• La Spezia – April 1959

  • Anmerkungen zu den Manuskripten von 1844

  • Eckpfeiler des kommunistischen Programms

Auf den Schlusssitzungen der Versammlungen in Turin und Parma (einschließlich der corollarii im Bericht zur erstgenannten Versammlung)[1] behandelten wir Grundlagen unserer Parteilehre, die an die Negierung des Individualismus und der Persönlichkeit anknüpfen; etwas, womit nicht nur die Propaganda der westlichen kapitalistischen Länder, sondern auch die der Freunde und Gefolgsleute Moskaus reichlich Schindluder treiben. Dass wir auf diesen Aspekt unserer Lehre noch einmal eingehen wollen, steht im Zusammenhang mit der Beweisführung, dass alle auf den letzten russischen Parteitagen angekündigten Neuerungen und Reformen immer weiter in die dem marxistischen Kommunismus diametral entgegengesetzte Richtung abdriften, ob bei theoretischen Aussagen hinsichtlich der strukturellen Veränderungen, die in der Organisation der russischen Wirtschaft vorgenommen wurden, oder solchen, die sich über den „Revisionismus“ der Jugoslawen und anderer empören. Wir haben all dem jedes Mal wieder das wirkliche Programm des wissenschaftlichen Kommunismus und die Lehre des historischen Materialismus entgegengehalten, somit die unverzichtbaren Thesen verteidigt, die so oft – auch von denen, die nicht für die russische Politik Partei ergreifen – verunglimpft werden. Diese Thesen gipfeln in der der Partei als Trägerin der revolutionären Diktatur und ihrer wirklichen Funktion, die sich nicht etwa auf die Meinungen der Einzelnen und die blödsinnige Stimmenauszählung bei Wahlen stützt, sondern in der klassischen internationalen und Jahrhunderte überspannenden invarianten Lehre fundiert ist.

Dieser ganze Reichtum unserer ursprünglichen und mächtigen Lehre und Methode wurde auf dem letzten russischen Parteitag wieder einmal verleugnet und mit Füssen getreten, als die sukzessiven Kapitulationen vor dem Kapitalismus soweit gingen, in der Funktionsweise der heutigen Wirtschaft den Anreiz des persönlichen Interesses anzuerkennen! Dieses Bravourstück unter den antimarxistischen Thesen ist, wie sollte es auch anders sein, am flachsten im Bericht des ZK’s der KPI über den 21. Kongress ausgedrückt worden (Unità vom 17.3.1959): „In der Landwirtschaft wird das Prinzip wiederhergestellt“ (dasselbe beredte Verb findet sich im Bericht Chruschtschows), „dass das individuelle Interesse weiterhin die Haupttriebfeder in der Entwicklung der Kolchosorganisation sein soll.“ In den „Leitsätzen“ des Kongresses wird diese Forderung etwas feiner mit der Behauptung verbrämt, in den Werken Lenins und auch der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus finde sich die Aussage vom Anreiz des materiellen Interesses. Kein besonders schlauer Trick: Das Eine ist das materielle Interesse, das den Ausgebeuteten, die die privatistische Gesellschaft stürzen müssen, gemeinsam ist, das Andere ist das persönliche Interesse, dessen Triebfeder der Anreiz ist, die Klassenbrüder zu bescheißen.

Nun ist hier aber von den Merkmalen einer sozialistischen und (nach den jüngsten Verdrehungen) gar kommunistischen Gesellschaft die Rede. Und ebendarum kehrt die These vom persönlichen Anreiz den revolutionären Marxismus um, weshalb wir wieder zu seinem ursprünglichen Inhalt zurückkehren müssen. Dass die Wiederherstellung jenes Prinzips – des persönlichen Interesses – in Russland auf der Tagesordnung steht, geben wir ohne weiteres zu; es handelt sich dabei um einen der unzähligen Schritte, die die schlimmste aller Konterrevolutionen macht.

  • Die moderne kritische Philosophie

Gemäß einem zentralen Gedanken des Marxismus ist die Philosophie der Neuzeit, die mit Descartes, Bacon und Kant beginnt (auch wenn sie unter dem Namen verschiedener Schulen auftritt), ein der kapitalistischen Produktionsweise und -zeit angehörender historischer Überbau. Die Ideologen der bürgerlichen Klasse halten den Sieg dieser modernen Schulen über die althergebrachte christliche und scholastische Philosophie ganz klar für eine „endgültige“ Errungenschaft menschlichen Wissens, weshalb sie meinen, auch die Vertreter des proletarischen Sozialismus hätten dem ihre Ehrerbietung zu bezeigen und sich unter dasselbe philosophische Dach zu begeben. Anders ausgedrückt: Man glaubt, und das ist ein verbreiteter Allgemeinplatz, die Sozialisten hätten sich den ideologischen Sieg des bürgerlichen Kritizismus über den mittelalterlichen Fideismus zu eigen gemacht und die aus den alten Glaubenslehren sich herausarbeitende Philosophie – und mit ihr die verschiedenen Gesellschafts- und Geschichtstheorien – sei auch für sie unverzichtbare Grundlage und Voraussetzung.

Ein gefährlicher Irrtum, denn selbst dann, wenn die Ideologen der modernen Bourgeoisie sich trauten (was keineswegs immer der Fall war), offen mit den Grundsätzen der christlichen Kirche zu brechen, begreifen wir Marxisten den Atheismus ganz und gar nicht als eine der Bourgeoisie und dem Proletariat gemeinsame ideologische Plattform; gegenüber der Bourgeoisie ist das Proletariat der Protagonist der zukünftigen Geschichte, und bei jenem Ideenstreit handelte es sich um den Kampf zwischen den entstehenden bürgerlichen Schichten auf der einen Seite und dem alten Landadel und seiner Feudalverfassung auf der anderen Seite. Als jener Klassenkampf auf der großen Geschichtsbühne mit dem Sieg des Kapitalismus über die alte Ordnung zum Abschluss kam und sich ein anderer Klassenkampf Bahn brach, hatte der neue Protagonist, also das Proletariat, seine eigene Theorie, die nicht das Geringste mit jener gemeinsam hat, die den Rahmen des bürgerlichen Kampfes gegen das Mittelalter abgab, auch wenn es im realen politischen Kampf faktische und Waffenbündnisse geben musste.

Nach einem weiteren Gemeinplatz ist es die deutsche kritische Philosophie (eines der wichtigsten Felder der modernen Bewegung, die ihren höchsten Ausdruck im Werk Hegels fand), aus deren Verlauf Marx und Engels ihre Lehre entwickelt hätten. Historische Wahrheit ist jedoch, dass sie sich, zusammen mit ihrer nicht unbedeutenden sowohl aus Gelehrten wie auch aus Agitatoren bestehenden Gruppe, mit denen sie gemeinschaftlich eine offene und klare Kritik des Hegel’schen Systems ausarbeiteten, sogleich auch den Schülern Hegels entgegenstellten und sie als bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologen behandelten, die auch dann nicht von Spott verschont blieben, wenn sie ihren Meister offenbar gar nicht verstanden hatten.

Im Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859 erzählt Marx,[2] dass sich Engels, Heß und er an die Arbeit gemacht hätten, um den Gegensatz ihrer Ansichten gegen die Anhänger Hegels und Hegel selbst auszuarbeiten, dessen großes System sie gründlich studiert hatten, doch sei, sagt er weiter, das Material nicht für den Druck niedergeschrieben worden, denn es hatte sich gezeigt, dass der Gang der Studien vom Gebiet der Philosophie auf das der Ökonomie führte, wo es darum ging, die englischen bürgerlichen Klassiker der Kritik zu unterziehen; oder noch eher vom Gebiet der Studien auf das des praktischen Kampfes, wo es darum ging, das Werk der wenn auch rohen französischen Kommunisten fortzuführen.

Wenn auch keinerlei Rücksichten nahegelegt hatten, die mitleidlosen Verrisse Stirners, Bauers, Strauss’ und auch Feuerbachs unter Verschluss zu halten, so gab es andererseits gewichtige Gründe, die Marx davon abhielten, jenes Manuskript herauszugeben, das das Hegel’sche System auseinandernahm – gleichwohl sich in seinem ganzen Werk klare Aussagen zu demselben finden. Im Nachwort zur 2. Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ von 1873 erklärt er,[3] dass, als sich im „gebildeten Deutschland“ zu viele „anmaßliche“ Intellektuelle daran machten, Hegel als „toten Hund“ zu behandeln, er in diesen Lakaienchor nicht einstimmen mochte; seine Zurückhaltung hatte also eher historische als theoretische Gründe. Anders als in England und Frankreich, wo die bürgerliche Revolution seit langem gesiegt hatte, war sie 1848 in Deutschland gescheitert, und für die Deutschen unter Bismarck und den Hohenzollern galt Hegel noch immer als Revolutionär. Marx erinnert lediglich daran, dass seine dialektische Methode der Gegensatz zur Hegel’schen ist und er dessen mystifizierende, d.h. idealistische Seite bereits 30 Jahre zuvor kritisiert hatte.

Das große Manuskript zur „Deutschen Ideologie“ sowie jene Seiten, die „Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844)“ (Nationalökonomie und Philosophie) genannt werden, wurden später doch herausgegeben, obschon die Mäuse auf den Rat gehört und reichlich daran genagt hatten, so dass es viele Lücken gibt und ganze Seiten fehlen. Doch ist genug erhalten geblieben, um festzuhalten, dass Hegel ein bürgerlicher Ideologe war und der revolutionäre Marxismus jede seiner Konstruktionen wie auch jede andere theoretische Apologie der kapitalistischen Gesellschaftsform endgültig zertrümmert hat.

  • Bürgerliche Hirngespinste: das Ich und das Bewusstsein

In seiner Kritik an Feuerbach, den er gleichwohl für den ernsthaftesten unter den „Junghegelianern“ hält, stellt Marx fest, dass Feuerbach der einzige ist, der die Dialektik des Meisters und dessen Negation der Negation wirklich zu handhaben versteht; doch kritisiert er Lehrer und Schüler gleichermaßen, weil ihre rein abstrakten Studien nur von der Überwindung der Religion durch die (spekulative) Philosophie ausgehen, um dann wieder bei der Aufhebung der Philosophie und Wiederherstellung der Religion und Theologie zu landen. Historisch bedeutet dies, dass der Atheismus der entstehenden bürgerlichen Klasse seine Parabel mit einem neuerlichen Sieg des Religiösen beschließt: 1844 nannte man sich ohne Furcht Atheist, heute traut sich das kein Autor mehr.

Feuerbach folgt hier, wie Marx erklärt, Hegel: Letzterem legt er also die Unfruchtbarkeit der bürgerlich kritischen Methode zur Last. Marx sagt zu diesem Punkt, während er ein Schema, das leider bald abbricht, aufstellt: „Ein Blick auf das Hegel’sche System. Man muss beginnen mit der Hegel’schen Phänomenologie, der wahren Geburtsstätte und dem Geheimnis der Hegel’schen Philosophie.“ Das Schema geht so: „Phänomenologie. A. Das Selbstbewusstsein. I. Bewusstsein. […] II. Selbstbewusstsein. Die Wahrheit der Gewissheit seiner selbst“ [MEW 40, S. 571]. Wir brauchen die schematische und schwer verdauliche Entwicklung hier nicht wiedergeben. Deutlich wird: Für Marx besteht der Irrtum Hegels darin, seinen gewaltigen spekulativen Bau auf eine streng formale, d.h. abstrakte Grundlage, die des „Bewusstseins“, zu stellen. Und wie Marx so oft sagen wird, muss vom Sein ausgegangen werden, nicht vom Bewusstsein, das das Ich von sich selbst hat. Hegel befindet sich von Beginn an im Käfig des hohlen Dialogs zwischen Subjekt und Objekt. Sein Subjekt ist das im absoluten Sinn verstandene Ich, und sein Objekt, der erste Gegenstand, ist für ihn die „Gewissheit seiner selbst“, wie es auch an anderen Stellen heißt. „Ein doppelter Fehler bei Hegel“, der „in der ‚Phänomenologie’ als der Geburtsstätte der Hegel’schen Philosophie am klarsten“ hervortritt [MEW 40, S. 572].

Wie aus all den inhaltsvollen und dichten Abschnitten hervorgeht, besteht Hegels Fehler darin, vom denkenden Subjekt, vom Kopf, der denkt, auszugehen. Im oben erwähnten Nachwort spricht Marx davon, die Hegel’sche Dialektik, die auf dem Kopf steht, umzustülpen. Alle bürgerlichen Denker schließlich, die die geschichtliche Tat der kapitalistischen Klasse in Worte kleiden, erliegen dem gleichen Fehler. Ihr Ich, ihr Mensch, ihr Subjekt, worin sie ein und dasselbe Absolute ausgedrückt finden, sind nur eine vergängliche Eigentümlichkeit des Bourgeois-Menschen.

Wie dem genannten grundsätzlichen Fehler Hegels, der sich als individualistischer Aberglauben auf den Punkt bringen lässt, zu begegnen ist, wissen wir seit der Zeit der Frühschriften Marxens und seiner Gefährten. In der Tat ist in jener Zeit das Kommunistische Programm entstanden, was heißt, das wissenschaftlich antizipierte Erkennen der auf den Kapitalismus folgenden Gesellschaft. In diesen frühen Manuskripten ist bereits all das ausgesprochen, was in den Parteiauseinandersetzungen und -abhandlungen womöglich nicht mit aufgenommen werden konnte, doch dem Erfordernis nachkam, die wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse zu bestimmen. Seit jener Zeit konnten in den verschiedenen Ländern die ersten Darlegungen darüber gelesen und die Aussagen diskutiert werden.

  • Das terziglia-Spiel[4]

Eine der Aufgaben unserer unpersönlichen Parteiarbeit müsste sein, den Text der Marx’schen Studien von 1844, mit dem wir uns hier befassen, „wieder zusammenzufügen“; das Manuskript ist in allen Ausgaben von wenig kompetenter Hand zusammengestellt, so dass es seltsame Sprünge von einem Hauptthema zum nächsten gibt. Dass noch ein Gemeinplatz darin besteht zu sagen, Marx sei in seinen Frühschriften Hegelianer gewesen, und erst später historischer Materialist – und womöglich noch später vulgärer Opportunist –, wird auch durch so verständige Herausgeber wie S. Landshut und J. P. Meyer (Berlin, 1931) bestätigt, die diese Manuskripte als philosophische Vorrede zum gewaltigen Werk des „Kapital“ ansehen. Aufgabe der revolutionären marxistischen Schule ist es, allen Gegnern (denen freisteht, entweder alles anzunehmen oder alles zu verwerfen) die Geschlossenheit der Theorie von ihrem ersten Auftreten bis zu Marx’ Tod, und sogar darüber hinaus vor Augen zu führen (es geht hier um den Grundbegriff der Invarianz – im Gegensatz zur These, wonach die Parteilehre fortwährend bereichert würde).

Hätte Marx eine andere Philosophie begründet, ja, dann hätte er diese Seiten und auch die große Kladde über „Die deutsche Ideologie“ neugeschrieben. Er tat dies nicht, weil er eben keine Philosophie begründet hat, sondern mit jenen Seiten jedweden Idealismus, mitsamt seiner vollendeten Hegel’schen Form, erledigt hat.

Das ohne Umstellungen wieder in seine Ordnung gebrachte Manuskript würde deutlich machen, warum es nicht neu geschrieben werden brauchte. Der philosophische Idealismus wurde durch eine „völlige Umstülpung“ des behandelten Stoffs überwunden: Bestimmung des jeweiligen Wesens, der Thesen, Theoreme und Gesetze. Diese in der Geschichte der Menschen und ihres Denkens einmal und auf einmal vorgenommene geniale Umstülpung zeigt sich im Titel: Übergang von der Philosophie zur Nationalökonomie. Von den angeblich zwei Seiten Marx’ bleibt einfach Folgendes: Er promovierte in Philosophie und gebot als Diktator (rümpft ruhig die Nase über das euch verhasste Wort) über euch alle, Geschäftemacher und Wirtschaftsprofessoren seiner und unserer Zeit und der, die noch kommt. Ihr nanntet ihn treffend red terror doctor, und er hatte nichts dagegen, sondern freute sich sogar darüber.

Die klassische Triade: These, Antithese, Synthese taucht in dem ganzen Text nicht einmal auf. Allerdings behält Marx zu vor allem polemischen Zwecken diese berühmte dialektische Folge als Negation der ersten metaphysischen und fideistischen Gedankengebäude implizit bei (in diesem Text sieht man, und das ist einer der Unterschiede zwischen Marx und Hegel, dass für uns all diese Gedankenschöpfungen ihre historische Bedeutung haben und es wert sind, genauer betrachtet zu werden). Die zuerst bei den Eleaten in Griechenland entwickelte Dialektik zerriss den Zauber der dualistischen Antinomien zwischen dem Prinzip des Guten und dem des Bösen, von denen man wie von einer Gummiwand immer wieder abprallte, denn die Negation der Negation führte nur wieder zurück zum Ausgangspunkt. Wir haben schon des Öfteren über Zenon gesprochen, der den Ausweg aus dem altherkömmlichen formalen Denken vom ruhenden und fliegenden Pfeil fand, indem er die Momentangeschwindigkeit eines beweglichen Körpers aufdeckte und somit den Keim der Infinitesimalrechnung legte. Doch die Ausdrücke „These, Antithese, Synthese“ hatte bereits Fichte geprägt, von dem Hegel sie übernahm, und Marx benutzt, wenn er die Junghegelianer kritisiert, deren Sprache: Wir haben also eine erste These oder Aussage, die in unserem Text im Allgemeinen Position, oder auch Annahme, genannt wird. Im terziglia-Spiel führt nun die erste Verneinung zum zweiten Zug, den wir hier als Entfremdung oder auch Entäußerung bezeichnet finden, entäußern = sich außerhalb und gegen stellen, sich entgegenstellen. Der dritte Spielzug, der die wirkliche Aneignung, die Synthese Fichtes wäre, wird in dieser Streitschrift Aufhebung, manchmal Überwindung, genannt; und wenn unklar bleibt, ob der erste oder der zweite Teil, das „Subjekt“ oder seine „Entfremdung“ umgestürzt wird, ist das Hegel anzulasten. Das Marx’sche Bauwerk macht das Ganze lebendig und in sich schlüssig, doch für Hegel und erst recht die Junghegelianer lag es völlig außerhalb ihrer Vorstellung.

  • Marx’ revolutionäre Umstülpung

Wie wir durch den Hinweis auf die „Phänomenologie“ sahen (die für Marx und auch die besten Historiker und Kritiker der Angelpunkt des Hegel’schen Systems ist), ist der erste Gegenstand bei Hegel der augenscheinlich als Individuum begriffene Mensch. Wenn er nicht wie bei Fichte das Ich ist, ist er das Selbst. Der nächste Schritt besteht in der Entfremdung dieses idealen Selbst. „Die Entfremdung, welche daher das eigentliche Interesse dieser Entäußerung und Aufhebung dieser Entäußerung bildet“ (erster und zweiter dialektischer Übergang), „ist der Gegensatz von an sich und für sich, von Bewusstsein und Selbstbewusstsein, von Objekt und Subjekt“ [MEW 40, S. 572]. So beschreibt Marx die vergeblichen, im Dreiertakt vollführten Tanzschritte Hegels. Viele andere Textstellen, die, wir sagten es schon, wieder in ihre ursprüngliche Ordnung gebracht werden müssten, zeigen, wie die schließliche „Aufhebung“ nur immer wieder darin besteht (ohne je etwas „verwirklicht“, d.h. ohne je die Wirklichkeit erfasst zu haben), das ganze Selbstbewusstsein in das Selbst zurückkehren zu lassen, von dem es sich mühsam „entäußert“ hatte. Der Anspruch des Hegel’schen Systems, die Identität des Wirklichen und Vernünftigen festzuhalten, ist gescheitert und fällt wieder in das Ich zurück: Das Ich nach dem Fichte’schen Gang der Dinge: Ich – nicht-Ich – Ich. Doch weit davon entfernt, Errungenschaften der philosophischen Spekulation zu sein, handelt es sich vielmehr um solche des historischen und gesellschaftlichen Milieus; in Frankreich besteht die „Aufhebung“ in der egalité, in England im materiellen praktischen Bedürfnis, und, wenn wir Marx ein Wort flüstern könnten, im business.

Ohne weitere Zitate anzuführen, gilt für uns als nachgewiesen, dass Marx Hegels Konstruktionen zurückweist (ein Nachweis, der einer in Angriff zu nehmenden katechetischen Ausgabe der Manuskripte vorbehalten ist). Wenn Hegel nicht einmal durch Marx verständlich geworden ist, ist es jedenfalls vergebliche Liebesmüh’, unsere Hirnwindungen und die der Leser zu martern.

Kommen wir also zum ganz anderen Bauwerk, dem des Marxismus. An die Stelle des Ich lassen wir nicht den Menschen an und für sich, sondern den Menschen unserer Zeit, den Lohnproletarier, den Schauplatz betreten. Der Mensch als das Resultat seiner Arbeit war schon für Hegel die Krönung des zweifachen Übergangs, sie adelte ihn als würdiges Mitglied der zivilisierten Gesellschaft und als Bürger des Staates, der als höchste Verwirklichung der absoluten Idee galt. Nachdem Hegel zum Apologeten der Bourgeoisie und des Kapitals avanciert war, zeigt Marx, was er unter Entfremdung, Entäußerung des Proletariers versteht. Mit der Entäußerung seiner Arbeit gegen Lohn geht der Verlust seiner selbst einher, er hat sich in eine sachliche Gestalt, die Ware, verwandelt (seine Arbeitskraft ist Ware und hat Tauschwert). Wie vollzieht sich nun der dritte Umschlag, wodurch der Arbeiter wieder Mensch, wieder er selbst wird (das wäre dann der von Hegel geforderte Übergang)? Womöglich dadurch, dass er sein bisschen Lohn wieder gegen andere Ware tauscht? Wohl kaum. Man sieht sofort, dass ihm nur das Los bleiben würde, sich noch einmal zu „entäußern“ und erneut selbst zu verlieren, nicht als Mensch, sondern als physisches Objekt zurückzukehren.

Der neue Übergang, die wirkliche Aufhebung und Überwindung ist die Rückkehr des Arbeiters, nicht als Individuum, sondern in höherer Form als gesellschaftlicher Mensch, als erster wirklich menschlicher Mensch, ein Ausdruck, der der kommunistischen Gesellschaft angehört. Die proletarische Klasse überwindet die herrschende kapitalistische Klasse, das Privateigentum in seiner letzten Gestalt wird aufgehoben und ebenso – das ist zu merken und mit x-Textstellen zu belegen – auch der Arbeiter, das Proletariat, die Klassen, der Austausch und das Geld.

Das geheimnisvolle Selbst, das den Verlust seiner selbst erlitt, wird daher in sich zurückkehren und die Ketten abwerfen, die ihn als Menschen vernichtet und entmenscht haben (eine Vernichtung, die in den vorbürgerlichen Formen noch nicht absolut war – das ist erst in der kapitalistischen Gesellschaft der Fall). Doch ist dies keine Rückkehr des Menschen für sich als eines einsamen und einzelnen, individuellen Menschen, sondern – darin besteht der versprochene Sieg – als eines der kommunistischen Zeit angehörenden gesellschaftlichen Menschen.

  • Historisches zum Übergang

Fest steht, dass die Entfremdung des Menschen erst in der kapitalistischen Epoche vollständig gesetzt ist, und Aufgabe des kommunistischen Kampfes ist es zu zeigen, dass sich durch die heutigen Erscheinungsformen der Marktwirtschaft – mit ihrem ganzen Wohlstands- oder Kolchosgebaren, das sich hüben wie drüben volkstümlich gibt – an diesem wesentlichen Verhältnis überhaupt nichts geändert hat. Der Marx’sche Text gibt uns zudem eine gute Anleitung, was die Aufeinanderfolge der ökonomischen Theorien und der philosophischen sowie politischen Ideologien in den der bürgerlichen Revolution vorangegangenen Gesellschaftsformen angeht, vom Altertum zum Feudalismus und dann – über die Physiokraten, die Merkantilisten, die vor-Ricardo‘schen und Ricardo‘schen Ökonomen und zuletzt (und bis heute) die Vulgärökonomen – zum Kapitalismus. Die Neuordnung dieses Abschnitts wäre ein großer Beweis für das Kriterium der Invarianz, denn die Bewertung der verschiedenen, vom jungen Marx meisterhaft dargelegten ökonomischen Formen und Schulen deckt sich völlig mit dem, was in der Geschichte der ökonomischen Lehren entwickelt wird, einer Schrift, die vom Verfasser fast 20 Jahre später geschrieben wurde und als vierter Band des „Kapital“ vorgesehen war.[5]

In dieser höchst wichtigen Aufeinanderfolge finden sich auch die Lehren der ersten Kommunisten und Utopisten. Bei diesen ersten Vorstößen gilt bald die Industriearbeit, bald die Landbauarbeit als das schlimmste entfremdete Dasein. Die frühesten Anschauungen des Kommunismus werden dann im Weiteren irgendeine Art zwielichtiger Unterstützung entweder in der Grundherrlichkeit oder dem kühnen Vorpreschen der kapitalistischen Unternehmen suchen.

Bevor er jedoch die Merkmale des Übergangs zum vollständigen Kommunismus und zu dem nennt, was dem Arbeiter sein wirkliches menschliches Wesen gibt, befasst sich Marx mit der Analyse des ersten „rohen Kommunismus“, wobei er sich weniger auf einen theoretischen Autoren als auf eine Bewegung, nämlich den „Bund der Gleichen“ der jakobinischen Revolutionszeit bezieht, vor dem alle Marxisten den Hut ziehen, auch wenn ihr französischer Charakter, mit den mutigen Thesen, die ihrer Zeit voraus waren, in den deutschen gebildeten Kreisen wenig Anklang gefunden haben – gegen diese sind Marx’ gewaltige Anstrengungen gerichtet.

  • Das höchste Ergebnis

Auch wir können hier leider nicht nach einer kapitelweisen und chronologischen Ordnung vorgehen. Sinnvoll erscheint uns, zunächst zur lapidaren Beschreibung der Merkmale des zukünftigen und vollständigen Kommunismus zu kommen, denn unsere ganze Mühe soll ja verdeutlichen, dass diese definitive Beschreibung der Zukunft die unerlässliche Grundlage für die Kampfführung der Kommunistischen Partei ist, jenes Organismus, der sich auf alle Zeiten und Räume und auf eine strenge Geschlossenheit in der theoretischen wie praktischen Kampfrichtung bezieht, eine Geschlossenheit, die die Stürme der Zeit nicht zerbrochen haben.

„3. Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewusst und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen“ [MEW 40, S. 536].

Diese Schilderung ist der letzte Punkt von dreien und enthält kein Verb. Beachtet, dass die Verbindungsstellen oder die Knotenpunkte der terziglia der Form nach eingehalten werden. Das Privateigentum hat den Menschen sich selbst entfremdet: erster Umschlag. Durch die Negation der Negation hebt der Kommunismus das Privateigentum vollständig auf. Das Resultat: Rückkehr des Menschen in sich selbst, doch nicht dahin, von wo aus er sich auf den Weg gemacht hatte, zum Anfang seiner Geschichte, sondern jetzt über den ganzen Reichtum einer gewaltigen Entwicklung verfügend – mag er auch erworben sein in Form der sukzessiven Techniken, Bräuche, Ideologien, Religionen, Philosophien, deren nützliche Seiten, wenn man so sagen darf, noch innerhalb der Entfremdung empfangen wurden. Doch ist dieser Mensch, der jetzt alle Möglichkeiten nutzen kann, nicht mehr der individuelle und egoistische Mensch, sondern der gesellschaftliche, d.h. der gewordene Mensch, der wirkliche und erste menschliche Mensch. Und er ist nicht deshalb erstmals menschlich, weil er sich von der schnöden Materie in die hohen Gefilde des Geistes erhoben hätte, sondern weil er sich vom Individuum zur Gattung, zur Art, zur Menschheit erhoben hat. Auf jeder dieser Seiten zeigt Marx, dass Hegel und die Seinen den Menschen nicht als sinnliches, mehr noch, Gattungswesen begreifen; doch als solches bahnt sich der Mensch seinen Weg ins Leben und in die Geschichte, und nicht etwa als einzelnes Wesen seiner Art, unter den anderen und gegen die anderen. Doch lesen wir weiter die entscheidende Textstelle.

„Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.

Dieser so kurze wie mächtige Auszug frappiert nicht nur, weil hier alle großen Fragen (die man sich eine nach der anderen genau ansehen müsste) der frühen, der damaligen und späteren Philosophie in einem Rutsch zusammengefasst sind; und auch nicht nur wegen des unglaublichen Mutes auszusprechen, im Besitz des aufgelösten Rätsels zu sein, nach dem zu allen Zeiten und in allen Räumen gesucht worden war (im Text lassen sich leicht nicht minder mächtige Textstellen finden, die zeigen, dass es sich auch hierbei nicht um das Werk eines denkenden Kopfes, sondern um die Verdichtung äußerst langwieriger Zeitabläufe und gemeinschaftlicher Prozesse handelt). Die zitierte Stelle fällt uns vor allem deshalb ins Auge, weil wir hier das Prinzip der Invarianz vor uns haben, das wir stets leidenschaftlich und sogar erbittert verteidigt haben; wir wären beschämt, wenn der Eindruck entstanden wäre, wir, die Heutigen, hätten dieses Prinzip in die Theorie eingeschleust.

Doch eine Schar von Kobolden erzählt uns, wenn man Marx, Engels und Lenin richtig lesen würde, müsse man schlussfolgern, dass die Wege in die Zukunft unerkennbar seien und sich nur peu à peu den sich auf allen vieren vortastenden Erforschern enthüllten. So müht sich beispielsweise ein Russe, der die Stalin’sche Behauptung der Gültigkeit des Wertgesetzes auch in einer sozialistischen Gesellschaft untermauern will, mit einem Engels’schen Text ab und meint, ihn entschuldigen zu müssen, da man ja schlecht verlangen könne, dass sich die Begründer der Lehre damit aufgehalten hätten, alle Besonderheiten der sozialistischen Ökonomie festzustellen! Von wegen Besonderheiten – es geht hier darum, die Grundrisse jenes Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus in Granit zu meißeln, Grundrisse, die in unserer Theorie vollständig bestimmt und bestimmbar sind, und zwar, weil und seitdem die Niedertracht (dieses Wort, wie auch andere noch stärkere sind auch in den Manuskripten zu finden) der kapitalistischen Zivilisation auch die letzten Spuren des menschlichen Wesens bei den Proletariern ausgelöscht hat.

  • Den Kommunismus erkennen

Eben weil der revolutionäre Marxismus ein so ungeheures Ziel nicht dadurch erreicht hat, dass er die Leitern der Bibliotheken hinaufkletterte, sondern die Sprache der aus der Tiefe der lebendigen Geschichte heraufgeholten Ergebnisse verstand, kennt er die Merkmale der Gesellschaft, deren Fundament durch die kommunistische Revolution gelegt werden wird, und er kennt sie seit der Epoche, deren geschichtliches Material ermöglichte, zu jenen großartigen Ergebnissen zu kommen.

Als sich uns, den Todfeinden des kapitalistischen Milieus im Westen, vor nunmehr vierzig Jahren die Aufgabe stellte, nach Russland, das den ersten glanzvollen Sieg errungen hatte, zu fahren, dachte so mancher ganz naiv, es ginge darum, sich anzuschauen, wie Revolutionen gemacht werden und eine Gesellschaft ohne Privateigentum auf den Weg gebracht wird (um das Rezept mit nach Hause zu nehmen).

Dieser banale Irrtum war die Basis aller nachfolgenden ungeheuerlichen Abwege. Die ersten Zusammenkünfte der kommunistischen Weltpartei sollten ihre Grundlagen und Grundfesten in den vor langer Zeit errichteten und befolgten gemeinsamen Prinzipien finden, und niemand soll sagen, die bedeutenden russischen Marxisten hätten in den ersten Jahren nicht mit aller Strenge darauf hin gearbeitet.

Doch waren unter denen, die zusammenkamen, zu viele, die vom unverfälschten kommunistischen Programm keinen Schimmer hatten. Hätten sie es gekannt, wären sie zurückgeschreckt und hätten sich ihre Erkundungsreise noch einmal gut überlegt. Doch der Erfolg, der Sieg, das weltweite Aufsehen, machten Eindruck auf sie; und so mischte sich die Schlacke mit dem reinen Metall der kommunistischen Lehre, die die leuchtenden Grundzüge des einzigen und heute so weit zurückliegenden Sieges genau kennt.

  • Die stalinistischen Fälschungen

Das 1931 in Leipzig unter dem Titel „Nationalökonomie und Philosophie“ veröffentlichte Marx’sche Manuskript (in der Zusammenstellung, der auch die französische Übersetzung von J. Molitor, Verlag Costes, folgt) erschien 1949 in Italienisch (Verlag Einaudi, Übersetzer Noberto Bobbio), und zwar auf Grundlage noch einer anderen als der oben genannten Ausgabe von Landshut und Meyer, die Teil der historisch kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe ist und 1932 in Berlin herausgegeben wurde.

In dieser Berliner Ausgabe sind die Seiten anders als im originalen Manuskript zusammengestellt und heißen hier: „Ökonomisch-Philosophische Manuskripte (1844)“ – nicht besonders ausdrucksstark gegenüber dem Titel „Kritik der Nationalökonomie mit einem Schlusskapitel zur Philosophie Hegels“. In beiden Ausgaben ist ein Text, den Marx in eine der Seiten des letzten der drei Manuskripte eingefügt hat, als kurze Vorrede abgedruckt.

Die Gliederung der Textabschnitte (die diesen fragmentarischen Charakter leider beibehalten) ist in der Berlin/Einaudi-Ausgabe schlüssiger, doch nichtsdestotrotz wäre eine bessere Wiederherstellung des Manuskripts, wie wir oben schon anmahnten, vonnöten.

Das erste Manuskript befasst sich in der Tat, parallel in drei Spalten, mit den Fragen der politischen Ökonomie: Arbeitslohn, Profit des Kapitals und Grundrente, wobei die Gliederung fast die gleiche wie die im „Kapital“ ist, das Jahrzehnte später geschrieben wurde. Doch der Schlussteil des ersten Manuskripts über „Die entfremdete Arbeit“ gehört schon ganz zur programmatischen Frage.

Das zweite Manuskript ist ein kurzer Abschnitt, der mit „Das Verhältnis des Privateigentums“ überschrieben wurde. Das Thema ist ein historisch-soziales und berührt den Kern der Klassenkampftheorie.

Der erste Teil des dritten Manuskripts ist eindeutig programmatisch und formuliert die Merkmale der kommunistischen Gesellschaft, die der des Privateigentums folgen wird. Dann kommt nochmals ein Kapitel zur Kritik der kapitalistischen Produktionsweise: Bedürfnis, Produktion, Arbeitsteilung, ferner ein wunderbarer Abschnitt zum „Geld“, der Schlussteil wird mit „Kritik der Hegel’schen Dialektik und Philosophie überhaupt“ angegeben. Doch ebenso, wie diese Kritik schon auf den ersten Seiten anklang und vorweggenommen wurde, finden sich auch die Themen der politischen Ökonomie auf den letzten Seiten wieder. Und dann gibt es da noch die Lücken und fehlenden Seiten, die nur mit großer Mühe auszufüllen wären.

Bemerkenswert ist auch, wie die Verbreitung dieser grundlegenden Seiten und ihre Darstellung der Geisteshaltung entgegensteht, die die Ausgaben der stalinistischen Kommunisten beseelt. Ein für sich sprechendes Beispiel macht deutlich, wie sehr sie der erbarmungslose Widerspruch zwischen diesen die zukünftige Gesellschaft antizipierenden „Bildern“ und den Merkmalen der heutigen russischen Struktur (auf deren Apologie sie schlecht verzichten können) umtreibt. Im italienischen Vorwort wird nämlich referiert, dass Marx mehrmals Proudhon erwähnt und dessen „Theorie der Gleichheit der Salaire“ dar- und widerlegt. Diese Anspielung scheint die russischen Erklärungen zu untermauern, in denen die großen Unterschiede in der Entlohnung zwischen den Arbeitern in der Staatsindustrie und den Angestellten im Staatsdienst gerechtfertigt werden. Doch der Schwindel besteht darin, den Eindruck zu erwecken, es sei Proudhonismus zu vertreten, alle Arbeiter sollten unabhängig von der Qualität und Produktivität ihrer Arbeit den gleichen Lohn erhalten, während der Marxismus für die sozialistische Gesellschaft doch ungleiche Löhne theoretisiert habe!

  • Entweder Lohnarbeit oder Sozialismus

Die Marx’sche Position gegenüber Proudhon, die abgesehen von vielen Textstellen im „Kapital“ in der eigens dafür verfassten Schrift „Das Elend der Philosophie“ von 1846/47 völlig klar dargelegt ist, besteht nicht darin, einen „Kommunismus mit gleichen Löhnen“ zu widerlegen – eben jene Gleichheit, über die die Chruschtschows so herziehen, wobei sie auch Lenin Falsches unterschieben –, sondern darin, die Proudhon’sche Hohlheit zu widerlegen, denn dieser denkt sich einen Sozialismus, in dem weiterhin Löhne gezahlt werden, wie es in Russland der Fall ist. Marx bekämpft nicht die Theorie der Gleichheit der Löhne, sondern die Theorie des Lohns! Lohn, auch wenn er für alle gleich wäre, bedeutet immer Nicht-Sozialismus. Und wenn er nicht nivelliert, nicht gleich ist, kann von Sozialismus erst recht keine Rede sein.

Obschon der von uns genannte Punkt rein ökonomischer Natur ist, muss doch angemerkt werden, dass wir (Erstes Manuskript: „Die entfremdete Arbeit“) bereits auf dem Gebiet sind, auf dem, sei es auch in polemischer Absicht, die philosophische Terminologie benutzt wird. Da sie jedenfalls von Hegel stammt, müsste sein System bereits im Vorhinein erledigt worden sein; und in der Tat haben wir schon weiter oben darauf Bezug genommen.

Die klassische, d.h. bürgerliche politische Ökonomie konnte nicht vermeiden, uns den Schlüssel der Bewegung des Privateigentums in die Hand zu geben. Und mit Hilfe dieses Schlüssels haben wir ihr ihr Geheimnis entrissen, dass nämlich das Eigentum das Produkt der entäußerten Arbeit ist. In der typischen bürgerlichen Gesellschaft gibt es (und dies ist die Synthese der gesamten marxistischen Ökonomie, soweit es um die Beschreibung des Kapitalismus geht) zwei Eigentumsformen: Kapital, bzw. bewegliches Eigentum, das Profit liefert, und unbewegliches Eigentum, das Grundrente abwirft. Nach der Ökonomie unserer Gegner bemisst sich deren Wert, der eine sowohl wie der andere, nach der darin enthaltenen Arbeitsmenge. Doch diejenigen, die arbeiten, haben kein – weder bewegliches noch unbewegliches – Eigentum, denn das ganze Privateigentum ist entäußerte Arbeit. Der Proletarier entäußert seine Arbeit und so (philosophischer Teil) sich selbst.

Diese knappe Formulierung soll reichen, um die Stelle zu Proudhon einzufügen:

„Diese Entwicklung gibt sogleich Licht über verschiedne bisher ungelöste Kollisionen.

1. Die Nationalökonomie geht von der Arbeit als der eigentlichen Seele der Produktion aus, und dennoch gibt sie der Arbeit nichts und dem Privateigentum alles.“

Zu sagen, das Kapital entlohnt den Arbeiter, wäre keine Antwort darauf. Denn der Lohn kann, einfach ausgedrückt, weder zu beweglichem noch zu unbeweglichem Eigentum werden. Marx, der das viel besser ausdrückt, erklärt, dass der Geldlohn niemals die Entfremdung des Proletariers von seinem menschlichen Wesen, das in ihm war, beseitigen kann. Lesen wir weiter.

„Proudhon hat aus diesem Widerspruch zugunsten der Arbeit wider das Privateigentum geschlossen“ (er war der wirkliche Urheber der noch immer grassierenden immediatistischen Illusion). „Wir aber sehn ein, dass dieser scheinbare Widerspruch der Widerspruch der entfremdeten Arbeit mit sich selbst ist und dass die Nationalökonomie nur die Gesetze der entfremdeten Arbeit ausgesprochen hat.“

„Wir sehn daher auch ein, dass Arbeitslohn und Privateigentum identisch sind“ (wir lesen: Eine Gesellschaft auf der Grundlage von Geldlohn ist keine kommunistische Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft des Privateigentums, und wir fügen als Korollar hinzu: auch dann, wenn es keine Grund- und Kapitaleigentümer geben sollte): „denn der Arbeitslohn, wo das Produkt, der Gegenstand der Arbeit, die Arbeit selbst besoldet, ist nur eine notwendige Konsequenz von der Entfremdung der Arbeit, wie denn im Arbeitslohn auch die Arbeit nicht als Selbstzweck, sondern als der Diener des Lohns“ (die Arbeit ist der Zwang, sich zu verkaufen) „erscheint“ (die Arbeit wird dann als Selbstzweck erscheinen, wenn sie nicht bezahlt wird, weil die der Gesellschaft geschenkte Arbeit ein Bedürfnis und die Befriedigung dieses Bedürfnisses eine große Freude sein wird). „Wir werden dies später ausführen“ (im „Kapital“ entspricht der Teil des Tauschwerts der produzierten Ware, also die Kapitalgröße, die variables Kapital genannt wird, dem Lohn, den der Arbeiter erhält) „und ziehen jetzt nur noch einige Konsequenzen“ [MEW 40, S. 520].

  • Nach wie vor – wider den Immediatismus[6]

Für uns, nach dem Tode Marx’ geborene und noch nicht geborene Marxisten wurden diese paar „Konsequenzen“ für Jahrhunderte gezogen (abgesehen von der genauen Analyse der Jahrhunderte währenden Gemeinheiten der bürgerlichen Gesellschaftsform). In den opportunistischen Wellen[7] sind sie von den Revisionisten allerdings geleugnet worden.

„Eine gewaltsame Erhöhung des Arbeitslohns (von allen andren Schwierigkeiten abgesehn, abgesehn davon, dass sie als eine Anomalie auch nur gewaltsam aufrechtzuerhalten wäre) wäre also nichts als eine bessere Salairierung der Sklaven“ (hervorgehoben von Marx) „und hätte weder dem Arbeiter noch der Arbeit ihre menschliche Bestimmung und Würde erobert.

Ja selbst die Gleichheit der Salaire, wie sie Proudhon fordert, verwandelt nur das Verhältnis des jetzigen Arbeiters zu seiner Arbeit in das Verhältnis aller Menschen zur Arbeit. Die Gesellschaft wird dann als abstrakter Kapitalist gefasst“ (hervorgehoben von uns).

„Arbeitslohn ist eine unmittelbare Folge der entfremdeten Arbeit, und die entfremdete Arbeit ist die unmittelbare Ursache des Privateigentums. Mit der einen muss daher auch die andere Seite fallen“ [MEW 40, S. 520-21].

Diese letzte These wollen wir noch einmal anders ausdrücken, wobei es bloß, wie stets, um eine andere Formulierung geht. In den Gesellschaftsformen, in denen es Lohn gibt, gibt es auch die entfremdete Arbeit, und diese Formen werden als solche des Privateigentums klassifiziert. Eine Gesellschaft wie die russische, worin die Lohnarbeit vorherrscht (zusammen mit anderen, auch unterhalb des rein kapitalistischen beweglichen Reichtums stehenden agrarischen Formen), hat eben deshalb weder eine kommunistische noch eine sozialistische Struktur, auch nicht im unteren Stadium, sie ist vielmehr eine Gesellschaft des Privateigentums, und – was die Industrie und die Sowchosen angeht – eine ausgesprochen kapitalistische Gesellschaft des Privateigentums.

Es macht keinen Sinn zu fragen, wo denn die Kapitalisten sind. Die Antwort wurde 1844 gegeben: Die Gesellschaft ist ein abstrakter Kapitalist. Wir könnten auch sagen, einen Staatskapitalismus vor uns zu haben, doch ist der Staat etwas, das noch unter einem abstrakten Kapitalisten steht, weil er bestimmte Schichten aus dem Kapitalverhältnis ausschließt, wie jene der Kolchosen bzw. der Kolchosniki, ganz zu schweigen von den Kleingewerblern und -händlern. Durch die jüngsten Strukturreformen, die wir zu Anfang der vorliegenden Arbeit ansprachen, wird weiteren Elementen des „abstrakten“ Kapitalismus in Regionen, Provinzen und Betriebe der Weg geebnet. Die Gesellschaft des Privateigentums ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt des russischen Weges.

  • Proudhons Irrtum dauert fort

Bleiben wir noch kurz beim Proudhon’schen Irrtum, der jedenfalls zählebiger ist als unser jahrhundertealter unverfälschter Marxismus. Proudhon nimmt die Lehre der klassischen Nationalökonomie an (dialektisch tun auch wir das), wonach Arbeit Wert ist, um ein bloß quantitativ definiertes (also nicht revolutionäres) Programm zu konzipieren, das vorsieht, den Profit oder Mehrwert in Besitz zu nehmen und den Löhnen zuzuschlagen. Da er sich fälschlicherweise vorstellt, dass der Durchschnittslohn auf diese Weise sehr hoch steigt, schlägt er vor, dieses riesige „Jahreseinkommen“ unter allen Mitgliedern der Gesellschaft, die jetzt allein aus Lohnarbeitern besteht, gleichmäßig zu verteilen.

Die quantitative Beweisführung, wonach die Löhne mit dieser angeblichen Revolution so wenig steigen würden, dass sie nicht einmal an die weiter oben erwähnte „gewaltsame Erhöhung“ des Arbeitslohns, also etwas besserer Entlohnung, heranreichen würden, wird einsichtig sein; dennoch ist Grundlage unserer Parteilehre der sehr viel triftigere Einwand qualitativer Natur, nämlich damit aus dem Käfig des Privateigentums mitnichten herauszukommen. Wir weisen die trügerische Gleichheit nicht zurück, weil unser Programm die Ungleichheit vorsieht, sondern weil eure dem Geldwert nach gleichgestellten Menschen mit dem heutigen Sklaven, dem Proletarier identisch sind – mitnichten mit dem menschlichen Menschen, in einer Gesellschaft ohne Klassen, in der auch die unpersönlichen Formen des Grund- und industriellen Kapitaleigentums verschwunden sein werden; wobei das Wort „unpersönlich“ gleichbedeutend ist mit dem Ausdruck „abstrakt“, bzw. „abstrakter Kapitalist“ im Marx’schen Text.

Nachdem bereits vor einem Jahrhundert die Naivität Proudhons im vorliegenden Text wie auch in den Polemiken gegen Bakunin, im Anti-Dühring, in den Stellungnahmen zu Lassalle, in der Kritik des Gothaer Programms (und später im Kampf gegen die Syndikalisten, Reformisten und die stalinistisch-Chruschtschow’sche Welle des Revisionismus) aufgezeigt wurde, machen Immediatisten der allerjüngsten Zeit es ihm immer noch nach: „Räumt die Ausbeuter aus dem Weg, dann endet auch die Ausbeutung; gab es gestern nur eine Handvoll steinreicher Männer, ob auf dem Land oder in der Industrie, so gibt es heute eine gesellschaftliche Schicht ‚hoch bezahlter’ Leute: Beamte, Techniker, Spezialisten etc. Werfen wir alle Monatsgehälter in einen Topf und teilen ihn zu gleichen Teilen unter uns auf.“

Dieser Kinderkram ist 150 Jahre nach Marxens Kritik an Proudhon noch flacher. Damals haben uns jene, die uns mit den Vulgärsozialisten verwechselten, vorgeworfen, das Elend zu verallgemeinern; heute zeigt sich in Russland wie in Amerika (deren Ideologien sich gerade vermählen), wie sich die Löhne angleichen und sich die Proudhon’schen Forderungen erledigt haben. Doch ist das, was wir (an der Wende zum 20. Jahrhundert und ihre wahnsinnige und verrückte Zivilisation verachtend) forderten – und noch immer mit denselben Worten fordern – etwas ganz Anderes und viel Ungeheuerlicheres.

Zu sagen bleibt darauf nur noch, dass das Mitglied der heutigen modernen Gesellschaft – mag sein Haus, sein Vieh, sein Werkzeug und sein Sparbuch auch „kolchosiert“ sein – dem wirklichen Menschsein gleichermaßen entfremdet ist. Seine Entfremdung manifestiert sich in den zyklischen Ausrottungskriegen, in den Krisen der Geldentwertung, im jüngsten Einfall der Verbraucherkredite und Ratenzahlungen, in der Arbeitslosigkeit infolge der technischen Automatisierung (dieser Masturbation der Wissenschaft).

Die entmenschte Entfremdung zeigt sich heute, zwischen dem zweiten und dem dritten Weltkrieg, noch in einem weiteren unheimlichen Phantom: dem Frieden zwischen den Wolfsstaaten, wahren Ungeheuern, deren zwei größte wir mit gleichem Recht als Versklaver, abstrakte Entfremder, bezeichnen können. Einig sind sie sich jedenfalls darin, die Masse der Menschen dazu zu verdammen, entmenscht zu bleiben.

  • Entweder Geld oder Sozialismus

Der Lohn ist nicht die einzige ökonomische Erscheinungsform, die uns positiv erklären lässt, uns noch diesseits des Sturzes der kapitalistischen Produktionsweise zu befinden. Dasselbe könnten wir ausdrücken, wenn wir sagen, es gibt noch keinen Sozialismus, solange der Arbeit ein Wert beigelegt wird, was der Fall ist, solange jede Ware einen Tauschwert hat. Es sind immer dieselben unfruchtbaren Versuche des hohlen Immediatismus, wenn geltend gemacht wird, nicht die Waren, sondern die Arbeit habe Wert (im Sozialismus), was reiner, mehr oder minder anarchiesierter Proudhonismus wäre.[8] Die Peitschenhiebe Marx’ gegen Proudhon bestehen in der Beweisführung, dass er, wenn er die These vom Wert der Arbeit rühmt, tatsächlich bloß das moderne Kapital lobpreist und dem Grundeigentum entgegenstellt, und dieses zugunsten des Kapitals zunichtemacht, wenn er glaubt, es sei zugunsten der Arbeit (siehe oben: „Proudhon hat aus diesem Widerspruch zugunsten der Arbeit wider das Privateigentum geschlossen“ [MEW 40, S. 520], und später: „Alles, was Proudhon als Bewegung der Arbeit gegen das Kapital fasst“, ist nur der „Weg des Sieges des industriellen Kapitals“ [MEW 40, S. 557]). Idem für die hohen russischen Produktionsindizes!

Dass es also abgesehen vom Geldlohn viele andere Erscheinungsformen gibt (wie z.B. im russischen Gesellschaftsgefüge), die uns berechtigen, die Existenz des Sozialismus abzustreiten, lässt sich auch aus folgender Stelle ersehen, die kurz nach der über die Gleichheit des Salairs kommt:

„Wie wir aus dem Begriff der entfremdeten, entäußerten Arbeit den Begriff des Privateigentums durch Analyse gefunden haben, so können mit Hülfe dieser beiden Faktoren alle nationalökonomischen Kategorien entwickelt werden, und wir werden in jeder Kategorie, wie z.B. dem Schacher, der Konkurrenz, dem Kapital, dem Geld, nur einen bestimmten und entwickelten Ausdruck dieser ersten Grundlagen wiederfinden“ [MEW 40, S. 521].

Dieser Passus sagt uns klar und eindeutig, dass dort, wo sich Schacher, Konkurrenz, Kapital, Geld etc. finden, von der bürgerlichen Wirtschaftsform die Rede ist. Auf Grundlage dieses gedrängten und sogar verstümmelten Textes lassen sich noch einige Kategorien mehr auflisten: das Sparen, die Arbeitsteilung – doch genügt es uns für den Augenblick, bei der am meisten Aufsehen erregenden zu bleiben: dem Geld.

Dieser infernalischen Kategorie ist ein hinreißender Abschnitt gewidmet. Marx führt zwei wunderbare Stellen aus der Weltliteratur an, die erste aus Goethes „Faust“, die zweite aus Shakespeares „Timon von Athen“, die er dann beide kommentiert. Beginnen wir mit dem Auszug, in dem Mephisto den alten Dr. Faust überzeugen will, dass die (in der Tat diabolische) Macht über das Geld gleichbedeutend ist mit der Gabe, die Jugend wiederzuerlangen:

„Was Henker! Freilich Hand‘ und Füße

Und Kopf und Hintre, die sind dein!

Doch alles, was ich frisch genieße,

Ist das drum weniger mein?

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann

Sind ihre Kräfte nicht die meine?

Ich renne zu und bin ein rechter Mann

Als hätt‘ ich vierundzwanzig Beine.“ [MEW 40, S. 563]

Die Metapher ist klar und deutlich: Demjenigen, der die Zauberkraft hat, bei der Deutschen Bank über ein unbegrenztes Guthaben zu verfügen, wird verheißen, seine verlorene Jugendlichkeit wiederzuerlangen; wobei es gar keine Rolle spielt, ob Voronoff[9], zur Zeit Goethes, Fausts und Mephistos, schon auf der Welt war. Doch überlassen wir es dem großen Marx, die Stelle zu kommentieren; es wird kaum nötig sein, euch zu sagen, dass es ganz natürlich ist, wenn eure Gedanken dabei zur hundertprozentig in Rubeln gerechneten „sozialistischen“ Ökonomie abdriften.

„Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin hässlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich – meiner Individualität nach – bin lahm, aber das Geld verschafft mir 24 Füße; ich bin also nicht lahm; ich bin ein schlechter, unehrlicher, gewissenloser, geistloser Mensch, aber das Geld ist geehrt, also auch sein Besitzer. Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut, das Geld überhebt mich überdem der Mühe, unehrlich zu sein; ich werde also als ehrlich präsumiert; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche?

[…] Kann es nicht alle Bande lösen und binden? Ist es darum nicht auch das allgemeine Scheidungsmittel?“ [MEW 40, S. 564-65].

Bei seiner Erläuterung knüpft Marx an einen anderen, nicht minder bewundernswerten Auszug an, den er Shakespeares Werk entnommen hat.

  • Schmährede auf den niederträchtigsten aller Götter

„Gold? Kostbar flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter!

Nicht eitel fleht‘ ich.

So viel hievon macht schwarz weiß, hässlich schön;

Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.

Dies lockt ... den Priester vom Altar;

Reißt Halbgenesnen weg das Schlummerkissen:

Ja, dieser rote Sklave löst und bindet

Geweihte Bande; segnet den Verfluchten;

Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb

Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluss

Im Rat der Senatoren; dieser führt

Der überjähr‘gen Witwe Freier zu;

Sie, von Spital und Wunden giftig eiternd,

Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch

Zu Maienjugend dies. Verdammt Metall,

Gemeine Hure du der Menschen, die

Die Völker tört“ [MEW 40, S. 563-64].

Etwas weiter unten geht die Schmähung in einen grausamen Sarkasmus über:

„Du süßer Königsmörder, edle Scheidung

Des Sohns und Vaters! glänzender Besudler

Von Hymens reinstem Lager! tapfrer Mars!

Du ewig blüh‘nder, zartgeliebter Freier,

Des roter Schein den heil‘gen Schnee zerschmelzt

Auf Dianas reinem Schoß! sichtbare Gottheit,

Die du Unmöglichkeiten eng verbrüderst,

Zum Kuss sie zwingst! du sprichst in jeder Sprache,

Zu jedem Zweck! o du, der Herzen Prüfstein!

Denk, es empört dein Sklave sich, der Mensch!

Vernichte deine Kraft sie all verwirrend,

Dass Tieren wird die Herrschaft dieser Welt!“

Die hervorgehobenen Wörter hat Marx unterstrichen. Nach dem großen deutschen Dichter kommentiert er den großen englischen Dichter wie folgt weiter:

„Shakespeare hebt an dem Geld besonders 2 Eigenschaften heraus:

1. Es ist die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge; es verbrüdert Unmöglichkeiten; 2. Es ist die allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Menschen und Völker“ [MEW 40, S. 565].

Der Text fährt dann mit einer expliziten Interpretation der brisanten Antinomien aus dem Shakespeare’schen Passus fort, die wir hier, so bewundernswert die Stelle ist, nicht vollständig wiedergeben.

Für die uns hier interessierende programmatische Folgerung zitieren wir noch einige entscheidende Stellen, die belegen, dass in jeder nicht durch das Privateigentum geschändeten Ökonomie das Geld als das „wahre Bindungsmittel“, als die „chemische Kraft der Gesellschaft“ nichts zu suchen hat.

Das Geld ist „das entäußerte Vermögen der Menschheit.“ Die Gesellschaften daher, in denen Geld zirkuliert, sind Gesellschaften, in denen die Entfremdung der Arbeit und des Menschen herrscht, Gesellschaften des Privateigentums, die zur barbarischen Vorgeschichte der menschlichen Gattung und zur historisch unterirdischen Welt des Sozialismus und des Kommunismus gehören.

Die vorsozialistischen Gesellschaftsformen kennzeichnet nicht nur das Geld, sondern auch der Tausch, der freie Tausch:

„Da das Geld nicht gegen eine bestimmte Qualität, gegen ein bestimmtes Ding, menschliche Wesenskräfte, sondern gegen die ganze menschliche und natürliche gegenständliche Welt“ (wir lesen: gegen jedweden Teil davon) „sich austauscht, so tauscht es also – vom Standpunkt seines Besitzers angesehn – jede Eigenschaft gegen jede Eigenschaft und jeden Gegenstand aus; es ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten“, und hier nimmt Marx den Satz Shakespeares, „es zwingt das sich Widersprechende zum Kuss“.

Die stalinistische Übersetzung hat diesen Passus, aus dem der unlösbare Widerspruch zwischen Kommunismus und Geldtauschauch des vom Arbeiter durch Arbeit erworbenen Geldes – hervorgeht, entstellt. In der Berlin/Einaudi-Ausgabe liest sich die Stelle so: Das Geld tauscht „jede Eigenschaft gegen jede – auch ihr widersprechende Eigenschaft und Gegenstand – aus“ [MEW 40, S. 566-67]. Ein banaler Fälschungsversuch, aber jedenfalls eine Fälschung. Jedes Mal, wenn etwas gegen Geld getauscht wird, taucht schon allein dadurch jener Widerspruch auf, den wir die Entfremdung des Menschen nennen, den wir Privateigentümer-Gesellschaft nennen, und an dem wir die Nichtexistenz der sozialistischen Revolution erkennen.[10]

  • Eigenschaft und Individualität

Unsere vollständige These weist die Form eines unerbittlichen Gegensatzes zwischen Individualismus und Sozialismus auf, wenn wir in der sowohl ökonomischen wie historischen und „philosophischen“ Darlegung von Marx dem Werden des gesellschaftlichen Menschen, eben des menschlichen Menschen folgen.

Bestimmt wird der Leser, der hier mit uns die „Manuskripte“ durchgeht, bemerken, dass darin, dem Buchstaben nach, keine ausdrückliche Verurteilung der persönlichen Individualität zu finden ist, sondern eigentlich eher deren Verteidigung angesichts des – durch das Kapital, den Markt, das Geld – zermalmten lebendigen Menschen. Doch der Entwicklungsgang muss erfasst werden, wenn wir unsere klassische programmatische These erkennen wollen, während wir, im wirklichen dialektischen Krieg gegen die bürgerlichen Apologeten (englische, französische oder deutsche Ökonomen, Politiker oder Philosophen), den durch die Niederträchtigkeiten der Bourgeoisie als Individuum zertretenen Menschen bei seiner Rückkehr begleiten. Er wird nicht wieder auf sich selbst, einsam und egoistisch, stoßen, sondern seine „Rückkehr aus der Entfremdung“ ist die Rückkehr für sich als eines gesellschaftlichen Menschen, in dem der Einzelne und die Einzelnen mit der klassenlosen Gesellschaft, der kommunistischen Menschheit in eins gesetzt sind.

Nicht die menschliche Person, sondern die Vertiertheit der bürgerlichen privatistischen Gesellschaftsform werden wir dann vernichtet haben. Mit der kommunistischen Revolution wird dieser Person nicht das Leben, wie es einst war, wiedergegeben, sondern sie wird gesellschaftlicher Mensch, menschlicher Mensch, geworden sein, womit die Geschichte der Individuen und die individuelle Geschichtsschreibung abgeschlossen und begraben sein werden. Denn die bisherige Geschichte hat das Individuum nicht erhoben, außer auf der Stufenleiter der Lügen, sie ist vielmehr vorangeschritten, indem sie ohne zu zögern über Berge von individuellen Leibern hinwegging.

Die Textstelle, die letzte, die das Geld verflucht, muss also in diesem Sinne gelesen werden, bevor wir zu der Stelle kommen, die das Kapitel krönt und leicht als ein Lyrismus Marx’ gelten könnte, die wir jedoch als großartige Schlussfolgerung vormerken.

„Schon dieser Bestimmung nach“ (des Geldes als äußerem Mittel, um Vorstellungen in Wirklichkeit zu verwandeln, wenn widerrechtliche Ziele und widernatürliche Bedürfnisse für den, der Geld hat, wahr werden, und um die Wirklichkeit in Hirngespinste zu verwandeln, wenn das Bedürfnis, den Hunger zu stillen, für den, der kein Geld hat, nicht erfüllt wird) „ist es also schon die allgemeine Verkehrung der Individualitäten, die sie in ihr Gegenteil umkehrt und ihren Eigenschaften widersprechende Eigenschaften beilegt“ [MEW 40, S. 566].

Da es Marx selbst ist, der das Wort „Individualitäten“ unterstreicht, könnten Unbesonnene als Zielsetzung die Individualität ausmachen, als wäre dies Bestandteil der Wiederherstellung der Lehre, was heißt des Programms der kommunistischen Revolution. Doch der Dämon des Geldes, mit seiner diabolischen Macht, demjenigen das zu geben, was ihm nicht mitgegeben war, und demjenigen das zu nehmen, was ihm mitgegeben war, verkehrt die Eigenschaften des Menschen, indem er sie in tierische verwandelt. Der, der seine Arbeit gegen Lohn der Prostitution aussetzen muss, ist nicht Mensch, sondern Tier, so wie der, der fremde Arbeit gegen Geld chartert, nicht Mensch sondern Tier ist. („Die Fabrikarbeiter in Frankreich nennen die Prostitution ihrer Frauen und Töchter die x-te Arbeitsstunde, was wörtlich wahr ist“ [MEW 40, S. 550]. „Die Prostitution nur ein besondrer Ausdruck der allgemeinen Prostitution des Arbeiters, und da die Prostitution ein Verhältnis ist, worin nicht nur der Prostituierte, sondern auch der Prostituierende fällt – dessen Niedertracht noch größer ist –, so fällt auch der Kapitalist etc. in diese Kategorie“ [MEW 40, S. 538, Fußnote].) Würden wir die Verkehrung umkehren, d.h. dem vertierten Menschen eben jene Einzigkeit beimessen, die ihm die bürgerliche Gesellschaft und ihre Ideologien gaben, wäre dies die Rückkehr in das Tier. Doch der Kommunismus wird den Menschen zum Menschen erheben, weil er ihn ein neues Wesen erobern lässt, das es geben wird, wenn jede Übereignung und jeder Erwerb durch Geld ausgelöscht ist.

In diesem Sinne überwinden Marx und die Kommunisten den Individualismus und heben die Entfremdung des Menschen von sich selbst auf.

  • Der rohe Kommunismus

Die Stalinisten wollen die Aufmerksamkeit auf noch eine andere Stelle in den Manuskripten von 1844 lenken, und zwar jene, in der die Kritik des zur Zeit der großen Französischen Revolution auftretenden Kommunismus entwickelt wird. Marx bestreitet in dieser Kritik lediglich, dass es der Kommunismus in diesem Stadium vermocht hätte, die bürgerliche Entmenschung wirklich zu überwinden.

Danach werden die dem rohen Kommunismus vorhergehenden Stadien untersucht und bereits in dieser Schrift, die wir als Hauptgrundlage unserer Geschichtslehre ansehen, sind sie erklärt und ihre nützlichen Funktionen aufgezeigt worden.

Der im Kapitel „Privateigentum und Kommunismus“ im 3. Manuskript behandelte Gegensatz zwischen Privateigentum und Eigentumslosigkeit ist auch schon in den alten Gesellschaften existent, doch tritt die Entfremdung des Sklaven, Objekt des Eigentums, in der Sklavenhaltergesellschaft noch nicht hervor (eine noch zu leistende Untersuchung, deren Grundlage die bekannten Schriften zur typischen „Serie“ der Produktionsweisen sind). Die Forderung, die Entfremdung des eigentumslosen Lohnarbeiters aufzuheben, wird erst aufgestellt, nachdem die klassische Ökonomie festgestellt hatte, dass das ganze Eigentum aus Arbeit besteht. Die ersten Versuche, den Gegensatz zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern aufzulösen, sind historisch embryonale Versuche. Die französischen Sozialisten wollten mit Proudhon das gesamte Grundeigentum dem Kapital zuschlagen, nur um dann, vermittelst des gleichen Lohns, die ganze Rente auf alle Mitglieder der kapitalistischen Gesellschaft, d.h. über die „ganze Oberfläche der Gesellschaft“ zu verteilen (wir sprachen schon darüber). Fourier sieht die Tyrannei der industriellen Arbeit und schließt sich den Physiokraten an, wenn er die Landbauarbeit als die eigentliche Arbeit fasst. Dagegen verherrlicht der andere große, von Marx und Engels hochgeschätzte Utopist Saint-Simon die Industriearbeit als zur Befreiung der Arbeiter führenden Weg.

Als der Kommunismus auftrat, tat er das als der „positive Ausdruck des aufgehobnen Privateigentums“ und war daher in seiner ersten Form das allgemeine Privateigentum.

Bevor wir dieser wichtigen Textstelle weiter folgen, sollten wir die Begriffe kurz nach ihrer historischen und ökonomischen Seite hin bestimmen. Mit der Produktion durch Unternehmen, die sowohl in der Industrie wie in der Manufaktur massenhaft Arbeiter zusammenfassen, zeigt sich eine erste positive Seite, die in der im Vergleich zur zersplitterten handwerklichen und bäuerlichen Arbeit höheren Arbeitsproduktivität besteht. Dies erklärt, warum manche Systeme, deren Mythos in der Apologie der Industrie besteht, diesen Vorteil bis zum Äußersten treiben wollten. Doch die Industrie wird eben deshalb mächtig, weil sie unzählige Handwerker und Bauern, die Eigentümer wenn auch nur kleiner Bodenstücke und einiger Produktionsinstrumente waren, zu elenden Proletariern herabdrückt. Dieser Enteignungsprozess, der in der Lehre der ursprünglichen Akkumulation im I. Band des „Kapital“ dargelegt werden wird, reicht hin, die Morgenröte der bürgerlichen und mechanischen Zivilisation zu verfluchen, vorerst aber macht er mit der Verteidigung der oft behandelten mittelalterlichen Gesellschaftsformen die Entfremdung von diesen noch menschliche Seiten aufweisenden Bauern- und Handwerkerformen deutlich.

Die Entäußerung besteht hier praktisch im Verlust einer gewissermaßen weitervererbten Würde des selbstständigen und selbstgenügsamen Produzenten. Verständlich, dass die Umkehrung der Entfremdung dann als Zurückeroberung der verlorenen Bodenstücke erscheint, als jedem Gesellschaftsmitglied zuerkannte freie Parzelle.

Dieser den Zeitumständen geschuldete Irrtum der Perspektive rechtfertigt den rohen Kommunismus. Doch die Auslegung der russischen Ex-Kommunisten, die die Kritik an ihrem heutigen verfälschten System mit diesem naiven und rückständigen Kommunismus zuzuschütten suchen, ist unsinnig. Die Mängel, die der wissenschaftliche Marxismus diesem ersten rohen Kommunismus zur Last legt, sind die gleichen, die in der heutigen russischen Gesellschaft zu sehen sind und uns als ihren Kritikern das Recht geben, die Behauptung, in ihr trete historisch erstmals der Sozialismus auf, als Legende abzutun sowie ihren schäbigen Apologeten abzusprechen, sich als Verfechter des klassischen Programms des revolutionären Marxismus auszugeben.

  • Die sowjetische Rohheit

Erinnern wir nur an die allgegenwärtige Diskussion über den Charakter des Kolchoseigentums, das, anders als das industrielle, nicht staatliches, sondern genossenschaftliches Eigentum ist, während die Parzellen den einzelnen Bauern gehören. Wir beziehen uns dabei natürlich auf das bewegliche kapitalistische Eigentum der Geräte, des bäuerlichen Inventariums, nicht – soweit wir dem Sprachgebrauch der Russen folgen – auf den Boden, auch wenn wir marxistisch bewiesen haben, dass der erklärtermaßen der „Nation“ gehörende Boden tatsächlich, was die großen Bodenstrecken angeht, als Privateigentum der Kolchose bewirtschaftet wird, bzw. was die Millionen kleiner Fleckchen Erde angeht, der Kolchosbauern.

Hinsichtlich der Diskussion über das Agrareigentum fragten sich die Russen, ob es nicht, wie das industrielle, „allgemeines Volkseigentum“ sein könne. Stalin verneinte das barsch, es sei unter keinen Umständen annehmbar, den Kolchos zu enteignen, erst recht nicht den Kolchosbauern.[11] Jetzt macht man Stalin nieder, weil er neue Herren auf den Schild hob; man schwätzt von einer angeblich mengenmäßigen Steigerung in der Landwirtschaft, beiläufig auch von einer nochmaligen Steigerung, wenn vom Sozialismus zum Kommunismus übergegangen wird (!!), während vorerst die jüngste Chruschtschow’sche Aussage bekräftigt wird, wonach die Kolchosen über ihr gesamtes Einkommen verfügen sollen, so dass sie sich selbst finanzieren können. Der Rückschritt, der sich in dieser Formulierung ausdrückt, sucht das Ausbeutungsverhältnis der Landbebauer über die Proletarier zu verschleiern, denn mit der Meldung, die staatlichen Investitionen für die Kolchosen zu verringern, geht die Freigabe der Verkaufspreise einher (selbst die „Prawda“ beginnt, die Auswüchse dieses Vorgehens entfesselter „materieller Interessiertheit“ zu Lasten der Proletarier zu missbilligen). Das Einkommen des Kolchos, einer wahren privaten Aktiengesellschaft, setzt sich nach der marxistischen Ökonomie aus Kapitalprofit und Grundrente zusammen. Finanziert er sich durch seine Akkumulation selbst, zeigt sich, dass er sowohl Eigentümer des Bodens als auch des industriellen Kapitals ist. Es geht also nicht in Richtung allgemeinen Volkseigentums (das in großem Tempo auch in der Industrie zurückgeht), man geht vielmehr, nur noch unverblümter als Stalin, in die entgegengesetzte Richtung. Jedenfalls gehört die Formel vom „allgemeinen Volkseigentum“ dem „rohen Kommunismus“ an […].

Der Marx’sche Passus wird das zeigen, zudem ist er uns wegen der theoretischen Erklärung des Begriffs der „Persönlichkeit“ wichtig. Wenn wir die moderne Mythologie der menschlichen Persönlichkeit verspotten, folgen wir Marx und zeigen, wie er es tat, dass die Apologeten diese Fetisches dieselben sind, die die Person mit widerwärtigem Zynismus zerstampfen, wie man es mit einer Handvoll Schnecken in einem Mörser tut. Dies also wird der Sinn der Super-Aussprache[12] dieser Tage sein, einem wahren Kuss zwischen Unmöglichkeiten, und beherrscht vom Dämon des Goldes und des Marktes.

  • Marx und der rohe Kommunismus

Nach dem Hinweis auf die Utopisten und den „Immediatisten“ (das Wort ist, wie wir sehen werden, kein Neologismus von uns) Proudhon lässt Marx in diesem Abschnitt zur Geschichte die ersten Bewegungen aufmarschieren, die den Kommunismus – nicht nur in ihren Schriften, sondern im sozialen Kampf – auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

Der Entwurf dieses Abschnitts scheint mit einem groben Meißel, wie von schweren Keulenschlägen, aus Stein gehauen und erfordert, auch wegen schwer verständlicher Stellen, höchste Aufmerksamkeit.

„Der Kommunismus endlich ist der positive Ausdruck“ (die Marx’sche Hervorhebung meinen wir so übersetzen zu müssen: als Forderung menschlichen Handelns nicht mehr nur der theoretische, sondern praktische Ausdruck) „des aufgehobnen Privateigentums, zunächst das allgemeine Privateigentum. Indem er dies Verhältnis in seiner Allgemeinheit fasst, ist er

1. in seiner ersten Gestalt nur eine Verallgemeinerung und Vollendung desselben“ (auf dialektische Weise: der Versuch der Aufhebung entwickelt das Privateigentum vollständig); „als solche zeigt er“ (der Kommunismus) „sich in doppelter Gestalt: einmal ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, dass er alles vernichten will, was nicht fähig ist, als Privateigentum von allen besessen [zu] werden; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren“ (d.h. er schätzt die Denk-, die Kopfarbeit oder weniger vornehm, die sitzende Arbeit, gering). „Der physische, unmittelbare Besitz“ (geben wir unsere Zurückhaltung auf: Im wirklichen Kommunismus besitzt der Mensch alle Vermögen und alle Freuden, nicht weil sie ihm unmittelbar als Individuum zufallen, sondern mittelbar aufgrund des „Sprungs“ von der „Privat“person zur kommunistischen Menschheit) „gilt ihm als einziger Zweck des Lebens und Daseins; die Bestimmung des Arbeiters“ (Handarbeiters) „wird nicht aufgehoben“ (wie es erst in einer nicht auf der Lohnarbeit begründeten Gesellschaft sein kann), „sondern auf alle Menschen ausgedehnt“ [MEW 40, S. 534].

Bevor wir mit Marx zum zweiten, den ruhmreichen „Gleichen“ zugeschriebenen Punkt kommen, d.h. zur Geschlechterfrage, der Weibergemeinschaft, lasst uns einige Erläuterungen einschieben. Der Sieg des Kommunismus ist ohne ein Arsenal mächtiger theoretischer Waffen nicht zu haben, das ist ein jahrhundertealter Eckpfeiler unserer Bewegung. Wir brauchen sie noch vor und zusammen mit dem physischen Terror. In diesen „Manuskripten“ sind die klassischen Abschnitte des „Manifests“ vorweggenommen und die kommunistische Weltpartei, die historische Partei, wird hier mit den theoretischen Waffen ausgestattet, die die verlogene bürgerliche Heuchelei ins Feuer werfen.

Wollen wir denn, dass nur die zu schwerer körperlicher Arbeit Fähigen die Kontrolle über die Gesellschaft ausüben und die Gelehrten und Dichter mit Fußtritten verjagt werden? Es ist doch eure kapitalistische Gesellschaft, die alles auf das Geld gründet und daher alles besudelt: Die körperliche Arbeit, die eine angenehme Tätigkeit wäre und Grund zur Freude gäbe, würde sie nicht durch den Lohn erniedrigt, genauso wie die geistige Arbeit, die ihr zu einem Handelsartikel und eurem höchsten Götzen, dem Geld, hörig gemacht habt, sie immer weiter in die brackigen Untiefen eurer Zivilisation hinabstoßend, der wir jedenfalls die wahre Schönheit des barbarischen Zeitalters vorziehen.

Weiter: wir würden (um bereits den zweiten Punkt anzusprechen) euer Geschlechterverhältnis in Form der monogamen Ehe abschaffen wollen (natürlich wollen wir das – dies wird auch die Antwort in unserem wissenschaftlich-marxistischen Programm sein), um die allgemeine Prostitution zu begründen? Das habt doch ihr Bourgeois-Menschen getan. Ihr da oben bietet euch die Frauen unter listig-verschlagenem Lächeln wie Zigaretten an, wobei jede Frau und jede Liebesbeziehung möglichst billig gehandelt wird; gesellschaftlich gefasst, wird die Hälfte der Menschheit, die weiblichen Geschlechts ist, zu einem „Gegenstand degradiert“. Die Eigentümer-Gemeinheit unterdrückt die Frauen sowohl aktiv wie auch passiv. Der Gesellschaft des Privateigentums ist die Entfremdung der Menschen beiderlei Geschlechts implizit, und des weiblichen doppelt.

Doch unsere Erläuterung bezog sich auf den ersten Punkt, auf die Frage der körperlichen und intellektuellen Arbeit. Wenn in unserer Schrift das Wort „gewaltsam“ in jenem Satz hervorgehoben ist, der das „Talent“, den Geist herabsetzt, ist dies aufgrund einer klaren Bezugnahme auf einen Passus im Programm Gracchus Babeufs der Fall, worin es heißt, dass die Gewalt mehr vermag als die Vernunft. Und genauso hervorzuheben ist, wobei wir uns nicht auf unsere persönliche Ansicht, sondern auf das Ganze der marxistischen Bewertungen stützen, dass diese Aussage der Gleichen intuitiv aus einer Klassenposition resultiert. Was heißt, wir haben es mit der Negation der Ideologie der bürgerlichen Revolution zu tun, die in ihrem vergeblichen Bemühen, den Menschen – ausgehend vom Denken und vermöge der Widerlegung der Autorität des kirchlichen Dogmas – zu emanzipieren, dahin kommt, der Göttin Vernunft Altäre zu errichten. Doch war diese Göttin den leeren Bäuchen gegenüber nicht gnädiger als die alten Heiligen, und in einer ersten Revolte erschallte der Ruf, das Brot gewaltsam zu nehmen statt durch Vernunft oder demokratische Überzeugung.

Eine derartige Reaktion deckt sich mit dem Marx’schen Denken und erinnert an „Die deutsche Ideologie“, worin Marx den Max Stirner heimsucht, Schüler Hegels und später Idol des anarchistischen Individualismus, der in seinem berühmten Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ das Eigentumsverhältnis als „Fortsetzung“ der Person rühmt und sich in Wortspielen wie dem des „Mein und Meinung“ ergeht, worüber sich Marx gehörig lustig macht.[13]

Es ist unverfälschter Marxismus, den geistigen Anteil und die Hirnakrobatik nicht den auf materiellem Boden fußenden Arbeitsverhältnissen vorhergehen zu lassen; und jene alte Schmährede gegenüber der Vernunft-Meinung steht, sei es auch als Ausdruck einfacher Intuition, im Zusammenhang mit dem revolutionären Begriff, der vom kommunistischen Parteikämpfer den Einsatz körperlicher Kraft verlangt, die, wie der große Marxist Lenin meisterhaft in „Was tun?“ zeigt, vor dem Denken und Bewusstsein kommt.

Doch dies tut der Beweisführung des vollständigen Kommunismus überhaupt keinen Abbruch, dessen Eigenschaften und Merkmale wir auf diesen Seiten des Manuskripts herausgearbeitet sehen; und mit der Verurteilung jeder Arbeitsteilung (im Kapitel „Bedürfnis, Produktion, Arbeitsteilung“), die uns auch an den Engels’schen Passus über die Entrüstung der gelehrten Klassen denken lässt, wenn ihnen gesagt wird, dass ein Architekt auch Karrenschieber sein wird,[14] haben wir einen wichtigen Aspekt des wahrhaft großartigen Ergebnisses, das aus dem aufgelösten Rätsel der Geschichte resultiert.

  • Klassenkampf und Erziehung

Im Rahmen der allgemeinen Entstellung des Marxismus mit ihrer Zentrale in Moskau soll also Verwirrung gestiftet werden zwischen der Marx’schen These, die den historisch älteren, rohen Kommunismus klar vom mit dem „Manifest“ verkündeten theoretisch und wissenschaftlich definierten Kommunismus unterscheidet und der angeblichen, einer kulturellen Aufgabe und der „Volkserziehung“ zu verdankenden Überlegenheit des heutigen russischen Kommunismus (!) über den wirklichen Kommunismus, dessen Fahne wir verleumdete und verprügelte Linke immer wieder aufgenommen haben.

Die Sache mit der Volkserziehung passt bestens zur kleinbürgerlichen Demokratie schlimmster Sorte. Im Marxismus geht es nicht um das Volk, sondern um das Proletariat, und seine geistige Hebung wird ein Resultat der Klassendiktatur und der Abschaffung der Klassen sein; sie ist keine Voraussetzung (das wäre nur ein defätistischer Schwindel) für seine historische Aufgabe, den Klassenkrieg aufzunehmen und zu gewinnen.

Für jenen ersten rohen Kommunismus Ende des 18. Jahrhunderts war der Widerspruch, dass just die unwissende Klasse der Handarbeiter zur Trägerin der neuen Theorie und zur Leiterin der menschlichen Wissenschaft wird, noch nicht dialektisch aufzulösen. Der Schlüssel für diese Frage liegt in der Parteiform, die den Besitz des höchsten menschlichen Wissens mit dem mit härtesten Bandagen geführten Kampf der ökonomisch ausgelieferten Klasse vereint, die sich nicht infolge mangelhafter Bildung, sondern infolge der bürgerlichen, die Hirne verwüstenden Erziehung in einem Zustand der Finsternis befindet. Marx referiert hier, wie in diesem ersten noch ungezielten Vorstoß die geistige Tätigkeit gegenüber der aus körperlicher Arbeit resultierenden Kraft abqualifiziert wird; doch schätzt er dies großartige Bemühen der rohen Kommunisten deshalb nicht gering, sondern zeichnet die mutige Proklamation unserer Vorgänger für die Geschichte auf: Wenn die Gelehrten in der Botmäßigkeit der Geldleute stehen, so sagten sie, müssten die Armen den Angriff auf das stupide Bündnis von Reichtum und Bildung starten, und wenn es, um den Reichtum zu vernichten, nötig sei, die Bildung zu bekämpfen, es kein Zögern geben dürfe.

Dieses einfache wie großherzige Stadium musste durchlaufen werden, um zum höheren zu gelangen, dessen gigantisches Bild ein halbes Jahrhundert später durch die Proklamation gemalt wurde: Dadurch dass der Bourgeoisie Macht und Reichtum entrissen werden, wird auf ihren Trümmern ein neues und mächtiges Welt- und Geschichtsbild erstehen, so wie die Bourgeoisie ihre neuen Klassenformen auf den Trümmern der alten errichtet hatte.

Die russischen Propagandisten wollen uns nun auftischen, Marx rehabilitiere das „Talent“, die „Intelligenzija“, gegen die der ketzerische Babeuf seinen derben proletarischen Fluch ausgestoßen hatte; und sie wollen die neue und so viel größere Aneignung, die mit dem Marxismus als Ziel der Revolution angegeben wurde, mit der (jede konformistische Propaganda nachäffenden) Gründung ihrer Schulen, Bibliotheken und den zahllosen Verbreitungsmechanismen vorfabrizierter und vorgestanzter „proletarischer“ Ideologien auf eine Stufe setzen.

Doch sind die vom Moskauer Riesenapparat verbreiteten Thesen dieses ideologischen Korpus für die marxistische Wissenschaft und „Philosophie“ tödlich und sie strotzen von eben jenen Irrtümern, die, wenn sie Ende des 18. Jahrhunderts noch verdienstvoll waren, seit Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch schäbig sind, insofern alle Anti-Marx-Kategorien, also alle dummen und blödsinnigen Kategorien, zu ideologischen Mythen verhimmelt worden sind: der Austausch, das Geld, der Lohn, d.h. die Entfremdung der Arbeit und des Arbeiters; das Sparen, d.h. die Akkumulation von Kapital; das scheele Verlangen nach dem Besitz eines Hauses, eines Fleckchens Erde, eines kleinen Bestands an Geräten und Viehzeug, und einer vom Mann beherrschten Familie.

Es ist mitnichten die Forderung nach Talent, sondern die vertierte Rohheit und Prostituierung der Ziele menschlichen Wissens, die Marx die Parteiform innerhalb der Klassenform festlegen lässt.

Und da wir nun bei der Verteidigung der Familie (die für die vorkapitalistischen Regimes ihre Berechtigung hatte) seitens der Russen angekommen sind, wollen wir sehen, ob sich diese weitere Lästerung der revolutionären und kommunistischen Wissenschaft auch nur halbwegs auf die Marx’schen Feststellungen zur Geschlechterfrage und zur sogenannten Weibergemeinschaft stützen kann, deren ein Kommunismus angeklagt werden soll, der nicht so verfeinert und bürgerlich zivilisiert ist wie der, den der Kreml in Umlauf bringt.

  • Die Geschlechterfrage

Gehen wir wieder zur Textstelle über den rohen Kommunismus zurück, wo es heißt: „er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren“. Dieses „etc.“ aus der Marx’schen Feder war es, das wir uns oben erlaubten auszuführen.

„Der physische, unmittelbare Besitz gilt ihm als einziger Zweck des Lebens und Daseins; die Bestimmung des Arbeiters wird nicht aufgehoben“ (sie aufzuheben: das ist unsere Forderung), „sondern auf alle Menschen ausgedehnt; das Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt“ [MEW 40, S. 534]. Gibt es denn im Moskauer „Volkseigentum“ nicht die gleiche Sachenwelt und die gleiche Rohheit? Um dies festzustellen und zum Thema der Geschlechter überzuleiten zitieren wir eine Stelle kurz danach.

„Die Gemeinschaft ist nur eine Gemeinschaft der Arbeit und die Gleichheit des Salairs, den das gemeinschaftliche Kapital, die Gemeinschaft als der allgemeine Kapitalist, auszahlt. Beide Seiten des Verhältnisses sind in eine vorgestellte Allgemeinheit erhoben, die Arbeit als die Bestimmung, in welcher jeder gesetzt ist, das Kapital als die anerkannte Allgemeinheit und Macht der Gemeinschaft“ [MEW 40, S. 535].

Dies ist eine der Stellen, in der mehr als deutlich wird, dass in der kommunistischen Gesellschaft – im radikalen Unterschied zum russischen Wirtschaftsgefüge – keinerlei Gemeinschafts-, National-, oder Volkseigentum wieder aufleben wird, ebenso wenig wie irgendeine Form bezahlter Arbeit, und auch kein gemeinschaftliches Kapital etc. Marx selbst ist es, der die Wörter Salair, Gemeinschaft, Arbeit, Kapital unterstreicht. In der in unserem revolutionären Programm beschriebenen Gesellschaft werden bezahlte Arbeit, Eigentum, Kapital nicht vergemeinschaftet, sondern abgeschafft. Wer das nicht versteht, ist ein roher Kommunist, bzw. heute jemand, der das Rad zurückdrehen will. Wir können nun frei zitieren:

„Endlich spricht sich diese Bewegung“ (nach wie vor ist vom rohen Kommunismus die Rede), „dem Privateigentum das allgemeine Privateigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, dass der Ehe (welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist) die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegengestellt wird. Man darf sagen, dass dieser Gedanke der Weibergemeinschaft das ausgesprochne Geheimnis dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist. Wie das Weib aus der Ehe in die allgemeine Prostitution, so tritt die ganze Welt des Reichtums, d.h. des gegenständlichen Wesens des Menschen, aus dem Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privateigentümer in das Verhältnis der universellen Prostitution mit der Gemeinschaft“ [MEW 40, S. 534].

Das wäre ja auch ein Ding, eine derartige theoretische und programmatische Verwirrung zu stiften, dass die entschiedene Marx’sche Kritik der „Weibergemeinschaft“ als Rechtfertigung der monogamen Ehe und der Institution Familie dastünde, und dies dann weiter dafür herhalten soll (wie es die Absicht der philo-russischen Verleger zu sein scheint), die russische Gesellschaftsstruktur für kommunistisch auszugeben, obwohl Ehe und Erblichkeit von Eigentum dort bestehen.

Wie Marx hier gezeigt hat, ist das verallgemeinerte Privateigentum nicht groß was anderes als das exklusive (persönliche) Eigentum; als erste Negation des Privateigentums ist es aber von historischer Bedeutung: Die Negation einer historischen Form erscheint zu Anfang in Gestalt ihrer Verallgemeinerung, im Grunde handelt es sich daher um eine Wiederbehauptung. Doch das zu sagen, bedeutet gewiss nicht die Wiederbehauptung jenes exklusiven Privateigentums, von dem ausgegangen worden war. Wenn die Formel, wonach die Frauen gemeinschaftlich besessen werden, als untauglich verworfen wird, heißt das natürlich nicht, sie damit wieder dem Privatbesitz des Mannes einzuverleiben. Der reife Kommunismus verwirft heute erst recht die Familie und die monogame Ehe, die Marx „Form des exklusiven Privateigentums“ nennt.

Das Verhältnis zwischen dem Privatmann und seinen Gütern (Teil des Reichtums) vergleicht Marx mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Ehe. Der Privateigentümer hat, beispielsweise, zu einem Stück Feld das gleiche Verhältnis wie der „Ehe-Mann“ zur „Feld-Frau“. Im ersten Fall bedeutet das Eigentumsrecht, einem anderen zu verwehren, zu säen und zu ernten, und im zweiten Fall bedeutet die Eheschließung das Recht, einem anderen zu verwehren, dieselbe Frau zu „besitzen“. Man braucht schon starke Nerven, um in diesem Bild eine Rechtfertigung für das im russischen Gesetzbuch gut verankerte Eherecht hineinzuschmuggeln (unbeschadet der den Bürgerlichen und Vorbürgerlichen seit Jahrhunderten bekannten Scheidung).

Als Marx dann die Weibergemeinschaft (die wir nicht rechtfertigen, wie wir es beim Krieg gegenüber den gebildeten Menschen taten) erledigen will, führt er einen brillanten Vergleich an und nennt „universelle Prostitution des Reichtums mit der Gemeinschaft“ jene Form, worin das Privateigentum nicht vernichtet, sondern nur verallgemeinert, genauer gesagt, „Eigentum des ganzen Volkes“ ist, wie es heute in Russland heißt (ohne dass sie es tatsächlich so weit gebracht hätten!).

  • Degradation des Mannes und der Frau

Wir müssen, wenn wir die Textstellen wiedergeben, mal das Wort „Mensch“, mal das Wort „Mann“ gebrauchen.[15] Das heutzutage hart klingende Wort „Weib“ brauchen wir nicht benutzen. Als vor einem halben Jahrhundert eine Umfrage zum Feminismus – die armselige Konsequenz, die die Kleinbürger aus der grauenhaften Unterjochung der Frau in der Eigentümergesellschaft ziehen – gemacht wurde, antwortete der damals noch tüchtige Marxist Filippo Turati mit dürren Worten: „Die Frau … ist Mensch“. Er wollte sagen, sie wird es im Kommunismus sein, doch in der bürgerlichen Gesellschaft ist sie ein Tier, oder ein Objekt.

„In dem Verhältnis“ (des Mannes) „zum Weib, als dem Raub und der Magd der gemeinschaftlichen Wollust“ (des Mannes und ihrer eigenen), „ist die unendliche Degradation ausgesprochen, in welcher der Mensch“ (gleich welchen Geschlechts) „für sich selbst existiert“ (in der heutigen Gesellschaft), „denn das Geheimnis dieses Verhältnisses“ (des Menschen zu den Menschen, d.h. zur bürgerlichen Gesellschaft) „hat seinen unzweideutigen, entschiednen, offenbaren, enthüllten Ausdruck in dem Verhältnisse des Mannes zum Weibe und in der Weise, wie das unmittelbare, natürliche Gattungsverhältnis gefasst wird“ (in der heutigen Öffentlichkeit). „Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. (…) Aus dem Charakter dieses Verhältnisses“ (in den verschiedenen geschichtlichen Gesellschaftsformen, will der Text sagen) „folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden ist und erfasst hat“ (wieder wird gesagt, dass der Mensch sich erst ab dem geschichtlichen Zeitpunkt zu Recht als solcher bezeichnen kann, in dem er nicht mehr als Individuum und für sich als Individuum lebt, sondern als und für die Gattung, die alle seinesgleichen umfasst) [MEW 40, S. 535].

Lesen wir weiter in diesem für sich sprechenden Text mit seinen Auslassungen und durchaus sinnigen Wiederholungen. „Das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen“ (vom Individualismus vergiftet und weniger genau würde man sagen: eines Menschen zu einem Menschen). „In ihm zeigt sich also“ (zu jeder Zeit), „in[wie]weit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen“ (das Wort ist hier eher als Verb denn als Substantiv zu fassen)[16] „ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit“ (dieselbe These wird das dritte Mal formuliert) „seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist“ [MEW 40, S. 535].

Als substantivierte Verben können die Begriffe Natur, Wesen, Dasein, Sein in den verschiedenen Sprachen als austauschbar und semantisch gleichbedeutend erscheinen. Aus diesem Grunde mögen die Abschnitte, die nicht im Kontext eines integralen, über lange Zeiträume und Raumzonen auftretenden Systems von Lehren erklärt werden, den Leser ermüden – als handele es sich um Wortklaubereien, die den Ausgangsthesen nichts Neues mehr hinzufügen.

Nur zum besseren Verständnis wagen wir, etwas aus eigener Feder hinzuzufügen – die historische und narrative Form macht die Sache vielleicht verständlicher. Im Text sagt Marx, dass sich aus dem Geschlechterverhältnis, dem Verhalten der Menschen zueinander, die „ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen“ lässt. Die Moskauer übersetzen das mit „Zivilisations“stufe, ein Begriff aus dem Lateinischen, den es in der deutschen … und marxistischen Sprache nicht gibt. Und dass Marx das schwache Äquivalent „Kultur“, das einem Hitler geziemt, gebraucht hätte, schließen wir aus; zu gegebener Zeit werden wir das zeigen.

  • Tiere oder Engel?

In ihren historischen Gesellschaftsformen durchläuft die menschliche Gattung – genau gesagt: vom tierischen Zustand an – einen Weg, der in den flachen Anschauungen der herrschenden Ideologien als ein ständiger und beständiger Aufstieg erscheint. Der Marxismus teilt diese Weltsicht nicht und kennzeichnet ihn vielmehr als eine von gewaltsamen Krisen durchbrochene Reihe abwechselnder Auf- und Abstiege. Die bürgerlichen Aufklärer mit ihrer Anschauung vom graduellen Fortschritt wollen den Fideismus natürlich überwunden haben, für den es einen geschichtlichen Augenblick gab, in dem wir durch Gottes Gnade erlöst wurden und damit die Wende vom tierischen zum religiösen Zustand schafften (wir behandeln diese naive Konstruktion jedoch nicht in dem dünkelhaften Ton der Bourgeois). Die Konstruktion der Progressiven ist jedenfalls nicht unbedingt weniger willkürlich und künstlich und auch wenn sie einen wirklich großen Schritt unserer Gattung nicht minder fasslich ausdrücken, sind darin noch mehr Fehler und Märchen enthalten als in den alten mystischen Erzählungen.

Im Tierzustand erhält sich das Gattungsleben nicht durch eine Produktion, sondern durch das unmittelbare Verhalten zur Natur, so dass für einen Augenblick das Individuum auftaucht, das sich selbst erhält, ohne mit seinesgleichen in Verbindung zu treten und in der Natur die Möglichkeit vorfindet, sein unmittelbares und „natürliches“ Bedürfnis allein und für sich selbst zu befriedigen. Die bürgerliche ökonomische Theorie scheint – nachdem wir ihr einmal mit Marx ihr hässliches Geheimnis entrissen haben – eher eine Fortschreibung des tierischen Ausgangspunktes als ein Schritt in Richtung des göttlichen Ankunftspunktes zu sein, an den wir uns Jahrtausende lang klammerten. Nachdem wir den tierischen Zustand, der natürlich und daher nicht niedrig ist, hinter uns gelassen haben, braucht die Stufe, zu der wir gelangen werden, keine Vorbilder, keine Engel und keine Geister, sie ist einfach menschlich. Wir glauben, dass die Wissenschaft unserer Gattung fähig ist, vor Erreichen dieser Stufe deren Merkmale zu benennen, und zwar auf der Ebene der sichtbaren und greifbaren Realität und ohne Dazwischenkunft eines Wunders. Wir beweisen infolgedessen mit ihr, dass wir in der bestehenden, aus der liberalen Revolution hervorgegangenen Gesellschaft eher noch auf der Seite der tierischen Natur als auf der der „menschlichen“ stehen.

Beschränken wir unseren Exkurs auf die Geschlechterfrage. Es könnte so aussehen, als sei das Bedürfnis des Tieres, seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen, auf demselben Boden anzusiedeln wie das Bedürfnis, seinen Hunger zu stillen: Es trifft in der es umgebenden Natur auf das andere Geschlecht und paart sich. Doch ist das Verhältnis jetzt schon nicht mehr individuell zu fassen – ohne hier zweckbestimmten Trugbildern aufzusitzen, ist die Geschlechtsliebe jedes Tieres eine Bestimmung, die der Notwendigkeit gehorcht, die Gattung zu erhalten und zu entwickeln.

Sehen wir zunächst genauer hin, ob wir aus dem Tierreich herausgetreten oder nicht doch eher vertiert sind! Das Tier findet auf unmittelbare und natürliche Art und Weise die Nahrung, nicht gegen Geld, und auch für die Liebe bezahlt es nicht. Die Tatsache, dass es in bestimmten Fällen gegen seine Artgenossen um Nahrung und Liebe kämpft, ändert nichts an diesem Schluss.

Der Mensch dagegen, dessen Natur, wie Marx sagt, noch keine menschliche geworden ist, findet Nahrung und Liebe im Austausch und gegen Geld, er ernährt sich, während ein anderer hungert, er befriedigt seine Lust, während andere in Verhältnissen leben, die eines Tieres unwürdig sind. Eben das ist die Bedeutung des Menschentiers im Zustand des Eigentumsverhältnisses, den wir für den Moment homo insipiens proprietarius[17] nennen möchten.

Wenn das „unvernünftig“ geheißene Tier dem Geschlechtstrieb folgt, tritt an die Stelle der individuellen Begierde die höhere Bestimmung seiner Gattung. Es heißt dann, sein Handeln sei vom Instinkt, der zu seinen und überhaupt den Wesenskräften gehört, geleitet und der Einzelne gehorche diesem Instinkt, als würde er wissen und denken, was er eben nicht kann. Doch der Mensch würde nicht allzu hoch über dem Tier stehen, wenn er, um sich als Gattung bzw. als Gesellschaft zu verhalten und um – im Unterschied zum Tier – eine Geschichte zu haben, deswegen mit einem außernatürlichen, übernatürlichem Atem ausgestattet sein müsste. Dies war ja nur eine erste und embryonale Formulierung des geheimnisvollen Weges. In der Geschichte ist die Religion eine Brücke, über die man vom Instinkt des Tieres zur Kenntnis der Gesetze des Handelns der Gattung kommt. Wehe aber, wenn diese Brücke mit ihren Mythen-Bögen niemals geschlagen worden wäre!

Der vor uns liegende Marx’sche Text weist viele Pfeiler gegen den engen Horizont des bürgerlichen Atheismus auf; im Wesentlichen zeigt er, welch fragwürdige Entwicklung es gewesen ist, die von der Transzendentalphilosophie zur Immanenzphilosophie führte[18] – noch eine Brücke, die die Geschichte nicht umhin kam zu bauen.

Die Kraft unseres Materialismus liegt darin, den menschlichen Vormarsch schematisch festzuschreiben: Er findet statt, ohne die Trennung von der Natur zuzulassen, die im Gegenteil wieder-angeeignet wird, nachdem es, um das Rätsel zu lösen, notwendig gewesen war, sie eine Zeit lang vom Menschen zu scheiden und einen Ersten Beweger zu postulieren.

Mit ihrer unendlichen Bandbreite von Beziehungen und Verhältnissen ist die menschliche Gattung Bestandteil der Natur; es gibt keine Sphäre innerhalb dieser Verhältnisse, die jenseits der Normen der Natur liegt, etwa eine von einem Gott gelenkte Sphäre, oder vom Geist, dem kleinen Götzen, einzeln und mutterseelenallein, deshalb nicht-natürlich und nicht-menschlich.

Wenn daher unser Aufstieg von einer tierischen Art zu einer vernunftbegabten Art – wobei uns weniger der Instinkt als die Wissenschaft diesen Weg ebnete – ein Geheimnis birgt, dann besteht es darin, dass zur Erkenntnis der uns determinierenden Natur, von der die Menschheit weder ein über- noch ein untergeordneter Teil ist, nicht der denkende Einzelne gelangt und sie auch nicht dadurch erreicht wird, dass die Wissensfackel von einem zum anderen gereicht wird. Sie verwirklicht sich vielmehr im revolutionären Sprung, der die angeblich von Einzelnen gemachte Geschichte hinter sich lässt und jeden Menschen mit der menschlichen, zukünftigen und gewissen Gemeinschaft in eins setzt; im dialektischen Sinne sind die marxistische Partei und ihre Lehre eine zeitlich antizipierte Projektion dieser Gemeinschaft.

Die in den Marx’schen Worten durch einen gewaltigen Erkenntnissprung zum Barometer der menschlichen Entwicklungsstufe erklärte Liebe wird sich dann als etwas erweisen, das nicht mehr ein dem Tier innewohnender, nicht zu unterdrückender Trieb ist, seine eigene Lust zu befriedigen, sondern der Beweis des gemeinschaftlich eroberten Wissens und einer von Erkenntnis gespeisten Freude.

  • Der Liebe bedürfen alle

Wir können uns nun einem anderen Passus zuwenden, wobei wir uns vorab für unsere bescheidenen und dilettantischen Zwischenrufe entschuldigen.

„In diesem Verhältnis“ (der historischen Entwicklung des Geschlechterverhältnisses) „zeigt sich auch, inwieweit das Bedürfnis des Menschen“ (und hier ist an den Übergang von der Dynamik des Bedürfnisses nach Liebe, das hier als Prüfstein ausgesucht wurde, auf die Dynamik aller Bedürfnisse zu denken, die in der Epoche des marktwirtschaftlichen Individualismus ökonomische genannt werden und die wir an den Schandpfahl binden, weil sich ihr Spektrum, aufgrund der Drogierung ein trügerisch beeindruckendes Spektrum, schließlich nur auf das Elend eines einzigen kleinlich-neidischen Bedürfnisses, dem nach Geld, reduziert) „zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andre Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein“ (dem physiologischen bis hin zum Aufruhr der endokrinen Drüsen, wie wir zum Adjektiv individuell am Rande bemerken) „zugleich Gemeinwesen ist“ [MEW 40, S. 535].

Die Auffassung, dass es für den menschlichen Menschen, der nicht einem mit Engeln bevölkerten Garten Eden entlehnt ist, sondern den die Kraft unserer Lehre von einem extrasolaren Planeten (wie die Science-Fiction Autoren sagen würden) einer bereits erkennbaren Zukunft zu uns auf die Welt brachte, dass es also für diesen menschlichen Menschen eine Freude und Befriedigung sein wird, das Bedürfnis des anderen Menschen zu erfüllen, statt ihm an die Gurgel zu gehen, wird auch in anderen Textstellen dieser Schrift entwickelt und findet sich namentlich auch in den „Auszügen aus James Mills Buch ‚Elémens d’économie politique’“, die wir auf der Versammlung in Parma vorliegen hatten.[19]

Die Schlussfolgerung dieses kurzen Abschnitts von Marx wird für den rohen Kommunismus nicht schmeichelhaft sein, weshalb wir zu dem Punkt der Weibergemeinschaft noch einige Bemerkungen machen wollen. Ohne Frage haben wir es hier mit einer Eigentümer-Konzeption zu tun, die im Weib das passive Eigentum des Mannes sieht; in der individualistischen Gesellschaft ist diese Auffassung noch extremer, ohne dass das Eigentum des Mannes an der Frau, das dem Eigentum des „ganzen Volkes“ an den nationalen Gütern ganz ähnlich ist, eine Befriedigung mit sich brächte!

Dieses Eigentum aller Männer an allen Frauen, das offensichtlich nur das Verhältnis reproduziert, in dem die Frau für den einzelnen Mann Raub und Ware war, zeigt daher ganz deutlich, wie ungenügend die Überwindung des Privateigentumverhältnisses ist, solange die Menschen, beiderlei Geschlechts, Lohnarbeiter einer die ganze Gesellschaft betäubenden kapitalistischen Macht sind.

Ebenso wie derjenige, der im russisch-rohen Kommunismus lohnarbeitet, entfremdet und „passiv“ ist, so bleibt die Frau nach dieser primitiven Formel der Weibergemeinschaft versklavt und passiv wie in der monogamen Kleinfamilie. Das Geschlechterverhältnis in der bürgerlichen Gesellschaft zwingt die Frau aus ihrer passiven Stellung heraus jedes Mal, wenn sie sich der Liebe hingibt, eine ökonomische Rechnung aufzumachen. Der Mann tut das ebenfalls, aber aus einer aktiven Position heraus, d.h. eine bestimmte Summe wiegt ein zu befriedigendes Bedürfnis auf. In der bürgerlichen Gesellschaft sind also nicht bloß alle Bedürfnisse in Geld ausgedrückt – was auch für das Liebesbedürfnis des Mannes gilt –, sondern für die Frau tötet das Bedürfnis nach Geld das nach Liebe. Das Geschlechterverhältnis als Schlüssel zu nehmen, um die Gemeinheit einer historischen Form zu bewerten, erweist sich daher als stimmig.

Die zivilisierte Gesellschaft hat sich beileibe nicht von der Haltung befreit, wonach die Liebe für die Frau nur als passives Verhältnis besteht, ebenso wie es war, als sie der jus primae noctis[20] geopfert wurde oder im „Raub der Sabinerinnen“ in Ketten verschleppt wurde. Weil die Geschlechtsliebe aber die Grundlage der Reproduktion der Gattung ist, ist die Frau ihrer Natur nach in Wirklichkeit das aktive Geschlecht, und die unserer Analyse unterzogenen Geldformen enthüllen sich als wider die Natur.

Im vom Geld befreiten Kommunismus wird das sexuelle Verlangen bei beiden Geschlechtern das gleiche Gewicht und die gleiche Bedeutung haben. Und die gesellschaftliche Aussage, dass das Bedürfnis des anderen Menschen mein menschliches Bedürfnis ist, wird in der geschlechtlichen Hingabe Wirklichkeit, insofern das Bedürfnis des einen Geschlechts im Bedürfnis des anderen eingelöst wird. Das ist nicht als bloßes, auf eine bestimmte Art des physischen Verhältnisses gegründetes sittliches Verhältnis bestimmbar, sondern geht darüber hinaus, was seinen Grund im Ökonomischen hat: Die Nachkommen und die sich dadurch ergebenden Verpflichtungen betreffen nicht die sich vermählenden Eltern, sondern die Gesellschaft selbst. Dort aber, wo diese Frage vermittelst des (väterlichen, oder noch Ältesten-) Erbrechts gelöst wird, herrscht uneingeschränkt die Gesellschaft des Privateigentums.

  • Der Urkommunismus

Die Marx’sche Verurteilung von Lehren und Programmen, die neben der Lohnarbeit und dem Markt die Weibergemeinschaft proklamieren, betrifft Aussagen, die auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen. In manchen Bemerkungen vermischt die uns vorliegende Schrift jedoch diesen Gegenstand der Kritik, d.h. den der entstehenden kapitalistischen Gesellschaftsform entgegengesetzten ersten rohen Kommunismus mit der Jahrtausende zurückliegenden Epoche des Urkommunismus, einer Form, die immer wieder und in grundlegenden Schriften von Marx und Engels gewürdigt wird. Die Apologie dieser frühen erhabenen Form findet sich auf so mancher Seite im „Kapital“ und im „Ursprung der Familie …“, ohne dass damit die Notwendigkeit abgestritten würde, dass zwischen diesem uralten Kommunismus und dem Kommunismus, für den das moderne Proletariat kämpft, eben jene Formen treten mussten, die mit dem Privateigentum auftauchten, also die Klassengesellschaften und ihre damit einhergehenden „Kulturen“.

Die Kohärenz unserer Lehre erlaubt uns, diese ursprüngliche Form unter dem Gesichtspunkt des geschlechtlichen Lebens unter die Lupe zu nehmen. Wir stoßen dann auf das bewundernswerte Matriarchat, worin die Frau, die „mater“, ihre Männer und Nachkommen führt; es ist die erste große Gesellschaftsform einer natürlichen Macht im wirklichen Wortsinn, worin die Frau nicht passiv, sondern aktiv, nicht Sklavin, sondern Gebieterin ist. Die Tradition dessen lebt noch in der römischen Familie fort; der Begriff Familie kommt von „famulus, also Sklave, während Frau [it. donna] von „domina“ herrührt, Gebieterin also. In diesem Urkommunismus, der zwar roh ist, aber weder Eigentum noch Geld kennt, steht die Liebe sehr viel höher als zur Zeit der legendären Raube. Es ist nicht der Mann, der die Frau wie einen Gegenstand in Besitz nimmt, sondern die mater, die wir nicht als Weib bezeichnen wollen, wählt sich ihren Mann, um mit ihm die Aufgabe zu erfüllen, die Gattung zu verbreiten, eine Aufgabe, die ihr in einer natürlichen und menschlichen Form obliegt.

Zitieren wir nun den Schluss des Abschnitts über den ersten Typus des Kommunismus, wobei wir uns auf das Verständnis des vollständigen Kommunismus zubewegen.

„Die erste positive“ (programmatische, kämpferische, erläutern wir noch einmal) „Aufhebung des Privateigentums, der rohe Kommunismus, ist also nur eine Erscheinungsform von der Niedertracht des Privateigentums, das sich als das positive Gemeinwesen setzen will“ [MEW 40, S. 535-36].

Der erste in der Geschichte auftretende Typus des Kommunismus als Bewegung mit einem eigenen Programm war nur ein Versuch (der „sich als … setzen will“), das Programm des „positiven Gemeinwesens“, d.h. des Gemeinwesens, zu dem es mit der Zeit „kommen“ muss, aufzustellen. Jene Aussagen zu erklären und zu erläutern, ist fruchtbar, vorausgesetzt, dass der ganze Beitrag der Geschichte des unverfälschten Marxismus herangezogen wird; jene Aussagen also, die so, wie sie sind, zu achten und zu respektieren sind, bestätigen uns zugleich, dass es keine revolutionäre Methode, keine Theorie der Arbeiterrevolution, keine marxistische Lehre ohne den Anbruch jener Epoche geben kann, in der die Beschreibung des Gerüsts der kommunistischen Gesellschaft möglich wurde. Und dies war der Fall in der explosiven Epoche, zu der Zeit, in der auch das „Manifest“ verfasst wurde – die danach kommenden Bemühungen revisionistischer Nachbesserungen waren bloßer Humbug.

Nicht erst seit dieser, sondern schon seit Babeufs Zeit war unwiderruflich klar, wie abscheulich die kapitalistische Gesellschaftsform ist, denn die Anklageschrift ist schon vom rohen Kommunismus eingereicht worden, der bereits die „Erscheinungsform von der Niedertracht des Privateigentums“ einbrachte. Ein geschichtlich kolossales Ergebnis.

Doch der Entwicklungsgang des Kapitalismus und die von ihm erzeugte Klassenreaktion reichten noch nicht, um die Lehre vom Untergang des Kapitalismus, von der proletarischen Diktatur und der kommunistischen Gesellschaft zu errichten. Wenn daher der Versuch, das Programm der zukünftigen Gesellschaft zu umreißen, nur erst im Keim und amorph bestehen konnte, begründete er doch die erste positive Aufhebung des Privateigentums, wie die im Manuskript eingemeißelte Formulierung lautet. Die rohen Kommunisten wussten sehr wohl, was sie zerstören wollten, doch die großartige, aus den Trümmern hervorgehende Palingenese vermochten sie nicht zu sehen, das können erst wir.

Die heute in Russland apologisierten Formen sind nicht jene, die unsere Theorie versprach und die wir erwarten. Sie leiden unter den Mängeln, die der rohe Kommunismus als Programm formulierte. Doch dessen Aufgabe war nur, zum Angriff zu blasen. Die rohen Kommunisten waren jedenfalls große Vorläufer, während die Moskauer Kommunisten nur elende Betrüger sind.

Zwischen beiden steht, unantastbar, die Lehre des Kommunismus, die nicht nur die ungeheure Niedertracht der bürgerlichen Welt, sondern auch die erhabenen Merkmale der kommunistischen Welt kennt.

  • Das Paar an der Spitze

Eine getreue Anwendung der von Marx geprägten Methode in Bezug auf das Geschlechterverhältnis passt denn auch gut, um das aktuelle Ereignis, um das ein Riesenlärm gemacht wird, zu erklären.

Nicht nur in der Monarchie, sondern ebenso in der allerdemokratischsten Republik lassen sich die bürgerlichen Staaten bei großen Staatsakten vom höchsten Paar repräsentieren, von König und Königin, Präsident und First Lady, deren gesellschaftliche Aufgabe bloß ist, sich mit ihm im Alkoven (vielleicht) zu paaren. Theoretisierbar für die Monarchien, extrem abstoßend für die Republiken, die unsere Schriften zu Recht auf eine Stufe stellen. […]

Und in der kommunistischen Gesellschaft – wird es denn da keine Paare geben? fragen die Neulinge. Doch, und wenn eine Frau und ein Mann miteinander einverstanden sind, wird weder Gewalt noch Gold ihre Verbindung lösen […].

Haben Idealisten und Poeten, fragen wir, je so erhaben über die Liebe geschrieben wie in dem Passus, den es zu erfassen gilt?

„Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen (…). Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück“ [MEW 40, S. 567].

  • Die drei Stadien des Kommunismus

Nicht allein in dieser Versammlung (La Spezia) und ausführlicher noch in diesem Bericht haben wir einen Beitrag zum richtigen Verständnis der ersten und definitiven Steintafeln des theoretischen Marxismus geleistet. Die in ihnen formulierte Position ist gegenüber den überlieferten „Kulturen“ und der Philosophie völlig neu und original, doch mehr als ein Jahrhundert später sind die Menschen noch weit entfernt davon, sie sich angeeignet zu haben – so zahlreich auch jene sein mögen, die sich auf den Marxismus berufen.

Über die Gegenposition zur noch immer herumgeisternden spekulativen Philosophie wird noch weiter gesprochen werden müssen. Die diesem Siebenmeilenschritt des Menschen vorangegangene Philosophie wird, wie ausführlich dargelegt wurde: 1. gebraucht, 2. kritisiert, 3. aufgehoben. Dies zu zeigen, soll folgende Stelle genügen, die im äußerst komprimierten Manuskript, das der Verfasser nicht zur Veröffentlichung bestimmt hatte und daher nicht die üblichen Gliederungen und Inhaltsverzeichnisse aufweist, kurz auf die weiter oben angeführten folgt:

„Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus, Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand“ (der kommunistischen Gesellschaft) „ihren Gegensatz“ (uralte Gegensätzlichkeiten, zwischen denen das nüchterne Denken sich ewig herumtreiben zu müssen glaubte) „und damit ihr Dasein als solche Gegensätze verlieren; man sieht“ (zum ersten Male in der Geschichte) „wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die praktische Energie des Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis, sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe nur als theoretische Aufgabe fasste“ [MEW 40, S. 542].

Die Bedeutung dieser Textstelle, bei der wir erst einmal innehalten, besteht darin, dass nur eine in der Gesellschaft kämpfende Partei die Aufgabe, die sie geerbt hat und die im ewigen Streit der Ideologen besteht, lösen kann und dass zugleich nur dieses revolutionäre Organ, während es den Sturmangriff gegen die alte Welt vorbereitet, die höchste und seit dem Moment der blitzartigen Erhellung Mitte des 19. Jahrhunderts invariante Einsicht hinsichtlich jener Kenntnis haben kann, die der zukünftigen Gesellschaft angehören wird, zunächst im Sinne der Beschreibung ihrer Merkmale und dann im Sinne des allein ihr eignenden Vermögens, das Geheimnis zu lüften, das damals mit einem Schlag und ein für alle Mal die jahrtausendealten Rätsel löste.

Der Kommunismus wird hier in drei Abschnitten seines historischen Auftretens untersucht. Nr. 1 ist der rohe Kommunismus, mit dem wir uns eingehend befasst haben; wir behalten uns vor, Nr. 2 zu besprechen, den wir den utopistischen reformistischen Kommunismus nennen; dieser will den Staat erobern, um mit seiner Hilfe die Ordnung der Gesellschaft zu fabrizieren – so als wäre sie eine formbare Masse. Wir werden zeigen, wie dieser sehr kurze Abschnitt die reaktionären, demokratischen (und anarchistischen) Formen des Sozialismus erledigt, die samt und sonders am Immediatismus kranken. Wir hatten schon zu Anfang die Nr. 3 angeführt, den vollständigen Kommunismus, der endlich und siegesgewiss die Fesseln des erbitterten Streits zwischen Natur und Mensch, Sein und Wesen, Objekt und Subjekt, Individuum und Gattung, Freiheit und Notwendigkeit löst, und auch die zwischen Denken und Handeln, Geist und Materie. Er ist, wir wiederholen das, als wäre es ein Glaubensbekenntnis, das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.

Eben anhand dieser Schrift bewiesen wir, dass der Kern des 100 Jahre alten revolutionären Marxismus in unserer These seiner „Invarianz“ besteht, die den Revisionisten und Schwindlern diametral gegenübersteht, ebenso wie den Aktualisierern, Bereicherern und Blendwerk fabrizierenden Verschlimmbesserern. Die in der stalinistischen Ausgabe folgenden Worte unterstreichen das:

„Die ganze Bewegung der Geschichte ist daher, wie sein wirklicher Zeugungsakt – der Geburtsakt seines empirischen Daseins –“ (das morgen beginnt) „so auch für sein denkendes Bewusstsein die begriffne und gewusste“ (für den Kommunismus von heute) „Bewegung seines Werdens“ [MEW 40, S. 536].

Wer ist denn das Subjekt dieses Bewusstseins? Der Einzelne, wie bei den alten (gleichwohl notwendigen) Kopfgeburten des Philosophierens? Die Masse der Menschen, wie es der heuchlerisch demokratisch-liberale Trug und die noch schlimmere Fiktion des Volkssozialismus sowjetischer Prägung weismachen?

Nein, dieses Bewusstsein findet sich in der Klassenpartei, dem seit Mitte des 19. Jahrhunderts konstituierten politischen Organ des revolutionären Weltproletariats, das entschlossen ist, alle Krisen zu überwinden, in die es durch die unseligen Immediatisten gerät, die ihre Physiognomie mit alten, oder auch neuen, schändlichen Formen der Eigentümergesellschaft durcheinander mischen.

  • Neid und Habgier

Als wir uns Nr. 1, den rohen Kommunismus, vornahmen (der den russenfreundlichen Propagandisten Gelegenheit bot, sich als Besserwisser zu profilieren, indem sie der Marx’schen Kritik beipflichteten, die sie gar nicht verstanden), hatten wir uns an unser Thema zu halten, also an die Analyse der verkommenen russischen Struktur, die sich in der mündlichen und schriftlichen Darlegung findet. Wir behalten uns vor, das Dargelegte später zu behandeln und möchten uns nun einem anderen Merkmal zuwenden, das Marx dem rohen Kommunismus zur Last legt – und wir den heutigen russischen Richtlinien, wozu wir uns getreu der Lehren Marxens berechtigt fühlen.

„Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht“ (zwischen Armut und Reichtum) „gekehrt, so dass diese sogar das Wesen der Konkurrenz“ (worauf sich die privatistische Gesellschaft gründet) „ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus“ (in der bestehenden gesellschaftlichen Distribution) [MEW 40, S. 534-35].

Marx setzt hier die Haltung des rohen Kommunisten mit der eines Enterbten gleich, der lieber alle Gesellschaftsmitglieder durch eine allgemeine Aufteilung alles Reichtums arm (so arm wie ihn selbst) sehen will als mitansehen zu müssen, wie die Reichen in Genüssen schwelgen. In der Tat weist unser Text das naive Bild einer egalitären Gesellschaft zurück, in der alle gleich schlecht ernährt, gleich schlecht gekleidet und gleich unwissend sind – Hauptsache, man muss nicht den Anblick jener ertragen, denen es gut geht. Ein solcher Beweggrund ist natürlich himmelweit von dem entfernt, der das massive Fundament unseres Kommunismus, den der 3. Gestalt, darstellt. Wir wollen, dass der Genuss eines anderen Menschen, der sein Bedürfnis befriedigt, nicht nur auch unsere Freude ist, sondern unser Bedürfnis; und wir beweisen, dass wir nur dann, wenn unser Programm schon jetzt auf die Tagesordnung gesetzt wird, den Untergang und die Zertrümmerung der Welt des Privateigentums erreichen werden. Doch jener zuerst eingeschlagene Weg führte in die entgegengesetzte Richtung, denn als Bedingung für mein eigenes Wohlergehen sollte es dem anderen nicht gut, vielmehr schlecht gehen.

Unsere Schrift brandmarkt also leidenschaftlich die ersten Schilderungen einer Gesellschaft, in der Gleichheit dadurch erreicht werden soll, dass alle auf einen Kreis roher Bedürfnisse beschränkt werden. Und in der „Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist“, sieht unser Text nicht den Charakter einer wirklichen Aneignung des menschlichen Lebens verwirklicht. Und da der vorliegende Abschnitt den ersten naiven Lehren „die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation“ vorwirft, möchten die modernen Heuchler auf den Zug dieser Invektive aufspringen, um ihre völlig überzogene Apologie der sogenannten bürgerlichen Zivilisation – einer technischen, wissenschaftlichen und hyperproduktiven Zivilisation, Schöpferin morbider Bedürfnisse – zu rechtfertigen. Eher als Babeuf hat Marx hier Rousseau im Auge, der die Tragödie der verhängnisvollen sozialen Organisation durch die Rückkehr zum Naturzustand beenden wollte, weshalb viele utopistische Kommunisten in ihm ihren Lehrer sahen. Nun, auch wenn Marx unsere Lehre klar von der ihren unterscheidet, spricht er doch stets in lobenden Worten über sie, und wenn er deren Lehre der Askese zurückweist, heißt das natürlich nicht, der anderen Seite der Barrikade, der der kapitalistischen Zivilisation, das Wort zu reden. Marx war vielmehr der Erste, der ihre Niederträchtigkeiten bloßlegte, auch wenn er nicht die so viel größeren Gemeinheiten gesehen hat, die zu erleben unserer Generation vorbehalten sind.

Doch dieses Thema der Selbstsucht und des Reichtums sowie der sozialen Bandbreite der menschlichen Errungenschaften ist schon entwickelt worden und es wird auch weiterhin davon die Rede sein. Worauf es hier ankommt ist, dass sich die Verurteilung der naiven Naturverherrlichung gegen den ökonomischen Neid richtet, diesen verachtenswerten Antrieb, der zu den Immediatisten passt. Geht es bei diesem Antrieb des Neides und des Eigennutzes denn nicht um die gleiche Sache wie bei jenem „materiellen Anreiz“, den die Russen auf ihren letzten Parteitagen als Produktionsstimulus für die unglücklichen russischen Lohnarbeiter und die beglückten kleinen Kolchosbauern einführten?

  • Wettstreit = Konkurrenz = Neid

Die Haltung der revolutionären kommunistischen Arbeiterklasse lässt sich richtig mit der dem bürgerlichen Legalismus verhassten Formel des Klassenhasses ausdrücken, den auch die russenfreundlichen Gevattern heutzutage missbilligen. Es gibt keinen Kampf mit den Waffen in der Hand, ohne dass die Kämpfenden ihren Gegner hassen, und ohne diesen Kampf wird der Kapitalismus nicht stürzen. Wir hassen die herrschende Klasse nicht, weil wir in ihnen einen Haufen Leute sehen, die ihren Spaß haben (das eben wäre wirklicher roher Kommunismus), sondern Leute, die die Weltmacht in ihren Händen halten, welche dem Sieg der revolutionären Partei und damit dem Wissen und der Freude aller Menschen in der kommunistischen Gesellschaft den Weg versperrt. Wer den mächtigen historisch-dialektischen Übergang erfasst hat, gerät (außer er ist ein Neuling) nicht einen Augenblick lang in Verlegenheit angesichts der oft gezeigten Verblüffung, dass Hass der Erzeuger von Freude ist und der bewaffnete Klassenkrieg Erzeuger des zukünftigen heiteren Friedens. Marx sagt, er habe nicht den ohnehin augenscheinlichen Klassenkampf entdeckt, sondern dessen Lösung in der Diktatur der Klassenpartei,[21] und genau dies charakterisiert sein System.

Das, was die Anhänger der revolutionären Partei dahin drängt, sich in ihr zusammenzuschließen, ist schließlich auch die sehnsüchtige Erwartung des Entscheidungskampfes und des roten Terrors; erbärmlich aber wäre es, diesen Drang mit der Haltung desjenigen zu verwechseln, der in Zorn gerät, weil nicht alle so leiden wie er und sich dafür rächen will, indem er das Verhältnis umkehrt. In der heutigen Gesellschaft ist kein Revolutionärs-Diplom für den nötig, der um sich schlägt, um einem anderen seine paar Penunzen streitig zu machen. Der arme Kerl, der reich werden will, kann zu Recht als ein Biedermann gelten, denn er verhält sich wie alle Bourgeois und orientiert sich an der Dynamik der bürgerlichen Ökonomie wie auch Moral. In diesem Passus sagt Marx, dass Neid und Nivellierungssucht eben bloß das Konkurrenzverhalten einer Firma oder eines homo ökonomicus gegenüber dem anderen sind – die Konkurrenz ist ja der praktische und ideologische Antrieb der bürgerlichen Ökonomie.

Von den ersten Schriften der Arbeiterbewegung an, und noch bevor sie sich ihrer eigenen politischen Theorie bemächtigt hatte, war der Gegensatz klar: Auf der einen Seite die Solidarität der ausgepressten Arbeiter und auf der anderen Seite die Ideologie der Konkurrenz, wonach die Gemeinschaft nur durch den Wettstreit zwischen den Einzelnen, die sich gegenseitig aus dem Felde schlagen, zum Wohle aller vorwärts kommen kann. Konkurrenz unter den Arbeitern – das war das Ideal der Betriebsherrn, die einige mit Lohnerhöhungen lockten, um aus allen einen höheren Profit herauszuschlagen. Der Macht der herrschenden Klasse, unter deren Mitgliedern der Konkurrenzkampf wütet, begegneten die Arbeiter mit der Waffe der Solidarität; sie suchten durch ein Übereinkommen voranzukommen, durch ein brüderliches Bündnis, das den ökonomischen Kampf der einen auf Kosten der anderen verweigerte. Die sozialistische Parteilehre haut in dieselbe Kerbe wie diese ersten Assoziationen, doch auf einer sehr viel höheren Ebene. Wenn der Sozialismus, und Kommunismus, das den Bourgeois und Kleinbürgern eigene Konkurrenzdenken verdammt, ist das Ziel nicht das eigene Wohlergehen, sondern das der Gesellschaft: darin ist die Befreiung der beherrschten Klasse begründet.

Wenn man jetzt in Russland der Habsucht des einzelnen Landbebauers (oder Handwerkers, Kleinhändlers etc.) freie Hand lässt und das Bestreben, das eigene Einkommen zu steigern, als berechtigten Ehrgeiz hochlobt, verbeugt man sich vor der These der verfluchten Konkurrenz und macht mehr als deutlich, dass die gesamte gesellschaftliche Struktur von der schäbigen Markt- und Geldwirtschaft durchdrungen ist. Womit auch offenbar wird, dass das, was der supermoderne Kommunismus sein will, zur Gänze mit jenen Mängeln behaftet ist, die der erste, der rohe und grobschlächtige Kommunismus aufwies. Letzterer jedoch, mit seiner naiven Forderung, alle auf einer bescheidenen Stufe ökonomisch gleichzustellen, attackierte die revolutionäre Solidarität nicht so defätistisch wie die russische Kampagne, die auf den Egoismus, das persönliche Wohlergehen, den Familiensinn des Kleinbürgers setzt, der nunmehr durch die allerneueste Infamie – die Einführung des Ratenkaufs, exzellentes Brandmal des heutigen Lohnsklaven – an Heim und Herd gefesselt wird. Dieses Prinzip, das jeden anspornt, mehr als der andere zu haben und sich die schlimmsten Seiten des unvollständigen und rohen Kommunismus anzueignen, erreicht seinen Gipfel dann, wenn die euphemistische Losung des Wettstreits als Feigenblatt für die Obszönität der Konkurrenz gebraucht und auf die internationale Entwicklung angewandt wird, wo sie einzig die Bedeutung der Nivellierung und Gleichstellung zwischen den verschiedenen kapitalistischen Systemen hat – ganz genauso wie zwei miteinander konkurrierende Fabrikherrn gleichermaßen bürgerliche Schurken sind.

  • Programmatische Steintafeln der Partei

Ohne ihren, Jahrhunderte durchlaufenden Aktionszyklus an klare programmatische Schriften zu binden, kann die proletarische Partei ihren geschichtlichen Kampf nicht führen (genauso wenig wie das Proletariat dies könnte, ohne sich zur politischen Partei zu organisieren, wie das „Manifest“ der Kommunisten 1848 ein für alle Mal festhält) – das ist unsere abschließende These, die neben der kognitiven und theoretischen auch eine ganz und gar praktische und organisatorische Bedeutung hat. Die programmatischen Schriften können als in präzisen Thesen verdichtete Form all dessen angesehen werden, was in der Parteitheorie und -praxis seit der Zeit hervortrat, mit der wir uns hier befassen und in der sich Ziel und Inhalt des geschichtlichen Kampfes der Arbeiterklasse gegen den modernen Kapitalismus deutlich herausschälten.

Die Struktur dieser Grundschriften ist zum großen Teil im „Manifest“ selbst gesetzt, das nicht nur das raum- und zeitübergreifende theoretische und praktische Rüstzeug liefert, sondern vor allem die Richtlinie für den Kampf einer bestimmten Epoche präzise festlegt.

Das grundlegende Programm der ganzen Bewegung muss daher gebildet werden, indem die Mitte des 19. Jahrhunderts vom „Manifest“ öffentlich verkündeten zentralen Thesen mit denen verknüpft werden, die in unseren klassischen Texten als allgemeine Auffassung über die vergangene und zukünftige Geschichte der menschlichen Gattung formuliert sind, und zwar in all ihren Erscheinungen, also auch in der jenes ersten aufgelösten Rätsels, das mit unglaublichem Mut in diesen „Manuskripten“ ausgesprochen wird (einen Mut, den nur jemand haben kann, der die Entdecker-Pose eines Individuums, ob eines Tat- oder eines Geistesmenschen, als völlig hohl und belanglos abgetan hat). Kern der „Manuskripte“ ist die programmatische Beschreibung der Merkmale, die der kommunistischen Gesellschaft – Gegenstand unserer Voraussicht und höchstes Ziel unseres Kampfes – angehören.

Durch die Arbeit vieler Jahre haben wir gezeigt, dass diese ebenso wesentliche wie strenge Beschreibung Inhalt aller klassischen Werke Marx’ und Engels’ ist und von den Marxisten, mit Lenin an der Spitze, stets für definitiv und bleibend angesehen wurde. Wenn es die Stärke unserer Methode ist, den Charakter der Gesellschaft, der wir entgegen gehen, zu erfassen, dann schließt das auch die Kraft ein, den dahin führenden klaren Weg in unantastbaren Entwicklungslinien zu kennzeichnen.

Die Wichtigkeit einer solchen „Wiederherstellung der Tafeln“ liegt auf der Hand. Die Geschichte der Bewegung und ihrer Abweichungen bzw. Krisen muss benutzt werden, um zu zeigen, dass es sich bei den langen Irrwegen (deren maßgebliche und manchmal unvermeidliche Ursachen unsere Kritik richtig zu erkennen und anzugeben weiß) stets darum gehandelt hat, einen anderen Weg als den in unserer Theorie angegebenen einzuschlagen. Die Reaktion auf diese Entgleisungen war zu Lebzeiten Marx’, und danach, immer die entschlossene Rückkehr zu den ursprünglichen Richtlinien. All das haben wir in unserer Arbeit der letzten 15 Jahre ausführlich dargelegt. Und bekannt ist auch, dass wir zur Zeit der russischen Revolution die Schlacht, die der leninistische Bolschewismus dem gemeinen Verrat der Sozialpatrioten und Sozialdemokraten lieferte, stets als höchstes Vorbild für die vollständige Wiederherstellung des Marxismus angeführt haben. Dieses höchste Ergebnis des Oktobersieges bleibt bestehen, und auch die dritte Welle des Opportunismus konnte es nicht zerstören, wenngleich das soziale Ergebnis, d.h. der sozialistische russische Staat, und das organisatorische Ergebnis, d.h. die Kommunistische Internationale, fortgespült wurden.

Die Tradition der leninistischen Partei und bolschewistischen Diktatur von 1917 bleibt daher, wenn auch allein auf dem Gebiet der Theorie, der größte Sieg des revolutionären Kommunismus, wie er um 1850 als glühender Block aus der Schmiede der menschlichen Geschichte kam. Eine so starke Kette der Tradition kann nichts und niemand zerbrechen; die Namen der Stalins und Chruschtschows mit ihren blassen Claqueuren verlängern bloß die elende Reihe der Revisionisten und Immediatisten, deren erste Leichen auf dem Seziertisch Karl Marx‘ landeten.

Unsere hier vorliegende Arbeit ist darauf gerichtet, die so oft schon bedrohten ursprünglichen Thesen wieder zu ordnen und in das Gesamtbild einzugliedern, auch wenn diese 3. Wiederherstellung in der heutigen historischen Phase noch nicht die wirkliche revolutionäre Aufstandsbewegung „gefunden“ hat, die zukünftig mit ihr einhergehen muss.

  • Die kinderleichte Verhöhnung

Wohlbekannt ist die Art und Weise, in der das lausige, kleinbürgerliche Gemüt die Einwände und Kritteleien an unserer Untersuchung vorbringt, deren Gegenstand das ursprüngliche Bauwerk des Marxismus ist. Nach den Worten jener Kobolde sähen wir die Schriften Marx’ als eine Offenbarung an, der man blinden Glauben schuldig sei, wir würden ihnen folgen, wie man einem Dogma folge, das nicht diskutiert werden dürfe und a priori anzunehmen sei. Wir schlügen das kostbare intellektuelle Gut der freien Kritik aus. Wir leugneten, dass die seit über einem Jahrhundert vor sich gehende Entwicklung jene Positionen, die ja bloß aus den vor 1850 liegenden Geschichtsdaten gefolgert worden seien, hat widerlegen oder jedenfalls modifizieren können.

Nun gut, ihr der verkommenen bürgerlichen Kultur entstammenden Dummköpfe, eben darauf bestehen wir! Und wir haben das Recht dazu, weil unsere Entdeckung, der erstmalige Gebrauch des großartigen Schlüssels, der die auf der Menschheit lastenden Gegensätze und Rätsel auflöst, bereits die wissenschaftliche und kritische Kenntnis enthalten hat, die eure Belehrungen – vor allem gegenüber den noch älteren Positionen des menschlichen Denkens, die ihr Bourgeois unter der Eitelkeit eurer aufklärerischen Rhetorik für immer begraben zu haben glaubt – als hohle und haltlose Märchen offenbart. Seit damals und durch jenes jäh aufblitzende Licht wissen wir, dass die Hirn-Onanie der Meinung ein zu hasenfüßiger Weg ist, um zum Kern der gutgläubigsten aller Glaubensüberzeugungen vordringen zu können, eines Glaubens, der in rohen Worten verkündet wurde, doch aus dem lebendigen Schoß der Geschichte auf die Welt kam. Aus dem, was in einem bestimmten Sinn eine Offenbarung war (keine übernatürliche, sondern menschliche, im Sinne der Fruchtbarkeit der gesellschaftlichen Bewusstseinsformen, von denen Marx spricht), lernten wir, dass der Fortschritt der Menschheit und des Wissens des gepeinigten homo sapiens kein kontinuierlicher ist, sondern in Sprüngen verläuft, unterbrochen durch finstere und verhängnisvolle Abstürze in Form verfallender, gar verwesender Gesellschaften. Wir nutzen hier um 1850 niedergeschriebene Seiten – nicht weil dies ein Gott so geboten hätte oder weil die über die Seiten gleitende Hand die eines Supermannes gewesen wäre, sondern weil sie im Feuer jener Zeitenwende verfasst wurden, die zur thermischen „Phase“ der theoretischen Revolution gelangt war, jenes Widerscheins, der nicht nur mit der praktischen Revolution einherging, sondern sie in diesem bestimmten Augenblick vorwegnahm – um das Trottel-Diplom jenen Kerlen vorzubehalten, die 100 Jahre später so abscheulichen Gebrauch vom abstoßenden Adjektiv „fortschrittlich“ machen.

Aus derselben Quelle schöpfend schmähen wir jeden heutigen Aberglauben an das Auszählungsverfahren gleichgewichtiger persönlicher Meinungen, und nennen denjenigen einen Scharlatan, der dieses Verfahren auf der Ebene der Gesellschaft, der Klasse und sogar der Partei anwendet; denn ein solch Elender oder Schwindler spricht zwar von der Klasse und der Partei als Kräften, die die Gesellschaft transformieren, kann sie sich aber nur als Parodien eben der heutigen demokratisch-bürgerlichen Gesellschaft vorstellen, aus deren trübem Pfuhl man nicht herauskommt.

Wenn uns nun unser gewöhnlicher Widersacher […] an einem bestimmten Punkt sagt, wir würden so doch nur unsere eigene Mystik fabrizieren, wobei dem armen Kerl dünkt, selbst alle Fideismen und Mystiken überwunden zu haben, und höhnt, wir könnten uns ja ebenso gut den biblischen oder islamischen, evangelischen oder katechetischen Steintafeln Moses oder des Talmud beugen, dann antworten wir darauf, dass uns auch dies überhaupt nicht dazu bringt, die Rolle eines Angeklagten einzunehmen, der sich verteidigt. Ebenso wenig haben wir – auch abgesehen davon, dass es ganz sinnig ist, den immer wieder auf der Bildfläche erscheinenden Philister zu ärgern – einen Grund, die Aussage als Beleidigung aufzufassen, wonach eine Mystik, oder wenn man lieber will, ein Mythos, in unserer Bewegung noch solange am Platz ist, wie sie real nicht gesiegt hat (denn ihr Sieg geht jeder weiteren Aneignung menschlicher Erkenntnis voran).

Der Mythos, der in vielerlei Gestalt auftrat, war ja kein Hirngespinst von Geistern, die der Wirklichkeit gegenüber (wie bei Marx: zugleich „naturalistisch“ und „humanistisch“) die Augen zumachten; er war vielmehr eine unersetzliche Etappe auf dem einzigen Weg zur Aneignung der Kenntnisse, die in den Klassengesellschaften aus großen und weit auseinander liegenden revolutionären Rissen hervorbrechen und sich erst in der klassenlosen Gesellschaft frei werden entfalten können.

Auf diesen langen Wegstrecken bahnten sich Heere von vorgeschrittenen Sehern und Propheten in der Finsternis den Weg, indem sie beharrlich und nach jedem Rückschlag wieder aufstehend weiter kämpften; in ihren Köpfen war keine Wissenschaft, sondern ein Mythos, und der Antrieb ihres revolutionären Wollens war noch kein Wissen, sondern noch Mystik. Nun waren diese Mythen und Mystiken aber Revolutionen, und weil es Kämpfe waren, die die seltenen, durch Jahrhunderte voneinander getrennten Vorwärtssprünge vollzogen, die die Gesellschaft weiterbrachten, wird unsere Achtung und die Bewunderung für diese Wegbereiter nicht dadurch geschmälert, dass ihre Worte hinfällig geworden sind und die unserer Lehre in einem ganz anderen Zusammenhang stehen.

  • Die politischen Glaubensformen

Warum also sollte unser historisches kommunistisches Programm nicht in bleibenden Tafeln systematisiert werden, an die sich während des ganzen Kampfzyklus’, der das einlösen muss, was die Theorie in der großen Zeitenwende vorwegnahm, zu halten ist? Die Bourgeois selbst beziehen sich auf Grundsätze, die vor einigen Jahrhunderten vom revolutionären Kampf beseelt waren und noch heute – obschon sie völlig antiquiert sind – in heilig und ewig genannten Formulierungen beschworen werden: Grundsätze, die in den Menschen-, Bürger- und Völkerrechtserklärungen sowie den verschiedenen geschichtlich in Kraft gesetzten Verfassungen niedergelegt sind. Wir erleben sogar die Schande der gegenwärtigen Epoche, wo angebliche Marxisten wie auch das stalinistische Gesindel, die meinen, über das Stadium jenes veralteten liberal-demokratischen und patriotischen Aberglaubens hinaus zu sein, just dann, wenn sie den Marxismus zu aktualisieren behaupten, nichts anderes als die humanitären und pazifistischen Prinzipien wiederkäuen, die dem bürgerlichen und zur Phrase verkommenen Denken angehören.

Als die bürgerliche Ideologie in der Phase, in der sie die größte Energie und den größten Schwung besaß, die christlich-scholastischen Traditionen der auf göttlichem Recht gegründeten alten Regimes empört von sich wies, schien sie in ihrem jugendlichen Elan jeden religiösen Geist ausgelöscht zu haben. Nachdem sie dann aber weltweit gesiegt hatte, zollte sie dem alten Fideismus und den biblischen Gesetzestafeln wieder mehr und mehr Respekt. Was soll man sagen? Heutzutage sind sogar die Marxisten, die über Marx hinausgehen wollten, zusammen mit den Bourgeois ehrfürchtig vor der tausendjährigen Frömmelei zurückgewichen und haben dem kommunistischen Dogma abgeschworen, um zuerst vor dem Dogma der bürgerlichen Aufklärung niederzuknien und es dann schamlos mit dem religiösen Glaubensdogma (oder der Toleranz ihm gegenüber – was aufs Gleiche herauskommt) zu vermanschen; und das nicht nur im Staat, sondern, was Marx und Engels und Lenin bis aufs Blut geißelten, gar in der Partei.

Diese ganze dialektische Kette aufeinander folgender historischer Epochen beweist, dass die stabilsten und dauerhaftesten Gesellschaftsformen ihre Stärke (und zwar in allen Phasen von unterschiedlicher Lebenskraft – also antiformistisch bzw. revolutionär, dann reformistisch und schließlich konformistisch) der Bindung der in massiven und überlieferten Steintafeln gemeißelten ursprünglichen Ausrichtung verdanken.

Welche machtsichernde Kraft für das Bürgertum die Tafeln der Aufklärungsideologie gehabt haben, zeigt die Tatsache, dass unsere Bewegung in fürchterliche Fallen gegangen ist und die Proletarier als Nachfolger bzw. potenzielle Totengräber der Bourgeoisie in wahre geschichtliche Tragödien hineingetrieben wurden.

Was die vorhergehenden mittelalterlichen und feudalen Formen angeht, hat deren monumentale Ideologie ihre Proben bestanden; sie widerstand fast 2000 Jahre und bewies ihre Macht durch die (zunächst katholische) Kirche, die sich nach so vielen Stürmen noch immer drohend erhebt und den Weg versperrt, und auch jene Völker beherrscht, bei denen einst außer der bürgerlichen auch die proletarische Revolution zu siegen vermocht hat.

Diese Bewegungen und Organisationen konnten ihr ungeheures Gewicht in der Gesellschaft und im Auf-und-Ab ihrer Geschichte unter Beweis stellen, weil sie an ihren Glaubenssätzen und am theoretischen Gerüst ihrer Proklamation, Agitation und Organisation festhielten.

Mit einer ganz anderen Kraft, einem ganz anderen Rhythmus findet dieser Charakter der großen Einrichtungen der Gesellschaft und der allgemeinen Anschauungen seinen Widerhall in unserer Form, deren glühender Antiformismus erstmals in der Geschichte (Abschluss der menschlichen Vorgeschichte) nicht wieder die „konformistischen Formen“ nach sich zieht, sondern das Ende der Klassengesellschaften einleitet.

Und das macht es unserer Bewegung erst recht zur Pflicht, sich auf den Boden eines unantastbaren Korpus theoretischer und programmatischer Tafeln zu stellen; innerhalb der politischen Klassenorganisation muss dieser Korpus angesichts der schrecklichen Anforderungen des langwierigen Kampfes eine Form von Gehorsam und Disziplin verlangen, die keine Ausnahme zulässt.

Doch wäre jede organisatorische Disziplin steril und formell, wenn sie als Grundlage nicht das strenge theoretische Regelwerk hätte. Erstere läuft Gefahr, einfach als Unterwerfung gegenüber einer Person verhöhnt zu werden, deren Fall nach kurzem Aufstieg umso tiefer sein wird; Letzteres hingegen lässt sich nicht als hohle Verehrung eines Namens oder einer Person abtun, sondern kann sich nur auf einen geschriebenen Text beziehen. Auch wenn dieser ein bescheideneres Aussehen als die monumentalen Gesetzestafeln oder alten Schriftrollen hat, steht er doch auf der Höhe, Ausdruck eines nicht dem Individuum, sondern der kämpfenden Gemeinschaft angehörenden Potenzials zu sein, des Potenzials einer Klassenarmee, die durch unsere Bewegung und erstmals im Verlauf der Jahrhunderte – aufgrund eben der Tatsache, dass das Vermächtnis jenes Glaubens eifersüchtig gehütet wird – das wirklich aufgeklärte Gattungswissen in sich selbst erkennt, das erst in einer nicht in Klassen gespaltenen Gesellschaft möglich sein wird.

In diesem Sinne wird für jedes denkende Wesen das unlösbare Rätsel des Widerspruchs zwischen dem Klassendeterminismus und unserer Kritik beantwortet werden. Als Sklave des Kapitals, des Eigentums und des Geldes kann sich der Mensch heute nicht frei an einem nach allen Seiten hin offenen Gattungswissen erfreuen. Die Frage der Erkenntnis, die viele Jahrhunderte lang das jedesmalige erwachende Denken quälte, ist für uns insofern gelöst, wie die zukünftige universelle Wissenschaft im Schoß einer Partei ruht, die allein der das Morgen antizipierenden Klasse ihren Namen gibt. Steht die Partei noch halb zwischen der Fiktion des Individuums und der großen „menschlichen“ Aneignung seiner allseitigen Entwicklung, so steht das sie kennzeichnende theoretische Bindemittel schon jenseits der alten Irrtümer, welche all jene Wahrheiten einbrachten, derentwegen sie blühten und dann vergehen mussten; dennoch lenkt und führt die Partei vermittelst eines Systems von Grundsätzen, das durchaus noch als eine Mystik, wenn auch die letzte, charakterisiert werden kann, für die so viele noch kämpfen und fallen werden, nicht nur, weil sie das größte Opfer, das ihres Lebens bringen, sondern auch das noch größere Geschenk – der Freude, alles zu erkennen und zu verstehen, bevor man glaubt –, das die letzte Generation mit der Mission des Rächers, im Krieg von Menschen gegen Menschen, nach dem Sieg an die überlebende Generation übergeben haben wird.

  • Quellen:

„Commentarii dei manoscritti del 1844“: Il Programma comunista, Nr. 15-18, 1959.

  • * * *

MEW 3: Marx/Engels – Die deutsche Ideologie, 1845/46.

MEW 4: Marx – Das Elend der Philosophie, 1846/47.

MEW 13: Marx – Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“, 1859.

MEW 20: Engels – Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft („Anti-Dühring“), 1878.

MEW 23: Marx – Das Kapital I, 1867.

MEW 28: Marx an Joseph Weydemeyer, 5. März 1852.

MEW 40: Marx – Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844.

 


[1]Corollarii: hier im Sinne von „Nachträgen“ zur Versammlung in Turin, gemeint ist: „1958-06-01 – Das revolutionäre Programm der kommunistischen Gesellschaft beseitigt jede Form des Eigentums am Boden, an den Produktionsanlagen und an den Arbeitsprodukten“: Il programma comunista, Nr. 16 + 17, 1958.

Versammlung in Parma: „1958-09-10 – Der ursprüngliche Inhalt des kommunistischen Programms besteht in der Annullierung des Individuums als ökonomischem Subjekt, Inhaber von Rechtstiteln und Akteur der Menschheitsgeschichte“: Il programma comunista, Nr. 21 + 22, 1958.

[2] Siehe: MEW 13, S. 10.

[3] Siehe: MEW 23, S. 27.

[4] terziglia (auch: calabresella): italienisches Karten(Stich)spiel, bekannt für seine ungewöhnliche Kartenhierarchie, in der die Dreien den höchsten Punktewert haben. Mangels eines sprachlichen Äquivalents behalten wir den italienischen Ausdruck bei; in terziglia steckt das Wort „tre“, drei, bzw. „terzo“, also drittens.

[5] Die Geschichte der ökonomischen Lehren: „Theorien über den Mehrwert“, MEW 26.1, 26.2 und 26.3.

[6] Immediatismus (lat.): ein deutsches Äquivalent wäre vielleicht „Gegenwartsversessenheit“, als spezifisch politischen Begriff behalten wir aber „Immediatismus“ im Sinne von Unmittelbarkeitsdenken bei. Mit diesem Ausdruck bezeichnet der Verfasser jene politische Richtung, die nur die sofortige Lösung der aktuellen Tagesfragen ins Auge fasst, ohne nach deren tieferliegenden mittelbaren Ursachen zu fragen. Durch den Versuch, die unmittelbaren Probleme unmittelbar zu lösen, bleibt man im Käfig der kapitalistischen Widersprüche gefangen. Der sich aus dieser Auffassung ergebende Aktionismus führt auf politischer Ebene direkt in den Opportunismus, der, wie Engels in seiner Kritik sagt, „die Zukunft der Partei einem Tageserfolg opfert“.

[7] Die 1. opportunistische Welle war der sozialdemokratische Revisionismus mit seinem „unblutigen Weg zum Sozialismus“; die 2. Welle der Kriegsopportunismus der II. Internationale mit der Vaterlandsverteidigung und dem Burgfrieden. Die 3. Welle beginnt etwa 1924: Das Ausbleiben der Revolution im Westen führt dazu, die Taktik je nach Lage zu ändern und ihr anzupassen, womit sich auch, und vor allem, die Bindung an die theoretischen Grundsätze auflöst.

[8] „Die Bestimmung des Wertes durch die Arbeitszeit, d.h. die Formel, welche Herr Proudhon uns als diejenige hinstellt, welche die Zukunft regenerieren soll, ist nur der wissenschaftliche Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse der gegenwärtigen Gesellschaft (…)“ [MEW 4, S. 98].

[9] Voronoff, Serge (1866-1951): russisch-französischer Mediziner, international anerkannt (gerade auch in Russland) wegen seiner „Verjüngungs“versuche, bei denen er bis in die 1930er Jahre Tausende von Affenhoden transplantierte. Da der Organismus nach einer kurzfristigen „Verjüngung“ doppelt so schnell verfiel, wurden die Versuche aufgegeben.

[10] Das zuerst angeführte Marx-Zitat ist aus dem Italienischen rückübersetzt. Der angegebene Passus der MEW deckt sich sowohl mit der MEGA1 als auch der MEGA².

[11]Siehe Stalin: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“,1952; die zweite „Antwort an die Genossen A. W. Sanina und W. G. Wensher“ [SW 15, S. 335 ff].

[12] Super-Aussprache: bezieht sich auf den anfangs erwähnten 21. Parteitag der KPdSU, der im Januar 1959 stattfand.

[13] Siehe: MEW 3, S. 209-11.

[14]„Der dem Herrn Dühring überkommnen Denkweise der gelehrten Klassen muss es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen, dass es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession mehr geben soll und dass der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit als Architekt wieder in Anspruch genommen wird“ [MEW 20, S. 186].

[15] Im Italienischen heißt „uomo“ sowohl Mensch als auch Mann, was die hier hervorgehobene Unterscheidung erklärt.

[16] Dem Verb „essere“ entspricht im Deutschen das Verb „sein“; durch Voranstellung des Artikels wird essere substantiviert (l’essere), so dass es dann Sein, Dasein, Leben, und eben auch Wesen, im Sinne von Mensch-sein, bedeutet.

[17] homo insipiens (lat.): der dumme ungebildete Mensch, der erst noch zum homo sapiens werden muss; proprietarius (lat.): Eigentumsherr.

[18] Während die Transzendentalphilosophie nach dem apriorischen (transzendentalen) Erkenntnisvermögen des Subjekts fragt und von der gegenstandsgerichteten Betrachtung zur Analyse von Beziehungen (des Subjekts auf das Objekt) kommt, beschränkt sich die Immanenzphilosophie auf das Erfahrbare und Gegebene, wobei Wirklichkeit und Bewusstseinsinhalt identisch sind, alles Sein also schon dem Bewusstsein immanent ist. Der Transzendentalphilosophie sind bestimmte Grenzen des Bewusstseins implizit, während bei der Immanenzphilosophie mit der „absoluten Zusammengehörigkeit von Bewusstsein und Außenwelt“ (Wilhelm Schuppe) wieder zu einem göttlichen Ursprung zurückgekehrt wird.

[19] Siehe das Kapitel: „Grobe Umrisse der zukünftigen Gesellschaft” in „1958-09-10 – Der ursprüngliche Inhalt des kommunistischen Programms besteht in der Annullierung des Individuums als ökonomischem Subjekt, Inhaber von Rechtstiteln und Akteur der Menschheitsgeschichte“: Il programma comunista, Nr. 21 + 22, 1958.

[20] jus primae noctis (lat.): „Recht der ersten Nacht“. Damit wird das Recht der Feudalherren im Mittelalter bezeichnet, bei der Heirat von Menschen, die ihrer Herrschaft unterstehen, die erste Nacht mit der Braut zu verbringen.

[21] Siehe: MEW 28, S. 507-08.