolge oder, noch schlimmer, in ein Ordnungsprinzip. Wir werden daher nicht sagen, es gebe eine marxistische Philosophie, aber auch nicht: der Marxismus ist bzw. hat keine Philosophie. Dies könnte zu einem Missverständnis führen und eine gravierende Gefahr aufkommen lassen, nämlich zu glauben, der Marxismus stünde „außerhalb“ des Bodens, den die Philosophen seit Jahrtausenden mit einer Hypothek belastet haben. Und daraus könnte fälschlicherweise gefolgert werden, dem marxistischen Kämpfer stünde es frei – nachdem er einige Richtlinien der politischen und sozialen Aktion angenommen und sich zu gewissen ökonomischen und historischen Theorien „bekannt“ hat –, für die eine oder die andere Philosophie Partei zu ergreifen: Realismus oder Idealismus, Materialismus oder Spiritualismus, Monismus oder Dualismus, oder was auch immer.

Nun grenzt sich der Marxismus von den geschichtlich bekannten Philosophien nicht in der Art ab, wie dieselben es tun, nämlich über die jeweils anderen den Stab zu brechen; in Sachen Philosophie nimmt er daher zumindest schon mal nach dieser destruktiven Seite hin eine spezifische Position ein.

Viele von uns werden sich an die Erklärung Gramscis auf der Versammlung 1926 in Lyon erinnern, wo er diese Position bestätigte. Obgleich es thematisch um die Taktik der Partei ging, führte er in der langen Diskussion Folgendes aus: Ich möchte der Linken sagen, schließlich doch ihre These anzunehmen und zu teilen, nach der es beim Bekenntnis zum marxistischen Kommunismus nicht nur darauf ankommt, sich einer ökonomischen und historischen Lehre sowie einer politischen Tätigkeit anzuschließen, sondern dies auch eine klar definierte und sich von allen anderen unterscheidende Anschauung des gesamten – auch stofflichen – Universums impliziert.

Während Gramsci also verstand, dass sich derjenige, der dem Marxismus folgt, in seinen wissenschaftlichen und philosophischen Aussagen festlegt, und all das, was auf nicht-marxistische Quellen zurückgeht (mag es auch das Ergebnis ernsthafter Bemühungen sein), entschieden verwirft, tolerieren seine posthumen Epigonen eklektisch immer mehr jede auch noch so abwegige Position, ob skeptisch und religiös, ungläubig und mystisch, individualistisch und staatsvergötternd. In dieser Manier, wahllos alles zu akzeptieren und allen Grundsätzen ostentativ den Rücken zu kehren, spiegelt sich die ideologische und theoretische Verlotterung der bürgerlichen Welt wider; und diesem Phänomen wird bloß ein ständig wechselndes Lamento entgegengesetzt, dass nämlich die weisen Traditionen und Gesetzestafeln, oder dies oder das, oder jenes oder solches, entweiht worden seien.

Unserem Vorgehen treu bleibend, d.h. diese weitgreifenden Fragen nicht etwa mittels neuer Erklärungs- oder origineller Grundsatzmodelle wieder aufs Tapet zu bringen, griffen wir in dem genannten Text „Zur dialektischen Methode“ natürlich auf Schlüsselstellen im Marx-Engels’schen Werk zurück; der Klarsicht halber zogen wir einen Bezugspunkt aus dem gegnerischen Lager hinzu, man kann auch sagen, eine Schussrichtung [...], die wir bei Benedetto Croce[2] fanden; jemand, der seine Gedanken mit beachtenswerter Logik dargelegt und beharrlich seine, den unseren entgegengesetzten Positionen verfochten hat, selbstverständlich ohne jemals davon abgewichen zu sein.

Wir stießen bei Croce auf folgenden Passus: „Die Dialektik findet einzig Anwendung auf die Beziehungen zwischen den Kategorien des Geistes und bezweckt die Lösung des alten, erbitterten, scheinbar hoffnungslos festgefahrenen Dualismus zwischen Wert und Nichtwert, Wahrem und Falschem, Gutem und Bösem, Positivem und Negativem, Sein und Nichtsein.“

Wir hielten dagegen, dass die Dialektik für Marxisten in jenen Darstellungen ihren Platz hat, mit denen das menschliche Denken die Naturvorgänge reflektiert, und dass diese Art des sich Einprägens, des Überlegens, des Darstellens, des Beschreibens bzw. „Erzählens“ von uns wie jede andere Beziehungsgruppe zwischen materiellen Prozessen behandelt wird – wie z.B. zwischen der Chemie des Düngers und der Physiologie der Pflanzenzelle.

Der Abgrund, die Kluft liegt also zwischen den beiden Auffassungen. Für Croce ist nicht nur jede Beschreibung und erst recht Erklärung der Natur und der Welt rein zufällig und zweitrangig, sondern Wissenschaft und Wahrheit sind gewissermaßen das Ergebnis eines Zusammentreffens des Denkens mit sich selbst, einer „Parthenogenese[3] des Geistes“, worin zugleich der Forscher, der Forschungsprozess und das Erforschte enthalten sind. Für Marxisten dagegen sind (freilich ohne den rutschigen Boden zu betreten, auf dem sich die philosophische Theorie mit dem Dasein der Welt und der Dinge an und für sich als Gegenstand der Erkenntnis befasst, ebenso wie mit einem Fetisch Materie gegen einen Fetisch Geist), für Marxisten also sind das Denken und der Geist die zuletzt Angekommenen, die schwächsten, die – gerade weil ausgefeiltesten und komplexesten – schwankendsten und vergänglichsten Ankömmlinge. Im schwierigen Prozess des Gattungslebens, der Geschichte, des Wissens, der Organisierung des Kampfes gegen die natürliche Umwelt, bringen es die Menschen – in einem langen Werdegang – dahin, mittels hinreichend genauer Übertragungen der „physischen Realität“, die daher als Wissenschaft gelten, deren Strukturen und Mechanismen zu systematisieren. Wir glauben, die Behauptung: „Wissenschaft ist möglich“, stimmt, und die Prämisse dessen ist nicht, angesichts jenes unergründlichen Lichts in Verzückung zu geraten, welches sich unter gewissen rätselhaften Umständen im denkenden Ich entfache. Oder in den „Ichs“? Das hat nie jemand richtig verstanden.

Gerade weil es bei diesen Dingen leicht ist, einen Cocktail aus Fachsprachen und spezifischen Vokabularium zusammenzumixen und aus unterschiedlichen, daher nicht vergleichbaren Konventionen zusammengesetzte Algorithmen einander gegenüber zu stellen, ist es nötig, alles von Anfang an und in aller Ruhe unter die Lupe zu nehmen. Wir werden hierzu auf einige Stellen bei Croce zurückgreifen, um uns zunächst drei Punkten zuzuwenden: Hält er Wissenschaft heutigentags überhaupt für möglich? Welches sind für ihn die Kriterien? Welches sind für ihn die marxistischen Kriterien und inwieweit akzeptieren wir seine Formulierung unserer Aussagen, die er zurückweist?

Da wir nicht zu jenen zählen, die glauben, den den harten Schlägen einer feindlichen Welt ausgesetzten Marxismus mit Zirkularen eines organisierten Zentrums retten zu können, welches die theoretische Orthodoxie monopolisieren will und welchem eine weitverzweigte Organisation (die Klassenwissenschaft braucht auch eine Organisation – was Croce unbegreiflich ist –, aber allein nützt diese gar nichts) ermöglicht, wenn auch immer weniger erfolgreich, dass man ihm alles nachbetet, müssen wir die größte Gefahr in der Leugnung wissenschaftlicher Ergebnisse ausmachen, zu denen die Naturwissenschaft, nach äußerst kühnen Vorstößen und durch die letzten großen Entdeckungen, sicher ist gelangt zu sein. Diese zeitgemäße Leugnung wissenschaftlicher Thesen erfüllt die bürgerliche Welt natürlich mit Freude; die geschichtlichen und Klassengründe dafür liegen auf der Hand.

Dass es eine proletarische Wissenschaft geben kann, reizt Croce zum Lachen. Niemand wird aber bestreiten, dass der Kampf zweier bewaffneter Parteien während des gesamten liberal-revolutionären Kampfes – dem er sich nach wie vor verbunden fühlt – Hand in Hand mit dem Kampf zweier Philosophien ging, die eine autoritär, die andere kritisch; seinen Ausdruck fand dies in mannigfachen literarischen und nationalen Phänomenen, aber ein und demselben Dualismus auf europäischer und Weltebene.

Die industrielle Bourgeoisie schätzte es, die Wissenschaft der Naturkräfte jenseits gesellschaftlicher und religiöser Normen als mit Sicherheit möglich zu verkünden, und rücksichtslos durchbrach sie alle Hindernisse. Es behagte ihr dann allerdings weniger, als der Anspruch erhoben wurde, sich mit Hilfe der gleichen Waffen – Zweifel, Infragestellung der Autorität, Kritik, Induktion – nicht bloß über das „Skelett“ der stofflichen Natur, sondern auch das der menschlichen Gesellschaft und Geschichte klar zu werden.

Nur um diese zweite furchterregende philosophische Revolution abzuwehren, zog der nunmehr herrschende Kapitalismus seine kühne Forderung, die innere Struktur und Dynamik der physischen Welt erkennen zu können, wieder zurück.

Auf diesen, im „modernen Denken“ seit etwa einem halben Jahrhundert herrschenden Konsens stützt sich Benedetto Croce (der in seinem Eifer immer wieder hervorhebt, kein besonderer Freund der Naturwissenschaft zu sein, was seine „auf dem Kopf stehende Konstruktion“ an sich nicht abschwächt) nur zu gerne; aber lassen wir besser ihn selbst sprechen:

„Wenn man mich fragte, worin die große philosophische Errungenschaft unseres Zeitalters besteht (ohne sich dessen allzu bewusst zu sein), würde ich sagen, im Umsturz der positivistischen Überzeugungen, worüber eine so radikale Meinungsänderung stattfand, dass man es kaum glauben mag.

Bereitwillig überließen die Naturwissenschaften und mathematischen Disziplinen der Philosophie das Vorrecht des Wahren und sich dreinfügend, ja geradezu erleichtert gestanden sie, dass ihre Begriffe zwar zweckmäßig, von praktischem Nutzen seien, aber mit der Betrachtung des Wahren nichts zu tun hätten. Ein Deutscher hat sogar geschrieben, die Wissenschaften seien bloß ein Kochbuch, das die Menschen als Geschenk bekamen, um all die dem Leben zweckdienlichen Gegenstände herzustellen.

Ich werde nicht all die Namen der Wissenschaftler, nicht minder der Philosophen aufzählen, die diese notwendige Bekehrung durchgeführt haben, von Bergson und Poincarè in Frankreich, bis Avenarius und Mach in Deutschland. Man kann sagen, dass das vollbrachte Werk einen kollektiven Charakter trägt“.[4]

In dieser Einleitung halten wir uns erst einmal an die Aussagen, zur Kritik und Widerlegung kommen wir später. Für Croce steht also fest, dass die Wissenschaften – heute, 1952, und nach einem mehrere Jahrzehnte dauernden Kampf – „ihren Erkenntnischarakter an die Philosophie abgetreten“ haben. Das mag den kleinen Mann von der Straße verblüffen. Für Croce jedenfalls handelt es sich um zwei verschiedene Lager: das der Philosophie und das der Wissenschaft. Der ein Jahrhundert vor Croce lebende Bürger (wir werden beizeiten auf den Einwand Croces eingehen, dass auch marxistische Theoretiker Bürgerliche sind; was uns wenig bekümmert, wo doch die Theoretiker des bürgerlichen Kritizismus Adlige oder gar Pfaffen waren), dieser Bürger der klassischen Epoche der antifeudalen liberalen Revolutionen sah, durch seine Brille, die positive Wissenschaft ein Gebiet erobern, aus dem sie infolge bahnbrechender Entdeckungen zuerst die Religion, dann auch die theoretische Philosophie verdrängte. Dieser Sieg war, jedenfalls in landläufiger Sicht, ein Sieg der Experimentalmethode über jene Forschung, die sich über die von der traditionellen Autorität ausgelegten Schriften beugte, wie auch ein Sieg über das rein spekulative Denken. Pfaffen und Philosophen hätten sich bislang im Reich der Phantasie und Träume getummelt, die modernen Forscher indes (in ihren mehr oder minder mit den kapitalistischen Großbetrieben zusammenarbeitenden Laboratorien) stünden auf festem Boden und hätten uns endlich zur unumstrittenen Kenntnis des „Wahren“ geführt.

Wir haben nicht das Geringste gegen die Verurteilung der der bürgerlichen Klasse angehörenden Rhetorik und ihres Philistertums einzuwenden, welches sich der Vergötterung der positiven Wissenschaften verschrieben hatte und sozialen Zwecken diente, und zum anderen verhindern sollte, dass das machtvolle Instrument der Forschung statt für den Unternehmer möglicherweise zugunsten seiner Arbeiter in Funktion tritt.

Wir müssen nun sehen, wie Croce, um das verlorene Terrain wieder zu erobern, die Termini gebraucht. Die experimentelle Wissenschaft wird zunächst mal herabgestuft und der Begriff des „Wahren“ aus ihr verbannt. Unser kleiner Mann von der Straße hätte gesagt, Pfaffen und Philosophen hantieren mit dem Abstrakten, Fabrikherren und Wissenschaftler mit dem Konkreten; praktisch versteht man unter „Abstraktem“ irgendwas, was aus dem Greifbaren extrahiert wird und nur mit den „Augen des Verstandes“ gesehen werden kann; unter „Konkretem“ etwas, was in unseren Händen nicht zerrinnt und festgehalten werden kann, wie gefrorenes Wasser, aus dem Brennofen kommender gehärteter Ton oder getrockneter Gips. Als hartgesottene Empiristen bezeichnen die Engländer mit concrete das, was für uns Italiener ein Zementgemisch darstellt – für die Franzosen ist das béton.

Croce hält sich ans Konkrete [...], das Abstrakte überlässt er den Ingenieuren, Physikern, Chemikern. Was die biologischen Fragen angeht, verdient sein präzises Denken, später genauer darauf einzugehen.

Das Wort empirisch, was soviel wie experimentell bedeutet, assoziiert Croce mit abstrakt. Für ihn stellt sich die Sache so dar: Ein aus einer Reihe von Untersuchungen und Prüfungen in der physischen Welt abgeleitetes wissenschaftliches Gesetz ist nur eine verständige Abstraktion, mit Hilfe derer der Forscher die Natur innerhalb seines Denkmodells beschreibt. Da Croce von der Nichtigkeit und Hohlheit der „Gesetze“, die die Wissenschaft gefunden und formuliert hat, überzeugt ist, besteht für ihn kein Anlass, sich weiter damit zu befassen. Aber natürlich kommt man jedes Mal, wenn eine bestimmte Menge von Einzeldaten „durchsiebt“ und in Gesetze und Formeln eingeordnet wird, zu den Universalien, zu den Verallgemeinerungen, die Croce immer wieder amüsieren. Wenn man also das allen konkreten Daten Gemeinsame fassen will, wird man über all die konkreten Fälle hinausgetrieben, die nicht mehr einer nach dem anderen betrachtet werden, sondern von denen „abstrahiert“ wird. Und es ist klar, wenn wir nicht abstrahieren würden, könnten wir auch nicht lesen und schreiben, und Benedetto Croce würde uns armen Teufeln unbekannt bleiben.

Es ist nun Folgendes zu erwarten: Beschränken wir uns auf ein Beispiel aus der verruchten „Mechanik“. Das Gesetz der gleichförmig beschleunigten Bewegung geht auf Galilei zurück und wird in den Schulen in der Form gelehrt, dass ein zurückzulegender Weg proportional zum Quadrat der Zeit ist, die gebraucht wird, ihn zu durchlaufen. Die Definition dieser Bewegungsformel findet man, wenn die Position eines sich bewegenden Körpers drei Male gemessen wird. Man kann jetzt durch Abstraktion eine vierte Position antizipieren. Wir können nun ohne Weiteres einräumen, dass – seitdem die Welt sich dreht und gleichgültig, ob wir ein hundertmal schwereres Gestirn als die Sonne oder ein Staubkörnchen vor uns haben – vier konkrete Messungen niemals mit dem Gesetz übereingestimmt haben. Wenn man so will, existiert also die Galilei’sche Formel der gleichförmig beschleunigten Bewegung konkret nicht. Aber sowohl Poincarè als auch Einstein hätten die Aussage weit von sich gewiesen, mit dieser Kenntnis nicht gut vorangekommen zu sein und nicht nur Industrie und Technik errichtet, sondern auch Wissenschaft (und Philosophie! – eine, angesichts derer Aristoteles schwindelig geworden wäre) betrieben zu haben.

All das soll also bloße Spielerei gewesen sein? Und das „Kochbuch“ stellt sich als bloße Spielerei heraus? Oder werden nicht doch irgendwie Erkenntnisse zusammengefasst, ohne die man nicht auskommen, geschweige denn philosophieren könnte? Das wäre jedenfalls eingehender zu prüfen.

Für den Moment reicht es, Croce wortgetreu wiederzugeben, nichts weiter. Für ihn ist Wissenschaft also eine Gesamtheit von Abstraktionen und empirischen Daten, und sie führt nicht zur Erkenntnis des Wahren. Dennoch ist Erkenntnis möglich, nimmt aber nicht die Gestalt eines Systems von Naturgesetzen an. Zur Erkenntnis kommt man vielmehr durch und im Geist, und sie offenbart sich als das Vermögen, ethische und ästhetische Werturteile zu bilden. Besser, wir zitieren ihn.

Croce schaltet den Begriff der Ursache aus den geschichtlichen Fragen aus. „Der Begriff der Ursache ist zweifellos der Kern der Naturwissenschaften, die sich in Abstraktionen bewegen, und steht so im Gegensatz zu dem, was für die Geschichte, die im Konkreten besteht, erforderlich ist. Mit Abstraktionen kann man spielen und eine gegebene Tatsache der einen oder anderen Ursache zuschreiben. Beim Konkreten aber hat man mit dem Bewusstsein zu tun, dessen Stimme nicht trügt und jeden Trug bloßlegt, wenn man sich oder andere von etwas überzeugen will.“

Die Kausalgesetze sind demnach der Natur nicht inhärent, sondern entstehen nach eigenem Ermessen im denkenden Kopf des Physikers. Es gibt daher nichts, was gewiss wäre, außer dem, was sich im Bewusstsein vorfindet. Wir legen hier etwas dar, was wir weit von uns weisen, wobei wir trotzdem versuchen, es richtig wiederzugeben.

Durch dieses wegweisende Licht des Bewusstseins, das so viel besser als das der Vernunft die Richtung weist (verbieten wir uns jede Polemik!), lässt sich, das liegt auf der Hand, das einzig gültige System errichten: „Eine Philosophie des Geistes, die uns befähigt, die Welt in ihren Irrungen und Wirrungen, die Geschichte, zu verstehen“. Und dann wird das gegnerische Lager abermals im Sturm genommen: „In diesem neuen Sinn enthält die Geschichte viel mehr als gemeinhin gedacht, denn sie umfasst die Gesamtheit der sogenannten Naturgeschichte“.

Natürlich ist für Croce eine Historiographie möglich, sie beschränkt sich aber auf eine endlose und unbestimmte Registrierung konkreter Daten und muss vor Kausalgesetzen zurückschrecken. Mit der Geschichtsschreibung Croces verhält es sich wie mit einer „Meterologie menschlicher Ereignisse“, der jedoch jede Vorhersage untersagt ist. Von daher der Gegensatz zum Marxismus, vor dessen Anspruch, zukünftige historische Entwicklungen aufzuzeichnen, ihn schaudert.

„Bei einer derartigen historischen Rekonstruktion“ (Rekonstruktion, also doch etwas mehr als bloße Registrierung) „schaue ich nicht auf die Menschen in ihrem sogenannten persönlichen und privaten Leben, sondern auf ihre Werke, d.h. ihre Arbeit“. Wir dürfen nicht denken, hier einen Berührungspunkt mit Croce zu haben. Was er damit meint, ist nicht die gesellschaftliche Durchschnittsarbeit, sondern im Gegenteil die außergewöhnliche Schöpfung, das Meisterwerk. Durch einen zweifellos bemerkenswerten Gedanken will der Autor die Grenzen der Person hinter sich lassen: „Man muss sehen, es handelt sich dabei um Werke, zu denen die ganze Welt allerorten beiträgt, so dass es ebenso vereinfachend wie willkürlich wäre, sie auf ein bestimmtes Individuum zu beziehen“. Es handelt sich daher um wirklich außergewöhnliche, die größten Werke, „denen man das Epitheton[5] göttlich beizulegen pflegt“.

In diesen äußerst seltenen Werken erkennt Croce den „objektiven und dem Universellen zugewandten Wert“, was er der Experimentalmethode und der Beschreibung der Welt mittels wissenschaftlicher Gesetze entschieden abspricht. Jene Werke, die eine Spur hinterlassen und Meilensteine des menschlichen Werdegangs sind, haben als Vermittler einen Autoren, Künstler oder Dichter oder auch, wie Croce einzuräumen scheint, einen Gesetzgeber oder Staatslenker. Wenn der Einzelne aber gewissermaßen zu wenig ist, ist die Gemeinschaft zu viel; die Welt, sowohl die Natur als auch Menschheit (vielleicht auch das Göttliche? Scheint nicht so), kommt in den Werken auf geheimnisvolle Weise zum Ausdruck: „Die Werke werden sicher auch durch Muskeln und Nerven der Menschen geschaffen, dürfen aber nicht mit ihnen vermischt werden, und eine Art Widerwille erfasst uns, wenn dies geschieht. Persönliche Leidenschaften umranken von allen Seiten her die Werke der Menschen, doch sind diese von jenen gesondert und über sie erhaben.“

Gehen wir bedachtsam weiter: In diesen Plejaden größter Werke ist also die einzige Sphäre auszumachen, in der allgemeine Werte, wie die der Kunst und der Ethik, ferner noch der Logik, Geltung haben; und dies sind die konkreten Gewissheiten, die man erlangen kann (wir alle oder nur die erhabenen Theorien genialer, wenn auch namenloser, Geister?). Nicht nur hat, immer laut Croce, der allen übrigen Menschen in ihrem Alltag zugestandene Beitrag nur zufälligen, nebensächlichen und privaten Charakter, so dass aus dem Geschichtlichen auch jedwedes moralische Werturteil ausgeschlossen ist, denn deren Träger sind ja Menschenmassen oder Menschengruppierungen oder gesellschaftliche und politische Organisationen. Nun gut, doch wir gestehen, dass uns unklar bleibt, ob die in jener Stratosphäre des Geistes errichteten Werte des Guten und des Bösen auf das Verhalten des Einzelnen, sei es auch nur in seinen „Privatangelegenheiten“, angewendet werden sollen oder nicht.

Anders gesagt, die Dialektik gibt uns, indem sie schließlich jene höchsten Werte offenbart, einen Kompass an die Hand, mit dem wir zu einer Einordnung und Beurteilung der Taten eines Orest oder Macbeth gelangen; für die Tat eines Brutus oder Walter Audisios[6] gilt das sicher nicht; und wir fragen uns, ob er uns bei Caterina Fort[7] helfen würde.

Wenn wir die Konstruktion unseres Gegners schlecht wiedergegeben haben, entschuldigen wir uns dafür. Wir sind sicher die Letzten, die bedauern, dass, nachdem der Wissenschaft fast ihr ganzes Terrain streitig gemacht wurde, auch aus der Moral große Bereiche entfernt wurden, und nur die Ästhetik eine universelle Tragweite behält. Uns ist nicht daran gelegen, das wieder aufzurichten, was eingestürzt ist, vielmehr bezweifeln wir die Haltbarkeit dessen, was noch übriggeblieben ist.

Bestätigen wir diesen Punkt noch einmal mit Croces eigenen Worten: „In erster Linie errichte ich eine philosophische Theorie der Kunst, woraus sich alle ihr eigentümlichen Wahrheiten herleiten (...), in zweiter Linie eine Macht, Genie genannt, die allein der Kunst Leben einhaucht“.

Auch wenn eine solche Konstruktion ein (selbstredend nicht zufälliges und beliebiges) System der großen Werke impliziert, und auch wenn ein unsichtbares Band die Werke, oder wenn man will, die Genies, miteinander verbindet, wobei nur schwer zu verstehen ist, wie sich, über Raum und Zeit gesehen, diese Verbindung herstellt (nicht mehr das Wort, sondern das Schöne „ist Fleisch geworden“?), so ist doch eindeutig, dass eine solche Konstruktion die Arbeit, und zwar ausnahmslos aller Menschen, außen vor und beiseite lässt, ebenso wie die Formen, in denen diese Arbeit zur Produktion und zu den räumlich und zeitlich verschiedenen Produktionsweisen führt. Diese Tätigkeit der Massen hat bei ihm keine Geschichte oder bildet nur ihren halbbelichteten Hintergrund und ist nicht imstande, deren Fähigkeiten auszudrücken, die vielmehr allesamt dem Geist innewohnen und durch die Ankunft der Genies freigesetzt werden.

Und doch spricht ein Epos, von dem wir nicht sagen können, ob es zu den Großtaten und der alte Hesiod zu den Meistern der Poesie gehört (könnte man nicht auch, kommt uns platterweise in den Sinn, eine philosophischen Theorie… des Sports einführen, mit seinen Meistern und seinen exploits[8]), und zwar das erste griechische Epos, von Werken und Tagen. Das Wort „erga“ steht sowohl für die Werke der Größten wie für die Arbeit aller; übrigens sprechen wir noch heute vom Werk „Walküre“ wie vom Tagewerk des Tagelöhners, und „téchne“ bedeutet Technik wie auch Kunst. Warum soll die Technik, die auf einer bestimmten gesellschaftlichen Stufe allen gemeinsame produktive Tätigkeit, durch die mühsam Technologie, Experimentalphysik und Mathematik zustande kamen, nur zur vulgären Empirie und abstrakten „Projektplanung“ führen; und warum soll die Größe, das Erhabene, nur in der Kunst der mit Genie und großen Fähigkeiten begabten ganz Wenigen liegen, deren Wissen es allein erlaubt, eine Lehre aufzustellen?

Arbeit und Kunst sind für uns das gleiche, und seit Dante und der Scholastik ist Gewalt darin die gleiche Sünde.[9]

Wir sagen nicht, dass die Kunst bzw. die Kunstwerke in der Lehre vom Verhältnis zwischen der Gattung Mensch und der ihr freundlich oder feindlich gesinnten Natur nichts zu suchen hätten, sondern dass eine Geschichte der Arbeit, Technik und Produktion geschrieben werden kann und auf deren fester Grundlage auch eine Geschichte der theoretischen und angewandten Wissenschaft und eine der Kunst; ihre Produkte aber bleiben unerklärlich, wenn man sich nicht jenen harten Weg zu erschließen weiß, an den alle Lebenden, und zwar alle Tage, mitarbeiten. „Érga kaì hêmérai!“ (Werke und Tage).

In der Kunst drückt sich nicht das Vermögen des Genies aus, sondern welche Stufe das Vermögen der Gattung (Marx) erreicht hat.

Dass auch das Vermögen des Genies über die bornierten Grenzen der von Spiritualisten und Rechtsgelehrten so vergötterten Person hinausgeht, ist eine sicher wertvolle, aber keineswegs ausreichende Aussage.

Nach dieser, vielleicht etwas dürftigen Darstellung des Croce’schen Denkens besteht der zweite uns interessierende Aspekt in seiner Beurteilung des Marxismus, welche sich in manchen Fällen von den hergebrachten Banalitäten abhebt, in anderen zurückzuweisen ist.

Dort, wo Croce vom Rückzug der Wissenschaften in kognitiver Hinsicht spricht und zeigt, dass alle gegenwärtigen Denkschulen ihn willig angetreten haben – mögen sie die Transzendenz oder Immanenz, die Mystik oder den Kritizismus als Behelf gewählt haben –, fügt er hinzu, dass sich „eine Philosophie dieser modernen Tendenz ferngehalten hat: Karl Marx´ historischer Materialismus, ein stolzes Bauwerk, da es offenbar schon vor 1848 errichtet wurde“.

Was diesen Stolz angeht, und wir geben gern zu, es zu sein, müssten alle darüber erstaunt sein, nur die nicht, für die die Theorie ohne Zutun der Empirie entsteht. Natürlich sind wir Empiriker, aber im Maßstab der Jahrhunderte, nicht Wochen – wovon ein anderes Mal.

Dann zitiert er Lenin, dem er die gleiche naturwissenschaftliche Bildung wie Engels […] zugesteht; und bei Lenin kommt einem „Materialismus und Empiriokritizismus“ in den Sinn, ein Buch, das er nur aus Zitaten kennt – ein achtbares Geständnis, das sich nur einer leistet, der fast alles gelesen hat.

Nun, die Lektüre des Buches würde ihn schwer enttäuschen. Lenin unterzieht vor allem die Theorien Machs und Avenarius` einer umfassenden und schonungslosen Kritik, hält sie aber aus Gründen für erledigt, die für Croce durchaus nicht entscheidend wären. Die ganze Beweisführung läuft bei Lenin darauf hinaus, dass die „neue“ Lehre der Naturphilosophie schon in den alten, jetzt entkräfteten Lehren steckte. Als da sind: der Fideismus, also ein auf dem religiösen und außerweltlichen Glauben gegründetes System; den Solipsismus, sozusagen die Endstation des Idealismus, wie z.B. bei Berkeley zu finden, also die Leugnung der Objektivität der Welt. Lenin kann davon ausgehen, dass alle diese Richtungen bei allen Diskussionsteilnehmern einhellig auf Ablehnung stoßen; um den Empiriokritizismus abzutun, braucht er daher nur zu zeigen, dass dieser die physische Realität der Welt leugnet, bzw. deren Schöpfung unterstellt, bzw. in der Empfindung und der Sinneswahrnehmung ein Phänomen sieht, das in keiner Verbindung zur Außenwelt steht.

Dieses Vorgehen erklärt sich dadurch, dass Lenin sich insbesondere an Parteiangehörige wandte, die jene Philosophie positiv aufgenommen und mit dem Marxismus für vereinbar gehalten hatten; dann auch dadurch, dass die Partie in theoretischer Hinsicht ein für alle Mal gewonnen schien, denn gegen die Existenz Gottes, die Schöpfung, gegen vom biologischen Leben abstrahierende Untersuchungen der Denkäußerungen etc. waren sich schon fast ein halbes Jahrhundert zuvor so verschiedene Schulen wie die deutsche kritische Philosophie, der französische klassische Materialismus und der neuere, sich nur an das erfahrungsmäßig Gegebene haltende moderne Positivismus einig – auch wenn die Konvergenz nur negativ bestand.

Dies klargestellt, behält das Lenin’sche Werk seine Gültigkeit. Es reicht, es durch eine Brille zu lesen, die geeignet ist, den späteren „neo-antiwissenschaftlichen“ Haltungen entgegenzutreten, ebenso wie allen anderen im Geist gegründeten Philosophien. Für Croce, meinen wir, wäre der „Anti-Dühring“ beweiskräftiger gewesen, um unser Festhalten an unserer alten Philosophie aufzuzeigen. Wir werden später auf den Zusammenhang zu sprechen kommen, der zwischen den beiden historischen Phasen des marxistischen Kampfes gegen ihre Widersacher besteht. Dass die Marxisten jener großen Strömung der Köche fern- und entgegenstehen, ist also eine korrekte Aussage Croces.

Übrigens machte auch die Kennzeichnung „reaktionärer“ Philosoph zu Zeiten Lenins noch Sinn, als der bürgerliche Gegner noch zugab, anti-feudale und revolutionäre Theorien zu brauchen, bzw. bis vor Kurzem gebraucht zu haben. Heute dagegen, wo die einzig mögliche Reaktion die ist, den Kapitalismus zu erhalten, beeindruckt sie keinen mehr, und auch Croce würde sich dadurch nicht in seiner Ehre gekränkt fühlen. Gut. Der Punkt ist also erledigt.

Eine andere Sache ist der heftige Angriff auf die Geschichtsschreibung, wie Marxisten sie auffassen und betreiben würden: „eintönig, hohl und schrecklich langweilig“. Man verschone uns mit den Geschichten, die in Russland und anderswo gelehrt werden, in denen Marx Allah und Stalin sein Prophet ist. Aber wie kommt jemand dazu, den „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ oder die „Klassenkämpfe in Frankreich“ als eintönig, hohl und schrecklich langweilig zu bewerten? Nennt sie, wie ihr wollt, Drama oder Poesie, Traum oder Verkündigung, wenn die wissenschaftliche Kraft der Beweisführung euch entgeht oder kalt lässt, jedenfalls: Alle Achtung!

Sehen wir uns seine Definition an, aber übergehen wir das ästhetische Urteil, das sich hier wirklich ein Armutszeugnis ausstellt! „Die Geschichtsschreibung des Karl Marx, deren Kraft als Röntgenoskopie der Geschichte bezeichnet werden könnte, macht im großen historischen Körper als das sie stützende Skelett die alles beherrschende ökonomische Struktur sichtbar.“ Lassen wir das so durchgehen, auch wenn es ironisch gemeint ist. Alte Schulen wollten auch verhindern, in den menschlichen Körper hineinzusehen und das Argument, das Skalpell könne ja nach dem Tode darin herumschnippeln (mit den „Kadavern der Geschichte“ ist das um einiges schwieriger), wurde nicht nur innerhalb eines denkwürdigen „philosophischen“ Kampfes unter die Erde gebracht, sondern vor allem durch die Entdeckung der Röntgenstrahlen.

Von jetzt an stellen wir uns gegen Croces Schrift: „Dank dieses Begriffs deutet Marx mit sicherer Hand nicht nur die ganze europäische Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte, sondern ohne zu zögern auch die universelle, denn ihr Wesensinhalt ist bei ihm immer derselbe: Die unwürdige Ausbeutung, der die Völker stets durch die herrschenden Minderheiten unterworfen wurden“. Dem Inhalt nach haut die Aussage deshalb daneben, weil herrschende Minderheiten in bestimmten Phasen bestimmte Klassen von der Ausbeutung befreit haben; der Form nach noch mehr, denn „Unwürdigkeit“ ist ein ethisches, und Marx fremdes Urteil. Aber gehen wir langsam vor und lassen ihn noch mal zu Wort kommen: „Die Geschichte ist Geschichte von Kämpfen, und der Kommunismus will von Kämpfen nichts wissen, außer um allen Kämpfen durch eine gewaltsame Aktion ein für allemal ein Ende zu machen. (…) Sein Ideal“ (sic!) „ist der Friede unter den Menschen; da der Kampf aber, nach diesem Glauben, aus den Machenschaften des Bösen gegen das Gute hervorgeht, besteht das Mittel, ihn aus der Welt zu schaffen, darin, das Böse aus der Welt zu schaffen; und da (...) der Grund des Bösen im Privateigentum liegt, ist das Privateigentum – das Böseste vom Bösen – abzuschaffen.“ Und dann das Finale: „Wenn das Böse dann beseitigt ist, müssten Zweifel aufkommen, ob die Geschichte, die Geschichte von Kämpfen ist, weitergehen kann.

Wir Marxisten, einerseits unter der Anklage stehend, die „Geschichte beenden“ zu wollen, haben andererseits, immer laut Croce, die eigentliche Schwierigkeit gar nicht gemerkt, nämlich nicht das definieren zu können, was „nicht gerade eine sehr mannigfaltige Geschichtsepoche“ sei, denn auf die Ewigkeit abzielend, sei sie ja starr und immer sich selbst gleich. Wir werden also auf dem Niveau des Christentums angesiedelt, das ernsthaft davon ausgeht, hinter dem Tal Joschafats gäbe es keine Sünde, somit auch keine Buße mehr, ende das Leben genauso wie der Tod, und seien wir für alle Ewigkeiten glückselig oder verdammt.

Nun aber! Wenn ein Schiedsrichter da wäre, würden wir, wie ein im Endspurt in die Zange genommener Radfahrer oder ein regelwidrig bedrängter Fußballer, den Arm heben. Aber es gibt keinen Schiedsrichter, und die Streitereien und Kämpfe (mag das unserem Gegner seinen Seelenfrieden wiedergeben) sind nicht zu Ende.

Wenn wir den Marxismus „buchstabengetreu“ wiedergeben wollen, lesen wir zu Beginn eines gewissen „Manifest“: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ [MEW 4, S. 462]. Und ein gewisser Engels schrieb dann, dass mit der kommunistischen Revolution die menschliche Vorgeschichte ende. Wir behaupten also durchaus nicht, dass die Geschichte dann nicht weitergehen könne. Im Gegenteil ist es die Vorgeschichte, die abgeschlossen wird, und dann fängt die Geschichte erst an! Wohl behaupten wir das Ende von Klassenkämpfen. Bedeutet das eine starre Aufeinanderfolge immer gleicher Tage? Einen Moment bitte, wir werden gleich darauf antworten. In einer Anmerkung zum ersten Satz des Manifests heißt es, dass die schriftlich überlieferte Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen sei, denn das ursprüngliche Leben der Menschengattung, wie nach 1848 entdeckt, zeige Epochen, worin noch keine Klassenkämpfe ausgebrochen waren und die urwüchsigen Gemeinwesen kommunistisch lebten.

Ihr unterstellt uns also ein falsches Schema, nämlich eine langwährende Geschichte von Klassenkämpfen zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, und dann nach der letzten Schlacht ein zukünftiges kommunistisches Eden, worin ein immer und ewig gleichbleibender Friede herrscht.

Unser „offizielles“ Schema ist indes ein ganz anderes: Vor-Vorgeschichte (für euch: Barbarei) des Urkommunismus – in euren kriegerischen Epen erzählte Vorgeschichte der Menschheit, die aus grausamen Klassenkämpfen besteht (was ihr die einander ablösenden Zivilisationen oder die Verwirklichung geistiger Werte nennt) – die mit der Aufhebung der Klassen beginnende Geschichte, für deren unermessliche Fruchtbarkeit ihr blind seid, und die wir nur zum kleinen Teil voraussehen können.

Die bloße „Unkenntnis der Serie“ wäre nicht schlimm: also müssen wir näher an den Kern der Frage heran.

Mag sein, dass die ältesten Utopisten die Frage auf den Kampf gegen ein böses, in jeder menschlichen Organisation zu findendes Prinzip reduzierten, das eines schönen Tages, nachdem es schließlich wie ein Virus „isoliert“ würde, eliminiert werden könne – womit die Ära einer glücklichen Menschheit anbreche. Ihnen könnte man vorwerfen, in der Geschichte nur einen Zusammenstoß zwischen dem Guten und dem Bösen zu erblicken, wobei schließlich das Gute den Sieg davontragen würde. Es ist aber ausgerechnet Marx, der solche Flachheiten ein für alle Mal aus dem Wege räumte.

Nicht der Zusammenstoß zwischen dem Bösen und dem Guten gebiert den Kampf: Er ist vielmehr ein notwendiger Übergang und eine Voraussetzung für eine ganze Serie aufeinanderfolgender Kämpfe, und endlich des Entscheidungskampfes, über den man sich so gern lustig macht. Jeder Übergang ist für die weiteren gleich notwendig, jeder Kampf für den gesamten Prozess gleich „gut“, d.h. nützlich. Als der Urkommunismus abtreten musste und die proletarische Ur-Klasse die Bühne betrat, riefen wir nicht etwa: Weiche zurück, Böses, lass das Gute bestehen. Angenommen wir hätten uns Eintrittskarten für das ganze Geschichts-Schauspiel besorgt, so hätten wir an dieser Stelle applaudiert und gerufen: Endlich! Denn wie hätten sich die Produktivkräfte entwickeln sollen, wenn das Eigentum an Böden, an Dingen und sogar am Menschen nicht entstanden wäre, und zwar genau von dem Moment an, wo die Menschen zahlreicher, die Ackerböden rarer und die Entfernungen zwischen den Stämmen geringer wurden.

Croce und die Seinen brauchen eine wahre, noch nicht erfundene Durchleuchtung à la Röntgen, um in allen Menschen den ewig gleichen Geist auszumachen, oder die schon immer gleichen Werte, damit sie die Bedeutung von Herrschaft und Freiheit, von Sklaverei und Befreiung erklären können. Wir arbeiten mit dem, was für ihn abstrakt ist, das heißt mit der empirischen Anzahl der Bewohner fruchtbaren Bodens, der Quantität Weizen oder Reis, die sie ihm abzuringen vermögen, und anderen Kleinigkeiten und sagen: als sich der Vorhang zu diesem Akt hob, war der Kommunismus böse und die Aufteilung des Bodens gut.

Diese beständigen Umwälzungen sind der Schlüssel zur Geschichte; und jedes Mal kehren sich nicht nur die „Werte“ um – das im gewöhnlichen Denken der Menschen bisher als Böses geltende wird gut, oder umgekehrt –, sondern dieselbe Klasse, die noch die alte Ideologie am Hals hat, wird zum Wegbereiter des jetzt neuen Resultats.

Würde man uns nicht absprechen, konkrete Aussagen zu treffen, würden wir den Kampf der Bourgeoisie, soweit es sich um die Niederschlagung der feudalen Einrichtungen handelte, als revolutionären Faktor bezeichnen. Wir verdammen jene große Schlacht durchaus nicht mit dem Ruf, der uns unglaublicherweise in den Mund gelegt wird: „Es lebe der Friede!“ Vor allem konnte dieser Kampf zu keinem sozialen Frieden, auch keinem zwischen Staaten, führen – das ist eindeutig. Im Gegenteil wünschten wir den schnellstmöglichen Sieg der Bourgeoisie, um den anderen Kampf zu beginnen, den des modernen Proletariats gegen die Bourgeoisie. In der Geschichte spielt die Bourgeoisie daher eine gute und eine böse Rolle, ihre Kämpfe sind gut und böse, der Friede ist, solange der Kapitalismus besteht, weder gut noch böse, weil gar nicht realisierbar, usw. usf. Zu all dem mögen andere ihre Meinung äußern und miteinander streiten, wir brauchen keine weiteren Beispiele, um zu zeigen, dass wir niemals auch nur im Traum daran gedacht haben, das Gute und das Böse in die Geschichte einzuschmuggeln; es war Marx, der sie aus ihr vertrieb, indem er die Illusionen darüber verscheuchte, die Geschichte habe ihr Wirklichwerden „zum Behuf“.

Nur, was sollen wir, wenn sie schon aus der Geschichte vertrieben sind, noch mit ihnen anfangen?

Doch unser Gegner will uns bei der „Mystik“ zu fassen kriegen, weil für uns unumstößlich feststeht, dass dieser Kampf, zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der letzte ist und nicht das Auftreten einer neuen herrschenden Klasse herbeiführt, sondern das Ende der Spaltung der Gesellschaft in Klassen bedeutet.

Laut Croce ist diese Aussage willkürlich und aus der Luft gegriffen, da die Bestimmung, nach der der Kampf Kampf erzeugt, ja jetzt die gegenteilige Schlussfolgerung nach sich ziehe, nämlich dass der Kampf Frieden erzeugt. Man verschone uns mit diesem Dummzeug. Wenn zwei Staaten Gewehr bei Fuß stehen, statt sich zu bekriegen, nennt sich das Frieden, weil jeder sein Hoheitsgebiet behält. Wenn innerhalb eines Staates zwei Klassen nicht aneinandergeraten und das Kräfteverhältnis sowie die Produktionsweise unverändert bleiben, nennt sich das sozialer Frieden, eben Klassenzusammenarbeit, was nicht nur nicht unser „Ideal“ ist, sondern das, was wir am meisten verabscheuen.

Sowenig die proletarische Revolution einen „Arbeitsvertrag“ zwischen Kapitalisten und Arbeitern unterzeichnen wird, wird sie einen „Friedensvertrag“ zwischen den Klassen unterzeichnen. Sie wird zuerst der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, dann dem ökonomischen Verhältnis Kapital-Lohnarbeit ein Ende machen.

Dieser Übergang trägt nicht deshalb einen neuen und eigentümlichen Charakter, weil ein Marx oder eine marxistische Partei aufgetaucht wären, um zu erklären: Wir haben herausgefunden, dass das Böse das Privateigentum und das höchste Gut der soziale Frieden sind. Sondern weil erstmals die Totalität der Bedingungen, die erst der Kapitalismus schaffen konnte, besteht: gesellschaftliche Produktion und Konsumtion auf Weltebene, Durchbrechen aller selbstgenügsamen Lebenssphären, Potenzierung der in der Produktion angewandten mechanischen und überhaupt physischen Kräfte.

Nun, es wird also keine Kämpfe mehr unter den Menschen geben? Zunächst: Die Welt ist groß, die kapitalistische Produktion hat noch nicht mal ihren größten Teil erfasst; es gibt Oasen, deren bei jedem Schritt nachgebenden Sand- und Schlammböden vom kapitalistischen Unterbau noch nicht befestigt worden sind. Und auch nach dem Sturz der bürgerlichen Macht sind in der ganzen industrialisierten, vom entwickelten Kapitalismus durch und durch vernetzten Welt die größten Anstrengungen nötig, damit nicht nur die materiellen Fesseln gesprengt, sondern auch die ideologische Verwirrung und innere Verrohung und Verkümmerung der Menschen überwunden werden; eine Sache, die sich über Generationen hinziehen wird, wobei größtenteils noch gar nicht abzusehen ist, welche Wechselfälle dieser Übergang „geographisch“ gesehen, quer durch die Kontinente, noch bereit hält.

Doch wenn wir sagen, der militärische, ideologische, politische Kampf sei nur die Folge des ökonomischen Drucks, heißt das zugleich: „Am Anfang war der Kampf“, der nie aufhören wird. Der ökonomische Druck ist ein Druck, den das physiologische Bedürfnis erzeugt, ein Kampf, den jedes Lebewesen jeden Tag um seine Nahrung führt. Während ein Tier dem anderen Tier die Nahrung streitig macht, beginnt der Mensch als gesellschaftliches Tier sein Gattungsleben in Gruppen, die gemeinsam für Lebensmittel und ihren Lebensunterhalt überhaupt gegen die Natur kämpfen, und erst das Missverhältnis zwischen den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung und der Art und Weise ihrer Vermehrung verursacht den Kampf unter den Menschengruppen oder -klassen; sobald also das Gattungsvermögen größer wird um Ressourcen zu akkumulieren, fällt auch jeder Beweggrund weg, um deren Aufteilung zu kämpfen.

Weshalb nach dem Sieg des Kommunismus der Kampf nicht aufhört, aber ein Kampf ist, den die vereinigte Menschheit solidarisch führt, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, die dem gemeinsamen Nutzen den Weg versperren. Ihr könnt natürlich behaupten, dass die Ressourcen stets von bestimmten Gruppen gewonnen werden, während andere sich nur damit beschäftigen, sie ihnen wieder zu entreißen; doch darüber werden wir dann anhand des empirischen geschichtlichen Ablaufs diskutieren.

Aber überseht dabei nicht, dass auch die Arbeit Kampf ist, die kollektive Produktion Kampf ist, ebenso wie die Erschließung von Naturenergie, und er nie zu Ende sein wird. Wenn aber Kampf für euch nur mit Traumata und Blut verbunden ist, dann vergleicht die Anzahl der im 20. Jahrhundert nach Chr. durch Autounfälle zu Tode Gekommenen mit der im 20. Jahrhundert vor Chr. durch Pfeil oder Schwert Getöteten.

Nein, ihr Herren Philosophen, beruhigt euch wieder, mit dem Kommunismus wird die Geschichte nicht enden, sondern der Beginn ihrer reichsten Etappen markiert. Die Beweisführung dafür ist so schlagend, dass wir dazu nicht auf extraterristische Erkundungen... oder Kriege mit Marsmenschen zurückgreifen brauchen (um den Werdegang der kommenden Generationen mit einem Schuss Dramatik zu bereichern); dem Geist würden solche Science-Fiktion-Stories sicherlich erlauben, seinen Seelenfrieden wiederzufinden – angesichts der schauderhaften Aussicht auf seine baldige Versetzung in den Ruhestand.

Lassen wir nun dieses Thema des Guten und des Bösen fallen, das uns unerwartet untergejubelt wurde und wenden wir uns einem anderen zu, das Croce, oder besser seiner Sachkenntnis ein besseres Zeugnis ausstellt. „Höchst bezeichnend für das innere Wesen des Kommunismus (...) ist die Abneigung, ja der Widerwille, den er stets gegenüber einem Grundbegriff des geistigen und historischen Lebens gezeigt hat: dem der ‘Freiheit’, der nicht nur in den alten Utopien vom Typus ‘Sonnenstaat’[10] nicht vorkommt, sondern auch von den modernen kommunistischen Parteien bekämpft wird (...).“

Und das trotz der weltweiten Verseuchung durch dem Namen nach kommunistische Parteien, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Freiheit im Munde führen.

Wirklich wichtig ist aber seine Begründung: Croce fällt nämlich über Babeuf her, der in dem ersten kommunistischen Aufruf des „Bundes der Gleichen“ die bürgerlichen (formalen) „Freiheitsrechte“ in gewisser Weise gelten ließ, aber darauf bestand, die „wirkliche Freiheit“ hinzuzufügen. Nicht wenige Anarchisten sprechen noch heute davon, dass nach Erlangung der politischen auch die soziale Freiheit zu erobern sei. „Dummköpfe“, sagt Croce, und hier hat er Recht: „Der Begriff der Freiheit ist immer formal, d.h. ‘moralisch’ und nie durch den Besitz besonderer wirtschaftlicher Güter bedingt“. Er könnte auch einfacher sagen: Wer frei ist, kann arm sein – und wer arm ist, kann frei sein.

Den wirklichen Wendepunkt benennt Croce nicht schlecht: Marx „riet dazu, die liberalen Kräfte gegen die absolutistischen Regimes zu unterstützen, um sich gleich nach dem Sieg von den Gelegenheits-Verbündeten wieder zu trennen“. Völlig richtig. Zwischen Bourgeois und Proletariern gab es ein historisches – und einmaliges – Zusammentreffen, aber niemals ein, sagen wir, „philosophisches“. Es gibt keinerlei gemeinsame „Ideale“ und keinen gemeinsamen „Kultur-Stammbaum“. Croce hat selbst klar ausgesprochen, dass man sich nicht auf die bürgerlichen liberalen Forderungen stützen kann, um dann weiter zu den sozialen, ökonomischen zu kommen. Es ist nicht so, dass der Liberalismus auf halbem Wege stehen geblieben sei, und wir müssten jetzt allein weitergehen: vielmehr stellt er sich unserem sozialen Ziel in den Weg, und zwar vom ersten Augenblick an.

Müßig also, von formaler oder moralischer Freiheit, oder Freiheit auch ohne Adjektiv, zu reden. Sie ist ein hohles Wort und der Marxist, der es, sei es auch nur zu agitatorischen Zwecken, gebraucht, ist ein Schwindler der schlimmsten Sorte, denn er mystifiziert das, wofür er zu kämpfen vorgibt.

Jawohl, meine Herren, es ist schon so: für Marx „war die Eingangstür zum Kommunismus die Diktatur“. Ihr fürchtet, nicht nur vorübergehend? Man möchte am liebsten wie Michel Ardan, eine Figur Jules Vernes, antworten, der gefragt wurde: Wie wollen Sie vom Mond wieder zurückkommen? – Lassen Sie uns erst mal hinkommen, sagte er, dann werden wir weitersehen.

Für Marx bringe der „Übergang die Abschaffung des Staates mit sich“. Ganz richtig, des Staates „d.h., der ersten Einrichtung, die die Freiheit garantiert, und diese Garantie hat juristische Form“, fügt Croce nicht minder klarstellend hinzu.

Anarchisten, die ihr unbedachterweise den Fuß auf die liberale Stufe setzen wollt (als ob der große alte Babeuf dort stehen würde) – denkt darüber nach.

Wir Marxisten spielen in der Theorie mit offen Karten: Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!

Croce, der unsere Aussagen über den Kampf und die Geschichte zu Unrecht überging, fällt dann doch eine Stelle ein, wo Marx die kommunistische Revolution „den Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ nennt.

Wo soll der Widerspruch liegen? Nicht der Geist, der so frei ist, dass er sich in einem fort beim leisesten Windhauch in Luft auflöst, sondern das Individuum soll befreit werden. Wir erklären es euch: Das gewöhnliche oder auch außergewöhnliche Individuum ist dem Gesetz der Determination unterworfen und an die Notwendigkeit gefesselt: nicht nur tut es nicht, was es tun will, sondern es weiß auch nicht, was es tut. Solange Klassen gegen Klassen kämpfen, gehorcht auch die Gesellschaft, die Gattung Mensch diesen Zwängen der Notwendigkeit. Doch wenn die Geschichte das Drama der Klassengesellschaften hinter sich lässt, befreit sich die Gesellschaft als ein Ganzes – nicht ihre individuellen Teile – von ihrer Jahrtausende währenden Ohnmacht; sie leitet die Technik und die Arbeit und die kolossale menschliche Tätigkeit an, und darin liegt die einzige, die wirkliche Befreiung – und auch die erste, insofern Bewusstsein und Erkenntnis zum ersten Mal auftreten, von denen ihr glaubt, dass sie von Anfang an dem Licht des Geistes anhaften.

Babeuf (abermals er) habe als Erster die Grundlage für die Entwertung des Marxismus gelegt, für die Respektlosigkeit „gegenüber allen Formen des geistigen, religiösen, philosophischen, wissenschaftlichen, poetischen Lebens“, denn er habe sich getraut zu sagen (leider kennen wir die großartige Stelle nicht): „der Wert des Denkvermögens ist Ansichtssache; aber man muss untersuchen, ob nicht der Wert der ganz natürlichen und physischen Kraft ihm ebenbürtig ist“.

Nun, eben der Pessimismus, der bei Croce auf jeder Seite durchschimmert, berechtigt dazu, eine negative Bilanz der Denk- und Bewusstseinsarbeit zu ziehen: Wenn sie die absoluten „Werte“ sind, d.h. die einzigen Größen, deren Einnahmen und Ausgaben sich sicher registrieren lassen, führt das selbstredend zu einer Bilanz. Auf dem Gipfel dieser so gerühmten Kultur, die uns zu Recht schuldig befindet, ihr gegenüber respektlos und ikonoklastisch zu sein, könnte die Bilanz kaum katastrophaler sein.

Babeuf, der sich als Verfasser des ersten revolutionären Aufrufs hinsichtlich der Illusionen von Freiheit unglücklich ausgedrückt und geglaubt haben mag, das Proletariat würde sich aus der trügerischen Hülle des Bürgers herausschälen, gab dennoch das Zeichen zum neuen Aufbruch der Klasse.

Nicht die Geister, sondern die Körper bedürfen einer natürlichen und physischen Kraft, die eben Kampf, Revolution und Diktatur heißt; denn wenn die durch die Notwendigkeit erbarmungslos gesetzten Schranken endlich niedergerissen werden, bewegen sich die Menschen auf ungeheure Gebiete zu, in denen sie eine gewaltige und vielschichtige Tätigkeit entfalten werden; und die deformierten und verzerrten Resultate, zu denen der Ge- und Missbrauch der Intelligenz bis anhin geführt hat, werden, ebenso wie die Heuchelei einer Gewissensprüfung, überwunden sein, so dass sie ganz richtig zur Vorgeschichte zählen, in deren Finsternis und Niedertracht wir noch immer versinken.

Quellen:

„Comunismo e conoscenza umana – Premessa ad un’esposizione delle vedute marxiste sulla scienza della storia, dell’uomo e della natura“: Prometeo, Serie II, Nr. 3-4, 1952.

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MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

 


[1] „1929-00-00 – Grundzüge der marxistischen Wirtschafslehre“: Elementi dell’economia marxista: Prometeo, Nr. 5, 1947. Im Rahmen einer Schulung der politischen Gefangenen 1929 in der Verbannung auf der Insel Ponza verfasster Text.

[2] Croce, Benedetto (1866-1952): italienischer Philosoph und Politiker. Croce, auch als „Laienpapst der Bourgeoisie“ bezeichnet, war Idealist, ein Jünger Hegels; seiner Ansicht nach hatten die Naturwissenschaften ihren Erkenntnischarakter an die Philosophie abgetreten, denn nur der Geist sei zur Erkenntnis des Wahren fähig. Als Politiker war Croce Führer der liberalen Partei und Antifaschist, der in seinen Schriften das liberale, „gute alte Italien“ des 19. Jahrhunderts beschwor.

[3] Parthenogenese (grch.): Entstehung von Nachkommen aus unbefruchteten Eiern (Jungfernzeugung).

[4] Da uns keine deutsche Quelle bekannt ist, wurden alle Zitate aus dem Italienischen übersetzt.

[5] Epitheton (grch.): „das Hinzugefügte“, „das später Eingeführte“. Ein Zusatz oder Beiwort.

[6] Walter Audisio (1909-73): italienischer Partisan und Politiker, nach eigener Aussage erschoss er Mussolini im April 1945 am Comer See.

[7] Caterina Fort (1915-88): soll im November 1946 Frau und Kinder ihres Liebhabers getötet haben.

[8] exploit (fr.): hervorragende Leistung, Heldentat.

[9] Auch heute noch hat „l’arte“ im Italienischen nicht nur die Bedeutung von Kunst, sondern auch von Handwerk, Gewerbe etc., also von allem „Menschenwerk“. Und da in der Scholastik die Arbeit von der Natur erzeugt wird, wie die Natur ihrerseits von Gott, gilt Gewalt gegen die Natur wie auch gegen die Arbeit (z.B. ist bei Dante die Wucherei eine Gewalttat gegen „l’arte“) als Sünde.

[10] Sonnenstaat: 1623 von Tommaso Campanella veröffentlichtes Werk über einen idealen Staat ohne Privateigentum.