Paris – Juni 1957

Die Grundlagen des revolutionären Kommunismus in der Lehre und Geschichte des weltweiten proletarischen Kampfes

Vorwort

Plan der Darstellung

Zu Beginn unserer Darlegung weisen wir darauf hin, dass hier keine systematische Abhandlung erwartet werden darf, die alle Aspekte in ökonomischer, historischer und politischer Hinsicht umfasst; auch nicht in jener Hinsicht, die als das Bindegewebe all dieser Aspekte angesehen werden könnte und der Originalität unserer Methode, der spezifischen Art und Weise entspricht, in der der Marxismus (mit den seit seinem allerersten Auftreten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegebenen Antworten, die ebenso vollständig wie definitiv sind) die heiklen Punkte des Bandes zwischen Theorie und Aktion, zwischen Ökonomie und Ideologie, zwischen determinierender Kausalität und Dynamik der menschlichen Gesellschaft löst: der Kürze halber nennen wir dieses Bindegewebe mal den philosophischen Aspekt des Marxismus, mal dialektischen Materialismus.

Wenn wir zur Klärung der Begriffe zugleich unsere eigentümliche Sichtweise über die Rolle des Individuums in der Gesellschaft und beider Zusammenhang mit dem Staat, und über die Bedeutung, die die Klasse in dieser Theorie hat, darlegen wollten, würden wir uns noch mehr die übliche Rüge einhandeln, zu abstrakt zu sein. Das heißt, wir würden Gefahr laufen, missverstanden zu werden, wenn wir einen Grundzug unserer Lehre unter den Tisch fallen ließen, nämlich den, dass die Formeln, die diese Fragen lösen, nicht für die Ewigkeit gemacht sind, sondern für jeden geschichtlichen Zeitabschnitt (für uns die verschiedenen Gesellschaftsformen und Produktionsweisen) anders aussehen.

Immer gleich sehen für uns jedoch die marxistischen Lösungen aus, was die Umschwünge in einem bestimmten Zeitabschnitt angeht, weshalb sich unsere Darlegung auch eher auf die heutige unselige Epoche bezieht, die die revolutionäre Bewegung gegen das Kapital seit Jahrzehnten, und gewiss noch für weitere Jahrzehnte, weltweit durchläuft. Wir werden die Ecksteine unserer wissenschaftlichen Lehre an die richtige Stelle setzen, wobei wir jene, die unsere Feinde unentwegt wegzuschlagen suchen, wieder einsetzen, und wir werden ihrem Druck, der alles auf den Kopf stellt und niedermachen will, unseren Druck entgegensetzen.

Dazu lenken wir unser Augenmerk auf drei Gruppen von Kritikern der revolutionären theoretischen Position, wobei wir uns am meisten mit jener Gruppe befassen, die am penetrantesten behauptet, sich auf dieselben Grundsätze und Bewegungen wie wir zu stützen.

Einem ähnlichen Thema hatten wir uns 1952 auf der Versammlung in Mailand zugewandt, wo im 1. Teil „die historische Invarianz des Marxismus“[1] verfochten und gesagt wurde, dass er keine ständig weiterzuentwickelnde Lehre ist, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt, d.h. dem Auftreten des modernen Proletariats, vollendet wurde; der Prüfstein unserer Geschichtsauffassung ist der Nachweis, dass diese Klasse den ganzen historischen Bogen von der Entstehung bis zum Sturz des Kapitalismus mit denselben unversehrt erhaltenen Waffen durchlaufen wird. Im 2. Teil wandten wir uns dem „Falschen Hilfsmittel des Aktionismus“ [2] zu, wobei der Rückgriff auf „voluntaristische“ Illusionen einer Kritik unterzogen wurde, auf die wir auch hier wieder zurückkommen, denn wir haben damit eine höchst gefährliche, den Marxismus entstellende und in den opportunistischen Wellen immer wieder hervorgeholte Form vor uns.

Defilee der Gegner

Zunächst unterschieden wir im oben genannten 1. Teil die unserer Position feindlichen Gruppierungen: Es gibt die Verneiner, die Verfälscher und die Aktualisierer.

Für die Verneiner stehen die offenen Verteidiger und Apologeten des Kapitalismus, der ihnen als endgültige Form der menschlichen „Zivilisation“ gilt. Ihnen schenken wir keine besondere Aufmerksamkeit mehr, denn sie sind von den Schlägen Karl Marx‘ bereits Knock-out geschlagen. Wir schaffen sie uns vom Hals, wie wir die beizeiten erlernten Schläge gegen die anderen beiden Gruppen austeilen. (Stellen wir ein für alle Mal klar, dass die Absicht dieser offen als „Wiederholung“ erklärten Darlegung nicht der definitive Sieg in einem polemischen Wettstreit ist, sondern vielmehr, besonders solange wir uns in den Grenzen einer Zusammenfassung bewegen, uns selbst klar zu definieren und unsere kritischen Merkmale darzulegen, wobei wir nachzuweisen haben, dass es sich um Merkmale handelt, die in mehr als hundert Jahren unverändert geblieben sind.)

Die vorerst theoretische (und morgen gesellschaftliche) Niederlage der ersten Gruppe, der Verneiner des Marxismus, wird dadurch offensichtlich, dass sie sich immer weniger von denen unterscheiden, die die von Marx aufgedeckten Wahrheiten „klauen“; das Wissen, diese nicht widerlegen zu können, ohne sie zu fälschen (wir Revolutionäre hingegen widerlegen ihre klassischen Thesen umso eindeutiger, wie wir sie ohne Angst aufrichtig wiedergeben), lässt sie ins zweite Lager, dem der Verfälscher, und sogar ins dritte (warum auch nicht?) überlaufen.

Die Verfälscher sind dann diejenigen, die in der Geschichte als „Opportunisten“, als Revisionisten, als Reformisten bezeichnet wurden. Im Glauben, Teile aus dem Marx’schen theoretischen Korpus entfernen zu können, ohne ihn insgesamt zu zerstören, beraubten sie ihn der Perspektive des revolutionären katastrophischen Verlaufs und der Anwendung revolutionärer Gewalt. Es gibt aber auch unter denen, die sich zum gewaltsamen Aufruhr bekennen, ganze Scharen von Verfälschern, die mit den Verneinern völlig konform gehen (und ebenso den Aberglauben des Aktionismus teilen). Doch schrecken sowohl die einen wie die anderen vor dem allein dem Marxismus eigenen Inhalt zurück: vor der Klassendiktatur, dem Schreckgespenst der Sozialdemokraten und Anarchisten, und vor der bewaffneten Gewalt – allerdings nicht mehr in der Faust eines Individuums oder einer unterdrückten Gruppe, sondern der siegreichen und befreiten Klasse.

Um 1917 konnten wir der Illusion erliegen, auch die Verfälscher seien unter Lenins Hieben zu Boden gegangen. Doch wir waren, während wir den Oktobersieg – was die Wiederherstellung der Theorie betrifft – für definitiv hielten, unter den Ersten, die sahen, dass weiterhin Bedingungen bestanden, unter denen dieses gemeine Gesindel wieder den Kopf heben würde, das wir heute im Stalinismus und im seit dem 20. Parteitag[3] verkündeten Post-Stalinismus ausmachen.

In die dritte Gruppe der Aktualisierer ordnen wir schließlich die Gruppen ein, die – auch wenn sie den Stalinismus für eine neue Form des von Lenin bezwungenen klassischen Opportunismus halten – die erschreckende Zerrüttung der revolutionären Arbeiterbewegung vermeintlichen, bereits im Marx’schen Bauwerk angelegten Fehlern und Unzulänglichkeiten zuschreiben und es auf sich nehmen, sie zu korrigieren; sie behaupten, dies anhand des realen Entwicklungsganges tun zu können, der der Herausbildung der Theorie nachfolgte und ihr, wie sie lauthals verkünden, widersprochen hätte.

In Frankreich, in Italien, überall gibt es solche Gruppen, in denen – mit katastrophalem Ergebnis – die ersten proletarischen Reaktionen auf die schrecklichen Enttäuschungen wie Streu zerstoben, Enttäuschungen, die den Verzerrungen und Entstellungen des Stalinismus, dieser opportunistischen Schwindsucht, geschuldet sind und die Lenin‘sche III. Internationale zerstörten. Eine dieser Gruppen bezieht sich auf den Trotzkismus, sieht aber in Wirklichkeit gar nicht, dass Trotzki die Stalin’schen Abweichungen von Marx stets verurteilt hat, auch wenn er persönliche und moralische Wertungen überstrapazierte – ein, wie wir wissen, unfruchtbarer Weg, wie der 20. Parteitag noch mal gezeigt hat, der diesen Weg ungeniert eingeschlagen hat und noch übler als Stalin die Traditionen prostituierte.

All diese Gruppen fallen en bloc der Krankheit des Aktionismus anheim und ihre wirklich bedenkliche Entfernung vom Marxismus lässt sie nicht verstehen, dass es sich um denselben Fehler handelt, den schon die deutschen Bernsteinianern und dann Stalins Zöglinge begingen. Jene wollten den Sozialismus innerhalb der parlamentarischen Demokratie fabrizieren, wozu sie die Alltagspraxis der nach ihrem Dafürhalten grauen Theorie entgegensetzten; und die Nachkommen Stalins – mit ihrer abstoßenden Darbietung erhobener Fäuste, vermöge derer sie, ihren Herrschaftsanspruch auf die Spitze treibend, die sozialistische Wirtschaft bereits fabriziert hätten! – rissen die Positionen Marx‘, Lenins und Trotzkis über den internationalen Charakter der sozialistischen ökonomischen Transformation in tausend Stücke.

Stalin ist der Urheber der Bereicherung und Aktualisierung des Marxismus, jener Methode, die jedes Mal wieder die Zerstörung der Anschauung des Proletariats als revolutionärer internationaler Kraft mit sich bringt.[4]

Wir stellen uns also gegen alle drei Gruppen zugleich, doch die wichtigste Klarstellung wird die trügerischen Entstellungen und dünkelhaften Neukonstruktionen der Aktualisierer betreffen, die als modernste Gruppe auch am bekanntesten ist und bei der die Arbeiter heute, nach der stalinistischen Verwüstung, nicht ohne Weiteres die alten historischen Fallstricke erkennen, vor denen man sich nur durch ein Verhalten schützen kann – durch die Rückkehr zu den im „Manifest“ enthaltenen Positionen des Kommunismus. Darin findet sich im Keim unsere gesamte historische und gesellschaftliche Kritik, und wir beweisen, dass alle Geschehnisse im darauffolgenden Jahrhundert, mit all den blutigen Kämpfen und Niederlagen des Proletariats, die Gültigkeit dessen, was irrsinnigerweise preisgegeben werden sollte, nur bestätigt.

I. Klassenpartei und Klassenstaat als die Hauptformen der kommunistischen Revolution

Die große Frage der Macht

Wenn wir, nur um die theoretische Schlussfolgerung zu erleichtern, unsere Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Kritiker der moskowitischen Versumpfung lenken, die ungeachtet der vom 20. Parteitag nach den Ereignissen in Ungarn, Polen und Ostdeutschland ergriffenen präventiven Gegenmaßnahmen bis an die Ränder der offiziellen stalinistischen Parteien im Westen vorgestoßen sind (wobei man aus der offiziellen Moskauer Linie mit mehr als zweideutigen und kleinbürgerlichen Argumenten – z.B. eines Sartre oder Picasso – ausschert), müssen wir festhalten, dass ihr Urteil – das einigen Zuspruch findet – folgendermaßen klingt: Missbrauch der Diktatur! Missbrauch der politischen Partei, die der Disziplinargewalt der Zentrale unterworfen ist! Missbrauch der Staatsmacht als Diktatur! Und das Allheilmittel sucht dieses gemeine Völkchen in: Mehr Freiheit! Mehr Demokratie! Rückführung des Sozialismus in die ideologische und politische Atmosphäre des liberalen und parlamentarischen Wahlrechts! Verzicht auf den Einsatz der Staatsmacht, wenn die verschiedenen politischen Initiativen und Vorschläge, also Meinungen aufeinanderprallen! Bevorzugtes Ziel unserer Schläge sind normalerweise nicht diejenigen, die sich mit solchen Äußerungen offen auf die Seite der bürgerlichen Produktionsweise (die für das ideologische, juristische und politische System Pate steht) stellen, sondern diejenigen, die diese dümmliche Stammelei auf den marxistischen Stamm aufpfropfen wollen.

Unsere Haltung ist die entgegengesetzte: Die von Liebedienerei gegenüber der amerikanischen freien Welt, von Unterwürfigkeit gegenüber der moskowitischen Verderbtheit, von der Anfälligkeit für die furchtbare Seuche des Opportunismus freie revolutionäre Bewegung wird nur dann wiederentstehen, wenn sie die radikale, ursprüngliche marxistische Programmatik wiedererobert und klar die These formuliert, dass der Sozialismus seinem Inhalt nach die der Verteidigung und Sicherung des Kapitalismus entsprechenden Begriffe der Freiheit, der Demokratie und des gewählten Parlaments entweiht, negiert und überwindet, ebenso wie die größte Lüge und konterrevolutionäre Springquelle, nämlich einen den Klasseninteressen und Parteibeschlüssen – folglich: der blödsinnigen Meinungsfreiheit – gegenüber untätigen und neutralen Staat zu fordern, denn ein solcher Staat und eine solche Freiheit sind ungeheuerliche Hirngespinste, die die Geschichte nie gekannt hat und nie kennen wird.

All das hat der Marxismus unbestreitbar von Beginn an erklärt und behauptet; und weiter ist zu sagen, dass die Auffassung über die Anwendung physischer Gewalt gegen die gegnerischen Minderheiten, wie auch Mehrheiten, das Eingreifen zweier, dem marxistischen „Schema“ impliziter Hauptformen zur Voraussetzung hat, nämlich Partei und Staat.

Es gibt ein „marxistisches Geschichtsschema“, insofern die marxistische Lehre – anders ausgedrückt – auf der Möglichkeit, ein Schema der Geschichte zu zeichnen, beruht. Wenn man das Schema nicht herausfinden oder das herausgefundene Schema nicht funktionieren würde, würde der Marxismus nichtig gewesen sein und die Verneiner hätten Recht gehabt; aber wahrscheinlich würde nicht mal das reichen, die Verfälscher und „Bearbeiter“ dazu zu bringen aufzugeben.

Wer sich unserer These, laut der Partei und Staat im marxistischen Schema keine Neben-, sondern Hauptelemente sind, widersetzen und behaupten wollte, das Hauptelement sei die Klasse, während Partei und Staat eine Nebenrolle in der Geschichte und im Klassenkampf spielten, die zudem wie die Reifen eines Autos gewechselt werden könnten, der würde sich erst einmal, und im Schnellverfahren, bei Marx eine blutige Nase holen, und zwar durch seinen, von Lenin in seinem Werk „Staat und Revolution“ angeführten Brief an Joseph Weydemeyer, der voll und ganz zu unserem geschichtlichen Vermögen gehört. Dass es Klassen gibt, schreibt Marx (übrigens 1852), habe nicht ich entdeckt, sondern bereits bürgerliche Geschichtsschreiber und Ökonomen. Nicht einmal den Kampf der Klassen habe ich entdeckt, sondern schon andere vor mir, die deshalb jedoch weder Kommunisten noch Revolutionäre sind. Gegenstand meiner Lehre ist die historische Auffassung der „Diktatur“ des Proletariats – notwendiges Stadium im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Soweit Marx, in einer der seltenen Stellen, wo er über sich selbst spricht. [5]

Die ihrer ökonomischen Stellung nach definierte Arbeiterklasse interessiert uns daher nicht besonders, und kaum mehr jene Arbeitergruppen, die ihre jeweils besonderen Interessenkonflikte mit den anderen Klassen (es sind stets mehr als zwei) beizulegen suchen. Uns liegt an der Klasse, die ihren diktatorischen Staat errichtet, also die bürgerliche Macht besiegt und den bürgerlichen Staat zertrümmert, wie Lenin, der Meister, zur Schande der Zweitinternationalisten, die den Marxismus „vergessen“ hatten, hervorhob.

Wie kann sich eine totalitäre diktatorische Staatsmacht, eine Staatsmaschine, die sich der alten Staatsmacht wie eine siegreiche Armee in den Stellungen der besiegten entgegenstellt, auf eine Klasse stützen? Was ist das Organ? Die Philister sagen sogleich, für uns sei das „der Mann“, für Russland Lenin gewesen, den sie gar mit dem unseligen Stalin gemein zu machen wagen, der heute niedergemacht wird und gestern, heißt es, von seinen Helfershelfern ermordet wurde. Unsere Antwort war und ist mehr denn je eine andere.

Das Organ der Diktatur und des Einsatzes des Staates als Waffe ist die politische Klassenpartei, die Partei, der potenziell die spezifische Aufgabe des Proletariats obliegt: die Transformation der Gesellschaft, denn sie ist Trägerin der Theorie und der langen Kette historischer Kämpfe. Die Partei also. Wir sagen nicht nur, dass sich die geschichtliche Aufgabe und der Kampf ohne den diktatorischen Staat (der die anderen, dann besiegten und unterworfenen Klassen, solange es sie noch gibt, in Schach hält) und ohne die politische Partei, in deren Händen beides liegen muss, nicht verwirklichen lassen. Wir sagen des Weiteren, dass in unserer revolutionären und dialektischen Sprache erst dann von Klasse gesprochen werden kann, erst dann eine dynamische Verbindung zwischen einer heute gedrückten Klasse und einer künftigen revolutionären Gesellschaftsform hergestellt werden kann, sich erst dann auf den Kampf zwischen der Klasse, die den Staat in Händen hat, und der Klasse, die ihn stürzen und durch ihren eigenen ersetzen muss, gestützt werden kann, wenn die Klasse nicht ihrer jetzigen ökonomischen Stellung nach rein statistisch aufgefasst wird, was nur das flache Niveau des bürgerlichen Denkens echot, sondern in ihrer Partei hervortritt, ohne die sie weder lebt noch Kampfkraft entwickelt.

Die Partei lässt sich also nicht nur unmöglich von der Klasse wie ein Neben- von einem Hauptelement abkoppeln; es ist sogar so, dass die modernen Verfälscher des Marxismus, die uns eine ihrer Partei ledige Arbeiterklasse bzw. eine unfruchtbare und ohnmächtige Partei in Aussicht stellen oder irgendeinen Ersatz für sie suchen, die Klasse haben verschwinden lassen, sie haben ihr die Möglichkeit genommen, für den Sozialismus, und selbst ein Stückchen Brot zu kämpfen.

Vor einem Jahrhundert aufgedeckte Irrtümer

Zu solcher Ignoranz haben es die heutigen Bereicherer infolge einer gefährlichen Verwirrung gebracht, die sie verleitet, sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, die bürgerlichen und klein-bürgerlichen Unterstellungen zu eigen zu machen, die auftauchten, als die russische Revolution sich noch auf jener Linie bewegte, die auch sie selbst für glanzvoll hielten und als Klasse, Staat, Partei und Parteikämpfer auf demselben revolutionären Boden standen, eben weil es hinsichtlich jener Leitlinien keinerlei Zögern und Zaudern gab.

Die Bereicherer machen sich nicht klar, dass sie, wenn sie die Partei und ihre Funktion als Hauptorgan der Revolution verwässern, das Proletariat deklassieren und es wehrlos unter das Joch der herrschenden Klasse zwingen, das es nicht abschütteln und noch nicht mal abmildern kann – nicht mal unter einem engeren Blickwinkel. Sie glauben, den Marxismus tatsächlich verbessert zu haben, weil sie aus der Geschichte einen profanen, des letzten Quacksalbers würdigen Schluss gezogen haben: Man soll den Bogen nicht überspannen! Sie merken gar nicht, damit mitnichten eine Verbesserung, sondern nur eine Versklavung erreicht zu haben, genauer gesagt, handelt es sich um einen aus Begriffslosigkeit gezeugten Minderwertigkeitskomplex.

Partei und Staat sind die Kernpunkte schon seit unseren ersten theoretischen Schriften; und es sind zwei Kulminationspunkte der epischen Darstellung des Manifests der Kommunisten.

Im Paragraphen „Proletarier und Kommunisten“ werden zwei revolutionäre Schritte getan. Der erste, schon im vorhergehenden Paragraphen „Bourgeois und Proletarier“ genannte ist die Organisation der Proletarier zur politischen Partei. Kurz zuvor lasen wir den allen bekannten Satz: „Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf“ [MEW 4, S. 471]. Das ist noch deutlicher und deckt sich mit unserer These, wonach das Proletariat historisch eine Klasse ist, wenn es dem politischen und Parteienkampf Leben einzuhauchen vermag. Und wirklich heißt es: „Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei (…)“.

Der zweite Schritt ist die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse. Hier wird die Machtfrage und die des Staates gestellt: „Wir sahen schon oben, dass der erste Schritt in der Arbeiterrevolution die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse ist“ [MEW 4, S. 481]. Und kurz darauf die trockene Definition des Klassenstaates: „ (…) des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats.“

Es ist nicht notwendig vorzugreifen und zu zeigen, dass eine andere der wesentlichen, von Lenin wieder auf die Füße gestellten Thesen ebenfalls in diesem ersten berühmten Text steht – das spätere Absterben des Staates. Die allgemeine Definition: „Die politische Gewalt (…) ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern“ [MEW 4, S. 482], unterstreicht die klassische These: Die öffentliche Gewalt verliert den politischen Charakter, die Klassen, jede Klassenherrschaft, auch die eigene, werden aufgehoben.

Also: Partei und Staat stehen im Zentrum der marxistischen Anschauung. Es gilt: Take it or leave it. Die Klasse außerhalb ihrer Partei und ihres Staates zu suchen, ist vergebliche Liebesmüh‘, sie ihrer zu berauben heißt, der Revolution und dem Kommunismus den Rücken kehren.

Dieser schwachsinnige Versuch, den die „Aktualisierer“ für eine erst nach dem II. Weltkrieg gemachte neue Entdeckung halten, ist schon vor dem Manifest gemacht und ebenfalls davor – mit der großartigen Schmähschrift gegen Proudhon: „Das Elend der Philosophie“ – vereitelt worden. Dieses grundlegende Werk erledigt die, übrigens für jene Zeit sehr fortgeschrittene Auffassung, nach der die gesellschaftliche Umwandlung und Abschaffung des Privateigentums außerhalb des Kampfes um die politische Macht gelingen könnten. Am Ende des „Elends“ gibt es den berühmten Satz: „Man sage nicht, dass die gesellschaftliche Bewegung die politische ausschließt“, der zu unserer unmissverständlichen Aussage überleitet: Unter Politik verstehen wir nicht einen friedlich-schiedlichen Wettkampf der Ideen oder, am allerschlimmsten, einen parlamentarischen Schlagabtausch, sondern: „den Zusammenstoß Mann gegen Mann“, die „totale Revolution“ und letzten Endes, mit den Worten der Dichterin George Sand: „Kampf oder Tod“ [MEW 4, S. 182].

Proudhon scheut den unausweichlich werdenden politischen Kampf, denn seine Auffassung von der gesellschaftlichen Transformation ist verstümmelt, die vollständige Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse nicht vorgesehen; er ist Verfechter des Wettbewerbs und lokaler Genossenschaften und bleibt im bürgerlichen Weltbild des Betriebs oder des Marktes stecken. Er rief aus: Eigentum ist Diebstahl, doch sein System ist weiterhin eines der Warenproduktion, es bleibt am bürgerlichen Eigentum kleben. Seine Kurzsichtigkeit ist dieselbe wie die der modernen „Betriebstümler“, die ja die alte Utopie Owens, wenngleich weniger zielstrebig, nachplappern; Owen wollte ja die Arbeiter, inmitten der bürgerlichen Gesellschaft, durch die ihnen übertragene Leitung der Fabriken befreien. Ob man diese Herren nun Ordinovisten[6] auf italienische, oder Barbaristen[7] auf französische Art nennt – sie tragen den Proudhon‘schen Stempel, der sie zu dem in weiter Ferne liegenden Ursprung befördert, und ihnen, wie auch Stalin, könnte man die Schmähung an den Kopf werfen: Welch Elend der Bereicherer!

Zäher und wieder auferstandener Proudhonismus

Im Proudhon’schen System werden der Austausch zwischen Einzelnen, der Markt, der freie Wille des Käufers und Verkäufers in höchsten Tönen gepriesen und behauptet, der Tauschwert jeder Ware müsse nur dem in ihr enthaltenen Arbeitswert genügen, um jede soziale Ungerechtigkeit beseitigen zu können. Hinter all dem steckt bloß, das zeigt Marx (wie es dann auch gegen Bakunin, Lassalle, gegen Dühring, Sorel, gegen die von uns erwähnten Zwerge bewiesen werden wird), die Apologie und Konservierung der bürgerlichen Ökonomie, wie ja auch nichts anderes hinter der stalinistischen Behauptung steckt, in einer sozialistischen Gesellschaft, wie die russische eine sein soll, bliebe das Wertgesetz in Kraft.

In knappen Zeilen stellt Marx bereits in dieser Schrift den Abgrund zwischen den langen, geistlosen Elaboraten zugunsten des kapitalistischen Systems und dem großartigen Weltbild bezüglich der künftigen kommunistischen Gesellschaft dar. Das ist seine Antwort auf die Proudhon’sche Konstruktion einer Gesellschaft, in der die schrankenlose Konkurrenz und die „rechte Proportion“ zwischen Angebot und Nachfrage das Wunder bewirken, allen die „nützlichsten Dinge“ und die Grundbedürfnisse zum „Minimum des Preises“ zu verschaffen – ewiger kleinbürgerlicher Traum der gehorsamen Diener des Kapitals. Marx krempelt dieses Sophisma leichter Hand um und macht sich darüber lustig, indem er die einfache Aussage, dass bei schönem Wetter viele Leute spazieren gehen, dem Ansinnen Proudhons gegenüberstellt, der seine Leute spazieren gehen lassen will, um ihnen gutes Wetter zusichern zu können.

„In einer künftigen Gesellschaft, wo der Klassengegensatz verschwunden ist, wo es keine Klassen mehr gibt, würde der Gebrauch“ (der Dinge, Produkte) „nicht mehr von dem Minimum der Produktionszeit abhängen, sondern die“ (gesellschaftliche) „Produktionszeit, die man den verschiedenen Gegenständen widmet, würde bestimmt werden durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit“ [MEW 4, S. 93].

Das ist eines der vielen Kleinode, die sich in den klassischen Schriften unserer großen Schule finden lassen, und die zeigen, wie abgedroschen der von Stalin wie auch den antistalinistischen Null-Acht-Fünfzehn-Kommunisten benutzte Allgemeinplatz ist, wonach Marx zwar die kapitalistischen Gesetze, nie aber die sozialistische Gesellschaft beschrieben habe, weil er ja dann… wieder beim Utopismus gelandet wäre. Der allerdings ist Proudhon und Stalin anzulasten, die das Proletariat emanzipieren und zugleich den Warenaustausch beibehalten wollten. Die letzte Version dieses Begehrs ist die Chruschtschow’sche Reform der russischen Industrie.

Der individuelle und freie Austausch, worauf sich die Metaphysik[8] Proudhons stützt, setzt sich im Austausch zwischen Betrieben, zwischen Werkstätten, zwischen von den Arbeitern geleiteten Unternehmen fort, der verstaubten Banalität gemäß, wonach unter Sozialismus die Inbesitznahme des Betriebs durch die jeweils dort tätigen Arbeiter verstanden wird.

Bei seinem Kreuzzug zur Verteidigung der Konkurrenz nimmt Proudhon den höchst modernen Fimmel des industriellen „Wetteifers“ vorweg. Der Fortschritt, hörte man die Biedermänner jener Zeit sagen, die nicht ahnten, weniger reaktionär als die heutigen Chruschtschows zu sein, ist eine Folge des gesunden „Wetteifers“. Für Proudhon ist aber der „industrielle Wetteifer“ nichts anderes als die Konkurrenz selbst. Zum Wetteifern drängt es alle, die um denselben Gegenstand konkurrieren, so wie dies „eine Frau für den Liebenden“ sein kann. Marx bemerkt dazu sarkastisch:

„Wenn das unmittelbare Objekt des Liebenden die Frau ist, so ist das unmittelbare Objekt des industriellen Wetteifers das Produkt und nicht der Profit“ [MEW 4, S. 159]. Da es nun aber in der bürgerlichen Welt um die Jagd nach dem Profit geht, läuft (was nach hundert Jahren immer noch gilt) der industrielle Wetteifer auf die kommerzielle Konkurrenz hinaus, eben die, die Amerikaner und Moskowiter mit ihrem verführerischen Lächeln, das im Zuge der friedlichen Koexistenz um ihren Mund spielt, herbeisehnen.

Wie schon beim verstümmelten Weltbild einer revolutionären Gesellschaft erscheint Proudhon als Pionier der heutigen Neo-Betriebstümler auch hinsichtlich der besonnensten ihrer Positionen: Partei und Staat seien zu mahnen, da sie ja Führer, Hierarchien und Machthaber hervorbringen, die sich aufgrund der Schwäche der menschlichen Natur unvermeidlich in Privilegierte verwandeln, auf dem Buckel der Proletarier zu einer neuen herrschenden Klasse (oder gar Kaste?) werden.

Solchen Aberglauben über die „menschliche Natur“ hat Marx schon damals dem Systemerfinder Proudhon in den Rachen zurückgestopft. „Herr Proudhon weiß nicht, dass die ganze Geschichte nur eine fortgesetzte Umwandlung der menschlichen Natur ist“ [MEW 4, S. 160]. Unter diesem massiven Grabstein mögen ganze Herden von früheren, heutigen und zukünftigen antimarxistischen Dummköpfen ruhen.

Um unsere Aussage zu untermauern, dergemäß wir der „vollständigen Anwendung“ der Waffen Partei und Staat in der Arbeiterrevolution keine, auch keine minimale Zurückhaltung oder Beschränkung auferlegen, wollen wir zur Ausmerzung dieser scheinheiligen Bedenken noch hinzufügen: Den unvermeidlichen individuellen Phänomenen psychischer Erkrankungen – denen Proletarier und Parteikämpfer nicht infolge einer ererbten Natur des Menschen erliegen, sondern infolge der ererbten Natur als Untertan der kapitalistischen Gesellschaft, der furchtbaren Ideologie des Individualismus und der Mythologie der Menschenwürde – vermag nur eine einzige Organisation ein wirksames und heilendes Mittel entgegenzusetzen, nämlich die politische Partei, die kommunistische Partei im Verlauf des revolutionären Kampfes und in der Ausübung der Klassendiktatur, die allein ihr obliegt. Andere Organismen, die sie ersetzen wollen, taugen nicht nur wegen ihrer revolutionären Ohnmacht nicht dazu, sondern auch deshalb nicht, weil sie den verkommenen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Einflüssen hundert Mal leichter erliegen als die politische Partei. Die von verschiedenen Seiten und seit unvordenklichen Zeiten geübte Kritik an diesen Organismen ist eher in historischer als in „philosophischer“ Hinsicht zu leisten, denn es ist auch weiterhin von wesentlicher Bedeutung zu zeigen, wie die von ihren Verfechtern angeführten Gründe verraten, dass sie in der Finsternis einer Ideologie versinken, deren Herkunft und Wesen bürgerlich – oder nicht mal bürgerlich – ist, wie die der Halbintellektuellen, die die Arbeiterbewegung an ihren Rändern heimsuchen.

Nur in der politischen Partei, die den Nicht-Proletarier organisatorisch auf eine Stufe mit dem Proletarier stellt, kann Ersterer zur historischen und theoretischen Position kommen, die sich auf die revolutionären Interessen der Arbeiterklasse gründet, um schließlich, wenn auch erst nach harter historischer Mühsal, in unseren Reihen als revolutionäre Mine, und nicht als bürgerliche Gegenmine nützlich zu sein.

Die Überlegenheit der Partei besteht ja gerade darin, die Infektion des Labourismus, des Arbeitertümlertums zu bezwingen. In die Partei tritt man aufgrund der Position ein, die man selbst im Mann-gegen-Mann-Kampf der historischen Kräfte für eine revolutionäre Gesellschaftsform einnimmt – nicht aufgrund eines gemeinhin sklavischen Einverständnisses des Kämpfers bzw. des Organisierten damit, ein „richtiger Arbeiter“ im Produktionsgetriebe zu sein, des Getriebes also, das die bürgerliche Gesellschaft geschaffen hat und das für sie und ihre herrschende Klasse „normal und gesund“ ist.

II. Die ökonomischen Organisationen des Proletariats als armseliger Ersatz der revolutionären Partei

Geschichte machtloser Systeme

Im Kampf gegen den stalinistischen Verrat und dessen Entstellungen der ökonomischen Theorie – Aspekte, die tausend Mal wichtiger sind als die „Auswüchse der Macht“, die Trotzkisten und Chruschtschowisten zu so unterschiedlichen Zeiten empörten, auch wichtiger als die berüchtigten „Verbrechen“, mit denen das ganze quäkerische Philistertum der „Freien Welt“ allen die Ohren vollschwatzt – haben wir uns immer auf die klassische These von Marx gegen Proudhon gestützt, die im 1. Band des „Kapital“ in einer Fußnote zu finden ist: „Man bewundere daher die Pfiffigkeit Proudhons, der das kapitalistische Eigentum abschaffen will, indem er ihm gegenüber – die ewigen Eigentumsgesetze der Warenproduktion geltend macht!“ [MEW 23, S. 613].

Das ganze Heer angeblicher Antistalinisten stützt sich in seiner Kritik und mit seiner Kampagne neuer Programme auf die alberne Forderung, Partei und Staat zu entgiften – vom revolutionären Standpunkt her heißt das, sie zu sterilisieren –, denn aufgrund der ewigen Machtgier habe Stalin beide missbraucht und ausgenutzt (in Italien gibt man folgende abgedroschene These als Prüfungstext in Latein: Der Tyrann, seine Knechte und das Vaterland! Cicero also als „Aktualisierer“ von Marx avant-la-lettre!). Es ist wichtig zu zeigen, wie all jene, die diese bigotten Befürchtungen hegen (kratzt man ein wenig an der Oberfläche, sieht man sie alle – verzehrt von der Gier nach persönlichen Erfolg – nach Führungsposten streben), in sozio-ökonomischer Hinsicht die reaktionäre Pfiffigkeit Proudhons nachahmen und gegenüber dem historischen Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus, oder zwischen Kommunismus und Warenproduktion, die Augen zumachen.

Die Beweisführung dessen ist zunächst in historischer Hinsicht zu leisten; sie wird das klägliche Ende all der Beiträge zeigen, die – weil man ja die Ungetüme Partei und politischer Staat abwehren will – auf andere Organisationsformen abzustellen versuchen, um die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen das Kapital zusammenzuschließen und die postkapitalistische Gesellschaftsformation zu verwirklichen.

Für den letzten Teil dieser Arbeit haben wir uns den ökonomischen Gesichtspunkt vorgenommen; wir werden also zeigen, dass das Ziel, das Programm all dieser partei- und staatsverneinenden Bewegungen nicht eine sozialistische und kommunistische Wirtschaft, sondern eine kleinbürgerliche Illusion über die Wirtschaft ist, die sie alle samt und sonders im Kräftespiel der Parteien und Staaten des modernen Kapitalismus wieder hat untergehen lassen.

Eine erste präjudizielle These zeigt die innere Beziehung zwischen all diesen antimarxistischen Anstrengungen, die Formeln oder „Rezepte“ für unterschiedliche und wundertätige Organisationsformen zur Grundlage haben. Darin spiegeln sich die ein halbes Jahrhundert alten Banalitäten der politischen Schacherer und Hochstapler wider, die in den Wechselfällen des geschichtlichen Kampfes bloß eine Abfolge von Kostümbildern sehen, wie in der Bekleidungsmode. Diese Neunmalklugen schwatzen so: Motor der französischen Revolution waren die politischen Clubs, und der Schlüssel der Ereignisse war der Kampf unter ihnen (Jakobiner, Girondisten, etc.). Dann kamen die Clubs aus der Mode und es kamen die politischen Parteien auf … danach waren die von den Anarchisten favorisierten lokalen und kommunalen Körperschaften en vogue … mit Beginn des 20. Jahrhunderts traf das supermoderne Rezept der Berufsgewerkschaften den Zeitgeschmack, die alles andere verdrängen und sich mit ihrem revolutionären Potential (Georges Sorel) Partei und Staat gegenüberstellten. Heute (1957) wird eine andere „selbständige“ Form gerühmt, nämlich der Fabrikrat, der von holländischen Tribunisten, italienischen Gramscianern, jugoslawischen Titoisten, sogenannten Trotzkisten sowie „linken“ Froschmäusekriegern[9] auf verschiedenerlei Art aufs Schild gehoben wird.

Das ganze hohle Gerede wurde durch eine einzige These (von Marx, Engels und Lenin) unter die Erde gebracht: Die Revolution ist keine Frage der Organisationsform.

Die Revolution ist eine Frage des Zusammenstoßes historischer Kräfte, des gesellschaftlichen Programms, das den langen Zyklus der kapitalistischen Produktionsweise abschließt. Den alten vormarxistischen Utopismus kennzeichnete, das Ziel auszuklügeln statt es wissenschaftlich in den vergangenen und gegenwärtigen Formbestimmungen, oder Determinanten, aufzudecken; den neuen postmarxistischen Utopismus kennzeichnet, das Ziel zu annullieren und an dessen Stelle die sich bald in diese, bald in jene Richtung bewegende Organisation zu setzen (Eduard Bernstein, Haupt des sozialdemokratischen Revisionismus: „Das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles“).

Wir wollen kurz an die „Vorschläge“ der Kostümbildner erinnern, die das Proletariat als „Bühnendarsteller“ sahen und ihm in schrecklichen Niederlagen das eben hierdurch wieder gestärkte Joch des Kapitals aufbürdeten.

Der Fimmel mit den lokalen „Kommunen“

Die anarchistischen Lehren sind Ausdruck jener These, wonach das Übel die Zentralmacht ist; mit ihrer Beseitigung soll, davon wird ausgegangen, die Frage der Befreiung der Unterdrückten so gut wie gelöst sein. Für den Anarchisten ist die Klasse nur ein sekundärer Begriff, er will das Individuum, den Menschen, befreien, womit er sich das Programm der bürgerlich-liberalen Revolution zu eigen macht – er beschuldigt dieselbe nur, eine neue Macht errichtet zu haben, ohne zu sehen, dass dies einfach die notwendige Folge dessen ist, dass Inhalt und Triebkraft die Herrschaft der neuen Klasse über die Produktionsmittel war, und nicht etwa die Befreiung der Bürgersleute. Der Anarchismus, der Libertarismus – bei etwas vertiefter Analyse auch der Stalinismus, wie er im Westen propagandiert wird – sind bloß der klassische bürgerlich-revolutionäre Liberalismus plus irgendeiner Zutat (lokale Autonomie, Verwaltungsstaat, Teilhabe der arbeitenden Klassen an der Gesetzgebung). Durch derartigen kleinbürgerlichen Blödsinn wird der bürgerliche Liberalismus, der zu seiner Zeit eine ernsthafte und reale Sache war, zu einer eindeutig die Arbeiterrevolution kastrierenden Illusion, von der sie heute bis auf die Knochen durchdrungen ist.

Der Marxismus ist dagegen die dialektische Negation des kapitalistischen Liberalismus. Er will nicht einen Teil davon behalten, um dann Korrektive anzubringen, sondern ihn in der Tat mitsamt den aus ihm hervorgegangenen Institutionen, die auf lokaler und namentlich zentraler Ebene Klassencharakter tragen, zerbrechen. Eine Aufgabe, die nicht einer nebulösen Autonomie und Unabhängigkeit zugetraut wird, sondern der Formierung einer zentralisierten Zerstörungsmacht – eben die der revolutionären Partei und des revolutionären Staates, die durch nichts ersetzt werden können.

Die Vorstellung, das Individuum, die Person zu befreien und zu „autonomisieren“, besteht zuerst einmal in der albernen Formel der subjektiven Verweigerung: Der Einzelne klappt seine Augen zu und ignoriert die Gesellschaft mit ihren drückenden Strukturen, die er nicht zerbrechen kann und der er so sehr wünscht, eines Tages einer Höllenmaschine[10] ausgesetzt zu werden; alles, um schließlich beim in jeder Hinsicht unfruchtbaren Existenzialismus zu landen.

Diese kleinbürgerliche Sehnsucht nach Befreiung des Einzelnen, erwachsen aus dem Hader der kleinen selbstwirtschaftenden und vom Großkapital enteigneten Produzenten, erwachsen also aus der Verteidigung des Eigentums (das für Stirner und andere reine Individualisten eine „Fortsetzung der Person“ ist und nicht verletzt werden darf), diese Sehnsucht also fiel mit dem Vorrücken der Arbeiterheere zusammen, und mit der Zeit setzten sich einige organisierte Formen durch. Zu Zeiten der Krise in der I. Internationale, nach 1870, trennten sich die Anarchisten, die damals noch ökonomische Arbeiterorganisationen und sogar Streiks zurückwiesen, von den Marxisten. Engels stellte damals klar, dass Gewerkschaft und Streik die Frage der Revolution zwar nicht lösen können, von der revolutionären Partei aber nichtsdestoweniger unterstützt werden, da ihre Bedeutung, wie schon im Manifest deutlich gemacht, in der immer weiter um sich greifenden Vereinigung der Arbeiter in Richtung einer zentralisierten und geschlossenen, d.h. politischen Form besteht.

In dieser Phase sprechen die Anarchisten von der revolutionären lokalen „Kommune“, die sie aber nicht klar bestimmen und mal als eine neue Form der Wirtschaftsleitung, mal als eine gegen die bestehende Macht kämpfende Kraft darstellen, die ihre Unabhängigkeit durch das Kappen jeder Verbindung zur Zentralgewalt behauptet. Wir haben es hier mit einer Rückkehr zur ersten kapitalistischen Form der Kommunen des Spätmittelalters in Italien und Flandern zu tun, wo eine junge Bourgeoisie gegen das Kaiserreich kämpfte; dies war damals, wie stets, eine in Hinsicht auf die Entwicklung der Produktivkräfte revolutionäre Tatsache, heute bloß ein mit falschem Extremismus bemäntelter Rückgriff auf jene Zeit.

Das Vorbild eines solchen Lokalorgans ist für die Anarchisten 50 Jahre lang die Kommune von Paris 1871 gewesen; in der viel mächtigeren und unumstößlichen Analyse Marx‘ und Lenins ist sie hingegen das erste große Beispiel der proletarischen Diktatur, des zentralisierten und vorläufig territorial begrenzten proletarischen Staates.

Um das proletarische Paris niederzuschlagen, verzog sich der französische kapitalistische Staat, in Gestalt der Dritten Republik unter A. Thiers, nach Versailles; er hatte keine Skrupel, sein Werk im Rücken und mit Hilfe der preußischen Armee zu tun; nach dem Abschlachten der Kommunarden, die verzweifelt Widerstand geleistet hatten, hielt Marx fest, dass von jenem Tage an alle nationalen Armeen der Bourgeoisie „eins sind gegen das Proletariat“ [MEW 17, S. 361].

Es ist nicht Sache, den geschichtlichen Kampf vom nationalen auf den kommunalen Schauplatz zu verlegen (man denke bloß an eine abgelegene und wehrlose Gemeinde!), sondern auf internationalem Boden zu verankern. Zur Zeit der II. Internationale tauchte sogar eine neue Version des Sozialismus auf (die selbst den unruhigen Geist des Vorkriegs-Mussolini beeindruckte), „Kommunalismus“[11] genannt, womit die Zelle der sozialistischen Gesellschaft mittels Eroberung autonomer Kommunen errichtet werden sollte, aber, ach, nicht mehr mit Hilfe von Sprengstoff, wie bei den Anarchisten, sondern durch Gemeindewahlen! Die damaligen Einwände wären heute müßig, wo der gnadenlose und Marxisten wohlbekannte wirtschaftliche Gang der Dinge über jede lokale Struktur ein immer dichteres Netz geworfen hat, das sie ökonomisch, administrativ und politisch ans Zentrum fesselt: Man braucht sich nur das lächerliche Unterfangen auszumalen, dass jede kleine aufrührerische Gemeinde einen eigenen Rundfunk- und Fernsehsender baut, um die Sender des Erzfeindes, des zentralisierten Staates, zu stören.

Die Vorstellung von Organisationen, die die Arbeiter einer Gemeinde „föderieren“, oder einer Gemeinde, die sich für politisch unabhängig und wirtschaftlich autark erklärt, ist von sich aus verblichen. Die bürgerliche Fiktion der „Autonomie“ ist jedoch bei der Korrumpierung der Köpfe und Lähmung der Hände der Militanten der Arbeiterklasse auch weiterhin im Spiel.

Länger und komplexer ist die Geschichte anderer „unmittelbarer“ Arbeiterorganisationen, die sich auf dem Terrain der Berufsgewerkschaften, der Industriegewerkschaften oder Betriebsräte abschotten. Da diese Formen alternativ zur revolutionären politischen Partei dargestellt werden, deckt sich die Geschichte ihrer Bewegungen und der ihr mehr oder weniger zugehörigen Lehren mit der Geschichte der I. und II. Internationale (womit wir uns gründlich auseinandergesetzt haben). Wir werden uns bemühen, es bei wenigen Hinweisen zu belassen, auch wenn es ein Problem ist, dass die Massen in Europa kaum etwas über diese Geschichte der ungeheuren Opfer wissen, die das europäische Proletariat gebracht hat; notwendig ist, dass es eines Tages wieder dahin kommt, sich diese schrecklichen Lektionen zunutze zu machen.

Die Geschichte der ortsgebundenen Konzepte und des sogenannten anarchistischen, libertären, antiautoritären Kommunismus ist die Geschichte des Opportunismus der I. Internationale, mit der Marx fertig werden musste – was er sowohl durch die theoretische Kritik als auch durch einen harten Kampf um den großen Arbeiterbund gegen Bakunin und dessen Anhänger in Frankreich, Spanien, Italien und der Schweiz tat.[12]

Trotz der Geschichte der russischen Revolution sehen viele „Linke“ und erklärte Gegner des Stalinismus die Anarchisten immer noch als möglichen Rückhalt an. Es musste noch einmal deutlich gesagt werden, dass der Anarchismus ein Durchgangsstadium, die erste Krankheit der Arbeiterbewegung war und den anderen opportunistischen Wellen wie auch dem Stalinismus auf dem Weg voranging, der die historischen und politischen Positionen auf ein zwielichtiges Terrain brachte, um die kleinbürgerlichen und auch Mittelschichten auf die Seite des Proletariats zu ziehen. Darin lag stets die Quelle aller Irr- und Abwege und aller Niederlagen. Nicht die proletarische Führung der „Volksmassen“ war das Ergebnis, sondern die Zerstörung aller proletarischen Merkmale in der Gesamtbewegung und die Knechtung des Proletariats unter das Kapital.

Vor dieser Gefahr hat der Marxismus von Beginn an gewarnt; blamabel zu sagen, wir wüssten ja heute viel mehr als Marx, um ihr entgegen zu treten, derweil das, was bereits vor einem Jahrhundert klar zutage lag, heute nicht verstanden wird. Vor der „Volksausgabe“ der Arbeiterbewegung schauderte auch Engels, wie – neben 100 anderen Textstellen – in der Einleitung zu Marx‘ „Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ deutlich wird.

„Wir teilten nach den Niederlagen von 1849 keineswegs die Illusionen der um die provisorischen Zukunftsregierungen in partibus gruppierten Vulgärdemokratie. Diese rechnete auf einen baldigen, ein für allemal entscheidenden Sieg des ‚Volkes‘ über die ‚Dränger‘; wir auf einen langen Kampf, nach Beseitigung der ‚Dränger‘, unter den in eben diesem ‚Volk‘ sich verbergenden gegensätzlichen Elementen“ [MEW 22, S. 512/13].

Seit damals bestehen für die marxistische Theorie die Grundlagen, um die heutigen Volksausgaben aller Opportunisten „abzutun“, auch die der Kleeblattgrüppchen[13] und Barbaristen, die vor kurzem lange Palinodien bezüglich der ungarischen Ereignisse geschrieben haben, wobei sie nach wie vor eine „Volks“bewegung in eine Klassenbewegung ummünzen.

Das Volk tritt bei all denen an die Stelle der Klasse, die die Arbeiterklasse vor und über die kommunistische Partei stellen und glauben, ihr damit höchste Ehren zu erweisen; tatsächlich aber deklassieren sie die Arbeiterklasse, sie lassen sie im Volk, das nicht weiß, wie ihm geschieht, untergehen und opfern sie der Konterrevolution.

Der Mythos der revolutionären Gewerkschaft

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten die politischen Arbeiterparteien in ganz Europa großen Zulauf und waren organisatorisch sehr mächtig geworden; ihr Vorbild war die deutsche Sozialdemokratie, die nach einem langen und schweren Kampf gegen die „Sozialistengesetze“ Bismarcks das bürgerliche Kaiserreich gezwungen hatte, sie aufzuheben.[14] Bei jeder Wahl bekam sie mehr Stimmen und mehr Reichstagsmandate. Diese Partei hätte die Hüterin der Tradition Marx‘ und Engels‘ sein sollen und dieser Tatsache verdankte sie auch ihr Ansehen in der 1889 gebildeten II. Internationale.

Gerade in dieser Partei nun hatte sich eine neue, revisionistisch genannte Strömung herausgebildet, deren führender Theoretiker Eduard Bernstein war. Er vertrat frank und frei, dass die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre neuen Aspekte in der sozial und international friedlichen Zeit, die dem großen französisch-preußischen Krieg von 1871 folgte, einen anderen Weg als den Marx’schen Weg, somit also „neue Wege zum Sozialismus“ aufzeige.

Die jungen Arbeitermilitanten von heute brauchen sich nicht wundern, wenn es damals dieselbe Losung wie die nach dem russischen 20. Parteitag ausgegebene war, mit genau denselben Worten, die alle für brandneu halten! Der 1912 aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossene italienische Revisionist Bonomi[15] (nach dem II. Weltkrieg Minister in der antifaschistischen Republik), der als Kriegsminister (1920-21) unter Giolitti die Aufgabe erledigte, nicht etwa die Faschisten, sondern die gegen sie kämpfenden Arbeiter zusammenschießen zu lassen, schrieb vor einem halben Jahrhundert (1907) ein Buch mit just diesem Titel: „Le vie nuove del socialismo“, und Giolitti las heraus, die Sozialisten hätten Marx in die Rumpelkammer gestellt. Die heutige Bewegung der internationalen kommunistischen Linken bezieht sich auf die linke Fraktion, die in jener fernen Zeit darauf reagierte, indem sie ihre Zeitung „Die Rumpelkammer“ nannte.

Den Revisionisten zufolge brauchte der Übergang zum Sozialismus und die Emanzipation der Arbeiterklasse angesichts der neuen Situation in Europa und der kapitalistischen Welt keinen Aufstand, der Einsatz von Waffengewalt und die revolutionäre Machtergreifung waren nicht notwendig; die Marx’sche Hauptthese – die Diktatur des Proletariats – räumten sie komplett aus dem Weg. An die Stelle unserer „Theorie des katastrophischen Verlaufs“ trat der legale und der Wahlkampf, der Kampf im Rahmen der parlamentarischen Gesetzgebung bis hin zur Teilnahme gewählter Sozialisten in bürgerlichen Ministerien (Possibilismus, Millerandismus)[16], um Gesetze zu Nutz und Frommen der Arbeiterschaft durchzudrücken. Eine Taktik, die bis zum I. Weltkrieg auf den internationalen Sozialistenkongressen stets abgelehnt worden war; mit Beginn des Krieges wurden Kollaborateure wie Bonomi (nicht aber die Turatis in Italien, oder die Bernsteins in Deutschland) aus der Partei geworfen.

Auf diese Entgleisung der Politik, und zudem der Theorie der sozialistischen Parteien (worauf wir hier nicht näher eingehen können), reagierten breite Arbeiterschichten mit einer Welle von Misstrauen gegenüber der Partei als solcher, weshalb dann auch die antimarxistischen und anarchistischen Kritiker derselben gute Karten hatten. Es waren zuerst die weniger breit verankerten Strömungen (in Deutschland die Linksradikalen, in Italien die kompromisslosen Revolutionäre, anderswo die Orthodoxen, die Ultras etc.), die sich auf den Boden des Kampfes gegen den Revisionismus stellten und sich das Ziel setzten, der ursprünglichen Lehre des Marxismus treu zu bleiben.

Diese Strömungen, für die in Russland der Bolschewismus mit Plechanow (der wie Kautsky in Deutschland mit dem I. Weltkrieg unter die Räder kam) und Lenin stand, haben keine Sekunde lang die Forderung nach der Partei und – mit voller Klarheit nur bei Lenin – nach dem Staat, was heißt der Diktatur des Proletariats, fallen lassen. Doch für vielleicht ein Jahrzehnt nahm eine andere Schule den Kampf gegen den sozialdemokratischen Revisionismus auf, nämlich der revolutionäre Syndikalismus, dessen theoretischer Kopf George Sorel[17] war, obschon die Ursprünge sicher weiter zurückreichen. Diese politische Richtung besaß starke Bastionen in den romanischen Ländern. Kämpfte sie zunächst in den Reihen der sozialistischen Parteien, trat sie bald aus diesen aus – sei es aufgrund der Wechselfälle des Kampfes, sei es getreu ihrer Theorie, wonach die Partei als Organ der Klassenrevolution außer Diskussion stand.

Die bevorzugte Form der Arbeiterorganisierung war für sie die Gewerkschaft, die nicht nur an vorderster Front den Klassenkampf für die Verteidigung der praktischen Tagesfragen führen sollte, sondern sich auch, und zwar ohne sich einer politischen Partei unterzuordnen, auf die Führung des revolutionären Entscheidungskampfes zur Zertrümmerung des kapitalistischen Systems vorzubereiten hatte.

Die Sorelianer und der Marxismus

Wir würden zu weit abkommen, wenn wir die Herausbildung und Entwicklung jener Lehre – ob bei ihrem ideologischen Führer Sorel oder den buntscheckigen Gruppen, die ihm in den verschiedenen Ländern folgten – untersuchen wollten. Wir hatten schon deutlich gemacht, lediglich ihre historische Bilanz und ihre sehr fragwürdige Perspektive einer zukünftig nicht-kapitalistischen Gesellschaft zusammenzufassen.

Sorel und so mancher seiner auch in Italien agierenden Anhänger erklärten gleich zu Beginn, gegenüber den pazifistischen und evolutionistischen Entstellungen der sich im Rahmen der Legalität bewegenden Revisionisten die wahren Nachfolger Marx‘ zu sein. Sie mussten aber schließlich zugeben, einen anderen, nur auf den ersten Blick linken Revisionismus zu vertreten; in Wirklichkeit waren ihre Ursprünge die gleichen wie beim rechten Revisionismus und bargen auch die gleichen Gefahren.

Das, was Sorel von Marx beizubehalten glaubte, war die Anwendung von Gewalt und der Zusammenstoß der Arbeiterklasse mit den bürgerlichen Institutionen und Gewalten, vor allem mit dem Staat. Er zeigte so, sich treu an die Kritik Marxens zu halten, laut der der moderne, aus der liberalen Revolution erwachsene demokratische und parlamentarische Staat das eigentliche Organ zur Wahrung der Interessen der herrschenden Klasse ist, deren Macht auf verfassungsmäßigem Wege nicht gebrochen werden kann. Die Sorelianer forderten die illegale Aktion, die Anwendung der Gewalt, den revolutionären Generalstreik, und sie machten aus dieser Losung in einer Zeit ihr höchstes Ideal, in der solche Losungen bei den meisten der sozialistischen Parteien vehement verleugnet wurden.

Auch wenn der Sorel’sche Generalstreik – worin die Theorie der „Direkten Aktion“ gipfelt (das „direkt“ meint, ohne gesetzlich gewählte Mittler zwischen Proletariat und Bourgeoisie) – gleichzeitig für alle Arbeitszweige, alle Städte eines Landes und sogar auf internationaler Ebene vorgesehen ist (wenngleich die konkreten Beispiele dafür ausblieben), behält der syndikalistische Aufstand doch das Aussehen und die Grenzen der Aktion Einzelner oder bestenfalls einzelner Gruppierungen bei und kommt nicht zum Begriff der Klassenaktion. Das liegt an seinem Abscheu vor einer revolutionären politischen Organisierung, die natürlich auch ein militärisches und nach dem Sieg staatliches Aussehen aufweist: Arbeiterstaat, Diktatur. Die Sorelianer indes, die 30 Jahre nach Bakunin dessen Nachfolge antreten, wollen weder die Partei noch den Staat noch die Diktatur. Der als siegreich vorausgesetzte Generalstreik fällt (gleichen Tags?) mit der Expropriierung (Sorel: „expropriierender Generalstreik“) zusammen; diese Anschauung des Übergangs von einer Gesellschaftsform zu einer anderen ist so haltlos und verwaschen wie sie kurzlebig und enttäuschend war.

Diese pseudo-radikale Losung des expropriierenden Generalstreiks fand 1920 in Italien – auf dem Höhepunkt der Begeisterungswelle für Lenin, die Partei, die Machtergreifung und die „expropriierende“ Diktatur – sowohl bei den „Maximalisten“ als auch bei den „Ordinovisten“ ihren Niederschlag; und damals, wie des Öfteren später, mussten ihnen, ohne Furcht für Brandlöscher gehalten zu werden, die marxistischen Leviten gelesen werden.[18]

Sorel und all die, die eigentlich bloß seine Epigonen sind, stehen außerhalb des marxistischen Determinismus; die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und Politik stehen für sie bloß auf dem Papier. Für Individualisten und Voluntaristen ist erst mal eine „Bewusstheit“ über die eigene Lage zu schaffen, bevor die Revolution gewaltsam gemacht werden kann. So wird der Marxismus, Lenin zeigt das in „Was tun?“, auf den Kopf gestellt. Wenn tief im Inneren der Person Bewusstheit und Wille (unterstellt es gäbe sie dort) entfacht würden, so heißt es, werden bürgerlicher Staat, Klassenteilung, Klassenstimmung im Handumdrehen dem Erdboden gleichgemacht. Die Alternative: kapitalistische Diktatur oder kommunistische Diktatur, begreifen sie nicht, und aus dieser Bedrängnis kann ihnen nur ein historisch möglicher Weg helfen, nämlich Ersterer wieder auf die Beine zu helfen. Ob dieser Weg bewusst gewählt wird oder nicht, ist eine Frage, die ihnen alles bedeutet – uns hingegen nichts.

Im Weiteren liegt uns nichts daran, Georges Sorels folgerichtige Bahn – vom Idealismus zum Spiritualismus in den Schoß der katholischen Kirche – nachzuzeichnen.

Der Prüfstein des Weltkrieges

Wie wir schon mehrfach erwähnten, können wir hier nicht die ganze Geschichte der sozialistischen Bankrotterklärung beim Ausbruch des I. Weltkrieges wiedergeben. Wir wollen uns bloß ins Gedächtnis rufen, ob der Zerfallsprozess nur die politischen Parteien oder auch die Gewerkschaften und Ideologen der syndikalistischen Schule betraf, die keine Partei sein wollten, es aber doch waren – mit der kleinbürgerlichen Schicht als Basis, trotz ihres Aberglaubens, eine reine Arbeiterbewegung zu sein. Damals bildeten sie „Gruppen“, die ihre Position auch nicht klarer benannten als die Anarchisten seit jeher und sich als unpolitisch, außerparlamentarisch, wahl- und parteienfeindlich bezeichneten. Es gibt ganz aktuelle Beispiele dafür, wie all diese Schamhaftigkeit gegenüber der Partei, gegenüber revolutionärer Politik diese schwankenden und sich nicht festlegenden Gruppierungen schließlich doch nicht davon abhält, in den bürgerlichen und opportunistischen Parteien zu agieren und für schmierige Klassenverräter Wahlkämpfe zu führen. Hauptsache Autonomie!

Unbestritten ist, dass wir den scheußlichen Bankrott der größten sozialistischen Parteien miterleben mussten, was auf der anderen Seite die Vorlage für die zur Zeit Lenins vollbrachte Wiederherstellung des Marxismus war. Sollen wir von Lenin reden, der drei Wochen lang nicht einmal für seine unvergleichliche Gefährtin zu sprechen war, der die Nachrichten nicht glauben wollte und die Zeitungen unter seinen Füßen zertrat, der in seinem Zimmer in der Schweiz rastlos wie ein Tier im Käfig hin und her ging?

Wir nehmen nichts von dem zurück, was wir stets gegen die Verräterparlamentarier gesagt und getan haben, die den Kriegskrediten zustimmten und bei jenen den Burgfrieden predigenden Parteien mitmachten. Infolge der 9 Monate Galgenfrist bis zum Kriegseintritt entwickelte sich in Italien eine „Rauferei“, um die Desertion der sozialistischen Parteiführer, wenige Tage vor der Mobilmachung, zu vereiteln. Die Parteileitung hielt sich gut, und die Parlamentsfraktion, obschon von der reformistischen Strömung dominiert, die gegen den Generalstreik war, gelobte, gegen den Kriegskredit und die Regierung zu stimmen, was sie dann auch einstimmig tat.[19] Die am meisten defätistische Haltung nahmen die Gewerkschaftsführer ein, deren Sabotage des Streikaufrufs wir aufzudecken hatten: Sie gaben vor, ein Scheitern des Streiks zu fürchten, in Wahrheit jedoch fürchteten sie aus patriotischen Beweggründen dessen Erfolg.[20]

In allen Ländern schleppten die großen Gewerkschaftsverbände die politischen Parteien mit sich auf einen Weg, der beide mit absoluter Schande bedeckte. So war es in Frankreich, in Deutschland oder in Österreich. In England ging das größte Monster aller Zeiten, der Champion der Konterrevolution, die Labour Party, der die Trade Unions (Gewerkschaften) angeschlossen sind, geschlossen auf die Kriegsseite über, während die kleine sozialistische Partei Englands eine oppositionelle Haltung einnahm.

Die sorelianischen Kritiker des Parlamentarismus hatten zu Recht viele seiner Schandtaten angeprangert, aber nicht daran gedacht, dass die bei den Regierungsbehörden antichambrierenden Arbeiterabgeordneten von den Gewerkschaftsfunktionären, die ihren Mitgliedern materielle Zugeständnisse verschaffen wollten, dazu gedrängt worden waren. Wie Lenin bzw. Marx und Engels (in ihren Briefen über die deutsche Konterrevolution 1850) feststellten, liegt der Grund für den Opportunismus, dessen schlimmste Eiterbeule beim Ausbruch des Krieges aufplatzte, nicht im Verrat oder in der Feigheit der revolutionären Führer – das ist nur die unvermeidliche Begleiterscheinung. Der Opportunismus ist vielmehr eine soziale Tatsache, ein zwischen den Klassen unterirdisch geschlossener Kompromiss, den zu ignorieren wahnwitzig wäre. Mit der Befreiung vom Kriegsdienst hatte der Kapitalismus den Industriearbeitern einen Pakt angeboten. Wenn sich die Eisenbahner-Gewerkschaft dem Gewerkschaftsbund und dessen Ablehnung des Streiks entgegenstellte, wobei die Eisenbahner Gefahr liefen, den „Blaumann“ doch ausziehen zu müssen, war das ihrer politischen Stärke und der Bindung zu verdanken, die zwischen dieser kämpferischen Arbeiterorganisation und dem radikal-linken Flügel der marxistischen Partei bestand.

In der Krise von 1914, wie in allen anderen, wenn auch weniger spektakulären Krisen, waren die Gewerkschaften ein Klotz am Bein der politischen Parteien, bzw. die Gewerkschaftsfunktionäre, die allerdings von den Arbeitern nicht davongejagt wurden, ebenso wenig wie die Führer von den Parteikämpfern oder die Abgeordneten von den sozialistischen Wählern. Als die Sorelianer als Heilmittel gegen den Revisionismus vorschlugen, die Parteien zu boykottieren und sich in die Arbeitergewerkschaften zu flüchten, übersahen sie all diese offenkundigen Zusammenhänge.

Und noch mehr ereignete sich in Italien und Frankreich, wo es auch Gewerkschaftsbünde der anarcho-syndikalistischen Richtung gab. Mit ihrem Sekretär Jauhoux[21], einem eingefleischten Sorelianer und Feind der französischen Partei und ihrer Parlamentsfraktion, war diese in Frankreich sogar die größte. Doch nicht nur Jauhoux mit seiner Gewerkschaft und ihren Massen (abgesehen von einer anfangs verschwindend kleinen Minderheit) folgten der mordspatriotischen Politik der sozialistischen Abgeordneten, sondern auch der berühmte und gelehrte Anarchist Éliséo Reclus[22] und der noch berühmtere (wenn auch hirnige) Gustave Hervé[23]: Anführer der europäischen Antimilitaristen, Direktor der „La guerre sociale“, Organisator der „citoyen-browning“ (der Revolverbürger), der sich dafür aussprach, die „nationale Fahne auf dem Misthaufen zu hissen“. Ab 1916 nannte er seine Zeitung „La victoire“, gab sich den giftigsten Hasstiraden gegen die „boches“[24] hin und heuerte dann beim ihm gebührenden Misthaufen an.

Aus den Reihen der Sorelianer kam also nichts Besseres als aus denen der SFIO[25], obwohl diese auch damals schon keinen Pfifferling wert war. Die parteifeindlichen Gewerkschafter endeten wie die Guesdes[26] und Cachins[27], die mit dem Geld des französischen Staates die Zeitung Mussolinis kauften (wir meinen hier Marcel Cachin, der, nach einem hitlerischen Intermezzo, Kommunist und Résistanceler wurde).

Italien: Angesichts der Haltung der CGL wurde die Unione Sindacale Italiana[28] gegründet. So beseelt der große Gewerkschaftsbund der CGL auch vom schäbigen Reformismus war, machte er doch zu keinem Zeitpunkt bei der Kriegspolitik mit. Die Anarchosyndikalisten spalteten sich hingegen in zwei Gewerkschaftsbünde: einer, der gegen den Krieg auftrat, der andere, mit De Ambris[29] und Corridoni[30], war offener Kriegsbefürworter. Die Partei, die SPI, bewährte sich besser: Als im November 1914 das Ausschlussverfahren gegen Mussolini stattfand, erhob sich nicht eine Stimme zu seiner Verteidigung.

Die Betriebsorganisation

Die Bereitschaft, die politische Arbeiterpartei preiszugeben, um den Schwerpunkt des revolutionären Kampfes auf die Gewerkschaft zu verlagern, entbehrt, zieht man die historische Bilanz, jeder Grundlage. Zum anderen geht sie in theoretischer Hinsicht Hand in Hand mit der völligen Aufgabe des Fundaments der marxistischen Lehre und kann im Übrigen nur von denjenigen bekundet werden, die – wie schlussendlich auch die Sorelianer und davor die Bakunisten – dem Bekenntnis zur ökonomischen und „philosophischen“ Lehre des Marxismus abschwören. Das Argument, wonach ihrer Herkunft nach nicht strikt aus der Arbeiterklasse stammende Personen den Parteien beitreten und schließlich die Leitungsposten an sich reißen, was in den Gewerkschaften angeblich nicht passieren soll, ist, wie historische Beispiele zuhauf zeigen, nicht haltbar.

Die Enge des gewerkschaftlichen Horizonts gegenüber dem politischen ist der Tatsache geschuldet, dass nicht die Klasse, sondern der Berufszweig den gewerkschaftlichen Hintergrund bildet und die mittelalterliche Trennung der Gewerbe nach Zünften noch immer nachhallt. Mit der jüngsten Umwandlung der Berufs- in Industriegewerkschaften ist kein Schritt nach vorne gemacht worden – ein Tischler z.B., der in einer Autofabrik malocht, ist nicht Mitglied der Tischler- sondern der Metallarbeitergewerkschaft. Bei beiden aber kommt die Verbindung zwischen den Mitgliedern an der Basis bloß zwischen denen zustande, die nur die Probleme ihrer jeweiligen Produktionssparte gemeinsam haben, nicht aber die sozialen Fragen überhaupt. Die Interessen zwischen den örtlichen, beruflich oder betrieblich gegliederten Arbeitsgruppen können lediglich durch einen Funktionärsapparat zusammengehalten werden.

All die jeweils besonderen Interessen können also nur in der Parteiorganisation, die die Arbeiter weder nach Berufen noch nach Sektoren trennt, hinter sich gelassen werden.

Nach dem I. Weltkrieg, als allen klar vor Augen geführt worden war, dass der Verrat an der sozialistischen Sache nicht allein den Parlamentsfraktionen und Parteien anzulasten war, sondern eben auch den großen Gewerkschaftsverbänden, erhielt die Überbewertung eines neuen Organisationstyps der Industriearbeiter Auftrieb, nämlich der Fabrikrat.

Die Theoretisierer dieses Typs versicherten, diese Form drücke besser als alle anderen die geschichtliche Funktion der modernen Arbeiterklasse aus, und zwar in doppelter Hinsicht. Die Verteidigung der Arbeiterinteressen gegenüber den Fabrikherrn geht von der Gewerkschaft auf den Fabrikrat über, welcher zudem mit allen anderen durch ein „System“ lokaler, regionaler und nationaler „Räte“ sowie dem aller Industriezweige vernetzt ist. Und dann kam eine neue Forderung aufs Tapet: die der Kontrolle, und später auch der Leitung über die Produktion. Die Räte sollten ein Mitspracherecht nicht nur hinsichtlich der Behandlung der Arbeiter, also was Löhne, Arbeitszeiten und andere Arbeitsverhältnisse angeht, haben, sondern auch, was die wirtschaftlich-technischen Abläufe angeht, die bis dahin der Unternehmensentscheidung oblagen: Fertigungsprogramme, Rohstoffbeschaffung, Absatzmärkte. Das nach einer Reihe solcher „Errungenschaften“ zu realisierende Ziel war die totale Arbeiterkontrolle der Produktion, d.h. die tatsächliche Entfernung, Expropriation der Fabrikherrn.

Dieses zunächst verführerische Trugbild wurde sofort, zumindest in Italien, von den revolutionären Marxisten als Hirngespinst durchschaut. Die Frage der Zentralmacht hat in dieser Perspektive keinen Platz, denn es ist unterstellt, dass bürgerliche Staatsmacht und eine höhere Stufe der Arbeiterkontrolle – und sogar, jedenfalls über eine gewisse Anzahl von Fabriken, die Arbeiterverwaltung koexistieren (ein erstes Beispiel für das Zusammenleben von Wolf und Lamm!).

Stellt man in Rechnung, dass in diesem hypothetischen System ein einheitlicher Wirtschafts- und Produktionsplan (den die klassischen Revisionisten immerhin noch einem von der Arbeiterklasse mit friedlichen Mitteln eroberten politischen Staat anvertrauen wollten) flachfällt, weil ihn faktisch die lokalen Verwaltungen durchkreuzen, sieht man, dass es sich hier bloß um einen neuen Revisionismus, einen Reformismus in eher verschlimmerter als verbesserter Ausgabe handelt.

Während sich die klassischen Revisionisten – unter formalen Gesichtspunkten – auf die offene Sabotage von Klassengewalt und Klassendiktatur beschränkten, ist hier leicht festzustellen, dass es sich um ein genauso antimarxistisches System wie das des Sorel’schen Syndikalismus handelt. Die unter Verdacht stehen Figuren: Klassenpartei und Klassenstaat werden in ähnlicher Art und Weise aus der Szenenabfolge entfernt. Und letztlich kommen uns in beiden Varianten Revolution und Sozialismus abhanden.

Da in den folgenden Jahrzehnten der trivialen Skepsis gegenüber den beiden Formen Partei und Staat weiterhin Glauben geschenkt wurde, kam es dahin, den „Inhalt des Sozialismus“[31] mit folgenden beiden Postulaten zu verwechseln: Kontrolle über die Produktion und Leitung der Produktion seitens der Arbeiter. Das soll der neue Marxismus sein.

Hat Marx denn etwas über den „Inhalt des Sozialismus“ gesagt? Nein, er gab auf eine so metaphysische Frage keine Antwort. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder ein scheußlicher Saft sein. Wir können uns als Marxisten nach dem Prozess fragen, der zum Sozialismus führt, und wir können uns fragen, welche Beziehungen zwischen den Menschen im Sozialismus sein werden. In beiderlei Hinsicht sind die Antworten: Kontrolle über die Produktion, Leitung der Fabrik, oder die andere, die oft damit einhergeht: Autonomie des Proletariats, blanker Unsinn.

Wenn wir Bezug auf den historischen Prozess nehmen, der, ausgehend von einer durch und durch kapitalistisch-industriellen Gesellschaft, zum Sozialismus führt, so haben wir vor ca. einem Jahrhundert gesagt, wie wir ihn sehen: Entstehung des Proletariats – Organisation der Proletarier zur politischen Partei – Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse. Und erst ab diesem Moment geht es mit der Kontrolle über die Produktion und Leitung der Produktion los – nicht in der Fabrik und seitens des Rats der Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und seitens des von der Klassenpartei geführten Klassenstaates.

Erst recht verlieren die Phrasen von Arbeiterkontrolle und -leitung jeglichen Sinn, wenn sich diese Suche nach dem albernen „Inhalt“ auf die durch und durch sozialistische Gesellschaft bezieht. Darin ist die Gesellschaft nicht mehr in Produzenten und Nicht-Produzenten zergliedert, da es ja keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn wir diesen lauen Ausdruck verwenden wollen) des Sozialismus ist mitnichten die Autonomie, Kontrolle oder Leitung auf Seiten des Proletariats, sondern dessen Verschwinden. Und das Verschwinden des Lohns. Und das Verschwinden des Austausches, auch des letzten im Kapitalismus, nämlich zwischen Geld und Arbeitskraft. Und schließlich das Verschwinden des Betriebs. Nichts wird zum Kontrollieren und Leiten da sein, nichts und niemanden, dem gegenüber Autonomie zu verlangen wäre. Mit solchen ideologischen Rückflüssen zeigt man nur sein völliges theoretisches und praktisches Unvermögen, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die eben nicht bloß eine miserable Kopie der bürgerlichen ist. Autonomie (die eigene) wird nur gegenüber einer schweren Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur gefordert. Der noch blutjunge Marx, der gerade die Hegel’schen Formeln hinter sich gelassen hatte (an die solche Leute immer noch glauben), hätte entgegnet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die des bourgeois, des „eigentlichen und wahren Menschen“, findet [MEW 1, S. 366].

Geschichte des „Fabriksozialismus“

Ihre Vorläufer haben die Räte der italienischen Ordinovisten in den angelsächsischen Ländern und ihre Vorfahren in den alten Handwerkerzünften, die ja nicht für den Kampf gegen einen bürgerlichen Fabrikherrn, sondern für den Kampf gegen andere Zünfte und herrschaftliche und grundherrliche Formen entstanden.

Als die russische Revolution zum Zerrbild wurde und dieses erste Kapitel der proletarischen Revolution in einen Kampf der Arbeiter- und Bauern für die „Eroberung des „Bodens“ umgedichtet wurde, entwickelte sich auch die platte Parallele der „Eroberung der Fabrik“. Mit solchen Formeln kommt man völlig vom Königsweg der Eroberung der Macht, und der Gesellschaft, ab. An anderer Stelle haben wir uns mit der Lenin’schen Beantwortung dieses Problems für Russland, bei der Behandlung der Agrar- und Industriefrage, befasst, wir brauchen das jetzt nicht wiederholen. Als den Syndikalisten und Anarchisten klar wurde, dass sich die Lenin’sche „Arbeiter- und Bauernkontrolle“ aus der Kontrolle der Regierungsmacht ergab und sich nur auf Betriebe bezog, die der Staat noch nicht enteignen konnte, entzogen sie der russischen Revolution ihre Sympathie. Die Versuche russischer Arbeiter, die Betriebe selbständig zu leiten, waren, auch mittels Gewalt, zu unterbinden, um unsinnige und sich politisch und militärisch antisozialistisch auswirkende Katastrophen abzuwenden.

Die Verwirrung um den Staat der Arbeiterräte, auf lokaler Ebene agierenden politischen Organen und der ordinovistischen Fiktion des Staates mit seinen sich selbst und selbständig leitenden Fabrikräten, wurde bald beigelegt. Es reicht, die Leitsätze des II. Weltkongresses zur Gewerkschaftsfrage und den Arbeiterräten zu lesen, in denen die Aufgaben solcher Organe vor und nach der Revolution geklärt werden. Der Schlüssel der marxistischen Lösung ist die Präsenz der kommunistischen Partei in beiden Organisationen und deren Unterordnung unter den revolutionären Staat (von wegen Autonomie). In unserer Untersuchung zu Russland haben wir die damals stattfindenden Diskussionen über dieses Thema innerhalb der Partei wiedergegeben.[32]

Wir möchten an dieser Stelle kurz auf die Erfahrungen in Italien eingehen. 1920 ereigneten sich die berühmten Fabrikbesetzungen. Missmutig über die feigherzige Haltung der großen Gewerkschaftsverbände und unter dem Druck – nach der ersten Nachkriegseuphorie – der wirtschaftlichen Lage sowie der vermutlichen Offensive der Industriellen verbarrikadierten sich die Arbeiter in den Fabriken und organisierten, nachdem sie die Führungskräfte hinausgejagt hatten, die Verteidigung, wobei sie manchmal versuchten, die Produktion aufrecht zu erhalten und sogar die Erzeugnisse in den Handel zu bringen.

Diese Bewegung hätte sich glänzend entwickeln können, wenn das italienische Proletariat im August, September 1920 eine entschlossene und schlagkräftige Partei gehabt hätte. Doch die Situation sah folgendermaßen aus: Ungeachtet des Einheits-Parteitages in Bologna 1919 und dem Erdrutschsieg der SPI bei den kurz darauf folgenden Wahlen, mit ca. 150 Parlamentssitzen, fast einem Drittel der Mandate, steckte die sozialistische Partei mitten in der Krise; eine weitere krisenhafte Erscheinung betraf die Scheinradikalität der „Maximalisten“ um Serrati – erst mit der Spaltung der SPI und Gründung der kommunistischen Partei fanden die Probleme ein Ende.[33]

Beschlüsse wurden stets auf gemischten Sitzungen gefasst, d.h. neben der Parteiführung (wobei auch einige Randorganisationen, die untereinander in Streit lagen, teilnahmen) waren sozialistische Parlamentarier und Gewerkschaftsführer anwesend. Vergeblich bestand die Linke darauf, dass nur die Partei die Fragen des politischen Arbeiterkampfes aufgreifen und die entsprechenden Losungen ausgeben kann: Als Parteimitglieder hätten Abgeordnete und Gewerkschaftsfunktionäre diese dann zwar umzusetzen, aber nicht festzulegen, zumal es um Aktionen auf nationalem und in erster Linie politischem Terrain ging.

Andererseits lieferte eine Orgie scheinradikaler Positionen den Beweis dafür, wie verheerend sich in der Partei das Fehlen fester theoretischer Grundlagen auswirkt. Der breite und großherzige Aufruhr der Fabrikbesetzungen[34] wurde mit der Bildung von Sowjets, bzw. Arbeiterräten verwechselt, und gerade diejenigen, die sich der Parole der Machteroberung entgegenstellten, redeten davon, die Errichtung von Sowjets zu proklamieren. Sie vergaßen die völlig klaren Positionen Lenins und der Weltkongresse, wonach die Sowjets keine Körperschaften sind, die mit dem herkömmlichen Staat koexistieren können; sie tauchen vielmehr in der Periode des offenen Kampfes auf, wenn der Staat schon angeschlagen ist, um an die Stelle der legislativen und exekutiven Organe zu treten. Die allgemeine Verwirrung und irrwitzige Zusammenarbeit zwischen Revolutionären und auf dem Boden des Gesetzes Agierenden führte zur völligen Lähmung des Turiner Aufruhrs.

Der Anführer der Bourgeois, Giolitti, hatte jedenfalls eine klarere Sicht auf die Dinge. Natürlich hätte er, und verfassungsrechtlich wäre das auch nicht zu beanstanden gewesen, die die Anlagen besetzt haltenden Arbeiter mit Waffengewalt hinausexpedieren lassen können. Unbekümmert um die Aufstachelung seitens der Rechten und der gerade den Schauplatz betretenden Faschisten hütete er sich allerdings schwer davor. Da bei den Arbeitern und ihren Organen ja keinerlei Absicht zu erkennen war, aus den besetzten und praktisch stillgelegten Fabriken mit den Waffen in der Hand heraus zu kommen, um die Polizei- und Militärkräfte anzugreifen und zu versuchen, die Verwaltungsbehörden und Polizeiämter zu besetzen, würde der Hunger sie schon zur Vernunft bringen und die eingenommenen und nicht zu haltenden Stellungen aufgeben lassen. Giolitti erließ praktisch keinen einzigen Schießbefehl, und doch brach die Bewegung kläglich zusammen; nach einigen kleinen Zwischenfällen waren die kapitalistischen Fabrikherrn samt den Managern wieder im Besitz der Fabrik bzw. deren Leitung – unter denselben Verhältnissen wie ehedem. Der Sturm hatte sich gelegt, ohne die Klassenmacht und die Klassenprivilegien ernsthaft gefährdet zu haben.

Die Nachkriegsjahre in Italien, wie auch die Geschichte des Faschismus, zeigen überdeutlich, dass der Arbeiterkampf auch unter günstigsten Bedingungen zum Scheitern verurteilt ist, wenn es keine revolutionäre Partei gibt, die fähig ist, radikal die Machtfrage zu stellen.

Es handelte sich um den Bankrott jener Formel, die die Revolution für die politische Kontrolle der Gesellschaft, den Sturm auf den bürgerlichen Staat und die Errichtung der proletarischen Diktatur durch die fußlahme Illusion der Eroberung und Kontrolle der Produktionsbetriebe durch die Arbeiter ersetzen will, organisiert in Fabrikräten, welche die gesamte Belegschaft ohne Rücksicht auf politische Richtlinien und Parteizugehörigkeit einbegreifen.

Die italienische Strömung des Ordinovismus kam damals nicht an den Punkt, die Entbehrlichkeit der Partei zu behaupten, weil die Wechselfälle in der III. Internationale sie dazu brachte, mit den Befürwortern jener Taktik konform zu gehen, die Verbindung zu allen, auch reformistischen und opportunistischen Arbeiterparteien aufzunehmen gewillt waren, und weil ihre Ideologie eine der Einheitsfront zwischen Arbeitern, Industriellen und Kleinbürgern war. Die nachfolgenden Ereignisse und die Geschichte des triumphierenden Opportunismus in Italien wie auch innerhalb der Internationale zeigen, wie gefährlich es ist, wenn der Aktion die Theorie der sich selbst genügenden, der revolutionären Sache genügenden Betriebsräte zugrunde liegt, und wie gefährlich die Illusion ist, wonach der Sieg des Kommunismus gewährleistet sei, wenn die einzelnen Produktionsbetriebe aus den Händen des Unternehmers in die der Belegschaft überführt würden. Die wirkliche Frage, das gesamte menschliche Leben auf neue Grundlagen zu stellen und neu zu strukturieren, bleibt dabei total außen vor; doch dieser Fragestellung inhärent ist, das alte, nur auf der Produktion basierende Revolutionsschema, in dem das Netzwerk der mit den konkreten tagespolitischen Fragen befassten gewerkschaftlichen und betrieblichen Organisationen integraler Bestandteil ist, zunächst zu entlarven und dann bis auf den Grund niederzumachen.

Vergebliche Rückkehr zu hohlen Formeln

Jede Welle des Involutionsprozesses, den die große russische Tragödie erzeugte und erzeugt, zieht neue Versuche nach sich, gewisse proletarische Organisationsformen wiederzubeleben, die jedenfalls andere sind als die, worauf die Pioniere der Oktoberrevolution den ungeheuren Krafteinsatz stützten, der sie am Ende des ersten großen Weltkrieges an die Spitze des sich nähernden proletarischen und antikapitalistischen Vormarsches stellte – die Rede ist von der politischen Partei und der proletarischen Diktatur.

Aus solch bangem Misstrauen gegenüber den Organisationsformen Partei und Staat – unverzichtbar für die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse – wird keine theoretische und praktische, der Wiederaufnahme der Klassenbewegung nützende Architektur hervorgehen. Der kindische Einwand beschränkt sich darauf zu glauben, der Mensch komme aufgrund seiner Natur unweigerlich immer an den Punkt, die Macht nicht mehr zur Verteidigung der gesellschaftlichen Kräfte, die ihm das Mandat gaben, auszuüben, sondern zur Verteidigung der individuellen Interessen und der eitlen Herrschsucht des in Partei und Staat Machtfunktionen bekleidenden Subjekts.

Der Marxismus erbringt den Beweis, dass dies mitnichten in der menschlichen Natur angelegt ist und das Handeln der Einzelnen von Kräften gelenkt wird, die durch gesellschaftliche Interessen und Bedürfnisse bestimmt sind, sowohl wenn es um das Handeln Einzelner geht, die als einfache Moleküle parallel mit den anderen reagieren, als auch – und mehr noch – wenn es um Elemente geht, die von der gesellschaftlichen Dynamik an die entscheidenden, an die Knotenpunkte des geschichtlichen Kampfes gespült wurden.

Entweder lesen wir die Geschichte als Marxisten oder wir schlittern mitten in die akademischen Masturbationen, die gewaltige Ereignisse mit den Machenschaften eines Königs begründen, der, sagen wir, die Thronfolge mit eben diesen, zur Wirkungsursache erklärten Machenschaften zu legitimieren vermag, oder mit den glänzenden Siegen eines Kriegsherrn, die er infolge seines Drangs nach unsterblichem Ruhm vollbringt! Das Zusammenspiel von bewusster Voraussicht, Willenskraft und direkt auf Gesellschaft und Geschichte wirkendem Ergebnis sehen wir als etwas an, das mit Sicherheit nicht dem Individuum angehört: Das gilt nicht nur für den im sozialem Magma unauffindbaren armen Teufel, sondern mehr noch für den Gekrönten, die Herrschaft, den mit Amt und Würden Bekleideten, den von Titeln und Ehrenbezeichnungen strotzenden Namen. Gerade so jemand ist es ja, der nicht weiß, was er will, und nicht erreicht, was er glaubte zu erreichen, und für den sich der historische Determinismus, man verzeihe das noble Bild, eine gehörige Menge von Fußtritten in den Allerwertesten vorbehält. Es sind die Führer, die in der Geschichte am ehesten die Funktion von Marionetten erfüllen.

Wenn wir die Aufeinanderfolge aller Revolutionen mit dem Schlüssel der Überwindung einer Produktionsweise durch eine andere untersuchen, zeigt sich in der Regel jeweils zu Anfang eine dynamische Phase, in der eine gesellschaftliche, auf größeres Wohlleben gerichtete Determinante Kämpfer hervorbringt, die in den vordersten Reihen stehend großen Entbehrungen standhalten und außer dem eigenen Leben die „politische Laufbahn“ opfern; sie gehorchen den noch unentzifferten Kräften, die mit der neuen, aus der Geschichte hervorbrechenden Gesellschaftsform einhergehen. Zum Ende hin löst sich die Dynamik der Gesellschaftsform auf, weil eine andere gegensätzliche daraus erwächst und die konservative Verteidigung der überkommenen Form immer mehr dahin drängt, sich ihres Fortbestands mittels persönlicher Selbstsucht, individuellen Arrangements mit den Verhältnissen und krasser Korruption zu versichern, wie uns Erpresser, Prätorianer, feudale Höflinge, Priesterlüstlinge und niederträchtige Bürokraten der modernen Geschäftstüchtigkeit vorgeführt haben.

Trotz alledem wird der Kapitalismus, gar noch in einem Meer von Zynismus und existenzieller Hybris aller Büttel und Schergen der Bourgeoisie schwimmend, beharrlich und mit riesigem Kraftaufwand verteidigt. Gegen seinen Sturz stemmen sich die Netzwerke der Staaten und der nämlichen politischen Parteien der herrschenden Klasse, die bei mehr als einer historischen Wende demonstriert haben, wie sie sich zu einer einzigen konterrevolutionären Macht formieren (wobei wir nicht nur das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien im Auge haben, sondern, wenn wir ein wenig hinter die Heuchelei blicken, auch England, Amerika, Russland). Unter anderem haben sie uns vorgeführt, dass sie es wagen, uns unsere umstürzlerische Kraft der Geheimnisse über die unterirdischen Erschütterungen in der Geschichte zu stehlen!

 

Gerade wir sollten so dumm sein, der Kraft und Form Schande zu machen, die unsere unbändige und ureigene Energie wird annehmen müssen: der revolutionären Partei und dem unbeugsamen Staat der Diktatur? An den Knotenpunkten ihrer Struktur werden sicherlich Personen mit besonderen Funktionen stehen und es wird sich zeigen, dass sie keine Machenschaften betreiben und nicht mit Geheimnissen, Ränkespielen und Überrumpelungen aufwarten, sondern eisern, unerbittlich an die Aufgaben gehen, die das geschichtliche Werden den Organen in der unumkehrbaren Revolution der Wirtschafts- und Gesellschaftsformen vorschreibt.

Der Vorschlag, in irgendwelchen Organismen außerhalb der Partei Garantien gegen die Versumpfung eines Führers oder Funktionärs zu suchen, bedeutet nichts anderes als die Verleugnung unseres ganzen theoretischen Bauwerks.

Tatsächlich gibt es das Netz von „Führern“ und „Hierarchien“ in anderen Organismen ebenso wie in der Partei, und im Allgemeinen wird es auch nicht nur aus Arbeitern geknüpft. Ein schmerzhafter Aspekt unserer Erfahrungen hat deutlich gemacht, dass z.B. einen Gewerkschaftsposten übernehmende Ex-Arbeiter gewöhnlich eher dazu neigen, ihre Klasse zu verraten als aus nicht-proletarischen Schichten kommende Personen: es gibt Tausende von Beispielen dafür.

Diese ganze Palinodie steht gemeinhin unter Losungen wie: Hinein in die Massen! Innigere Bande zu den Massen knüpfen, Eroberung der Massen etc. Wer sind die Massen? Sie sind die Klasse noch bar der historischen Energie, d.h. ohne Partei, die sie an ihren revolutionären Weg bindet, also die nur an die Ketten ihrer Stellung im bürgerlichen Gesellschaftsgefüge gefesselte, in ihre Lage der Befangenheit gebannte Klasse. Oder aber, in bestimmten historischen Situationen gehen die Massen quantitativ über die Arbeiter„klasse“ hinaus, weil sie auch die halbproletarischen Schichten einbegreifen.

Unsere mit der marxistischen Schule in absolutem Einklang stehende Ausarbeitung zeigt ein doppeltes historisches Moment dieser Situation; wir können das zuvor Gesagte zusammenfassen, wenn wir dies doppelte Moment klar unterscheiden.

Als die bürgerliche Revolution noch vor ihrem Ausbruch stand und die feudalen Formen noch niederzuringen waren, wie zum Beispiel 1917 in Russland, gab es in diesen noch nicht proletarischen „Volks“-schichten gegen die Staatsmacht und die Spitzen der Gesellschaft gerichtete Kräfte und Energien: Ein rascher Übergang ließ zu, die Reihen des damaligen Proletariats durch diese Schichten zu ergänzen, so dass es nicht nur quantitativ verstärkt wurde, sondern auch ein potenziell revolutionärer Faktor hinzukam, der in dem Übergangsstadium unter der Bedingung genutzt werden konnte, dass es eine klare Geschichtsauffassung und eine mächtige selbständige Parteiorganisation der Arbeiterdiktatur und deren Hegemonie gab, die wiederum durch die Bindungen mit dem Weltproletariat garantiert wurde.

Lässt dann aber der revolutionäre, antifeudale Druck langsam nach, werden diese, das revolutionäre und klassenbewusste Proletariat „einrahmenden“ Schichten sogar noch reaktionärer als die Großbourgeoisie. Jeder Schritt, mit dem man sich ihnen gegenüber bindet oder verpflichtet, ist opportunistisch, zerstört die revolutionäre Kraft, macht sich gemein mit der Konservierung des Kapitalismus. Das gilt heute für die ganze weiße Welt.

Seitdem die heutigen russischen Opportunisten immer rasanter jede revolutionäre Richtung verleugnen, haben sie zwar die Parteiform noch nicht zum alten Eisen geworfen, doch in jeder neuen Phase ihres Involutionsprozesses rechtfertigen sie sich mit dem Verweis auf die Massen, und ihnen liegt sehr daran, sich ihres Konsenses zu rühmen.

Einen anderen historischen Beweis a posteriori für die völlige Haltlosigkeit dieses alten leidigen und langweiligen Rezepts und dafür, dass es der Beseitigung der revolutionären Partei zugrunde lag, brauchen wir nicht.

III. Die kleinbürgerliche Entstellung der Merkmale der kommunistischen Gesellschaft in den „syndikalistischen“ und „betriebstümlerischen“ Auffassungen über die proletarische Organisation

Unersetzbarkeit der Partei

In der mit dem Gramsci’schen System zum höchsten Ausdruck gebrachten Forderung nach einer vollständigen strukturellen Vereinbarkeit der Kampforganisation der Arbeiter mit dem Produktionssystem der bürgerlichen Industriewirtschaft (worauf sich heute wieder verschiedene Gruppen von Kritikern der stalinistischen Verfälschung beziehen) gibt es parallel zur Ohnmacht auch das Unvermögen, die gegensätzlichen Merkmale zwischen der heutigen und zukünftigen Wirtschaftsstruktur, also die der kommunistischen Gesellschaft, zu unterscheiden. Damit bleibt diese Forderung weit hinter den klassischen Resultaten der vom Marxismus errichteten Kritik der heutigen Ökonomie zurück

Ihr ökonomischer Irrtum passt in allem zu den Irrtümern des stalinistischen Systems, die noch enorm verschlimmert wurden in der mit dem russischen 20. Parteitag eingeleiteten post-stalinistischen Phase, also just zu der Zeit, in der man die Fahne der Kritik und der Korrektur des Stalinismus hisste. Der Irrtum besteht noch immer darin, dem Trugbild einer Gesellschaft aufzusitzen, in der die Arbeiter innerhalb der Gemeinde, innerhalb des Berufszweiges und der Fabrik die Partie gegen die Unternehmer gewonnen haben, jedoch in den Maschen einer fortdauernden Marktwirtschaft hängen geblieben sind und nicht merken, dass dies die gleiche Sache wie im Kapitalismus ist.

Die Merkmale einer nicht-kapitalistischen und nicht-warenproduzierenden Gesellschaft, wie sie aus der wirklichen marxistischen Untersuchung als Resultat einer kritischen und von jedem Quäntchen Utopismus freien wissenschaftlichen Voraussicht hervorgehen, können in programmatischer Hinsicht allein von der Partei besessen und formuliert werden, da sie eben nicht versklavt ist und die gesellschaftliche Stellung, die der Kapitalismus der werktätigen Klasse aufzwingt, nicht „teilen“ muss. Das Zurückscheuen vor den notwendigen Formen Partei und Staat führt zum völligen Verlust der programmatischen Errungenschaften – über die sich die Partei der marxistischen Schule sehr wohl im Klaren war – hinsichtlich des Gegensatzes der kommunistischen gegenüber der kapitalistischen Gesellschaftsform. Es genügt, an die Forderungen zu denken, zu denen das marxistische Programm gelangte: Aufhebung der gesellschaftlichen und technischen Arbeitsteilung, was heißt, die Grenzen zwischen den einzeln bewirtschafteten Betrieben niederzureißen, Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, gesellschaftliche Zusammenfassung von Wissenschaft und praktischer menschlicher Tätigkeit – das genügt schon, um zu verstehen, dass jeder „konkrete“ Entwurf für die proletarische Organisation und Aktion, der eine „Rückkehr“ des gegenwärtigen Gefüges der ökonomischen Welt zulässt, dazu verurteilt ist, hinsichtlich der dem Kapitalismus angehörenden Merkmale und Grenzen keinen Ausweg finden zu können und dabei nicht zu merken, konterrevolutionär zu sein.

Aus diesem Unvermögen können, wenn auch nur nach vielen Hindernissen, nur Organe heraus führen, die errichtet werden, ohne irgendeinen Aspekt aus den Institutionen und Organisationen der bürgerlichen Welt zu entlehnen – und diese Organe können nur die Partei und der proletarische Staat sein: In ihnen ist die zukünftige Gesellschaft vor ihrem geschichtlichen Gewordensein schon gespiegelt, während sich in den Organen, die wir die wirtschaftlichen und konkreten Arbeiterorganisationen nennen und in denen die gegenwärtige Gesellschaft kopiert und ihre Physiologie wie ein Abdruck im Boden konserviert ist, im Grunde nur die Wiederholung und Rettung derselben widerspiegelt.

Die kommunale Form

Wenn die Anarchisten, die sich um 1870 mit Marx in der I. Internationale stritten, die bürgerliche Ökonomie verdammten und dabei die Macht des Übergangs übersahen, der von der Untersuchung des Binnenmarktes zur Erforschung der Gesetze seiner weltweiten Ausbreitung, zur Bedeutung der Bildung des Weltmarktes führt, zeigt dies eben (auch wenn sie sich dem Militarismus und Patriotismus verbal entgegenstellten), wie eng ihr Horizont und wie absonderlich die verbreitete Ansicht ist, sie seien „vorgeschrittener“ als Marx gewesen.

Die moderne Bourgeoisie vollendet – stellt Marx klar – ihre Aufgabe mit der Schaffung des Weltmarktes, woraufhin in den am meisten entwickelten Ländern nur noch, ohne weitere Zwischenphasen, die proletarische Diktatur zu erkämpfen ist, deren internationale Macht nach der Zerschlagung der mit dem Kapitalismus entstandenen Nationalstaaten immer breiter werden wird. Die Anarchisten indes wollen den kapitalistischen Staat zerschlagen, um ihn dann, wenn auch nicht durch die unbegrenzte Autonomie jedes Individuums (einschließlich des gestrigen Bourgeois), so doch durch die Autonomie kleiner Einheiten zu ersetzen, was meint, durch die auch in ihren Beziehungen untereinander autonomen Produzentenkommunen.

Durch was sich diese abstrakte, auf lokale Kommunen gegründete zukünftige Gesellschaftsform von der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft unterscheidet und welch andere Wirtschaftsformen ihre Struktur prägen, lässt sich nicht ausmachen. Jene, die diese Form konzipierten, wie Bakunin und Kropotkin, haben sie nur mit philosophischen Weltbildern, aber nicht mit einer Kritik der historisch bis jetzt feststellbaren Gesetze der Produktion in Verbindung gebracht. Wo sie diese Kritik von Marx übernommen haben, wussten sie nur einen armseligen Teil der Folgerungen daraus zu ziehen: Frappiert vom Konzept des Mehrwerts – einen ökonomischen Lehrsatz – haben sie darin lediglich die moralische Verurteilung der Ausbeutung gesehen und deren Ursache in der „Macht des Menschen über den Menschen“ ausgemacht.

Außerstande, dialektisch zu denken, konnten sie beispielsweise nicht begreifen, dass beim Übergang von der persönlichen Aneignung des Produkts sowie der Arbeit des Leibeigenen seitens des Grundherrn zur Mehrwertproduktion auf kapitalistischem Boden eine wirkliche „Befreiung“ von drückenderen Formen der Knechtschaft und Unterdrückung vor sich ging. Gleichwohl blieb die Notwendigkeit einer Klassenteilung und Staatsmacht bestehen, zu Nutz und Frommen der Bourgeoisie, doch zu jener Zeit auch zum Vorteil der ganzen Gesellschaft.

Einer der Gründe für die höhere Arbeitsleistung durch die Mühen aller sowie, bei gleicher Arbeit, einer höheren Durchschnittsentlohnung war die Herausbildung des Binnenmarktes und die Arbeitsteilung zwischen Industriezweigen, die ihre Zwischen- und Fertigprodukte frei zirkulierend austauschten und den Markt immer erbitterter, auch über die Landesgrenzen hinaus zu erweitern suchten.

Völlig übereinstimmend mit der marxistischen Gesamtdarstellung mehrte sich der Reichtum der Bourgeoisie und die Macht jedes Staates, somit auch die Mehrwertproduktion (dass aus dem Gesamtstock des jährlichen Produkts immer mehr Mehrwert herausgezogen wird, muss nicht unmittelbar zu Lasten der unteren Klassen gehen, denn der höhere Abzug kann durchaus mit einer gewissen Arbeitszeitverkürzung und größeren Bedürfnisbefriedigung einher gehen). Um aber die kapitalistische Macht zu zerstören, ist die Vorstellung Unsinn, den Nationalstaat handkehrum wieder in Kleinstaaten, die das vorbürgerliche Mittelalter charakterisierten, zu zerschlagen. Geradezu rückständig ist dann die Vorstellung, die Ökonomie der Produktiv- und Konsumgenossenschaften in jene engen Grenzen eines Kleinstaates zu bannen, bloß um hier das Herausziehen des Mehrwerts durch ein paar Müßiggänger zu unterbinden.

In einem solchen System einander gleichgeltender Gemeindeglieder sind die in Arbeitsstunden gemessenen Kosten einer Tagesration aller Erwachsenen (reden wir nicht über das popelige Thema, wer diejenigen, die nicht arbeiten wollen, zur Arbeit zwingen wird) mit Sicherheit viel höher als in einem Land, sagen wir: dem modernen Frankreich, wo der Warenfluss zwischen den Gemeinden beständig ist und ein bestimmtes Erzeugnis aus einer Region bezogen wird, wo es weniger schwierig herzustellen ist – trotz der „hundert Familien“, die ihren Teil absahnen.

Der Kommune würde jedenfalls nur eine Verkehrsform bleiben, worin die Erzeugnisse wechselseitig ausgetauscht werden, und auch, wenn wir einräumen, eine „universelle Bewusstheit“ allein regele schiedlich-friedlich die Beziehungen zwischen den wirtschaftlich jeweils selbständigen Gemeinden, würde durch nichts zu verhindern sein, dass es aufgrund der Äquivalenzschwankungen zwischen den Waren zu Abzügen von Mehrwert und -arbeit einiger Kommunen durch andere käme.

Dieses fantastische System kleiner Gemeinden entpuppt sich als philosophische Karikatur des „self governement“, der Selbstregierung der Kleinbürger aller Zeiten. Es ist leicht einzusehen, dass wir hier ein System der Warenproduktion genauso wie in Russland unter Stalin und seinen – die Arbeiter immer noch mehr drückenden – Nachfolgern vor uns haben. Ein System, in dem das Geld das allgemeine Äquivalent ist (ohne den Staat mit seiner Notenpresse?!), ein völlig bürgerliches System, das für den normalen Arbeiter bedrückender ist als ein System großer nationaler und imperialer Industrien.

Die syndikalistische Form

Bei unserer politisch-historischen Kritik der syndikalistischen Auffassung vom Arbeiterkampf wiesen wir die theoretische Dürftigkeit und die negativen Erfahrungen hinsichtlich der These: Gewerkschaft gegen bürgerlichen Staat nach. Diese These bringt die Absicht zum Ausdruck, ohne das Kampforgan der politischen Partei und ohne das Leitungsorgan des so unentbehrlichen wie historisch vergänglichen revolutionären Staates auskommen zu können bzw. zu sollen. Denn sowohl für die Funktion der Kampfführung als auch für die der Organisation und Leitung der dann nicht mehr kapitalistischen, sondern proletarischen Ökonomie reichte laut der Ideologie Sorels und der Seinen die Gewerkschaft allein völlig aus.

In diesem Kapitel geht es darum zu zeigen, dass eine solche Position nur dann eingenommen wird, wenn das Wissen um die Merkmale der dem Kapitalismus nachfolgenden und entgegengesetzten Produktionsweise verblasst und verloren gegangen ist und schließlich zu einem Gebilde außerhalb der Geschichte wird: Ein Gebilde, das weder realisiert werden kann noch realisiert werden wird und bloß als halbbürgerliches Hirngespinst existiert, gespeist aus einem gewissen Hass gegen die Unternehmerbourgeoisie, doch unfähig, den radikalen Gegensatz zwischen der heutigen Gesellschaft und jener zu erfassen, die mit dem Sieg des Proletariats entstehen wird.

Jede in der Geschichte auftretende opportunistische Welle hat große Verwirrung angerichtet, vor allem hinsichtlich des Programms der zukünftigen Gesellschaft, das von politischen, sich auf den Marxismus berufenden Parteien verfochten wurde, die sich aber dann mit der Aussage desavouierten, die Formulierung eines solches Programms (das als maximales bezeichnet wurde, weniger um es einem unmittelbaren und „minimalen“ entgegenzuhalten, sondern um sich darüber zu mokieren) sei total pleonastisch. Natürlich war und wird der Kampf lange dauern, um zu zeigen, dass wir seit dem ersten Auftreten der marxistisch revolutionären Strömung im Besitz der entscheidenden Merkmale eines solchen Programms sind. Aber größer noch wäre die Bürde, wenn wir nur ein verschwommenes Bild von der zukünftigen Gesellschaft hätten, wie sie aus der Zerschlagung und dem Zusammenbruch des bürgerlichen Staates als Folge eines Sieges der Gewerkschaften über die Arbeitgeberschicht hervorgehen würde.

Bezüglich der Genossenschaften zeigt die Geschichte der sozialistischen Strömungen Missverständnisse zuhauf. Die Genossenschaften sind Abkömmlinge des vormarxistischen Utopismus, doch sie wurden auch in grundlegenden Texten mit der sozialistischen Ökonomie verwechselt. Der Zusammenhang zwischen dem Utopismus und der gesellschaftlichen Perspektive von Produktionsgenossenschaften wird weiter unten deutlicher werden, wenn wir uns mit der Fabrikrätebewegung, der betriebstümlerischen Strömung befassen. Gegenüber einer sorelianisch-syndikalistischen Anschauung der Gesellschaft nach der Niederlage der Kapitalisten haben wir uns zunächst zu fragen, ob die Zelle der Gesellschaft von Berufsgenossenschaften auf lokaler Ebene – also kleine Verwaltungsbezirke – gebildet werden soll oder von der Berufsgewerkschaft auf nationaler und potenziell internationaler Ebene.

Wir müssen dabei im Auge behalten, dass im Räderwerk der ökonomischen Widerstandsorganisationen, wie es sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts abzeichnete, immer stärker eine Körperschaft durch ihre fieberhafte Aktivität herausragte, nämlich die Arbeitskammer, die in Frankreich „Bourse du Travail“ hieß. Erinnert die erstgenannte Bezeichnung an den miefigen Parlamentarismus, ist letztere schlimmer, weil sie an einen Arbeitsmarkt, den Verkauf von Arbeitern an den meistbietenden Fabrikherrn denken lässt und noch weiter von dem Kampf entfernt scheint, in dessen Perspektive jede Spur einer angeblich unverzichtbaren Arbeitgeberschaft ausgemerzt ist. Während jedenfalls die einzelnen Branchengewerkschaften und ihre weniger homogenen und zentralisierten Landesverbände unter dem Einfluss der jeweiligen Berufsgruppen – mit ihren diffizilen und beschränkten Forderungen – standen, kamen die städtischen und provinziellen Arbeitskammern, die die Solidarität zwischen den Arbeitern verschiedener Arbeitszweige und -stätten förderten, dahin, sich Klassenfragen auf höherer und klar politischer Ebene vorzulegen: Es wurden wirkliche politische Fragen erörtert, nicht die abgedroschenen Fragen der Wahlpolitik, sondern die der revolutionären Aktion, auch wenn die Arbeitskammern aufgrund ihres lokalen Charakters nicht völlig die Mängel loswurden, die wir in unserer Kritik der „kommunalistischen“ und lokalen Formen untersucht haben.

Stärke der zwischengewerkschaftlichen Formen

Wir könnten nun über Episoden der roten Nachkriegsjahre in Italien sprechen, als – nach energischen Appellen, die mit offenem Visier im Namen der sozialistischen und dann kommunistischen Parteigruppen gemacht wurden – das spezifische und rege Organ der Arbeitskammer, „Consiglio Generale delle Leghe“[35] genannt, Protestaktionen mit langem Atem beschloss, sogar ohne die Formalität einer Sitzung der Gewerkschaftsfunktionäre einzuhalten. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war es in Frankreich an der Tagesordnung, dass die „Sûreté“[36] vor den Kampfwellen zitterte, die von den „Bourses du Travail“ losgetreten wurden. Ohne sich dessen bewusst zu sein, waren sie politische Organe des Kampfes um die Macht, doch die reformistischen und zuweilen auch anarchistischen gewerkschaftlichen Bonzokratien setzten auf die lokale Abschottung, um Bewegungen nationaler Tragweite zu verhindern (so wie auch beim 1919 versuchten internationalen Streik zur Verteidigung des von den Armeen der Entente angegriffenen Russlands).

Während der Fabrikbesetzungen im September 1920 zogen die verschreckten Krämer ihre Rollläden wieder hoch, so dass bei den Arbeitskammern Verbrauchsgüterdepots angelegt werden konnten, die an die Arbeitslosen verteilt wurden – eine Sache, die über die gewerkschaftlichen Fragen des Arbeitslohns hinausweist. Vor allem den Arbeitskammern ist zu verdanken, dass der höchste Prokurator der bestehenden Ordnung, Giovanni Giolitti, einen kühlen Kopf behielt und uns nicht als Diebe vor Gericht stellte, was juristisch sogar rechtens gewesen wäre.

In der darauf folgenden faschistischen Phase waren es nicht die Aktionen der Truppen Mussolinis (denen wir, als die Zeit dafür kam, eine Reihe blutiger Niederlagen bescherten), sondern die Streitkräfte, mitsamt ihrer Artillerie (wie in Empoli, Prato, Sarzana, Parma, Ancona, Foggia und Bari, wo gar die Kriegsmarine schoss), denen es erst nach mehrfachen und brutalen Angriffen gelang, die militante Verteidigung der Arbeiter, die die Kammern in Festungen verwandelt hatten, zu brechen.

Im Auguststreik 1922 nahm nur die junge kommunistische Partei die landesweite Koordination dieser Verteidigung in Angriff, die jedoch am Verrat der Gewerkschaftszentralen und maximalistisch-reformisti-schen Mehrheitspartei scheiterte; es gelang ihnen zum x-ten Mal, die Bewegung ausgerechnet in den Großstädten zu bremsen, wo die faschistische Bewegung nichts zu melden hatte. Sie beherrschte zwar Bologna und Florenz, nicht aber Mailand, Rom, Genua, Turin, Neapel, Venedig, Palermo, die allerdings legal und rechtmäßig für die jeden Kampfgeist lähmenden Gewerkschaftszentralen eingespannt waren.[37] Vom August also – und nicht vom Oktober 1922 mit der Komödie des Marsches auf Rom – datiert der Sieg des italienischen Kapitals über die proletarische Revolution, die durch die Geißel des Opportunismus erstickt wurde. Und damit schließen wir das Thema Italien ab.

Innerhalb der gewerkschaftlichen Struktur erlebten wir die örtlichen Berufsgewerkschaften und den Landesverband, einschließlich der fast überall durch die opportunistischen Parteien beherrschten Landeszentrale, als völlig ohnmächtig: Der einzige Ort einer Klassenaktion war damals nur in den zwischengewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen der Städte und Provinzen auszumachen. Aber auch diese letzte Möglichkeit wurde in der heutigen stalinistisch-opportunistischen Welle zerstört, denn die Arbeitskammer als Ort leidenschaftlicher Zusammenkünfte der kampfbereitesten Arbeiter gibt es nicht mehr (des Abends kamen traditionell Tausende Arbeiter zusammen und am folgenden Morgen war es einfach, einen der Beschlüsse in der ganzen Gegend zu verbreiten). An Stelle der Arbeitskammern haben die sozialistelnden Pfaffen lange Gänge mit langen Reihen von Schaltern geschaffen, an denen die Arbeiter einzeln und eingeschüchtert nachfragen dürfen, was ihnen wohl zusteht oder was die von oben „verfügten Anweisungen“ bezüglich irgendeiner albernen Protestaktion sind, die sie dann vor sich hin brummelnd wiederholen, wobei ihnen die zahnlosen Streiks immer wieder übel aufstoßen.

Die ökonomische Aufgabe

Wir sollten jetzt die Hypothese einer Bewegung aufstellen, die gegen die Reaktion gesiegt und, nach Ausschaltung der bürgerlichen Unternehmensführung, begonnen hat, Produktion und Wirtschaft in die eigenen Hände zu nehmen. Die Hypothese ist nur in einem Fall einigermaßen realistisch, wenn wir nämlich eine Stadt unterstellen, in der es starke Arbeiterorganisationen und eine zentrale Arbeitskammer gibt. Doch dann würden dieselben Einwände – hinsichtlich der Möglichkeit, in einer Stadt oder Provinz zu siegen, ohne dass sich der Sieg auf die umliegenden Provinzen erstreckt – wie im Kapitel über „die kommunale Form“ gelten.

Um also die Formel der Sorelianer und ähnlicher Leute über die gewerkschaftliche Leitung der „zukünftigen“ Wirtschaft zu verstehen (ohne noch mal auf die illusionäre Verwaltung der Gemeinden zurückzukommen), bleibt nur übrig, uns einen wirtschaftlichen Leitungsapparat zu denken, der wiederum (mit den üblichen Vorbehalten über die negativen Aussichten eines proletarischen Sieges in einem einzigen Land, das sich nach außen hin abschließt) in Abteilungen gegliedert ist, die den jeweils nationalen Leitungen der Berufsgewerkschaften unterstehen. Konkret: der Bäckerverband z.B. ist dafür zuständig, die Herstellung von Brot und anderen Getreideprodukten zu organisieren: usw. für alle Produktions- und Industriesektoren.

Wir müssen uns also vorstellen, dass alle Produkte einer bestimmten Branche großen Organen zur Verfügung gestellt werden, besonders den Trusts (aus denen natürlich die kapitalistischen Herren entfernt wurden), die dann über die Zuteilung entscheiden, hier über die Verteilung der Brote und Nudeln etc. und andersrum all das bekommen, was sie brauchen: sowohl um ihre Mitglieder zu versorgen als auch, um den Bedarf an Rohstoffen, Arbeitswerkzeugen usw. zu decken. Eine solche Ökonomie ist eine Tauschwirtschaft, und wir können sie uns auf zweierlei Art vorstellen. Um es kurz zu machen: Auf einer höheren Ebene wird der Tausch zentralisiert abgewickelt und Konsum- wie auch Produktionsgüter werden von oben aus nach unten verteilt. Dieses nur an der Spitze durchgeführte Tauschsystem bleibt ein System der Warenproduktion, d.h. es wird ein Gesetz der Wertäquivalenz der Warenvorräte unter den Gewerkschaften geben müssen, deren Anzahl, das lässt sich leicht voraussagen, sehr hoch sein wird und die fast alle, das lässt sich ebenso leicht vorhersehen, untereinander Handel treiben müssen. Wir fragen noch nicht einmal danach, wer denn dieses Äquivalenzsystem festlegen soll und was, unter all diesen „Produzentengewerkschaften“, die Autonomie und „Gleichwertigkeit“ gewährleisten wird, die diese vornehmlich wunderlichen Gebilde charakterisieren. Seien wir also – für den Moment – so „liberal“, verschiedene Äquivalenzsysteme für möglich zu halten, die aus „spontan“ gebildeten Gleichgewichten „friedlich“ hervorgehen können. Ein so komplexes Verfahren kann nicht ohne das schon vor Jahrtausenden erworbene Hilfsmittel des allgemeinen Äquivalents – mit einem Wort des Geldes – funktionieren, dem logischen Maß des Austausches.

Nun zur unteren Ebene. Es lässt sich ebenso leicht absehen, dass in einer solchen Gesellschaft nicht nur auf den höheren Ebenen, an der Spitze und unter den Trusts (das Wort „Gewerk–schaft“ ist hier durchaus am Platz) mit Geld hantiert wird, sondern auch jedes Trustmitglied dazu ermächtigt ist, d.h. jeder Arbeiter, der, nachdem ihm seine Industriegewerkschaft seinen Geldanteil ausgehändigt hat, das kaufen kann, was er möchte. Wie heutzutage auch wird es also einen Lohn geben, nur dass er (wie Dühring, Lassalle u.a. forderten) durch keinen Teil des Unternehmerprofits „verkürzt“ wird.

Die bürgerlich-liberale Illusion, wonach die Gewerkschaften beim Aushandeln der Bedingungen, unter denen sie ihren (monopolisierten) Warenvorrat abgeben, selbständig seien, bringt immer die andere Illusion mit sich, wonach jeder nach dem „unverkürzten Arbeitstag“ (ein von Marx lächerlich gemachter Unsinn) entlohnte Produzent damit das machen kann, was ihm gut dünkt, jedenfalls was die Konsumgüter angeht. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer, denn diese „Produzentenökonomien“ erweisen sich als genauso bzw. noch weiter von der gesellschaftlichen, von Marx „Sozialismus“ und „Kommunismus“ genannten Ökonomie entfernt als die kapitalistische Ökonomie.

In der sozialistischen Ökonomie entscheidet nicht mehr das Individuum, sondern die Gesellschaft, die Gattung, über die Produktion (was, wie und wie viel), und sogar über die Konsumtion. Das ist der springende Punkt. Die Autonomie des Produzenten ist eine der vielen hohlen demokratischen Phrasen, die nichts, aber auch gar nichts lösen. Der Lohnarbeiter, Sklave des Kapitals, ist als Produzent nicht autonom, als Konsument aber heute schon, insofern er – innerhalb gewisser Grenzen, die nicht die der bloßen Lebensnotdurft gemäß dem ehernen Lohngesetz des Hochstaplers Lassalle sind, sondern sich im Entwicklungsverlauf der bürgerlichen Gesellschaft ausweiten – mit dem Geld in seiner Lohntüte das kauft, was er will.

In der bürgerlichen Gesellschaft produziert der Proletarier, wie es dem Kapitalisten am besten passt (besser und wissenschaftlicher gesagt, wie es das Kapital als übermenschliches Ungeheuer, wie es die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise vorschreiben), und er konsumiert zwar nicht wie viel, aber wie er will. Das sozialistische Gesellschaftsmitglied wird weder hinsichtlich der Produktion „autonom“ sein noch hinsichtlich der Konsumtion, beide Sphären werden vom, und für, das Gemeinwesen festgelegt. „Von wem?“, lautet dann die dumme Frage, und bei der Antwort darf es kein Zögern geben: Im ersten Stadium von der „Diktatur“ des revolutionären Proletariats, seinem Organ der revolutionären Partei, die allein das Kräftespiel der nachfolgenden Periode im Voraus sehen kann; im zweiten Stadium von der Spontaneität, die das Produkt der Verallgemeinerung einer Ökonomie ist, die die Autonomie der Klassen, und der Individuen sowieso, abgeschafft hat.

Immer derselbe Streit

Unsere Diskussion scheint auf Schritt und Tritt überraschende Formeln aufzustellen, weswegen wir, uns geduldend und immer wieder einhaltend, nachweisen müssen, dass es sich um die jahrhundertealten Formeln unserer unverwechselbaren Schule handelt. Andersrum liegt uns genauso am Herzen zu zeigen, weshalb sie den klassischen Stalinisten nicht minder als den konfusen, heute hoch im Kurs stehenden Halbstalinisten im Magen liegen; also jenen Antistalinisten, die heute wie Heuschreckenschwärme aufsteigen und – während sie mit den Stalinisten wieder das alte Liedchen der Berichtigung und Bereicherung des ach so altmodischen Marxismus pfeifen – über jeden herfallen, der sich an der „Autonomie“ vergreift, und dann glauben, diesen „Vergewaltigern“ die ständigen Niederlagen der Revolution anlasten zu können.

Was kramen diese bornierten Erfinder nagelneuer Hilfsmittel dieses Mal hervor? Nichts Geringeres als die Schriften, aus der Zeit zwischen 1880 und 1890, des Francesco Merlino[38] (in einem Blatt des wohlbekannten und immer eklektischeren „Kleeblatts“), des „anarchistischen Sozialisten“. Ein Vorläufer des alten und drögen Rezepts, auf das man heute, in immer wieder abgewandelter Form, und nur um Palmiro Togliatti[39] zu provozieren, in vielen provinziellen Blättchen stößt, ohne dass verstanden würde, dass der arme Palmiro es als Küchenchef zubereitet hat, während diese Dissidenten gerade mal Küchenjungen sind. Das Rezept lautet: Die Rettung liegt darin, die Werte Sozialismus und Freiheit unter einen Hut zu bringen!

Die Ideologie des Retters (vor Marx und der revolutionären Wissenschaft), also des alten ultrakonfusen Merlino, soll heute nicht nur in den russischen Erhebungen von 1905 und 1917 (!), sondern noch mehr in den polnischen und ungarischen Bewegungen von 1956 triumphiert haben, und jetzt kommt gar noch das jugoslawische „Experiment“ dazu …

Unter anderem sind Merlinos Formeln einem Artikel zum „Erfurter Programm“ von 1891[40] (für Aktualisierer gar nicht schlecht) entnommen. Sie sorgen hier wieder für Verwirrung (die alte Verwirrung, die unsere Schule in der 1. Nachkriegszeit auflöste) zwischen dem leidigen „freien Volksstaat“ der deutschen Sozialdemokratie und der mächtigen Hauptthese Marx‘ der proletarischen Diktatur, und sie sehen nicht, dass Marx und Engels schon 1875 deswegen um ein Haar die Deutschen abgeschrieben hätten – wir kommen noch darauf zu sprechen. Inzwischen wenden wir uns Merlino zu, der sagte, in der sozialistischen Gesellschaft dürfe die Führungs-, Leitungs- und Verwaltungsmacht nicht bei einem mythischen Volks- und Arbeiterstaat liegen, sondern gehöre unter die Obhut der untereinander verbündeten Arbeiterassoziationen. Und weiter fragte er, ob man denn alles wieder in die Hände einer Zentralmacht legen wolle, oder nicht doch den Arbeiterassoziationen das Recht zugestehe, sich, wenn sie von den Arbeitsmitteln Besitz ergreifen, auf ihre Weise zu organisieren. Er möchte die Macht nicht einer Zentralregierung oder -administration anvertrauen, sondern frei konföderierten Arbeiterassoziationen.

Diese Aussagen eignen sich bestens, um zu zeigen, wie ein Togliatti, ein Chruschtschow, ein Tito und dergleichen denken und dass sie im diametralen Gegensatz zu dem stehen, was wir verfechten. Die Kleeblättler, die Barbaristen und andere föderierte Assoziationen mögen es sich auf der anderen Seite bequem machen.

„Bürokratischer Zentralismus oder Klassenautonomie“ ist das, was sie letzten Endes immer aus tiefstem Herzen herausschreien. Wäre dies – statt der Marx’schen und Lenin’schen „Diktatur des Kapitals oder Diktatur des Proletariats“ – die Alternative, würden wir (mag darob platzen, wer will) für den bürokratischen Zentralismus sein, der an manchen Wendepunkten ein notwendiges Übel sein kann, aber von einer Partei gut zu händeln ist, die nicht unter Prinzipienschacherei (Marx), organisatorischer Schlappheit, taktischer Seiltänzerei und autonomistischer bzw. föderalistischer Seuche leidet. Die „Klassenautonomie“ ist ein richtiger Blödsinn, denn die sozialistische Gesellschaft ist ja die, in der die Klassen verschwunden sein werden. Wenn die beherrschte Klasse unter der Klassenherrschaft die Forderung nach Autonomie aufstellt, kommt dabei in einer klassenlosen Gesellschaft nur der Kampf von Arbeitergruppen gegen andere Arbeitergruppen, von Verbänden gegen andere Verbände, von Gewerkschaften gegen andere Gewerkschaften, von „Produzenten“ gegen „Produzenten“ heraus. Doch im Sozialismus sind die Produzenten kein von der Gesellschaft geschiedener Teil mehr.

Nehmen Arbeiterassoziationen die Arbeitsmittel ihrer Abteilung „auf ihre Weise“ in Besitz, ist das keineswegs Sozialismus; vielmehr wird der Kampf der Klasse, dessen Resultat nicht Autonomie, sondern die Diktatur sein muss, durch das wahnwitzige bellum omnium contra omnes, durch den Krieg aller gegen aller ersetzt. Eine historische Lösung, die zum Glück ebenso unfruchtbar wie unsinnig ist.

Klassenautonomie wäre bloß der Standpunkt einer Sklavenbewegung, die fordern würde: Wir möchten Sklaven bleiben, aber selbst bestimmen, was wir dem Herrn auf den Tisch bringen und welche unserer Töchter wir ihm danach ins Bett legen. Tausend Mal revolutionärer war der Standpunkt der Christen, die keine klassenlose Gesellschaft ankündigten, aber klar aussprachen: Keine Scheidung zwischen Sklaven und Freien.

Diese Auffassung finden wir wortwörtlich bei Marx; gehen wir nun zu diesem Teil unserer Beweisführung über.

Nicht mehr zu vergessende Worte

In der Ersetzung – der Diktatur durch Autonomie – besteht das ganze Missverständnis der syndikalistischen und operaistischen Schulen, die wir allesamt als „immediatistisch“[41] bezeichnen möchten. Sie werfen die (dialektisch unterschiedenen) Momente der heutigen Organisation, des geschichtlichen Verlaufs und der revolutionären Theorie durcheinander, sie wollen den gesamten proletarischen Zyklus mit der Eintragung der Arbeiter in die Personalkartei einer Fabrik, eines Berufszweiges oder sonst irgendeines kleinen Segments abschließen und alles auf dieses kalte und leblose Modell zurechtstutzen. Der marxistische Determinismus zerstört die bürgerliche Fiktion des Individuums, der Persönlichkeit, des Bürgers, indem bloßgelegt wird, dass die philosophischen Attribute dieses Mythos‘ nur die allseitige Verbreitung und Verewigung der Verhältnisse zugunsten der modernen Herrscherklasse sind: des Bourgeois, des Kapitalisten, des Grund-, des Geldbesitzers, des Kaufmanns. Wenn das abscheuliche Idol, das Individuum, gestürzt ist, wird an seine Stelle die ökonomische Gesellschaft gesetzt und zwar „zunächst … auf nationalem Maßstab“.

Alle Immediatisten, also Leute, die höchstens ein Tausendstel des Höhenunterschieds bewältigt haben, der sie von den kommunistischen Gipfeln trennt, vollziehen folgenden Tauschakt: An die Stelle der Gesellschaft setzen sie einfach eine Arbeitergruppierung, die sie in einem der Kerker finden, aus denen die bürgerliche Gesellschaft freier Menschen besteht: der Fabrik, des Berufszweiges, der Gemeinde, des Verwaltungsbezirks. Ihre ganze höchst bescheidene Mühe besteht darin, Nicht-Freien, Nicht-Bürgern, Nicht-Individuen zu raten (gemäß dem, was ihnen die kapitalistische Revolution unbewusst eingab): Beneidet eure Unterdrücker und werdet wie sie, werdet autonom, frei, werdet Bürger, Persönlichkeiten – kurz und gut, sie verbürgerlichen die Arbeiter.

Für uns geht es nicht um eine aus der heutigen gesellschaftlichen Formierung unmittelbar hervorgehende Gruppierung, die die heute vom Kapitalismus erledigten Aufgaben übernähme, sondern um die nicht-kapitalistische Gesellschaft – hier sehen wir die riesige Kluft zwischen diesen Froschmäusekriegern und uns. Angesichts der Resultate ihres unsäglichen Konzeptes empören sie sich dann wieder darüber, dass eine neue Autokratie geschaffen wurde, ein bürokratisches Zentrum, dass der Höhepunkt der Unterdrückung erreicht sei, und zur Vermeidung all dessen soll die mächtige Ganzheit: die Gesellschaft, Nicht-Person, in unzählige, „autonome“ Splitter zerhauen werden, deren Freiheit darin besteht, die niederträchtigen bürgerlichen – heute im Übrigen troglodytischen[42] – Vorbilder nachzuäffen.

Sagt es laut, aber bitte schön wie Merlino. Reiht Marx bei den Autokraten ein, den Bedrückern und Verführern des Proletariats. Und natürlich auch Lenin, wenngleich Merlino ihn gar nicht gekannt hat.

Antonio Labriola[43] gab Merlino Recht, als der sich gegen die Vorstellung des Oberimmediatisten Lassalle wandte, der „die Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volks“ verlangte, „um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen“. Dieser Bockmist stand tatsächlich im Gothaer Programm von 1875, aber nicht mehr im Erfurter von 1891, das gleichfalls harsche Worte von Engels provozierte.

Doch wer, wenn nicht Marx (und mit ihm Engels), machte jedem Partikularismus und Föderalismus den Garaus und zerfetzte den (heute grassierenden) Immediatismus, wie er sich in der schändlichen Formel jener „autonomen Bereiche wirtschaftlicher Organisierung“ ausdrückt und der den Staat als Füllhorn ansieht, aus dem die Arbeiterklasse grenzenlos schöpfen kann? Sie zeigten dies in Schriften, wie der 16 Jahre lang unter Verschluss gehaltenen „Kritik des Gothaer Programms“, die die klassischste dialektische Formulierung der zukünftigen Gesellschaft enthält und über die Lenin eine bravouröse Arbeit verfasste.

Damit wir an den schwachsinnigen „Strukturproblemen“, den „Fragen, die einer Lösung zuzuführen“, deren „Lösung anzubahnen“ ist, nicht ersticken, schnappen wir auf diesen Seiten, die in Bebels Schubladen vergilbten, nach frischer Luft.

„An die Stelle des existierenden Klassenkampfs tritt eine Zeitungschreiberphrase – ‚die soziale Frage‘, deren ‚Lösung‘ man ‚anbahnt‘. Statt aus dem revolutionären Umwandlungsprozesse der Gesellschaft ‚entsteht‘ die ‚sozialistische Organisation der Gesamtarbeit‘“ (die andere blödsinnige, noch immer umhergeisternde Phrase der „Befreiung der Arbeit“, hat Marx schon beizeiten niedergemacht, wo er doch immer „Befreiung der Arbeiterklasse“ sagt) „aus der ‚Staatshilfe‘, (…)“ [MEW 19, S. 26].

Dann spottet er über den Satz der volksherrschaftlichen Kontrolle des arbeitenden Volkes: „Und nun gar bei einem Arbeitervolk, das durch diese Forderungen, die es an den Staat stellt, sein volles Bewusstsein ausspricht, dass es weder an der Herrschaft ist, noch zur Herrschaft reif ist!“ [S. 27].

Aber der Satz, der ausdrückt, was für uns Marxisten die Gesellschaftsform von Morgen ist, ist folgender:

„Dass die Arbeiter die Bedingungen der genossenschaftlichen Produktion auf sozialem und zunächst bei sich, also auf nationalem Maßstab herstellen wollen, heißt nur, dass sie an der Umwälzung der jetzigen Produktionsbedingungen arbeiten, und hat nichts gemein mit der Stiftung von Kooperativgesellschaften mit Staatshilfe!“.

Auf sozialem Maßstab

Dieser vielen anderen Textstellen ähnliche Passus reicht schon, um festzustellen, dass diejenigen, die vom „sozialem Maßstab“ (der für einen geschichtlichen Moment, vor der Machteroberung, „nationaler Maßstab“ genannt wird) auf einen föderal-syndikalistischen (d.h. kommunalen, betrieblichen oder noch schlimmer) Maßstab abrutschen, in den Immediatismus hinabsinken, den Marxismus verraten, keinerlei Begriff von der kommunistischen Gesellschaft haben, was heißt, außerhalb des revolutionären Kampfes stehen.

Was den anderen ungeheuerlichen Gegensatz zwischen dem „revolutionären Umwandlungsprozess der Gesellschaft“ und der „sozialistischen Organisation der Arbeit“ angeht, kann sie Wort für Wort an die Bauherrn des Moskauer Sozialismus weitergereicht werden, um ihnen wieder aufs Maul zu geben, dass der Übergang zum Sozialismus nicht an ein mafiöses Bauunternehmen vergeben wird. Marx wägt, wie wir auch hier sehen, seine Worte gut ab (wie dann wiederum Lenin) und würde nicht im Traum grob-bürgerliche, platt-volontaristische Begriffe wie vom „sozialistischen Aufbau“ benutzen.[44]

Wir werden hier nicht die wohlbekannte, nüchterne Kritik am freien Volksstaat wiedergeben, die in ihrer unvergleichlichen Kraft durch Lenin vor Millionen von Menschen widerhallte, eine Kritik, die nicht aus der hintersten Schublade hervorgeholt wurde, sondern den von Flammen sich rot spiegelnden Himmeln der Revolution, der größten von allen, stammt. Wie erbärmlich sind die Leute, die sogar diese Revolution vergessen haben! Je freier der Staat ist, desto mehr zermalmt er das Proletariat zur Verteidigung des Kapitals. Wir wollen den Staat nicht befreien, sondern in Ketten legen, um ihn dann niederzumetzeln. Und damit ist der Antietatismus Bakunins oder Merlinos dort gelandet, wo er hingehört: bei den hanswurstigen Parodien. An die Stelle des Staates (und das ist die Krönung der Dialektik) tritt der neue Staat (Engels), den wir nicht zur Freiheit, sondern zur Unterdrückung brauchen, der aber doch entstehen muss, um dann für immer, zusammen mit den Klassen, abzusterben.

Der freie Volksstaat mag sich mit der Klassenautonomie liieren! Beides sind Formen der immediatistischen Ohnmacht, der Immanenz bürgerlichen Denkens.

Wenn wir auf den Grundbegriff der „Gesellschaft“ an Stelle des Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Proletariern – und auch zwischen Produzenten und Konsumenten – zurückkommen, lohnt es die Mühe, ihn in den verschiedenen deutschen Parteiprogrammen (obwohl sie scharf kritisiert wurden) unter die Lupe zu nehmen. Im Programm der Lassalleaner[45] steht der Satz, den Marx sich vorknöpfte: Abschaffung der Klassengegensätze, wo es doch, wird Marx sagen, die Klassen sind, die abgeschafft werden müssen und das Mittel dazu ihr Gegensatz ist.

Das Programm der „Marxisten“[46], das nach Marx‘ Urteil ohne die theoretischen Errungenschaften in Rechnung zu stellen verfasst wurde, fordert zwar die „Abschaffung der Klassenherrschaft und der Lohnarbeit“, spricht aber dennoch vom „vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter“ und der Organisierung der Arbeit auf genossenschaftlicher Grundlage (aber nicht mehr mit Staatshilfe).

Das Gothaer Programm[47], das die missbilligte Vereinigung von Lassalleanern und Eisenachern anzeigt und in der von Marx gegeißelten Form so stehenblieb, spricht immerhin von der „Erhebung der Arbeitsmittel zu Gemeingut der Gesellschaft“. Marx hätte den Satz so gelassen, wollte aber statt „Erhebung“ „Verwandlung in Gemeingut“. Wir verstehen das als eine anti-aktivistische Richtigstellung.

Das Erfurter Programm[48] von 1891, für das – nach der Veröffentlichung der Kritik des Gothaer – zum großen Teil Engels‘ Vorschläge angenommen wurden, drückt sich in diesem Punkt klar aus:

„Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion.“

Die Schlussfolgerung ist, dass die eingebildete „von Arbeitergewerkschaften geleitete Gesellschaft“ (die in der proletarischen Wissenschaft nicht vorgesehen ist und auch nie vorgesehen sein wird, es sei denn, Marx, Engels, Lenin und wir alle, die im selben Boot sitzen, kentern und gehen unter) nichts mit der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaftsform zu schaffen hat, noch nicht mal in der Phase des Übergangs.

In einem solch ideologistischen Schema bestehen Produktion und Distribution nicht auf sozialem, noch nicht einmal auf „nationalem“ Maßstab, denn die Gewerkschaften, die „frei föderiert“ oder „föderativ“ frei sind zu tun, was ihnen beliebt, verfügen über die Arbeitsmittel und -produkte. Wenn sich solche Sektoren in „autonome“ Bereiche abschotten könnten, würden sie zunächst vermittelst der Konkurrenz aneinandergeraten und sich dann auch auf materieller Ebene befehden, vor allem, wenn es keinen wie auch immer gearteten Staat gibt.

Im genannten fiktiven Schema gibt es keine Produktion durch und für die Gesellschaft, sondern durch und für die Gewerkschaften bzw. Produktionsverbände, denn es bleibt ja bei einer Waren-, daher nicht-sozialistischen Produktion, da jedes Konsumgut von einer Gewerkschaft zur anderen als Ware gelangt, und weil dies nicht ohne Geldäquivalent geht, gelangt es schließlich auch zu jedem Produzenten als Ware. Das Lohnsystem besteht weiter, wann immer die Utopie des unverkürzten Arbeitsertrags ins Spiel kommt; auch die Möglichkeit der Kapitalakkumulation – in den Händen der autonomen Gewerkschaften und dann in denen der Einzelnen – wäre weiterhin möglich. Das, was euch hier absurd vorkommt, ist ja eben gerade der kleinbürgerliche Inhalt derartiger Utopien.

Wir schließen diesen theoretischen Teil mit einem anderen Passus aus der „Gothaer Kritik“, der geeignet ist, die „Immediatisten“ wie andererseits auch die Staatskapitalisten zu treffen, da beiden noch einmal klar gemacht wird, dass unser proletarischer diktatorischer Staat nicht die Aufgabe hat, das Kapital – in Gestalt seiner sowohl bürgerlichen als auch kleinbürgerlichen Verteidiger oder gar Arbeitern, die Sklaven der bürgerlichen und subbürgerlichen Tradition sind – zu befreien, sondern niederzudrücken. Es handelt sich um einen Satz, den Marx schrieb, um sich über den „minimalistischen“ Vorschlag einer progressiven Einkommensteuer (derzeit in Russland in Kraft) lustig zu machen. Einer jener Sätze, die einem den Atem rauben: er ist für Sie, meine Herren!

„Einkommensteuer setzt die verschiednen Einkommensquellen der verschiednen gesellschaftlichen Klassen voraus, also die kapitalistische Gesellschaft“ [MEW 19, S. 30].

Die russische Erfahrung und Lenin

Zwischen den kommunistischen Weltkongressen von 1920 und 1921 entbrannte in der russischen Partei (genauer, ihrem X. Parteitag vom 3.-16. März 1921) eine Debatte mit der „Arbeiteropposition“, mit der wir uns in unserer Untersuchung zu Russland eingehend befasst haben. Merken wir an, dass sich die Opposition der italienischen Linken in den Jahren 1920 und 1921 nicht auf derselben Linie mit jener Opposition befand, die Lenin scharf „syndikalistische und anarchistische Abweichung“ in den Reihen unserer Partei nannte.

Eine der tausend Fälschungen des stalinistischen „Kurzen Lehrgangs“ war, auch Trotzki zu diesen „Arbeitertümlern“ zu zählen, weil dieser eine Polemik hinsichtlich der gewerkschaftlichen Aufgaben entfachte. In der Phase, von der wir hier sprechen, stand Trotzki voll und ganz an der Seite Lenins und seine Forderung nach klarer Unterordnung der Berufsgewerkschaften unter die Partei bzw. den Arbeiterstaat (1921 weder für ihn noch für uns „degeneriert“) war völlig marxistisch.

Der Antrag der Arbeiteropposition bestand in der Tat in einer immediatistischen Auffassung der sozialistischen Wirtschaft und der ebenso falschen wie naiven These, der Sozialismus könne unter jeder Bedingung und zu jedem Zeitpunkt eingeführt werden, wenn man die Arbeiter nur machen ließe, sie das Ökonomische leiten ließe. Lenin gibt das so wieder: „Die Leitung der Volkswirtschaft zu organisieren obliegt dem Gesamtrussischen Kongress der Produzenten, die in gewerkschaftlichen Produktionsverbänden zusammengeschlossen sind. Diese wählen das zentrale Organ, das die gesamte Volkswirtschaft der Republik leitet“ [LW 32, S. 254].

Lasst Nikita Chruschtschow mit seinen Sovnarchosen[49] noch ein bisschen weitermachen und ihr werdet erleben, dass er sich diesen alten Vorschlag zu eigen macht, noch verschlimmert dadurch, dass es sich nicht um nationale, sondern regionale Produktionsverbände handelt. Statt im Einklang mit der marxistischen Lehre die Eroberung der nationalen Kontrolle als einfaches Sprungbrett zur Kontrolle der Weltwirtschaft anzusehen, gleiten all diese Leute, wenn sie nur die Möglichkeit dazu haben, in lokale und regionale Strukturen ab und setzen ihren stockdummen Marsch zur Autonomie fort, an dessen Ende immer nur autonome Initiativen und Unternehmungen kapitalistischer Natur warten.

Es geht uns hier nicht darum, den ganzen russischen Entwicklungsgang hinsichtlich der Wirtschaftsleitung (der unseren Lesern aus langen Studien bekannt ist) wiederzugeben. Wir weisen nur darauf hin, uns jetzt dem Kongress zuzuwenden, auf dem Lenin die klassische Rede „Über die Naturalsteuer“ hielt und zeigte, dass nicht der Übergang zum Sozialismus auf der Tagesordnung stand, sondern der zum Staatskapitalismus und sogar – für die, die diese Fragen als Marxisten angehen – von der Kleinproduktion zum privatwirtschaftlichen Kapitalismus. Eine ungeheuer starke Position, die alles richtig stellte, während der infame Opportunismus dann alles wieder entstellte.

Uns liegt nur am Herzen zu zeigen, dass Lenin gegen die These der von den Produzenten geleiteten Wirtschaft genau dieselben Argumente wie Marx und Engels anführt, Argumente, die uns eine große Hilfe bei den allerneuesten syndikalistischen und anarchistischen Verzerrungen sind, die sogar bei Gruppen auftauchen, welche nicht an Stalin oder Togliatti oder Thorez geglaubt haben und heute wohl auch nicht an Chruschtschow glauben würden (an den guten Tito, der ja sein Vorläufer sein soll, dann allerdings doch).

In den Krallen Lenins nehmen die gewerkschaftlichen Produktionsverbände dasselbe Ende wie die Produktivgenossenschaften Lassalles in denen von Marx.

„Die Ideen (…) sind theoretisch von Grund aus falsch, denn sie bedeuten den völligen Bruch mit dem Marxismus und Kommunismus sowie mit den Ergebnissen der praktischen Erfahrung aller halbproletarischen Revolutionen“ (lasst euch das halbproletarisch gut durch den Kopf gehen!) „und der jetzigen proletarischen Revolution“ [LW 32, S. 250].

Geben wir nun noch einen Teil der in „Struttura economica …“[50] zitierten Textstellen wieder:

„Erstens vereinigt der Begriff ‚Produzent‘ den Proletarier mit dem Halbproletarier und mit dem kleinen Warenproduzenten und gibt somit den Grundbegriff des Klassenkampfes und die Grundforderung, zwischen den Klassen genau zu unterscheiden, radikal preis“ (lasst euch das sechs Mal durch den Kopf gehen und denkt an die Lästerungen Stalins, des 20. Parteitags und der Schwärmer für die polnische und zuletzt ungarische Bewegung).

„Zweitens ist die Orientierung auf die parteilosen Massen bzw. das Liebäugeln mit ihnen“ (Kleeblättler und Barbaristen, die ihr so begierig nach Demagogie seid, aber doch niemanden zum „demagogieren“ habt: Viel Erfolg!) „(…) eine nicht weniger radikale Abkehr vom Marxismus“ [LW 32, S. 250].

So spricht der Lenin, den ihr – den schlimmsten Stalinisten in die Hände arbeitend – das unfehlbare Hilfsmittel des „Eintauchens in die Massen“ habt entdecken lassen!

„Der Marxismus lehrt“ (und Lenin erinnert an den Beschluss des II. Weltkongresses, der die Rolle der politischen Partei bestätigte), „(…) dass nur die politische Partei der Arbeiterklasse, d.h. die kommunistische Partei, imstande ist, eine solche Avantgarde des Proletariats und der gesamten werktätigen Masse zu vereinigen, zu erziehen und zu organisieren, die allein fähig ist, den unvermeidlichen kleinbürgerlichen Schwankungen dieser Masse, den unvermeidlichen Traditionen und Rückfällen in zünftlerische Beschränktheit oder zünftlerische Vorurteile unter dem Proletariat zu widerstehen (…)“ [LW32, S. 250].

Diesen Passus, der die Unterlegenheit aller gegenwartsversessenen Organisationen gegenüber der politischen Partei hervorhebt wie auch die Gefahr, die sie bei der unvermeidlichen Fühlungnahme mit den halbproletarischen und kleinbürgerlichen Klassen eingehen, schließt Lenin einmal mehr so ab, dass ohne die politische Leitung der Partei „die Diktatur des Proletariats nicht zu verwirklichen“ ist.

In eben diesem Text bestreitet Lenin, dass das russische Parteiprogramm von 1919 den Gewerkschaften wirtschaftliche Leitungsfunktionen zuerkannt hätte. Tatsächlich ist in einigen Sätzen von der ganzen „Leitung der gesamten Volkswirtschaft“ die Rede, zu der die Gewerkschaften gelangen müssen – doch „als eines einheitlichen wirtschaftlichen Ganzen“ –, und vom „unlösbaren Band zwischen der zentralen Staatsverwaltung, der Volkswirtschaft und den breiten Massen der Werktätigen“ als zu erreichendem Ziel – unter der Bedingung der „immer größeren Befreiung der Gewerkschaften von der zünftlerischen Beschränktheit und die Erfassung der Mehrheit und nach und nach aller Werktätigen“ [LW 32, S. 251].

Die Gewerkschaften und der Staatskapitalismus

Die Frage der Gewerkschaften und zentralen staatlichen Wirtschaftsleitung wird in Russland, ja, in der ganzen Welt, wieder in den Vordergrund treten, denn sie ist ein moderner und bequemer Ausweg für den Kapitalismus aller Länder, vor allem und lange schon für Amerika.

Laut dem „leninistischen“ Kriterium in dieser Frage folgen die Gewerkschaften den von der revolutionären politischen Partei erreichten Stadien nur verzögert und mühsam und kehren, wenn sie von der Partei sich selbst überlassen werden, wieder zu den kleinbürgerlichen Schwächen und zur Kollaboration mit der bürgerlichen Wirtschaft zurück.

In einem gesellschaftlichen Stadium wie dem Russlands in 1919 und 1921, in dem man auf der niedrigsten Entwicklungsstufe der Industrialisierung stand und die ersten Schritte in einer mit Mängeln behafteten Leitung der Industrie tat, die justement die Privatkapitalisten vor die Türen gesetzt hatte, konnte sich die kommunistische Partei in den Gewerkschaften der Industriearbeiter natürlich eine starke Stütze schaffen, unter der Voraussetzung, dass sie nicht selbständig agierten, sondern der Partei unterstanden und, wie Trotzki 1926 richtig vertrat, als Bestandteile und Organe des zentralisierten Staates aufgefasst wurden.

Die Frage wird klar, wenn wir uns vor Augen halten, dass wir es in diesem Stadium mit einer Verstaatlichung der Industrie, nicht aber mit einer sozialistischen Industrie und Wirtschaft zu tun haben. Die den Privatleuten und den Trusts entschädigungslos abgenommene Industrie wurde vom Staat der Warenproduktion und Marktwirtschaft gemäß verwaltet. Auch wenn der so handelnde Staat hinsichtlich der Klassengrundlage und Weltpolitik sozialistisch war, ist das Regime dieser Industriegesellschaft immer als Staatskapitalismus, nicht Sozialismus, zu bezeichnen. Um die Wirtschaft als kapitalistisch zu bezeichnen, musste nicht erst das geschehen, was in den folgenden Jahrzehnten geschah, als der Staat den proletarischen Klasseninhalt und die sozialistische Richtung der Politik aufgab – denn er wirkte nicht mehr dafür, die Revolution in den bürgerlichen Ländern auszulösen, er schloss mit bürgerlich-demokratischen Parteien dieser Länder sogar Bündnisse und stellte innerhalb Russlands die Interessen der städtischen und ländlichen Lohnarbeiter den Interessen der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Klassen gegenüber hintenan.

Wir müssen uns daher fragen, wo die Gewerkschaften – in der Phase des Staatskapitalismus – ihren Platz haben. Wenn der Staat von einer Partei gelenkt wird, deren Politik die proletarische Weltrevolution nicht fördert, sondern ihr sogar entgegenwirkt, rechtfertigt das Warenproduktions-, Betriebs-, Geld- und Lohnsystem das Bestehen der Gewerkschaften als Organe zur Verteidigung der Arbeitsbedingungen; der Kontrahent ist dann der Staat als Arbeitgeber und Fabrikherr. Aber selbst in einer solchen Lage ist es keine Option, die Gewerkschaften mit den Aufgaben der Zentralverwaltung zu betrauen. Vielmehr unterstehen sie der proletarischen Parteiführung, die in der Lage ist, die Frage der Machtergreifung erneut auf die Tagesordnung zu setzen. Wo es diese Partei nicht gibt, oder sie, wie in Russland, zu einem bloßen Werkzeug des kapitalistischen Staates verkam, werden die Arbeiter wieder zu Sklaven des Lohnsystems, aus dem sie historisch jedenfalls weder durch den Einsatz autonomer Arbeitergruppen herauskommen, die darauf drängen, die Kontrolle über einzelne von der Produktion abgetrennte Sektoren zu übernehmen, noch durch die abgeschmackte Formel, noch mal eine liberale Revolution zu machen. So wird denn auch dieses plumpe Manöver sogar vom Chruschtschow’schen Staat durchgeführt. Wenn jene Sektoren wirklich losgelöst werden und somit eine Verlagerung stattfindet, werden sie dem Privatkapital und auf jeden Fall auch dem internationalen Kapital mit seinem flächendeckenden und gnadenlosen Einfluss in die Hände fallen.

In der entschieden vorgeschrittenen Phase des Staatskapitalismus dagegen, in der die politische Zentralmacht historisch für die Ausbreitung der Weltrevolution arbeitet, müssen die Gewerkschaften – wenn sie nicht zu defätistischen Organen, die niederzuhalten sind, werden wollen – umdenken und von der Klassenpartei, von der Partei der Lohnarbeiter des ganzen Erdrunds lernen, in welchen Situationen die mutige und großherzige Arbeiterklasse, die ihre Größe in der Geschichte schon bewiesen hat, ihre Arbeit, ihre Mehrarbeit und den Mehrwert für die Revolution gibt: für den Bürgerkrieg, für die rote Armee in allen Ländern, für die Munition des sozialen Klassenkriegs über alle Staatsgrenzen hinweg. Auch in einer solchen geschichtlichen Lage wäre die Forderung des vollen Arbeitsertrags für den Lohnarbeiter nicht nur ökonomisch und sozial kontraproduktiv, sondern zudem defätistisch gegenüber der ungeheuren Aufgabe, mit der die Geschichte die Arbeiterklasse, und nur sie allein, betraut, nämlich die blutige Geburt der neuen Gesellschaft einzuleiten.

Eine Aufgabe, die – über Jahrhunderte quälender Geschichte hinweg – den Schrullen der Schule arbeitertümlerischer Buchhalter und Altwarenhändler diametral entgegensteht, jener Schule der „Immediatisten“ also, worin jede Generation sich direkt und persönlich des Ertrags des von ihr gemachten Geschäfts versichern will – natürlich nachdem sie sich autonom verbündet hat.[51]

Die Betriebsorganisation

Die Schwächen des „Fabrikrat“-Konzepts kommen alle (und noch erheblich verschlimmert) in der Analyse zum Vorschein, die wir über die gewerkschaftliche Leitung der post-kapitalistischen Gesellschaft – gemäß einer „immediatistischen“ Auffassung – durchgeführt haben.

Die Strömung der italienischen Linken warnte davor, als sich – zur Zeit der Turiner Versammlungen der Abteilungskommissare von FIAT, der großen FIAT – zeigte, dass man diesem wieder aufgefrischten Mythos Glauben schenkte. Es war auch die Zeit des „L’Ordine Nuovo“, der Zeitschrift Gramscis, die wir missbilligten und gleichzeitig begrüßten, weil sie sich mutig auf die Seite derer schlug, die gegen den menschewistischen Opportunismus der italienischen Gewerkschaften und gegen das doppelte Spiel der Sozialistischen Partei antrat, die sich 1919 damit brüstete, Anhängerin des Bolschewismus zu sein.

Gramsci gab – das war zu Beginn seiner theoretischen Entwicklung vom idealistischen Philosophen und Kriegsbefürworter zum Marxismus und zum von Lenin wiedererrichteten revolutionären Defätismus[52], eine Entwicklung, die er dank der ihm eigenen Offenheit nie verhehlte –, Gramsci also gab seiner Zeitschrift einen aufrichtigen Titel. Er sprach bezüglich der politischen Herrschaft nicht von einer neuen Klasse, auch nicht vom neuen Klassenstaat, und nur zögerlich nahm er die marxistischen Direktiven über die Diktatur der Partei und die (jenseits der Fabrik liegende) Dimension des marxistischen Systems als radikalem Weltbild aller Verhältnisse im Reich der Natur und des Menschen an. Auf dem Parteitag 1926 in Lyon gestand er das offen ein: „Uns werden immer diejenigen lieber sein, die die marxistischen Kapitel erlernen als diejenigen, die sie vergessen.“ 1919 hatte sich Antonio Gramsci gerade aus jener Bewertung der Oktoberrevolution herausgearbeitet, die darin eine Umkehrung des Determinismus und eine Wundertat des menschlichen, die ökonomische Gesetzmäßigkeit brechenden Willens erblickte. Als er Lenin, diesen Wundertäter, den strengsten marxistischen Determinismus verteidigen sah, blieb das nicht ohne Wirkung: Weder Meister noch Schüler waren Mittelmaß.

Das Fabrikrätesystem, eine fast literarische, oder besser gesagt künstlerische Konstruktion, für die sein wacher Geist schwärmte, hat er jedenfalls zu Recht „Ordine Nuovo“[53] genannt. In diesem System erhebt sich das Fabrikproletariat auf dem Boden seiner konkreten gesellschaftlichen Stellung zu einer neuen Ständeordnung, wie die drei Stände der französischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts[54] vor der liberalen Revolution. Die Forderung der diktierenden Klasse, die die Klassen abschafft und sich nicht einmal als alleinige Klasse behaupten will, wurde von allen „Immediatisten“, die wir haben Revue passieren lassen, in das flache Postulat verkehrt, zum Vierten Stand erhoben zu werden. Der Immediatist muss immer das Neue nach einer Fotografie des Alten konzipieren. Antonio nannte seinen Immediatismus: Konkretismus, das Wort entnahm er den Neigungen bürgerlicher Intellektueller, Feinden der Revolution. Er sah nicht, oder wir konnten es ihn nicht sehen lassen, dass jeder Konkretismus auch Konterrevolution heißt.

Hätte die Menschheit jedoch keine anderen Mittel als jene immediatistischen gehabt, wüsste sie nicht, dass die Erde rund ist, sich bewegt, dass Luft ein Gewicht hat, wie auch die Himmelskörper, dass es die Atome Epikurs gibt und die Elementarteilchen der Modernen, die Relativität Galileos und die Einsteins, und sie hätte auch keine vergangene oder zukünftige Revolution vorausgesehen.

Antonio wusste nicht, nicht weil er es nicht gelesen hätte (er hatte das Pech, zu jenen zu gehören, die alles lesen), dass wir die Stände seit 1847 und dem Antiproudhon von Karl Marx hinter uns gelassen haben.

„Heißt dies, dass es nach dem Sturz der alten Gesellschaft eine neue Klassenherrschaft geben wird, die in einer neuen politischen Gewalt gipfelt? Nein“ [MEW 4, S. 181]. Es reicht schon, ihr Legionen von Widersprechern, nur das letzte, einsilbige Wort zu lesen.

Und warum nicht?

„Die Bedingung der Befreiung der arbeitenden Klasse ist die Abschaffung jeder Klasse, wie die Bedingung der Befreiung des dritten Standes, der bürgerlichen Ordnung, die Abschaffung aller Stände war.“

Viele Generationen sind vergangen und drei Internationalen entstanden und verschieden. Wir haben Dutzende und Aberdutzende gesehen, die sich aufmachten, höher als Marx und später Lenin zu steigen. Wenige, sehr wenige, kamen vielleicht auf Augenhöhe mit dem „Unbestechlichen“, mit Maximilian Robespierre. Dessen Name seit 160 Jahren auf dem Grabstein aller Neuen Stände steht.

Der Marxismus und die Ökonomie der Fabrikräte

Es genügt uns, anhand der Texte die Unvereinbarkeit des Gegensatzes zwischen dem Marxismus und dem Fabrikrätesystem nachzuweisen, die uns nicht wegen der Geschichte der Polemiken Gramscis interessiert, sondern weil sich heute wieder verwirrte Antistalinisten und klägliche Epigonen an diese Losungen anhängen möchten.

Die denkbar kleinste der, gleichzeitig unter den Beschränkungen des Berufszweiges und der lokalen Abgrenzung leidenden sozialen Inseln ist der autonome Betrieb. Unterstellen wir noch einmal, dass diese Fabrik innerbetrieblich Privilegien wie auch die Ausbeutung abgeschafft hat, weil der – tatsächlich nicht konkrete – Gesamtwert der Arbeit gerecht unter alle verteilt wird. An ihren enggezogenen Grenzen lauert die Krake des Marktes und des Austausches, und in ihrer schlimmsten Gestalt die Plage der alles verwüstenden Anarchie der Produktion. Wer soll denn in der Übergangsphase, bevor die Klassen abgeschafft sind, die nicht nur betriebswirtschaftlichen Leitungsaufgaben in diesem Rätesystem erledigen, in dem es weder Partei noch Staat gibt. Um nur eine Aufgabe anzusprechen: Wer kümmert sich um die Arbeitsunfähigen, die Arbeitslosen? Die Möglichkeit der Wiederaufnahme der Akkumulation – wenn sie denn zum Stillstand gebracht worden wäre –, genauer: der Akkumulation von Geld und auch immensen Beständen an Rohstoffen und Fertigprodukten, ist hier weitaus größer als in einer kommunalen und gewerkschaftlichen Zellenstruktur. In diesem hypothetischen System sind die Bedingungen im höchsten Maße gegeben, nicht in den Konsum geflossene Produktion in Vorherrschaft des Kapitals zu verwandeln.

Das Ungeheuer ist die Fabrik, nicht der Fabrikherr. Wie wollt ihr die ökonomischen Gleichungen zwischen den Betrieben schreiben, besonders wenn es große Betriebe geben wird, die die kleinen totkonkurrieren, oder Betriebe, die sich Anlagen mit niedriger Produktivität oder übergroßer Produktivität gesichert haben, oder Betriebe, die „konventionelle“ Energieformen und jene, die Atomenergie benutzen? Ein solches System, dessen Ausgangspunkt – wie bei allen anderen – der Fetischismus der Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen Individuen sowie der skurrile Schrecken vor den Privilegien, der Ausbeutung und Unterdrückung ist, würde, wenn das möglich wäre, diese Dinge noch viel mehr entstehen lassen als die hergebrachte Zivilgesellschaft.

Ihr wollt nicht glauben, dass die „großen Wörter“: Privileg und Ausbeutung in unserem marxistischen Wörterbuch nicht zu finden sind?

Nehmen wir also wieder die „Kritik des Gothaer Programms“ zur Hand. Die Stelle, die Marx Blitze schleudern lässt und den Lassalle’schen Schwachsinn über den „freien Volksstaat“ und das „eherne Lohngesetz“ enthält,[55] endet mit dem, was Marx, und Engels an anderer Stelle, „die unbestimmte Schlussphrase des Paragraphen“ nennen, und die lautet (wer allerdings ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein): „ … erstrebt die deutsche Arbeiterpartei … die Aufhebung … der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller politischen und sozialen Ungleichheit“ [MEW 19, S. 24].

Zu sagen war, schreiben Marx und Engels (und natürlich brauchten sie sich dazu nicht vorher abzusprechen), „dass mit der Abschaffung der Klassenunterschiede von selbst alle aus ihnen entspringende politische und soziale Ungleichheit verschwindet“ [MEW19, S. 26].

Abgesehen von der langen kritischen Anmerkung zur „gerechten Verteilung“, die auf die Behauptungen der bürgerlichen Volkswirtschaftler zurückzuführen ist, laut denen die Sozialisten das Elend nicht aufheben, sondern nur verallgemeinern würden, genügt uns die wissenschaftliche Sprache Marx‘, um all die Zeitschriften gebührend zu behandeln, in denen (und das im Anno Salutis[56] 1956-57 – Gott sei’s geklagt) etwas über den „Inhalt des Sozialismus“ als „Philosophie der Ausbeutung“ zu lesen ist.

In diesem Paragraphen geht Marx auch auf die bornierte Auffassung Lassalles ein (die bezeichnenderweise auf Malthus zurückgeht, der durch die amerikanischen Wohlfahrtstheoretiker wieder in Mode gekommen ist), für den der Kampf für den Sozialismus nur deshalb aufgenommen wird, weil die Löhne nie über ein bestimmtes Niveau hinauskommen. Wo es doch darum geht, die Lohnarbeit abzuschaffen, die „ein System der Sklaverei“ ist, „und zwar einer Sklaverei, die im selben Maß härter wird, wie sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit entwickeln, ob nun der Arbeiter bessere oder schlechtere Zahlung empfange“ [MEW 19, S. 26].

Marx bringt hier den Vergleich mit dem Sklaventum, den wir weiter oben in Bezug auf die dumme Forderung nach der Autonomie der Lohnarbeiter herangezogen haben.

„Es ist, als ob unter Sklaven, die endlich hinter das Geheimnis der Sklaverei gekommen und in Rebellion ausgebrochen, ein in veralteten Vorstellungen befangener Sklave“ (ein, sagen wir, a-marxistischer, nur immediatistischer, ordinowistischer Sklave) „auf das Programm der Rebellion schriebe: Die Sklaverei muss abgeschafft werden, weil die Beköstigung der Sklaven im System der Sklaverei ein gewisses niedriges Maximum nicht überschreiten kann!“

Meine Herren Wohlstandstheoretiker: Selbst wenn der Kapitalismus den durchschnittlichen Wohlstand grenzenlos steigern könnte, weisen wir ihm die Richtigkeit unserer geschichtlichen Voraussicht nach. Seinen Tod!

Im Vergleich zum abgeschiedenen Leben des rohen sardischen Schafhirten, der noch unter dem Vierten Stand steht, schien Gramsci der Lebensstandard, den die große FIAT erlaubte, eine edle Ordnung zu sein.[57]

Im Fünfjahresplan, den wir, nach sowjetischem Muster, der Großen FIAT schenkten, sahen wir, was den „Umsatz“ betrifft, für 1956 eine Wachstumsrate von 15,7% im Vergleich zum Vorjahr voraus, der mit 310 Mrd. angegeben wurde; es hätten also 358 Mrd. sein müssen. Gemeldet wurden aber nur 340; gleichwohl hat sich das Stammkapital von 76 auf 100 Mrd. erhöht, d.h. in zwei Jahren um 32% (siehe: „Dialog mit den Toten“).

Beginnt die neue Ordnung in Turin und Moskau schon, nicht so brillante Entwicklungskurven zu verkünden?

Schlussfolgerung

Wir sind im Vorhergehenden, als wir mithilfe der „Randglossen“ die Auffassung der Immediatisten (argwöhnisch gegenüber Staat und Partei, die wir freilich mit Marx und Lenin unabdingbar für die Revolution halten) über die zukünftige Gesellschaft mit der marxistischen und sozialistischen Auffassung verglichen, nicht auf die grundlegende Unterscheidung zwischen der ersten und der höheren Phase der sozialistischen Gesellschaft eingegangen, die ausgehend von der Marx’schen Zusammenfassung durch Lenin zu unserer klassischen These wurde.

Schon in der ersten von Marx theoretisierten Phase ist die ganze Überlegenheit jener Wirtschaftsform mit Händen zu greifen, worin sich Produktion und Verteilung, auf sozialem Maßstab, durch und für die Gesellschaft vollziehen – nicht aber durch „autonome Lager“, deren Charakter sich nicht groß von den heutigen kapitalistischen „Konzentrationslagern“ unterscheidet, wie den Beruf, den Betrieb, die Rechtsprechung bis hin zum nationalstaatlichen Recht, deren sie umgebende Stacheldrahtzäune wir eines Tages niederreißen werden.

Im niederen Stadium sind die Klassenunterschiede zum Teil noch vorhanden, von Abschaffung des Staates kann schwerlich die Rede sein, die pathologischen Traditionen der Ständeordnung, bis hin zur Ordnung des Dritten – und letzten – Standes leben fort, Stadt und Land sind noch geschieden, die Teilung der Arbeit, die Gegensätze zwischen geistiger und körperlicher Arbeit sowie Wissenschaft und Arbeit sind noch nicht verschwunden.

Doch auf wirtschaftlichem Gebiet werden die in sich abgeschlossenen Sektoren bereits in den Schmelztiegel des gesellschaftlichen Werdens geworfen worden sein, die kleinen Kommunen, die Gewerkschaftsverbände und die Betriebs„orden“, denen nicht einmal eine Übergangszeit gegönnt wird, werden ihr Spiel schon verloren haben.

Schon ab diesem Zeitpunkt, wo wir es nur erst mit der „kommunistischen Gesellschaft, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist“, zu tun haben werden, wird es keinen Markt mehr geben, auf den die isolierten, von Stacheldraht umzäunten „Lager“ drängen könnten.

„Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte“ (die letzte Hervorhebung ist von Marx), „als eine von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, die jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg“ (wie es innerhalb der Ordnung der Kommunen, Gewerkschaften und Fabrikräte wäre), „sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren“ [MEW 19, S. 19-20].

Im Schlussteil unserer Untersuchung zur Struktur in Russland[58] haben wir genau dargelegt, dass bereits das erste, das niedere Stadium jenseits der Warenbestimmungen liegt. Der Einzelne kann sich und seiner Familie, mittels Geld, nichts beschaffen und kann nichts behalten, nur die ihm innerhalb enger und gesellschaftlich errechneter Grenzen zukommenden Konsumtionsmittel kann er dem gemeinschaftlichen Fond entnehmen, wozu er von der Gesellschaft einen Schein erhält, der innerhalb einer gewissen Frist eingelöst werden kann und nicht akkumulierbar ist.

Unsere Auffassung der Diktatur über den Konsum (zuerst Diktatur, dann rationelle Organisation der Gesellschaft, der Gattung) bedeutet Folgendes: Auf dem Schein werden nicht so und so viel Euro stehen, die z.B. zu Bier und Tabak statt Brot und Milch gemacht werden könnten, sondern bestimmte Produkte, wie auf den berühmten „Lebensmittelmarken“ im Krieg.

Nur ein bürgerliches Recht wird noch eine Weile bestehen, insofern das Quantum Konsumtionsmittel am Maßstab der der Gesellschaft gelieferten Arbeit gemessen wird – nach den bekannten Abzügen für die gemeinschaftlichen Fonds; die Bemessung wird zum einen vom Nutzen, von den Bedürfnissen abhängen, zum anderen natürlich von der Verfügbarkeit.

Es wird keine Warenbeziehungen und kein Wertgesetz mehr da sein, um zwei Produkte, beide Teil des Gesamtprodukts, miteinander zu vergleichen, wie es der Fall wäre, wenn sie in „autonomen“ Gemeinden, Gewerkschaften oder Betrieben, mit ihrer doppelten Buchführung, hergestellt würden. Es wird nur eine letzte Verbindung zwischen der gelieferten Arbeitsmenge und der individuellen Tageskonsumtion bleiben.

Und ein sofort ins Auge springender Riesenschnitzer gibt uns die Gelegenheit, das genauer zu klären: Jemand (ein Erzimmediatist[59] – das sieht man gleich) will uns erzählen: „In der sozialistischen Wirtschaft bleibt der Markt bestehen, es lässt sich aber absehen, dass es ihn nur für die Produkte gibt; die Arbeit wird keine Ware mehr sein.“ Derartige Leute sind manchmal ganz nützlich, um Dinge richtig zu stellen, indem man einfach das Gegenteil sagt, also: „In der sozialistischen Wirtschaft gibt es keinen Markt mehr“, oder noch besser: „Die Wirtschaft ist sozialistisch, wenn es keinen Markt mehr gibt.“ In der ersten Phase wird jedoch eine einzige wirtschaftliche Größe noch nach dem Maßstab der Ware gemessen – die menschliche Arbeit. In der höheren Phase wird die Arbeit eine Lebensweise der Menschen, ihre ganze Freude sein, sagt Marx, bzw. er sagt es besser als wir: Die Arbeit wird „das erste Lebensbedürfnis geworden“ sein [MEW 19, S. 21].

Um die Arbeit von ihrer Eigenschaft als Ware zu befreien, muss die Marktwirtschaft insgesamt zerstört werden. Waren dies nicht die ersten Worte Marx‘ an Proudhon?[60]

Man wollte unserem Erzimmediatisten eine weitere, sehr verbreitete und eigenartige Aussage durchgehen lassen – noch eine Position, die wir uns demnächst vorknöpfen müssen. Um den Markt, sagt er, zerstören zu können, müssen sich die Produktivkräfte noch viel mehr entwickeln. Völlig falsch, für den Marxismus sind sie schon zu gewaltig. Das Wachstum der Produktivkräfte ist für Marx nicht eine Bedingung für die Aufhebung der Warenproduktion, der Produktionsanarchie, sondern schlicht die Grundlage für das höhere Stadium, in dem die Konsumtion nicht durch eine ungenügende Produktion begrenzt ist.

Sicherlich mit den Worten des großen Engels spricht das „Erfurter Programm“ von 1891 vom riesenhaften Wachstum der Produktivität, so dass „das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar geworden ist mit deren zweckentsprechenden Anwendung und vollen Entwicklung.“

Es ist allerhöchste Zeit, die gewaltigen kapitalistischen Produktivkräfte unter die Diktatur der Produktion und des Konsums zu zwingen. Es ist nur noch eine Frage der revolutionären Macht für die Klasse, die, selbst wenn der Wohlstand noch zunimmt (Marx hat, das zeigten wir soeben, nie das Gegenteil behauptet), durch die Unsicherheit ihrer Existenz niedergedrückt wird; eine Unsicherheit, die andererseits als Damoklesschwert über der gesamten Gesellschaft schwebt und sie binnen weniger Jahrzehnte vor die Alternative: weltweite Krise und Krieg oder kommunistische Weltrevolution, stellen wird.

Die Frage der revolutionären Macht ist, zunächst, die Frage der Rekonstruktion der revolutionären Theorie. Und dann der kommunistischen Weltpartei.

Quellen:

„I fondamenti del comunismo rivoluzionario marxista nella dottrina e nella storia della lotta proletaria internazionale“: Il programma comunista, Nr. 13, 14, und 15, Juli/August 1957.

* * *

MEW 1: Marx – Zur Judenfrage, 1844.

MEW 4: Marx – Das Elend der Philosophie, 1846/47.

MEW 4: Marx/Engels – Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.

MEW 17: Marx – Der Bürgerkrieg in Frankreich, 1871.

MEW 19: Marx – Kritik des Gothaer Programms, 1875.

MEW 22: Engels – Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, 1891.

MEW 22: Engels – Einleitung zu „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, 1895.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

MEW 28: Marx an Joseph Weydemeyer, 5. März 1852.

LW 32: Lenin – Ursprünglicher Entwurf der Resolution des X. Parteitags der KPR über die syndikalistische und anarchistische Abweichung in unserer Partei, 1921.

 


[1] „1952-09-06 – Die historische Invarianz des Marxismus“.

[2] „1952-09-06 – Der Aktionismus als falsches Hilfsmittel“.

[3] Der berühmte 20. Parteitag der KPdSU 1956 leitete die als Entstalinisierung bekannt gewordene „Wende“ in der russischen Politik ein: Der Personenkult um Stalin wurde kritisiert und die Rückkehr zu den ursprünglichen marxistischen Traditionen verkündet – vom Klassenstandpunkt aus gesehen, war dies bloß eine Verschlimmbesserung der Sozialismus-Legende. Siehe dazu u.a.: „1956-03-03 – Dialog mit den Toten“.

[4] Siehe: „1952-10-10 – Dialog mit Stalin“.

[5] Siehe MEW 28, S. 503 ff.

[6] Ordinovisten werden die Gründer und Anhänger der im Mai 1919 in Turin gegründeten Zeitschrift „Ordine Nuovo“ genannt. Bekanntester Vertreter dieser Strömung ist neben Terracini und Togliatti, Antonio Gramsci. Die Produzentenideologie Sorels und Proudhons hatte einen gewissen Einfluss auf die revolutionären Syndikalisten (die auch in Italien lange Zeit den linken Flügel der Sozialistischen Parteien repräsentierten) und später auch auf Gramsci als Ideologen der Turiner Fabrikrätebewegung.

[7] „Barbaristen“ meint die Gruppe „Sozialismus oder Barbarei“, die, wie viele andere anti-stalinistische Gruppen, aufgrund der verheerenden Situation der Arbeiterbewegung nach dem II. Weltkrieg den Versuch machte, ihr eine neue theoretisch/praktische Orientierung zu geben. Da für solche Gruppierungen die Entwicklung des Kapitalismus „neue Probleme, unvorhergesehene und unvorhersehbare Faktoren, zuvor ungeahnte Aufgaben auftauchen“ ließ, fühlten sie sich dazu berufen, den Marxismus zu aktualisieren. Bordiga sah in diesen „Verbesserern“ hingegen die gefährlichsten Feinde für die Theorie des Kommunismus, denn gerade diese Herangehensweise negiert die historische Invarianz und Totalität des Marxismus. Daher finden sich in den Schriften Bordigas immer wieder Bezüge zu „SoB“; um nur einige zu erwähnen: „1951-11-01 – Die Lehre vom ‚Teufel im Leib’“; „1951-11-13 – Vorwärts, Barbaren!“; „1953-05-21 – Der Froschmäusekrieg“; „1953-06-12 – Das Gequake über die Praxis“.

[8]„Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil sie diejenige des sogenannten gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergisst, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht“ [MEW 20 (Anti-Dühring), S. 20/21].

[9] Andere Bezeichnung für „SoB“. Siehe die weiter oben angeführte Fußnote zu den „Barbaristen“.

[10] Cocteau, Jean (1889-1963): verarbeitet in seinem Drama „Die Höllenmaschine“, 1934 in Paris uraufgeführt, in freier Weise den antiken Ödipus-Stoff. Die Höllenmaschine ist die von den Göttern gewollte Katastrophe, der Ödipus nicht entrinnen kann: „Sie sehen jetzt, meine Damen und Herren, ein Uhrwerk, das langsam ein Menschenleben lang abläuft, von den teuflischen Göttern erdacht zur mathematischen Vernichtung eines Menschen“.

[11] Kommunalismus nennt sich eine Ideologie, die die Interessen der Gemeinschaft nur insofern über die des Individuums stellt, wie dies die beste Form sei, worin die Interessen des Individuums durch die der Gemeinschaft gewahrt werden.

[12] In Italien war die frühe sozialistische Bewegung stark vom Wirken Bakunins, wie überhaupt vom Anarchismus und Syndikalismus (Sorel etc.) geprägt. Als es zum Bruch kam und im Jahre 1872 auf dem Haager Kongress die Ausschließung Bakunins aus der I. Internationale beschlossen wurde, stellte sich der italienische Zweig des Arbeiterbundes als einziger geschlossen auf die Seite Bakunins.

[13] „Kleeblatt“ (Quadrifoglio): so hat die italienische Linke vier heterogene Gruppen (Trotzkisten, Internationalisten von „Battaglia Comunista“, Anarchisten und Abweichler der italienischen „KP“ um das Blatt „Azione Comunista“) benannt, die im Dezember 1956 eine sehr schnell in die Brüche gegangene aktionistische „Bewegung der Kommunistischen Linken“ gegründet hatten.

[14] 1878 wurde das Sozialistengesetz gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ verabschiedet; das die Sozialdemokraten als „Reichsfeinde“ und „vaterlandslose Gesellen“ bekämpfende Gesetz war 12 Jahre lang in Kraft, ehe es aufgrund des, sogar international, immens gewachsenen Einflusses der sozialistischen Partei aufgehoben werden musste. Damals spiegelte sich diese Stärke in dem gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Arbeiter wie auch in Wahlerfolgen wider; bei den Reichstagswahlen 1912 sollte die sich jetzt SPD nennende Partei mit fast 35% der Wählerstimmen klare Wahlsiegerin werden.

[15] Bonomi, Ivanoe (1873-1951): seit 1893 Mitglied der sozialdemokratischen Partei Italiens; 1912 Ausschluss aus derselben, weil er den Krieg in Libyen mit dem damals nicht unüblichen Argument befürwortete, die koloniale Erwerbung könne durch die dadurch mögliche Siedlungspolitik die Nöte des Mezzogiorno lindern; gründete dann die Partito Socialista Riformista Italiano (PSRI); mit Eintritt Italiens in den I. Weltkrieg Interventionist, also Befürworter des Kriegseintritts Italiens an der Seite der Entente; 1920 und 21 (unter Nitti wie unter Giolitti) Kriegsminister.

[16] „Possibilismus“ bezeichnet eine 1882 entstandene reformistische Richtung innerhalb des französischen Sozialismus, die sich mit praktisch erreichbaren Zielen begnügte, heute würden wir sagen: Realpolitik betrieb. Erstmals stellte diese Strömung mit Alexandre Millerand ein Regierungsmitglied im Kabinett von Waldeck-Rousseau (1899-1902). Mit der „parlamentarischen Unterstützung des Kabinetts durch die Sozialisten entstand so etwas wie eine Vorform der Volksfront“ (Christian Riechers).

[17]Sorel, Georges (1847-1922): französischer Sozialphilosoph, auf den die Ästhetisierung des Klassenkampfes zurückgeht. Sorel, der als Theoretiker des Anarcho-Syndikalismus nach der Jahrhundertwende auch in Italien wachsenden Einfluss auf die ideologische Prägung der SPI gewann, sah die Zukunft des Sozialismus in der Gewerkschaftsbewegung. Der „Dekadenz der Bourgeoisie“ stellte er den „Vitalismus der Arbeiterklasse“ entgegen; deren Moral und Stärke sollten durch die Gewalt, und das hieß für Sorel: durch den Streik, entwickelt werden; bei dieser heroischen Gewaltanwendung ging es weniger um den Sieg über den kapitalistischen Gegner als um die Mobilisierung emotionaler Kräfte, die Kultivierung soldatischer Tugenden. Im syndikalistischen Ideal des „expropriierenden Generalstreiks“, der mit einem Schlag oder auch in wiederholten Stößen die bürgerliche Welt zerschlagen sollte, erblickte er den gewaltigen „Mythos“ unserer Zeit.

[18] Brandlöscher: Die in der 1. Nachkriegszeit um sich greifenden Arbeiterkämpfe gipfelten im Frühjahr 1920 in der „Turiner Streikbewegung“. Befeuert von den sich ein Jahr zuvor formierten Ordinovisten um Gramsci, brach am 13. März 1920 der sogenannte „Uhrzeigerstreik“ (sciopero delle lancette) aus; vordergründig ging es um eine im Krieg eingeführte Maßnahme zur Energieeinsparung, wonach der Schichtbeginn 1 Stunde früher beginnen sollte (ähnlich der hiesigen Sommerzeit); tatsächlich aber ging es um die Forderung nach „Kontrolle über die Produktion“ durch Arbeiterräte. Der Streik dauerte 10 Tage, bevor die Gewerkschaft einen Kompromiss mit den Fabrikherren unterschrieb: Die Räte sollten formell nicht aufgelöst werden, hatten aber nichts mehr zu melden. Die kommunistische Fraktion hatte aus den bekannten Gründen vor dieser schmählichen Niederlage gewarnt.

[19] Am 28. Juli 1914 hatte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg erklärt; die italienische Regierung (unter Salandra) forderte 9 Monate später, im Mai 1915 Vollmachten zur Mobilmachung. Dass die SPI der sogenannten öffentlichen Meinung zugunsten eines Kriegseintritts Italiens an der Seite der Entente widerstand, erklärt sich zunächst vor allem damit, dass die Sozialisten in Italien schon 3 Jahre früher als die Sozialisten in den anderen westlichen Ländern mit der Situation, vor der diese dann zu Beginn des I. Weltkrieges standen, konfrontiert waren – die 1911 proklamierte Absicht Giolittis zur militärischen Eroberung Tripolitaniens und der Cyrenaika hatte die „Rauferei“ mit den Reformisten, die die koloniale Erwerbung befürworteten, angeheizt. Ein anderer wichtiger Grund war der brüske Frontwechsel Mussolinis, der als Chefredakteur des „Avanti!“ nach seiner Artikelflut kriegsfeindlicher Gesinnungsbekundungen so plötzlich zum glühenden Befürworter des Kriegseintritts („Interventionist“) wurde, dass ihm keine Strömung der SPI ohne Verlust der Selbstachtung folgen konnte. Die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn folgt am 23. Mai 1915.

[20] Auf dem Gewerkschaftskongress der CGL im Mai behielten die reformistischen Gewerkschaftsführer, die in der Partei bezüglich der Kriegsfrage unterlegen waren, doch noch die Oberhand. Trotzdem mussten sie am 9. Juni wider Willen den Generalstreik ausrufen. Doch schon am 12. – als der Bourgeoisie schon der Schreck in die Glieder gefahren war – bliesen sie ihn wieder ab. In der SPI gärte es, denn dies war eine politische Bewegung, die zu leiten die Gewerkschaft überhaupt nicht befugt war. Doch der anarchistische und Sorel’sche Syndikalismus, gemäß dem die Gewerkschaft für die direkte und gewaltsame Aktion zuständig war, während die Partei nur legale und parlamentarische Funktion hatte, besaß noch großen Einfluss.

[21] Jouhaux, Léon (1879-1954): seit 1909 Generalsekretär der „Confederation Generale du Traváil“ CGT; er organisierte Streikkampagnen gegen die Wehrpflicht, führte aber im I. Weltkrieg die CGT in die nationale Einheitsfront der „Union sacrée“ – so wurde in Frankreich die Aussetzung innerpolitischer Streitigkeiten angesichts der „Verteidigung der Nation“ bezeichnet. In Deutschland gibt es dafür den Begriff des Burgfriedens.

[22] Reclus, Jacques Élisée (1830-1905): franz. Anarchist, Freund Bakunins, wurde mit anderen 1864 Mitglied der Batignoller Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation, der I. Internationale also.

[23] Hervé, Gustave (1871-1944): franz. Politiker und Publizist, Wendehals, vom sozialistischen Antimilitaristen wandelte er sich mit dem I. Weltkrieg zum faschistischen Nationalisten. Gründete 1906 die Zeitung „La guerre sociale“, in der eine antimilitaristische Einheitsfront angestrebt wurde, 1916 benannte er sie in „La Victoire“ um und propagierte einen auf Klassenkollaboration fußenden „nationalen Sozialismus“.

[24] „boches“, französisches Schimpfwort für Deutsche.

[25] Section française de l'Internationale ouvrière (Französische Sektion der Arbeiter-Internationale): 1920 spaltete sich die Partei auf dem Parteitag von Tours: Die Mehrheit bildete die KPF.

[26] Guesde, Jules (1845-1922): franz. Politiker, gründete 1882 zusammen mit Paul Lafargue die „Parti Ouvrier“. Wendete sich ebenfalls zu Beginn des I. Weltkrieges zum Vaterlandsverteidiger.

[27] Cachin, Marcel (1869-1958): franz. Philosophieprofessor, Politiker, trat 1891 der „Parti Ouvrier“ bei, auch er seit 1914 Vaterländer, 1920 Mitbegründer der KPF, III. Internationale-Beitritt, 1936 Anhänger der Volksfront, also der Regierung der links-bürgerlichen Parteien, von 1918-58 Direktor der KPF-Zeitung „L’Humanité“.

[28] USI: anarcho-syndikalistische Gewerkschaft, bestand von 1912 bis 1925.

[29] Ambris, Alceste De (1874-1934): Interventionist, schloss sich nach Kriegsende Gabriele D’Annunzio an, der Fiume (Rijeka, Kroatien) heimholen wollte, Mitarbeit an der syndikalistischen Verfassung, der „Carta del Carnaro“, die einen korporatistischen Staat vorsah; die italienischen Faschisten lehnten das korporatistische Konzept ab.

[30] Corridoni, Filippo (1887-1915): faschistoider Syndikalist, ebenso wie Ambris sprach er sich gegen den Krieg in Libyen aus, um sich 1914 zum Interventionismus zu bekennen, versuchte die revolutionäre mit der reformistischen Position zu vereinen.

[31] Anspielung auf einen Text der Barbaristen: „Sur le contenu du socialisme“, 1955.

[32] „Struttura economica e sociale della russia d’oggi“ (Die ökonomische und soziale Struktur des heutigen Russlands), Il programma comunista: Nr. 10, 1955 bis Nr. 12, 1957.

[33] Kurz zur Erinnerung: Auf der Welle der proletarischen Begeisterung für die Revolution in Russland befürworten auf dem Parteitag in Bologna im Oktober 1919 sowohl die maximalistischen Serratianer als auch die reformistischen Turatianer den Beitritt zur III. Internationale, allerdings erfüllen sie von den drei Beitrittsbedingungen (Ausschluss der Reformisten, Umbenennung in Kommunistische Partei und Teilnahme an den Wahlen) nur die letztgenannte Forderung nach Wahlteilnahme. Der Forderung nach Ausschluss der Reformisten (die fast alle Führungsposten in den Gewerkschaften, Konsumgenossenschaften, im Parlament, den Gemeinderäten usw. innehaben) seitens der KI wird mit dem „Heimatrecht für die Gesamtheit der Partei“, nach Autonomie der nationalen Sektionen etc. verweigert. Die vorherrschende Stimmung und das starke Bedürfnis der Arbeiter nach Einheit sorgen für eine Niederlage der kommunistischen Fraktion, die vorerst in der SPI verbleibt, um innerhalb der Partei für ihre Auffassung zu arbeiten. Sie sichert zu, ihre Forderung des Wahlboykotts fallen zu lassen, wenn die anderen beiden Forderungen erfüllt werden; als zentral für das weitere Vorankommen sehen sie das Verschwinden des reformistischen, jede revolutionäre Tätigkeit sabotierenden Flügels an. Die Linke führt in dieser Zeit einen „Mehrfrontenkrieg“: gegen die Reformisten, ferner gegen das Doppelspiel und die Kompromissbereitschaft der maximalistischen Parteimehrheit, dann noch gegen die Moskauer Rechtfertigung der parlamentarischen Taktik und schließlich gegen die Fabrikrätebewegung des Ordine Nuovo. Ihre Tätigkeit bewirkt, dass sie im ganzen Land Anhänger und Stützpunkte gewinnt; das zeigt sich ca. ein halbes Jahr später, im April 1920, wo 30.000 Mitglieder (gegenüber 3.400 im Oktober 1919), das heißt, nicht nur Kommunisten, für den Ausschluss der Reformisten stimmen. Mitte 1920, zur Zeit der Fabrikbesetzungen, sind die Maximalisten weiterhin eher an ein Zusammengehen mit den Reformisten als mit den Kommunisten interessiert, was ihnen die Unterstützung der Kominternführung entzieht, von der sie aufgefordert werden, sich der kommunistischen Fraktion anzuschließen. Die weitere Erosion der SPI und ihre „Einheit“ mit der reformistischen Politik führen im Januar 1921 zur Gründung der Kommunistischen Partei (das Verhältnis ist etwa 58.000 kommunistische Stimmen zu 98.000 maximalistischen und 14.000 reformistischen Stimmen).

[34] Auf dem Höhepunkt des Kampfes besetzten etwa eine halbe Millionen Arbeiter 600 Betriebe.

[35] „Generalrat der Gewerkschaftsverbände“, eine Art Dachverband.

[36] La Sûreté nationale (nationale Sicherheit): Vorläufer der heutigen nationalen Polizei.

[37] Nachdem die Faschisten die ländlichen Lohnarbeiter als politische Kraft ausgeschaltet hatten, griffen sie ab dem Frühjahr 1922 die Städte an. Die Vorbereitungsarbeit der KPI, die im Februar 1922 den Zusammenschluss der verschiedenen Gewerkschaftsorganisationen in einem Kampfkartell (Alleanza del Lavoro) befördert hatte, um die „Einheitsfront von unten“ zu realisieren, fiel in der Arbeiterbewegung, die in Kampflaune war und immer mehr Menschen einbezog, auf fruchtbaren Boden, so dass sich ein Generalstreik mit dem Ziel der Verteidigung der unmittelbaren Forderungen geradezu aufdrängte. Am dritten Streiktag verkündete die Alleanza abrupt das Ende des Streiks, der „sein Ziel erreicht hat mit dem Evidentmachen der Kraft und dem Willen der Arbeiterklasse“. Die sozialdemokratischen und reformistischen Kräfte hatten nur ihre Macht demonstrieren wollen, um gegen die Faschisten wieder „normale“ Verhältnisse durchzusetzen. Mehr als der dann einsetzende Terror der faschistischen Stoßtrupps war es die Demoralisierung der Arbeiterklasse, die den Sieg der Faschisten entschied.

[38] Merlino, Francesco Saverio (1856-1930): ital. Anarchist, Jurist, theoretisierte einen „libertären Sozialismus“. Für Merlino war die Triebkraft des Sozialismus die Forderung nach sozialer „Gerechtigkeit“, so wie für Sorel das Ziel des Kampfes die Eroberung nicht der politischen Macht, sondern des „Rechts“ war.

[39] Togliatti, Palmiro (1893-1964): tritt 1914 der SPI bei, gründet im Mai 1919 mit Gramsci und Tasca die Zeitschrift „Ordine Nuovo“, Mitbegründer der KPI im Januar 1921. Nach Gramscis Verhaftung (im November 1926) ist Togliatti der einflussreichste, den stalinistischen Kurs mittragende Parteiführer.

[40] Das Erfurter Parteiprogramm (1891) fand nach den reformistischen Ansätzen des Gothaer Programms (1875) in Teilen wieder zur marxistischen Theorie und Lehre zurück. Der praktische, aktionspolitische Teil des Programms enthielt im Kontrast zum theoretischen Teil zahlreiche demokratische und sozialpolitische Ziele wie Wahlrecht, Achtstundentag oder Arbeiterschutz.

[41] Immediatismus = „Unmittelbarkeitsdenken“, nur auf die Gegenwart bezogene politische Position („ … das Ziel ist nichts“), oder „Realpolitik“ – als könnten die unmittelbaren Probleme unmittelbar gelöst werden. Als äquivalenten Ausdruck haben wir „Gegenwartsversessenheit“ gefunden, behalten aber Immediatismus als spezifisch politischen Begriff bei.

[42] Mit Troglodyt wird der Höhlenbewohner der Eiszeit bezeichnet.

[43] Labriola, Antonio (1843-1904): Philosophieprofessor, legte die Grundlagen für die Verbreitung des historischen Materialismus in Italien. Labriola verfocht einen flexiblen und anpassungsfähigen Marxismus und nannte dies „Philosophie der Praxis“, ein Begriff, der in den Gefängnisheften Gramscis wiederkehrt.

[44] Im Programmentwurf der Eisenacher und Lassalleaner heißt es: „Die deutsche Arbeiterpartei verlangt, um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volks. Die Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem Umfang ins Leben zu rufen, dass aus ihnen die sozialistische Organisation der Gesamtarbeit entsteht.“

Marx entgegnet: „Nach dem Lassalle’schen ‚ehernen Lohngesetz‘ das Heilsmittel des Propheten! Es wird in würdiger Weise ‚angebahnt‘! An die Stelle des existierenden Klassenkampfs tritt eine Zeitungschreiberphrase – ‚die soziale Frage‘, deren ‚Lösung‘ man ‚anbahnt‘. Statt aus dem revolutionären Umwandlungsprozesse der Gesellschaft ‚entsteht‘ die ‚sozialistische Organisation der Gesamtarbeit‘ aus der ‚Staatshilfe‘, die der Staat Produktivgenossenschaften gibt, die er, nicht der Arbeiter, ‚ins Leben ruft‘. Es ist dies würdig der Einbildung Lassalles, dass man mit Staatsanleihen ebenso gut eine neue Gesellschaft bauen kann wie eine neue Eisenbahn!“ Aus <einem Rest von> Scham stellt man ‚die Staatshilfe‘ – unter die demokratische Kontrolle des arbeitenden Volks‘“ [MEW 19, S. 26/27].

[45] Im Mai 1863 wurde in Leipzig der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ (ADAV) von Ferdinand Lassalle u.a. gegründet; der Sozialismus sollte genossenschaftlich und preußisch-nationalstaatlich organisiert sein; zu jener Zeit waren die Hauptforderungen die des allgemeinen Wahlrechts – als Mittel zur Eroberung der Macht – und der „Produktivassoziationen“ mit Unterstützung des Staates, um so den Sozialismus „anbahnen“ zu können. „Kindheit der Proletarierbewegung“, sagen Marx und Engels zu dieser Phase [MEW 18, S. 34].

[46] Im August 1869 wird auf dem Parteitag von Eisenach das Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) beschlossen. Es enthält marxistische Ansätze, weist aber auch ähnliche Forderungen und Ziele auf wie der ADAV. Lassalle vertrat einen genossenschaftlich und preußisch-nationalstaatlich ausgerichteten Sozialismus. Noch zu Lassalles Lebzeiten führte dieser Konflikt zu Querelen innerhalb des ADAV und wenige Jahre nach seinem Tod zur Teilung der deutschen Sozialdemokratie in zwei Richtungen und Parteien. Wenn es den Eisenachern auch um die Abschaffung der Klassenherrschaft ging, und sie, anders als die Lassalleaner, internationalistisch ausgerichtet waren, konnten sie sich die Überwindung des Lohnsystems doch auch nur durch die „genossenschaftliche Arbeit“ vorstellen, und die Lösung der „sozialen Frage“ („als ob es für uns noch eine theoretisch ungelöste soziale Frage gäbe!“ sagt Engels im Brief an Bebel, vom März 1875 [MEW 19, S. 6]) nur durch den demokratischen Staat.

[47] „Lassalleaner“ und „Eisenacher“ schlossen sich im Mai 1875 in Gotha zur „Sozialistischen Arbeiterpartei“ SAPD zusammen. Marx und Engels kritisierten eine lange Reihe politisch falscher und unwissenschaftlicher Thesen, die Zugeständnisse an den Lassalleanismus aufwiesen. Die „Kritik des Gothaer Programms“ (das erst 1891 von Engels veröffentlicht wurde) finden wir in MEW 19, S. 13 ff und davor im Brief Engels an Bebel, S. 3-9.

[48] Das im Oktober 1891 angenommene Erfurter Parteiprogramm (der Name SPD wurde hier festgeschrieben) ließ die reformistischen Ziele des Gothaer Programms hinter sich. Der praktische, aktionspolitische Teil des Programms enthielt jedoch, anders als der theoretische Teil, zahlreiche demokratische und sozialpolitische Ziele.

[49] Sovnarchosen: regionale, nach Autarkie strebende Wirtschaftsräte.

[50] „Struttura economica e sociale della Russia d’oggi“, Teil II, die Paragraphen 69, 70, 71 (S. 401/402).

[51] Anspielung auf das „autonome“ Bündnis der Kleeblätter.

[52] Als zu Beginn des I. Weltkrieges fast alle sozialistischen Parteien zur Vaterlandsverteidigung und zum „Burgfrieden“ umschwenkten, gab Lenin die Parole der „Umwandlung des nationalen Krieges in den Bürgerkrieg“ aus. Diese radikale Zurückweisung der Vaterlandsverteidigung wurde unter der Lenin‘schen Losung des „revolutionären Defätismus“ bekannt.

[53] Schwer ins Deutsche zu übertragen, weil die Sinngehalte von „Neue Ordnung, Neuer Befehl, Neuer Stand bzw. Orden“, darin zusammengefasst sind; „Neuer Stand“ ist, wie es auch ausgeführt wird, der adäquateste Begriff, wenn er sich auf die Arbeiterklasse, „Neue Ordnung“, wenn er sich auf das gesellschaftliche System oder Regime bezieht.

Die Zeitschrift wurde am 1. Mai 1919 in Turin gegründet. Antonio Gramsci hob sie mit seinen Turiner Studienfreunden Angelo Tasca, Umberto Terracini und Palmiro Togliatti aus der Taufe. Aus der Redaktion rekrutierte sich jener Führungskreis, der von 1924 an für 40 Jahre an der Spitze der KPI stand.

[54] Erster und Zweiter Stand, Klerus und Adel, stellten etwa 2-3 Prozent der Bevölkerung; der Dritte Stand war das Bürgertum.

[55] Das „eherne Lohngesetz“ (auf Existenz und Fortpflanzung beschränktes Lebensminimum) sollte nach Lassalle durchbrochen werden durch die Schaffung von Produktivgenossenschaften (Kredit-Rohstoff-Konsumvereine), allerdings nur durch ihre „Anwendung und Ausdehnung auf die fabrikmäßige Großproduktion. Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unternehmer machen“, sei das einzige Mittel, den Arbeitsertrag an die Stelle des Arbeitslohns zu setzen. Und da Lassalle sah, dass dies niemals durch die isolierten Anstrengungen der Arbeiter als Individuen möglich sein würde, forderte er „die fördernde und unterstützende Hand des Staates“, der wiederum dazu nur gebracht werden könne durch das Wahlrecht – weil dann der Arbeiterstand den Staat bestimmen könne, „sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen“.

[56] Anno Salutis (lat.): „im Jahr des Heils“ oder „im Jahr der Erlösung“, eine bis ins 18. Jhdt. verwendete Formel für Jahresangaben, die wie Anno Domini, n. Chr. und andere die Geburt Jesu Christi als Bezugsdatum verwendet.

[57] Antonio Gramsci wurde 1891 auf Sardinien geboren.

[58] „Struttura economica e sociale della russia d’oggi“ Teil III, der Paragraph 120 (S. 672).

[59] Gemeint ist Stalin.

[60] Im „Elend der Philosophie“ polemisiert Marx vor allem im „§ 2. Der konstituierte oder synthetische Wert“ (MEW 4, S. 77 ff) gegen Proudhons Auffassung der „befreiten Arbeit“.