Aggression gegen Europa

Verteidigungskriege – Aggressionskriege: Um diese Unterscheidung entbrannte beim Ausbruch des europäischen Konflikts 1914 eine große Polemik im Hinblick auf die Haltung der Sozialisten.

Für alle rechtschaffenen Bürger ist dies normalerweise ganz einfach: Regierung, Staat, Vaterland, Nation, Rasse (ohne das alles allzu genau zu nehmen) sind zu einem einzigen Subjekt mit einem Verstand und Unrechtsbewusstsein, mit Rechten und Pflichten verschmolzen – so wie sich ja alles auf die menschliche Person reduziert und auf die kleine Lehre ihres Verhaltens, das bald der christlichen Moral entstammt, bald dem natürlichen Recht, bald dem angeborenen Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit oder, um sich gewählter auszudrücken, der Ethik des kategorischen Imperativs. So wie sich also der gerechte und dem Bösen fernstehende Mensch gegenüber dem Aggressor verteidigt – lassen wir die Sache mit der „anderen Wange“ für einen Moment beiseite –, so besitzt das angegriffene Volk das Recht sich zu verteidigen: Zwar ist der Krieg barbarisch, aber die Verteidigung des Vaterlandes ist heilig; jeder Bürger soll sich demokratisch für den Frieden und gegen den Krieg aussprechen, aber in dem Augenblick, in dem sein Land überfallen wird, soll er sich zur Verteidigung gegen den Invasoren bereithalten! Dies gilt für den einzelnen, dies gilt ebenso für die gesamte, zur Person erklärten Nation, dies gilt also auch für die Parteien, welche ihrerseits hinsichtlich ihrer Pflichten als personifizierte Subjekte handeln und behandelt werden, dies gilt für die Klassen.

Heraus kam dabei der allgemeine Verrat am Sozialismus, die Kriegshetzerei an allen Fronten, der Triumph des Militarismus in allen Sprachen. Und nicht weniger augenscheinlich gab es nicht einen Krieg, den Staat und Regierung nicht als Verteidigungskrieg bezeichnet hätten.

Die marxistische Polemik begann zunächst damit, das Feld von all diesen gespenstigen einköpfigen, mehrköpfigen, kopflosen Personen zu räumen, oder solchen, die den Kopf eines anderen auf den Hals hatten, wobei an deren Stelle wieder der Charakter und die Funktion jener Organismen trat, die wir Klassen, Parteien, Staaten nennen und deren eigene historische Dynamik zu erforschen ist, wozu die guten alten moralischen Prinzipien nicht taugen.

Der Bourgeoisie wurde geantwortet, dass die Proletarier kein Vaterland haben; dass die proletarische Partei ihre Ziele durch den Bruch der Fronten im Inneren zu erreichen sucht, wozu die Kriege optimale Möglichkeiten bieten können; dass die historische Entwicklung nicht in der Größe oder in der Rettung der Nationen erblickt wird; dass auf den internationalen Kongressen schon entschieden worden war, alle Kriegsfronten zu brechen, dort beginnend, wo es am besten möglich ist.

In einem langen, nicht nur verbalen Kampf zerstreuten sich die Verfälscher des Marxismus, die mit unterschiedlichen Methoden und in verschiedenen Sprachen versuchten, die Theorie zu widerlegen, nach der das Proletariat – als zunächst nationale – Klasse nur auftreten kann, wenn es, wie Marx lehrte, gegen die zertretene Bourgeoisie seine Diktatur verwirklicht. Die Verfälscher ersetzten die Theorie durch die andere schamlose Theorie, nach der das Proletariat und seine Partei nur nationalen Charakter annehmen, wenn politische Demokratie und Liberalismus verwirklicht sind.

Ausführlich wurde dargelegt, wie verschieden die Probleme sind, je nach den Auswirkungen, die die Kriege, ihr Verlauf und ihr Ausgang auf den inneren und weltweiten Gang des sozialistischen Klassenkampfes und des Verhaltens der sozialistischen Partei in den kriegführenden Ländern ausüben, da die Kontinuität, die Selbständigkeit, die hartnäckige Klassenopposition, die theoretische und materielle Bestimmung gegenüber dem sozialen Kampf für die revolutionäre Partei Voraussetzung sind, um neue Bedingungen oder neue instabile Situationen von Regimen jederzeit auszunutzen.

Nachdem jede Art von Zustimmung zum Krieg von Staaten oder Regierungen verweigert worden war, fiel jede Unterscheidung von Verteidigungs- oder Angriffskriegen flach, ebenso wie jede mit verqueren Differenzierungen begründete Rechtfertigung, die das Überlaufen der Sozialisten zur Front der nationalen Einheit richtig erscheinen lassen sollte.

Zum anderen zeigt die unterschiedliche Bedeutung der Begriffe Aggression und Invasion, wie hohl der Vergleich mit zwei sich befehdenden Personen ist. Auch zwei in eine Rauferei verwickelte Rotzjungen sind ja darauf bedacht, unter großem Geschrei zu erklären, dass der andere angefangen habe. Doch wenn man sich auf die Integrität des Territoriums beruft, sieht die Sache ganz anders aus. In den früheren Kriegen, und dies trifft besonders für den I. Weltkrieg zu, war die Unverletzlichkeit des Individuums, eben die des Frontsoldaten, der in den Krieg geschickt wurde, sehr wohl gefährdet, für Zivilisten hingegen, weit weg von der Front, war das Risiko zu sterben praktisch gleich Null. Fällt dagegen eine feindliche Armee in ein Territorium ein, dann haben wir das übliche Bild der Zerstörung häuslicher Familienherde vor uns, das Bild von Gewalt gegen Frauen und Wehrlose, usw. – alles Propagandamaterial, von dem reichlich Gebrauch gemacht wurde, um die sozialistischen Parteien in die Falle zu locken. Auch der besitzlose Arbeiter, sagte man, der schon reif ist, für Klassenziele zu kämpfen, hat etwas zu verlieren und sieht seine vitalen Interessen im materiellen und unmittelbaren Sinn bedroht, wenn ein feindliches Heer in die Stadt oder das Land einfällt, in dem er lebt und arbeitet. Ergo muss er alles tun, um den Invasoren zurückzuschlagen. Eine literarisch beeindruckende These. Wir sind bei der organisierten Verteidigung des Schlosses eines Namenlosen gegen die Landsknechte gelandet, beim Rhythmus der Marseillaise: „Ils viennient jusque dans nos bras ègorger nos fils et nos compagnes …“.[1]

Ohne auf die kritisch-historische Bewertung des unterschiedlichen Charakters von Kriegen zu verzichten (was ihre Rückwirkungen auf die Entwicklung des sozialen Kampfes und auf die revolutionären Krisen betrifft), entgegneten die Marxisten auf solche Klugheiten immer wieder, dass all diese Rechtfertigungen haltlos sind und sich gegenseitig widerlegen und nur dazu da sind, Kanonenfutter zu finden und die dem Militarismus in den Weg tretenden Bewegungen und Parteien zu zersplittern. Das so weidlich missbrauchte Argument der Aggression und das nicht minder ausgenützte der Invasion können durchaus in Widerspruch zueinander geraten. Z.B. kann ein Staat den Krieg beginnen, infolge militärischer Rückschläge kann sein Territorium jedoch sehr schnell selbst Ziel eines Invasors sein, wie es die Togliattische Theorie der Verfolgung des Aggressors vorsieht.[2]

Nicht weniger widersprüchlich sind die anderen famosen Begründungen, die auf nationale oder irredentistische Forderungen setzten; oder solche, die nicht sehr wählerische Marxisten auflisten, um die Unterstützung von Kolonialkriegen zu rechtfertigen, die den „barbarischen“ Ländern den Charakter der modernen kapitalistischen Wirtschaft näherbringen sollen. Der englisch-burische Krieg von 1899-1900 war eine eklatante Aggression, die burischen Kolonen verteidigten das Vaterland, die nationale Freiheit und die Unverletzlichkeit ihres Territoriums, doch den Labouristen gelang es, das britische Unternehmen als fortschrittlich hinzustellen. Der Krieg Italiens gegen seinen Ex-Verbündeten Österreich im Mai 1915 war ebenfalls ganz klar eine Aggression, aber die verschiedenen Sozialverräter rechtfertigten ihn, indem sie als Beweggrund die Befreiung Trients und Triests wie auch den „Krieg für die Demokratie“ anführten – ohne sich dadurch in Verlegenheit bringen zu lassen, dass sich Österreich-Ungarn an der anderen Front mit den zaristischen Armeen herumzuschlagen hatte.

Ein klassischer Fall ist in dem höchst interessanten Buch von Bertram D. Wolfe: „Drei, die eine Revolution machten“ wiedergegeben; das Buch ist eine wahre Fundgrube historischer Daten, bei allen Vorbehalten gegenüber der Linie des Verfassers.[3] À la Pearl Harbour hatten die Japaner am 6. Februar 1904 ohne Kriegserklärung die russische Flotte vor Port Arthur angegriffen und vernichtet. Ganz klar eine Aggression. Nach der langen Land- und Seebelagerung fiel die Festung im Januar 1905. Schwarzer Trauerflor für den russischen Patriotismus. In der Wperjod vom 14. Januar 1905 schrieb Lenin Sätze wie: „Das Proletariat hat allen Grund, sich zu freuen“ [LW 8, S. 35]. „Nicht das russische Volk, sondern die Selbstherrschaft hat eine schimpfliche Niederlage erlitten. (...) Die Kapitulation Port Arthurs ist der Prolog zur Kapitulation des Zarismus. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende, aber jeder Schritt zur Weiterführung des Krieges bedeutet eine unermessliche Verstärkung der Gärung und Empörung im russischen Volk und bringt uns dem Beginn eines neuen großen Krieges näher, des Volkskrieges gegen die Selbstherrschaft“ [LW 8, S. 41]. Die ganze Frage verdient genauere Analysen, will man die Gesamtheit der Fragen über die historischen Verhältnisse zwischen dem Absolutismus, der Bourgeoisie und dem Proletariat klären, wobei der angebliche Widerspruch, den der genannte Autor zwischen der Lenin‘schen Lehre und dem Lenin‘schen Werk zu entdecken glaubt, mit Hilfe der marxistischen Dialektik aufgelöst wird. Hier reicht es zu bemerken, dass die Schrift des isolierten Verbannten derselbe Inhalt beseelte, den die wenige Monate später aus der nationalen Niederlage hervorgehende riesige revolutionäre Schlacht Russlands von 1905 hatte.

40 Jahre vergingen; am 2. September 1945 kapitulierte das von den Amerikanern durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki geschlagene Japan bedingungslos. Obwohl Russland den Japanern erst ein paar Stunden vorher den Krieg erklärt hatte, übermittelte Marschall Stalin am gleichen Tag folgende Siegesproklamation: „Doch hatte die Niederlage der russischen Truppen im Jahre 1904, im Russisch-Japanischen Krieg, im Bewusstsein des Volkes schwere Erinnerungen zurückgelassen. Diese Niederlage legte sich auf unser Land wie ein schwarzer Fleck. Unser Volk glaubte daran und wartete darauf, dass der Tag kommt, da Japan geschlagen und der Fleck getilgt wird. Vierzig Jahre lang haben wir, Menschen der alten Generation, auf diesen Tag gewartet. Und nun ist dieser Tag gekommen!“ [SW 15, S. 21].

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Die eindrucksvolle Geschichte der Kriegszustimmungen liefert also schlagende Argumente zur Stützung des Lenin‘schen revolutionären Defätismus, der taktischen Norm, dass die proletarischen Parteien durch wie auch immer geartete Zugeständnisse nicht weiterkommen können, ohne die Arbeiterklasse der Willkür staatlich militärischer Manöver auszuliefern. Es reicht dann schon, dass diese Staaten durch ein kurzes Telegramm den Stein ins Rollen bringen, auf dass Alarmstufe „rot“ für Nation, Boden und Ehre ausgerufen werden kann: Jede Empfänglichkeit gegenüber derartigen Argumenten bedeutet den Ruin der nationalen und internationalen Klassenbewegung. Als die italienische Aggression von 1915 mit dem Fall Caporettos zur Invasion der Österreicher führte,[4] ließ dies die achtbare Opposition der italienischen Sozialisten ins Wanken geraten: „Das Vaterland ist auf dem Grappa!“ war der Ruf Turatis,[5] obwohl sein Bruder im Geiste, Treves[6], gewagt hatte, vor „einem weiteren Winter im Schützengraben“ zu warnen.

Mehr noch, die bürgerlichen Staaten und Regierungsparteien prägten die Theorie der Lebensräume, der Präventivinvasion, des Präventivkriegs, die mit dem nationalen Wohl begründet wurden. Gründe, die eines realen historischen Gehalts nicht entbehren, jedoch Revolutionäre nicht beeindrucken dürfen, genauso wenig, wie sie sich durch Begründungen irreleiten lassen dürfen, die mit der Verteidigung und Freiheit der reinsten und unschuldigsten – wenn es sie denn gäbe – kapitalistischen Regierung hantieren. Der Krieg von 1914, als teutonische Aggression in die Welt hinausposaunt, war ein englischer Präventivkrieg. Jede Regierung macht ihre Interessen und Lebensräume nach Belieben aus; die eigenen Landesgrenzen am Rhein und Po zu ziehen, ist ein jahrhundertealtes Spiel Englands: Ein Spiel, das schon so oft die Freiheit gerettet habe, während dieselbe durch den Anspruch Hitlers, die eigenen Grenzen jenseits der Sudeten und bei Danzig zu ziehen, tödlich verletzt worden sei ... Danzig, das sich wenige Kilometer außerhalb bzw. auch wenige Kilometer innerhalb des in der unvergleichlichen demokratischen Meisterleistung des Versailler Vertrags entstandenen Polnischen Korridors befand.

Ganz gleich, wie die von Marxisten durchzuführende Bewertung der Kriege auch ausfällt: Die Kriege werden unter der Bedingung in Revolutionen umgewandelt werden können, dass a) in jedem Land der Kern der revolutionären Bewegung der internationalen Klasse überlebt, und zwar völlig unabhängig von der Regierungspolitik der verschiedenen Länder und den Operationen ihrer militärischen Generalstäbe; dass b) diese Kerne keinerlei theoretische und taktische Rücksichten nehmen, um die Möglichkeiten zum revolutionären Defätismus und zur Sabotage der herrschenden und Krieg führenden Klasse, d.h. ihrer politischen, staatlichen und militärischen Organisationen zu nutzen.

Wir haben übrigens schon früher geklärt,[7] dass dieser proklamierte Defätismus kein Grund zur Aufregung ist: Alle unsere Gegner, ob vorgebliche Revolutionäre oder echte Bourgeois, haben ihn in verschiedenen Fällen und an verschiedenen Orten hochgehalten und angewandt. Bloß dass in all diesen Fällen der Defätismus nicht dialektisch die revolutionäre Eroberung eines neuen Klassenregimes zum Inhalt hat, sondern nur eine bloße Auswechslung der politischen Generalstäbe im Rahmen der bestehenden Ordnung. Defätisten dieser Art riskieren zwar kaum Kopf und Kragen, dafür aber eine dicke Lippe, um dazu anzuspornen, ein bestehendes Regime durch einen verlorenen Krieg zu stürzen, denn nur dann, können sie sich Hoffnungen auf persönlichen Erfolg und die Bürden der Macht machen. Für die Aussicht auf einen bloßen Regierungswechsel zögern sie nicht – und es sind immer dieselben Ehrenmänner mit ihren patriotischen, nationalen, liberalen und demokratischen Beweggründen –, das Land und seine Bevölkerung ganz materiell und entsprechend der modernen Kriegstechnik durch verheerende Bombardements zu zermalmen und durch alle unvermeidlichen Manifestationen kriegerischer Aktion und militärischer Besetzung zu zerfetzen.

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Nachdem wir dies zum x-ten Mal bekräftigt haben, wollen wir sehen, von welcher Art der eventuell nächste, von Seiten Amerikas geführte Krieg sein wird, für den riesige Militärkredite vergeben, Versammlungen der Generalstäbe einberufen, Aufrüstungsorder und strategische Anweisungen an fremde und weit entfernt liegende Länder gegeben werden. Er könnte sich, unter dem Aspekt berühmter literarischer Formulierungen, als der edelste aller Kriege erweisen, es könnte gelingen, noch dunklere Gestalten als die der Cecco Beppes, Wilhelms II., Benitos, Adolfs, Togos[8] oder einen mit bluttriefenden, weißen Handschuhen wiedergeborenen Zar Nikolaus als Gegenspieler zu haben – für revolutionäre Marxisten wäre dies jedenfalls kein Anlass, die Losungen gegen den antibürgerlichen und antistaatlichen Kampf abzuschwächen. Nichtsdestotrotz haben sie das Recht, diesen Krieg zu analysieren und ihn als spektakulärstes Aggressions-, Invasions-, Unterdrückungs- und Versklavungsunternehmen der gesamten Geschichte zu bezeichnen. Es handelt sich nicht nur um einen eventuellen und hypothetischen Krieg, denn er ist bereits im Gange, da dieses Unternehmen eng mit den fortgesetzten Interventionen in die europäischen Kriege von 1917 und 1942 verknüpft ist, im Grunde krönt es die Konzentration einer riesigen Militär- und Zerstörungskraft in dem wichtigsten Herrschaftszentrum, das das heutige, kapitalistische Klassenregime schützt und verteidigt und das Optimum an Bedingungen schafft, die geeignet sind, die Revolution der Arbeiter, gleich in welchem Land, zu ersticken.

Dieser Prozess könnte sich auch ohne einen Krieg im klassischen Sinne zwischen Amerika und Russland entwickeln, falls das Vasallentum Russlands sichergestellt werden kann. Und zwar, statt durch militärische Mittel und einen eigentlichen Zerstörungs- und Besatzungsfeldzug, durch den Druck der vorherrschenden ökonomischen Kräfte des stärksten kapitalistischen Verbundes in der Welt – der vielleicht morgen in einem einzigen anglo-amerikanischen Staat besteht, von dem schon geredet wird – und mit Hilfe eines Kompromisses zu hohen Konditionen, zu dem sich die russische Führung kaufen lassen würde – Stalin soll die Zahl bereits präzisiert haben: zwei Milliarden Dollar.

Fest steht, dass sich die Vormachtstellung der oben erwähnten historischen europäischen Aggressoren, die sich für eine Provinz oder Stadt in Schussweite abmühten, ziemlich lächerlich ausnimmt, angesichts der Dreistigkeit, mit der öffentlich diskutiert wird – und es ist ziemlich einfach sich auszumalen, wie die Geheimpläne aussehen –, ob die Unversehrtheit New Yorks und San Franciscos am Rhein oder an der Elbe, in den Alpen oder in den Pyrenäen zu verteidigen sein wird. Der Lebensraum der US-amerikanischen Eroberer ist ein Band, das sich um die Erde legt. Es ist der Ergebnis einer Methode, die mit Aesop[9] begann, als der Wolf zum Schaf sagte, es habe ihm das Wasser getrübt, obwohl es im Tal trinkt. Ob weiß, schwarz oder gelb: Keiner von uns kann einen Schluck Wasser trinken, ohne die Cocktails zu trüben, die den Königen der plutokratischen Camorra in den amerikanischen Nightclubs serviert werden.

Als die amerikanischen Regimenter das erste Mal in Frankreich landeten, lachten sich die Militärtechniker eins und die anglo-französischen Generalstäbe flehten sie an, die wenigen, an der Westfront übergebenen Frontabschnitte sofort wieder ihnen zu überlassen, wenn man Wilhelm nicht gleich in Paris sehen wolle ... Die damals wie heute berauschten boys hätten jedoch leicht entgegnen können, dass es nichts zu witzeln gebe. Heute macht uns ein Militarismus zu schaffen, der dem unserer jahrtausendealten Geschichte weit überlegen ist. Was im Kriege zählt, sind die Gelder, die Kapitalien, die produktiven Anlagen. Militärische Fähigkeiten und Tapferkeit sind Waren, die auf einem Weltmarkt feilgeboten werden, der mit Superschlauen und Superdummen überfüllt ist.

Seitdem jedenfalls brüsten sich die Amerikaner mit einem ersten Sieg; sie rümpfen die Nase, weil sie dem Isolationismus Ade hatten sagen und in die Fußstapfen der Engländer hatten treten müssen und zogen sich wieder zurück, nachdem sie ein absurderes Europa konzipiert hatten als das, was seinerzeit ein Tamerlan[10] oder Omer Pascha[11], wenn sie es denn geschafft hätten, entworfen hätten. Zwanzig Jahre Frieden brauchte es für die Aufrüstung einer Super-Flotte, einer Super-Luftwaffe und einer Super-Armee – und für die Weihung der Super-Freiheitsstatue. Im Dienste der Super-Aggression.

In der Zwischenzeit haben sich die Kolonen des Far West auch hinsichtlich des Alphabets vorgearbeitet und sogar die Geschichte studiert, ohne auf den unvergleichlichen Vorteil zu verzichten, keine zu haben. Man weiß nicht, ob es bei der zweiten Landung in der Normandie Clark[12] oder ein anderer hoher Offizier war, der am Grab des für die amerikanische Unabhängigkeit eingetretenen französischen Generals angekommen, den sensationellen Ausspruch prägte: „Nous voici, Lafayette!“,[13] was heißt, wir sind gekommen, die Gefälligkeit zu erwidern und Frankreich zu befreien.

Und tatsächlich, ebenso wie die Moskauer Geschichtsbüchlein lehren, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, hätte den Zaren Nikolaus seinerzeit gebeten, ein Freiwilligenkorps aufstellen zu dürfen, um zur Verteidigung der Mandschurei gegen die Japaner zu eilen, so lehrt man in Washington, der Franzose Lafayette habe in der durch das freie England angeführten demokratischen Weltallianz gekämpft, um Nordamerika zu befreien, das bis anhin eine unterdrückte Kolonie der Deutschen gewesen sei, und dass diese seitdem in allen Kriegen danach trachteten, es erneut anzugreifen und zurückzuerobern. Es kann gut sein, dass die Yankee-Lehrbücher in einer nächsten Ausgabe von einem antikolonialen Emanzipationskampf gegen den Moskauer Eroberer sprechen, dessen unverschämte Absichten zur Revanche augenscheinlich seien, seit er damit begonnen habe, Alaska für einige Pfund Gold zu verkaufen.[14]

Auch beim 2. Unternehmen waren die militärischen Heldentaten nicht gerade erstklassig, aber auch in Bezug auf die Kriegskunst wandelt sich Quantität in Qualität. Was übrigens Clark angeht, so heißt es, dass ihm gerade in Amerika der Ruhm der Schlacht von Monte Cassino verwehrt werde. Vielleicht hat man entdeckt, dass es gar keine Schlacht bei Cassino gegeben, dass es nie eine Gustavlinie gegeben hat (wie einige Dutzend heil gebliebene deutsche Soldaten und ein paar Hunderttausende italienischer Zivilisten, die fünf Monate lang bombardiert wurden, bezeugen können),[15] bis sich ein paar polnische, italienische und – in Richtung Ausonia[16] – marokkanische Truppenteile fanden, die man vorrücken lassen konnte, und die sich damit beschäftigten, alle Frauen zwischen 10 und 70 Jahren, und noch einige andere mehr, zu vergewaltigen, wobei man mit weniger teutonischen Grenadieren Feindberührung hatte als die Banditen Giulianos[17] mit römischen Polizeikräften.

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Einer der großen Beschlüsse des höchsten amerikanischen Militärrats in Sachen Europa betraf daher die italienische Wiederaufrüstung. Nachdem in den letzten Dezennien die demographische Stärke nicht mehr der erstrangige Faktor militärischer Macht ist, spielt Italien bei allen Operationen der Kolosse eine ziemlich merkwürdige Rolle.

Während man im I. Weltkrieg zumindest an der Schwelle des revolutionären Defätismus gestanden hatte, erlebte unser Land im II. Weltkrieg einen durch und durch bürgerlichen Defätismus.

In der Periode der erfolgreichen deutschen Kriegsoperationen ist keiner dem Krieg der Faschisten in den Rücken gefallen. Viele haben dies aus Defätismus erhofft, aber aus persönlichen Gründen. Mussolini stand ihnen und den Wonnen der Macht im Wege. Das ist alles. Sie konnten den Armeen Benitos und Adolfs nicht in den Rücken fallen, da diese noch den gegnerischen Armeen zusetzten.

Im Herbst 1942 kam die Meldung, amerikanische Landungstruppen befänden sich – nach langwierigen Diskussionen und wechselseitigem Hinhalten mit den russischen Alliierten, die Tag für Tag an der Ostfront ausbluteten – an der marokkanischen Küste, mit klarem Kurs auf das Mittelmeer, die italienische Halbinsel.

Es waren Etappen einer einzigen Invasion, die nach Versailles im Jahre 1917-18 direkt auf Berlin zielte. Nur auf Berlin? Nein, Ihr seinerzeit jubelnden Narren, auch auf Moskau. Dafür, dass Ihr große Spezialisten in Sachen Feinfühligkeit gegenüber geschichtlichen Veränderungen seid, kommt Ihr heute mit eurer Entrüstung über die imperiale Bedrohung und Aggression reichlich spät. Zu spät kommen wäre eine Sache, aber euch fehlt auch die Courage. Ihr könnt die Millionen bei Stalingrad Gefallenen nicht wieder auferstehen lassen und in die entgegengesetzte Richtung losschicken. Niemand wird Euch antworten.

Jene Meldung genügte, um den Kreuzweg vorauszusehen, den Italien zu gehen hatte. Für die Klasse, für die Revolution beobachtet der Marxist aufmerksam die Regionen, in denen größere Umwälzungen stattfinden. Doch hier handelte es sich um pure Blindheit. Mehr historischen Sinn besaß der faschistische Rundfunk, der – sei es auch nur, um Wasser auf die eigenen Mühlen zu lenken – ein Propagandaliedchen spielte, das heute besser zu den gestrigen Alliierten des übermächtigen Amerikas passen würde, zu denjenigen, die das Scheitern des klassischen militärischen Gegenzugs der italienisch-deutschen Armee in Tunesien bejubelten[18], Tunesien, das früher dem neutralisierten Frankreich zugesichert worden war. Es war ein vom italienischen Heer, dem letzten italienischen seit Scipio[19] (wir freuen uns darüber, dass es keine rein italienischen Armeen mehr geben wird, und noch größer wird die Freude sein, wenn den Armeen überhaupt keine Adjektive mehr voranstehen werden), technisch gut durchgeführter Gegenzug, der aber wegen der Übermacht der in aller Ruhe auf der anderen Seite des Atlantiks angehäuften Mittel – während sich an der Wolga europäische Kadaver anhäuften –, die blutige Farce an der Strandlinie nicht verhinderte.

Die Patrioten, Nationalen, Volksitaliener freuten sich auf eine rosige Zukunft.

Aber wie war das noch gleich mit dem faschistischen, nicht allzu blöden Liedchen. Es erinnert daran, dass Kolumbus Italiener war und der Refrain geht so: „Colombo, Colombo, Colombo, chi te l’ha fatto fa’?“[20]

Nach einer schon weit verbreiteten Mode steht zu befürchten, dass Stalin durch Moskauer Historiker entdecken lässt, dass Kolumbus Russe war.

Quellen:

„Aggressione all’Europa“: Prometeo, Nr. 13, August 1949.

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LW 8: Lenin – Der Fall von Port Arthur, 1905.

SW 15: Stalin – Ansprache des Genossen J. W. Stalin an das Volk, 1945.

 


[1] „Ihr (die Feinde Frankreichs) kommt in unsere Heime, um unsere Söhne und Frauen abzuschlachten.“

[2] Rechtfertigung für das Vorrücken der russischen Armee nach Mitteleuropa. Palmiro Togliatti, Mitglied des „Ordine Nuovo“, unterstützte den stalinistischen Kurs und wurde nach Verhaftung Gramscis im Nov. 1926 der einflussreichste Parteiführer der KPI.

[3] Bertram D. Wolfe: „Lenin, Trotzki, Stalin: drei, die eine Revolution machten; eine biographische Geschichte“; 1965.

[4] Bis zum Oktober 1917 war der Krieg Italien-Österreich und später Italien-Deutschland vor allem ein Stellungs- und Zermürbungskrieg. Im Oktober durchbrachen die österreichischen und deutschen Truppen die Front bei Caporetto und drangen in die venezianische Ebene vor.

[5] Angesichts der „militärischen Katastrophe für Italien“ im Oktober 1917 verkündet der zum reformistischen Flügel der SPI gehörende Filippo Turati (1857-1932), der sich bis 1915 gegen die Mobilmachung ausgesprochen hatte, dass die sozialistische Arbeiterschaft in der Stunde der Gefahr allen Groll gegen die Regierung zurückzustellen und im Kampf gegen den äußeren Feind das Vaterland und mit ihm die Freiheit zu retten habe.

Grappa: Berg in den Venezianer Alpen.

[6] Treves, Claudio (1869-1933): Journalist, in der SPI gehörte er zum reformistischen Mehrheitsflügel.

[7] „Neutralità“: Prometeo, Nr. 12, März 1949.

[8] Cecco Beppe: Kaiser Franz-Joseph von Österreich. Togo: japanischer Großadmiral im russisch-japanischen Krieg von 1904-05.

[9] Aesop (600 v.u.Z.): griechischer Dichter von Fabeln und Gleichnissen. Das Geschehen in den Äsopischen Fabeln beinhaltete für die Menschen seiner Zeit eine unmittelbar einleuchtende Aussage oder aber hatte eine behutsam in Form einer Allegorie verpackte Bedeutung.

[10] Tamerlan (1336-1405): auch Timur Leng; asiatischer Eroberer, der seit 1379 mit Zerstörungskriegen weit in den islamischen Raum hineindrang, zwischen 1383 und 1387 Iran eroberte, 1393 nach Indien vordrang und Bagdad einnahm, 1402 über die Osmanen bei Ankara siegte.

[11] Omer Pascha (1806-71): Türkischer General, der vor allem im Krimkrieg (1853-56) eine wichtige Rolle spielte (siehe die Artikel Marx‘ und Engels‘ zu diesem ersten modernen Stellungskrieg: MEW 9, 10 und 11).

[12] Clark, Mark (1896-1984): General der US-Armee, zeitweise Oberbefehlshaber aller Bodentruppen in Italien.

[13] Nous voici (frz.): „Da sind wir“. Lafayette (1757-1834), der 1789 bis 1792 die französische Nationalgarde befehligte und nach der Machteroberung der bürgerlichen Republikaner ins Lager der Konterrevolution überging, hatte 1777 als General am amerikanischen Unabhängigkeitskampf teilgenommen. Rosa Luxemburg nannte ihn den „revolutionären Hanswurst zweier Weltteile“ (Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke 4, S. 396).

[14] Alaska war als Monopolgebiet der russisch-amerikanischen Pelzkompanie im Besitz Russlands, bis es 1867 für 7,2 Millionen Dollar von den USA gekauft wurde.

[15] Selbst ein Teil der bürgerlichen Militärgeschichtsschreibung zweifelte den kriegsstrategischen Nutzen des alliierten Angriffs auf die Cassino-Stellung in Süditalien zumindest an, was sich auch im Mangel an öffentlichen militärwissenschaftlichen Untersuchungen ausdrückt. Zumal die Schlacht bei Monte-Cassino im Jahre 1944 für die Alliierten sehr unrühmlich verlief: Fünf Monate lang rannten die alliierten Truppen gegen die deutschen Stellungen an und versuchten, die „Gustavlinie“ (ein von den Deutschen errichtetes System befestigter Positionen quer durch die italienische Halbinsel, von Gaeta über Cassino bis zu Ortona an der Adria Küste) zu durchbrechen. Im Mai war ihnen dann doch noch der „Sieg“ beschieden, da der Ort von den Deutschen schließlich einfach geräumt wurde.

[16] Ausonia, in Latium, Süditalien, auf der Gustav-Linie gelegen, hatte strategische Bedeutung; die deutsche Wehrmacht besaß hier einen Stützpunkt, weshalb die Alliierten zahlreiche Luftangriffe flogen. Die Bevölkerung, soweit sie nicht geflohen war, wurde im Februar 1944 evakuiert und in Konzentrationslager gebracht; ab Mai 1944 griff die französische Armee an, die zum großen Teil aus marokkanischen, wegen ihrer Übergriffe auf die Zivilbevölkerung gefürchteten Soldaten bestand.

[17] 1947 verübten Banditen Salvatore Giulianos, die im Sold von Großgrundbesitzern standen, ein Blutbad bei einer 1.-Mai-Feier (elf Menschen wurden getötet, darunter auch vier Kinder, über 30 Personen wurden schwer verletzt). Die Polizei hielt sich geflissentlich im Hintergrund. Ohne die Zusammenarbeit mit der Mafia und deren Schutz wäre es Giuliano nicht möglich gewesen, seine Bande zur stärksten in Sizilien zu machen.

[18] Am 7./8.11.1942 landeten die Alliierten in „Französisch Nordafrika“ (Marokko, Algerien, Tunesien). Nach schwachem Widerstand der französischen Kolonialarmee kam es am 10.11.42 zum Waffenstillstand mit den Alliierten. Daraufhin besetzten deutsch-italienische Truppen Tunesien, um die alliierten Landungstruppen zurückzuschlagen – Frankreich verhielt sich vorerst neutral. Nach schweren Kämpfen zwischen den Alliierten und den Achsenmächten kapitulierten die deutsch-italienischen Verbände im Mai 1943, im Juli folgte die Invasion in Sizilien.

[19] Scipio: Im 3. bis 2. Jahrhundert v.u.Z. begründeten die Scipionen (eines der ältesten patrizischen Geschlechter Roms) durch kriegerische Erfolge Roms Weltstellung. Die Scipionen waren nicht mehr „echte Römer“ im Sinne eifriger Vertreter der nationalen Richtung in Sachen Kunst, Bildung usw.; durch ihre Öffnung gegenüber anderen Kulturen lösten die Scipionen die Römer aus ihrem bis anhin im wesentlichen Bauern- und Soldatendasein heraus.

[20] „Kolumbus, Kolumbus, Kolumbus, wie hast du das bloß gemacht?“ ... Amerika zu entdecken.