Dialog mit den Toten (VI)

Dritter Tag (Abend)

Arm und nackt gehst du, Philosophie!

Nach der ätzenden Kritik an der von Historikern und Ökonomen in Jahrzehnten geleisteten Arbeit wurden in Chruschtschows dem Zentralkomitee vorlegten Bericht (dem grundlegenden Text des 20. Parteitags) nun ihrerseits die Staats„philosophen“ heimgesucht. Dass der Marxismus als eine „Philosophie“ unter vielen anderen betrachtet wird, d.h. wie viele andere, dazu haben wir bereits die größten Vorbehalte geäußert, und so scheint uns dieser philosophische Staatsdienst, der andererseits für völlig bankrott erklärt wird, keine besonders ernst zu nehmende Angelegenheit zu sein.

Lassen wir Chruschtschow zu Wort kommen: „Die Aufgaben der Ausbildung und Erziehung unserer Kader in den Hochschulen und im System der Parteischulung machen es erforderlich, dass ein Lehrbuch der Grundlagen des Marxismus-Leninismus geschaffen wird, in dem in gedrängter Form, einfach und klar die wichtigsten Thesen der marxistisch-leninistischen Lehre dargelegt sind. Ferner müsste ein Buch geschaffen werden, das in populärer Form die Grundlagen der marxistischen Philosophie behandelt. Solche Bücher wären von großer Bedeutung für die Propagandierung der wissenschaftlichen marxistischen Weltanschauung, für den Kampf gegen die reaktionäre idealistische Philosophie“ [I, S. 114].

Daraus geht hervor: Damit die Super-Professoren der philosophischen Akademien keinen Blödsinn reden, müssen sie mit Hilfe von Lehrbüchern – propagandistischen „Volks“handbüchlein, versteht sich – gegen die reaktionäre (pfui Teufel) Philosophie auf Linie gebracht werden.

Die Bourgeoisie selbst hat schon seit langem die theoretischen Philosophiekurse abgeschafft, um sie durch die Geschichte der Philosophie – oder wenn man will: der Philosophien – zu ersetzen. Nach Schema F versteht man unter reaktionärer Philosophie den Fideismus, der den Überbau der feudalistischen Produktionsweise bildete. Der Idealismus dagegen ist die Philosophie der bürgerlichen Revolution: Die angeblich wissenschaftlichen Moskauer Materialisten zeigen bei jeder Gelegenheit, dass sie bis zum Halse drin stecken. Aber natürlich stempeln sie ihn hochnäsig als reaktionär ab und, wie scheußlich, als volksfeindlich! Allein, sie ist die einzige Volksphilosophie par excellence.

Hier, im Lande Chruschtschows, funktionieren weder Volksschulen, noch pädagogische Hochschulen, noch Parteihochschulen, in denen die Lehrer der Lehrer instruiert werden – oder, im Stil des modernen, kosmopolitischen Jargons: die Trainer, die Zureiter der mit der Massenpropaganda betrauten Aktivisten.

Jedenfalls stellte der historische Parteitag fest, dieser Apparat sei vom Wege abgekommen; versuchen wir festzustellen, in welcher Richtung.

Der Schlüssel zu diesem Quiz ist nicht schwer zu finden. Es handelt sich um die treuen Schüler des Klippschulmeisters Stalin, die ihn als Volksbildungskommissar absetzten und gleichzeitig, vielleicht unbewusst, die Verse wiederholen, die er sie auswendig lernen ließ.

Josefs Refrain: Dogmatiker, Talmudisten

Wer uns ein wenig kennt, der weiß, dass wir keineswegs „Trotzkisten“ sind; doch erinnern wir daran, dass Trotzki als größter zeitgenössischer Schriftsteller russischer Sprache anerkannt ist. Übrigens hat die nationale Sprache für revolutionäre Schriften keine Bedeutung und man kann davon ausgehen, dass auch Stalins „Sprachlehre“[1] – dergemäß die Muttersprache „kein Überbau“ ist und dem Wandel der Produktionsformen und Klassenverhältnisse gegenüber unverändert bestehen bleibt – aus dem heiligen Schrein verschwinden wird.

Stalins Schreibstil ist, ohne schwach oder ungeschickt zu sein, in unübertrefflicher Weise platt. Er hat geradezu einen Volksschulstil, so als ob man sich bei „Alles oder Nichts“ oder irgendeinem anderen Fernsehquiz befindet. Trockene Fragen und magere Antworten, und permanente Wiederholungen – als hätte eine Schallplatte einen Sprung.

Wenn wir nun versuchen, aus den endlosen Reden Chruschtschows, Mikojans, Suslows, Schepilows und auch anderer das neue philosophische Wort des 20. Parteitags herauszuschälen, so haben wir nichts als drei oder vier Wörter Stalins in Händen: Dogmatiker, Talmudisten, Buchstabengelehrtheit, Scholastizismus und Ähnliches. Wörter, mit denen alle auf stereotype Art und Weise diesmal nicht Stalin, sondern einer zahllosen Schar von Philosophen, Wissenschaftsfunktionären und politischen Führern zu Leibe rücken, die bezichtigt werden, ihr Gehalt für nichts und wieder nichts zu bekommen. Angesichts dieser beklagenswerten Umstände werden wieder die bekannten, uralten Fahnen geschwenkt, die alle echten Abweichler in Händen hielten: Realität, Leben, Konstruktivität, Konkretheit. Und wenn wir unbedingt die elegantesten „neuen“ Thesen herausgreifen wollen, so finden wir nur die folgenden, nicht gerade weniger abgedroschenen: den „schöpferischen“ Marxismus (oder das, was man den „neu geschaffenen“ Marxismus nennen kann) und die „Bereicherung“ des Marxismus – Phänomene, die einem bei jedem Schritt auf dem historischen Weg begegnen würden.

Da wir nachdrücklich ermahnt wurden, „gedrängt“, „einfach und klar“ zu sein, wie jene Verfasser, deren serienmäßig hergestellte Lehrbücher die „Kader“ versorgen, seien wir es also.

Übernehmen wir die Rolle der Dogmatiker, der Talmudisten, auch der Scholastiker und sogar der Buchstabengelehrten; übernehmen wir also die Verteidigung jenes Marxismus, der niemals etwas Neues schafft und der ein fixes Sternbild unerschütterlicher Leitsätze abgibt; weigern wir uns entschlossen, unguibus et rostro[2], ihn denjenigen preiszugeben, die ihn bereichern wollen: Verteidigen wir ihn streng und bescheiden, so wir er geboren wurde, nicht aus der unbeugsamen Armut eines Marx’, sondern aus dem Schoß der Geschichte, die mit dem Marxismus schwanger ging und ihn erst gebar, als die Zeit dafür gekommen war.

Mit den Perioden der Konterrevolution, des Klassenrückschlags und der historisch lang andauernden Involution sozialer Formen fällt indes das hohle Geschwätz der „Schöpferisten“ oder angeblichen Schöpfer zusammen; das hohle Geschwätz derjenigen, die sich der Entdeckung bisher unbekannter, wertvoller Errungenschaften rühmen. Sie alle käuen bloß abgegriffene und armselige Formeln wieder, deren letzter Verbreiter Stalin war, und die keineswegs dazu taugen, die uns wohlbekannten Formeln abzuwandeln, mit denen der Marxismus zu den Zeiten eines Proudhon, Lassalle, Bakunin, Dühring, Bernstein und Sorel wie ein Löwe kämpfte, ebenso wie zur Zeit der furchtbaren Schlammflut von 1914, als vor allem Lenin, Verfechter, Gladiator der revolutionären Orthodoxie, jenen Unzähligen den Garaus machte, die die Fälschungen aus der Orthodoxie selbst schöpfen und den Marxismus für einen Judaslohn bereichern wollten.

Jetzt seid ihr dran, Abc-Schützen!

Zeigen wir nun, wie den Schülern die Ausdrucksweise und der plumpe Stil ihres Herrn und Meisters im Blute liegen.

Zunächst Chruschtschow: „Wir kämpfen gegen Äußerungen der Sorglosigkeit (...) bei der weiteren Ausarbeitung“ (!) „der marxistischen Theorie, können aber die Theorie nicht mit den Augen von Dogmatikern, von Menschen betrachten, die vom Leben losgelöst sind. Die revolutionäre Theorie ist keine Sammlung erstarrter Dogmen und Formeln, sondern eine kämpferische Anleitung für die praktische Tätigkeit (...). Der Marxismus-Leninismus lehrt, dass die Theorie, wenn sie von der Praxis getrennt ist, tot ist“ [I, S. 112]. Keiner der Arbeiterführer, die in den Dienst der bürgerlichen Regierungen und des nationalen Kriegs eintraten, sprach anders. Allerdings drückte sich auch keiner von ihnen so banal aus.

Und etwas weiter: „Wer da glaubt, der Kommunismus könne allein auf Propaganda“ (welcher Hornochse glaubt denn an irgendein Rezept, um ihn wie ein bürgerliches Erzeugnis fabrikmäßig herzustellen?), „ohne den alltäglichen praktischen Kampf für die Steigerung der Produktion“ (einen Mitgliedsausweis der Partei für den „Antreiber“ der klassischen Galeeren!) „und für die Hebung des Wohlstands der Werktätigen“ (zehn Mitgliedsausweise für Keynesianer!) „aufgebaut werden, der gleitet auf den Weg des Talmudismus und der Buchstabengelehrsamkeit ab“ [I, S. 113].

Nun ist Mikojan dran, der Josef so demolierte: „Unsere Partei und ihr Zentralkomitee (...) stützen sich auf die ewig lebendige Lehre des Leninismus und wenden sie an, um die konkreten Ereignisse und Erscheinungen der gegenwärtigen Periode in der Entwicklung der Gesellschaft zu analysieren, wodurch sie den Marxismus-Leninismus bereichern“ [II, S. 116].

Von diesem „Reichtum“ haben wir schon einiges zu sehen bekommen: demokratischer Weg zur Macht; Imperialismus ohne Krieg; Gewaltverzicht; Verfassungstreue; Nachahmung der Siege des Kapitalismus als Fabrik des Wohlstands; ehrlicher Wettstreit mit dem Kapitalismus; vertragliche Zusicherung (heute in London, morgen in Washington), ihn nicht mehr übers Ohr zu hauen. Bereichert den Marxismus noch ein bisschen mehr (wie lautet die entsprechende Indexziffer im VI. Fünfjahresplan?) und ihr habt ihn vollends in Stücke gerissen!

Mikojan ist zu brillant, als dass man ihn ohne Unterbrechungen zitieren könnte: „Die meisten unserer Theoretiker befassen sich damit, die alten Zitate, Formeln und Leitsätze in verschiedenen Tonarten zu wiederholen und abzuwandeln“ [II, S. 122]. Ein Riesenskandal! Aber Theorie, was soll das denn bedeuten? Eine geordnete Reihe von Schlussfolgerungen, buchstäblich eine „Gefolgschaft“ von Menschen, wo keiner aus der Reihe tanzt. Mikojans Kritik mag für Schriftsteller gelten, aber nicht für Verbreiter einer fest erbauten Doktrin. Doch wir wissen ja, dass vor allem Künstler Abscheu erregen: Mikojan selbst sagt dies anderweitig. Soll er fortfahren.

„Was ist denn Wissenschaft ohne Schöpfertum? Das ist eher Scholastik, ein Lehrbuchexerzitium, und keine Wissenschaft, denn Wissenschaft ist vor allem Schöpfertum, Schaffen von etwas Neuem, nicht aber Wiederholung des Alten“ [II, S. 122].

Wenn wir Anfänger das Handbuch der marxistischen Philosophie zu schreiben hätten (unter den jetzigen Vorzeichen ist es sicher, dass in Moskau die Handbücher mit den... Füßen geschrieben werden), so würden wir folgende, treffende Formel darin aufnehmen: Wissenschaft ist Wiederholung des Alten. Und bezüglich der „Scholastik“ würden wir schreiben, dass sie jene Philosophie ist, die auf der „Schöpfung“ basiert: Ohne Schöpfung keine Scholastik. Die Reihenfolge der Schöpfungstheorie geht so: Wir bezweifeln, dass Gott Mikojan geschaffen hat, und Mikojan hat folglich überhaupt nichts geschaffen, es sei denn, man liest seine Erklärungen gegen den Strich.

„Es ist zu hoffen, dass der 20. Parteitag den an der ideologischen Front tätigen Genossen“ (einer Front, wo auch der Unteroffizier die Manöver aus dem Stegreif lenken soll!) „einen ernsten Anstoß geben wird, die schöpferische wissenschaftliche Arbeit wirklich in Angriff zu nehmen“, um „dem Zurückbleiben der wissenschaftlichen Arbeit ein Ende zu setzen und“ (schließlich noch die dritte… nach langem Grübeln geschöpfte geistreiche Bemerkung) „den Marxismus-Leninismus schöpferisch zu bereichern“ [II, S. 123]. Welch Originalitätsrausch!

Steht auf, Hinterbänkler!

Das reicht; rufen wir jetzt die auf den hinteren Bänken auf. Suslow: „Unsere Arbeit (...) wird zu einem Auswendiglernen ein und derselben bekannten Formeln und Leitsätze, wodurch nicht selten vom Leben losgelöste Buchstabengelehrte und Dogmatiker erzogen werden. Der Schwerpunkt unserer Propaganda lag in hohem Maße in der Vergangenheit, in der Geschichte“ (!), „unter Vernachlässigung der Gegenwartsfragen“ [II, S. 81]. Da haben wir’s, Teufel auch! Ein echter Nacheiferer der widerwärtigen Sitten bürgerlicher Emporkömmlinge, die keinen blassen Schimmer haben, dafür aber in der Lage sind, uns mit ihren idiotischen Fragen auf den Wecker zu fallen: „He, wisst ihr schon das Neueste? Haltet euch auf dem Laufenden!“

„Die Partei hat sich niemals mit Dogmatismus abgefunden, aber gegenwärtig hat der Kampf dagegen eine ganz besondere Schärfe angenommen“ [II, S. 85]. Und jetzt ein Schrei, der von Herzen kommt, in dem das ganze Gebrechen des Karrierismus steckt, des persönlichen Kampfes ums „Vorwärtskommen“: „Zur Verbreitung des Dogmatismus und der Buchstabengelehrsamkeit hat zweifellos auch der Persönlichkeitskult stark beigetragen. Die Anhänger des Persönlichkeitskults schrieben die Entwicklung der marxistischen Theorie ausschließlich einzelnen Persönlichkeiten zu und verließen sich völlig auf diese. Alle übrigen Sterblichen“ (wer waren denn die?) „sollen nach ihrer Ansicht lediglich das übernehmen und popularisieren, was diese einzelnen Persönlichkeiten geschaffen haben“ [II, S. 84].

Wunderbar! Diese Herren haben beschlossen, „diese einzelnen Persönlichkeiten“ kalt zu stellen. Aber sie selbst wissen nichts anderes als dieselbe Lektion aufzusagen. Und wie sie übernommen haben! Und wie sie popularisiert haben! Indes verunglimpfen sie Stalin, insofern sie seine schlimmsten Äußerungen in ihren Hirnen verankert haben, was gerade in ihrer Haltung deutlich wird: „Weg da, macht Platz, auch wir wollen schaffen!“ „Jehova, du bist nichts als ein miserabler Demiurg[3]!“, sagt der auf die Erde verbannte Teufel bei Anatole France.

Nun ist Schepilow an der Reihe. Wann werden uns diese ungeduldigen „Schöpfer“, die bisher an der Leine gehalten wurden, etwas vorzeigen, was auf ihrem eigenen Mist gewachsen ist? Sie profitieren nur von der Tatsache, dass ihr Herr und Meister einbalsamiert wurde und nicht losdonnern kann: „Aufgabe wortwörtlich abgeschrieben! Sechs!“

„Wir Kommunisten sind keine passiven Hüter des marxistisch-leninistischen Erbes, keine ideologischen Archivare“ (Tüchtig, tüchtig! Um nicht einfache Hüter des väterlichen Erbes zu sein, bereichern sie es, indem sie es bis auf den letzten Pfennig verprassen!). „Eine ideologische Arbeit, die nicht mit den vordringlichen Aufgaben des wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus verbunden ist, wird entweder zu einer talmudistisch-buchstabengelehrten Wiederholung bekannter Wahrheiten und Thesen oder zu Geschwätz und Halleluja-Geschrei“ [II, S. 57/58]. Am ersten Tag dieses Dialogs haben wir dem Leser eine bescheidene Kostprobe des „Halleluja-Geschreis“ für Stalin gegeben, vorgebracht von seinen wortgetreuen Schülern in Anti-Talmudismus und Anti-Buchstabengelehrtsamkeit.

Die Saison des Geschwätzes, ist sie nun zu Ende oder beginnt nicht vielmehr eine, die noch mehr Blüten treibt?

Ein Rumoren außerhalb der Klasse

Wenn all diese treuen Schüler mit dem gleichem Handgriff zum Feuerlöscher derselben Marke gegriffen und den gleichen trüben Schaum herumgespritzt haben, gibt es sicher einen Grund dafür. Es ist nämlich noch nicht alles tot im Russland der Oktoberrevolution und eine Flamme brennt noch! Es gibt noch alte Marxisten, Kampfgenossen Lenins und all der anderen, die man heute mit überaus pharisäerhaften Gesten „rehabilitiert“; echte Bolschewiken mit ihrem festen Glauben an das Dogma einer alle Grenzen überflutenden Revolution: In der jungen Generation ist die unauslöschliche Tradition dieser Dynamik der „Vergangenheit“ lebendig, einer Vergangenheit, angesichts derer sich die mit Pauken und Trompeten gepriesene Gegenwart als düster, fahl und gemein erweist.

Es gibt noch lästige, buchstabengelehrte Zitierungen von Marx, Engels und Lenin, auch wenn die Schriften anderer Theoretiker vom Kaliber eines Trotzki, Sinowjew und Bucharin schon lange „widersetzlich“ sind. Es gibt noch Genossen, die auf ein Archiv vertrauen und nicht glauben, sich „vom Leben loszulösen“, wenn sie sich von der Geschichte des weltweiten Kampfes des Bolschewismus nähren, als Berlin und Wien, Paris und Rom noch seine Ziele waren und die Lenin’sche Alternative hieß: Weltherrschaft der Bourgeoisie oder Weltherrschaft des Proletariats! Einen Mittelweg gibt es nicht!

Es gibt noch Dogmatiker, zum Glück und dank historischer Gesetzmäßigkeit, die an das glauben, was Lenin schrieb und aussprach; und selbst dann, wenn diese Formeln naiv und sogar blindlings nachgesprochen würden, so stünden sie doch weit höher als die Übelkeit verursachenden, modernen Rezepte der Parteitagsküche mit ihren maßgeschneiderten Standpunkten und Tricks.

Dass es noch welche gibt, zeigt sich daran, dass sich die „Schöpferisten“ genötigt fühlten, einen Rest doktrinaler Treue unter Beweis zu stellen – auch wenn die Worte einen falschen und misstönenden Klang hatten.

Chruschtschow: „(...) die Reinheit der marxistischen Theorie streng zu wahren, einen entschiedenen Kampf gegen Rückfälle in die bürgerliche Ideologie zu führen“ [I, S. 116]. Suslow: „Es handelt sich natürlich stets um die Weiterentwicklung und Bereicherung des Marxismus-Leninismus auf der Grundlage seiner unabwandelbaren Prinzipien, im unversöhnlichen Kampf gegen jeden Versuch einer Revision dieser Prinzipien“ [II, S. 85]. Und so auch andere, von den hinteren Bänken.

Genauso falsch tönend – nachdem aufs Schärfste getadelt worden war, die Texte als heilig zu betrachten – ist der wenig geglückte Versuch, sich nun mit Zitaten von Lenin retten zu wollen und sich gleichzeitig anzumaßen, ihn als Verfasser so manch verhängnisvoller „Schöpfungen“, die ihm selbstredend nach seinem Tode angehängt worden sind, hinzustellen (heute „gesteht“ man, nur zu diesem Zweck eine Auswahl getroffen zu haben, ebenso wie die „Gesammelten Werke“ das Ergebnis dessen sind, dass ein Großteil seiner Schriften aus der riesigen Sammlung entfernt wurde).

Auch hier sind die Abc-Schützen leicht durchschaubar. Nicht nur, dass sie das gleich folgende Zitat für ihre Zwecke mehr als ausgebeutet haben, es ist auch haargenau von Stalin abgeschrieben – und folgt seiner klassischen Methode.

Unredliche Anwendung Lenins

Das wahre Vorgehen dieser Doktrinen-Händler: Band und Seite der offiziellen Ausgabe zitieren, in der Gewissheit, dass Säuberungen und Zensur die gesamte Ausgabe gesiebt haben, (wie der Katholik, der aus dem Evangelium vorliest). Und dann geflissentlich das Datum und das Thema der Schrift, d.h. deren geschichtlichen Hintergrund und die Kampfrichtung weglassen, in der sie, eben nicht von einem Archivar, sondern von einem Kämpfer der revolutionären Aktion geschrieben wurde. Wann schrieb Lenin – Band 4, Seite 205/06 – diese Worte: „Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen. Wir sind der Meinung, dass es für die russischen Sozialisten besonders notwendig ist, die Theorie von Marx selbständig weiterzuentwickeln, denn diese Theorie liefert lediglich die allgemeinen Leitsätze, die im einzelnen auf England anders angewandt werden als auf Frankreich, auf Frankreich anders als auf Deutschland, auf Deutschland anders als auf Russland“?

Lenin stand damals im heftigen Kampf mit zwei Flügeln der anti-zaristischen Bewegung: Den Volkstümlern, die den Marxismus „marxistisch“ widerlegen wollten und auf die besitzenden Kleinbauern, statt auf die Arbeiter, ihre „sozialistischen“ Hoffnungen setzten – und den „legalen Marxisten“, die auf Grundlage der landläufigen Anschauung bezüglich der englischen Ökonomie und europäischen Politik aus dem Marxismus die Schlussfolgerung zogen, man müsse gegenüber der autokratischen Regierung eine wohlwollende Neutralität wahren, um den kapitalistischen Unternehmungen entgegenzutreten. Seither war es für Lenin notwendig, die revolutionäre Methode zu errichten, die die Aktion für die Tagesforderungen der Arbeiter mit den Waffen der politischen Kampfziele des Proletariats verbindet, und gegen diese beiden Strömungen die Grundlagen seines monumentalen historischen Bauwerks zu legen.

Der junge Lenin konnte nicht wissen, wie wir (die es vom erwachsenen Lenin gelernt haben), dass die Theorie eben schon von Anfang an „etwas Abgeschlossenes und Unantastbares“ ist, und dass derjenige, der auch nur einen Zipfel von ihr loslässt, sie ganz verliert. Jedenfalls stellt schon der junge Lenin das Fundament und die allgemeinen Leitsätze in den Mittelpunkt der Marxschen Theorie. Welche das sind? Das gesamte Werk und Leben Lenins geben die Antwort darauf, und nicht zwei Sätze.

Welches sind denn, müssten wir den späten – sehr späten – Nachkommen Schepilow fragen, sind denn bei der Schöpfung und Bereicherung die „unabwandelbaren Prinzipien“? Und was ist für den 20. Parteitag vom Fundament Lenins noch übrig geblieben?

Dieser unlauteren Art, Lenin zu zitieren, stellten wir unsere Untersuchung seiner der Entwicklung des revolutionären Kampfes in Russland chronologisch folgenden Schriften entgegen; der Leser kann dort z.B. genug über die im Stil Stalins geschriebenen Märchen von Mikojan und Co. über Lenins Position von 1917 bezüglich einer friedlichen Machteroberung erfahren.[4]

Merken wir nur noch an: So wie alle auf dem 20. Parteitag benützten Zitate aus zweiter Hand, nämlich des Meisters Stalin sind (während man gleichzeitig mit ihrer Hilfe glaubhaft machen will, sich von ihm zu distanzieren und zu Lenin zurückzukehren!), so ist der oben erwähnte Satz Lenins einer Rede Stalins auf dem 18. Parteitag (10.3.1939) entnommen.

Was bleibt noch unabwandelbar?

Dass wir im Recht sind, Lenin auf der Seite der „Dogmatiker“ zu sehen, geht schon daraus hervor, dass er selbst sein ganzes Leben lang diese Bezeichnung als Ehrentitel betrachtete, im Gegensatz zu Opportunist und „freier Kritiker“.

Das erste Kapitel seines klassischen „Was tun?“ aus dem Jahre 1902 trägt just den Titel: Dogmatismus undFreiheit der Kritik“. Durchwegs ein Angriff gegen den russischen und internationalen Revisionismus, und schon die Fußnote der ersten Seite besagt: „Heute (...) bilden die englischen Fabier, die französischen Ministerialisten, die deutschen Bernsteinianer und die russischen Kritiker eine einzige Familie, sie alle loben einander, lernen voneinander und ziehen gemeinsam gegen dendogmatischenMarxismus zu Felde.“ Es ist das „erste wirkliche internationale Ringen mit dem sozialistischen Opportunismus“ [LW 5, S. 361/62].

In unserer Arbeit zur Agrarfrage, worin wir die marxistische Orthodoxie Lenins nachwiesen, haben wir den Anfangspassus der „Agrarfrage und die Marxkritiker“ (1901) und den Seitenhieb gegen Tschernow angeführt, der sich gerühmt hatte, den „dogmatischen Marxismus auf dem Gebiet der Agrarfragen aus seiner Position vertrieben“ zu haben. Dieser dogmatische Marxismus, schreibt Lenin, hat eine merkwürdige Eigenschaft: Die Wissenschaftler erklären ihn stets für tot, „und trotzdem macht sich jeder Kritiker von neuem daran, diese angeblich bereits zerstörte Position unter Feuer zu nehmen“ [LW 5, S. 101].

Später geriet das alte Geschütz in die Hände Stalins, selbiger schuf in seiner genialen Art die Ergänzung: talmudistisch – schließlich gelangte es in die Hände derer vom 20. Parteitag, die trotz ihres hysterischen Bereicherungsfimmels nichts Neues mehr hinzufügten.

Für uns ist nur wichtig festzuhalten: Wenn wir unter die Fahne des Dogmatismus treten, heißt das, uns keinerlei Schöpfung als Verdienst anzurechnen, auch keine Bereicherung der Theorie – selbst die Theorie und Geschichte des Opportunismus, diese unaufhaltsame Schwindsucht, ist um nichts Neues bereichert worden.

Aus den Bärenklauen Stalins waren jedenfalls noch einige „Fundamente“ gerettet worden und einige Prinzipien wurden unversehrt gelassen, während für die Handelsreisenden des 20. Parteitags mit ihren Glacéhandschuhen offensichtlich gar nichts mehr unantastbar blieb – heißt es doch in einer Schlagzeile der „Unità“, Eden habe ihnen bezüglich der friedlichen Koexistenz „in würdiger Weise“ mit den historischen Worten geantwortet: „Heute kann sich die Welt sicherer fühlen!“

In der Tat kommt Stalin in derselben Rede von 1939 nicht umhin, wieder Lenin zu zitieren (aus: „fast vollständige“ Lenin Werke 25, S. 425):

„Die Formen der bürgerlichen Staaten sind außerordentlich mannigfaltig, ihr Wesen ist aber ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so, aber in letzter Konsequenz unbedingt eine Diktatur der Bourgeoisie“ (die letzte Hervorhebung ist von Lenin, oder sogar von Stalin!). „Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein: die Diktatur des Proletariats“ (Hervorhebung: siehe oben).

Also nichts als gemeine Verlogenheit, wenn gesagt wird, dass noch etwas bliebe, was man nicht anrühren, revidieren, neu schöpfen oder bereichern wolle. Und wer erwies sich als der Dümmste und sagte: „Wir verstehen sehr gut, Genossen, dass euer Weg, auf dem ihr die Macht errungen und eine sozialistische Gesellschaft aufgebaut habt, nicht in jeder Hinsicht für andere Länder obligatorisch sein kann, dass dieser Weg in jedem Lande seine Besonderheiten haben kann und muss“ [I, S. 331]?

Eine ganz leichte Frage; einen Pfennig für die richtige Antwort: der Delegierte der italienischen Partei, Togliatti.

Wie Marx bereichert wurde

Unsere französischen Genossen haben uns ein „in allerletzter Sekunde“ gerettetes Exemplar der zweiten Auflage des „Lehrbuchs der politischen Ökonomie“ verschafft, das, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der UdSSR (Institut für Ökonomie) und „gedruckt am 17.3.1956“, pour vivre l’espace d’un matin[5].

Es ist ein waschechter stalinistischer Text, dessen zweite Hälfte der „politischen Ökonomie der sozialistischen Produktionsweise“ gewidmet ist. Gut möglich, dass dieser Text offiziell gültig bleibt, ausgenommen das, was wir jetzt aus diesem Text anführen werden, um diese Frage der „Entwicklung der Theorie“ abzuschließen.

Einleitung: Nachdem Marx und Engels Reverenz erwiesen wurde, soll nun Lenin die „marxistische Ökonomie“ um die „marxistische Lehre vom Imperialismus“ bereichert haben, indem er die „Ausgangsthesen des ökonomischen Grundgesetzes des modernen Kapitalismus darlegte“. Was für eins ist das? Ein Gesetz, das Marx sich nicht träumen ließ und das zu entdecken er ganz und gar... Stalin überließ. Lenin sei zudem Urheber einer „neuen, in sich geschlossenen Theorie der sozialistischen Revolution“ (natürlich nur unter dem Vorbehalt, dass keine noch neuere von Stalin oder Chruschtschow-Togliatti entwickelt wird). Außerdem habe er „wissenschaftlich die Grundprobleme des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus ausgearbeitet“ [VI, S. 15]. Nach all dem wundert es uns nicht, unter den hoch gelehrten Akademikern, die diesen Text verfasst haben, auch unseren Schepilow zu entdecken.

Um nicht des „Halleluja-Geschreis“ bezichtigt zu werden, fügt man schließlich hinzu: „J. W. Stalin, der große Kampfgefährte und Schüler Lenins, stellte eine Reihe neuer Leitsätze“ (!) „der politischen Ökonomie auf und entwickelte sie weiter.“

Für weitere Leitsätze wird die Akademie der Wissenschaften wohl einen internationalen Wettbewerb ausschreiben.

Selbstverständlich finden wir (auf den Seiten 295 bis 297) auch einen Abschnitt über das „Gesetz der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung“. Und die faustdicke Lüge: „Marx und Engels gelangten um die Mitte des 19. Jahrhunderts bei der Analyse des vormonopolistischen Kapitalismus“ (siehe weiter oben das Lenin-Zitat über „ein und denselben“ Kapitalismus, von dem der Imperialismus einfach ein politischer, militärischer, diktatorischer „Überbau“ ist – was Marx vollständig vorhergesehen hat) „zu der Schlussfolgerung, dass die sozialistische Revolution nur gleichzeitig in allen oder den meisten zivilisierten Ländern siegen kann“. Dann sei „Lenin zu dem Schluss gelangt, dass die alte Formulierung von Marx und Engels nicht mehr den historischen Bedingungen entspricht, dass unter den neuen Bedingungen die sozialistische Revolution durchaus in einem Lande siegen kann und“ (jetzt kommt’s!) „dass der gleichzeitige Sieg der sozialistischen Revolution in allen Ländern oder in der Mehrzahl der zivilisierten Länder angesichts der Ungleichmäßigkeit des Heranreifens der Revolution in diesen Ländern unmöglich ist“ (!!!). Demnach hat dieser Schlauberger von Wladimir Iljitsch nur so daher geredet, als er uns in den Jahren nach 1918 fast mit Fußtritten bedachte, weil wir ihm die Revolution nicht nach ganz Europa trugen! Aber wenn er doch wissenschaftlich entdeckt hatte, dass das unmöglich war? Wegen des Gesetzes der ungleichen Entwicklung?

Kennt ihr das Gesetz der ungleichen Entwicklung der Akademien? Stalin kannte es offensichtlich nicht: Man findet es in einem italienischen Lustspiel des guten Ferrari aus dem 19. Jahrhundert: „Akademien werden gegründet oder nicht gegründet!“

Wir müssen noch etwas mehr akademische Prosa schlucken. In der nun folgenden Geschichte wird Lenin als jemand dargestellt, der entdeckt hat, dass „sich die einzelnen Länder in Glieder einer einheitlichen Kette verwandelt haben“ und die Revolution in den Ländern siegen kann, „die ein schwaches Glied in der Kette des Weltimperialismus sind“. Nun gut, aber wozu? Um den anderen klar zu machen, dass es unmöglich ist, sie zu zerreißen? Dazu bedurfte es eines Stalin, oder noch blasserer Figuren: Chruschtschow, Schepilow, Togliatti oder Thorez. Eine darauf folgende Palinodie[6] schiebt Lenin eine Anschauung über den Weg der Weltrevolution unter, die als Vorwegnahme der Methode des „revolutionären Abfalls einer Reihe neuer Länder vom System des Imperialismus“ zugunsten Russlands erscheinen soll.

Heute scheinen sogar die Satellitenstaaten, als deren Schirmherr Tito auftritt, abzufallen bzw. nicht länger um ihren russischen Planeten kreisen zu wollen.

Jedenfalls setzt man hier immer auf das Missverständnis zwischen dem Sieg der politischen Revolution und der wirtschaftlich-sozialen Umwandlung; und so geht man weiter, wobei stets die falsche Karte vom Aufbau der sozialistischen Wirtschaft, vom „vor-fabrizierten“ Sozialismus im Ärmel gehalten wird.

Abgelehnte Beiträge Stalins

Am Ende des Abschnitts über die kapitalistische Wirtschaft werden sich die Stalin’schen Thesen zu Eigen gemacht, die Mikojan so auf die Nerven gingen. Für Stalin hat die historische Endkrise des Kapitalismus nach dem II. Weltkrieg erneut begonnen, und die Formel der „chronischen Unterbelastung der Betriebe und der ständigen Massenarbeitslosigkeit“ [VI, S. 359] wird wieder hervorgeholt; unvorsichtige Thesen, die der 20. Parteitag, der westlichen Wirtschaftwissenschaft die Hand reichend, rigoros zurückzieht (aber nur diese zwei Thesen!).

Daraus folgt, dass das „Lehrbuch“ aus dem Verkehr gezogen und neu bearbeitet wird, wie auf dem Kongress angekündigt; und dass dem russischen Parteiprogramm das gleiche Schicksal zuteil werden wird.

Wir glauben, dass alle anderen falschen ökonomischen Lehren Stalins in einer noch schlechteren Version aufrechterhalten werden, d.h. die russische Gesellschaft wird weiterhin als Gesellschaft typisiert, in der die sozialistische Ökonomie in Kraft ist. Auch bleibt uns die neue, angeblich Lenin’sche Theorie der sozialistischen Revolution erhalten, genauso wie die ökonomische Theorie Stalins, dergemäß die Klasse des Proletariats und die der Bauern im politischen Kampf wie im wirtschaftlichen „Aufbau“ als definitiv verbündete Klassen figurieren.

Abschnitt für Abschnitt führt das Lehrbuch die uns wohlvertrauten Sätze Lenins an, um über sie die traurige Macht auszuüben, die wir schon kennen.

Der tückischste Aspekt der auf dem 20. Parteitag abgesteckten Wende besteht in der angeblichen Rückkehr zu einer engeren Bindung, enger als zur Zeit Stalins, an die Lehre von Marx und Lenin. Mit ihr wird aber so verfahren, wie Stalin und der ganze Klüngel es vorgemacht haben. Ohne den leisesten Zweifel lässt sich voraussehen, dass die baldige Erklärung, mit den kapitalistischen Ländern in Sachen Ideologie und Sozialprogramme konform zu gehen (das ist der Gang der Dinge, den wir seit Jahren das „große Geständnis“ nennen), mit von der marxistischen Schule entlehnten theoretischen Argumenten begleitet werden wird: In der Tat wird ein im Wesentlichen bestehendes Verhältnis dadurch nur bestätigt werden. Historisch und politisch jedoch haben beide Wenden die gleiche Richtung: 1. von der Erklärung an den Kapitalismus, ihn überall an der Klassen-Front schlagen zu wollen, dahin, mit ihm an der Staaten-Front koexistieren zu wollen (wohlwissend, dass der Imperialismus zum Krieg und zum Zusammenbruch führt); 2. von dieser Koexistenz aus zum friedlichen Wettbewerb und Vergleich – in Erwartung des endgültigen Friedens zwischen den Staaten und des Burgfriedens in jedem Staat.

Für uns geben die erste, wie auch die zweite geschichtliche Wende Marx und Lenin Recht. Es ist jedoch ebenso unvermeidlich wie abscheulich, dass die großartigen Seiten Lenins, und auch Marx’, noch lange als Feigenblatt pathologischer Schamhaftigkeit für einen neuen und noch schäbigeren Opportunismus herhalten müssen, der dank des Zaubers jener Namen einmal mehr versuchen wird, das Weltproletariat in den Abgrund zu reißen.

Die Funktion der Partei

Bei der Lektüre der Moskauer Reden scheint wenigstens eines der Fundamente von Marx und Lenin an seinem Platz geblieben zu sein: die Notwendigkeit und erstrangige Funktion der politischen Klassenpartei.

Im Mittelpunkt des erbarmungslosen Kampfes gegen die russische Opposition standen die Frage der Partei und ihr Verhältnis zum Staat. Auf die Tatsache, dass diese Mitglieder der Kommunistischen Partei verfolgt und außer Gefecht gesetzt wurden, reagierte die Opposition, indem sie die Rolle der Partei als Trägerin der Klassendiktatur im Staate und als wahrem „Subjekt der Souveränität“ hervorhob. Gewöhnlich wurden Trotzki und Sinowjew beschuldigt, die Partei zu sabotieren und ihre Einheit zerstören zu wollen; beide antworteten erhobenen Hauptes, indem sie die Lehre Marx’ und Lenins über die Natur und Funktion der politischen Klassenpartei verteidigten, der sie immer treu geblieben waren.

Während man heute in Bezug auf die Frage des Staates (selbst Stalin hatte sich ihr auf den vorhergehenden Parteitagen, wenn auch nicht allzu häufig, gestellt) und dessen monströsem Fortbestehen kein Sterbenswörtchen verlauten lässt und sich gleichzeitig kein bisschen scheut zu behaupten, eine klassenlose Gesellschaft errichtet zu haben, spricht man (nachdem alle papageienhaft denselben Ton angestimmt haben) noch immer von der Partei als höchstem Organ, welches die Staatsmaschinerie gemäß der programmatischen Richtlinien und Beschlüsse lenken müsse.

Kein Zweifel, dass sich auch diese Stellungnahme nicht aufrechterhalten lässt. Anzeichen dafür finden sich leicht bei den ausländischen Schleppenträgern. Wie sollte man auch auf diesen Punkt beharren und gleichzeitig jenseits der Staatsgrenzen unter anderem die Losung ausgeben können: Aufhebung der leninistischen Spaltung durch Wiederherstellung der Einheit der Arbeiterparteien unter Einbeziehung der Parteien der Mittelklassen? Auf wie schwachen Beinen auch diese Erklärung Moskaus steht, erkennt man an der Haltung seiner zynischsten Anhänger. Wie gewöhnlich kommt der Schlimmste aus Italien. Nenni gab scharfe Verlautbarungen über das ab, was er in seiner Kurzsichtigkeit als neuen Kurs betrachtet: Gerade in seiner Plattheit sagt er die Wahrheit; er ist genauso wenig wie seine Kompagnons imstande, theoretische Skrupel zu zeigen und weiß auch nicht genug, um so zu tun, als hätte er sie.

Mit ein paar Fußtritten stoßen sie den Begriff des Verhältnisses zwischen Partei und Staat um, der in den marxistischen Texten und in der Geschichte des Klassenkampfs schon seit dem „Manifest“ vollständig enthalten ist. Nenni: „Ist der Lenin’sche Begriff der führenden Rolle der Partei im Staat noch gültig?“ „Ist die Partei noch immer das geeignete Instrument“, um das vielgerühmte schöpferische Wirken der Massen zu leiten? „Soll die Partei über dem Staat stehen, wie dies der Fall ist, und soll in der Hierarchie der Parteisekretär über dem Ministerpräsidenten stehen?“ (was für ein Dummzeug!)

Ohne zu zögern folgt die Antwort: Die Partei darf nicht mehr allein an der Spitze stehen, sie muss wie alle anderen Parteien wieder dem parlamentarischen Staat unterstehen. Es kommt noch besser: Nicht genug damit, der demokratischen Wachablösung der Parteien unterworfen zu sein, bedarf es auch der obersten Aufsicht durch einen in roter Robe gehüllten Richterstand.

Dieser in rote Roben gehüllte Blödsinn ist der Gipfel der Lächerlichkeit, neben der Schande, den die peinlichen Vorgänge in Russland auf die Errungenschaften des Proletariats in Bezug auf die Partei, den Staat und die Diktatur häufen – ruhmvolle Errungenschaften, die vor 30 Jahren in leuchtender Kraft erstrahlten und sich heute im Nebel verlieren: es braucht nur ein vierbeiniger Esel mit dem Schwanz zu wedeln.

Lehrbuch der Prinzipien

Aber solche Worte, wie etwa von Nenni, berechtigen nicht zu der Annahme, das ganze ideologische Durcheinander käme nur von der westlichen Seite des eisernen Vorhangs. Das Elend der Theorie liegt in dem vom 20. Parteitag demonstrativ hervorgekehrten Übergang von der persönlichen, auf den Personenkult gestützten Führung Stalins, zur neuen kollektiven Führung, die (allerdings weiß keiner, wodurch...) mit einer neuen kommunistischen Legitimation im Staat und mit innerparteilicher Demokratie ausgestattet ist. Hier steht kein einziges Wort mehr an der richtigen Stelle, und auch, wenn dieser Kampf gegen den Personenkult nicht bloß, wie wir anfangs gezeigt haben, eine widerliche Komödie wäre, würde er trotzdem keinerlei Anlass zur Freude geben.

Was bedeutet denn eigentlich „Personenkult“, und wer hat ihn denn in Russland oder sonst wo herbeigeführt und durchgesetzt? Hat je so eine persönliche Übermacht wirklich existiert? Nichts weiter als ein lyrisches Märchen, nur um den gesunden und starken Begriff der Diktatur zu verleumden und philisterhaft auf den Begriff des autokratischen Diktats zurechtzustutzen. Der Fideist behält den Kult übernatürlichen und außerirdischen Wesen vor und vergöttlicht nicht das Oberhaupt einer Gesellschaft. Der Aufklärer und der kritische Idealist räumen mit der Autorität auf (die eine göttliche Macht auf einen Menschen übertrage, der – selbst wenn er ein guter König ist – eine überholte Institution personifiziere); dabei stellen sie alle Individuen zunächst auf die gleiche Stufe und vergöttlichen allenfalls den „Willen des Volkes“, die zweifelhafte Gestalt des Demos[7]. Der Marxismus (und hier würden die Herren Kongressdelegierte das oben erwähnte historisch-philosophische Handbüchlein brauchen) stützt sich weder auf eine anzuhimmelnde Person noch auf ein Kollektiv als Subjekt der geschichtlichen Entscheidungen, weil er die historischen Verhältnisse und die Ursachen der Geschehnisse aus den Verhältnissen zwischen Dingen und Menschen ableitet, und zwar derart, dass die jeden Einzelnen betreffenden Auswirkungen deutlich in Erscheinung treten, ohne noch auf die persönlichen, individuellen Eigenschaften achten zu müssen.

Da der Marxismus jede „konstitutionelle“ und „juristische“, dem konkreten historischen Verlauf vorausgesetzte Formulierung als Lösung der „sozialen Frage“ zurückweist, gibt er auf keine der falsch gestellten Fragen – liegen alle Entscheidungen bei einer einzelnen Person, bei einen Kollegium von Personen, beim Korpus der Partei, beim Korpus der Klasse? – eine Antwort und auch keiner den Vorzug. Zunächst mal entscheiden keine Personen, sondern großen Menschengruppen gemeinsame Wirtschafts- und Produktionsverhältnisse. Es geht nicht darum, die Geschichte zu lenken, sondern sie zu entziffern, ihre Strömungen aufzudecken; und das einzige Mittel, um an ihrer Dynamik teilzunehmen, besteht darin, auf der theoretischen Höhe der Zeit zu sein – was in den verschiedenen Phasen der Geschichte in sehr unterschiedlichem Maße möglich ist.

Wer entziffert sie also besser, wer erklärt besser ihre Wissenschaft, ihre Anforderungen? Kommt darauf an. Es kann auch ein Einzelner sein, womöglich besser als ein Führungskomitee, die Partei, die Klasse. Die Abstimmung unter „allen Arbeitern“ bringt auch nicht weiter als das törichte „Zählen der Köpfe“ bei allen Staatsbürgern. Der Marxismus bekämpft den Labourismus, den Operaismus, weil er weiß, dass oftmals, gar in den meisten Fällen, nur eine konter-revolutionäre und opportunistische Entscheidung fallen würde. Man kann heute nicht sagen, ob für den Regen oder die Traufe gestimmt würde: für Stalin oder für die Anti-Stalins. Und man kann nur schwerlich ausschließen, dass die zweite Lösung nicht der größere Reinfall wäre. Was die Partei angeht, löst sich ihr historischer Mechanismus – selbst nach einer Wahl auch durch jene, die das „Fundament“ ihres Programms aus prinzipiellen Gründen negieren – nicht durch das Motto: „Die Basis hat immer Recht“ auf. Die Partei ist ein real historisches und unteilbares Ganzes, nicht eine Kolonie von Menschenmikroben. An Stelle der, wie es heißt, Lenin’schen Formel des „demokratischen Zentralismus“ hat die kommunistische Linke von jeher vorgeschlagen, die des organischen Zentralismus zu setzen. Und was schließlich die Komitees betrifft, so gibt es zahlreiche Fälle in der Geschichte, die der kollektiven Führung Unrecht geben: Wir wollen hier nicht noch einmal auf das Verhältnis zwischen Lenin und der Partei bzw. dem Zentralkomitee im April und Oktober 1917 eingehen.[8]

Der beste Dedektor der revolutionären Einflüsse im historischen Kräftefeld kann – bei gegebenen Gesellschafts- und Produktionsverhältnissen – die Masse, die Volksmenge, ein Komitee, ein einzelner Mensch sein. Das diskriminierende Element liegt anderswo.

Kleines elementares Schema

Dass wir Schematiker sind, weiß man. Es lässt sich auch an den Thesen ablesen, die die Linke zu Zeiten der III. Internationale vorlegte und auf den Weltkongressen und italienischen Parteitagen verteidigte. Es gab auch gesunde Parteirevolten gegen die Zentralkomitees, wie auf der illegalen Konferenz der Kommunistischen Partei Italiens 1924 in den Alpen, als seit über einem Jahr die Zentristen die Führung innehatten: Nicht nur die große Mehrheit der Parteimitglieder, sondern sogar die des zentralen Apparats stimmte damals für die Linksopposition. Kein Mensch wunderte sich darüber, und das Komitee „stürzte“ deswegen nicht. Gestürzt ist es in ganz anderer Hinsicht: Es hat noch immer das Kommando – damals mit und heute ohne Stalin.

Die Frage der Aktion und was sie leitet (?), kann also in drei Hauptphasen gegliedert werden.

Erstes Stadium: Auftreten einer neuen Produktionsweise, wie die der kapitalistischen, industriellen. Politische Revolution, wodurch die Klasse, die in diesem System die Kontrolle über die Produktionsmittel hat, an die Macht gelangt und ihren Staat gründet. Auftreten der Klasse, die in dieser neuen Gesellschaftsform ihre Arbeitskraft gibt, ohne an der gesellschaftlichen Lenkung teilzuhaben: das Proletariat. Für Marx liegt der Begriff der Klasse indes nicht in dieser beschreibenden Feststellung, sondern im gemeinsamen Handeln, das durch die gemeinsamen Arbeits- und Lebensbedingungen bestimmt wird und zunächst von niemandem gewollt oder beschlossen wurde. Herausbildung eines neuen theoretischen Programms der Gesellschaft, das sich der apologetischen Theorie der herrschenden Klasse entgegenstellt. Erst ab jetzt (wobei es natürlich unendlich viele Verwicklungen, Fortschritte und Rückschläge gibt) haben wir die „Organisation der Proletarier zur politischen Partei“, erst von diesem Moment an eine historische Klasse. Die geschichtlichen Bedingungen für das Wirken einer neuen Klasse sind daher: Theorie – politische Organisation der Klasse.

Zweites Stadium: Unter diesen Bedingungen führt die neue Klasse den Kampf, um die Macht der anderen Klasse zu brechen. In unserem Fall: Das Proletariat erhebt sich zur herrschenden Klasse. Zerstörung des alten Staats. Neuer Staat. Klassendiktatur, deren Subjekt die Partei ist. Terror (auch die bürgerliche Revolution wies, wie alle Revolutionen, diese Phasen auf).

Drittes Stadium: Übergangsstufe im historischen Sinne, d.h. langwierig und komplex. Unter der Diktatur der Partei werden sukzessive die von der alten Klasse bis dahin geschützten Produktionsverhältnisse zerstört, die den neuen Produktivkräften den Weg versperrten. Ideologische Einflüsse aller Art und in jeglicher Kostümierung, denen die proletarische Klasse unterworfen war, werden nach und nach ausgemerzt. Nach der Revolution des modernen Proletariats verschwinden die Klassen, zuvor aber kämpfen sie weiter, diesmal jedoch unter umgekehrtem Vorzeichen. Gleichzeitig mit ihnen verschwindet auch der staatliche Gewaltapparat.

All dies scheint überflüssig zu wiederholen. Wir haben einen Augenblick lang alle weißen und schwarzen Figuren auf ihren Platz gestellt, um die alte Frage zu stellen: Wo werden wir das Bewusstsein, den Willen, die „Führung“ der Aktion hernehmen? Oder, wenn man lieber will, die Autorität? Wir haben keine Figur auf dem Schachbrett weggelassen.

Beim Zitieren Lenins hat das Zentralkomitee des 20. Parteitags einen prächtigen Passus nicht bemerkt, der auf etwas ganz anderes hinweist, als auf das... Zentralkomitee.

„Die Arbeiterklasse, die in der ganzen Welt einen schweren und hartnäckigen Kampf für die volle Befreiung führt, braucht Autoritäten, aber selbstverständlich nur in dem Sinne, in dem junge Arbeiter der Erfahrung alter Kämpfer gegen die Unterdrückung und Ausbeutung bedürfen, der Kämpfer, die in vielen Streiks gestanden und an einer Reihe Revolutionen teilgenommen haben, die sich die revolutionären Traditionen angeeignet und einen breiten politischen Gesichtskreis erworben haben. Die Autorität des internationalen Kampfes des Proletariats brauchen die Proletarier eines jeden Landes. (...) Der Kollektivgeist der fortgeschrittenen, klassenbewussten Arbeiter jedes einzelnen Landes, die unmittelbar den Kampf führen, wird stets die größte Autorität in allen diesen Fragen sein“ [LW 11, S. 414].

Im Mittelpunkt dieses Passus’ stehen die Begriffe von Zeit und Raum im weitesten Sinn: historische Tradition des Kampfes und sein weltweiter Wirkungskreis. Wir fügen der Tradition die Zukunft hinzu, das Programm des Kampfs von Morgen. Wie wird sich dieser Kollektivgeist, dem wir die höchste Macht in der Partei zuerkennen, aus allen Erdteilen und über die Zeiten hinaus bilden? Er besteht aus den Lebenden und den Toten, ebenso wie aus den noch nicht Geborenen: Wir haben die Formulierung nicht etwa „erschaffen“: Man findet sie im Marxismus, bei Lenin.

Wer will nun noch von der Macht oder Autorität faseln, die einem Chef, einem Führungskomitee, einem Rat von irgendwelchen Gruppen in irgendwelchen Gebieten zukomme? Uns ist jede Entscheidung recht, solange sie auf der Linie jenes breiten, weltweiten Gesichtskreises liegt. Und dieser kann sich zwei Augen, ebenso gut wie Millionen Augen erschließen.

Marx und Engels stellten diese Theorie auf, als sie (gegen die Anarchisten) erklärten, in welchem Sinne die Prozesse der Klassenrevolutionen autoritär sind, wobei das Individuum als quantité negligeable[9] mit seinen Schrullen von Autonomie nicht mehr existent ist, ohne deshalb einem Chef, einem Helden oder einem System veralteter Hierarchien untergeordnet zu sein.

Das ist etwas völlig anderes als die falsche und erbärmliche Geschichte von den grausamen und verhängnisvollen Befehlen Stalins und der Ehrfurcht ihm gegenüber; Faktoren, die nach dem Glauben der Einfaltspinsel Jahrzehnte der Geschichte bestimmt hätten.

Sinn des Determinismus

Für den Determinismus sind Bewusstsein und Wille des Individuums keine wirkenden Faktoren. Dessen Handeln ist durch seine Bedürfnisse und Interessen bestimmt, und es hat keine Bedeutung, von welchem Antrieb das Individuum – nachträglich – glaubt, es habe seinen Willen geweckt – einen Willen, dessen es sich erst mit Verspätung bewusst wird. Dies gilt für die „da unten“ wie für die „da oben“, für die Armen wie für die Reichen, die Gedemütigten wie die Mächtigen. Wir Marxisten sehen die Person daher als sekundär an, erst recht die „Persönlichkeit“, diese armselige Marionette der Geschichte. Je bekannter sie ist, an desto mehr Fäden hängt sie. In unserem großartigen Spiel ist sie nicht vorgesehen, nicht einmal als bescheidener Bauer. Aber auf dem Schachbrett gibt es doch einen König? Sicherlich, doch seine Rolle besteht bloß darin, matt gesetzt zu werden.

Innerhalb der Klasse schafft die Gleichförmigkeit, der Parallelismus von Lebensumständen eine historische Kraft, eine Ursache historischer Entwicklung. Aber auch hier geht die Aktion dem Willen voraus, und auch dem Klassenbewusstsein.

Die Klasse wird Subjekt des Bewusstseins (über die programmatischen Ziele), sobald sich die Lehre, die Partei herausgebildet haben. Der engste, als homogenes Organ gebildete Kreis – die Partei – beginnt das Subjekt zu werden, das die historische Bahn, ihre Möglichkeiten und Wege deuten kann. Nicht immer, sondern nur in bestimmten seltenen Situationen, bei voller Reife der Gegensätze im produktiven Unterbau, gestehen wir dem Subjekt „Partei“ außer der Wissenschaft, der Theorie, auch den Willen zu, und zwar in dem Sinne, zwischen verschiedenen, auf den Verlauf der Ereignisse einwirkende Handlungen wählen zu können. Zum ersten Mal zeigt sich die Freiheit, und nicht die „Würde“ der Person. Die Klasse hat eine geschichtliche Führung, insofern sich die sie in Bewegung setzenden materiellen Faktoren in der Partei verdichten und insofern diese wiederum eine in sich geschlossene und unwandelbare Theorie besitzt, eine weltweite und beständige Organisation, die sich nicht bei jedem Wendepunkt durch Angliederungen und Spaltungen neu zusammen- oder zersetzt: Diese sind allerdings das Fieber, womit ein solcher Organismus auf seine pathologischen Krisen reagiert.

Wo sind die „Garantien“?

Nun, wo soll man also die Garantien gegen den Niedergang der Bewegung, gegen die Degenerierung der Partei finden? Bei einem Menschen? Kaum. Er ist sterblich, von Feinden verwundbar. Auch wenn man glaubt, jemand sei einzigartig, ist der Einzelne doch immer eine schlechte und zerbrechliche Garantie.

Sollen wir jedoch, nachdem es keinen, alles nach eigenem Gutdünken leitenden Chef mehr gibt, die große Prahlerei ernst nehmen, wonach man die Garantie in der kollektiven Führung gefunden habe? All das muss man nicht ernst nehmen. In Russland ist alles verloren und nichts mehr zu retten. Immerhin zeigte die Degenerierung unter Stalin weniger schlimme Seiten als die, die heute, wo man doch Abstand von ihm nimmt, zutage treten – während seine Fehler nicht erkannt werden und auch nicht wirklich erkannt werden können.

Unsere Garantien sind einfach und allen bekannt.

1.) Theorie: Wie schon gesagt, entsteht sie nicht in irgendeiner Phase der Geschichte, noch wartet sie auf die Ankunft des „großen Mannes“, des Genies. Sie kann nur an bestimmten Wendepunkten geboren werden: Von ihren „Personalien“ ist das Geburtsdatum bekannt, aber nicht die Vaterschaft. Unsere Theorie musste nach 1830 auf der Grundlage der englischen Ökonomie entstehen. Selbst wenn man zugesteht, vollständige Wahrheit und Wissenschaft seien vergebliche Ziele und man könne nur im Kampf gegen das Ausmaß des Irrtums fortschreiten, so ist unsere Theorie doch insofern eine Garantie, als an ihren ein geschlossenes System bildenden Richtlinien festgehalten wird. In ihrem historischen Verlauf gibt es nur die Alternative: entweder wird die Theorie zur Wirklichkeit oder sie verschwindet. Die Theorie der Partei ist ein System von Gesetzen, die die Geschichte und ihren vergangenen wie zukünftigen Lauf bestimmen. Die Garantie gebietet daher: Keiner hat das Recht, die Theorie zu revidieren und genauso wenig, sie zu bereichern. Keinerlei Schöpfung.

2.) Organisation: Sie muss in der Geschichte eine Kontinuität aufweisen, der Theorie treu bleiben und den Faden der Kampferfahrungen knüpfen. Nur wenn dies in weiten Räumen und über lange Zeitspannen hindurch der Fall ist, kommen die großen Siege. Die Garantie gegenüber dem Parteizentrum besteht darin, ihm keinerlei Recht zur „Schöpfung“ zuzugestehen; seine Anweisungen sind nur bindend, soweit sich diese innerhalb der genau abgesteckten Grenzen der Doktrin, der historischen Perspektive der Bewegung einordnen – Grenzen, die für lange Zeiträume und das ganze Erdrund festgelegt sind. Die Garantie besteht darin, dass jede Ausnutzung „besonderer“ lokaler oder nationaler Situationen, unerwarteter Ereignisse, besonderer Umstände, untersagt ist. Entweder ist es historisch möglich, allgemeine Analogien zwischen weit auseinander liegenden Räumen und Zeiten festzulegen, oder es ist müßig, von einer revolutionären Partei zu sprechen, die für eine zukünftige Gesellschaftsform kämpft. Wie wir immer dargelegt haben, gibt es große geschichtliche und „geographische“ Abschnitte, welche die Aktion der Partei wesentlich modifizieren – aber auf halbe Kontinente und Jahrhunderte erstreckt; keine Parteiführung kann derartige Wenden von einem zum andern Jahr verkünden. Wir besitzen den durch tausend Erfahrungen bestätigten Lehrsatz: Verkünder eines „neuen Kurses“ gleich Verräter.

Die Garantie gegenüber der Basis und der Masse besteht in der homogenen und zentral geführten Aktion, der berühmten „Disziplin“, die dann erreicht wird, wenn die Führung eng an diese theoretischen und praktischen Regeln gebunden und es den lokalen Gruppen verboten ist, auf eigene Faust autonome Programme, Perspektiven und Bewegungen zu „schaffen“.

Diese dialektische Beziehung zwischen der Basis und dem Gipfel der Pyramide (vor dreißig Jahren in Moskau verlangten wir, sie umzukehren)[10] ist der Schlüssel, der ausschließlich der – unpersönlichen wie einzigartigen – Partei die Fähigkeit sichert, die Geschichte zu entziffern, ihr die Möglichkeit gibt, in sie einzugreifen und zu signalisieren, dass eine solche Möglichkeit entstanden ist. Von Stalin bis zum Zentralkomitee derSub-Stalinisten“: nichts ist umgekehrt worden.

3.) Taktik: Der Mechanismus der Partei verbietet jede strategische „Schöpfung“. Der Aktionsplan ist jedem bekannt und öffentlich, darin sind die genauen strategischen Grenzen, d.h. die historischen und räumlichen Bewegungsfelder, abgesteckt. Ein gutes Beispiel: Seit 1871 unterstützt die Partei in Europa keinen Krieg mehr zwischen Staaten. Seit 1919 nimmt die Partei, in Europa, nicht mehr an Wahlen teil (genauer: Sie hätte es nicht mehr tun sollen). Dagegen unterstützt sie in Asien und im Orient bis heute die revolutionären demokratischen und nationalen Bewegungen und das Kampfbündnis des Proletariats mit anderen Klassen, sogar mit der lokalen Bourgeoisie. Wir führen diese krassen Beispiele an, um dem Einwand zu begegnen, das Schema sei unabhängig von Zeit und Raum starr und immer ein- und dasselbe, und um auf die allseits bekannte Anschuldigung zu antworten, nach der sich unser ganz und gar materialistisch-historisches Bauwerk von unbeweglichen, ethischen, ästhetischen oder gar mystischen Postulaten ableite. Die Diktatur der Klasse und Partei entartet nicht, wie verleumdet wird, zu oligarchischen Formen, unter der Bedingung, dass sie offenkundig und für jeden sichtbar mit dem vorausgesehenen weiten Bogen der geschichtlichen Perspektive verbunden ist, ohne sie dabei scheinheilig der Obhut von Mehrheitsbeschlüssen unterzuordnen – zu bewähren hat sie sich einzig in der Kraftprobe mit dem Feind. Die marxistische Partei schreckt weder vor den radikalen Schlussfolgerungen ihrer materialistischen Lehre zurück noch lässt sie sich durch sentimentale oder ästhetische Gesichtspunkte davon abhalten, sie zu ziehen.

Als Negation aller sozialen Merkmale der heutigen Gesellschaft muss das Programm in klaren Konturen die sozialen Merkmale der zukünftigen Gesellschaft enthalten, den erklärten Ankunftspunkt für alle Zeiten und Räume. Die gegenwärtige Gesellschaft zu beschreiben, ist nur ein Teil der revolutionären Aufgabe. Über sie zu jammern oder sie zu diffamieren, ist nicht unsere Sache. Ebenso wenig die zukünftige Gesellschaft an ihren Rändern und in ihren Nischen aufzubauen. Denn der erbarmungslose Bruch der gegenwärtigen Produktionsverhältnisse muss nach einem klaren Programm erfolgen, das wissenschaftlich voraussieht, wie auf diesen Trümmern die neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation entstehen – Formen, die der Parteilehre genau bekannt sind.

Schlechtigkeit des Menschen?

Man kann nicht abstreiten, dass in Zukunft entstehende revolutionäre proletarische Parteien weitere Involutionen, Krisen und Degenerierungen durchzumachen haben, und es wird nie ein Rezept geben, um dies auszuschließen.

Nachdem alle Garantien (wir haben dieses Wort benutzt, um den gewöhnlichen polemischen Aufforderungen nachzukommen) noch einmal genannt wurden und nachdem sie in nicht naher Zukunft wieder errichtet sein werden, ist zu erwarten, dass der Großteil jener von der anderen Seite, und viele derer, die sich auf unserer Seite wähnen, unter Kopfschütteln herausplatzen werden: „Zwecklos! Keine Maßnahme kann der Machtgier des Menschen einen Riegel vorschieben. In jeder Situation, immer und überall, werden Staat, Partei und Organisation die Privilegien der obersten Hierarchie bewahren, die sich an den Reichtum, den Wohlstand, an die Befriedigung unersättlicher Eitelkeit klammert. Der Mensch ist eben ein Schurke. Er sucht nur sein Vergnügen und die Herrschaft über andere und schert sich nicht um seinesgleichen, ihre Körper, ihren Hunger.“

Darauf muss man nicht weiter eingehen. Wenn man dies glaubt, wenn dies auch nur im Entferntesten wahr wäre, wenn der Mensch potentiell nicht genauso gut wie seine so verleumdete Mutter „Tier“ wäre, und wenn der Schurke eben nicht gerade die gesellschaftliche Ordnung wäre, die dialektisch aus einer Reihe unvermeidbarer und daher nützlicher historischer Phasen von Schurkereien entsteht, dann könnten wir unsere Siebensachen packen: Mit Marx, Engels und Lenin wären wir allesamt gescheitert und unsere berühmte oder unbekannte Literatur könnte ins Feuer geworfen werden.

Leichte Erfolge werden diejenigen erzielen, die der Welt die neue Legende als Kriminalstory vorsetzen: „Die Irrtümer Stalins waren vermeidbar; er hätte nur nicht so hart und grausam sein müssen“. Die Geschichte des steinigen Weges der kommunistischen Revolution wird jedoch schreiben, dass dies die schäbigste Art ist, in der bis anhin auf die Bildnisse von Marx und Lenin gespuckt wurde: Bildnisse, die genauso verlogener- wie blödsinnigerweise noch immer an den Wänden des Triviums[11] hängen, in denen auch schon der alte Glaube verkauft wurde.

An die großartige Gestalt Lenins wollen diese Leute den Schwindel knüpfen, mit dem sie hoffen, auch weiterhin durchzukommen, nämlich dass es richtig sei (und Lenin selbst habe es ja als erster getan), von der festen Linie der Doktrin abzuweichen, damit sie neu geschöpft und bereichert werden kann,. Doch erst, wenn der Betrug durchschaut worden ist, wird die Bewegung wirklich von der Sandbank des Personenkults loskommen, wie auch vom noch schlimmeren Kult bzw. der Hofierung der Volksmenge, der Masse.

Ein alter Marxist, der seit vielen Jahrzehnten über dem großen Werk Lenins, seinen lebendigen Worten und Wirken arbeitet, beweist, dies gründlich getan zu haben dadurch, dass er den falschen Lenin-Mythos von der Legende befreit, Lenin habe die gemeinsame Lehre neu geschaffen und bereichert – ausgerechnet er, der bis zum letzten Atemzug wie ein Löwe jede Zeile verteidigte.

Aber wenn er dann hört, dass eine solche Aufgabe der Bereicherung, die wir den Giganten der russischen Revolution und auch dem nicht gerade pygmäenhaften J. Stalin verwehrten, nun von den heutigen Zwergen übernommen wird (die allen Ernstes glauben, die Theorie neu schaffen zu können), von diesen Kindern eines verwesenden Zeitalters, in dem Theorie, Wissenschaft und Kunst dem Verfall preisgegeben sind und auf kein solches Echo mehr stoßen können wie das, das in den fruchtbaren Epochen der Geschichte millionenfach widerhallte, zuletzt in der Epoche des russischen und weltweiten Epos des Oktober 1917, wie davor in der Renaissance und den bürgerlichen Freiheitskämpfen (die wir vor einem Jahrhundert überwunden haben) …, wenn er das hört, dann entfallen den Händen des schlichten Genossen einer unantastbaren Lehre die dialektischen Waffen; und in wenig heroischer Weise muss er sie niederlegen und sich den Bauch halten, um sich nicht in die Hose zu pinkeln.

Etwas frische Luft

Klar, dass die „Provokateure“ auf dem verlockenden Gebiet der „Philosophie“ leichtes Spiel hatten; aber so einfach aber werden sie die hohen Dämme nicht niederreißen können, die wir gegen ihre Manie aufwarfen, dem auf der Moskauer Bühne aufgeführten Drama die Namen von Personen beizulegen, und sich die Lösung der heutigen Fragen von der üblichen, albernen und ängstlichen Suche nach demjenigen zu versprechen, der morgen an den Machthebeln sitzen wird. Wir haben diesem Drama einen grundsätzlich anderen Sinn gegeben.

Kehren wir wieder, um diesen Teil abzuschließen, auf unseren festen Boden zurück: Die physische Natur des Ökonomischen, der physische Kampf der materiellen Klasseninteressen, auf dessen Kulminationspunkt unsere Schule den Schlüssel fand, um die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft zu entziffern. Und dieser historische Bogenschlag ließ uns die Vision der Menschengattung erobern – ein Bild, das man sehen kann, wenn man nicht mit Blindheit geschlagen ist.

Die kolossale Konstruktion der Wettbewerbs„theorie“, dergemäß die Produktionsrate des russischen Systems die Wachstumsrate des heutigen westlichen kapitalistischen Systems schlagen und nach einer gewissen Zeit im absoluten Sinne überholen wird – wobei die Entscheidung über das Schicksal der Welt dem platonischen Ausgang dieses Vergleichs überlassen wird –, schmückt sich mit einer blödsinnigen These: Eine solch hohe Wachstumsrate trete zum ersten Mal in der Weltgeschichte auf, und ihre Indexziffern würden das Aufkommen eines neuen Prinzips anstelle der alten Prinzipien bezeugen.

Diese ungeheure Mystifizierung liegt ganz auf der Linie der Verteidigung und Erhaltung des kapitalistischen Systems, das man doch angeblich zerstören will. Wie sonst sollte man erklären, dass den ungeschöntesten westlichen Publikationen eifrig beigepflichtet wird?

In Amerika gibt es ein „Research Institute, Inc., of New York“ (Forschungsinstitut), das einen Sonderbericht an „30.000 Firmen“ (größtenteils Industriegruppen) herausgegeben hat, die von diesem Institut in Sachen Ökonomie, Gesetzgebung, Betriebsführung (Management), „Industry and Human Relations“, Verkaufstechnik und Markteroberung (Sales and Marketing) beraten werden. Der Titel ist beeindruckend: The toughest challenge, was man mit: die härteste Herausforderung übersetzen kann.

Dem Bericht wird eine bezeichnende Erklärung vorausgeschickt: Diese Untersuchung befasst sich mit Fakten, ohne dieser oder jener ökonomischen Schule oder Regierungspolitik den Vorzug zu geben.

Das gesamte Material, das wir hier von ganz anderer Seite aus studiert haben, stellt der Bericht als höchst ernstzunehmende und fundierte Angelegenheit dar, und die von Chruschtschow und Bulganin angeführten Zahlen werden mit Respekt und großem Eifer ausgewertet. Diese Kapitalismus-Experten räumen schließlich ein, dass auch das sowjetische System die Siegespalme davontragen könne; sie rufen nicht nach Vergeltungsmaßnahmen oder Krieg, studieren nur gründlich die Kapazitäten der Firmen, massenhafte Waffenaufträge zu erfüllen, und raten dazu, die Einladung zum „Marketing“ mit den gefürchteten Roten offen anzunehmen. Auch sie machen sich daran, anhand der Datenangaben in den bekannten Plänen auszurechnen, binnen wie vieler Jahre die UdSSR den westlichen Produktionsindex Pro-Kopf und Menge überflügelt haben könnte. Ebenso wenig wie sie die wunden Punkte des östlichen Systems, besonders in der Landwirtschaft, verschweigen, übergehen sie die des Westens. Sie bewerten den Verlauf des wirtschaftlichen Tempos, die mögliche Krise und stellen sich entschieden auf die Ebene der „Entspannung“.

Die Berater des Großkapitalismus empfehlen also, die Einladung zum Wettbewerb – aufgrund des Parallelismus der zwei Systeme – anzunehmen; die beiden Imperialismen können noch so manche Beute teilen, bevor es zum Kampf kommt.

In dieser nicht gering zu schätzenden Studie ist uns eines aufgefallen, nämlich die Übereinstimmung der Perspektive mit der unsrigen (zwanzig Jahre Frieden). Aufgrund der Berechnungen des Volumens der in den zwei Lagern zur Verfügung stehenden Rohstoffe und der Gesamtgröße der zu industrialisierenden unterentwickelten Gebiete der Welt, scheint ihnen die doppelte kapitalistische Akkumulation für die nächsten zwanzig Jahre gesichert zu sein. Wird 1975 die Waage zugunsten des Krieges oder der Revolution ausschlagen? Jedenfalls wird bis dahin entschieden worden sein, welche Theorie Recht behält, ob nämlich der Wirtschaft die Luft ausgehen oder ob sie steigenden Wohlstand fabrizieren wird. Zwei progressive Gegner machen sich startbereit für die „challenge“: theoretisch kämpfen sie Seite an Seite.

Marktexperten

Gegen Entgelt bieten die Ökonomen und Institute beiden Seiten ihre Dienste an. Wir glauben kaum, dass das „Research“ seine Rechnung auch nach Moskau schickt, was indes sicherlich jene Autoren tun, mit deren Kommentaren die „Unità“ vom 12.4.56 die inzwischen langweilig gewordenen Zahlenkolonnen aufpeppt. Die französische Zeitschrift „La Nef“, der diese Angaben entnommen sind, hat einen dubiosen Verleger: aber das ist nicht wichtig. Die kolossale ökonomisch-wissenschaftliche Lüge steht in der Fußnote der Tabelle, in der eine jährliche Wachstumsrate der Industrieproduktion und des russischen Nationaleinkommens von 10% und mehr angegeben wird, also das Dreifache der angegebenen und unsererseits akzeptierten amerikanischen Rate. „Noch nie in der Geschichte der kapitalistischen Wirtschaft wurden solche Wachstumsraten erreicht.“ Nach Meinung dieser Experten haben die bürgerlichen Ökonomen die Partie schon verloren: Ihre einzige Chance läge darin nachzuweisen, dass die russischen Zahlen falsch und die Wachstumsraten niedriger sind.

Wenn dieses Lumpenpack, das ein derartiges Material zusammenstellt und verbreitet, jemals auch nur zufällig den 1. Band des „Kapitals“ aufgeschlagen hätte, dann wüsste es zwei Dinge.

Erstens: Genau das gleiche hat in der Geschichte aller kapitalistischen Ökonomien stattgefunden.

Zweitens: Als dies erstmalig der Fall war, haben wir daraus gefolgert, dass die kapitalistische Wirtschaft dazu bestimmt ist, gesprengt zu werden; und der proletarische Marxismus hat ihr einen Kampf auf Leben und Tod angesagt.

Die I. Internationale

Gibt es Marxisten-Leninisten, die die von Marx geschriebene „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“ nicht kennen? Die historische Versammlung fand am 28. September 1864 in der Martin’s Hall in London statt. Die Schrift beginnt folgendermaßen:

„Es ist Tatsache, dass das Elend der arbeitenden Massen nicht abgenommen hat während der Periode 1848-1864, und dennoch steht diese Periode mit ihrem Fortschritt von Industrie und Handel beispiellos da in den Annalen der Geschichte. Im Jahre 1850 weissagte eins der bestunterrichteten Organe der englischen Mittelklasse: Steigt Englands Ein- und Ausfuhr um 50%, so fällt der englische Pauperismus auf Null. Nun wohl! Am 17. April 1864 hat der Schatzkanzler Gladstone seine parlamentarische Audienz durch den Nachweis entzückt, dass Großbritanniens Gesamtaus- und -einfuhr 1863 nicht weniger als 443.955.000 Pfd. St. betrug! ‘Eine erstaunliche Summe, ungefähr dreimal so groß als die Summe des britischen Gesamthandels in der kaum verschwundenen Epoche von 1843!’ Trotz alledem war er beredt über ‘Armut’“ [MEW 16, S. 5].

Soweit erstmal. Eine dreifache Erhöhung in zwanzig Jahren ergibt mit der üblichen Rechenmethode einen Jahresdurchschnitt von 5,7% – wenn man sich nicht den Spaß macht, wie es dem Herrn Hofrat Varga heute manchmal beliebt, 200 durch 20 zu teilen, wodurch man 10% erhält.

Dies ist noch nicht der höchste Index, aber er zeigt zur Genüge, wie schnell der Kapitalismus losmarschiert, so schnell wie der russische heute, und dass er nachher zwangsläufig müder wird.

Die Berater der „Unità“ spielen ein müßiges Spiel, wenn sie die Wachstumsraten der kapitalistischen Länder seit 1870 angeben. Selbst sie können nicht verhehlen, dass während gewisser Perioden, die sie „zyklischen Aufschwung“ nennen, eine jährliche Erhöhung von ungefähr 8% (wie noch vor kurzem geschehen) realisiert wird: So wie in Großbritannien zwischen 1946-50 (Nachkriegsperiode); in Japan zwischen 1907-1913, nach dem Krieg gegen Russland (heute hat Japan, nicht mehr Sieger sondern Besiegter, eine noch höhere Wachstumsrate und übertrifft damit Russland); und in den Vereinigten Staaten zwischen 1880-1885. Und – sieh mal einer an! – in Russland zwischen 1890-1900 unter dem Regime des... Zaren!

Was bringt es festzustellen, in späteren Perioden und „auf lange Sicht“ weise der Kapitalismus eine Rate von 3 bis 5% auf? Auch Russland wird dahin kommen, wenn sich in 20 Jahren seine Pro-Kopf-Produktion der Amerikas, Englands und Deutschlands annähert... vorbehaltlich besonderer Störungen. Dann hat der Wettstreit ausgedient.

Hiermit strafen wir den Teil der Unità-Aufstellung Lügen, der sich auf Länder „im Anfangsstadium der Industrieentwicklung“ beziehen will, aber dann Russland, Schweden, die Vereinigten Staaten und Deutschland, für die Periode von 1855-1913 (!), zusammenwirft und... 5% herausfindet.

Englands industrielle Revolution

Die Parallele, den Frühkapitalismus betreffend, zwischen dem heutigen Russland und damaligen England führt uns wieder auf die außerordentliche Periode von 1830-1860 zurück, in der Großbritannien nahezu das erste und einzige Land war, das die restliche Welt mit Produkten seiner mechanisierten Industrie überschüttete. Das kontinentale Europa war für England das, was das riesige Asien heute für die UdSSR ist. Die politische Revolution gegen den Feudalismus hatte sich im vorhergehenden Jahrhundert ereignet; es folgten Perioden großer Kriege; die darauf folgende internationale Krise von 1848 wurde überwunden. Die Analogien springen ins Auge: Der Revolutionär sucht die Konstanten im Gang der Geschichte, die ihm bestätigen (umso deutlicher, wenn ganze Jahrhunderte dazwischenliegen), dass die Geschichte aufgrund der gleichförmigen Wenden im ökonomischen Unterbau in ebenfalls gleichförmigen allgemeinen Entwicklungslinien gefasst werden kann. Der Opportunist dagegen sucht die Nichtübereinstimmungen, die für seine Abweichungen bürgen sollen; mit ihm freut sich der Konservative, sobald er die Grundlage der Prevision geschwächt glaubt, die nach der Blütezeit des Industrialismus eine neue, mächtige gesellschaftliche Umwälzung voraussagt.

Marx war es gewohnt, die Wachstumsrhythmen und -raten zu verfolgen. Bleiben wir bei den Außenhandelsdaten, als sicherem Parameter der sich verbreitenden Industrialisierung. Marx behandelt diese Frage im 1. Band des „Kapitals“, im 5. Abschnitt des XXIII. Kapitels: „Illustration des allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation: a) England von 1846-1866“ [MEW 23, S. 677-83]. Was wollt ihr noch?

Auf Seite 680 liest man, dass der Gesamtexport und Import 268 Millionen Pfd. St. für das Jahr 1854 und 490 Millionen Pfd. St. für das Jahr 1865 betrug. Die übliche kleine Rechnung zeigt, dass von 1854 bis 1865 die Jahresdurchschnittsrate bei 6,2% lag. Wenn wir uns nun den Export vornehmen, haben wir Wachstumsraten... wie in Russland. Von 1849 bis 1856: Anstieg von 63 auf 116 Millionen Pfd. St.: Rate 9,1%. Von 1865 bis 1866 gab es eine gewaltigen Sprung: 13,9% in einem einzigen Jahr (von 166 auf 189 Millionen Pfd. St.). Hierzu bemerkt Engels in einer Fußnote: „Es war dies das Vorspiel der Krise, die gleich darauf hereinbrach.“ Wir wissen, dass die vorhergehende Krise von 1856 datiert und die davor aus dem Jahre 1846. Die Zahlen bestätigen ihn: Die Wachstumsraten schwanken, sinken aber auf die gesamte Periode bezogen nicht ab.

Fragen wir uns jetzt, was in der Zwischenzeit mit der Tabelle passiert ist. 1953 machte der gesamte englische Handel 5,925 Milliarden Pfd. St. aus. Seit den Zeiten Gladstones, seit 1863, ist er um das 13-fache und mehr gestiegen. Das kapitalistische System hatte noch reichlich Beute zu machen! Die durchschnittliche Zuwachsrate aber, und um diese geht es, ist die des reifen Kapitalismus: drei Prozent.

Auf der gleichen Seite führt Marx außerdem die Zahlen der Kohle- und Roheisenproduktion und die Länge der Eisenbahnlinien an. Es wäre zu langwierig, die für die Zeit zwischen 1855 und 1864 angeführten Zahlen wiederzugeben: Die Wachstumsraten liegen jedenfalls zwischen 4 und 5%.

Marx bestimmt dann die derselben Periode angehörenden Gesamt- und Jahresraten (mit der richtigen Methode, versteht sich) des Einkommenszuwachses verschiedener Industrien: Häuser 3,5%, Steinbrüche 7,7%, Minen 6,3%, Eisenhütten 3,6%, Fischerei 5,2%, Gaswerke 11,5%, Eisenbahnen 7,6%. Das sind Wunder – aber nicht des „Sozialismus“!

Dann hebt er hervor, dass die Einkommenssteigerungen (Einkommen laut Einkommenssteuererklärung, daher immer niedriger als in Wirklichkeit) zwischen 1861 und 1864 jährlich 9,3% betrugen.

Marx gibt hier jedoch nicht die Zahlen der Anfangsperiode an (ab 1830 – eher noch früher), die in seinem genauso wie in Engels’ Werk eingehend erörtert werden. Die Zahlen findet man aber in allen Geschichtsbüchern, so zum Beispiel, um nicht allzu lange zu suchen, bei dem alten Marxisten Barbagallo. Wir geben hier einige wieder. Baumwolle 1796-1800: 11,2%. Wolle 1829-1830: 11,5%. Maschinenexport 1855-1865: 8,5%. Und so weiter.

Die anderen kapitalistischen Länder

Das Phänomen, das sich ein Jahrhundert später allein in Russland gezeigt haben soll, ist jedoch verallgemeinerbar. Die in der expandierenden Wollindustrie der USA investierten Kapitalien stiegen mit einer jährlichen Zuwachsrate von 31 Prozent (wer die Technik, die internationale Herrin der bürgerlichen Epoche, von anderen übernimmt, erzielt eine höhere Rate als seine Vorgänger). Zwischen 1835 und 1850 stieg die Kohleförderung von einer halben Million Tonnen auf 6,266 Millionen, also um das 12,5-fache in 15 Jahren, Wachstumsrate 18 Prozent. Und wenn wir auf die armseligen 365 Tonnen des Jahres 1820 zurückblicken, würden wir eine verblüffende Zuwachsrate finden: knapp 1400-mal mehr in 15 Jahren. Und heute? 465 Millionen Tonnen: mehr als eine Million Mal soviel. Im Mittel, über 140 Jahre gerechnet, reduziert sich das Ganze auf 10%. Habt ihr den Trick Moskaus durchschaut? Ausgangspunkt seiner Statistik sind die Jahre der gerade neu-entstehenden Industrie.

Frankreich: In den 30 Jahren von 1830-60 steigt die Gusseisenproduktion um das 8-fache: jährlich 7%. Die Pferdestärken der Dampfmaschinen erhöhen sich um das 58-fache: Zuwachsrate 14,5%.

Deutschland: Nehmen wir hier einen größeren Zeitabschnitt. Von 1871 bis 1913 steigt die Kohleproduktion um das 7,5-fache: Wachstumstempo in dieser langen Periode: knapp 5%. Wenn wir höhere Zahlen haben wollen, brauchen wir zeitlich nur zurückzugehen: Die Zuckerproduktion lag 1831 in Preußen bei ungefähr 1000 t, 1843 ca. 9000 t. Neunmal soviel in 12 Jahren ergibt eine Wachstumsrate von 20%.

Die alberne Erfindung des Wettbewerbs ist das Ergebnis der „neuen Phänomene“ der allerletzten Jahre und sollte die fixe Idee der Schöpfung eines neuen Marxismus und die der Bereicherung des alten Marxismus rechtfertigen. Es genügt jedoch, die hundert Jahre alte marxistische Wissenschaft heranzuziehen, und schon bricht der Wettbewerb zusammen und ist nur noch lächerlich!

Kommen wir zu Japan: Noch vor dem Krieg gegen Russland beginnt Japan in den 14 Jahren von 1893 bis 1907 die Welt mit seiner wunderbaren Seide zu überschwemmen. Der Export steigt von 38 auf 450 Millionen Yen: ca. 12-mal soviel, was eine jährliche Durchschnittsrate von 19% ergibt. Andere Indizes sind noch überwältigender. Hat womöglich der Mikado[12] schon damals vorgehabt, die sozialistische Gesellschaft aufzubauen?

Gesetz der Akkumulation

Das grundlegende Gesetz des Marxismus erweist sich als unantastbarer denn je. Je verschiedener die Länder und je größer der zeitliche Abstand, desto präziser und gleichförmiger zeichnet sich das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung ab.

Mit dem Auftreten der kapitalistischen Industrie ist die jährliche Akkumulationsrate am höchsten, dann muss sie sinken. Da diese Rate nicht gleichmäßig, sondern unregelmäßig verläuft, zeigt sich die fallende Tendenz nur innerhalb langer Perioden; denn nach Wirtschaftskrisen, nach Kriegen, vor allem nach verlorenen und verheerenden Kriegen, ist der Anstieg in den davon betroffenen Ländern sehr ausgeprägt.

Wenn wir jeweils das gleiche Alter der kapitalistischen Form zugrunde legen, ist die Rate in den Ländern am höchsten, die als letzte industrialisieren und automatisieren. Dies liegt an der ihnen sofort zur Verfügung stehenden höher entwickelten Technik und an der im Verhältnis dazu veränderten organischen Zusammensetzung des Kapitals: Bei gleicher Arbeit mehr verarbeitetes Material.

Gemäß der oben erwähnten amerikanischen Quelle erwartet man innerhalb der nächsten zwanzig Jahre eine „super-russische“ Wachstumsrate in Südamerika – falls man es „in Frieden“ lässt.

Stalin’scher Prägung ist das Märchen vom Wunder der raschen Akkumulation dank der „Wirtschaftspläne“, d.h. der monopolistischen und imperialistischen Form des Kapitalismus, und dank des Staatsindustrialismus (durch ihn ist eine gewisse Nivellierung der Rate möglich, d.h. er kann die Erschütterungen durch die Krisen etwas auffangen – nicht nur in Russland, sondern auch anderswo; ein Thema, das wir an anderer Stelle behandeln werden). Die diesbezüglichen Tabellen findet man auch im Rechenschaftsbericht Stalins von 1939.

Zur Bestätigung unserer alten, wohlbekannten marxistischen Gesetze haben wir aus den die verschiedenen Länder betreffenden Tabellen Stalins, Bulganins, auch Vargas, eine einzige Tabelle zusammengestellt, die folgende Perioden umfasst: 1880-1900 – Frieden; 1900-1913 – Frieden; 1913-1920 – I. Weltkrieg; 1920-1929 – erster „Wiederaufbau“; 1929-1932 – allgemeine Krise; 1932-1937 – Aufschwung; 1937-1946 – II. Weltkrieg; 1946-1955 – zweiter Wiederaufbau. Siehe Tabelle D im Anhang.

Verfolgen wir nun in diesen Phasen den Gang der Dinge in den verschiedenen Ländern, wobei wir immer die jährlichen Wachstumsraten angeben.

Großbritannien: 1880-1900: 3,5%; 1900-1913: 2,6%.; I. Weltkrieg: Null (unverändertes Produktionsniveau); erster Wiederaufbau: dito; Krise 1929-1932: Absturz: minus 11,2%; Aufschwung 1932-1937 mit einem Anstieg von 9,2%! II. Weltkrieg: Stillstand, Rate Null, eigentlich: minus 0,6%. Jetzige Phase: Anstieg um 4,8%.

Frankreich: Vorkriegszeit 6,5% und 6,6%; I. Weltkrieg: Abnahme mit minus 6,6%; Nachkriegszeit: Zunahme mit 9,5%! Krise 1929-1932: Absturz mit einer Rate von minus 11,6%; Aufschwung 1932-1937: langsames Ansteigen (1%); II. Weltkrieg: neuerlicher Fall mit minus 2,9%; jüngste Phase; Wiederanstieg mit 7,9%.

Deutschland: Erste Vorkriegszeit: 7,2% und 7,3%. I. Weltkrieg: Sturz mit minus 8,2%. Erster Wiederaufbau: Anstieg auf 7,2%. Krise 1929-1932: Absturz mit minus 13,8%! Aufschwung mit einem Anstieg von 13,7%! II. Weltkrieg: Fall mit minus 12,2%! Jetzige Phase: Wiederaufbau mit einer Rekordrate von 22,3%. Ohne jeglichen Sozialismus und mit wenig Dirigismus.

Vereinigte Staaten: Erste Vorkriegszeit: 8,4% und 7,3%. I. Weltkrieg: 3,4%ige Zunahme (ach du altes und dummes Europa!). Nachkriegszeit: weiterhin 3,6%. Die schwere Krise von 1929: Purzelbaum mit minus 18,6%! Aufschwung mit 11%. II. Weltkrieg: neuerlicher Anstieg mit 4,7% (dagegen Europa: siehe oben). Gegenwärtige Phase: unbeirrtes Fortschreiten mit fast derselben Rate: 4,8%!

Japan: Stürmischer Vormarsch bis zum I. Weltkrieg; während des Krieges: Vormarsch mit ca. 6,7% (Europa, wie gehabt); nach dem Krieg: Rate von 7,3%. Stillstand in der Krise; Rate von 11,8% während des Aufschwungs. II. Weltkrieg: Absturz mit 12,5%; gegenwärtige Phase: entschiedenes Ansteigen mit 18,8%, höher als die russische Rate.

Russland: Von 1880 bis 1913: Wachstumsraten der beginnenden großen Industrialisierung; von 1913 bis 1920: Krieg, Auflösung der Industrie. Von 1920 bis 1929 breite Industrialisierung mit einer Rate von 34,1% ! (weil man von Grund auf wieder begann); von 1929 bis 1937, ohne die Krise im Ausland zu spüren, Anstieg mit 20,1%; II. Weltkrieg: praktisch Stillstand. Gegenwärtige Phase: 17,9%, etwas weniger als Japan, viel weniger als Deutschland.

Italien? Beschränken wir uns darauf zu sagen, dass seit der Krise 1929 bis zum II. Weltkrieg die Lage stagnierte (Absinken und dann Ansteigen); im Krieg sinkt die Rate mit minus 3%; heute steigt sie mit passablen 12%. 1955 stieg die Zahl der hergestellten Fahrzeuge um 69%; Erdöl (Anfangsperiode!) 83%; das Kapital der „FIAT“ hat 1955 um 19 Milliarden zugenommen, d.h. um 32%.

Wer kann aus dieser Tabelle herauslesen, dass das „sozialistische“ russische System den anderen Systemen voraus ist? Kein Mensch. Alle Angaben stammen aus russischen Quellen und sind daher gut miteinander vergleichbar. Sie lassen ein für alle Mal das widerwärtige Hilfsmittel der Wettbewerbs-Theorie zusammenbrechen, bestätigen dagegen die Koexistenz analoger kapitalistischer Formen, die nur ihrem Alter, ihrem Ursprung und ihrer Geschichte nach verschieden sind.

Zur Entzifferung der Tabelle, deren Bedeutung als Grundlage des zukünftigen Verlaufs schon beredt genug ist, gibt es drei Schlüssel: Krise – Krieg – Revolution.

Wir kommen nun zum Schluss unserer Arbeit: Die These, zu der wir gelangt sind, ist der Bankrott der Wettbewerbs-Theorie. Je mehr sich die Wettbewerbsteilnehmer gegenseitig überholen und aus dem Sattel werfen, desto näher rückt die Möglichkeit der Revolution mit ihrer Losung, dem Korollar der ursprünglichen Theorie: Produktionsstopp.

Für weit reichende Schlussfolgerungen wagen wir keine Prophezeiung, nur ein Auspizium[13].

Der Vormarsch der kapitalistischen Weltproduktion der letzten zehn Nachkriegsjahre wird noch einige Jahre andauern. Dann kommt die Krise der Zwischenkriegszeit, ähnlich der von 1929 in Amerika. Soziale Katastrophe für die Mittelklassen und verbürgerlichten Arbeiter. Wiederaufleben einer Weltbewegung der Arbeiterklasse, die jegliches Bündnis ablehnt. Erneuter theoretischer Sieg ihrer alten Thesen. Eine einzige Kommunistische Partei für alle Staaten der Welt.

Gegen Ende dieser zwanzig Jahre stellt sich die Alternative dieses schwierigen Jahrhunderts: Dritter Weltkrieg der imperialistischen Ungeheuer – oder internationale kommunistische Revolution. Nur wenn der Krieg nicht durchkommt, werden die Wetteiferer erliegen!

Marx und Gladstone

Die gesamte statistische Eitelkeit der Russen entpuppte sich als Phänomen eines schwungvollen, jungen Kapitalismus, gleich demjenigen, den Marx ein Jahrhundert zuvor in England vor sich hatte.

Wie Marx dieses Phänomen damals bewertete? Seit jener Zeit wusste er sehr wohl, dass man der Hölle des Kapitals nicht durch ein vade retro Satana[14] entkommen kann, sondern im Gegenteil durch sie hindurch die Eroberung der Welt zu erwarten ist. Marx erwartete, dass der maßlos anwachsende britische Industrialismus Feuer an Europa legen würde. Zu Recht erwarten wir, dass die Gluthitze der russischen Produktion den gesamten Osten entzünden wird. Es ist nicht das Fehlschlagen der Fünfjahrespläne, das wir begrüßen würden. Es ist die Deklaration des Sozialismus, die wir hoffen, dem System entrissen zu haben.

Die progressiven Wachstumsraten Englands, durch die weit blickenden Augen Marx’ gelesen, ließen ihn den direkten Feind erkennen; er erklärte ihm den weltweiten Klassenkrieg, dem er anhand der angegebenen Zahlen noch Nachdruck verlieh. Denn die Rede von 1864, der Dialog mit Gladstone, beschränkte sich nicht auf das, was wir oben erwähnt haben.

Der irrsinnigen Steigerung der Außenhandelszahlen stellt Marx in der Inauguraladresse die schamlose Ausbeutung der modernen Proletarier in diesem kapitalistischen Musterland entgegen. Er schreibt die Gleichung der Erhebung des Kapitalismus und der Sklaverei der Lohnarbeiter, und verhängt die Exkommunikation über den zynischen Schatzkanzler.

„Geblendet von der Fortschrittsstatistik des Nationalreichtums, die vor seinen Augen tanzt, ruft der Schatzkanzler in wilder Ekstase:

‘Von 1842 bis 1852 wuchs das steuerbare Landeseinkommen um 6 Prozent; in den acht Jahren von 1853 bis 1861 ist es, ausgehend von der Basis von 1853, um 20 Prozent gewachsen. Die Tatsache ist bis zum Unglaublichen erstaunlich!’“ [MEW 16, S. 7].

Marx benutzte dieselbe Tabelle 1866 im 1. Band des „Kapitals“, nur dass er damals in einem einzigen Jahr, vom 7.April 1864 bis zum 7.April 1865 einen Einkommenssprung von mehr als 10% feststellen konnte! In der Inauguraladresse fährt er folgendermaßen fort:

„’Dieser berauschende Zuwachs von Reichtum und Macht’, fügt Herr Gladstone hinzu, ‘ist ganz und gar auf die besitzenden Klassen beschränkt.’“

Der Nachweis des Elends des englischen Proletariats und seiner unglücklichen Kämpfe schließt mit der kraftvollen These:

„Und so ist es jetzt in allen Ländern Europas erwiesen“, dass „auf der gegenwärtigen falschen Grundlage, jede frische Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit dahin streben muss, die sozialen Kontraste zu vertiefen und den sozialen Gegensatz zuzuspitzen“ [MEW 16, S. 9].

Im „Kapital“ zitiert Marx auch folgende Behauptung aus der Rede Gladstones vom 16.April 1863: Diese berauschende Vermehrung von Reichtum und Macht, „’muss von indirektem Vorteil für die Arbeiterbevölkerung sein, weil sie die Artikel der allgemeinen Konsumtion verwohlfeilert – während die Reichen reicher, sind die Armen jedenfalls weniger arm geworden. Dass die Extreme der Armut sich vermindert haben, wage ich nicht zu sagen’“ [MEW 23, S. 681].

Mit scharfem Sarkasmus greift Marx die Heuchelei dieser merkwürdigen Erklärung an. Das Kapitel endet mit einer Anmerkung, in der Engels um die Fortführung seiner Studie von 1845 über die Lage der arbeitenden Klassen in England gebeten wird. Engels entfernte später diese Fußnote und schrieb: „Ich hätte also das wiederholen müssen, was schon in Marx’ berühmten Werk gesagt worden ist“ [MEW 22, S. 269].

Habt ihr, durch die Blamage Stalins zum „Marxismus“ Bekehrten, habt ihr nie was von alldem gehört?

Die Extreme eines Jahrhunderts

Der Minister der ersten Bourgeoisie der Welt beklagte sich über die schallenden Ohrfeigen des unbekannten Doktor Marx, des „red terror doctor“ der englischen Presse, des armen Emigranten, der seine feurige Inauguraladresse wieder mit dem Ruf von 1848 schloss: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Die Polemik wurde berühmt und erstreckte sich über Jahre, über den Tod von Marx hinaus. Der deutsche Sozialistengegner Brentano, der mit dem englischen Minister schriftlichen Kontakt pflegte, bezichtigte in einer seiner Veröffentlichungen Marx der „Zitatsfälschung“. Gladstone habe gesagt, der Zuwachs des steuerpflichtigen Einkommens (des, wie wir sagen, „beweglichen Reichtums“) beschränke sich völlig auf die besitzenden Klassen, da die Einkommen der Löhne nicht steuerpflichtig seien: Die Zahlen beträfen also nicht das, was man heute „Nationaleinkommen“ nennt, sondern nur die Einkommen und Profite der Eigentumsklassen. Gladstone hätte also keineswegs – entgegen der Marx’schen Behauptung – eine „Zunahme in dem Elend der arbeitenden Klasse“ zugegeben. Die Beweisführung von Marx bedurfte jedoch keiner Eingeständnisse von Seiten Gladstones: Sie blieb und bleibt gültig und betrifft jede Form der Lohnabhängigkeit. Elend bedeutet nicht niedriger Lohn, sondern Besitzlosigkeit derjenigen, die allein den überbordenden Reichtum in den finsteren Galeeren der Industrieunternehmen „errudern“. Die Zahlen von Marx zeigen das Tempo der Akkumulation, der Konzentration des Kapitals in immer wenigeren Händen, bis hin zu dessen Entpersönlichung, wie sie heute überall vorherrscht.

Aber die Anschuldigung der Fälschung war damals keine Kleinigkeit! Empört antwortete Eleanor, die Tochter von Marx; Brentano veröffentlichte einen weiteren Artikel; schließlich fasste Engels alles in einer speziellen Veröffentlichung zusammen, mit Wiedergabe aller entgegengesetzten Äußerungen, Faksimiles der deutschen und englischen Texte, der Artikel der „Times“, auf die sich beide Parteien beriefen, sowie der Akten des Unterhauses und anderer Presseblätter. Heute hofiert man demagogisch die Mitglieder der russischen Partei, die sich äußerst verärgert über dieses „Aufwärmen alter Geschichten“ zeigen („Was gehen uns denn die Bundisten und Volkstümler an?“, ist ein Beispiel für den existenzialistischen Klang, womit die Oberhäupter den Parteitag zu „Heiterkeit und Beifall“ veranlassten): Heute, wo Typen dieser Sorte, angespornt vom Stalin’schen „Zeigen wir’s den Buchstabengelehrten“, sagen würden: „Was für ein furchtbarer Buchstabengelehrter, dieser Friedrich Engels!“

Kürzlich brachten die Zeitungen Photographien des Grabes von Marx auf dem Londoner Friedhof Highgate, dessen Nacktheit die Russen mit einem schweren Monument bedeckt haben: Womit sie das Mausoleum auch nicht wiedergutmachen, das sie Wladimir Illitsch auferlegt hatten – ihm, einem anderem unvergesslichen Muster an Schlichtheit, dem jeder Pomp und Prunk zuwider war.

Mit ihrem Friedhofsbesuch bildeten sich die Herren Chruschtschow und Bulganin ein, die historische Wiederanlehnung des 20. Parteitags an Marx unter Beweis gestellt zu haben. Sie gaben sich überzeugt, mit ihrem Kongress der Welt dieselben Großtaten vor Augen geführt zu haben, mit denen Marx seinerzeit – auf dem Höhepunkt der ersten industriellen Revolution, dem Modell aller anderen, einschließlich der russischen – den englischen Minister zum Widerruf gezwungen hatte.

Damals erwiderte Marx die tolle Orgie der industriellen Überproduktion mit der Gründung der revolutionären I. Internationale: Die zwei, die sich vor seinem Grab verbeugten, hatten gerade die letzten, armseligen Trümmer der von Lenin gegründeten III. Internationale begraben.

Und während wir als einfache Schüler der großartigen Schule, die sich als einzige auf die Namen Marx und Lenin berufen kann, die letzten Seiten dieser eilig verfassten Arbeit schreiben, verbreitet Radio Moskau Erklärungen der beiden soeben aus London zurückgekehrten Handelsreisenden: Herr Eden, Minister ohne Fehl und Tadel Seiner Allergnädigsten Britischen Majestät und Schüler (er, allerdings, ist kein einfacher, sondern stolzer Schüler) seines klassischen Vorgängers Gladstone, hat sie äußerst freundschaftlich und liebenswürdig empfangen.

Ganz anders als die lebenden, zeitgenössischen Wetteiferer dialogisieren die Toten...


Quellen:

„Dialogato coi morti“: Il programma comunista, Nr. 5-10, März-Mai 1956.

* * *

I: 20. Parteitag der KPdSU, 1956.

II: Diskussionsreden auf dem 20. Parteitag der KPdSU, 1956.

III: Stalin, Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR, 1952.

IV: Stalin, Rechenschaftsbericht an den 18. Parteitag, 1939.

V: Die Linke Opposition in der Sowjetunion 1923-28, Band IV (1926), 1976.

VI: Lehrbuch der politischen Ökonomie, 1956.

MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 8: Marx – Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1851/52.

MEW 8: Marx – Vorwort zur 2. Auflage des „18. Brumaire“, 1869.

MEW 16: Marx – Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation, 1864.

MEW 18: Engels – Von der Autorität, 1872.

MEW 22: Engels – Einleitung zu „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, 1891.

MEW 22: Engels – Vorwort zur englischen Ausgabe der „Lage der arbeitenden Klasse in England“,

1892.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

LW 4: Lenin – Artikel für die „Robotschaja Gaseta“ – Unser Programm, 1899.

LW 5: Lenin – Was tun?, 1902

LW 11: Lenin – Vorwort zur russischen Ausgabe der Broschüre: K. Kautsky, „Triebkräfte und

                                                                                Aussichten der russischen Revolution“, 1906.

LW 25: Lenin – Staat und Revolution, 1917.

LW 28: Lenin – Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, 1918.

LW 29: Lenin – Der 8. Parteitag der KPR (B), 1919.

LW 30: Lenin – Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariat, 1919.

 


[1] Stalin: Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft, 1951.

[2] unguibus et rostro (lat. ): mit Zähnen und Klauen; wörtlich: mit Schnabel (Rammsporn der antiken Schiffe) und Klauen.

[3] Demiurg (grch.): Schöpfergott, Baumeister des Kosmos.

[4] Struttura economica e sociale della Russia d’oggi; Protokoll der Versammlungen von Neapel, April 1955 und Genua, August 1955.

[5] Pour vivre l’espace d’un matin (frz.): nur eine Eintagsfliege war.

[6] Palinodie: Widerruf. Dichtungsart, die den Tadel oder das Lob einer Sache mit dessen Widerruf verband.

[7] Demos (grch.): Gemeinde, Volk.

[8] April 1917: Lenin kehrt nach Russland zurück; seine berühmten Aprilthesen [LW 24, S. 3ff] werden vom ZK der Partei angenommen. Die Thesen lauten zusammengefasst: 1. Keinerlei Zugeständnisse an die „revolutionäre Vaterlandsverteidigung“; 2. Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung; 3. Keine parlamentarische Republik, sondern eine Sowjet-Republik; 4. Nicht „Einführung“ des Sozialismus als unmittelbare Aufgabe, sondern Kontrolle der Produktion und Verteilung; 5. Erneuerung der revolutionären Internationale.

Oktober 1917: Erneut versteht Lenin als einziger, dass die Situation für den bewaffneten Aufstand reif ist. Er droht, seinen „Austritt aus dem ZK zu beantragen“ und sich an die gesamte Partei zu wenden, wenn die Aktion nicht in diesem Sinne entschieden werde [LW 26, S. 67]. Im „Brief an die Mitglieder des ZK“ vom 24.10.1917 drängt er: „Man muss um jeden Preis heute Abend, heute Nacht die Regierung verhaften, nachdem man die Offiziersschüler entwaffnet hat (sie besiegt hat, wenn sie Widerstand leisten) usw. Man darf nicht warten!! Man kann alles verlieren!!“ [LW 26, S. 223].

[9] quantité negligeable (frz.): zu vernachlässigende Größe.

[10] Der italienische Delegierte auf der 5. Sitzung des EKKI vom 23.2.1926: „Wir können unsere internationale Organisation mit einer Pyramide vergleichen. Diese Pyramide muss einen Gipfel haben und gerade Linien, die diesem Gipfel zustreben. Dadurch werden die Einheit und die notwendige Zentralisation dargestellt. Aber heute stützt sich, dank unserer Taktik, unsere Pyramide gefährlicherweise auf ihren Gipfel. Man muss also die Pyramide umkehren, was jetzt unten ist, muss oben werden, man muss sie auf ihre Basis stellen, damit sie sich im Gleichgewicht befindet“. Protokoll des EKKI - Moskau, 17.2.-15.3.1926; Hamburg 1926 (Feltrinelli Reprint, Milano 1967), S. 139.

[11] Trivium [lat.]: „Dreiweg“, im mittelalterlichen Universitätsunterricht die drei unteren Fächer: Grammatik, Rhetorik, Dialektik.

[12] Mikado (jap.): „erhabene Pforte“; hist. Bezeichnung für den Kaiser von Japan.

[13] Auspizium (lat.): „Vogelschau“; Brauch römischer Kultbeamter, den göttlichen Willen aus Vorzeichen, besonders dem Vogelflug, zu erkunden. Hier im Sinne von: eine Aussicht wagen.

[14] vade retro Satana (lat.): Weiche zurück, Satan.