| 1952-12-27 - Theorie und Aktion |
|
|
Forli - Dezember 1952Theorie und Aktion1.) Aufgrund der heutigen Lage, in der die revolutionäre Energie ihren Tiefpunkt erreicht, besteht die praktische Aufgabe darin, den historischen Verlauf des gesamten Kampfes zu untersuchen; es ist ein Fehler, diese Aufgabe als eine literarische oder intellektuelle Arbeit anzusehen und sie irgendeiner Teilnahme an der lebendigen Aktion der Massen entgegenzustellen.
2.) Diejenigen, die mit unserer kritischen Beurteilung übereinstimmen, dergemäß die heutige Politik der Stalinisten ganz und gar anti-proletarisch und konter-revolutionär ist (denn der Bankrott der III. Internationale war noch schwerwiegender als der der II. Internationale 1914), müssen sich für eine von zwei Positionen entscheiden: Sollte etwas von dem aufgegeben werden, was uns, der Gründungsplattform der Komintern, Lenin und den Bolschewiken, den Siegern der Oktoberrevolution, gemeinsam war? Unsere Antwort ist: Nein, es muss nur das fallen gelassen werden, was die Linke seit damals bekämpfen musste - all das, was die Russen dann verraten haben, ist aufrechtzuerhalten.
3.) Der schwerwiegende, als Reaktion auf die Unschlüssigkeit der revolutionären Bewegung im Westen nach dem I. Weltkrieg begangene Fehler des Taktierens lässt sich in den müßigen Versuchen auf den Punkt bringen, die Situation in Richtung Aufstand und Diktatur aufbrechen zu wollen, indem man zu legalistischen, demokratischen und arbeitertümlerischen Mitteln griff. Dieser auf breiter Front begangene Fehler, wobei man sich „im Schoße" der Arbeiterbewegung wähnte und auf Tuchfühlung mit Splittergruppen der sozialdemokratischen Verräter der II. Internationale ging, musste zu einer neuen, sozialen und politischen, nationalen und weltweiten Klassenkollaboration und zu neuem Opportunismus und Verrat führen.
4.) Weil man der, in einer festen Theorie und Organisation stabil verankerten internationalen Partei breiteren Einfluss sichern wollte, verschenkte man denselben an Verräter und Feinde: So stand man am Ende ohne die ersehnte Mehrheit, aber auch ohne den festen historischen Kern der damaligen Partei da. Die Lektion, und das ist keine kleine Lektion, lautet: nicht länger dasselbe Taktieren anzuwenden und nicht länger derselben Methode zu folgen.
5.) Aufgrund der schwereren Last der durch die Konterrevolution bewirkten Degenerierung, aufgrund des Fehlens starker Kerne, die fähig gewesen wären, sich von den militärischen und politischen Kriegsbündnissen und ihren Partisanengruppen fern zu halten, und aufgrund der Polizeifunktion ausübenden Besetzungspolitik in den besiegten Ländern, war es 1946 vergeblich, eine Situation zu erwarten, die so reich an revolutionären Entwicklungen sein würde wie die von 1918. Offensichtlich war die Lage 1946 genauso unfruchtbar wie die den großen Niederlagen des „Bundes der Kommunisten" und der I. Internationale, also 1849 und 1871, folgenden Situationen.
6.) Da eine rasche Rückkehr der Massen zu einer dem revolutionären Angriff förderlichen Organisation gegenwärtig nicht denkbar ist, wird das beste Ergebnis, das in der nahen Zukunft möglich ist, in der Wiederbekräftigung der wirklichen Ziele und proletarischen, kommunistischen Forderungen bestehen, sowie in der Bestätigung folgender Lektion: Jede taktische Improvisation, die sich bei jedem neuen Stand der Dinge wieder neu ausrichtet, wobei man die jeweils „unerwarteten Umstände" zu nutzen vorgibt, ist defätistisch.
7.) Der dumme Aktualismus/Aktionismus (reiner Parteiexistenzialismus), der Bewegungen und Manöver den heutigen unmittelbaren Umständen anpasst, ist durch die Wiederherstellung der festen Brücke zu ersetzen, die die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet und deren Hauptsträngen zu folgen die Partei sich ein für alle Mal vorschreibt, indem den Mitgliedern, vor allem aber den Führern, die tendenziöse Erforschung und Entdeckung „neuer Wege" streng untersagt wird.
8.) Diese schmutzige Haltung - erst recht dann, wenn die theoretische Arbeit und die Wiederherstellung der Doktrin (eine Arbeit, die heute genauso notwendig ist, wie sie es in den Jahren 1914-18 für Lenin war) verleumdet und ihnen der Rücken gekehrt wird, weil man glaubt, der Kampf und die Aktion seien alles -, läuft auf die Zerstörung der marxistischen Dialektik und des Determinismus hinaus, um die, in seltenen Momenten und an entscheidenden Punkten möglich gewordene riesige historische Untersuchung durch einen obszönen Voluntarismus zu ersetzen, was letztlich nur die gröbste und schlimmste Anpassung an den Status quo und die kümmerlichen unmittelbaren Perspektiven ist.
9.) Es ist nicht besonders schwierig, diese Methodologie von Praxisanbetern nicht etwa auf neue Formen einer originellen politischen Methode, sondern auf die plumpe Nachahmung alter anti-marxistischer Positionen zurückzuführen, und auf die idealistische, croceanische1 Manier, die die historische Wechselfolge als durch wissenschaftliche Gesetze nicht vorhersehbare Ereignisse auffasst und die „immer richtig liegt", wenn sie sich gegen Gesetzmäßigkeiten und Voraussagen über den Verlauf der menschlichen Gesellschaft auflehnt.
10.) Als Primat hat also zu gelten: Die Wiederherstellung (mit Hilfe der Beweisführung in unseren klassischen Parteitexten) der vollständigen marxistischen Vision der Geschichte und ihres Fortschreitens, der bisherigen sukzessiven Revolutionen sowie der sozialen Merkmale jener Revolution, die bevorsteht und in der das Proletariat den Kapitalismus stürzen und neue soziale Formen verwirklichen wird: Wiederherstellung also der wesentlichen, ursprünglichen, in ihrer Größe und Kraft seit mehr als einem Jahrhundert existierenden Zielsetzungen, wobei die Plattheiten wegzuräumen sind, durch die sie auch von Vielen, die nicht in die stalinistische Mühle geraten sind, ersetzt werden, indem bürgerlich-volkstümlerische, auf demagogischen Erfolg zugeschnittene Forderungen als Kommunismus ausgegeben wurden.
11.) Diese langwierige und schwere Arbeit verlangt Jahre; andererseits kann das Kräfteverhältnis im Weltmaßstab nicht vor Ablauf von Jahrzehnten umgekehrt werden. Jeder dumme und falsche, sich in Abenteuer stürzende Revoluzzergeist muss verbannt werden, denn er gehört zu denen, die die revolutionäre Position nicht zu halten vermögen und, wie schon so oft in der Geschichte, die große Straße verlassen haben, um in zweifelhafte, kurzfristigen Erfolg versprechende Gassen abzubiegen.
„Teoria ed azione": „Sul filo del tempo", Mai 1953.
1 Benedetto Croce, 1866-1952, Liberaler, der den idealistischen Idealismus Hegels weiterführte und in Italien bekannt machte. |

