| 1951-04-01 - Theorie und Aktion in der marxistischen Lehre |
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Rom - April 1951
Theorie und Aktion in der marxistischen Lehre I. Zusammenfassung: 1.) Aus der Situation, in der die revolutionäre Theorie, Organisation und Aktion zerrüttet ist, kommt man nicht heraus, wenn man sich auf einen bereits begonnenen und unweigerlich fortschreitenden Niedergangsprozess des Kapitalismus, an dessen Ende die proletarische Revolution eintreten müsse, verlässt. Die kapitalistische Kurve hat keinen absteigenden Ast. 2.) Die zweite historische, internationale opportunistische Krise mit dem Zusammenbruch der III. Internationale geht auf die Politik der Übergangsperioden zurück, womit man allgemein-politische Ziele für die Zeit zwischen bürgerlicher und proletarischer Diktatur aufstellen wollte. Doch ist es ein falscher Begriff von der Sache, wenn, um diese Politik abzuwenden, auf die wirtschaftlichen Tagesforderungen der proletarischen Gruppen verzichtet wird. 3.) Die richtige marxistische Praxis stellt fest, dass das Bewusstsein, sowohl des Einzelnen wie auch der Masse, dem Handeln folgt, und die Aktion wiederum dem Druck des ökonomischen Interesses. Nur in der Klassenpartei geht das Bewusstsein und, in bestimmten Phasen, die Entscheidung zur Aktion dem Klassenzusammenstoß voraus. Doch ist diese Möglichkeit organisch untrennbar vom molekularen Kräftespiel der physischen und ökonomischen Triebkräfte. 4.) Gemäß allen Traditionen des Marxismus, der italienischen und internationalen Linken, ist die Tätigkeit und der Kampf in den wirtschaftlichen Verbänden der Arbeiter eine der unabdingbaren Voraussetzungen für den erfolgreichen revolutionären Kampf - zusammen mit dem Druck, den die Produktivkräfte auf die Produktionsverhältnisse ausüben sowie der theoretischen, organisatorischen und taktischen Kontinuität der politischen Partei. 5.) In den verschiedenen Phasen des bürgerlichen Zyklus (revolutionär - reformistisch - konterrevolutionär) veränderte sich die Dynamik des gewerkschaftlichen Kampfes tiefgehend (Verbot - Duldung - Unterwerfung). Nichtsdestotrotz ist es organisch unabdingbar, dass zwischen der Arbeiterschaft und der in ihrer Partei eingegliederten Minderheit eine weitere Schicht von Organisationen besteht, die prinzipiell unabhängig von parteipolitischen Bekenntnissen sind und denen aufgrund ihrer Statuten nur Arbeiter angehören, und dass solche Vereinigungen in der Phase, in der die Revolution näherrückt, wiederentstehen. II. Die Umkehrung der Praxis in der marxistischen Theorie 1. Theoretische Verwirrung bei vielen internationalen Gruppen, die die stalinistische Wendung verurteilen und behaupten, auf dem Boden des revolutionären Marxismus zu stehen. Ihre Unsicherheit hinsichtlich dessen, was sie Analyse, nämlich die moderne Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft, und Perspektive, also die Möglichkeit zur Wiederaufnahme des revolutionären proletarischen Kampfes, nennen. 2. Dass die reformistische Auslegung des Marxismus mit den Weltkriegen, den großen inneren Zusammenstößen und dem bürgerlichen Totalitarismus haltlos geworden ist, scheint allen klar zu sein. 3. Da die höheren sozialen und politischen Spannungen nicht mit einer Erstarkung, sondern mit der völligen Entartung der ehemals revolutionären Parteien einhergingen, tauchte die Frage auf, ob die marxistische Perspektive nicht revidiert werden müsse, ebenso wie die leninistische, wonach die mit dem Ende des I. Weltkrieges und mit der russischen Revolution eröffnete Phase weltweit den proletarischen Kampf um die Macht auslösen sollte. 4. Völlig falsch ist die Theorie der abfallenden Kurve des Kapitalismus, die zu der falschen Fragestellung führt, wieso denn, während doch der Kapitalismus niedergehe, die Revolution nicht vorankomme. Die Theorie der abfallenden Kurve vergleicht den geschichtlichen Werdegang mit einer Sinuskurve: Jede Ordnung, wie auch die bürgerliche, hat zuerst eine aufsteigende Phase, erreicht einen Höhepunkt und fällt dann wieder bis zum Tiefpunkt ab, woraufhin eine andere Ordnung ihren Aufstieg beginnt. Das ist die Weltsicht des gradualistischen Reformismus, worin weder plötzliche Wechsel noch Erschütterungen oder Sprünge vorkommen (siehe Abb. I). 5. Der Übersicht und Kürze halber kann die marxistische Weltsicht in einer Anzahl stetig aufsteigender Kurvenäste dargestellt werden, die bis zu jenen Höhepunkten (singuläre Punkte oder Kurvenspitzen in der Geometrie) reichen, denen ein jäher und fast senkrechter Absturz folgt - und dann von unten eine neue Gesellschaftsordnung, ein anderer historisch aufsteigender Ast (siehe Abb. II). 6. Entsprechend dieser Weltanschauung, und nur sie ist marxistisch, wurden schon vor einem Jahrhundert alle Phänomene der heutigen imperialistischen Phase vollständig vorausgesehen: auf ökonomischer Ebene die Kartelle, die Monopole, der Staatsdirigismus, die Verstaatlichungen; auf politischer Ebene die Polizeistaaten, Militärregimes, etc. 7. Ebenso deutlich ergibt sich daraus die Haltung der proletarischen Partei, die der heutigen Lage weder gradualistische Forderungen entgegenstellen kann noch solche, die das Wiederaufleben von liberalen und jedenfalls geduldeten Formen zum Inhalt haben. Die gegenteilige Haltung der Arbeiterbewegung und vor allem der III. Internationale hatte zur Folge, dass der höchsten kapitalistischen Machtentfaltung kein entsprechender revolutionärer Druck entgegengesetzt wurde. Die Auseinandersetzung mit diesem zweiten Zusammenbruch der Klassenbewegung, der schwerer wog als der erste des Sozialpatriotismus 1914, führt zu den schwierigen Fragen des Verhältnisses zwischen ökonomischen Antrieben und revolutionärem Kampf, zwischen den Massen und der sie führenden Partei. 8. Zurückzuweisen ist der Standpunkt jener Gruppen, die die Aufgabe und Notwendigkeit der Partei in der Revolution herabsetzen und in arbeitertümlerische Positionen zurückfallen oder, schlimmer noch, Bedenken gegenüber dem Einsatz der revolutionären Staatsgewalt in der Revolution hegen. Gleichermaßen sind diejenigen auf Abwege geraten, die die Partei als Zusammenschluss der bewussten Elemente auffassen und nicht ihr Gebundensein an den physischen Klassenkampf sehen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Partei sowohl Produkt wie auch Faktor der Geschichte ist. 9. Diese Frage verlangt die Wiederherstellung des seit seiner ersten Formulierung vollständig errichteten marxistischen Determinismus, wodurch das von den ökonomischen Triebkräften bestimmte Verhalten der Einzelnen sowie die Funktion der kollektiven Organe, wie es die Klasse und die Partei sind, richtig eingeordnet werden. 10. Auch hier ist es nützlich, ein Schema heranzuziehen, das die marxistische Umkehrung der Praxis veranschaulicht. Beim Individuum folgt dem physischen Bedürfnis das ökonomische Interesse, d.h. das fast automatische Handeln, um es zu befriedigen; erst danach, nach der Tat, kommt es zu Willenshandlungen und zuletzt zu Bewusstsein und theoretischer Erkenntnis. Bei der Klasse ist der Prozess der gleiche, nur dass hier alle in die gleiche Richtung zielenden Kräfte gewaltig potenziert werden. In die Partei münden all diese Einflüsse, die der Individuen und die der Klasse, ein, so dass sich in ihr die Möglichkeit und das Vermögen zu kritischer und theoretischer Anschauung sowie zu Willenshandlungen bildet, was sie wiederum befähigt, den einzelnen Parteikämpfern und Proletariern die Erklärung der historischen Lage und Entwicklung und ebenso die Beschlüsse zum Handeln und zum Kampf zu transfundieren (siehe Abb. VIII. Im Anhang sind der Abb. VIII fünf Abbildungen vorausgeschickt, die die Schemata der dem Marxismus diametral entgegengesetzten Weltanschauungen enthalten [Abb. III und IV], oder noch schlimmer, wegen des fragwürdigen Ansinnens, sich nur auf eines oder einen Teil der Grundpostulate des Marxismus zu beziehen, von ihm abweichen. [Abb. V, VI und VII]). 11. Während also der Determinismus ausschließt, dass Wille und Bewusstsein des Individuums dem Handeln vorangehen, lässt die Umkehrung der Praxis dies als Resultat einer allgemeinen Verarbeitung der Geschichte in der Partei zu, und nur in ihr. Wenn also Wille und Bewusstsein Attribute der Partei sind, heißt das nicht, dass sie sich durch das Zusammenfließen von Bewusstsein und Willen jedes Einzelnen einer Gruppe herausbildet, und dass sich eine solche Gruppe selbst so begreifen kann, als stünde sie auch nur im Geringsten außerhalb der physischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Determinanten, die die Klasse in ihrer ganzen Breite bestimmen. 12. Die vermeintliche Analyse, wonach alle revolutionären Bedingungen vorhanden seien und nur eine revolutionäre Führung fehle, entbehrt deshalb jeglichen Sinns. Es stimmt, dass das Führungsorgan lebensnotwendig ist, doch sein Entstehen ist ebenfalls von den allgemeinen Bedingungen des Kampfes abhängig, niemals von der Genialität oder Größe eines Führers oder einer Avantgarde. Diese Klarstellung der Verhältnisse zwischen Ökonomisch-Gesellschaftlichem und Politischem muss Grundlage sein, wenn die Frage der Beziehungen zwischen revolutionärer Partei und wirtschaftlich-gewerkschaftlichem Kampf erläutert wird. III. Revolutionäre Partei und wirtschaftlicher Kampf
Bevor wir untersuchen, was sich, nach den Kriegen und dem Auftreten totalitärer Regimes auf gewerkschaftlichem Gebiet geändert hat, ist es sinnvoll, an die Haltung der kommunistischen Linken Italiens in der Gewerkschaftsfrage zu erinnern. 1. 1920, auf dem II. Kongress der Internationale - die Kommunistische Partei Italiens hatte sich noch nicht konstituiert - wurden zwei große Fragen der Taktik diskutiert: die parlamentarische und die gewerkschaftliche Tätigkeit. Die Vertreter der Strömung der Wahlgegner grenzten sich klar von der damals so genannten Linken ab, welche für die Spaltung der Gewerkschaften eintrat und dafür plädierte, auf die Eroberung der von den Opportunisten geführten Gewerkschaften zu verzichten. Diese „Linken" sahen nicht in der Partei, sondern in den Gewerkschaften das Zentrum der revolutionären Tätigkeit, das sie frei von bürgerlichen Einflüssen halten wollten (KAPD, holländische Tribunisten, amerikanische und schottische Syndikalisten usw.). 2. Seitdem kämpfte die Linke scharf gegen diese Strömungen, der Turiner „L'Ordine Nuovo" ähnlich, die den Austritt aus den Gewerkschaften zugunsten der Fabrikrätebewegung zur revolutionären Aufgabe machten und die Fabrikräte als das Bindegewebe der wirtschaftlichen und staatlichen Organe der noch inmitten des Kapitalismus zu beginnenden proletarischen Revolution ansahen - eine schwerwiegende Verwechslung zwischen den Bewegkräften und den Werkzeugen des revolutionären Prozesses. 3. Die Frage des Parlamentarismus ist auf einer ganz anderen Ebene als die Gewerkschaftsfrage zu behandeln. Dass das Parlament ein Organ des bürgerlichen Staates ist, worin angeblich alle gesellschaftlichen Klassen vertreten sind, steht für alle außer Frage. Alle revolutionären Marxisten sind sich darin einig, dass dies ein exklusiv der bürgerlichen Macht angehörender Stützpunkt ist. Die Frage geht vielmehr dahin, ob sich die Parlamentsmandate zur Propaganda und Agitation für den Aufstand und die Diktatur ausnutzen lassen. Selbst zu diesem einzigen Zweck, so die Gegner dieser Taktik, wird die Teilnahme unserer Abgeordneten in einer mit den bürgerlichen Repräsentanten gemeinsamen Körperschaft nur die gegenteilige Wirkung hervorbringen können. 4. Da sie Berufs- bzw. wirtschaftliche Verbände sind, nehmen die Gewerkschaften, ganz gleich unter wessen Führung, nur Mitglieder ein- und derselben Klasse auf. Durchaus möglich, dass die organisierten Arbeiter nicht nur die Vertreter der reformistischen, sondern sogar der ausgesprochen bürgerlichen Richtung wählen und die Gewerkschaftsführung in kapitalistisches Fahrwasser gerät. Tatsache bleibt aber, dass in den Gewerkschaften nur Arbeiter sind und deshalb für sie nicht das gleiche wie für das Parlament gilt, nämlich ausschließlich für eine bürgerliche Führung in Frage zu kommen. 5. Vor der Gründung der KPI schlossen die italienischen Sozialisten aus, in den weißen Gewerkschaften der Katholiken sowie den gelben der Republikaner zu arbeiten. Die Kommunisten aber, die dann dem hauptsächlich von Reformisten geführten Gewerkschaftsbund (Confederazione del Lavoro) und der von Anarchisten geleiteten Gewerkschaftsunion (Unione Sindacale) gegenüber standen, legten sich ohne zu zögern und einmütig darauf fest, nicht nur keine neuen Gewerkschaften zu gründen und für die Eroberung der genannten Organisationen von innen heraus zu arbeiten, sondern auch für ihre Vereinigung zu kämpfen. Auf internationaler Ebene trat die italienische Linke einmütig sowohl für die gewerkschaftliche Tätigkeit in den nationalen Verbänden als auch für das Bestehen der Roten Gewerkschaftsinternationale (Profintern) ein, da die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale durch das „Arbeitsbüro" mit dem Völkerbund verbunden und daher eine nicht zu erobernde Institution war. Die italienische Linke, die das Prinzip der Einheit und Gewinnung der Gewerkschaften und Landesverbände aufrechterhielt, widersetzte sich heftig dem Vorschlag, die Profintern aufzulösen, um eine einzige internationale Gewerkschaftsorganisation zu haben. 6. a) Die gewerkschaftliche Tätigkeit des Proletariats hat in den sukzessiven historischen Phasen eine ganz unterschiedliche Politik der bürgerlichen Mächte bedingt. Weil die junge revolutionäre Bourgeoisie jedwede Arbeiterassoziation als Versuch zur Wiederherstellung der antiliberalen mittelalterlichen Zünfte verbot und jeder Streik sofort gewaltsam zerschlagen wurde, nahmen alle ersten gewerkschaftlichen Regungen revolutionären Charakter an. Schon damals wurde im „Manifest" festgestellt, dass jede ökonomische und soziale Bewegung zur politischen Bewegung wird und größte Bedeutung hat, insofern sich dadurch die Arbeiterkoalitionen und -vereinigungen verbreitern; ihre rein wirtschaftlichen Errungenschaften sind hingegen vorübergehend und tasten die Klassenausbeutung nicht an. b) In der darauf folgenden Phase, also der Periode bis 1914, in der keine Kriege geführt wurden und sich ein relativer Wohlstand entwickelte, duldete und legalisierte die Bourgeoisie - die verstanden hatte, dass es, just um die revolutionäre Lösung zu bannen, unerlässlich war, die berühmte „soziale Frage" zuzulassen - die Gewerkschaften, deren Kampf und deren Forderungen sie somit anerkannte. In dieser ganzen Periode war die gewerkschaftliche Tätigkeit Grundlage für die Bildung starker sozialistischer Arbeiterparteien, die - was nur allzu deutlich war - vor allem mit Hilfe des gewerkschaftlichen Hebels große Bewegungen hervorrufen konnten. Der Bankrott der II. Internationale machte sichtbar, dass sich die Bourgeoisie durch ihre Beziehungen und durch Zugeständnisse gegenüber den gewerkschaftlichen und politischen Spitzen, die fast überall die Parteiapparate beherrschten, entscheidenden Einfluss auf einen großen Teil der Arbeiterklasse verschafft hatte. c) Mit dem Wiederaufschwung der Bewegung nach der russischen Revolution und am Ende des imperialistischen Krieges ging es genau darum, die Bilanz des fürchterlichen Scheiterns der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen zu ziehen und das Weltproletariat auf das revolutionäre Terrain herüberzuziehen, indem die verräterischen parlamentarischen und politischen Führer durch die Spaltung der Parteien ins Abseits gestellt würden, und durch die Arbeit der neuen kommunistischen Parteien in den Reihen der großen Arbeiterorganisationen dahin zu kommen, die bürgerlichen Agenten rauszuwerfen. Angesichts der ersten großen Erfolge in vielen Ländern und um den revolutionären Vormarsch zu stoppen, sah sich der Kapitalismus gezwungen, nicht nur gegen die Parteien, sondern auch gegen die Gewerkschaften, in denen eine kommunistische Tätigkeit entfaltet wurde, gewaltsam loszuschlagen und sie zu illegalisieren. Doch wurden in den komplexen Wechselfällen dieser totalitären Regimes nie Maßnahmen zur Zerschlagung der Gewerkschaftsbewegung ergriffen. Umgekehrt, man machte sich daran, ein neues Gewerkschaftsnetz zu bilden, das völlig unter Kontrolle der konterrevolutionären Partei stand, und es, in der einen oder anderen Form, als alleinige, zudem eng an die Verwaltungs- und Staatsmaschinerie gebundene Einheitsorganisation durchzusetzen. Auch wo der, nach dem heutigen politischen Sprachgebrauch, demokratische Liberalismus nach dem Ende des II. Weltkrieges den kapitalistischen Totalitarismus verdrängt zu haben schien, war es um die Gewerkschaften so bestellt, dass ihre Dynamik weiterhin von den Mechanismen staatlicher Kontrolle bestimmt war und in die staatliche Verwaltungsmaschinerie integriert wurde. Der Faschismus, der die alten Forderungen des Reformismus dialektisch realisiert, vollzog auch die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaft, so dass sie zur Trägerin der Tarifverträge mit der Arbeitgeberschaft wurde und schließlich die gesamte Gewerkschaftsorganisation im Käfig des bürgerlichen Machtgefüges steckte. Für die Wahrung und Erhaltung der kapitalistischen Ordnung ist dies Ergebnis wesentlich, eben weil für jede von der kommunistischen Partei geführte revolutionäre Bewegung der Einfluss und Aufmarsch der gewerkschaftlich organisierten Arbeitervereinigungen eine Stufe ist, die nicht übersprungen werden kann. 7. Diese tief greifenden Veränderungen im Gewerkschaftskampf gehen offenbar nicht nur auf die politische Strategie der einander feindlichen Klassen und ihrer Parteien bzw. Regierungen zurück, sondern haben auch wesentlich mit dem veränderten Charakter des ökonomischen Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Lohnarbeiter zu tun. In den ersten Gewerkschaftskämpfen, in denen die Arbeiter, dem Monopol der Produktionsmittel das der Arbeitskraft entgegen zu stellen suchten, war die Schärfe der Auseinandersetzung der Tatsache geschuldet, dass das Proletariat, seit langem schon jeder Reserve beraubt, keine andere Ressource als den täglichen Arbeitslohn hatte und jeder Kampf für die unmittelbaren Interessen zu einer Existenzfrage wurde. Wenn sich einerseits die marxistische Theorie der wachsenden Verelendung bestätigt - weil die Proletarier immer zahlreicher werden, weil den unteren und mittleren Schichten die Enteignung auch der letzten Reserven droht, weil sich durch Kriege, Zerstörungen, Inflation usw. das Heer der Eigentumslosen verhundertfacht, weil die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern ungeheure Ausmaße erreicht, ebenso wie die Abschlachtung der Proletarier durch Kriege, durch Hunger - , steht andererseits außer Zweifel, dass dort, wo die Industrieproduktion blüht, die ganze Palette von Sozialleistungen einen neuen Typus wirtschaftlicher Reserve für die beschäftigten Arbeiter schafft, die, gewissermaßen in Analogie zum Handwerker und Kleinbauern, eine kleine finanzielle Sicherheit garantiert. Der Lohnarbeiter hat somit etwas zu verlieren, was ihn im Augenblick des Gewerkschaftskampfes oder sogar des Streiks und der Revolte unschlüssig oder auch opportunistisch sein lässt; übrigens ein Phänomen, das schon Marx, Engels und Lenin bei der so genannten Arbeiteraristokratie beobachteten. 8. Abgesehen von der situationsbedingten Frage, ob die revolutionäre kommunistische Partei in diesem oder jenem Land an der Gewerkschaftsarbeit teilnehmen oder sich abseits halten soll, laufen die bisher genannten Aspekte dieser Frage auf die Schlussfolgerung hinaus, dass perspektivisch in keiner revolutionären Bewegung auf folgende drei Grundfaktoren verzichtet kann: a) ein breites und zahlenmäßig starkes Proletariat reiner Lohnarbeiter; b) große ökonomische Assoziationen, in denen ein großer Teil des Proletariats organisiert ist; c) eine starke revolutionäre Klassenpartei, in der eine Minderheit der Arbeiter kämpft, und die der Verlauf des Kampfes in die Lage versetzt, den eigenen Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung dem der bürgerlichen Klassenmacht wirksam und auf breiter Ebene entgegenzustellen. Die Notwendigkeit jeder einzelnen und aller drei Bedingungen zusammen, deren fruchtbares Zusammenwirken den Erfolg des Kampfes bedingen wird, geht aus folgenden Faktoren hervor: - dem richtigen Verständnis des historischen Materialismus, der das einfache ökonomische Bedürfnis des Einzelnen in den Zusammenhang der großen sozialen Revolutionen stellt; - der richtigen Perspektive der proletarischen Revolution gegenüber den Fragen der Ökonomie, der Politik und des Staates; - den geschichtlichen Lehren aller Assoziationen der Arbeiterklasse sowohl in den Phasen ihrer Erstarkung und ihrer Siege, als auch in denen ihrer Versumpfung und ihrer Niederlagen. Die allgemeinen Züge der hier dargelegten Perspektive bedeuten nicht, dass es keine großen Ab- und Aufschwünge im Prozess der Veränderung, Auflösung und Neubildung der gewerkschaftlichen Vereinigungen mehr geben könnte, all der Vereinigungen, die in den verschiedenen Ländern sowohl mit den traditionellen Organisationen, die sich erklärtermaßen auf die Methoden des Klassenkampfes beziehen, verbunden sind, als auch diejenigen, die mehr oder minder den verschiedensten Methoden und sozialen, sogar konservativen Richtungen nahe stehen. [Aus technischen Gründen steht der Anhang mit den acht Schemata nur in der Download-Version zur Verfügung.]
Quelle: „Il rovesciamento della prassi nella teoria marxista" - „Partito rivoluzionario e azione economica" - „Appendice (tavole a completamento de Il rovesciamento...)", Bollettino interno del PC internazionalista, 1951. |

