Casale Monferrato – Juli 1960

Bericht zur Erkenntnistheorie

Auf der Versammlung in Paris,[1] auf der sehr wichtige ökonomische und soziale Thesen dargelegt wurden, waren auch jene Fragen ein Thema, die die offizielle Kultur gemeinhin unter dem Namen philosophischer Standpunkte subsumiert.

Auf den Versammlungen in Turin,[2] Parma,[3] Mailand und Florenz, und auch in den Berichten dazu, haben wir diese Fragen ausführlich behandelt. Nur dass, um den Anforderungen unserer Arbeit wie üblich nachzukommen, der Bericht über die letzte Versammlung in Florenz zwar die marxistische Ökonomie behandelte, doch nicht zur Erörterung der philosophischen Fragen kam, die dort entwickelt wurden. Der Bericht wird sich also mit dem der heutigen Versammlung überkreuzen, bzw. sie werden einander ergänzen.[4]

So etwas bringt immer ein paar kleine Probleme mit sich. Einige Genossen hatten darauf gewartet, diese Texte zu bekommen. Wird darin – mögen sie gedacht haben – nicht vielleicht auch jene berühmte Frage aufgegriffen, die wir hinsichtlich der Hypothese diskutierten, ob es bezüglich der biblischen Erzählung der Zerstörung von Sodom und Gomorra vorstellbar ist, dass hier eine alte Erinnerung in religiöser Form überliefert wurde, nämlich die Ankunft von „Wesen aus dem Weltall“ auf der Erde? Manche Genossen hätten die Texte also gerne gehabt. Wir werden das wohl noch nachholen. Jedenfalls war in dem Bericht natürlich nicht die ganze biblische Geschichte referiert worden, die wir in Florenz erzählt hatten, wir werden das aber im Schlussteil des heutigen Berichts der Versammlung tun. Die Sommermonate kommen auch uns zupass, so dass wir das in Ruhe machen können.

Auf der 3. Sitzung jener Versammlung in Florenz[5] sprachen wir, abgesehen von der marxistischen Ökonomie, worüber schon viel gesagt wurde, über die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von 1844. Wir knüpften an den Schlussteil des Berichts über die Mailänder Versammlung[6] an und sprachen über die berühmte Frage der Lösung der tausendjährigen Rätsel, an denen sich der Mensch abgearbeitet hat; die Gegensätze und Unvereinbarkeiten jener Rätsel sind in den Positionen des Marx’schen dialektischen Materialismus zu den berühmten Gegensätzen: Mensch – Natur, Empfindung – Denken, Bewegung – Ruhe, Genuss und Leiden, Objekt und Subjekt, Vorstellung und Tatsache etc. brillant aufgelöst.[7] Wir sprachen über die Bedeutung der Wissenschaft, des wissenschaftlichen Sozialismus. Wir erwähnten die moderne Technik, worauf wir hier zurückkommen werden, und unsere Position dazu. Wir legten den Standpunkt der marxistischen Schule zur Frage der menschlichen Erkenntnis dar bzw. versuchten ihn darzulegen.

Da wir die Erkenntnis, die Ideologie in all ihren Erscheinungsformen, die Literatur, die Religion, die Philosophie als Überbaustrukturen ansehen, müssten wir imstande sein, auch hierfür, wie für die Produktionsweisen, ein historisches Schema aufzustellen. So wie bereits in Umrissen die Geschichte der Technologie, kann auch die Geschichte der Wissenschaft und die Geschichte dessen, was als Philosophie gilt, schematisiert werden; ein Schema der menschlichen Erkenntnis also. So wie sich menschliche Tätigkeit und Tradition entwickelt haben, so hat sich im Laufe der Jahrtausende, im Wechsel der Geschichtsepochen und der Kette einander ablösender großer Zeitbögen, über die wir schon mehrmals gesprochen haben, auch ihr Erzeugnis, eben die Erkenntnis entwickelt. Der Schlüssel zu unserer Position, im Gegensatz zu allen anderen ist, dass zuerst das Handeln kommt und danach das Denken. Nicht umgekehrt. Das Wissen ist danach gekommen. Die verbreiteten und propagierten, schriftlich fixierten Gedankengebäude sind danach entstanden, sie sind aufgetreten, nachdem bestimmte Analogien in den Handlungsstrukturen entstanden waren.

Das ist der eigentliche Schlüssel zum Ganzen, den wir in Florenz benutzt hatten. Dann haben wir uns dem Ursprung des Denkens zugewandt, also eben der Frage, ob das Denken der Natur irgendwie präexistent ist. Von dem Moment an, wo wir (d.h. immer: unsere Schule) den Gegensatz zwischen Mensch und Natur aufgehoben haben, von dem Moment an, wo wir negieren, dass die Natur ohne den Menschen denkt, taucht eines dieser Dilemmata auf, ebenso bekannt wie das Dilemma, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war – ob nämlich der Geist vor der Materie da war, oder umgekehrt. Mit diesem Dilemma setzten wir uns dann, mehr zum Vergnügen und zum Pläsier, anhand der Frage des außerirdischen Denkens auseinander. Was uns wiederum zur Geschichte der Weltraumreisenden führte, die bei der Abreise durch das Ablassen ihres Treibstoffs das in der Bibel beschriebene Himmelsfeuer entfacht hätten, welches Sodom und Gomorra zerstört habe. So soll es ja auch aus den beim Toten Meer gefunden biblischen Schriftrollen hervorgehen.

Nach all dem kamen wir schließlich im Schlussteil zur Funktion nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Religion. Von der bürgerlichen Ansicht, wonach die Religion für Unwissenheit steht und mit dem Auftauchen der Wissenschaft obsolet ist, sind wir weit entfernt. Für uns antizipiert die Religion die Wissenschaft. Und wir gingen noch auf die Frage des Unterschieds zwischen Kunst und Wissenschaft ein, womit wir auf die Frage antworteten, die sich einige bürgerliche Denker gestellt hatten, nämlich warum die wissenschaftlichen Entdeckungen oft und gerne gegen neue ausgetauscht werden, wie ja auch die wissenschaftlichen Theorien im Allgemeinen provisorisch und vergänglich sind, während die großen Erzeugnisse des künstlerischen Denkens, die großen Meisterwerke, unverändert geblieben sind und durch Jahrtausende hindurch weitergetragen wurden, ohne ihre Wirkung, ihre Macht einzubüßen.

Wir legten ihre Theorie dar, nach der sich dies nicht dadurch erklärt, dass, wie wir sagen, „die Intuition schneller als der Verstand ist“. Nach unserer Auffassung sind die großen Kunstwerke Ausdruck des den „erleuchtenden“ Epochen, also den Revolutionsepochen entspringenden Denkens; während das wissenschaftliche Erbe ein Erbe der Epochen ist, in denen die Menschheit schlummert. Das wäre in der Menschheitsgeschichte also das berühmte: quandoque bonus dormitat Homerus[8].

Wir sehen Homer demnach als Kind einer revolutionären Epoche, ebenso wie die großen Dichter. Dante betrat beim Morgengrauen der modernen Zeit die Bühne, und in einem gewissen Sinne auch Shakespeare. Ihre Werke sind unsterblich, denn sie entstanden in einer der sich zur Reife entwickelnden Epochen (Epochen, die wir fortschrittliche Momente genannt haben), jenen seltenen Momenten, in denen die Menschheit einen Sprung hin zu neuen Errungenschaften macht. Die Wissenschaft hingegen hängt zu sehr von der Technologie ab, welche ihrerseits von den Verhältnissen der jeweiligen Produktionsweise abhängt. Und auf die Technologie wie auf ihre Entwicklungen und Neuerungen haben die Erhaltung der Produktions- und Eigentumsformen, ebenso wie die Staats- und Gesellschaftsordnungen, einen negativen Einfluss. Es wird so ein Druck ausgeübt, der dem Reifungsprozess und dem Fortschreiten der Menschheit entgegenwirkt; und unter eben diesem Druck steht die sogenannte positive Wissenschaft.

Deshalb ist die Kunst im Allgemeinen revolutionär und die Wissenschaft konterrevolutionär. Deshalb ist die Kultur im Allgemeinen konformistisch und konterrevolutionär; und deshalb zeigt sich die Revolution stets nur den Minderheiten, den Avantgarden und Minderheitsparteien. Nach landläufiger Meinung tritt Kultur nur als Einzelphänomen im Künstler „in Erscheinung“. Wenn sie ihre Herrschaft über die Schule und Schulgelehrtheit, die Universitäten und Kirche (es sind dies bloß den weitergebenen Ideologien äquivalente Formen) angetreten hat, dann wird sie fortschrittsfeindlich und konterrevolutionär.

Wir gelangten daher zu folgendem Punkt: In unseren verschiedenen Berichten haben wir die Frage der genialen Begriffsbestimmung der in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844 enthaltenen Rätsel gründlich dargelegt. Wir bestanden darauf, und tun das jetzt auch wieder, dass sich dieser Teil unserer Kritik (über die Evolution der Überbaustrukturen) vollkommen mit den anderen Berichten und Darlegungen verknüpft, die entweder geschichtliche Untersuchungen betreffen, wie in dem Studium über die dem Kapitalismus vorhergehenden Formen; oder ökonomische Untersuchungen, wie denen zu den heutigen amerikanischen und russischen ökonomischen Strukturen oder der im Marx’schen Hauptwerk enthaltenen Theorie des Kapitalismus.

Parallel dazu entwickeln wir die Kritik des philosophischen Denkens und kommen auf die berühmte Frage des Gegensatzes zwischen Materie und Denken zurück. Dies, wie wir später noch sehen werden, gemäß einer weiteren, im Gegensatz zur bürgerlichen Sichtweise stehenden Anschauung. Im Verlauf der verschiedenen Darlegungen haben wir den Inhalt unseres dialektischen Materialismus erläutert, der einen weiteren Nachweis dafür enthält, dass die Intuition in bestimmter Hinsicht vor dem Verstand da ist, und die erste Wissenschaft, die entsteht, diejenige ist, welche den akademischen Systemen zufolge als letzte erscheint, also die Gesellschaftswissenschaft; die Naturwissenschaft indes kann von Hause aus nur langsam Fortschritte machen.

Die Frage des berühmt-berüchtigten Gegensatzes zwischen Materie und Denken haben wir daher so beantwortet: Es ist die Materie bzw. es sind die Formen, in denen die Materie erscheint, die die Formen, in denen sich das Denken manifestiert, erklären. Doch die Wissenschaft hat es noch nicht fertiggebracht, uns zu zeigen, wie sich dies im Individuum abspielt; sie hat es noch nicht vermocht zu zeigen, wie das vor sich geht, wenn im Individuum eine Portion Koch- oder Bratfleisch „reingeht“, und die Thesen, die wir gerade aussprechen, „rauskommen“; die Wissenschaft konnte noch nicht zeigen, welcher Prozess in diesen Mechanismen, in den für die Nahrungsaufnahme und Verdauung unseres Körpers zuständigen Organen, zwischen der Aufnahme äußerer Energie überhaupt und der Produktion unserer Gedanken abläuft.

In der Gesellschaftswissenschaft ist unser Materialismus belegt. Die Beweisführung wird dann in die Wissenschaft vom Individuum, seine Physiologie übertragen werden, und noch später in die Naturwissenschaften.

Ich spreche jetzt ein weiteres Paradox aus: Nehmt es so wie es ist und verzeiht, sollte es Blödsinn sein. Es ist gut möglich, dass sogar die Naturwissenschaften erst ganz am Schluss kommen, die als die sogenannten exakten Wissenschaften gelten (von denen es heute heißt, sie durchliefen eine Krise), d.h. die Physik, die Chemie und jene Fachdisziplinen, die, um weiter zu kommen, am meisten Gebrauch von mathematischen Algorithmen machen. Wie erklärt sich, dass das Wissen über das Individuum erst nach dem Wissen über die Gesellschaft entwickelt werden wird?

Die erste vollständig klare Wissenschaft ist die über die Gesellschaft, und diese gab uns Gewissheit über die Bedingtheit des Denkens durch die Materie. Diese Gewissheit wird es erst später in der Wissenschaft vom menschlichen Organismus geben. Wahrscheinlich wird man noch später zum exakten Wissen der rein physischen Dynamik kommen: der Wissenschaft vom atomaren und subatomaren Aufbau der Atome mit all ihren Fragezeichen, die allesamt, so denken wir, erst nach der kommunistischen Revolution geklärt werden.

Die erste Gewissheit, die die Menschheit erringt, findet sich in der komplexesten Wissenschaft, in der Wissenschaft vom Menschen selbst als Gesellschaft. Später wird sie die Wissenschaft vom Menschen als Individuum lernen und errichten. Noch später wird sie die Wissenschaft vom Atom als System errichten, dessen Komplexität sich als größer erweist als bislang angenommen wurde. Vorläufig hat das kapitalistische System nur rein klassenmäßige und technologische Erklärungen zu bieten und forscht in einer indeterministischen und widerspruchsvollen Art, denn bis heute hat es nur eine einzige Sache erforschen können, nämlich Tod, Verderben und Zerstörung der Menschheit.

Jene Wissenschaft wird also ihren positiven gegenüber dem heutigen negativen Zyklus wieder aufnehmen. Hier müssen wir unseren Kampf gegen den Einfluss fortsetzen, den der angebliche Fortschritt der kapitalistischen Technik und Wissenschaft stets auf das Proletariat ausgeübt hat. Dass diese sich entwickeln, ist falsch, total falsch. Es ist eine absolute, den gesellschaftlichen Zuständen geschuldete Illusion; um nämlich die Menschen dazu zu bringen, ihre Bedürfnisse mittels des Konsums einer vollkommen nutzlosen und zu neun Zehnteln schädlichen Produktion zu befriedigen, wird sich jener Hilfsmittel gerühmt, mit denen produziert wurde. Die Erfindungen dieser Wissenschaft, die – kompliziert wie sie ist – jenen einheitlichen Weg, der allein zu Wahrheiten führen kann, vollständig aus dem Blick verloren hat, werden in einer völlig unsinnigen Art und Weise zerstückelt und verkompliziert.

An dieser Stelle, an diesem Punkt der Darstellung, haben wir die Überschrift gesetzt: Der Fetisch der Wissenschaft und Technik. In jedem der großen Zeitbögen, jedem der großen Menschheitszyklen sind die großen Religionen und großen Mystiken in der Gestalt erhabener Mystiken aufgetreten, um später in einer niedrigen Form, in der des Fetisches zu landen. In der aufsteigenden Phase waren sie nützlich und kamen zur Reife, in der absteigenden Phase degenerierten sie und nahmen das Aussehen eines Fetisches an. Für das Schicksal der Menschen war der Gott der Bergpredigt[9] noch eine edle Erscheinung. Der Gott der Pfaffen, aus der letzten Zeit des Feudalismus, der sich wunderbarerweise in die Zeit des Kapitalismus hinüber gerettet hat, der Gott des Papstes, eines per Definition unproduktiven Arbeiters, ist laut Marx nur noch ein bloßer Fetisch.

Marx schrieb ein Kapitel, das den Fetischcharakter der Ware beleuchtet. Die Ware war anfangs ja wirklich eine Errungenschaft. Denn in dem Moment, in dem es möglich wurde, ein kleines Gerät (ein Taschenmesser oder eine Schere), das zuvor jeder selbst herzustellen hatte, in kürzester Zeit massenhaft herzustellen und es zu einem Handelsartikel wurde, war dies ein Schritt nach vorn. Heute ist die Ware zu einem Fetisch geworden, wie Marx im seinem brillantesten Kapitel nachweist. Der ihr innewohnende Tauschwert hat ihren Nutzen als Gebrauchswert, ihre ursprüngliche Funktion für den Menschen, erstickt. So wie die Ware zur Zeit Marx’ zu einem Fetisch geworden war und dies auf der Ebene der Gesellschaftswissenschaft und der der Ökonomie auch bewiesen werden konnte, so können wir heute die hochgepriesene moderne Technik und exakte Wissenschaft als Fetisch nachweisen, als Karikatur, als Freud’schen Komplex, als Milieu und obskure Bande, als eine zur Gänze verabscheuungswürdige Machenschaft. Ihr Zweck ist eine ökonomische Machenschaft: die Produktion von Mehrwert in der niedrigsten und schäbigsten Form.

Um also das Rätsel lösen zu können, das wir behandelten, als wir über Sodom und Gomorra sprachen, das heißt des Denkens, das nicht vor der Materie da sein kann (die Alten dachten dies ja, und um so zu denken, mussten sie sich Wesen oder Götter vorstellen, die zuerst den Kosmos, dann den Menschen erschaffen haben, womit dann der Geist vor den stofflichen und organischen Körpern den Schauplatz betreten konnte), um also dieses Rätsel lösen zu können, haben die heutigen Liebhaber der scharlatanischen Wissenschaft und der Science-Fiction wieder ihren Posten bezogen. Dieses Mal nicht, um wieder den Besuch außerirdischer Zivilisationen auf der Erde zu verkünden, die, weil sie auf ihren Planeten viel früher als wir eine geologische Evolution durchlaufen hätten, bereits vor Hunderttausenden von Jahren zu wissenschaftlichen Resultaten gekommen seien, von denen wir noch nicht mal heute den blassesten Schimmer hätten. Stattdessen denken sie nun, dass deren Geist quer durch das Weltall und durch Kommunikation mittels kosmischer Radiowellen eine friedliche „Koexistenz“ schaffen und übertragen könne.

Die Science-Fiction-Schriftsteller sind nun, bzw. schon eine ganze Weile genötigt zuzugeben, dass Leben auf anderen Planeten dieses Sonnensystems nicht vorstellbar ist (unser Wissen war bis vor Kurzem, bis vor einigen hundert Jahren, auf unser Sonnensystem begrenzt – obwohl das so, wie wir noch sehen werden, auch wieder nicht stimmt und dem bürgerlichen Universitätswissen folgt, denn die Alten hatten in Wirklichkeit ein ganz anderes Weltbild). Jedenfalls scheint festzustehen, dass nicht nur menschliches, sondern auch tierisches und wohl auch pflanzliches Leben auf anderen Planeten unseres Sonnensystems wissenschaftlich kaum anzunehmen ist; denn alle Voraussetzungen wie die Temperatur, der Magnetismus, die Elektrizität und Chemie ihrer Atmosphären sind mit Leben nicht vereinbar.

Wenn es anderswo Leben gibt, muss das auf zu anderen Sonnen gehörenden Planeten sein. Deshalb sucht man die modernen Radioteleskope, die abgesehen von Lichtstrahlen auch die Hertzschen und elektromagnetischen Wellen auffangen können, auf jene von der Erdkugel weniger weit entfernten Sterne, die wahrscheinlich Planetensysteme haben, auszurichten. Die der Erde am nächsten kommenden Sterne wären der Mira des Walfisch’ und der Alpha des Eridanus[10]; man denkt sich, dass es in der Umgebung dieser Sterne, also in geringer Entfernung zum Himmelsmeridian, ein Planetensystem gibt und irgendeiner dieser Planeten mit der Erde vergleichbare Evolutionsbedingungen aufweist. Da man heute mit Milliarden von Sternen rechnet, von denen jeder -zig Planeten haben kann, sei es wahrscheinlich, dass hin und wieder ein Planet gefunden werden könne, wenn auch nur auf einem von hunderttausenden, der denkende Wesen beherberge. Demnach müsste man also beweisen können, dass von diesem System, von diesen Planeten, Signale fernübertragen werden, die die großen, modernen Suchgeräte, die Radioteleskope so auffangen können, dass man sie aufzeichnen kann.

Die Wissenschafter teilen mit, daran zu forschen und diese Forschung könne Erfolge zeitigen. Damit ist nicht gesagt, dass es möglich ist, Funksignale von Sternen, die uns am nächsten sind, aufzufangen – es handelt sich hier um Entfernungen, die nicht etwa Hunderte von Millionen Kilometern betragen, sondern Lichtjahre. Auch wenn es stimmt, dass die von den Russen ins All geschossenen Sputniks und Luniks sowie die von den Amerikanern losgeschickten Pioneers bereits Signale über eine Million Kilometer weit gesendet haben, dürfte es doch schwierig sein, sie Tausende von Millionen Kilometer weit zu senden, denn die Stärke eines im All in alle Richtungen gesendeten Signals vermindert sich mit dem Quadrat der Entfernung. Es ist daher wenig wahrscheinlich, ein Funksignal aufzufangen, das von einem zum Planetensystem des Mira Ceti oder Alpha Eridanus oder einem anderen Stern in der Nähe unserer Erde gehörenden Planeten gesendet wird. Die Entfernung ist unserer Ansicht nach so groß, dass das Signal nicht ankommen würde. Wenn Signale ankommen, sind es auf kosmische Strahlung zurückzuführende Signale, die sich aus interstellaren Energiequellen speisen, über die wir sehr unklare Kenntnisse haben; wahrscheinlich wären sie dann von solcher Stärke, dass die Hörer schwer beeindruckt wären.

Doch die dieser Hypothese anhängenden Wissenschafter sagen Folgendes: Wenn es gelingen sollte, solche Signale aufzufangen, und vorausgesetzt, man kann ausschließen, dass es sich um ein einem Naturphänomen geschuldetes, zufällige Schwankungen und Wechsel aufweisendes Signal handelt, sondern um ein durchdachtes, was Diskontinuitäten beinhaltet (eine Art – um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben – von Punkten und Linien wie beim Morsealphabet), wäre die Tatsache, es nicht entschlüsseln zu können, bloß ein technisches Problem, kein intellektuelles, denn wenn wir in der Lage sind, es aufzufangen, werden wir wiederum auch in der Lage sein, es zu entschlüsseln.

Das ist ein wenig wie in der Episode mit der Polizei, die damit angab, jedwede Geheimschrift dechiffrieren zu können. Beim Prozess in Rom 1923 hatte sie tatsächlich einige unserer Texte entschlüsselt. Zu unserer Verteidigung führten wir an, es stimme zwar, dass jede Geheimschrift zu entschlüsseln sei, doch ebenso, dass dies in beliebiger Art und Weise geschehen könne. Wenn sie es also hier geschafft hätten, reiche dies als juristischer Beweis keineswegs hin, uns zu verurteilen: Denn es wären ja sie gewesen, die all diese Schriftzeichen in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet hätten. Und wir zitierten aus dem berühmten Roman „Gullivers Reisen“, in dem dieser verurteilt wird, weil er folgenden Satz geschrieben hatte: „Mein Bruder Tom hat Hämorriden“. Anagrammatisch[11] diese Worte ins Englische überführt, hieß es dann: „Ich Tom, werde den König töten“. Was als Beweis dafür diente ihn aufzuknüpfen, denn er hatte ja auf jenes Stückchen Papier geschrieben, den König aufhängen zu wollen. D.h. mit ein wenig gutem Willen lassen sich Geheimtexte zwar dechiffrieren, doch heraus kommt das, was man herausbekommen will, nicht das, was wir mit unserem Schlüssel, und den besitzen wir allein, in diesen Texten lesen. Einem juristischen und bürgerlichen Mechanismus gegenüber war das ein nicht ungeschicktes Manöver seitens nicht ganz dummer Angeklagter aus der Defensive heraus, um ihnen zu zeigen, dass ihre Entschlüsselung nichts wert war.

Nun, diese Wissenschafter sagen jedenfalls, sie könnten die Botschaften aus dem All immer entschlüsseln. Tatsächlich ist das eine alte Vorstellung, die auch wir mal hatten. In der ersten Begeisterung für die russische Revolution war davon die Rede, dass wenn ein Signal hätte gesendet oder übertragen werden können, es auch zurückgekommen wäre. Es ist die alte Anschauung, wonach Schiapparelli, als er eines Nachts den Mars beobachtete, auf ihm Kanäle in linienförmigen Strukturen und in seinem Fernrohr geometrische Figuren auftauchen sah, die die regelmäßigen Polygone (Drei-, Vier und Sechsecke), den Satz des Pythagoras etc. darstellten.[12] Mithin der Beweis, dass die Marsmenschen so dächten wie wir. Und dies wäre wieder eine Beweisführung auf anderem Wege dafür, dass sich jede denkende, auf verschiedenen Planeten geborene Menschheit dieselbe Mathematik, dieselbe Geometrie schaffe, d.h. dasselbe Zahlensystem, dieselben Intervalle in der Musik habe; empfinge man also ein in ihrer Sprache verschlüsseltes Signal, könne es auch entschlüsselt werden. Das stimmt bis zu einem gewissen Grade, da wir auch vertreten könnten – wenn wir festhalten, dass das Denken aus der Materie entsteht und weil die Erkenntnis eine Funktion der Entwicklung der Gattung ist –, dass aller Gedankenaustausch und alle Sprachen aller Erdenvölker einen gemeinsamen Ursprung haben und sich aufeinander beziehen lassen. Das ist aber noch nicht erwiesen, weil man z.B. die Sprache der Etrusker noch nicht zu lesen vermag. Somit wäre auch dieses System, das einen gemeinsamen Ursprung unterstellt, völlig undechiffrierbar, es sei denn, es würde erklärt, indem wieder zur idealistischen Annahme geflüchtet wird, wonach jeder, der denkt, jeder, der schreibt oder einen Text verfasst, um sich mit anderen zu verständigen, eine Norm anwendet, ein System musikalischer Notation. Wenn es sich z.B. um Musik handelte, müsste es aus den sieben Tonsilben Giudo d’Arezzos entstanden sein.[13] Man könnte darauf zurückgehen. Doch gibt es keinen Beweis für ein solches System. Es ist offensichtlich eine durch idealistisches Denken entstandene willkürliche Annahme, die gemeinhin dazu dient, die Hirne zu vollzustopfen. Es würde zur grundsätzlichen idealistischen Hypothese zurückgekehrt, wonach am Anfang der Geist steht.

Man kann auch etwas anderes vertreten, nämlich dass es ja auch eine materialistische Erklärung dafür geben könne. Wenn unser Materialismus im Grunde sagt: Auch wenn wir noch nicht wissen, wie es vor sich geht, dass unserer Kenntnis, unserem Denken, den Wörtern, die durch unsere Köpfe gehen und just in diesem Moment aus unseren Mündern kommen, biochemische Umwandlungen vorangehen, die durch unseren Organismus, sein tierisches, sein pflanzliches Dasein bewirkt wurden; dass dieses pflanzliche Leben seinerseits in letzter Instanz ein und derselben Materie entstammt, die sich chemisch in bestimmte Arten teilt, Arten, die sich nach der atomaren Zusammensetzung unterscheiden, nach dem Aufbau des Atoms, das sich als immer komplexer herausstellt (seine zahlreichen Teilchen: Sigma, Antisigma[14], Protonen, Neutronen, Elektronen), dass das eigentliche Elementarteilchen das Elektron ist, dass die ganze Welt aus lauter sich gleichen Elektronen besteht, dass man ausgehend von diesen Elektronen, und sie zusammensetzend, erst 92, dann 100 Atomarten[15] erhält, d.h. ebenso viele chemische Elemente; dass wir dann zu den Molekülen kommen, von den Molekülen zu den Zellen, von den Zellen zu den Menschen, von den Menschen zu den Gesellschaften, mit derselben geologischen Schichtung und demselben Erkenntnissystem; wenn somit die Materie im ganzen Universum die gleiche ist, dann werden auch in letzter Instanz die Kenntnisse im ganzen Universum die gleichen sein. Das könnten wir sagen, wenn es gelänge, von jenen Abermillionen von Kilometern entfernten Planeten und Sonnensystemen Signale aufzufangen und wenn es gelänge, sie zu entschlüsseln. Man hätte aber nur bewiesen, dass es die gleichen Kenntnisse wären, nicht dass sie präexistierten. Man hätte damit nicht bewiesen, dass es vor allen Systemen und vor allen Planeten einen Gott gegeben hat, einen Erschaffer aller Planeten, aller Sonnen und aller Menschengeschlechter, bzw. jener wenigen Geschlechter, die an einige Orte des Universums zu stellen er für gut hielt.

Als wir das Kriterium für die Begriffe Kunst und Wissenschaft entwickelten, ihren Begriff bestimmten, spielten wir auf die der Mystik und der Wissenschaft an. Dazu werde ich ein Zitat aus einem in „L’Unità“[16] veröffentlichtem Artikel anführen, der sehr gut die kleinbürgerliche und bornierte Sichtweise hinsichtlich der Frage verdeutlicht, wie die Erdenbewohner ihren Werdegang verwirklicht, ihre Errungenschaften gemacht haben. Vor Tausenden von Jahren hat die Kunst die Wissenschaft antizipiert und gezeigt, dass sie mehr Wirklichkeit hat als die ersten wissenschaftlichen Gehversuche. Deshalb sind die ersten Versuche wissenschaftlicher Systeme durch die Eleaten und dann durch die Atomisten untergegangen. Sie wurden später, in den Anfängen der bürgerlichen Gesellschaft, durch die ganz anderen Lehren Galileos, Lavoisiers, Miltons ersetzt. Heute soll all dies durch neue, von den Ultra-Modernisten bejubelte Erfindungen revolutioniert werden, die Früchte des alten Wissens (der Kunst) sind indes bestehen geblieben.

Als analytisches Instrument ist die Kunst natürlich nicht so genau und kraftvoll wie die Wissenschaft; da sie aber als Mittel der Synthese dieselbe antizipiert hat, ist sie ihre erste Erscheinungsform. Dasselbe lässt sich von der Mystik sagen, die sich mit der Kunst vermischt. Religion ist Kunst, ist Gesang, ist Tanz. Die ersten Ehrfurchtsbezeigungen gegenüber Gott, d.h. die erste ursprüngliche und intuitive Form, die Komplexität der Erscheinungen, die der Kosmos um uns herum ausbreitet, zu bewerten, äußerte sich als Klang, als Musik, als Gesang, als Tanz. Die ersten Gedichte wurden gesungen. Und es heißt, der Aöde (der Aöde trug wohl nicht mehr als 12 oder 13 Rhapsodien vor)[17], der blinde Sänger Homer zog seine vertonten Gedichte singend von Stadt zu Stadt; auch weil gesungene Dichtung (zumal die Schrift noch nicht bekannt war und die Mnemonik[18] angewandt wurde) besser erinnert und genauso wiedergegeben wird. Es ist eine Art der Übertragung, der Weitergabe. Auch hierin geht die Kunst der Wissenschaft lange voraus, die Jahrhunderte, Jahrtausende warten musste, um die Schrift zu entdecken, Jahrhunderte, um den Buchdruck zu entdecken, das gedruckte Alphabet, die Schreibmaschine, die Kopiergeräte, das Umdruckverfahren, womit wir bescheiden unser Einmaleins redigieren. Damals hingegen gab es ein einfaches System dafür, die Dichtung wurde vertont, also komponiert. Auch das Lied war vor dem gesprochenen Wort, die Dichtung vor der Prosa, die Kunst – ebenso wie die Religion – vor der Wissenschaft.

Nichts von all dem war nutzlos oder vergeblich. Vielmehr sind die großen Fortschritte diesen wenigen vor Lebendigkeit strotzenden, fruchtbaren Epochen zu verdanken, die den langen Weg des Menschengeschlechts in bestimmten Abständen markierten. Die Kunst ist deshalb Revolution. Der Konformismus ist Fetisch, ist Deformation, eine kleine auswendig aufgesagte Lektion, wie ein Schüler sie radebrecht, wenn er sie aufsagt, aber nicht vorzutragen, nicht zu betonen, nicht in Sprache zu fassen weiß. So wie es in fast allen Schulen der Fall ist, in fast allen Kirchen, fast allen Akademien und modernen Universitäten.

Die moderne Technik und Wissenschaft ist daher nur ein Fetisch. Es ist ja richtig, es gibt den von Marx, und Lenin, gesehenen Aspekt, wonach die Ergebnisse der modernen industriellen Technik nützlich gewesen sind, nützlich, um einen jener Vorwärtssprünge zu machen. Die ersten Proletarier aber wollten sogar die Maschinen stürmen, und das war, damals, das richtige Verhalten. Es ist dies eine wahrhaft revolutionäre Haltung gegenüber der Epoche der Inversion, der Degeneration und Verdummung, in der wir uns heute als proletarischer Partei befinden. Die vor 200 Jahren gestellte Frage beantworten wir heute so: Die Geisteshaltung, in der die Proletarier die bürgerliche Technik und Wissenschaft zu gebrauchen haben, ist eine gänzlich bürgerliche und konterrevolutionäre Mentalität. Im Vergleich zu der Situation, in der wir den Mut hatten, die Neuerungen zu missachten, haben wir viele Rückschritte gemacht. Damals hingegen musste die marxistische und kommunistische Theorie die Arbeiter davon überzeugen, diese neue Organisation der Produktion anzunehmen, weil sie dazu taugte, von der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft genutzt zu werden, unter der Bedingung, sie völlig anders als die bürgerliche Gesellschaft – diametral gegensätzlich zu ihr – zu nutzen, in vollkommen anti-ethischer Art und Weise, in vollkommen revolutionärer Art und Weise und im Einklang mit den Bedürfnissen der vergesellschafteten Menschheit.

In den Fußstapfen dessen, was Marx und Lenin schrieben, versuchen wir zu zeigen, dass beim Bauwerk des ungeheuren Monuments der menschlichen Erkenntnis alles Material, auch in den ursprünglichen Formen der Mystik und Religion, der künstlerischen Überlieferungen und Monumente, verwendet wurde.

Doch für die heutigen, angeblichen Kommunisten, wie dem Artikelschreiber der „Unità“, hat die Wissenschaft erst vor kurzem, vor gerade mal 360 Jahren das Licht der Welt erblickt. Sie setzen 360 Jahre an die Stelle der 360 Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, die die Menschheit wohl schon lebt und Stück für Stück, nicht Steinchen auf Steinchen, die ersten Monumente errichtete, die sie dann sprengte, um auf deren Trümmern andere zu errichten und all diese Resultate in der Synthese einer wahrhaft ungeheuren und riesigen Geschichte zusammenzuführen. Doch die Modernen sind dermaßen intus et in cute[19] bürgerlich, dass für sie alles erst vor 360 Jahren mit Galileo, Descartes, Newton beginnt. Niemand ist ein größerer Bewunderer Galileos und der revolutionären Kraft seines Geistes als wir. Doch er selbst zeigte, dass seine Wissenschaft eben deshalb zur Reife kommen konnte, weil er die Mühen seiner Vorgänger, bis hin zu Aristoteles und noch davor, richtig verdaut hatte.

Jene Kerlchen aber, unsere Modernen, sagen: Wir dürfen uns nunmehr als Kosmosbewohner fühlen, denn der moderne Mensch ist mit dem Kosmos ganz anders vertraut als die Alten. Falsch. Das Gegenteil ist richtig; dass wir uns nämlich, wenn wir nicht gerade völligen Unsinn schwätzen, nicht einmal gedanklich im Kosmos bewegen können. Es waren gerade die Alten, die dem Denken keine Grenzen gesetzt sahen. Sie teilten den Menschen in Leib und Seele auf, der denkende Mensch als unwägbare Einheit von beidem, und das gab ihm die Freiheit, im Weltenall umherzuschweifen. Er war dort im Himmel, auf Planeten und Sternen, die von den Göttern, die unser Handeln lenkten, an ihre Plätze gestellt waren; es waren die Sterne, die uns leiteten.[20]

Aber heute wissen wir uns nicht mehr von der Erdkugel zu erheben, auch wenn die Sputniks und Pioniers von ihr abheben.

Wenn wir nun erklären sollen, wie wir zu dieser unserer Aussage kommen, antworten wir: Weil Einstein die Anschauung des Unendlichen erklärt, verändert hat. Einst glaubten wir, unser Denken könne grenzenlos fortschreiten: Ausgehend von der Erde kann ich mich in gerader Linie ins All versenken; eine Stunde vergeht, der erste Tag, das erste Jahr, der Weg hört nie auf, die äußerste Grenze des Universums ist unerreichbar. Einstein hingegen, und nicht allein er, auch andere Wissenschafter haben gezeigt, dass sich der Raum krümmt; es ist nicht möglich, im Weltraum eine rechtwinklige Figur aus geraden Linien zu zeichnen, man kann nur Linien zeichnen, die in sich selbst zurücklaufen. Daher wird auch die Flugbahn einer von der Erde ausgehenden elektrischen Ladung oder eines Lichtphotons in sich selbst zurückkehren, es wird irgendwann an seinen Ausgangspunkt zurückkehren. Das ist aber nicht, was diese Wissenschafter gesagt haben, sie haben gesagt, man müsse sich – um bestimmte Phänomene zu entziffern und den mathematischen Algorithmus zu erstellen, der bestimmte durch die moderne Experimentalphysik festgestellte Effekte aufzeichnen kann – statt des Systems der räumlichen euklidischen Geometrie mit geraden Linien das System der Riemann‘schen Geometrie mit gekrümmten Linien vorstellen und es den verschiedenen Dimensionen gemäß untersuchen.

Jedenfalls machen diese Herren von all dem nur Gebrauch, um festzustellen, dass die Wissenschaft für den Menschen gerade mal 360 Jahre besteht. Immerhin nicht erst seit der russischen Revolution oder dem 20. Parteitag Chruschtschows – das wäre allerdings konsequenter.

***

In den „Grundrissen“ spricht Marx von der Arbeit, die eine Lust wird, ein Genuss. Er erkennt Fourier das große Verdienst zu, „die Aufhebung nicht nur der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höherer Form als letztes Ziel ausgesprochen zu haben.“

Die „freie Zeit, die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist“, verwandelt ihren „Besitzer natürlich in ein andres Subjekt, und als dies andre Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess. Es ist dieser zugleich Disziplin, mit Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet, wie Ausübung, Experimentalwissenschaft, materielle schöpferische und sich vergegenständlichende Wissenschaft mit Bezug auf den gewordenen Menschen, in dessen Kopf das akkumulierte Wissen der Gesellschaft existiert“ [MEW 42, S. 607].

Für den werdenden wie für den gewordenen Menschen ist dieser Prozess, „soweit die Arbeit praktisches Handanlegen erfordert und freie Bewegung, wie in der Agrikultur“, auch eine Übung. Wer also gut denken soll, muss auch bei guter Gesundheit sein; wir werden ihn also, jedenfalls solange er jung ist, ein paar Säcke schleppen lassen, damit er leistungsfähig bleibt; und dann werden wir ihm sagen: Jetzt geh’ dich ausruhen, damit du dann Philosophie, Wissenschaft etc. betreiben kannst.

Es gibt da einen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, den Marx zitiert, John Bellers, einen Bohemien und wirklich klugen Ökonom für seine Zeit. Er sprach über Erziehung, zu der auch die produktive Arbeit gehört: „Müßig Lernen ist wenig besser als das Lernen von Müßiggang ...“. Arbeit – Müßiggang. „Körperliche Arbeit hat Gott selbst ursprünglich eingerichtet“. Zu jener Zeit benutzt Bellers den Ausdruck „Gott“, doch dem Sinn nach stimmt es trotzdem.

„Arbeit ist so notwendig für die Gesundheit des Körpers, wie Essen für sein Leben; denn die Schmerzen, welche man sich durch Müßiggang erspart, wird man durch Krankheit bekommen.“ Die Krankheiten, die ihm im Alter zu schaffen machen werden usw. Wie schön der folgende Satz ist! „Arbeit tut Öl auf die Lampe des Lebens, Denken aber entzündet sie ...“ Und dann: „Eine kindisch dumme Beschäftigung (…) lässt den Geist der Kinder dumm“ [MEW 23, S. 513]. Ein wunderschöner Satz, das mit der Arbeit und der Lampe des Lebens … Daher zuerst die Arbeit, dann das Denken, zuerst die Tätigkeit, dann die Wissenschaft und Philosophie. Das gilt historisch für die Menschheit und gesellschaftlich für den Menschen.

Ich lese euch jetzt noch eine berühmte Stelle vor: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun …“ [MEW 3, S. 33)]. Hier haben wir das, worauf wir immer wieder zurückkommen.

Wir haben hier noch ein wenig aus der Polemik mit Stirner, den Engels in der „Deutschen Ideologie“ Sancho nennt, denn er ist der Begründer des Individualismus, des Einzigen, des alles überragenden Menschen: „Wie immer hat Sancho hier wieder Unglück mit seinen praktischen Exempeln. Er meint, Niemand könne ‚an Deiner Stelle’“ [an Mozarts] „’Deine musikalischen Kompositionen anfertigen, Deine Malerentwürfe ausführen. Raffaels Arbeiten könne Niemand ersetzen.’ Sancho könnte doch wohl wissen, dass nicht Mozart selbst, sondern ein Anderer Mozarts Requiem größtenteils angefertigt und ganz ausgefertigt, dass Raffael von seinen Fresken die wenigsten selbst ‚ausgeführt’ hat.

Er bildet sich ein, die sogenannten Organisateure der Arbeit[21] wollten die Gesamttätigkeit jedes Einzelnen organisieren, während gerade bei ihnen zwischen der unmittelbar produktiven Arbeit, die organisiert werden soll, und der nicht unmittelbar produktiven Arbeit unterschieden wird. In diesen Arbeiten aber soll nach ihrer Meinung nicht, wie Sancho sich einbildet, Jeder an Raffaels Statt arbeiten, sondern Jeder, in dem ein Raffael steckt, sich ungehindert ausbilden können“ [MEW 3, S. 377].

Wer weiß, wie viele Mozarts und Raffaels sich nicht ausbilden konnten, weil sie in einer Werkstat eingepfercht waren, um andere Aufgaben zu erledigen.

„Sancho bildet sich ein, Raffael habe seine Gemälde unabhängig von der zu seiner Zeit in Rom bestehenden Teilung der Arbeit hervorgebracht. Wenn er Raffael mit Leonardo da Vinci und Tizian vergleicht, so kann er sehen, wie sehr die Kunstwerke des ersteren von der unter florentinischem Einfluss ausgebildeten damaligen Blüte Roms, die des zweiten von den Zuständen von Florenz, und später die des dritten von der ganz verschiedenen Entwicklung Venedigs bedingt waren. Raffael, so gut wie jeder andre Künstler, war bedingt durch die technischen Fortschritte der Kunst, die vor ihm gemacht waren, durch die Organisation der Gesellschaft und die Teilung der Arbeit in seiner Lokalität und endlich durch die Teilung der Arbeit in allen Ländern, mit denen seine Lokalität im Verkehr stand. Ob ein Individuum wie Raffael sein Talent entwickelt, hängt ganz von der Nachfrage ab, die wieder von der Teilung der Arbeit und den daraus hervorgegangenen Bildungsverhältnissen“ (d.h. Kulturverhältnissen) „der Menschen abhängt.

Stirner steht hier noch weit unter der Bourgeoisie, indem er die Einzigkeit der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit proklamiert. Man hat es bereits jetzt für nötig gefunden, diese ‚einzige’ Tätigkeit zu organisieren. Horace Vernet hätte nicht Zeit für den zehnten Teil seiner Gemälde gehabt, wenn er sie für Arbeiten angesehen hätte, ‚die nur dieser Einzige zu vollbringen vermag’. Die große Nachfrage nach Vaudevilles und Romanen in Paris“ (das ist die wirkliche Geschichte) „hat eine Organisation der Arbeit zur Produktion dieser Artikel hervorgerufen, die noch immer Besseres leistet als ihre ‚einzigen’ Konkurrenten in Deutschland. In der Astronomie haben es Leute wie Arago, Herschel, Encke und Bessel für nötig gefunden, sich zu gemeinsamen Beobachtungen zu organisieren, und sind erst seitdem zu einigen erträglichen Resultaten gekommen“ [MEW 3, S. 378].

Auch heute werden, wie ihr wisst, Brain Trusts konzipiert. Wir können es nun gut sein lassen mit der Kunst, der Literatur. Wir werden später diesen Begriff der Kunst noch einmal aufnehmen. Die letzte Textstelle ist jene, die wir vor einigen Jahren herausbekommen haben. Ich weiß nicht mehr, ob wir sie schon angeführt haben. Noch ein paar Worte zur unproduktiven Klasse, und dann ein kurzer Schlussteil.

An einer Stelle in seinem „Der Reichtum der Nationen“ lässt Smith seinem Hass auf die unproduktive Klasse freien Lauf: „Die Arbeit einiger der angesehensten Stände der Gesellschaft ist ebenso wie die der Dienstboten, nicht wertbildend (…) So sind zum Beispiel der Souverän mit allen seinen Justizbeamten und Offizieren, die unter ihm dienen, die ganze Armee und Flotte unproduktive Arbeiter. (…) In die gleiche Klasse gehören (…) Geistliche, Juristen, Ärzte, Literaten und Gelehrte aller Art; Schauspieler, Possenreißer, Musiker, Opernsänger, Balletttänzer usw.“ [MEW 26.1, S. 130].

Smith hat hier für seine Zeit noch nicht den Ingenieur angeführt. Wir sind schwer dafür, dass die Ingenieure all diesen anderen Herrschaften Gesellschaft zu leisten haben.

Die Sprache Smith’ ist die der noch revolutionären Bourgeoisie, die sich noch nicht die Gesellschaft, den Staat unterworfen hat. Staaten, Kirchen, sind nur als Organe der Verwaltung und der gemeinsamen Interessen nötig.

Ich habe euch nicht die ganze Stelle über die unproduktiven Arbeiter vorgelesen. Es werden zwei Beispiele angeführt, die den unproduktiven Arbeiter vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion aus bestimmen: den Papst und, pardon, die Hure. Da die unproduktiven Arbeiter zu den faux frais[22] der Produktion gehören, sollen sie einen möglichst geringen Teil der Gesellschaft ausmachen. Die historische Interessiertheit zeigt sich darin, dass dies, solange die Bourgeoisie revolutionär auftritt, den Anschauungen des Altertums sowie denen der aus der mittelalterlichen Revolution hervorgegangenen absoluten und aristokratischen Monarchie diametral entgegengesetzt ist. Damals erklärte sie all jene zu unproduktiven Arbeitern und strich all den Pfaffen schlicht ihre Revenue. Aber von der Zeit an, in der die Bourgeoisie an Boden gewann und den Staat in die Hände bekam, schloss sie mit den alten Gewalthabern Kompromisse; von der Zeit an, in der sie begann, die Ideologen als Fleisch von ihrem Fleisch zu erkennen, hat sie sie überall zu ihren Organen gemacht, sie nach ihrem Bild geformt. Seit sie schließlich genug Bildung besitzt, um nicht nur produzieren, sondern auch höhere Genüsse konsumieren zu wollen, und seit sich die intellektuellen Arbeiter immer mehr der Bourgeoisie andienen, ist dieselbe auch bemüht, diejenigen, die sie bisher bekämpft hatte, vom ökonomischem Standpunkt aus zu rechtfertigen. Dies geht Hand in Hand mit dem Eifer der Ökonomen, die selbst Pfaffen sind, und der Beflissenheit der Professoren etc., die ihren produktiven Nutzen unter Beweis zu stellen und ihre, recht üppigen, Gehälter zu rechtfertigen suchen.

Es gibt dann noch die Kritik Marx‘ an Ricardo. Was Letzterer vergisst deutlich zu machen, ist das beständige Wachstum der Mittelklassen, die zwischen den Arbeitern einerseits und den Kapitalisten und Grundeigentümern andererseits stehen und hauptsächlich von der Rendite des Kapitals leben. Sie lasten mit ihrem ganzen Gewicht auf der Arbeiterklasse, sie festigen den Burgfrieden und die gesellschaftliche Macht der herrschenden Klassen.

Damit schließen wir.

Quelle:

„Rapporto sulla teoria della conoscenza“: Comunismo, Nr. 37, 1994.

* * *

MEW 3: Marx/Engels – Die deutsche Ideologie, 1845/46.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

MEW 26.1: Marx – Theorien über den Mehrwert I, 1862/63.

MEW 40: Marx – Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844.

MEW 42: Marx – Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857/58.

 


[1] „1957-06-08 - Die Grundlagen des revolutionären Kommunismus in der Lehre und Geschichte des weltweiten proletarischen Kampfes“.

[2] „1958-06-01 - Das revolutionäre Programm der kommunistischen Gesellschaft beseitigt jede Form des Eigentums am Boden, an den Produktionsanlagen und an den Produkten der Arbeit“.

[3] „1958-09-20 - Der ursprüngliche Inhalt des kommunistischen Programms besteht in der Annullierung des Individuums als ökonomischem Subjekt, Inhaber von Rechtstiteln und Akteur der Menschheitsgeschichte“.

[4] Zu berücksichtigen ist, dass der vorliegende Text nicht als ausgearbeitete Schrift veröffentlicht wurde, sondern die Niederschrift eines mündlich gehaltenen Vortrags ist.

[5] Florenz, März 1969: „Scienza economica marxista come programma rivoluzionario”.

[6] Mailand, Oktober 1959: „Tavole immutabili della teoria comunista di partito“.

[7] Siehe insbesondere MEW 40, S. 533-546.

[8]Quandoque bonus dormitat Homerus (lat.): „Manchmal schläft sogar der große Homer“: Aus der „Ars poetica“ des Horaz. Das vollständige Zitat lautet: „Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus“ („Ich ärgere mich, wenn auch der vortreffliche Homer einmal schläft.“)

[9] Nach dem Neuen Testament bildet die Bergpredigt den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu.

[10] Nach heutigem Wissensstand ist Achernar (auch bekannt unter Alpha Eridani) der hellste Stern im Sternbild Fluss Eridanus, während Epsilon Eridani in demselben Sternbild der drittnächste Stern der Erde ist.

[11] Ein Anagramm ist eine Umstellung von Buchstaben eines Wortes zu neuen Wörtern mit neuem Sinn, wie z.B. bei einem Buchstabenversetzrätsel.

[12] Schiapparelli, Giovanni (1835-1910), italienischer Astronom, der durch seine Marsbeobachtungen weltbekannt geworden war. 1965 wurden die Marskanäle als optische Täuschungen, wahrscheinlich Geländeabstufungen, identifiziert.

[13] Arezzo, Guido von (992-1050): Benediktinermönch, Musiktheoretiker. Vor Arezzo (lebte um 1000) benutzte man für die musikalische Notation Zeichen, die keinen Aufschluss über die genaue Länge oder Höhe des Tons zuließen.

[14] Sigma, heute in der Physik als Hyperon bezeichnet, zur Klasse der Baryonen gehörendes, zusammengesetztes Teilchen, das aus drei Quarks besteht.

[15] Heute sind 114 Elemente bekannt.

[16] L’Unità: Tageszeitung und offizielles Sprachrohr der KP Italiens (PCI).

[17] Der Aöde ist ein Dichter-Sänger; Rhapsodien sind vorgetragene und vorgesungene epische Gedichte. Mit der Einführung der Schrift um 800 v. u. Z. verlieren die Aöden zunehmend an Bedeutung, an ihre Stelle treten die nicht selbst schöpferisch tätigen, nur rezitierenden wandernden Sänger: die Rhapsoden.

[18] Mnemonik (grch. = aufmerksam), heute Mnemotechnik: Gedächtniskunst; das Sehvermögen galt auch in der Antike als stärkster Sinn, Malerei etwa wurde als schweigende Dichtung verstanden. Die klassische Gedächtniskunst erinnert sich an Worte, indem sie dieselben durch Bilder bzw. Töne, Gesang, Tanz etc. symbolisiert.

[19] intus et in cute (lat.): innen und auf der Haut.

[20] In Dante Alighieris Göttlicher Komödie etwa lesen wir im dritten Hauptstück, Paradies, vom Himmelsflug, bei dem Dante mit seiner Begleiterin auf den Wandelsternen den Seelen der Seligen begegnet, deren jede auf dem Stern erscheint, dessen Einfluss auf Erden ihr Wesen beherrscht hatte. Auf dem Merkur treffen sie auf diejenigen, die irdischen Geschäften zuliebe ihr Seelenheil vernachlässigt hatten, auf der Venus die Seelen, die irdischer Liebe ergeben waren, im Himmel der Sonne den Lehrern des Glaubens, im Mars den Märtyrern und Glaubenshelden etc.

Siehe auch: Dante – Die Göttliche Komödie; Deutsch von Friedrich Freiherrn von Falkenhausen, 1974; S. 458.

[21] Gemeint sind die utopischen Sozialisten wie Fourier, Owen etc.

[22] Faux frais (frz.): Nebenkosten.