| 1953-04-25 - Die anti-kapitalistischen Revolutionen im Westen |
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Genua - April 1953Die anti-kapitalistischen Revolutionen im Westen1.) Nach der Bewertung der dem imperialistischen II. Weltkrieg folgenden Periode wurde klar, dass die nach zwei Siegen eingetretende Konsolidierung der großen imperialen kapitalistischen Zentren nicht mit der Konsolidierung eines den Sozialismus errichtenden Arbeiterstaates im Osten koexistiert (und auch nicht koexistieren oder zusammenleben könnte): Es handelt sich vielmehr um ein Verhältnis - mit vielen möglichen Bruchstellen - zwischen Formen des reifen und des jungen Kapitalismus, die einerseits in der auf Weltebene durchgesetzten Marktwirtschaft aufeinander treffen, andererseits aufgrund des Streits um Markt- und Einflusssphären in einen militärischen Konflikt geraten können. Der Blick muss auf den im Westen stattfindenen Übergang vom reifen Kapitalismus zur sozialistischen Gesellschaft gerichtet werden; keine doppelte, keine „nicht-reine" Revolution.
2.) Ebenso wie wir feststellten, dass die „offiziellen", in der Stalin'schen Version angegebenen Daten der russischen Wirtschaft schlicht den klassischen, den Kapitalismus kennzeichnenden Daten entsprechen (wobei sowohl die These, es handele sich um eine sozialistische Form, als auch die noch schlimmere, es handele sich um eine „neue", dem Marxismus unbekannte Form, bekämpft wurden), so stimmen auch die Angaben über die westliche, und in primis amerikanische Wirtschaft (die auch von „offiziellen" Quellen der schäbigen Propagandamaschinerie der „freien Welt" übernommen werden) voll und ganz mit der marxistischen Beschreibung des Kapitalismus überein. Daraus lässt sich mitnichten eine Gleichgewichts- und Fortschrittsapologie schlussfolgern: Der Gang der Dinge ist ein ganz anderer: innere Produktionskrisen, Kriege um die Märkte, revolutionärer Zusammenbruch, proletarische Machteroberung und die Zerstörung des kapitalistischen Staates, proletarische Diktatur und Beseitigung der bürgerlichen Produktionsformen.
3.) Die einmal errichtete kapitalistische Produktionsweise kann sich nur durch grenzen- und maßloses Wachstum behaupten: Wachstum nicht desjenigen Ressourcen- und Anlagevermögens, das den Menschen ermöglicht, mit weniger Gefahren, Leiden und geringerem Kraftaufwand zu leben, sondern Wachstum der produzierten und verkauften Waren. Da die Bevölkerung nicht so schnell wie die Produktenmasse wächst, muss diese Masse in „hochwertigere" Konsumgüter (egal welcher Art) und neue Produktionsmittel verwandelt werden - ein Weg ohne Ausweg und Ende. Dies ist das Hauptmerkmal - untrennbar von der erhöhten Produktivkraft, welche ihrerseits ein Ergebnis der materiellen, von Wissenschaft und Technik zur Verfügung gestellten Mechanismen ist. Alle weiteren Kennzeichen, die sich auf die statistische Klassenzusammensetzung und das zweifellos einflussreiche System des administrativen, juristischen, politischen, organisatorischen und ideologischen Überbaus beziehen, sind von sekundärer Bedeutung; sie ändern nicht die Termini der grundlegenden Antithese: der kommunistischen Produktionsweise, die seit dem „Manifest" von 1848 vollständig und invariant der revolutionären proletarischen Lehre implizit ist.
4.) In der gesamten Weltwirtschaft haben sich die von Marx in einer monolithischen Bewertung festgelegten Kennzeichen des kapitalistischen Auftretens und seines Prozesses wiederholt und bestätigt, ja sie zeigten sich sogar noch ausgeprägter - nach den vor allem aus den Zyklen des englischen Kapitalismus gefolgerten Gesetzen: sukzessive und erbarmungslose Enteignung aller Besitzer von Reserven, Produkten und Produktionsmitteln (Handwerker, Bauern, kleine und mittlere Kaufleute, Verleger, Schatzbildner). Z.B. das Akkumulationsgesetz: eine absolut wie relativ immer größere Masse von ebenso rast- wie sinnlos vermehrten und erneuerten Produktionsmitteln; Konzentration dieser Gesellschaftskräfte in immer wenigeren „Händen" (die dazugehörenden „Köpfe" spielten nur in vorkapitalistischen Zeiten eine Rolle), wobei gigantische, bisher nie gesehene Konglomerate von Produktionsanlagen und -betrieben entstehen; nach der Herausbildung der Binnenmärkte die unaufhaltsame globale Markterweiterung; Auflösung der noch verbliebenen, sich selbst genügenden „Arbeits- und Verbrauchsinseln".
5.) Diese Kette von Bestätigungen, in einem Tempo, das selbst von unseren Theoretikern nicht erwartet worden war, wird in erster Linie von der amerikanischen Wirtschaft, ihren Produktionsziffern und ihrem internen, ständig überhitzten Konsum geliefert. Die Frage ist, ob eine kontinuierliche, von Erschütterungen freie Entwicklung dieser Gesellschaftsform möglich ist, oder ob schwere Beben, tiefe Krisen und Zusammenbrüche zu erwarten sind, die die Grundlagen des Systems angreifen. Als Antwort darauf soll der Hinweis auf zwei große Weltkriege und einer dazwischen liegenden, den gesamten ökonomischen Apparat erfassenden gigantischen Krise genügen - von der in jeder Hinsicht wahrnehmbaren Instabilität dieser wirren Nachkriegszeit ganz zu schweigen. Womit sich die Schilderungen dieser angeblich prosperierenden Gesellschaft von selbst erledigen: Einer Gesellschaft, die einen solch individuellen Lebens- und Reichtumsstandard erreicht, dass sie sich aus einer reinen Mittelklasse zusammensetzen lassen soll - obendrein frei von offenen gewerkschaftlichen Kämpfen und von Parteien mit verfassungsfeindlichen Programmen. Selbst wenn man sich den amerikanischen Unterbau im Moment nur oberflächlich ansieht, erweist sich der alte administrative, föderative, unbürokratische und anti-militaristische Staat, der sich den kriegslüsternen, seit Jahrhunderten um die Hegemonie kämpfenden europäischen Mächten entgegenstelle, als ein weiteres Hirngespinst: Die diesbezüglichen Daten Amerikas schlagen bei weitem - sowohl absolut als auch relativ - alle Indizes der Welt- und Menschheitsgeschichte.
6.) Selbst wenn wir im Moment den Schlussfolgerungen nur die inneren Verhältnisse zugrunde legen, die entgegen der immerhin eingestandenen Instabilität in den internationalen Fragen als stabil gerühmt werden (wobei andererseits von der alten Monroe-Doktrin, sich nicht in die äußeren bzw. außeramerikanischen Angelegenheiten einzumischen, stillschweigend Abstand genommen wurde!), führt die Beschreibung einer derartigen Ökonomie geradewegs zu den marxistischen Gesetzen und zur historischen Verurteilung der kapitalistischen Produktionsweise, deren Verlauf in Richtung Katastrophe und Revolution nichts und niemand aufhalten kann. Das in der Welt erstklassig dastehende dichte Geflecht von Fabriken und Anlagen und die bis zum äußersten getriebene Industrialisierung jedes Tätigkeitsbereiches zeigen eine Gesellschaft, die hinsichtlich der Herrschaft der „toten Arbeit" (Marx) (d.h. der Herrschaft des in Maschinen, Bauwerken, Rohstoffen und Halbfabrikaten kristallisierten Kapitals) über die „lebendige Arbeit" (d.h. der unaufhörlichen Tätigkeit der Lebenden in der Produktion) alle anderen in den Schatten stellt. Die gerühmte Freiheit auf juristischer Ebene kann das Gewicht und den Druck dieses Kadavers, der die lebendigen Leiber beherrscht, nicht verschleiern.
7.) Der dem Umfang nach höhere, doch dem Wert nach nicht in gleichem Maß gestiegene Lebensstandard der Arbeiter bestätigt nur die marxistischen Gesetze über die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Die Statistiken entscheidender Zeitpunkte: 1848, 1914, 1929, 1932, 1952, schinden zwar Eindruck, zeigen jedoch nur den vorausgesehenen Zyklus. Wenn man eine Lohnerhöhung von 280% innerhalb von 10 Jahren feiert, während sich die Lebenshaltungskosten um 180% erhöht haben, heißt dies, der Arbeiter hat einen Lohn von nominal 380, aber real nur 280, d.h. die Erhöhung beläuft sich auf nur noch 35%. Gleichzeitig gibt man zu, dass sich die Arbeitsproduktivität um 250% erhöht hat! Folglich erhält der Arbeiter, der zweieinhalbmal mehr gibt, nur ein Drittel mehr: sowohl Mehrwert als auch Ausbeutung sind gewaltig gestiegen. Es ist ganz klar: Das Gesetz der wachsenden Verelendung bedeutet nicht Sinken des Nominal- und Reallohns, sondern erhöhte Auspressung von Mehrwert und erhöhte Anzahl der jeder Reserve Beraubten.
8.) Die erhöhte, in Amerika während des gesamten kapitalistischen Zyklus verzehnfachte Arbeitsproduktivität bedeutet eben, dass bei gleicher Arbeitszeit eine zehnmal höhere Produktenmasse erzeugt wurde. Streckte der Kapitalist einst 1 Teil Arbeit und 1 Teil Rohmaterial vor, so heute 1 Teil Arbeit und 10 oder 20 Teile Rohmaterial. Bliebe seine Gewinnspanne hinsichtlich des verkauften Produktwerts die gleiche, würde der Profit 10- oder 20-mal höher ausfallen. Um ihn zu realisieren, hätte er für seine 10- oder 20-mal höhere Produktenmasse Käufer finden müssen. Also begnügt er sich mit einer geringeren „Profitrate" und erhöht den Reallohn - sagen wir, jedes Mal, wenn sich die Produktivität verzehnfacht, um das Doppelte; gleichzeitig senkt er den Verkaufspreis, denn die Ware enthält 2 und nicht 10 Teile Arbeit; so finden sich in seiner eigenen Belegschaft Abnehmer seiner Waren. Hier haben wir das Gesetz vom Fall der Durchschnittsprofitrate bei Erhöhung der Arbeitsproduktivität und erhöhter organischer Zusammensetzung des Kapitals. Alle Schlussfolgerungen über die Unmöglichkeit der Weiterexistenz des Systems stehen und fallen mit der Bestätigung dieses Gesetzes (das Stalin unbedachter- oder philokapitalistischerweise unter den Tisch fallen ließ). Diesen kapitalistischen Bestimmungen stehen die kommunistischen Bestimmungen frontal gegenüber (und zwar umso mehr, je evidenter und zwingender Erstere werden): Herrschaft der lebendigen über die tote Arbeit! Die Produktivitätserhöhung ist nicht auf eine derart wahnsinnige Steigerung von jedenfalls überflüssiger, wenn nicht zerstörerischer Produktion, ausgerichtet, sondern auf die Verbesserung der Bedingungen der lebendigen Arbeit, d.h. auf die drastische Verringerung der täglichen Arbeitszeit.
9.) Amerika, von Engels schon 1850 als das Land gekennzeichnet, in dem sich die Bevölkerung binnen 20 Jahren verdoppelte, ist auch das Land, in dem sich die Produktivität innerhalb von 10 Jahren verdreifachte, also in 20 Jahren versechsfachte (oder mit Hilfe des Gesetzes der geometrischen Progression, das Stalin für Russland erträumte: neun mal höher); Amerika ist also mitnichten das Land, worauf der „europäische" Sozialismus nicht anwendbar wäre, sondern eben das Land, das Europa beim Marsch in Richtung Überproduktionskrise und explosivem Druck weit hinter sich gelassen hat. Die Öffnung des Kredithahns für die Proletarier, wodurch ihnen Luxusartikel (im ökonomischen Sinne) auf Raten verkauft werden können, macht aus ihnen noch reinere „Pauper" und Reservelose: Ihre Bilanz ist nicht nur wie die desjenigen, der Null hat, sondern desjenigen, der eine Masse seiner zukünftigen Arbeit mit einer Hypothek belastet, um bei Null anzukommen: ein wirkliches Teil-Sklaventum. Sozial gesehen bedeutet dieser „Konsumrausch", ins Netz einer verkommenen Beeinflussung und Korruption zu gehen, zu Nutz und Frommen der herrschenden Klasse und der zu ihnen passenden Sitten und Ideologien. Der monströse Werbeapparat nötigt das Proletariat, seinen höheren Lohn für Konsumartikel von trügerischer und oft schädlicher Qualität auszugeben. Die persönliche Freiheit im blühenden Amerika fügt dem Fabrikdespotismus noch den Despotismus und die Diktatur der standardisierten und in Dosen gepressten Konsumgüter hinzu. Damit die Warenüberschwemmung nicht ins Stocken gerät und die Arbeitszeit nicht verkürzt wird, werden absurde Bedürfnisse für die ausgebeutete Klasse fabriziert. Das System der Ausschüttung von im Verhältnis zum Jahreslohn minimalen Dividenden hat dieselbe Wirkung. Legt man die statistischen Daten zugrunde, kommt bestenfalls eine Lohndraufgabe von fünf oder etwas mehr Prozent zustande, was durch den so angespornten Arbeitseifer des naiven und übertölpelten „Aktionärs" dicke wieder reingeholt wird.
10.) Grundlage der Theorie der zyklischen und immer schwerer werdenden Krisen ist die Theorie der Erhöhung der Arbeitsproduktivität und des Falls der Profitrate. Sie wäre nur dann überholt, wenn die den kapitalistischen Verlauf kennzeichnenden Indexziffern ausblieben. In Amerika ist genau das nicht der Fall - wie auch der Vergleich mit unseren italienischen Industriellen zeigt, die z.B. in der Eisenhüttenindustrie von den jährlichen 80 Tonnen pro Arbeiter zu den amerikanischen 200 Tonnen kommen möchten. Wer würde denn nicht lieber eine 4% Rate auf 200 t statt einer 5%igen auf 80 t haben? Die innere ökonomische Krise, d.h. die des „abstrakten" (wie bei Marx) Amerikas, das alles Produzierte auch konsumieren müsste, lässt sich durch Formeln und Punkte in einer unerbittlichen Kurve darstellen. Ein Warenspiegel, der sich den Durchschnittspreis des Brotes vornimmt, lässt erkennen, dass der Arbeiter heute ein Pfund Brot mit der Entlohnung der ersten 6 Minuten seines Arbeitstages bezahlt, während er 1914 17 Minuten dafür arbeiten musste. Die Arbeiterschaft ist im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sicherlich stärker gewachsen. Wie stellen es die amerikanischen Bürger an, die gegenüber 1914 dreifache und gegenüber 1848 vielleicht zehnfache Menge an Brot zu essen? Um nicht zu platzen, sollen sie den guten Rat befolgen, „brioches" zu essen!1 Einerseits wird ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht ein Pfund Brot mehr verkauft werden, andererseits werden die Arbeiter entlassen und können sich dann nicht einmal mehr das Pfund Brot kaufen. Das ist kurz gesagt der Grund dafür, dass der „schwarze Freitag", der immer schwärzer wird, wiederkommt.
11.) Eine Lösung besteht darin, dass die sich bisher von Hirse, Reis und Bananen ernährenden Völker nunmehr Brot hinunterwürgen (sind die Mau-Mau2 also doch nicht im Recht?). Um das zu erreichen, beginnt man, diejenigen unter Feuer zu nehmen, die die Löschung der Weizenladungen verhindern, und dann diejenigen, die Reis und Bananen verkaufen. Das ist Imperialismus. Die marxistische Theorie der Krisen und Katastrophen passt darauf wie die Faust aufs Auge, nicht minder wie die des Imperialismus und des Krieges; die dem „Imperialismus" Lenins aus dem Jahre 1915 zugrunde liegenden Daten werden heute von der amerikanischen Statistik mit verzehnfachter Virulenz geliefert. Die Statistik vergleicht u.a. den Lebensstandard zwischen den USA und den sie hofierenden Staaten - zuerst den der Verbündeten, dann den der Gegner. Die amerikanische Statistik gibt an: Wenn in den USA von den 6 Minuten für ein Pfd. Brot 4 Minuten für ein Pfd. Mehl gearbeitet werden, komme man in Russland auf 27 Minuten. Mag auch die russische Statistik geschönte Angaben machen, sicher ist, dass im Osten die Gesetze der steigenden Produktivität, der organischen Zusammensetzung des Kapitals und des Falls der Profitrate noch ein gutes Stück Wegs vor sich haben - wobei diejenigen, die die revolutionären Bedingungen und Zeiträume verkehrtrum bzw. durch die „sozialistische" Brille sehen, ziemlich durcheinander kommen werden. Einerlei wo das erste Geschütz in Stellung gebracht und von wo aus die erste V-2 abgeschossen wird, und sei es vom Mond: Klar ist, dass das amerikanische System im Innersten getroffen werden muss, um die Umwälzung, das heißt, die drastische Drosselung des zügellosen Konsums und der irrsinnig steigenden Produktion, rigoros durchzusetzen, wobei sich zeigen wird, dass „der Mensch zwar nicht vom Brot allein lebt" - aber wenn er sich in 6 Minuten das tägliche Brot verschaffen kann und mehr als 2 Std. arbeitet, dann ist er kein Mensch, sondern ein Dummkopf.
12.) Dass es in den USA keine kommunistische Partei mit dem vollständigen revolutionären Programm gibt, obwohl es so „aktuell" ist und die Bedingungen mehr als reif sind, ist ein großes historisches Problem, das sich auf Weltebene stellt. Die dritte opportunistische Welle, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit des I. Weltbrandes die marxistische Bewegung aus der Bahn warf, hat drei Aspekte: die Beschränkung der sich in Russland entwickelnden Produktionsform auf den Kapitalismus; die Abkehr von den kommunistischen Forderungen seitens der russischen Staatspolitik; Russlands Politik der Militärbündnisse sowie die Bündnispolitik der Bruderparteien im Westen auf der Grundlage bürgerlicher und demokratischer Forderungen. Der abrupte Schwenk von der Apologie des amerikanischen kapitalistischen Regimes als Freund und Retter des Weltproletariats zur Verkündung, es sei der Feind der Arbeiterklasse, (als wäre es erst 1946 dazu geworden), konnte nur darauf hinauslaufen, die revolutionäre Vorbereitung des amerikanischen Proletariats weiterhin zu sabotieren und die dortige Entwicklung zu einer wirklichen Klassenpartei historisch hinauszögern. Man kommt aus dieser Situation nicht heraus, ohne dass alle ihre Aspekte auf den Tisch kommen: der Nachweis, dass es in Russland keinen Aufbau des Sozialismus gibt; dass, wenn der russische Staat kämpft, dies nicht im Interesse des Sozialismus geschieht, sondern imperialer Rivalitäten wegen; vor allem muss nachgewiesen werden, dass die volksdemokratischen und progressiven Zielsetzungen im Westen nicht nur die Arbeiterklasse nichts angehen, sondern bloß dazu taugen, einen verfaulten Kapitalismus auf den Beinen zu halten.
13.) Bei dieser langwierigen Arbeit der Wiederherstellung - die Schritt halten muss mit dem Fortschreiten der Krise der westlichen und amerikanischen Produktionsweise, wobei alle objektiven und maßgeblichen Bedingungen der Krise bereits über einen solch langen Zeitraum vorhanden sind, dass keine innen- oder außenpolitischen Ablenkungsmanöver sie über einige Jahrzehnte hinaus in die Länge ziehen kann - darf man nicht auf die Fata-Morgana hereinfallen, dass neue Hilfsmittel und Parteinahmen einiger angeblicher Geschichtskenner mehr zählten als die durch die Ereignisse bereits gelieferte historische Bestätigung des ursprünglichen und richtig verstandenen marxistischen Bauwerks. Die Bestimmungen der Ideologie, des Bewusstseins und des Willens sind kein gesondertes Problem, sie werden ebenfalls durch die Wirkungen determiniert, denen Tatsachen, Interessen und Kräfteverhältnisse zugrunde liegen. Die kommunistische Partei vertritt die zukünftige Situation einer verringerten Arbeitszeit, die dem Leben selbst dienen wird, und arbeitet für dieses zukünftige Ergebnis, indem sie sich auf alle wirklichen Entwicklungen stützt. Diese Eroberung (scheinbar unzulänglich in Stunden ausgedrückt und auf schlichtes Zahlenwerk reduziert) stellt gegenüber dem Kapitalbedürfnis, alle zu versklaven und alles mit sich fortzureißen, einen gewaltigen, den größtmöglichen Sieg dar. Auch dann, wenn Kapitalismus und Klassen abgeschafft sein werden, ist die menschliche Gattung den durch Naturkräfte gesetzten Zwängen unterworfen - die Philosophiererei über die absolute Freiheit bleibt jedenfalls eine Wahnvorstellung. Noch tiefer als die verdammten Konformisten und Liebediener des kapitalistischen Systems und dessen Priester, die seine Ewigkeit predigen, stehen diejenigen, die gerade im Strudel der heutigen Welt neue, in ihren armen kleinen Köpfen ausgebrütete Rezepte und sogenannte neue Formeln aufstellen wollen, statt in einer sich über Generationen hinziehenden Arbeit den Verlauf der Strömung, der durch den unpersönlichen Begriff zukünftiger Bedingungen gegeben ist, aufzufinden.
„La rivoluzione anticapitalista occidentale", „Sul filo del tempo", Mai 1953.
1 Qui'ls mangent de la brioche (frz.): „Sollen sie doch Kuchen essen". Marie-Antoinette zugeschriebener Ausspruch auf die Tatsache hin, dass sich die Armen in Paris kein Brot kaufen konnten.
2 Antikoloniale Bewegung in Kenia, die zwischen 1952 und 1957 gegen die Landaneignung europäischer Siedler revoltierte und von der britischen Kolonialmacht brutal niedergeschlagen wurde. |

