Marseille – Juli 1964 / Neapel – August 1964

Betrachtungen zur organischen Aktivität der Partei, wenn die allgemeine Lage historisch ungünstig ist

1.) Die sogenannte Frage der inneren Organisation der Partei ist immer ein Thema der Positionen der traditionellen Marxisten und der heutigen, als Opposition gegenüber den Fehlern der Moskauer Internationale entstandenen kommunistischen Linken gewesen. Diese Frage stellt nicht etwa einen abgesonderten, in sich abgeschlossenen Bereich dar, sondern ordnet sich in unsere Gesamthaltung ein.

2.) Als eine der Lehre bzw. der allgemeinen Theorie der Partei angehörende Frage findet sie sich in unseren klassischen Schriften; wir haben sie in Ausführungen jüngeren Datums zusammengefasst, wie in den Thesen von Rom und Lyon (1922 und 1926) sowie in vielen anderen Texten, in denen die Linke – aufgrund von Phänomenen, die nicht minder schwerwiegend waren als die, die sich in der II. Internationale gezeigt hatten – ihre Vorahnung hinsichtlich des Bankrotts der III. Internationale aussprach. Dieses ganze Material ist auch jetzt beim Studium der Organisationsfrage hilfreich (Organisationsfrage im engeren Sinn als Organisation der Partei, nicht im weiteren Sinn als Organisation des Proletariats in seinen verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Formen). Es soll hier nicht noch einmal zusammengefasst werden – wir verweisen auf die genannten Texte und die angefangene, umfangreiche Arbeit: „Storia della sinistra“[1].

3.) Zur reinen, uns allen gemeinsamen und nunmehr außer Frage stehenden Theorie gehört all das, was die Anschauung und das Wesen der Partei sowie die Beziehungen zwischen der Partei und der Arbeiterklasse angeht. Beziehungen, die zur Schlussfolgerung führen, dass das Proletariat nur durch die Partei und die Parteiaktion zur Klasse „für sich“ und für die Revolution wird.

4.) Als taktische Fragen (wir haben ja schon klargestellt, daß es keine autonomen Bereiche und Abschnitte gibt) bezeichnen wir jene, die in den Beziehungen zwischen dem Proletariat und den anderen Klassen, zwischen der Arbeiterpartei und anderen Arbeiterorganisationen, zwischen der Arbeiterpartei und bürgerlichen bzw. nicht-proletarischen Parteien, auftauchen und sich historisch entwickeln.

5.) Die Beziehung zwischen den taktischen Beschlüssen – die nicht im Gegensatz zu den theoretischen Grundsätzen stehen dürfen – und der vielschichtigen Entwicklung der objektiven, und in einem gewissen Sinne der Partei äußeren Situationen ist natürlich sehr wechselhaft; die Linke hat jedoch vertreten, daß die Partei sie bereits im Voraus theoretisch vorweggenommen und bewältigt haben muss (wie es in den Römer Thesen zur Taktik, die als Thesenentwurf für die internationalen Taktik vorgesehen waren, entwickelt wurde).

Stark vereinfacht ausgedrückt, gibt es Phasen, in denen die objektive Situation für unsere Revolution günstig ist, während gleichzeitig die Bedingungen für die Partei als Subjekt ungünstig sind; und es kann sich umgekehrt verhalten; und dann gibt es seltene, aber beeindruckende Beispiele, in denen die gesellschaftliche Lage die Massen zur Revolution und zur Partei drängt, die darauf gut vorbereitet ist und diese Situation vorhergesehen und im Voraus beschrieben hat (wie es Lenin für die Bolschewiken tat).

6.) Wenn wir das kleinkrämerische „da muss man differenzieren“ außen vor lassen, können wir uns die Frage stellen, in welcher objektiven Situation sich die heutige Gesellschaft befindet. Mit Sicherheit ist es die schlechtmöglichste: Ein großer Teil des Proletariats ist – eher als unter der Knute der Bourgeoisie – von Parteien beherrscht, die in deren Diensten stehen und das Proletariat an jeder revolutionären Klassenbewegung hindern, so dass man nicht vorhersagen kann, wie viel Zeit noch vergehen mag, bis in dieser amorphen und toten Situation wieder das geschieht, was der Explosion des Klassenantagonismus vorausgehen muss und wir anderweitig „Polarisierung“ oder „Ionisierung“[2] der gesellschaftlichen Moleküle nannten.

7.) Welches sind, in dieser für uns ungünstigen Lage, die Auswirkungen auf die innere organische Dynamik der Partei? Wir haben in allen oben genannten Texten stets betont, dass sich das Parteileben von den Merkmalen der realen Situation keineswegs abkoppeln kann. Die existierenden großen Arbeiterparteien sind daher zwangsläufig ausgesprochen opportunistisch.

Eine Grundthese der Linken ist, dass unsere Partei deswegen nicht aufhören darf, dem zu trotzen, sondern überleben und die Flamme entlang des historischen „Fadens der Zeit“ weitertragen muss. Es wird eine kleine Partei sein, das ist klar, nicht weil wir es so wünschen würden und uns dafür entschieden hätten, sondern weil es unvermeidlich ist. Es sei hier nur an die Struktur dieser Partei auch in der Phase des Niedergangs der III. Internationale erinnert, und an die zahlreichen Polemiken, in denen wir mit Argumenten, die wir hier nicht zu wiederholen brauchen, die verschiedenen Anschuldigungen zurückwiesen. Wir wollen keine Geheimsekte oder Elitepartei, die aus Gründen der Reinheit jeden Kontakt nach außen ablehnt. Ebenso wie wir jede Formel einer Arbeiter- bzw. Labourpartei, die alle Nicht-Proletarier ausschließt, ablehnen – eine übrigens allen geschichtlich aufgetretenen Opportunisten angehörende Formel. Und wir wollen die Partei nicht auf eine Organisation kulturellen, intellektuellen und scholastischen Typs reduziert wissen: Die Auseinandersetzung darüber reicht über ein halbes Jahrhundert zurück;[3] und wir haben auch keine konspirativ-bewaffnete und Komplotte schmiedende Parteiaktion im Kopf, wie gewisse Anarchisten und Blanquisten.

8.) Da sich der Charakter der Degeneration des gesellschaftlichen Gefüges in der Verfälschung und Zerstörung der Theorie und Lehre verdichtet, ist klar, dass die heutige kleine Partei primär die Aufgabe hat, die Grundsätze, die theoretische Bedeutung haben, wiederaufzurichten: Doch leider entbehrt diese Arbeit des günstigen Bodens, auf dem Lenin sie nach der Katastrophe des I. Weltkrieges erfüllte. Das heißt jedoch nicht, eine Barriere zwischen Theorie und praktischer Aktion errichten zu können, denn jenseits einer bestimmten Grenze würden wir uns damit selbst zerstören, ebenso wie alle unsere Grundprinzipien. In dem Maße, wie die realen Kräfteverhältnisse dies erlauben, müssen daher alle Formen von Aktivität angewandt werden, die in günstigen Momenten als selbstverständlich angesehen werden.

9.) All dies müsste sehr viel ausführlicher dargelegt werden, aber hinsichtlich der Organisationsstruktur der Partei in einer so schwierigen Übergangszeit lässt sich bereits eine Schlussfolgerung ziehen. Ein fataler Fehler wäre, sie als in zwei Gruppen teilbar anzusehen: eine, die sich mit dem Studium, eine andere, die sich mit der Aktion befasst, denn eine solche Trennung ist nicht nur für den Korpus der Partei, sondern auch für den einzelnen Kämpfer tödlich. Der Sinn der Einheit und des organischen Zentralismus ist der, dass sich innerhalb der Partei Organe entwickeln, die verschiedener Funktionen fähig sind; Funktionen, die wir Propaganda, Eingliederung, Arbeiterorganisierung, Gewerkschaftsarbeit etc., nennen, und die morgen auch den bewaffneten Apparat einschließen werden. Doch lässt sich dies mitnichten aus der Anzahl der Genossen herleiten, die mit diesen Funktionen betraut werden sollen, denn im Prinzip darf kein Genosse keiner dieser Funktionen fernstehen.

Dass sich heute scheinbar zu viele Genossen mit der Theorie und der Geschichte der Bewegung befassen und nur wenige zur Aktion bereit sind, ist nur ein geschichtlicher Unfall. Vor allem wäre es aussichtslos zu untersuchen, wie viele sich der einen oder anderen Kraftanstrengung verschreiben sollen. Wenn sich die Situation radikalisiert, das wissen wir alle, werden sich unzählige Individuen auf unsere Seite schlagen, unmittelbar, instinktiv und ohne ein Studium absolviert zu haben, das befähigt, schulische Leistungsnachweise nachzuäffen.

10.) Seit sich Marx mit Bakunin, Proudhon und Lassalle schlug und aus allen späteren Phasen der opportunistischen Seuche, wissen wir sehr wohl, dass die opportunistische Gefahr ganz und gar mit dem Einfluss zusammenhängt, den kleinbürgerliche, falsche Verbündete auf das Proletariat ausüben.

Auf der Grundlage mächtiger Lehren der Geschichte wissen wir, dass das tiefe Misstrauen, mit dem wir den Aktivitäten dieser sozialen Schichten begegnen, uns nicht davon abhalten darf und kann, bestimmte Individuen einzugliedern; die Partei wird sie bei der Arbeit zur Systematisierung der Theorie einsetzen, außerhalb derer es nichts als Wüste gibt, und die schließlich, durch das Eroberungsprogramm der Partei, die ganze revolutionäre Masse ergreifen wird.

11.) Die heftigen Funken, die bei der Anwendung unserer Dialektik überspringen, haben uns gelehrt, dass derjenige ein kämpferischer, kommunistischer und revolutionärer Genosse ist, der die ihm eingebrannten Daten, mit denen diese verwesende Gesellschaft ihn klassifiziert, vergessen, leugnen, aus dem Kopf und dem Herzen verbannen kann, und sich innerhalb des gesamten, Jahrtausende zählenden Brückenschlags sieht und einordnet, welcher das mit wilden Tieren kämpfende Stammesmitglied mit dem Mitglied des zukünftigen kommunistischen Gemeinwesens verbindet.

12.) Historische und formelle Partei. Diese Unterscheidung findet sich bei Marx und Engels, und sie, die sich durch ihr Werk auf der Ebene der historischen Partei befanden, hatten das Recht, den Anspruch, einer formellen Partei anzugehören, zu ignorieren. Doch deshalb hat heute kein Genosse das Recht zu sagen, er erfülle alle Voraussetzungen, um der „historischen Partei“ anzugehören, auf die formelle könne er verzichten. Dies nicht, weil Marx und Engels Supermänner einer sich von allen anderen unterscheidenden Rasse gewesen wären, sondern eben wegen ihres klaren Verständnisses bei der Unterscheidung zwischen historisch und formell, die dialektische und historische Bedeutung hat.

Marx sagt: „Partei im großen historischen Sinn“, und im formellen oder „ganz ephemeren Sinne“.[4] Der erste Begriff beinhaltet die Kontinuität und daraus haben wir unsere charakteristische These der Invarianz der Lehre abgeleitet, was Marx seinerzeit nicht als geniale Erfindung, sondern als Aufdeckung eines Ergebnisses der gesellschaftlichen Evolution aussprach. Aber die beiden Begriffe stehen nicht im metaphysischen Gegensatz zueinander und es wäre dumm, sie in folgender, lächerlicher Gelehrtheit zum Ausdruck zu bringen: Die formelle Partei ist mir nicht so wichtig, für mich zählt nur die historische.

Wenn wir der invarianten Lehre entnehmen, dass der revolutionäre Sieg der arbeitenden Klasse nur durch die Partei der Klasse und deren Diktatur zu erlangen ist, und anhand der Marx’schen Worte erklären, dass das Proletariat als Klasse nicht a priori, vor der revolutionären und kommunistischen Partei besteht (das mag für die bürgerliche Wissenschaft so sein), dann ist die zu ziehende Folgerung daraus, dass für den Sieg eine Partei notwendig sein wird, die gleichzeitig als historische und formelle zu kennzeichnen ist. In der Realität der Aktion und Geschichte muss der scheinbare Widerspruch (der eine lange und schwierige Vergangenheit beherrschte) gelöst sein: der Widerspruch zwischen historischer, was also den Inhalt (historisches, invariantes Programm) angeht, und ephemerer Partei, d.h. was die Form angeht, die als physische Kraft und Praxis eines entscheidenden Teils des kämpfenden Proletariats handelt.

Diese klare Synthese der theoretischen Frage soll kurz auf die hinter uns liegenden historischen Übergänge bezogen werden.

13.) Der erste Übergang von einer Gesamtheit kleiner Gruppen und Bünde, in denen der Arbeiterkampf sich manifestiert, zur von der Lehre vorausgesehenen internationalen Partei findet mit der Gründung der I. Internationale 1864 statt. Es ist hier nicht der Zeitpunkt, deren Krisenprozess zu rekonstruieren; unter der Leitung von Marx wird sie bis zum Äußersten gegen das Eindringen kleinbürgerlicher (z.B. anarchistischer) Programme verteidigt.

Die II. Internationale wird 1889 errichtet – nach dem Tode von Marx, aber unter den wachsamen Augen Engels’, dessen Weisungen jedoch nicht befolgt werden. Für einen Moment behauptet sich erneut das Weiterbestehen der historischen in der formellen Partei; doch in den folgenden Jahren bricht diese Entwicklung ab: Der föderalistische statt zentralistische Typus gewinnt die Oberhand, ebenso wie der Einfluss der parlamentarischen Praxis und der Demokratiekult sowie das nationalistische Weltbild der einzelnen Sektionen, die nicht – wie im Manifest von 1848 vorgesehen – als Kriegsarmee gegen den eigenen Staat begriffen werden; der offene Revisionismus taucht auf, der das historische Ziel geringschätzt und die zeitweilige und formelle Bewegung verherrlicht.

Nach dem fürchterlichen Bankrott fast aller Sektionen, die sich 1914 dem reinen Demokratismus und Nationalismus verschrieben hatten, entsteht die III. Internationale, die in den ersten Jahren nach 1919 als vollständige Wiederzusammenführung der historischen in der formellen Partei anzusehen ist. Die neue Internationale entsteht erklärtermaßen zentralistisch und anti-demokratisch, doch die historische Praxis der aus der gescheiterten II. Internationale föderierten Sektionen, die in die III. aufgenommen worden waren, stellt eine außerordentliche Schwierigkeit dar, die sich durch die Erwartung noch vergrößert, der Übergang von der Machteroberung in Russland zu der in anderen europäischen Ländern stünde unmittelbar bevor.

Wenn die aus den Trümmern der alten Partei der II. Internationale entstehende Sektion in Italien die Notwendigkeit der Verbindung zwischen historischer Bewegung und ihrer aktuellen Form erfasste (sicher nicht kraft persönlicher Stärken, sondern aus der geschichtlichen Erfahrung heraus), dann deshalb, weil sie besondere Kämpfe gegen die degenerierten Formen ausgetragen und daher das Eindringen gewisser Kräfte verhindert hatte, nicht nur solcher, die Positionen nationalistischen, parlamentarischen und demokratischen Typs vertraten, sondern auch solcher Kräfte (wie die der Maximalisten), die sich durch das kleinbürgerliche, anarcho-syndikalistische Revoluzzertum beeinflussen ließen. Beharrlich kämpfte die Strömung der Linken für strenge Beitrittsbedingungen[5] (Aufbau einer neuen formellen Struktur), die sie in Italien vollständig durchsetzte; und als dies in Frankreich, Deutschland etc. nicht festgestellt werden konnte, war sie die erste, die auf die Gefahr für die ganze Internationale aufmerksam machte.

Aufgrund der geschichtlichen Lage, die ja darin bestand, dass der proletarische Staat in nur einem einzigen Land errichtet worden war, während die Machteroberung in anderen Ländern nicht gelang, erwies sich die organische Lösung, wonach das Steuer der Weltorganisation in den Händen der russischen Partei lag, als zunehmend problematisch.

Die Linke bemerkte als Erste, dass, wenn sich die Haltung des russischen Staates hinsichtlich der Binnenwirtschaft wie der internationalen Beziehungen beginnen würde zu ändern, sich eine Kluft auftun würde zwischen der Politik der historischen Partei, d.h. aller revolutionären Kommunisten in der Welt, und der Politik einer formellen Partei, die die Interessen des russischen Staates schützt.[6]

14.) Diese Kluft ist seit damals um so größer geworden, wie die von der russischen Parteiführung abhängigen „Bruder“parteien eine von der Tagespolitik bestimmte und vulgäre Kollaborationspolitik mit der Bourgeoisie betreiben, die auch nicht besser als die traditionelle der korrupten Parteien der II. Internationale ist.

Dies gibt den Gruppen, die aus dem Kampf der italienischen Linken gegen die Moskauer Degenerierung hervorgegangen sind, die Möglichkeit, wir sagen nicht das Recht, besser als alle anderen zu verstehen, auf welchem Wege die wirkliche, aktive, also formelle Partei am Charakter der revolutionären historischen Partei festhalten kann; potentiell existiert Letztere seit mindestens 1847, während sie sich praktisch durch die tragische Reihe der revolutionären Niederlagen hindurch in großen historischen Sprüngen durchgesetzt hat.

Die Anstrengungen, eine neues internationales Organ, ohne solche historischen Brüche, zu verwirklichen, müssen sich auf diese unverfälschte Tradition stützen können: Ihre Übermittlung kann sich nicht in einem organisatorischen Sinne auf besonders befähigte und in der Geschichte der Arbeiterbewegung bewanderte Menschen gründen, sondern muss eine Verbindung im organischen Sinne herstellen, also die Linie, die durch den vor 40 Jahren begonnenen Kampf manifest wurde, mit der heutigen Linie verknüpfen. Die neue Bewegung wird nicht auf Supermänner warten oder auf einen neuen Messias bauen können, sondern sich auf die Wiederbelebung dessen gründen müssen, was durch eine lange Zeit hindurch bewahrt werden konnte; für diese Bewahrung wiederum reicht es nicht aus, Thesen zu lehren und Dokumente zu untersuchen, es bedarf auch der lebendigen Werkzeug, die einer alten Garde ihre Gestalt gaben und ihr anvertrauten, eine mächtige und nicht durch Korruption verdorbene Lehre an eine junge Garde weiterzugeben. Diese wird sich in neue Revolutionen stürzen; und vielleicht wird die Aktion im Vordergrund der Geschichtsbühne nicht mehr als ein Jahrzehnt auf sich warten lassen; doch weder die Namen der alten noch der jungen Garde sind für die Partei und die Revolution von Bedeutung.

Die richtige Übermittlung jener Tradition über die Generationen hinweg – und auch deshalb über die Namen Lebendiger und Toter hinweg –, besteht nicht nur in der Weitergabe der kritischen Texte sowie der Methode, die Lehre der kommunistischen Partei treu und in Übereinstimmung mit den Klassikern anzuwenden; notwendig ist die Bezugnahme auf den Klassenkampf, den die marxistische Linke eröffnete und im leidenschaftlichen realen Kampf in den Jahren nach 1919 fortsetzte, einen Kampf, dem – mehr noch als durch das ungünstige Kräfteverhältnis – ein vorläufiges Ende durch die Fessel gesetzt wurde, die in der Abhängigkeit von einem Zentrum bestand, das nicht mehr das Zentrum der historischen Weltpartei war, sondern zu einer bloß ephemeren Partei degenerierte, die von der opportunistischen Krankheit solange ausgehöhlt wurde, bis sie historisch definitiv liquidiert war.

Ohne mit dem Prinzip der weltweiten zentralisierten Disziplin zu brechen, versuchte die Linke, die revolutionäre Schlacht auch aus der Defensive heraus dadurch zu führen, dass sie die proletarische Avantgarde von der Kungelei mit den Mittelschichten, deren dem Untergang geweihten Parteien und Ideologien fernhielt. Da auch dieser Versuch – wenn nicht die Revolution, so doch den Lebensnerv ihrer historischen Partei zu retten – missglückte, musste man heute wieder von vorn beginnen, und zwar in einer objektiv dumpfen und tauben Situation, inmitten eines vom kleinbürgerlichen Demokratismus bis ins Mark infizierten Proletariats. Aber der entstehende Organismus wendet die durch die Geschichte bestätigte theoretische und praktische Tradition auch in der täglichen Praxis an, indem er eine immer weiterreichende Verbindung zu den ausgebeuteten Massen wieder aufnimmt und in seiner inneren Struktur einen der Grundfehler der Moskauer Internationale beseitigt, nämlich die These des demokratischen Zentralismus und die Anwendung jeglichen Wahlmechanismus, ebenso wie er zuvor in der Weltanschauung auch des letzten Mitglieds jegliche Tendenz zu Zugeständnissen gegenüber demokratoiden, pazifistischen, autonomistischen und anarchistischen Strömungen ausgelöscht hat.

Quellen:

„Considerazioni sulla organica attività del partito quando la situazione generale è storicamente sfavorevole“: Il programma comunista, Nr. 2, 1965.[7]

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MEW 30: Marx an Ferdinand Freiligrath, 29. Februar 1860.

 


[1] „Storia della sinistra“, Band I-IV, 1912-22; der 1. Band erschien 1964.

[2] Ionisierung: Wie der Name schon andeutet, entstehen durch diesen Prozess Ionen: aus einem elektrisch neutralen Atom oder Molekül wird ein elektrisch positives oder negatives Atom oder Molekül.

[3] Bereits 1912 hatte sich Amadeo Bordiga gegen die seitens der SPI propagierte „Arbeiterkultur“ gewandt: „Wir wollen nicht wertvolle Energien verschleudern im Versuch, mit schulmäßigen Methoden dem abzuhelfen, was einer der wesentlichen unauslöschbaren Züge des Regimes der Lohnarbeit ist: Das niedrige Niveau der Arbeiterkultur.“ Siehe hierzu: „Arbeiterbewegung, Kultur und Antimilitarismus“, S. 384-413, in Christian Riechers: „Die Niederlage in der Niederlage“.

[4] Marx an Ferdinand Freiligrath, 29. Februar 1860, MEW 30, S. 488.

[5] Bezieht sich auf die 21 Bedingungen der „Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale“, angenommen auf dem 2. Weltkongress der KI, 1920.

[6] Hingewiesen sei hier nur auf eine Diskussion im Februar 1926 vor der italienischen Kommission, in der Bordiga Josef Stalin offen angriff. Er stellte ihm u.a. die Frage, ob er die Lage in Russland und die innerparteilichen Fragen der KPdSU in Verbindung mit der internationalen Arbeiterbewegung sehe, was Stalin sehr aufbrachte. Doch Bordiga rang ihm schließlich das die russische Zukunft („Sozialismus allein in Russland“, während gemäß dem Marxismus noch nicht einmal der Kapitalismus in nur einem Land „aufgebaut“ werden kann) betreffende Eingeständnis ab, dass die Diskussion der russischen Fragen in den anderen Parteien bzw. dem EKKI „unerwünscht“ sei, während diese Fragen nach Ansicht Bordigas die Proletarier aller Länder angingen. Siehe: „1926-02-22 – Versammlung der italienischen Delegation mit Stalin“.

[7] Dies ist einer von drei Texten, die sich mit Divergenzen befassen, die sich Anfang der sechziger Jahre innerhalb der IKP zeigten. Neben der erstmals angeführten, wichtigen Unterscheidung zwischen historischer und formeller Partei, wird in ihnen eine kurze Bilanz der Tätigkeit der italienischen Linken für das vergangene halbe Jahrhundert gezogen. 1) „1964-07-11 – Betrachtungen zur organischen Aktivität der Partei, wenn die allgemeine Lage historisch ungünstig ist“.

2) „1965-07-17 – Thesen zur historischen Aufgabe, Aktion und Struktur der kommunistischen Weltpartei, gemäß den Positionen, die seit über einem halben Jahrhundert das historische Vermögen der kommunistischen Linken bilden“.

3) „1965-10-31 – Ergänzung zu den Thesen von Neapel (Juli 1965) über die historische Aufgabe, Aktion und Struktur der kommunistischen Weltpartei“.