Florenz – Oktober 1965

Ergänzung zu den Thesen von Neapel (Juli 1965) über die historische Aufgabe, Aktion und Struktur der kommunistischen Weltpartei

1.) Die Thesen von Neapel behaupten die fortdauernde Gültigkeit jener Positionen, die seit über einem Jahrhundert das Vermögen der kommunistischen Linken bilden. Das Verständnis sowie die natürliche und spontane Umsetzung dieser Positionen ergeben sich nicht daraus, dass man in Paragraphen, Gesetzes- oder Verfassungstexten nachschlägt, und sie werden auch nicht durch Abstimmungsverfahren gefestigt, die auf Versammlungen, oder schlimmer noch, von Richterkollegien oder Gerichtshöfen durchgeführt werden, die über Anfragen weniger Erleuchteter befinden sollen. Die Arbeit, die wir machen, um zu diesen, nicht leicht zu erreichenden Ergebnissen zu kommen, wird erfolglos bleiben, wenn wir nicht das aus der lebendigen Erfahrung der revolutionären Bewegung über große Zeiträume resultierende historische Material nutzen, das wir vor und nach der Veröffentlichung der Thesen durch gemeinsame und beharrliche Arbeit vorbereitet und verbreitet haben.

2.) Die heutige kleine Bewegung sieht sehr klar, dass die vergangene düstere Geschichtsperiode die Arbeit sehr erschwert, die, nach so langer Zeit, die Lektionen der großen Kämpfe – nicht nur der großen Siege, sondern ebenso der blutigen Niederlagen und unrühmlichen Rückzüge – auszuwerten hat. Damit sich das revolutionäre Programm herausbilden kann, reicht die theoretische Strenge und Tiefe der historischen Kritik nicht aus, denn der Lebenssaft ist die Verbindung mit den rebellierenden Massen in den Perioden, in denen der Druck unwiderstehlich wird und sie dazu bringt zu kämpfen. Ein dialektischer Zusammenhang, der heute besonders schwierig ist, wo die Kampfbereitschaft der Massen aufgrund der flach verlaufenden Krisenkurve des altersschwachen Kapitalismus und der immer größeren Schäbigkeit der opportunistischen Strömungen eingeschlafen und erloschen ist. Auch wenn wir uns der geringen Reichweite der Partei bewusst sind, müssen wir doch wissen, dass wir die wirkliche, gleichzeitig intakte und schlagkräftige Partei in Hinblick auf jene Zeit vorbereiten, in der die Niederträchtigkeiten in der heutigen gesellschaftlichen Struktur die sich erhebenden Massen wieder an die Spitze der Geschichte zurückkatapultieren werden. Im Schwung, den eine solche Periode mit sich bringt, könnten sie wieder scheitern, wenn eine feste und starke Partei (keine Massenpartei) als unverzichtbares Organ der Revolution fehlen würde. Die, auch schmerzhaften, Widersprüche dieser Zeit müssen dann überwunden sein, was dann der Fall ist, wenn dialektisch die Lehre aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit gezogen wird und unerschrocken die Gefahren ebenso wie die tückischen Formen aufgezeigt werden, die die opportunistische Krankheit jeweils annahm und die von der Linken frühzeitig bemerkt und angeprangert wurden.

3.) Mit diesem Ziel vor Augen wird die kritische Darstellung der vergangenen Kämpfe und Reaktionen der kommunistischen Linken hinsichtlich der historischen, durch theoretische Abweichungen und Verwirrungen gekennzeichneten Wellen, die der proletarischen Revolution seit über einem Jahrhundert den Weg versperren, noch tiefer und gründlicher getan werden; und durch die Bezugnahme auf die Phasen, in denen die Bedingungen eines militanten Klassenkampfes bestanden, ohne dass der Faktor der revolutionären Theorie und Strategie stark genug gewesen wäre; vor allem aber durch die geschichtlichen Wechselfälle, die die III. Internationale zu einer Zeit schwächten, als der kritische Punkt schon ein für alle Mal gelöst zu sein schien, und durch die kritische Haltung, die die Linke ihr gegenüber einnahm, um die heraufziehenden Gefahren und den dann leider folgenden Niedergang der weltumspannenden Organisation abzuwehren – durch all dies lassen sich die Lehren benennen, die weder Erfolgsrezepte sein wollen noch sein können, sondern ernste Mahnungen sind, damit wir uns vor den Fallen schützen, worin jene Gefahren und Schwächen konkrete Gestalt annahmen, und worin die Geschichte jene Kräfte so oft gehen ließ, die sich der Sache des revolutionären Vormarsches geweiht zu haben schienen.

4.) Die nun folgenden, an Beispielen illustrierten Punkte beziehen sich nicht direkt auf Fehler und Schwierigkeiten, die die jetzige Arbeit bedrohen könnten, sondern sollen weiter dazu beitragen, die Erfahrungen der vergangenen Generationen weiterzugeben; Erfahrungen, die in einer Zeit gemacht wurden, in der die Lehre wirklich wiederhergestellt wurde (proletarische Diktatur in Russland; Lenins Arbeit und die seiner Mitkämpfer auf theoretischer, Gründung der KI auf praktischer Ebene) und in der die kommunistischen Parteien, unter breiter Teilnahme der Massen, mitten im revolutionären Kampf standen. Die Lektionen stehen heute, infolge einer starken „Phasenverschiebung“ im chronologischen und geschichtlichen Sinne, auf dem Spiel, doch sie zu lernen, bleibt stets, heute genauso wie morgen, wenn die Lage besser aussehen wird, eine lebenswichtige Bedingung.

5.) Eine wesentliche Charakteristik des Phänomens, das Lenin mit dem von Marx und Engels übernommenen Begriff des Opportunismus bezeichnete, besteht darin, den kürzeren, bequemeren und weniger schwierigeren Weg dem längeren, unbequemeren, mit Steinen gepflasterten Weg vorzuziehen; doch nur auf Letzterem kann Beides wirklich zusammengehen, nämlich unsere Grundsätze und Programme, d.h. unsere höchsten Ziele, durchzusetzen, und zugleich direkt die Tageskämpfe in der jeweils realen Situation zu entfalten. Lenin hatte Recht, als er sagte, dass der taktische Vorschlag (am Ende des I. Weltkrieges), auf die parlamentarische Tätigkeit zu verzichten, sich nicht mit dem Argument begründen lasse, wonach der kommunistische und revolutionäre Kampf in den Parlamenten „schwierig“ sei, da der bewaffnete Aufstand und die darauf folgende Situation, in der die gesamte ökonomische Transformation der dem Kapitalismus gewaltsam entrissenen sozialen Welt beherrscht werden muss, ungleich größere Schwierigkeiten aufweise. Aus unserer Sicht der Dinge war allzu offensichtlich, dass die Vorliebe für die demokratischen Methoden der Neigung entgegenkam, die bequemen Verfahrensweisen der legalen Tätigkeit die Strenge der illegalen vorzuziehen, und dass eine solche Praxis die ganze Bewegung unweigerlich auf den fatalen sozialdemokratischen Irrweg zurückführen würde, den man durch heroische Anstrengungen gerade hinter sich gelassen hatte. Wie Lenin verurteilten wir den Opportunismus nicht aus moralischen oder ethischen Gründen, sondern wussten, dass er in den Arbeiterreihen dem Vorherrschen von Positionen entspricht (Marx und Engels für das England des fortgeschrittenen 19.Jahrhunderts), die den kleinbürgerlichen Mittelschichten angehören und mehr oder minder bewusst dem sozialen Interesse der herrschenden Klasse, daher der herrschenden Meinung, folgen. Die starke Position Lenins zur parlamentarischen Tätigkeit, die der gewaltsamen Zerstörung des bürgerlichen Systems und des demokratischen Gerüsts Hand bieten und durch die Klassendiktatur ersetzt werden sollte, führte dann aber in der Praxis dahin, dass die proletarischen Abgeordneten den schlimmsten Einflüssen der kleinbürgerlichen Impotenz ausgesetzt wurden, was schließlich die Verleugnung des Kommunismus und sogar den käuflichen Verrat, zu Nutz und Frommen des Feindes, zur Folge hatte.

Die Tatsache, dass sich die theoretischen Vorwegnahmen in jener gewaltigen historischen Zeitspanne bestätigten (auch wenn es so scheinen mag, als sei diese Verallgemeinerung nicht so klar von Lenin, der wie wir Schüler der Geschichte war, ausgesprochen worden), ist eine Mahnung für die Partei, nicht Entscheidungen zu treffen, die vom Wunsch geleitet sind, mit weniger Arbeit oder geringeren Opfern Erfolg zu haben. In diesem scheinbar harmlosen Wunsch kommt die Trägheit des Kleinbürgers zum Ausdruck, dem die kapitalistische Grundregel in Fleisch und Blut übergegangen ist: größtmöglicher Profit bei minimalen Kosten.

6.) Ein weiterer, immer wiederkehrender Gesichtspunkt des opportunistischen Phänomens (der in der II. Internationale auftrat und heute nach dem noch schlimmeren Zusammenbruch der III. Internationale triumphiert) ist, dass die schlimmsten Verdrehungen der Parteiprinzipien mit einer demonstrativen Bewunderung für die klassischen Texte, für den Stil und das Werk der großen Lehrer und Führer einhergehen. Unveränderliches Kennzeichen der kleinbürgerlichen Heuchelei ist, der Stärke des siegreichen Feldherrn, der Größe berühmter Autoren, der Rhetorik gewandter Redner, unterwürfig Beifall zu klatschen, um nach derartigen Gefühlsausbrüchen wieder in der gegenteiligen, miserablen Praxis zu versinken. Nichts bedeutet daher ein Korpus von Thesen, wenn es denjenigen, die ihn in einer Art literarischer Begeisterung aufnehmen, dann in der praktischen Tätigkeit nicht gelingt, dessen Geist zu erfassen und sich daran zu halten, und statt dessen durch eine pointierte, jedoch platonische Zustimmung zum theoretischen Text ihr Verhalten zu verschleiern suchen.

7.) Eine weitere, aus bestimmten Lebensabschnitten der III. Internationale hervorgegangene Lektion besteht in der Nutzlosigkeit des „ideologischen Terrors“, jener unseligen Methode, die, statt auf den natürlichen Prozess zu setzen, in dem sich unsere Lehre durch die Konfrontation mit einer explosiven Realität im gesellschaftlichen Milieu verbreitet, Druck ausübt, um unbequeme und verwirrte Individuen (aus Gründen, die sich entweder als stärker als die Menschen oder die Partei erweisen oder in einer unzulänglichen Entwicklung der Partei selbst zu suchen sind) abzukanzeln, indem man sie auf öffentlichen, auch dem Feind zugänglichen Kongressen demütigt und beschämt, gerade auch dann wenn sie Vertreter oder Führer unserer Aktion in Episoden von politischer und historischer Tragweite waren. Es war üblich, diese Parteimitglieder zu einem öffentlichen Eingeständnis von Fehlern zu zwingen, meistens, indem man sie vor die Alternative stellte, wichtige Positionen im Organisationsgetriebe zu behalten oder verdrängt zu werden, somit die fideistische und pietistische Methode der Reue und des „mea culpa“[1] imitierend. Auf diesem wahrhaft philisterhaften, der bürgerlichen Moral würdigen Weg wurde kein Kämpfer besser, noch konnte die Partei so der Gefahr ihres Niedergangs entgehen. In der revolutionären, schlagkräftigen Partei ist der Gehorsam spontan und total, aber nicht blind und erzwungen, und die äußerst wichtige Disziplin drückt sich in einer perfekten Harmonie zwischen der Aktion und den Funktionen der Basis und des Zentrums aus; durch bürokratische Maßregeln eines antimarxistischen Voluntarismus kann dies mitnichten ersetzt werden.

Wie sehr der hier angesprochene Punkt zum richtigen Verständnis des organischen Zentralismus beiträgt, wird deutlich, wenn wir uns an die „Geständnisse“ erinnern, die großen revolutionären, später in Stalins Säuberungen umgekommenen Führern aufgezwungen wurden, oder wenn wir an die unsinnige „Selbstkritik“ denken, die zu leisten sie genötigt wurden, indem man sie mit dem Ausschluss aus der Partei oder mit der Verleumdung, sich an den Feind verkauft zu haben, erpresste – eine Niedertracht, die durch die nicht minder scheinheilige und bürgerliche Methode der „Rehabilitation“ keineswegs gutgemacht wurde. Wenn von derartigen Methoden in zunehmendem Maße Gebrauch gemacht wird, zeigt dies nur, auf dem verhängnisvollen Weg zu sein, auf dem die letzte opportunistische Welle ihre Triumphe feierte.

8.) Eben weil der organisch geführte Kampf eine Notwendigkeit darstellt, und damit der Parteiorganismus als ein Ganzes funktionieren kann, der jeden Personalismus und Individualismus überwinden und vergessen lässt, muss die Partei ihren Militanten verschiedene, ihren Lebensprozess bildende Aufgaben und Tätigkeiten zuweisen. Dass es verschiedene Aufgaben gibt, die die Genossen, sich abwechselnd, erfüllen, ist normal und kann sicher nicht durch Regeln gelenkt werden, die der bürgerlichen Beamtenlaufbahn ähnlich sind. In der Partei gibt es keine Wettbewerbe, in denen es darum geht, möglichst hohe und angesehene Stellungen zu erreichen, vielmehr muss organisch darauf hingearbeitet werden – ohne die bürgerliche Arbeitsteilung nachzuahmen –, das komplexe und gegliederte Parteiorgan auf natürliche Weise seinen Funktionen anzupassen.

Wir wissen sehr wohl um die historische Dialektik, die jeden Kampforganismus dahin führt, seine Angriffsmittel durch die Anwendung der im Besitz des Feindes befindlichen Techniken zu vervollkommnen. Insofern werden die Kommunisten in der Phase des bewaffneten Kampfes eine Militärorganisation mit klaren und zielgerichteten Strukturen und Zuständigkeiten haben, die den größtmöglichen Erfolg der gemeinsamen Aktion sichern. Doch darf dies nicht für jede auch nicht-bewaffnete Parteiaktion gelten. Die Befehlsstrukturen bei den Operationen müssen, auch in den Reihen der Arbeiterassoziationen, klar und eindeutig sein: Nur darf uns diese Lektion des bürgerlichen Apparates nicht übersehen oder vergessen lassen, auf welchen Wegen sich Korruption und Degeneration einschleichen. Der organische Charakter der Partei erfordert keineswegs, dass alle Parteikämpfer die Partei in jenem Genossen personifiziert sehen, der damit beauftragt ist, die Anweisungen der Zentrale zu übermitteln. Diese Kommunikation zwischen den Molekülen, die das Parteiorgan bilden, hat gleichzeitig immer eine doppelte Richtung; und die Dynamik jeder Einheit fügt sich in die historische Dynamik des Ganzen ein. Das rein Formale in der Organisation überzubetonen, ohne dass ein zwingender Grund vorliegt, war und ist stets ein Fehler und eine tückische und dumme Gefährdung.

9.) Die historische Produktionsweise des Kapitalismus, mit seinem Mythos des Privateigentums als einem Menschenrecht, das das Monopol einer minoritären Klasse mystifiziert und verschleiert, brauchte stets große, immer berühmtere Namen, um die Kernpunkte seiner Strukturen und die Etappen seiner Evolution, heute Involution, zu markieren. Zu Beginn der langen bürgerlichen Zeitspanne, deren düstere Geschichte wie ein Joch auf unseren sich aufbäumenden Schultern lastet, erreichten die fähigen und starken Menschen höchste Berühmtheit und größte Macht; heute, in diesem kleinbürgerlichen Spießbürgermilieu, sind es eher die Feigsten und Schwächsten, die durch schmutzige Werbekampagnen zu Amt und Würden kommen.

Unsere Partei muss sich bei ihrer äußerst schweren Aufgabe mühen, sich ein für alle Mal von dem trügerischen Reiz loszumachen, der von berühmten Menschen auszugehen scheint, ebenso wie sie sich von der verachtenswerten Methode freimachen muss, irgendwelche Namen bekannt zu machen oder deren Publizität zu produzieren, um auf diese Art und Weise Erfolg zu haben und ihre Ziele zu erreichen. In der Partei darf es keinem ihrer Mitglieder an der Entschlossenheit und dem Mut fehlen, für dieses Ergebnis zu kämpfen, das wirkliche Antizipation der Geschichte und zukünftigen Gesellschaft ist.

Quelle:

„Tesi supplementari a quelle di Napoli sul compito storico, l’azione e la struttura del partito comunista mondiale“: Il programma comunista, Nr. 7, 1966.[2]

 


[1] mea culpa (lat.): „(durch) meine Schuld“; Ausspruch aus einem christlichen Sündenbekenntnis.

[2] Dies ist einer von drei Texten, die sich mit Divergenzen befassen, die sich Anfang der sechziger Jahre innerhalb der IKP zeigten. Neben der erstmals angeführten, wichtigen Unterscheidung zwischen historischer und formeller Partei, wird in ihnen eine kurze Bilanz der Tätigkeit der italienischen Linken für das vergangene halbe Jahrhundert gezogen.

1) „1964-07-11 – Betrachtungen zur organischen Aktivität der Partei, wenn die allgemeine Lage historisch ungünstig ist“.

2) „1965-07-17 – Thesen zur historischen Aufgabe, Aktion und Struktur der kommunistischen Weltpartei, gemäß den Positionen, die seit über einem halben Jahrhundert das historische Vermögen der kommunistischen Linken bilden“.

3) „1965-10-31 – Ergänzung zu den Thesen von Neapel (Juli 1965) über die historische Aufgabe, Aktion und Struktur der kommunistischen Weltpartei“.